Weihnachten

 

Bald schon steht Weihnachten und das Weihnachtsfest wieder vor der Tür. Für das Weihnachtsfest wird hergerichtet, eingekauft, und geplant, was durchaus sinnvoll ist; aber ganz ehrlich, dass ein Fest schön, erfüllend und glücklich machend wird, ist bei bester Planung nicht garantiert. Nicht selten führen sogar die Übererwartungen an diesem Tag zu Streit, Dissonanzen und Unfrieden.

Vor einigen Jahre sah ich in einer Kirche eine Krippendarstellung, die mich erstaunte: eine leere Krippe, daneben ein Korb mit etwas Stroh darin, sonst nichts. Nichts von all dem, was sonst auf der göttlichen Bühne aufgebaut ist: kein Kind, keine Maria, kein Josef, kein Ochs und kein Esel, keine Schafe, keine Hirten und keine schwebenden Engel und auch keine stimmungsvolle Hintergrundmusik. Nur eine leere Krippe, die keinen Anlass gab zum Schwelgen in Kindheitserinnerungen.

Nackt, kahl, verloren stand sie da, diese Krippe aus Holz,  vor der grauen Betonwanddieser modernen Kirche. Keines der sonst auftauchenden Gefühle von Wohligkeit und Harmonie wollten sich einstellen. Eine karge, von allen sentimentalen Äußerungen und Wunschphantasien abgespeckte, Weihnachtsdarstellung. Die bekannten Bilder und Vorstellungen waren weitgehend weggenommen. Was mir ins Auge fiel, war die zwischen den Krippenhölzern auftauchende Leere und das Bewusstsein, dass da etwas fehlt.

Was ist das für eine Leere? Eine Leere, die symbolisch die Verlorenheit des Menschen in einem riesigen unpersönlichen Kosmos andeutet? Eine Leere angesichts des Gottesverlustes, von der schon der Philosoph Friedrich Nietzsche in seinem 1882 erschienen Buch von der „Fröhlichen Wissenschaft“ sprach: „Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen: Wir haben ihn getötet-ihr und ich…Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen?….Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ (Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe Bd. 3, München 1980, 480-482)

Oder ist es eine Leere in mir, die zwar spürt, dass die alten Bilder und Sprachspiele für Gott nicht mehr recht taugen, aber die voller Sehnsucht darauf wartet und daran glaubt, dass diese Leere gefüllt werden wird, wenngleich anders als wir es womöglich erwarten oder zu wissen glauben.

Eine zentrale Einsicht, welche uns das Leben und auch die Bibel vermittelt, besteht darin, dass wir das Wesentliche des Lebens nicht selbst machen können. Liebe und Geborgenheit können wir nicht kaufen, inneren Frieden nicht herstellen, Verzeihung nicht erzwingen, Hoffnung nicht selbst erzeugen, innere Wandlung nicht bewerkstelligen, solange wir alles im Griff und unter Kontrolle haben wollen, wird die Krippe leer bleiben; denn das Wesentliche des Lebens geschieht von selbst. „Es“ überrascht uns, -ein überraschender Besuch von einem guten Freund, ein Wort, das uns im Herzen berührt, ein Brief, der unsere Seele weckt, ein Stolpern auf dem selbst geplanten Weg…- und plötzlich sind die die Augen offen und wir „sehen“: das „Kind in der Krippe“.

(Geburt, Acryl auf Leinwand, 60 x 60cm, von Gustav Schädlich-Buter)

Was wir selber tun können ist die Krippe bereitstellen, mit etwas Stroh daneben, uns empfangsbereit halten, innehalten, das Lauschen mitten im Lärm wieder erlernen, auf den Atem achten, der uns am Leben erhält. Unseren Geist leer machen von überflüssigem Ballast und Scheinwissen, dass Platz wird für den wahren Gott oder die unsagbare Mitte unseres Lebens. So empfiehlt der Barockdichter und Mystiker Angelus Silesius, der im 17. Jahrhundert gelebt hat, uns  geschäftigen, gehetzten, unruhigen, überbeanspruchten  Zeitgenossen:

Halt an, wo läufst du hin – der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo. Du fehlst ihn für und für. Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“

Und das scheint die Botschaft dieser leeren Krippe zu sein, die nicht außerhalb von uns irgendwo steht, sondern in unserem Herzen: Weihnachten geschieht! Das Wesentliche unseres Lebens geschieht- und nicht selten an Orten, wo wir es nicht erwartet hätten. Lassen wir uns überraschen!

Literatur zum Innehalten:

Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, Reclam Ausgabe 1986

Christian Lehnert, Cherubinischer Staub- Gedichte ,  Berlin 2018 (sehr empfehlenswert; Christian Lehnert nimmt in seinem Lyrikbuch „Cherubinischer Staub- Gedichte “, das im Suhrkamp Verlag erschienen ist, Bezug auf die deutsche Mystik eines Angelus Silesius und Jakob Böhme)

 

 

Pfingsten- Feueratem

 

Solang ich Hoffnung hab, solang ich überleb, solange, Solange ich Dich in mir trag, solang ich zu Dir steh, solange bin ich ich, und solange ist es wahr, solange……solange ich Dich fühle, solange ich dich spür…..solange ich in Dir bin, solange ich an Dich glaube, solange, solange bin ich Kind, nicht Asche und nicht Staub. Solange bin ich fern vom Horror dieser Welt….“

Die Liedzeilen der Band Glashaus  drücken  für mich genau das aus, um was es im Pfingstfest der Christen letztlich geht. Solange Gottes Geist die Welt durchstrahlt und sein Atem meine Seele durchflutet, solange ich Gottes Geist in mir trag, solange bin ich am „Leben“. Solange Gottes Geist in mir wirkt, bin ich meiner Vergänglichkeit enthoben, bin ich nicht mehr „Asche und nicht Staub“, habe teil am göttlichen Sein. Gottes Geist, sein Atem und seine Lebenskraft (das lateinische spiritus meint sowohl Geist wie Atem) rufen uns ins Leben, geben unserem Leben Sinn, sind Lebenselexier vom ersten bis zum letzten Atemzug.(Der jüdische unaussprechbare Gottesname JHWH gilt als Hauchwort).

Pfingsten -das ist modern gesagt-, das Fest der „frischen Luft“, die unsere Lungenflügel durchströmt, der Atem in unserem Atem, damit wir nicht ersticken in der Enge unserer Existenz, damit sich der Horizont weitet und der verhangene Himmel über unserer Seele aufreißt. Solange das passiert, ist Gottes Geist da….

(„Feueratem“, Acryl auf Leinwand, 80 (Höhe), 60cm(Breite), von Gustav Schädlich-Buter)

Pfingsten, das ist auch ein Sprachereignis (wer möchte, lese in der Apostelgeschichte, Kapitel 2), bei dem Gottes Geist das Wunder geschehen lässt, dass wildfremde Menschen unterschiedlicher Völker und Nationen sich verstehen, gerade so, als würden die anderen in ihrer Muttersprache reden. Gottes Geist baut Brücken, Sprachbarrieren werden übersprungen, Menschen überwinden Trennendes an Religion, Kultur, Charakter.. und kommen zusammen. Die Sprachverwirrung Babels (Babel=Wirrsal; Genesis 11,9), wo keiner mehr den anderen versteht, wird von Gottes Geist durchdrungen und geklärt.

Wie oft erleben wir solche Sprachverwirrung im zwischenmenschlichen Bereich: keiner hört mehr zu, jede und jeder versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen in einer kalten und herrschsüchtigen Sprache. Umgekehrt wirkt Gottes Geist dort, wo wir freundlich, zugewandt, warmherzig und interessiert miteinander reden, aufeinander hören und einander helfen. Unser Glaube -als die Weise wie wir von Gottes Geist bewegt sind-, lässt sich ganz einfach daran erkennen, wie wir miteinander reden und aufeinander hören. Solange, ja solange das geschieht, ist Gottes Geist da…

Und: wer von Gottes Geist beeinflusst wird, bekommt Visionen für sein Leben und sein Engagement in dieser Welt, der lernt wieder zu träumen (vgl. Apg. 2,17), nicht nutzlose Tagträume und Phantasien, sondern die Träume in der Tiefe der Seele: von einem tiefen Frieden, von einem geschwisterlichen Zusammenleben, von einem umfassenden Verstehen, von der großen Barmherzigkeit, die die Welt letztlich am Leben hält… Solange die Sehnsucht der Seele und ihrer Träume nicht abgetötet ist, solange Gottes Geist wirken kann, „solange, solange bin ich ich und solange ist es wahr, solange“ (Glashaus)

Zum Nachdenken:

Welche Träume und Visionen in meiner Seele warten noch darauf geboren zu werden?

 

 

 

 

Der befreite Mensch

Geist und Ungeist

Wie sollen wir von G`tt reden ohne von den Götzen zu sprechen, wie vom heiligen Geist ohne den Ungeist der Welt zu benennen. Zur christlich- jüdischen Basisliteratur gehört die Exilsliteratur- die Erfahrung der Fremde und Verbannung, das Spüren der Kluft zwischen einer immer noch gewaltig stöhnenden Schöpfung und einer unvergänglichen Herrlichkeit, zwischen dem Reich Gottes, das schon begonnen hat und zur gleichen Zeit noch aussteht.

In der Exoduserzählung im Ersten Testament ist von Gefangenschaft die Rede , aber auch von einem Befreiungsprozess – vom sogenannten Auszug aus Ägypten(vgl. Exodus ,  Kap. 12, 1-18.). Doch was kann uns Heutigen diese alte Geschichte, die über mehrere Jahrhunderte allmählich gewachsen ist und im 5. Jahrhundert zu einer endgültigen Form gelangt ist, noch sagen?

Lassen wir die Geschichte dieses Freiheitsprozesses ein wenig auf uns wirken und sie einmal als inneren, seelisch-geistlichen Prozess verstehen. „Ägypten“ soll dabei Prototyp einer inneren Seelenlandschaft sein und hat mit dem Land und den heute dort lebenden  Menschen nichts zu tun. „Ägypten“ soll eine innere Geografie bezeichnen, auf der sichtbar wird wie der Ungeist wirkt und dem Geist der Freiheit entgegen steht.

„Ägypten“ heute ist in unserer westlichen Welt bestimmt von Geld, Schein und falscher Macht. In „Ägypten“ hat der Smog der Gier die Atemluft G`ttes verschmutzt und hinter der Fassade der Erfolgreichen lauert die allgegenwärtige Angst bald entmachtet zu werden.

In „Ägypten“ schwingen die Sklaventreiber unbarmherzig  ihre Peitsche und treiben zu immer mehr an, nie ist es genug, nie finden die Angetriebenen zum „Ort der Ruhe“; in heutige Sprache übersetzt,  geraten nicht wenige ins Burnout, weil die inneren und äußeren Antreiber allzu mächtig geworden sind.

Dieses „Ägypten“ drückt die Entfremdung vom „Ich selbst“ 1 aus und die  Unterwerfung des Menschen an jene  die Wirklichkeit verfälschenden Mächte- kurz: den Tanz ums goldene Kalb.(vgl. Ex 32,1 f.)

Der Tanz ums goldene Kalb

Der Tanz ums goldenen Kalb kann heute materielle Werte betreffen- Auto, Haus, Geld…- und dabei auch der Tanz ums eigene Ego sein: Eitelkeit, Selbstgefälligkeit, Ruhm- und Ehrsucht, Überlegenheitsgefühle…, die alle sagen: „Ich bin besser und wichtiger als Du!“…“Ich brauche Dich nicht!“ Dieser Tanz befreit nicht zu echter Beziehung, sondern macht die Mitmenschen – die Brüder und Schwestern der großen Menschheitsfamilie- zu Konkurrenten und Rivalen.

Der Tanz um die  selbstgemachten Götter  findet heute auf vielen Ebenen statt; er heißt Karriere, Aufstieg, Siegen, Erfolg,  Kontrolle, Status, Wellness, ungezähmte Vitalität, welche die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens nicht mehr wahrnimmt und sich gleichgültig verhält gegenüber all jenen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.  Riesige Bank- und Finanzzentralen,  Autokonzerne mit ihren leuchtenden Ausstellungsräumen, Medientrusts ….sind die modernen Tempel, in welchen heute dieser Tanz  stattfindet. Menschlichkeit und Wahrheit werden dabei diesen alles verschlingen, gierigen  Götzen geopfert.

Selbst die Religion und Theologie kann zum Tanz ums goldene Kalb werden, wenn wir versuchen,  G`tt nach unseren Vorstellungen zu formen statt sich von IHM formen zu lassen. Fragen wir noch, was G´tt von uns will, und wie wir das Bild wiederfinden, das G`tt sich von uns erträumt hat?

Der Tanz ums goldene Kalb bringt uns Freiheit und Gewinn vortäuschend, in Gefangenschaft und Unfreiheit, nimmt uns den Blick in die Weite und engt das Herz. Dieser Tanz der Gier drückt sich aus in den Sätzen: „Was ich brauche, nehme ich mir, erschaffe ich mir, hole ich mir. Ich bin auf keine Geschenke von anderen oder von  „oben“ angewiesen. Ich muss nicht warten; alles steht mir sofort zur Verfügung.“

„Ägypten“ heißt das anbeten, was viel weniger ist als G´tt und sich doch als mehr ausgibt; wer Götzenbilder zum Zentrum seines Lebens gemacht hat, hat die Grundachse des Lebens und des Herzens zerbrochen, hat JHWH als Geber der Gabe „Leben“, als tragenden Grund des Lebens verraten, und  vergessen,  sich seines bergenden Schutzes entledigt.  Die vorgegaukelte Scheinfreiheit führt wie ein „Irrlicht“  immer tiefer in die Fremde und macht heimatlos .

Hindernis auf dem Weg- „Der Fleischtopf“

Der „Fleischtopf Ägyptens“, –die mit allem Denkbaren angefüllten Regale der Discounter, der immer volle Kühlschrank zu Hause..-, hat in unserer Weltgegend mehr Anziehung als der Hauch der Freiheit, der ins Innere der Seele hineinwehen will.  Dem Fleischtopf zu verfallen geht einher mit der  Abtötung der Sehnsucht, die hinaus ins Weite führen könnte. Voller Bauch, hoher Lebensstandart gepaart mit Verschwendungssucht und „Rundum- Sicherheit“- das ist der Bannkreis, der sich um die Seele legt, sie lähmt und ihr die Flügel stutzt. In „Ägypten“ ist die Seele verraten und das Herz verkauft. „Ägypten“ – das ist die Macht, die aus großen Wünschen kleine macht,  die das wilde Meer zu einem  Aquarium im Wohnzimmer verkleinert. „Ägypten“  ist der Scheinfriede abgesättigter Bedürfnisse- , der die darin Gefangenen ihr Leben verschlafen lässt.

Die, die aus der Gefangenschaft aufbrechen wollen, müssen sich entscheiden zwischen der Sicherheit der Fleischtöpfe „Ägypten`s“ und dem Wagnis ungesicherten Aufbruchs. Wer den Exodusweg beschreiten will, muss vieles los lassen, was den Geschmack dieser Freiheit verdirbt.

Unfähig das Geheimis zu erlauschen

Wer in „Ägypten“ bleibt, hat sein Ohr verraten, hat aufgehört zu lauschen, rechnet nicht mehr mit einem Anruf von diesem „Ich weiß nicht was“2 . In Ägypten ist die Seele   taub3 für den Klang des Lebens, blind für die Schönheit des Nicht-Machbaren, für das Gratis des Lebens.

Wer Ägypten verlassen will, muss sein Ohr öffnen, einen Sprung heraus tun aus sich selbst4, in die unsichere Freiheit, Vertrauen lernen in geschenkte Zusage. Wer Ägypten verlassen will und in der Freiheit und in der Liebe wachsen will, muss seine Innerlichkeit zurückgewinnen; muss lernen aus den viele Stimmen, die Einlass haben wollen, die innere echte Stimme zu hören und ihr zu folgen. Wer Ägypten verlassen will muss die Geister und Stimmen unterscheiden lernen; es gilt auf die Stimme zu hören,  welche in  tiefere Beziehung führt zu sich selbst, zum anderen und zu G`tt. Wer „Ägypten“  verlassen will muss den Panzer der Macht und der Unberührbarkeit ablegen und demütig, das heißt menschlich und erdhaft-  werden.

Vertrauen lernen

Und dann wird er Aufbruchspläne schmieden mit seinem  G´tt, der versprochen hat: Ich werde da sein als der ich da sein werde. Dann aufbrechen, früh am Morgen, wenn die Wachposten noch schlafen, kurz an der Schwelle zum Neuen, noch einmal innehalten, zusammen mit allen, die mitgehen wollen, ein Mahl einnehmen, sich der Vision vergewissern und dann schnellen Schrittes losgehen mit leichtem Marschgebäck. Losgehen mit großem Vertrauen, dass das Notwendige schon vollbracht ist und ER mitgeht , voranzieht auf dem langen Befreiungsweg.

(„Befreit“, Acryl auf Leinwand, 60cm Höhe x 50 cm Breite von Gustav Schädlich-Buter)

An die Treue Gottes glauben

Wenn die Freiheit bedroht wird durch die Verfolger im Inneren und im Äußeren, wenn die Kräfte erlahmen und ermatten, wenn die Aufbruchsstimmung verdüstert und das Ziel nicht mehr sichtbar ist, wenn der Sog zurück,  größer wird als die Stimme, die einst schon zu Abraham sprach: Geh in des Land, das ich Dir zeigen werde! , dann gilt es  an  Mose Ermutigung zu glauben: “Fürchtet euch nicht. Bleibt stehen und schaut zu wie der Herr euch heute rettet“ (Ex 14, 13)

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist DSCN5928-804x1024.jpg

Zur Hingabe befreit

Der echt befreite Mensch ist der, der fähig geworden ist, sein Leben hinzugeben, sich zu verschenken ohne dauernd an sich zu denken und zu fragen, was „Ich“ davon hat.

(„Befreit“, Acryl auf Leinwand, 60cm Höhe x 50 cm Breite von Gustav Schädlich-Buter)

Wer den Aufbruch wagt, -den aus sich selbst hinaus- , der kann mit Gottes Hilfe rechnen, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land  Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus .“ (Ex 20,2 und Dtn 5,6f.)

Anmerkungen:

1 Paulus sagt:“ Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“; allen Mystikern ging es um den Durchbruch zu einem „klaren Ich“.

2 so hat Johannes vom Kreuz Gott genannt- dieser „Ich weiß nicht was“

3 lat. absurdus = taub; leben in einer absurden Welt

4 ek-sistenz- meint laut Heidegger die Bestimmung des Menschen als ein ekstatisches Wesen (eksistere- über sich hinausstehen)

Vergebung

„Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? …Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,21)

Vergebungsbereitschaft zentral für menschliches Miteinander

Ohne Vergebung gibt es kein Miteinander weder in der Familie noch in der Gesellschaft, weder in der Wirtschaft noch in der Politik. Da wir alle immer wieder aneinander schuldig werden und uns gegenseitig verletzen, brauchen wir die Bereitschaft einander immer wieder zu vergeben.  Das meint auch die jesuanische Aussage, dass man dem, der an einem schuldig geworden ist, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal vergeben soll. (vgl. Matthäus 18,21)  „Vergebt, dann wird euch vergeben“, heißt es an anderer Stelle im Neuen Testament.

Ungeheilte Verletzungen und Kränkungen in der Seele

Nicht  wenige  Menschen aber hüten ungeheilte Verletzungen in ihrer Seele; sie sind vor Jahren tief beleidigt, gekränkt , ungerecht behandelt, misshandelt oder missbraucht (seelisch, geistig, körperlich) worden und nie über diese Wunden und Kränkungen hinweggekommen. Manche Verletzungen werden chronisch, weil sie nicht in Annahme und Liebe ausgeheilt und vergeben werden konnten. Sie äußern sich in Wut, Lethargie, Bitterkeit, Hass oder Selbstmitleid.

Die tiefsten Verletzungen stammen meist aus der Kindheit und haben mit unseren Eltern zu tun: abwesende, desinteressierte, tyrannisch- beherrschende Väter oder ablehnende, kalte, egozentrische Mütter. Fehlende Wärme, Verlassen- worden- sein durch Tod oder Scheidung der Eltern, das Gefühl in seinem Eigenwert nicht gesehen, in seiner Entwicklung nicht unterstützt worden zu sein, beschämt, „klein“-gehalten…. -das alles kann in der Seele des Kindes tiefe Spuren hinterlassen. Wunden, die wir  nicht leicht verarbeiten, geschweige denn verzeihen können. Oft genug werden diese Verletzungen unter einer Betonschicht vergraben und so weggedrängt, dass sie keine Schmerzen mehr verursachen.  Sie äußern sich dann womöglich als Gleichgültigkeit, als Gefühllosigkeit im Umgang mit anderen oder einem merkwürdigen Widerstand im Umgang mit den Eltern und der eigenen Kindheit.

Aber es gibt auch dies, dass es durchaus Lust bereiten kann, unversöhnlich zu bleiben und sich an negativen Erlebnissen festzukrallen. Dadurch bleibt man überlegen, steht auf dem moralischen Podest und genießt eine gewisse Mächtigkeit.

Der Gewinn nicht unversöhnlich zu bleiben

Wie auch immer,  führt kein Weg daran vorbei, zu vergeben und Vergebung zu lernen, soll die innere Unversöhntheit unseren Lebensfluss nicht einfrieren  und  wie einen  Staudamm die Lebens- und Liebesenergie bremsen. Wer unversöhnlich bleibt, zahlt meist einen hohen Preis dafür und vergiftet sich mit negativen Gefühlen wie Hass, Groll und Rachegedanken. Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu, ein Kämpfer gegen die Apartheid, der  viele Jahre zu unrecht inhaftiert war, sagt dazu:

„ Wenn ich von Vergebung spreche, dann meine ich den Glauben, dass man auf der anderen Seite als besserer Mensch herauskommt, ein besserer als der, der von Hass und Groll verzehrt wurde…Wenn man in seinem Inneren Vergebung findet, dann ist man nicht mehr an den Täter gefesselt. Man kann sich weiterentwickeln- und man kann dazu beitragen, dass auch der Täter ein besserer Mensch wird.“

(„Wundheilung“, Acryl auf Leinwand, 80×60 cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Schritte zur Vergebung:

Wer vergeben kann, sich selbst und anderen, macht einen Strich unter das Vergangene und fängt neu an mit sich selbst oder in der Beziehung. Melanie Wolfers sieht in   ihrem Buch „Die Kraft des Vergebens“ die Vergebung als einen Akt der Freiheit, ein kreatives Geschehen, durch welches wirklich Neues geschaffen wird. Wer vergibt, lässt Schritt für Schritt Erlittenes los. Wer wirklich aus tiefstem Herzen verzeihen kann, erlebt das meist als Geschenk, als Gnade, das sich der eigenen Verfügungsmacht entzieht.

Melanie Wolfers benennt “ folgende Schritte, um Kränkungen und Wunden zu vergeben:

Vergebung braucht Zeit wie jeder tiefgreifende menschliche Prozess und ist einem Weg zu vergleichen, auf dem ich nur Schritt für Schritt vorankomme.

Am Anfang steht die bewusste Entscheidung, dass ich jemanden der Absicht nach verzeihen will, auch wenn ich noch unversöhnte Gefühle in mir spüre.

Als weiteren  Schritt geht es darum die unversöhnten Gefühle gegenüber dem Menschen, der mich verletzt hat, zu spüren und sie zu benennen: Schmerz, Wut, Scham, Ohnmacht….

Zugleich ist es wichtig einen reflexiven Abstand zu den eigenen Gefühlen zu gewinnen, und eine realistische Sichtweise zu entwickeln.

Statt mich vom unmittelbaren Impuls meiner Gefühle leiten zu lassen, kann das Gebet eine Hilfe sein , Distanz zu schaffen; weil ich bei Gott, einen Schutzraum und einen Wert habe, der niemals von außen zerstört werden kann.

Die Voraussetzung für`s Vergeben beruht letztlich auf der inneren Bereitschaft , vergeben zu wollen (oder eben nicht) , und auf einer bewussten Entscheidung nicht im Vergangenen und Negativen hängen bleiben zu wollen.

Aber, dass Vergebung im Innersten geschieht, entzieht sich der eigenen Verfügungsmacht, denn sie ist ein Geschenk wie die Liebe.

Literatur zur Vertiefung:

Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens, Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig  werden, Freiburg im Breisgau 2013(das für mich aus spiritueller Sicht beste und ausführlichste Buch zum Thema)

Konrad Stauss, die heilende Kraft der Vergebung, Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit, 2010

„Das Kind in der Mitte“ oder Wer ist der Größte?

„Sie kamen nach Kafarnaum. Als er (Jesus)dann im Haus war, fragte er sie(die Jünger): Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.

Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen:

Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt,der nimmt mich auf;wer aber mich aufnimmt,der nimmt nicht nur mich auf,sondern den, der mich gesandt hat.“

(Markus 9,30-37)

Faszination Macht und Größe

Menschen zu allen Zeiten sind fasziniert von Macht, Größe, Einfluss und Wichtigkeit. So auch die Jünger Jesu, die mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem sind, wo auf diesen  Leiden und Tod am Kreuz warten. Doch seine Jünger scheinen recht wenig davon begriffen zu haben; sie streiten und diskutieren nämlich darüber, wer wohl den wichtigsten Posten im Reich Gottes einnehmen wird.

Wer will nicht bedeutsam sein? Wer nicht zu den Besten, Klügsten, Schönsten, Erfolgreichste (und was auch immer)gehören, wer will nicht groß rauskommen und zu den wichtigen Personen gehören …Rankinglisten sind heute beliebt, wer ist oben- wer ist unten, wer ist wichtig, wer unbedeutend ?Vergleich, Konkurrenz und  Wettbewerb sind die Motoren unserer Leistungsgesellschaft.

Die Umkehr der Werte und des Blickwinkels

Doch Jesus lehrt etwas anderes . Er stellt das Denken seiner Jünger und unser eigenes auf den Kopf.  Er krempelt und verändert es gründlich um, er führt ein anderes Wertesystem ein. Und er tut dies, nicht durch große Worte, sondern vor allem durch eine Symbolhandlung. Er nimmt ein Kind in seine Arme und sagt damit :

Groß im Reich Gottes ist, was uns klein erscheint, wichtig im Reich Gottes ist, wer bereit ist, nach unten zu den „Kleinen zu schauen, erster ist, wer bereit ist, auch den auf dem letzten Platz zu beachten oder sich selbst dort nieder zu lassen. Oberer ist, wer bereit ist, sich nach unten zu bewegen. Oder Chef ist, wer seine Mitarbeitern/innen  dient und ihnen ermöglicht, ihr Potential und ihre Talente einzubringen.

Der von Jesu initiierte Perspektivenwechsel fällt uns in der Regel schwer. Er widerspricht dem natürlichen Instinkt nach Dominanz. Doch wer einem Kind oder einem behinderten Menschen im Rollstuhl in die Augen schauen will, muss in die Knie gehen, statt hinauf, Begegnung und Beziehung auf Augenhöhe nur möglich, indem ich bereit bin, mich nach unten zu bewegen. Dies ist die jesuanische Grundbewegung und gehört zentral zur christlichen Geisteshaltung.

Jesus verändert die üblichen Sichtweisen und Perspektiven, wer etwas von seiner Geisteshaltung und von dem, was er das Reich Gottes nennt, begreifen will, der muss den üblichen Blickwinkel und Standort  verlassen. „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. “

Stadt der Liebe, Acryl auf Leinwand

In der Tiefe unseres Seins – alle gleich als Kinder Gottes

Dort, wo ich mich hinunterbeuge und einen anderen Menschen in der Tiefe seines Seins, in den Tiefen seiner Seele antreffe, wo ich ihm nichts mehr beweisen muss und mir nicht mehr besser vorkomme als der andere, geschieht eine Befreiung von meinem Ego.

Dort ist der Ort, wo ich erleben kann: Wir alle sind Kinder Gottes geliebt auch mit unseren Lebenswunden und seelischen Verletzungen und trotz unserer Dunkelheiten, unseres Egoismus, unserer Schwächen und schlechten Neigungen.

Es gehört wohl zu den wichtigsten Aufgaben in unserer Glaubensbiografie an dieses bedingungslose Geliebtsein, Bejahtsein und auf dieser Willkommen -geheißen -werden in der Tiefe unserer Existenz glauben zu lernen; und daran, dass wir diese Daseinsberechtigung von unserem Schöpfer nicht erst verdienen müssen, sondern umsonst geschenkt bekommen.

Und noch ein zweites sagt mir das heute gehörte Evangelium:

Wer sich um die „Kleinen dieser Welt“ kümmert, bekommt etwas vom Reich Gottes zu spüren

Im Altertum und auch zur Zeit Jesu gehörten die Kinder zu den schwächsten und am wenigsten geschützten Mitgliedern der Gesellschaft. Wenn Jesus Kinder in die Arme nimmt, sie in die Mitte/Zentrum stellt, schützt und segnet, will er uns darauf aufmerksam machen, dass wer sich um die „Kleinen und Unscheinbaren dieser Welt“ kümmert, bekommt etwas von Gott zu spüren.

Und umgekehrt: dort wo gegenüber dem  „Kind in uns  , den entrechteten, missbrauchten oder durch Krieg in die Flucht getrieben   Kinder dieser Welt und allen Hilflosen und Schwachen dieser Erde Gleichgültigkeit herrscht, läuft etwas gewaltig schief in  Gesellschaft, Politik und Kirche.

Wer hat dabei nicht die Bilder vor Augen, wo Kinder auf giftig schwelenden Müllhalden, nach Verwertbarem suchen, junge Menschen unter unmenschlichen Bedingung in Textilfabriken schuften oder bis auf die Knochen abgemagerte Säuglinge uns mit großen Augen anstarren, weil Dürre, Bürgerkrieg jegliche Versorgung unterbindet.

So betont Papst Franziskus zu Recht, die Glaubwürdigkeit des Evangeliums werde dadurch auf die Probe gestellt, wie Christen auf den Ruf derer antworteten, die weltweit Opfer von Ausschluss, Armut und Konflikten seien.

.

„Der verlorene Sohn“ (Lukas 15, 11-32)

zum Gemälde von Rembrandt von Rijn“, Die Rückkehr des  verlorenen Sohnes“(Öl auf Leinwand, 1666-1669)

Der jüngere Sohn: „Wenn ihr mich jetzt so anschaut wie ich da vor meinem Vater kniee und er mir zart seine Hände auf meine Schultern legt, ahnt ihr nicht, was alles passiert ist und welch langer Weg hinter mir liegt.

Vor vielen Jahren hatte ich die Nase voll von Zuhause, ich wollte weg und das nicht ohne Geld. Also ging ich zum Vater und forderte mein Erbteil. Er sollte mir geben, was mir zusteht, obwohl ich genau wußte, dass ich es eigentlich erst nach seinem Tod erhalten dürfte. Mein Vater schaute mich damals mit traurigen Augen an, aber er gab mir alles und ließ mich ziehen ohne Vorwurf.

Stolz machte ich mich auf die Reise, endlich hatte ich Geld in der Tasche und war wer. Ich ahnte nicht wie weit ich mich von Zuhause entfernen sollte; aber damals wollte ich ja auch weit weg vom Vater, von der Familie, von den ganzen Traditionen, von der täglichen Arbeit und Schufterei auf dem Hof. Endlich war ich frei, und bald hatte  ich viele Freunde oder wie man solche nennt,  mit denen man Saufgelage und Spass zusammen hatte. Die Mädchen mochten und bewunderten  mich, nicht nur weil ich gut aussah, sondern weil ich Geld hatte und spendabel war. Ich gewöhnte mich an das neue Leben, feierte jeden Tag bis spät in die Nacht, trank viel, stand spät auf, genoss den Luxus, den ich mir gekauft hatte, auch  dass ich wichtig war und die Freunde mich bewunderten. Und so lebte ich tagein, tagaus in Saus und Braus, mein Zuhause und meinen Vater hatte ich inzwischen lange schon vergessen. Die Briefe, die er mir früher noch geschrieben hatte, öffnete ich nicht, manche warf ich einfach weg. ich wollte nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben, alle Erinnerungsspuren in meinem Kopf auslöschen, nur noch im Jetzt leben.

Doch eines Tages wachte ich mit einem Kater auf und merkte, dass mein ganzes Geld weg und meine Mitgift verschwendet und aufgebraucht war.  Nichts war mehr übrig , ja  ich hatte nicht mal mehr ein paar Groschen  für eine vernünftige Mahlzeit. Ihr glaubt nicht wie schnell meine sogenannten Freunde weg waren und ich allein dastand.

Mir blieb nichts anderes übrig als mir einen Job  zu suchen, aber keiner wollte mich nehmen außer einem Bauern, der jemand zum Schweinehüten suchte. Ich, der Sohn eines großen Gutsbesitzers sollte  Schweine hüten? Aber, was blieb mir übrig? Da saß ich bei den Schweinen, der Magen knurrte mir vor Hunger , ich war allein, ein Niemand, ganz unten, keiner der alten Freunde hatte noch Interesse an mir.

Und wie ich so in meinem Elend saß, fiel mir  mein altes Zuhause ein, wie gut ich es dort hatte, genug zu essen, eine schöne Stube, ein Bett zum Schlafen und Menschen, denen ich wichtig war auch ohne Geld.

Und da reute es mich furchtbar, soweit von Zuhause in die Ferne und Fremde gegangen zu sein. Es reute mich, dass ich all das Wertvolle, das mir mein Vater  gegeben hatte,  so nutzlos verschleudert und verschwendet hatte. Einzig meinen Dolch hatte ich noch von damals. Es reute mich auch, dass ich meine Freunde so lieblos  benützt hatte für meinen eigenen Vorteil und mein Vergnügen. Ich musste jetzt  an meinen Vater denken: sicher war er sauer und zornig auf mich, ich war ja auch ziemlich unverschämt und frech als ich mein Erbteil forderte… Aber als ich so bei den Schweinen saß, so elend, hungrig und voller Schuldgefühle, wusste ich, dass ich nach Hause gehen und meinen Vater um Vergebung bitten  will.

Nein, er brauchte mich nicht mehr als Sohn anzuerkennen, aber als Knecht würde er mich vielleicht doch aufnehmen. So hoffte ich zumindest und machte mich auf den Weg. Ein langer steiniger Weg stand mir bevor, auf dem ich viel weinte, weil ich mich schämte und traurig  war, dass ich so viele Menschen enttäuscht hatte; das ich  sowenig aus dem, was mein Vater mir gegeben hatte, gemacht hatte oder besser gesagt: ich hatte alles verschleudert und achtlos weggeworfen, und ich kam mir so elend und armselig vor.

Ja, du siehst auf dem Bild , wie weit dieser Heimweg war, meine Schuhe sind völlig durchgelatscht und meinen schönen Rock, den mir mein Vater noch für die Reise mitgegeben hatte,  musste ich zuletzt auch noch verkaufen, um nicht zu verhungern .

Und als ich dann von weitem mein Vaterhaus sah, schlug mein Herz schneller, halb vor Freude, halb vor Angst, denn ich wusste nicht wie mein Vater auf mich reagieren würde.

Doch welch ein unvergesslicher Augenblick, welch ein Wunder: er kam auf mich zugelaufen, umarmte und küßte mich, war voller Freude, dass ich sein Sohn wieder da bin. Meine stammelnden Entschuldigungsreden schien er gar nicht  zu hören. Er schien einfach nur froh, mich wieder zu haben. Und so ließ er das beste Gewand für mich holen und organisierte ein tolles Fest. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie glücklich ich jetzt war.“

(frei nach Lukas 15,11-32, Text von Gustav Schädlich-Buter )

  • Einladung:
  • Schließen sie die Augen und stellen sie sich vor wie der barmherzige Vater Ihnen die Hände auflegt und sagt:
  • „Du bist geliebt! Du bist mein lieber Sohn, meine liebe Tochter,
  • Ich hab dich gern…bedingungslos, gratis
  • Du brauchst für diese Liebe nichts leisten und dich nicht anstrengen
  • Ich vergebe Dir alles, was schiefgelaufen ist

Feindesliebe und der Umgang mit den eigenen Dunkelheiten

Das jesuanische Gebot der Feindesliebe gehört wohl zu den am schwierigsten zu erfüllenden Lehren im Evangelium Jesu Christi.(vgl. Matthäus 5, 43-48) Es ist schon oft schwer genug die „Eigenarten“ anderer Menschen ohne Groll und negative Gefühle auszuhalten. Toleranz ist schon schwer, um wie viel schwerer ist es, den Feind auch noch zu lieben. Viel leichter fällt es, zu urteilen und zu verurteilen;  dabei wird zwar oft der Splitter im Auge des Feindes gesehen, aber der Balken im eigenen gern Auge übersehen.

Die Wahrnehmung auch auf sich zu „richten“ statt nur die anderen anzuklagen, könnte womöglich ein Schritt zur Gewaltüberwindung sein. Wer den eigenen Schatten, auch den des eigenen Volkes,  wahrnimmt,  wird milder gegenüber anderen. Das Wort „mild“ kommt ja von „mahlen“, vom Leben gemahlen werden und dabei weich zu werden im Umgang mit sich und den anderen.

Zur Heilung und zum Heilwerden gehört dieser schwierigste aller schweren Schritte auf dem schmalen Pfad und der engen Tür, die ins Reich Gottes führt. Nämlich sich selbst in seiner Dunkelheit und Boshaftigkeit wahr- und anzunehmen. Jean Vanier, der Gründer der weltweit verbreiteten Arche Gemeinschaften, in denen  behinderte Menschen mit Ihren Begleiterinnen zusammen leben, schreibt dazu:

„Diejenigen von uns, die Macht und soziales Ansehen genießen, verfügen über subtile Möglichkeiten, ihre seelischen Behinderungen, ihre Schwierigkeiten mit Beziehungen, ihre innere Finsternis und Gewalttätigkeit, ihre Depression und ihren Mangel an Selbstvertrauen zu verbergen…Wir haben das Gefühl, wenn andere uns so sehen würden, wie wir wirklich sind, könnten sie uns ablehnen. So verbergen wir unsere Schwächen…Ich lerne nach und nach, meine eigenen Schattenseitenanzunehmen und an ihnen zu arbeiten, um ihre Macht über mich abzubauen.“(Jean Vanier, Wege zu erfülltem leben, Einfach Mensch sein, Freiburg im Breisgau 2001, S. 118f.)

Wer dieses nicht tut, sucht die Schuld immer beim anderen, übernimmt nicht die volle Verantwortung für sein Leben. Wer nur gut sein will, edel, hilfreich und gerecht, produziert meist eine Menge Schatten und Böses.(empfehlenswert dazu : der  Film von Michael Haneke, Das weiße Band-eine deutsche Kindergeschichte aus dem Jahre 2009) Es scheint fast so, dass wir ein gewisses Potential an Dunkelheit, ja sogar an Bösem bei uns selbst und anderen akzeptieren müssen, um nicht noch mehr Böses und Destruktives zu riskieren.

(„GESTAUTE WUT“, Acryl auf Leinwand,von Gustav Schädlich-Buter)

Wer nur heilig sein will oder soll,  wird leicht zum „Teufel“. Wer das Unkraut vorschnell beseitigen und ausreißen will (Matthäus 13, 24-30), der reißt mit dem Unkraut auch den guten Weizen aus. Jede und jeder, der mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat (als Eltern, Lehrer, Begleiter..), kann von diesem Gleichnis lernen. Jesus empfiehlt, beides- Unkraut und Weizen- wachsen zu lassen bis zur Ernte; erst dann wird das Unkraut gesammelt und verbrannt. Wer allzu rigide das „Unkraut“ vorschnell auszureißen versucht, riskiert auch die guten Anlagen und Strebungen eines Menschen zu beschädigen. Nicht wenige, die aus ihren Kindern nur edle und moralisch hochwertige Menschen machen wollen, müssen sehen, dass sie dadurch ihre Kinder einem besonderen Sog ins Dunkle und Schattenhafte, manchmal auch in die Krankheit; (der Schatten setzt sich ins Körpergeschehen ab) ausliefern.

Insofern gehört die Annahme des eigenen Schattens zum eigenen Heilwerden ; dabei wird sich meist auch zeigen, dass in der verdrängten und verleugneten Schattenenergie eine Menge Lebenspotential gebunden war.  Wer nur das Licht sein will, verbreitet oft  Dunkelheit, wer sich nur altruistisch zurücknimmt, wird eines Tages ausrasten oder krank werden. Wer sich auf Harmonie fixiert, wird eines Tages die Dissonanzen des Lebens zu spüren  bekommen. Wer seinem Ego keinen Brocken zuwirft, wie Franz dem Wolf von Gubbio, der wird sich womöglich bald mit einem inwendigen gierigen Monster auseinander setzen müssen. Wer sich nie abgrenzt im Dienst für die anderen (Kinder, Kranke, Hilfsbedürftige….), wird sich eines Tages  immer mehr ausgelaugt und ausgesaugt empfinden. Wer sich nie abgrenzt in der Liebe, wird eines Tages heillos verschmolzen und verklebt sein oder einen zerstörerischen Vulkanausbruch riskieren.Ein Leben, das den Schatten ausspart, ist unheil, obwohl es nach außen heil erscheint.

Allerdings kann ich als Christ mein Leben mit allen Unzulänglichkeiten und Dunkelheiten Gott in seinem Sohn Jesus Christus hinhalten, um mich von IHM erlösen zu lassen. Unser eigenes gutes Bemühen allein reicht zur Lebensbewältigung bei weitem nicht aus; es gilt wachsam zu sein (wie die „Wächter am Morgen“- so der Psalm), gegenüber den vielfältigen Strömungen des eigenen Lebensuntergrundes.

Der Kontemplationslehrer Franz Jalics S.J. erinnert dabei auch an die „eingewurzelten Dunkelheiten“ (die Theologie spricht von Erbsünde) in unserem Leben, die sich unserem Bewußtsein weitgehend entziehen und durch Verdrängungsmechanismen weggehalten werden.  Sie äußern sich unterschiedlich zum Beispiel  „in Form von chronisch negativen Gefühlen: Unzufriedenheit, Unsicherheit, Angst, Aussichtslosigkeit, Wut, Ärger, Verlassenheit, Depression, Traurigkeit, ….,Minderwertigkeitsgefühl, Gleichgültigkeit, Eifersucht, Selbstmitleid….Viele Menschen führen diese Empfindungen auf äußere Ereignisse zurück und spüren nicht mehr, dass sie von innen kommen. Äußere Ereignisse sind eher Auslöser als Ursachen.“ (Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebt, Würzburg 1999, S. 179)

Wer sich diesen Dunkelheiten in der Meditation stellt, wird nicht selten erleben, dass sich der durch das Dunkle erzeugte Druck des Unbewussten somatisiert  in Körperspannungen, Knie- und Rückenschmerzen, Schluckstörungen ….und plötzlich auftretende Gefühle wie Trauer, Wut, Sinnlosigkeitsgefühle.

Jalics Empfehlung: nicht analysieren, sondern bei der Meditation im Schauen und Wahrnehmen bleiben, das Dunkle durchleiden, denn was in Liebe durchlitten ist, ist auch erlöst. Einzig die Liebe löst diese Dunkelheiten auf. Nur wer sich dem eigenen Erlösungsprozess gestellt hat, kann auch heilsam und erlösend für andere wirken. (Vgl. dazu, Franz Jalics, a.a.O., S.177-188)

Auf der Seite des Lammes

Büffel oder Lamm

In seinem Roman „Billiard  um halb zehn“ stellt  der Schriftsteller Heinrich Böll mit den Tiermetaphern „Büffel“  und „Lamm“ zwei Menschengruppen einander gegenüber, die sich durch bestimmte Haltungen und Einstellungen kennzeichnen lassen. Die „Büffel – das sind  die Machtmenschen, die während des Dritten Reiches NS-Anhänger waren und  bald wieder hohe Regierungsämter besetzen.  Sie stehen   für Dummheit und rohe Kraft, für die Masse der Mitläufer, für die, die sich selbstsüchtig und egoistisch verhalten , die nicht denken, dafür aber gnadenlos handeln und jene aus dem Weg räumen, die nicht ihre Meinung vertreten. Heinrich Böll nimmt Bezug auf die Nazizeit und das Naziregime, das durch die Büffel symbolisiert wird; und man könnte sich fragen, ob  Bölls Roman nicht gerade neue Aktualität gewinnt angesichts des in Europa und weltweit wachsenden Populismus und Nationalismus?

(„Büffelmenschen“, Mischtechnik von Gustav Schädlich-Buter)

Das „Lamm“ steht  für unschuldig Verfolgte , für durch Folter und Flucht gebrochene  Menschen, für  Wehrlose , für Gedemütigten, Ausgeschlossene  und Opfer.

Das Sakrament des Lammes 

Im Roman „Billiard  um halb zehn“ erfährt der Protagonist die Wendung seines Lebens als er sich auf das „Sakrament des Lammes“ verpflichtet und der stiernackigen Gewalt  des Naziregimes und der gedankenlosen Unterdrückung der Schwachen abschwört. Wer nämlich vom  „ Sakrament des Büffels“  kostet, gerät in seinen Bann.

Der „Büffel“ steht als  Symbol – so ließe sich Böll weiter interpretieren–  für den machtorientierten  und hasserfüllten Umgang der Menschen untereinander und mit der Schöpfung; er  steht  für all die Folterer und Mörder, für die Gier und Maßlosigkeit, welche die Lebensgrundlagen aller vernichtet, für  Aus- und Abgrenzung von Menschen, die anders sind. „Die Liebe wird nicht geliebt…Macht und Gewalt werden geliebt“ (Anton Rotzetter)

Jesus- das Lamm Gottes 

Heinrich Böll spricht vom „Sakrament des Lammes“ , ein religiöser Begriff, der auf eine religiöse Sphäre verweist.  Schon im Neuen Testament wird Jesus als das „Lamm Gottes“ (vgl.  Johannes 1, 29-37) bezeichnet, was für die frühe Kirche eine enorme  Bedeutung hatte.  Ein Bild, das für uns Heutige aber kaum mehr Aussagekraft besitzt. Die Gefolgschaft zu Jesus ließ sich über das Symbol des Lammes definieren, und stand für eine Liebe, die stärker ist als Hass und Rache , für eine Kraft, die den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen kann.

Symbol der Gewaltlosigkeit

Das Lamm – dieses  uraltes Symbol der Gewaltlosigkeit (was sich leider über die Kirchengeschichte hinweg nicht durchgehalten hat),  Symbol des Leidens und des Tragens von Unrecht  für den anderen („Sündenbock“), gab den verfolgten  Christen eine tiefen Halt. Jesus als das Lamm Gottes zeigte die göttliche Empathie mit den Opfern, den Ausgegrenzten, den unschuldig Leidenden , den Verlierern der Gesellschaft und der Geschichte.

Als ich neulich im Internet recherchierte, stieß ich auf ein Foto  des  Kapuziners  Anton Rotzetter, der sich  von der Spiritualität des Franziskus von Assisi geprägt, aktiv für den Tierschutz aus christlicher Sicht einsetzte. Auf diesem Foto sieht man wie jener liebevoll ein Zicklein in den Armen hält, das sich an ihn schmiegt.

https://www.ref.ch/wp-content/uploads/2016/03/Rotzetter.jpg.

Sich auf die Seite des Lammes stellen

Wer dieses Bild länger betrachtet, kann in eine Welt eintauchen, die immer weniger in unserem Alltag vorzukommen scheint. Dieses Bild berührte mich, weil ich in ihm etwas wiederfand von der liebevollen und zärtlichen Haltung all jener, die ihr Leben ganz auf die Seite des Lammes gestellt haben. Wer sich auf der Seite des Lammes positioniert, wird  vom Leiden der machtlosen Kreatur ebenso berührt sein wie von all jenen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ausgeschlossen und abgelehnt werden.

Dabei lässt sich, um nur ein Beispiel zu nennen, an Menschen mit geistigen  Behinderungen denken, die in vielen Ländern dieser Welt  immer noch (trotz UN -Behindertenrechtskonvention) als „nicht voll menschlich“ eingestuft und diskriminiert werden. Wer auf deren Seite tritt, auf die Seite des „Lammes“,  wird für sein Engagement nicht selten reichlich  beschenkt.  So heißt es in  der Charta von „foi et lumiere “, eine ökumenischen Gemeinschaft von behinderten Menschen und  ihren Freunden, die  von Jean Vanier, dem Gründer der  Arche Gemeinschaften  und Marie Helene Mathieu ins Leben gerufen wurde:

„Auch die Freunde verstehen dank des Menschen mit einer  geistigen Behinderung, dass es noch eine andere Welt als die des Wettbewerbs, des Geldes und der materiellen Vergnügungen gibt; der schwache und hilfsbedürftige Mensch erweckt in seiner Umgebung eine Welt der Zärtlichkeit und Treue, der Zuwendung und des Glaubens.“

Literaturempfehlung zur Vertiefung:

Heinrich Böll, Billiard um halb zehn

Jean Vanier, Wege zu erfülltem Leben, Einfach Mensch sein, Stuttgart 2001

Passionszeit- Kreuzweg

 „Im Finstern ließ er mich wohnen wie längst Verstorbene. Er hat mich ummauert, ich kann nicht entrinnen. Er hat mich in schwere Fesseln gelegt. Wenn ich auch schrie und flehte, er blieb stumm bei meinem Gebet. Mit Ouadern hat er mir den Weg verriegelt, meine Pfade irregeleitet…“ (Klagelieder 3,6)

Ja, Du darfst klagen über Dich und Deine Mitmenschen, auch anklagen und schreien, Deine Verzweiflung herausbrüllen zu IHM!

Immer wieder der Ausweg versperrt, zu oft sich in den gleichen Sackgassen verlaufen und steckengeblieben; immer neu in den Endlosschleifen negativer Gedankenwindungen sich verstrickt oder im Labyrinth nutzloser Phantasien. Mit dem festgehaltenen Lebensgefühl, dass alles nur schlechter wird, das eigene Leben und die Menschen um Dich herum zum Feind gemacht. Die errichteten Grenzzäune aus Vorurteil, Abneigung, Widerwillen gegen andere, aber auch aus Selbsthass haben Dein Leben eng gemacht. Abgeschnürt und abgegraben ist der Dir einst geschenkte Lebenssaft, versickert im Nichts…..Du siehst dein Pläne zerronnen und deine Ideale aufgelöst, nichts, was bleibt. Enttäuschung hat sich über Enttäuschung getürmt.  Am Boden liegst Du. Du spürst die Lebensenge in Deinem Körper, das Vertrocknete und Unbelebte, das Starre und Steife. Der abgedrosselten Atem macht Dich befangen, in Deinem Unglück kannst du Dich nicht öffnen. Du wirst niedergedrückt von all dem Abgestorbenen und Atemlosen und fühlst die Schwere wie einen Rucksack voller Steine. Deine Ohnmacht und Verzweiflung im Inneren halten Dich eingesperrt, kein Schritt ist möglich.Bedrängnis von allen Seiten hat Dich gegen die Wand geschleudert.

Niemand ist Dir entgegen gekommen. Auf Deiner Herzhaut kannst Du die blauen Flecken nicht mehr zählen; zu viele „Nein“ wurden Dir entgegen geschleudert bei Deinen Bitten um Hilfe. Schmähung und Ablehnung haben Dich kleingemacht. Wie oft wurde Dir nicht geholfen als Du dringend jemand gebraucht hättest. Wie oft war niemand da als du mutterseelenallein warst. Und wie oft bist du selbst an Dir und Deinem Nächsten vorbeigelaufen oder hast nur Gegner gefunden und sie bekämpft, hast Blutspuren hinterlassen in unzähligen Machtkämpfen und Dich dabei immer nur selbst erniedrigt. An den Fackeln des Hasses hast Du Dich verbrannt und die leidenschaftliche Heftigkeit  Deiner Seele hat Dich verbrannt. Heute sind Deine Augen trüb und blind geworden, die Aussicht verstellt, die erhofften Wunder ausgeblieben. Deine Hände sind erlahmt vom vergeblichen Kampf, Deine Schönheit gewichen, Dein inneres Feuer vom kalten Wind der Dich anstarrenden Vergeblichkeit nahezu gelöscht. Dein Körper entstellt durch Krankheit und Behinderung.

(Bild „Durchkreuzt“, 1m  auf 1m,  Acryl auf Leinwand , von Gustav Schädlich-Buter)

Du streust Dir Asche auf Dein Haupt, du wälzt dich in ihr, was ist übrig geblieben von deinem Leben, von deinem Körper, von deiner Seele, von deinem Geist. Spür deine Wirklichkeit: Aschenzeit! und „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist….“, aber bleib am Leben, hör nicht auf zu hoffen, hör nicht auf zu beten, fang an zu spüren, dass das nicht alles ist, dass du „mehr“ bist als dies alles, mehr bist als Staub im Wind. Vergiß nicht, Du, genau Du, hast einen Namen, den die Asche Deines Lebens nicht verdecken kann. Du, genau Du,  bist gewollt von einer Macht, die Du nicht begreifen kannst. Du, genau Du, bist unendlich geliebt. (Jer 31,3) Vergiß nicht, du wirst aufstehen zu neuem Leben.

(„goldenes Kreuz“, nach Jesaja „Durch deine Wunden sind wir geheilt“,50*70, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Literatur zur Vertiefung:

Otmar Fuchs, Der zerrissene Gott-Das trinitarische Gottesbild in den Spannungen der Welt,2013

Maßlosigkeit

 

„Auf bauen wir eine Stadt und einen Turm mit der Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen“ (Genesis 11,4)

Diese Aufforderung zum Turmbau bis zum Himmel finden wir in einem mehrere tausend Jahre alten Text in der Bibel im Buch Genesis. Türme bis zum Himmel werden inzwischen auf der ganzen Welt gebaut; der Burj Khalifa in Dubai ist momentan der Spitzenreiter mit 830 Metern, gefolgt vom Shanghei Tower in China mit 632 Metern; das neu erbaute One world Trade Center in New York  mißt 541 Meter.

Foto: Burj Khalifa in Dubai/Pixabay

Anscheinend neigt der Mensch von Natur aus zur Maßlosigkeit und tut sich schwer seine Grenzen zu finden mit vielen negativen Folgen für sich selbst und seine Umwelt. Profilierungssucht, Gier nach Ansehen und Darstellung der eigenen Wichtigkeit sind wohl die Entsprechungen auf der psychischen Ebene Maßlosigkeit führt auch heute zu „Sprachverwirrung“ und zu Zerstörung. Dies gilt auf verschiedenen Ebenen: in unserer Zeit, in welcher die Möglichkeiten der Naturwissenschaften und  der Medizin, zumal der Humangenetik,  immer weiter wachsen, wird die Frage nach der Grenze zunehmend wichtig. Was ist angesichts dessen, was wir inzwischen können, noch ethisch verantwortbar? Und wo ist eine Grenze für die geforderte Steigerungsspirale  eines „immer-mehr“ des globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems? Sehen wir nicht, dass es zunehmend Menschen krankmacht und unseren Heimatplaneten Erde ausbeutet und zerstört.

Kranke, behinderte, arbeitsunfähige, leistungsschwächere Menschen geraten  in einer unbarmherzigen Gesellschaft, die vor allem auf Effektivität  und Außendarstellung (die Verpackung wird  wichtiger  als der Inhalt) zielt,  immer mehr unter die Räder. Das christliche Menschenbild, in dem  der Mensch um seiner selbst willen da ist,  einen Wert und eine Würde  hat, die bedingungslos ist, wird  zunehmend außer Kraft gesetzt und entfaltet kaum noch gesellschafliche Wirksamkeit. Eine Gesellschaft ohne Maß aber macht krank und führt Menschen in Unzufriedenheit, Unsicherheit und  Depression.

Das Maß ist ein zentraler Begriff  des Mönchsvaters  Benedikt(480 n.Chr.), der in einer Zeit  des Verfalls und der Auflösung bislang gültiger  Maßstäbe lebte. Er versuchte mit  seiner Klosterregel durch das rechte Maß, das Leben so zu ordnen wie es der Schöpfung Gottes entspricht und den  Menschen dadurch zu einem gelingenden Leben zu verhelfen. Das  Maß (lat. mensura), ursprünglich das Getreidemaß, also ein Gefäß, mit dem man misst, darf dabei nicht als starres und für jeden Menschen gleiches  Maß verstanden werden.

Im kirchlichen Raum ist die 40 tägige Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt, als Möglichkeit gedacht, ganz persönlich wieder zu einem gesunden Maß zurück zu finden. Verzicht einüben, um wieder genießen zu können, innere Leere aushalten, um wieder mit seiner wahren Sehnsucht in Berührung zu kommen, maßvoll mit den Ressourcen der Welt umzugehen, um unsere Erde auch für nachkommende Generationen zu erhalten.

Fasten kommt ja vom gotischen Wort „fastan“, das „fest“ bedeutet; wir sollen durch Fasten innerlich wieder Festigkeit und Halt bekommen angesichts von Verwirrung und Durcheinander.

Die heutigen Möglichkeiten zu konsumieren und sich zu zerstreuen, stellen uns ganz persönlich die Frage, wie finde ich für mich ein gutes Maß, das meiner Seele gut tut, meinen Geist wachhält (auch für den Anruf Gottes) und meine sozialen Fähigkeiten stärkt.

Einige mögliche Fragen für jene, die auf der Suche nach dem rechten Maß für sich sind:

Auf was kann ich verzichten, weil es mich am wahren Leben hindert?

Stopfe ich meine Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Angenommensein mit Essen zu?

Überspiele ich meinen Ärger und meine Unzufriedenheit durch regelmäßigen Alkoholkonsum und Nikotin?

Muss ich überall meinen „Senf“ dazugeben?

Kann ich eine Zeit lang aus der Dauerberieselung (durch Fernsehen, Internet, Smartphone..) aussteigen, um meine eigenen Fragen wieder zu entdecken?

Kann ich mal auf „sich ärgern“, auf Tratsch und  „schlecht über andere reden“ verzichten?

Was kann ich tun, um mich selbst wieder zu spüren?

Wo kann ich langsamer tun?

Gehe/bin ich genug an der frischen Luft?

Will ich mir einmal Zeit nehmen, um über mein Leben nachzudenken?

Wo funktioniere ich nur noch? Aus welchen eingespielten Mustern und Verhaltensweisen kann und will ich einmal aussteigen?

Was kann ich für andere tun?

Wie   kann ich  meiner Partnerin/Partner, meinen Nachbarn, Arbeitskollegin oder Freund etwas Gutes tun  oder einen Streit beenden?

Kann ich ein soziales Projekt unterstützen?

Was kann ich für das Wohl unseres Planeten tun?

Kann ich als Autofahrer mal mit dem Fahrrad oder Zug zur Arbeit fahren?

Kann ich mal eine Zeit lang weniger Fleisch essen oder darauf verzichten?