Sich bereit halten

„Nicht müde werden/ sondern dem Wunder / leise/ wie einem Vogel / die Hand hinhalten“//Hilde Domin, in: Sämtliche Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Hrsg. von Nikola Herweg. Frankfurt a.M. 2009.)

Diese Verse stammen von der jüdischen Lyrikerin Hilde Domin (frühere Hilde Palm; 1909 in Köln geboren ; 2006 in Heidelberg gestorben), die als junge Frau vor den nationalsozialistischen Umtrieben ins Exil floh. Ihre Gedichte spiegeln nicht nur das Schicksal ihres Volkes wieder- Vertreibung, Flucht, Heimatlosigkeit und Heimatsuche-, sondern enthalten wie das oben zitierte Gedicht auch eine Empfehlung trotz allem, sich für das Wunder des Lebens vertrauensvoll bereit zu halten.

Wunder erleben wir nicht in der Haltung der Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit. Wer ein Wunder erleben will, muss das Selbstverständliche seines Sehens, Denkens und seiner Lebensmuster verlassen. Dem Wunder die Hand hinhalten bedeutet, offen zu sein für Überraschungen und das Staunen wieder zu lernen.

Nichts ist im Grunde selbstverständlich: weder der Augenblick, in dem sich Mensch und Mensch begegnet, noch das Aufblühen einer Blume oder eines Menschen; weder meine Kraft, mich selbstlos für andere einzusetzen noch dass mir selbst geholfen wird. Selbstverständlich ist es auch nicht, dass ich jemand lieben oder verzeihen kann; der Mut zum Leben nach Verzweiflung oder Krankheit ist ebenso wenig selbstverständlich wie ein Gottvertrauen, bei dem ich mich vertrauensvoll in die Hände einer anderen Macht begebe. Wunder sind erlebbar, wenn wir mit offenen Augen und offener Seele die Wirklichkeit wahrnehmen.

Seelenblick, Acryl auf Leinwand

Doch oft rennen wir am Wunder vorbei, haben den Sinn für das Überraschende und das Alltagswunder verloren. Wer durch die Straßen einer Großstadt läuft, gewinnt manchmal den Eindruck, dass die Menschen wie gehetzt und getrieben, fast bewusstlos einem blinden Vorwärtsdrang folgen. Wie Gejagte vom Zwang des Mithalten-wollens und –müssens, gehetzt von Terminen und Aufträgen, können sie nicht mehr anhalten…..immer weiter, immer mehr…

Aber wer im Leben bloß vorwärts stürmt, der wird sich eines Tages traurig, leer und verbittert wiederfinden. Die Schätze und Wunder des eigenen Lebens, – das in der Tiefe Erlebte, Erlittene und Durchgestandene- werden zu oft übersehen. Dem Wunder die Hand hinzuhalten aber bedeutet, sich erinnernd in die Tiefe zu wagen. Am Grund unserer Seele, steht die Schatzkiste des eigenen Lebens bereit und will geöffnet werden.

Wir brauchen immer wieder Abstand und Zeit, um unser Leben zu verstehen, das Erlebte zu verdauen und das Kostbare sich anzueignen. Dem Wunder die Hand hinzuhalten kann heißen, leise und nachdenklich zu werden, einmal innezuhalten (womöglich gerade im Moment, wo der Arbeitsdruck am stärksten erlebt wird), für einen Augenblick aus dem Fenster zu schauen und „wahr“ zu nehmen: die weißen Wolken am blauen Herbsthimmel in ihrer Schönheit , die bunten Bäume und fallenden Blätter; oder draußen: die klare Luft einatmen und die letzten noch warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren….. Wer nachdenklich wird und innehält, spürt womöglich so etwas wie Dankbarkeit. Dankbarkeit für etwas Geschenktes, das ich nicht erleisten muss und brauche, weil es einfach da ist. Ich muss dem Wunder nur leise die Hand hinhalten, dass es in der Seele zu singen beginnt als hätte dort ein Vogel sein Nest.

Spielen lernen

Laßt uns spielen/ehe der Lebenstraum einschläft//Laßt uns/ einen Schneemann kneten/ der uns verlacht// die hochnasigen Erwachsenen/ an der Nase führen// zum Mondmann fliegen/mit ihm unser Spiel treiben// Laßt uns ein Weilchen den Glauben umarmen/ alles sei /wie es sein soll// im Atemspiel mit dem Tod (Rose Ausländer,  Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.108)

Das Gedicht von Rose Ausländer (geb.1901) berührt das Kind in uns, das noch zweckfrei spielen konnte, sich selbstvergessen seinen Phantasien überlassen oder tief versunken war in ein scheinbar völlig nutzloses Tun. Für die meisten von uns Erwachsenen ist nicht mehr viel übriggeblieben von diesem spielerischen Kind; Erwachsene müssen nützlich, effizient, ernst und seriös sein. Erwachsene definieren sich vielfach über das, was sie leisten, was sie können und was sie haben. Sind wir nicht alle dabei sehr unfrei geworden und versklavt an die Welt der Zwecke, eingesperrt in Sachzwänge, verbogen durch Anpassung? Als  Erwachsene dienen wir den Götzen Status, Reichtum, Position und Vermögen und sehen andere Menschen oft nur noch aus der Perspektive: „Was bringt der mir?“ Fast alles wird heute verzweckt.

Wir Erwachsene sind aus dem Paradies vertrieben, in welchem es noch eine zweckfreie und selbstverständliche Daseinsberechtigung gab; heute müssen wir unser Leben erleisten, unser Glück erkämpfen, unser Daseinsrecht mühsam vor uns selbst rechtfertigen und uns gegen andere behaupten. Und all dies in der kurzen Zeitspanne, die uns gegeben ist. Aber „was bleibt dem Menschen von all seiner Mühe und von der Strebung seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne…“. Ist nicht das Ganze unseres Lebens „Windhauch“, vergänglicher Dunst also, frägt pessimistisch der Prediger Kohelet (Koh1, 2-4,; 2, 22-23).

Wozu also ist der Mensch da? Wozu bin ich da? Auch wer lange nachdenkt, wird letztlich keinen notwendigen Zweck finden. Die Welt, der ganze Kosmos würde auch ohne mich auskommen und funktionieren, erinnert Bernardin Schellenberger.  Ich bin nicht um eines Zweckes willen auf dieser Erde. Der Sinn und Grund meines Lebens liegt nicht in meinem Nutzen für etwas, sondern ist wohl eher in den Kategorien des Nutzlosen und Zweckfreien zu suchen. Ich bin um meiner selbst willen da, einfach, weil es gut ist, dass es mich gibt. Ich bin um meiner selbst willen etwas wert und gut; nicht deshalb, weil ich einen Zweck erfülle, brauchbar, nützlich und verwendbar bin.

Die alten Glaubenstexte sprechen noch davon: Gott hatte Wohlgefallen an seiner Schöpfung, der Grund der Welt und meines Dasein liegt in seinem Be-„lieben“ und „Entzücken“. ER will, dass ich bin und er hat Entzücken an mir ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Menschen, die nichts mehr leisten können, weil sie unheilbar krank, schwer behindert oder alt sind und spielende „Menschen-Kinder“ können dafür die besten Zeugen sein. Im Buch der Sprüche sagt die Weisheit über den Schöpfer: „Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich (die Weisheit, d.V.) als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es bei den Menschen zu sein. “ (Spr 8, 30) Dieser Weisheitstext beschreibt die Entstehung der Welt aus dem Geist des Spieles, ein Spiel, das in sich schön und gut ist. Der spielende Mensch – z.B. der Dichter, der mit Worten oder die Malerin, die mit Farben spielt- ist Mitspieler Gottes.

Kater Mikesch- Acryl auf Leinwand

Dieses zweckfreie Spiel ist kein leichtfertiges Spiel, das Tod, Trauer und das Böse einfachhin „überspielt“. Dieses Spiel ist auch keine nostalgische Flucht aus der Realität in ein verlorenes Paradies, sondern ein vom Glauben getragenes „Atemspiel mit dem Tod“ wie die Dichterin sagt, das nur dann Sinn aufschließt, wenn es den Spielregeln der Liebe folgt, den Machtspielen der Welt widersagt und Einsatz riskiert für die zweckfreie Würde des Menschen.

Solch Spielende schenken eine Ahnung von einer Welt, die nicht dem Dogma der Nützlichkeit unterworfen ist. Der spielende Mensch befreit auch andere durch seine Spielfreude und verkündigt den zweckfreien Sinn des Menschenseins und einer erlösten Schöpfung. Wer frei spielt, „verlacht“ die Welt der Macher, Angeber und Ausbeuter; er entzieht sich dem Druck ständiger Optimierung seiner selbst.

Literatur: Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

Hoffnung macht jung

„Wer hofft/ ist jung //Wer könnte atmen/ohne Hoffnung/ dass auch in Zukunft/ Rosen sich öffnen// ein Liebeswort die Angst überlebt“

(Rose Ausländer, Hoffnung II, in: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.43)

Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer (1901-1988) leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin. Schon ein lateinisches Sprichwort sagt: „Dum spiro, spero“- solange ich lebe, hoffe ich. Hoffnung ist eine Kraft in uns, die sich stärker erweisen kann als Angst, Verzweiflung, Trauer, Müdigkeit und Resignation.

Fast jeder von uns kommt im Laufe des Lebens in Situationen, in denen er müde und resigniert aufgeben will, nicht mehr weiter will oder kann. Manchmal ergibt sich am Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag: eine Kraft taucht auf, die den Mut zum Weitermachen schenkt, die mit neuer Gewissheit und Zuversicht anfüllt. Das ist die Kraft der Hoffnung, die wie ein Stern am bewölkten Himmel plötzlich auftaucht oder wie ein Sonnenstrahl, der sich durch die dunklen Wolken gekämpft hat .

„Wer hofft, ist jung.“ Wer hofft, ist auf eine Zukunft ausgerichtet. Hoffnung ist eine gespannte Erwartung auf die Zukunft. Kinder und junge Menschen stecken meist noch voller Hoffnungen und Erwartungen ans Leben; sie erwarten gespannt auf das, was kommt. Wer keine Hoffnung mehr hat, ist am Ende, fühlt sich alt, verbraucht und leer. Hoffende Menschen dagegen bleiben, auch wenn sie alt werden, jung, weil sie das Lebenselexier Hoffnung in sich tragen. Die Kraft zu hoffen, muss und kann geübt werden sagt der  Philosoph Ernst Bloch; sie verlangt Disziplin auf eine Zukunft zu setzen, auch wenn vieles dagegen spricht und arbeitet. Wer sich für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen will, braucht einen langen Atem der Hoffnung. Wer Kinder großziehen will, braucht die Kraft der Hoffnung, dass ihr Leben gelingt, auch wenn sie ganz andere Wege gehen. Wer sich für mehr Rechte für behinderte Menschen einsetzt, braucht ebenfalls die Kraft der Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft trotz aller Widerstände etwas zum Besseren verwandeln lässt. „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King stellvertretend für viele Hoffende, ein Traum, in dem es um die Überwindung von Vorurteilen ging, ein Traum, der heute realisiert ist.

In der Hoffnung geht es aber nicht nur um die großen Menschheitsträume. Manche Menschen hoffen nur darauf, einen Tag ohne Schmerzen zu überstehen oder einmal durchschlafen zu können. Schon alltägliche, unscheinbare Dinge, die leicht übersehen werden können, entfachen Hoffnung: „dass …die Rosen sich öffnen“ oder der Gesang der Vögel am frühen Morgen, ein freundlicher Gruß, den der Nachbar oder die Kollegin sagt oder ein liebes Wort von einem Freund. So können wir alle an der Hoffnung dieser Welt mitarbeiten. Wir brauchen einander im Hoffen, denn die Erfahrung zeigt, dass meine Hoffnung allein nicht ausreicht, das Leben gut zu bestehen oder einen Traum zu realisieren. Allein im Licht der Hoffnung, der immer auch eine Geschenk ist, können wir in dieser Welt, im Leiden und Scheitern, im allzu Zerbrechlichen des Menschseins und der Schöpfung, im trübseligen Strom menschlicher Schwächen und Bosheiten, immer noch Gottes Gegenwart finden und an seinen erneuernden Geist glauben. Doch stehen wir immer wieder vor der Wahl, ob wir die Welt aus rein weltlicher Sicht betrachten und bewerten wollen oder eben mit den Augen der Hoffnung, um auch noch im Unscheinbaren und „trotz-alledem“ Gottes Gegenwart zu erkennen.

Der Riss

 

Lobgesang

Die Vögel sangen/Bei Tagesanbruch/Fang noch mal von vorne an/Hörte ich sie singen/Häng‘ nicht an dem/Was vorbei ist/Oder was die Zukunft bringen mag/Es wird wieder/Kriege geben/Die Heilige Taube/Wird wieder eingefangen/Gekauft und verkauft/Und wieder gekauft/Niemals ist sie frei//

(Refrain):
Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine vollkommene Opfergabe.

In allem ist ein Sprung.
Doch so kommt das Licht herein ……..

Leonhard Cohen,  Ausschnitt aus Anthem, von  der CD Future 1992

Der kanadische Poet und Sänger Leonhard Cohen (geboren 1934), hat dieses Lied mit dem Titel „ Anthem“, deutsch: „Lobgesang“ geschrieben und wie er selbst sagt, 10 Jahre daran gearbeitet. „Ich weiß, dass er für etwas Klares und Starkes in meinem Herzen steht“, sagt Cohen in einem Interview 1992 (in: The Future Press Kitt).

Der Refrain des Liedes bringt die zentrale Aussage des Liedes auf den Punkt : „…There is a crack, a crack in everything/ That`s how the light gets in, That`s how the light gets in //…

Ein Sprung, ein Riss ist in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies, so Cohen, diesem zentralen Mythos unserer Kultur, könnten wir nichts mehr vollkommen hinbekommen, weder Ehe noch Job.., auch nicht unsere Liebe zu Gott oder zu unseren Familien oder zu unserem Land. „´Es gibt einen Riss in allem`, was man zusammenfügt, in Dingen physikalischer oder mentaler Art, in allem, was man konstruiert, doch das ist die Stelle, in der Licht eindringt, wo etwas wiederaufersteht.“ (vgl. Interviews , Unlimited for sony music)

Der Riss – Scheitern und Niederlagen gehören zum Leben

Der Riss oder Sprung ist die zentrale Metapher ins Cohen`s Lied Anthem und er steht zunächst einmal für die Vergeblichkeit unserer Bemühungen etwas vollkommen hinzubekommen. „Vergiss das vollkommen Opfer!“, heißt es im Liedtext knapp. Der „Riss“ steht auch für das, was jeder Mensch in seinem privaten oder öffentlichen Leben erleben und erleiden kann: eine persönliche Niederlage, ein Scheitern in Ehe oder Beruf, ein schwere Krankheit, ein Unfall, politisches Versagen oder Entlassung…..der, der sich wichtig gefühlt hat, steht plötzlich am „Rande“. Und der Riss stellt auch die existentielle Grunderfahrung einer Welt dar, die nicht unschuldig und heil ist.

(Titel „Der Riss“, Acryl auf Leinwand, 70x70cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Der Riss- durch die Bruchstelle fällt Licht

Doch der Dichter sieht im Riss auch etwas Gutes. An der Bruchstelle nämlich kann Licht einströmen. Das Licht der Wahrheit, das uns klar sehen läßt.

Der Riss- ein Bewusstsein von Vergänglichkeit und Angewiesensein

Ich möchte die Gedanken des Dichters noch etwas weiter führen:Wir sind im großen Strom der Geschichte „Vorübergehende“; was wir tun, wird unvollständig bleiben trotz allen Mühens. Der Riss schafft ein Bewusstsein für die eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit. Wer sich als sterbliches Wesen begreift, kann auf Ganzheitsansprüche verzichten und auch im Halbguten etwas wertvolles sehen: in der halbguten Ehe oder im halbguten Job, im halbguten Vater…… (vgl. Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit 2007). Solches Bewusstsein kann vom Zwang und Druck befreien, sich als „Herren“ über das Leben aufspielen zu müssen. Der „Riss“ stürzt uns vom Thron eingebildeter Selbstmächtigkeit und zeigt uns wie angewiesen wir aufeinander sind. Der Riss macht deutlich, dass all das, was unser Leben wesentlich ausmacht, nicht in unserer Verfügungsgewalt steht: Vergebung trotz Schuld, Liebe trotz Versagen, Heilung trotz Gebrochenheit, Frieden trotz Zerrissenheit, Wiederaufstehen trotz Fall, Ganzwerdung, all das können wir nicht selbst machen ….

Der Riss- eine anarchische Kraft

Zudem hat der Riss etwas Anarchisches, weil er den Menschen befreit, Rädchen im Getriebe einer funktionierenden Leistungsgesellschaft zu sein. Der Riss kann uns fähig machen, uns selbst nicht mehr durch Leistung und Ertrag beweisen zu müssen. Er zeigt, – und gerade schwerkranke, schwerbehinderte oder sterbende Menschen können darin wunderbare Lehrmeister sein-, dass Menschsein mehr und anderes bedeutet als leistungsfähig und verwendbar zu sein. Kein Mensch ist letztlich um seines Nutzens willen hier auf dieser Erde. Das macht seine Würde aus.

Der Riss- weckt die Sehnsucht

Zudem kann der „Riss“,- diese oft schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns oder der Unmöglichkeit eine Leidsituation zu verändern-, die Sehnsucht in uns wecken. Die Sehnsucht nach einem „Land“, in dem- wie es in der Offenbarung des Johannes (Bibel Offb.21,4) heißt-, alle Tränen von den Augen abgewischt werden und es weder Tod noch Leid noch Schmerz geben wird. Diese alten visionären Texte bewahren das Hoffnungspotential von uns Menschen, das in der Krise Leben retten kann. Sie sagen, dass die Risse und Bruchstellen in unserem Leben und in der Welt nicht das letzte Wort haben werden. Ein „neuer Himmel“ und eine „neue Erde“ werden uns einmal offenstehen.

Der Riss- trotzdem geliebt

Der Riss kann uns auch zeigen, dass wir gerade im Scheitern oder der Verwundung unseres Lebens geliebt sind, weil ein Ja über unserem Leben steht, das ohne die Bedingung auskommt: es muss alles ganz bleiben oder vollkommen sein! Durch den Riss dringt das Licht der Wahrheit in unsere Seele: Das Leben ist gut und gratis! Es braucht nicht perfekt zu sein.

Auch Deines nicht!

Einladung zum Mahl-für „alle“

DU

denk wieder groß von uns, die wir uns kleingemacht haben, mit nichtigen Wünschen und Begierden.

Hilf uns, die deine große Liebe verloren haben, lass uns wieder miteinander sein, schenk uns Träume und Visionen, die Deiner Schönheit gerecht werden.

Komm setzen wir uns an den Tisch, essen wir das Brot und den Fisch, trinken wir  den Wein, DU sprichst den Segen und wir sagen Amen und werden eins sein in dieser zerrissenen Welt.

Lassen wir die Türen zum Gastmahl offen, dass noch mehr hinzukommen, von denen, die die Grenzen des Todes überschreiten, die das Gefängnis verlassen, die Stunden nicht mehr zählen, die die Zeche bezahlt haben, für das unglückselige Los, das ihnen zugefallen ist:

für die Nächte in schäbigen Absteigen, für den Hunger in schmutzigen Blechhütten, für Flucht, Verfolgung und Heimatlosigkeit, für die namenlosen Schmerzen in Krankenzimmern, für die lebenslangen Fahrten im Rollstuhl, für die beschämenden Blicken von oben, die wie Pfeile abgeschossen wurden und hinterhältig trafen…

Herein, herein, ihr Armen und Unglückseligen, ihr Zukurzgekommenen und Schmerzbeladenen, ihr Heimatlosen und Bedrückten, ihr Dirnen und auch ihr Zuhälter, ihr Ausgebrannten und  unter Lebenslasten Begrabenen…..herein, herein, zum Mahl, das Leben wandelt, zum Brot, das satt macht, zum Wein, der Freude schenkt.

Jetzt und hier kann alles neu werden: die brennenden Begierden werden erlöschen, das erfrorene Herz wird auftauen, die großen Worte werden leise, die Denkmäler stürzen ein, und Menschen werden Menschen bei Brot und bei Wein.

(Text: Gustav Schädlich-Buter)

Traum vom Frieden

Der Geschichtenerzähler sagt:

Ich erzähle Euch den  Traum vom Frieden , der herabfiel vom Himmel,  tief  in die menschliche Seele hinein. Es ist der  Traum  als alles grundgelegt wurde  in Dir, in mir….

Ein Traum zur Zeit als die Menschen wie die die Vögel den Morgen noch grundlos besangen aus reiner Freude. Als der Tau noch auf den Gräsern lag, unberührt wie die ganze Erde und noch keine Mittagsglut die Sinne betäubte und das Herz noch keinen Hass gebar.

Als die Wörter noch sagten, was sie meinten und die Wahrheit eines jeden in die Seele des anderen hineinleuchtete, als noch niemand an einer Hungersnot des Leibes oder der Seele sterben musste, weil jeder und jede etwas geben und etwas empfangen konnte.

Als die Botschaften vom Himmel noch vernommen wurden, die Hoffnungen  groß waren und die Visionen weit machten.

(Himmlische Stadt, Acryl auf Leinwand, 60×60 von Gustav Schädlich-Buter)

Als  Ausschwitz, Hiroshima oder Vietnam noch keine Geschichte schrieben und Palmblätter den Hütten noch Schatten spendeten.

Als  jede und jeder eine Heimat hatte und wußte, wo er hingehört und dass er dazugehört, als der Fremde noch aufgenommen wurde als Freund, wenn er in Not war und ein gutes Wort seinen Hunger nach Liebe stillte.

Als die Dunkelheit nur stille, heilige Nacht war und nicht Gier, Neid, Mord und trostloses Sterben; als jeder noch ruhig schlafen konnte und keine Sirenen den Ruhenden aufschreckten.

Als noch niemand an DIR zweifelte, und ein jeder glaubte, dass sein Leben vom Anfang bis in Ewigkeit  in Deiner Hand lag….

Der Traum vom Frieden-willst Du ihn weiter träumen und wirklich werden lassen?

(Text Gustav Schädlich-Buter)

„Frieden suchen“

Hass und Gewalt durchzieht die Weltgeschichte

Die Sehnsucht nach Frieden, nach echtem Frieden, wurzelt tief, gerade bei jenen, die noch die zwei grauenhaften  Weltkriege miterlebt haben mit all dem Blutrausch, dem  sinnlose Morden und Dahinschlachten für das je eigene „Vaterland. „….. »Friede« tönt es /Wie aus Märchen, aus Kinderträumen her. /»Friede«. Und kaum zu freuen/Wagt sich das Herz, ihm sind näher die Tränen.“//dichtete einst Hermann Hesse (1877-1962)Der Wahnsinn von Gewalt und Gegengewalt, von Krieg und sinnloser Zerstörung  durchzieht unsere Weltgeschichte bis in die Gegenwart.

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(Kampfgetümmel „, Acryl auf Leinwand, 80×60, von Gustav Schädlich-Buter)

Die Wurzel der Gewalt im eigenen Herzen

Das Böse hat uns so leicht am Kragen und in irgendeiner Weise sind wir im Laufe des Lebens wohl alle irgendwie darin verwickelt. Die Gewalt in ihren vielfältigen Formen hat ihre Wurzeln oft genug im eigenen Herzen; dort finden wir Unruhe, Kälte, Abneigung, Abgetrenntheit und blinden Hass. Hass und Gewalt entsteht oft dort,wo wir uns nicht bedingungslos  geliebt und geschätzt fühlen und unseren Wert erst erleisten müssen, indem wir zum Beispiel andere ausstechen oder  besser sein wollen als der Kollege oder Nachbar. Frieden in der Seele entsteht dort, wo ich dieses bedingungslose Angenommensein erlebe  und in zwischenmenschlichen Begegnungen erfahren kann.

Frieden das heißt konkret: ein menschenfreundlicher Alltag, in welcher das Individuum  nicht zum Rädchen im Getriebe oder  zum „Kosten-Nutzen- Faktor“ wird, sondern als einmalige Person geschätzt wird. Frieden  heißt jemand haben, der es ehrlich mit uns meint, der zu uns hält und großzügig ist mit unseren Schwächen, aber uns auch die Wahrheit sagt.

Frieden suchen hängt stark an der Bereitschaft , sich zu versöhnen und auf Rache zu verzichten,  einen Zustand der Feindschaft und Erstarrung im Miteinander zu überwinden,  zum Gespräch bereit sein und nach einer Lösung des Konflikts suchen.  Das deutsche Wort für Versöhnung kommt von versuenen und bedeutet: zärtlich miteinander umgehen.  (vgl. dazu Anselm Grün).

Frieden suchen bedeutet sich von der Güte mehr inspirieren zu lassen als von der Bosheit. Dies  kann oft schon in kleinen Schritten geschehen: In Zeit online wurde erst darüber berichtet, dass Israelis und Iraner, deren Regierungen einander mit Krieg bedrohen,  sich über Facebook Friedensgrüße schicken. Israelis posteten: „Iraner, wir lieben euch, niemals werden wir euer Land bombadieren,“ steht über die Bilder geschrieben, die Freunde, Paare, Kinder, ganz normale Israelis zeigen. Die Initiative startete ein junger Mann im weißen Hemd, der seine Tochter auf dem Arm hielt. Er postet ein Liebesnachricht an die Iraner als alle von einem bevorstehenden Krieg redeten. Darin heißt es unter anderem: „Ich habe keine Angst vor euch, ich hasse euch nicht. Ich kenne euch ja nicht mal….Manchmal sehe ich hier im Fernsehen einen Mann aus dem Iran. Er redet über Krieg. Ich bin mir sicher, er repräsentiert nicht alle Iraner. Wenn ihr jemanden im Fernsehen seht, der darüber redet, euch zu bombadieren….seid euch sicher, er repräsentiert nicht uns alle….Wir wollen euch treffen, Kaffee mit euch trinken und mit euch über Sport reden.“ Inzwischen- so Zeit online-, kommen Grüße aus dem Iran zurück: „Israeli People, we love you too“, wir lieben euch auch.

Solch kleine  Gegenzeichen wollen dem geschürten  Hass, der angstmachenden Bedrohung und der gesäten Feindschaft nicht das letzte Wort überlassen. Dies sind die  die im Menschen aufgewachten Friedensträume von Weihnachten, von welchen  die Engel  im Evangelium singen. Lassen wir es aus unserer Seele nach Frieden tönen.

Impuls zum Nachdenken:

Was bedeutet für mich Friede?

Wo kann ich  mutmachenden Friedenszeichen in meinem  privaten Bereich setzen(z.B. beim Streit in der Familie oder mit einem Nachbarn, beim Konflikt im Arbeitsteam oder der Firma…..)

Wo kann ich mich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen?

Lauschen lernen

„Lange haben wir das Lauschen verlernt“, stellt die Lyrikerin Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte fest, und sie beklagt, dass das „Ohr der Menschheit“ ein „nesselverwachsenes“ geworden ist, unfähig zu hören. Und dies, obwohl der Schöpfer uns einst gepflanzt hatte „…zu lauschen/Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer.“ (in: Nelly Sachs, Gedichte , hrsg. von Hilde Domin, Frankfurt a. M. 1977, S.17)

(Foto: Indischer Ozean, Foto von G. Schädlich-Buter)

In Politik, Talkshows und Unterhaltungsindustrie reden Menschen aufeinander ein ohne aufeinander zu hören, nicht selten mit dem ausschließlichen Ziel, auf sich aufmerksam zu machen oder sich mit der eigenen Idee durchzusetzen. Permanente Berieselung von überall her, lässt unsere Hörfähigkeit verkümmern; mit der Zeit werden die „Ohren des Herzens“ taub, die leisen Zwischentöne bleiben ungehört. Es ist wie auf einem Bahnhof: alles ist angefüllt mit lauten, aggressiven und blechernen Geräuschen. Ein bedeutungsloses, gleichgültiges  Stimmengewirr umgibt uns, kein Wort, das zum Herzen vordringt und vertraut anspricht. Tausend Geräusche -außen und innen- lenken uns ab und hundert Geschäfte führen uns fort  „…von seinem Licht“ (Nelly Sachs).

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen, wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr verhinderte am Wachen-:…“ läßt R. M. Rilke den Gott suchenden  Mönch sagen. (R. M. Rilke, Das Stundenbuch, S.13.)

Die Stille ist die Voraussetzung für das Hören, das Lauschen, damit der Anruf nicht untergeht. In der Abgeschiedenheit der Natur, kann man sie vielleicht wiederfinden, die Fähigkeit zu hören und wahrzunehmen: das Rauschen des Windes, das Summen der Insekten, das Rascheln der Eidechse, das Vogelgezwitscher, das Gluckern des Baches….

Aber es geht letztlich nicht um die äußere Stille, sondern um das innere Schweigen (der tausend Gedanken, Ideen, Pläne..), um wirklich hörfähig zu werden. Mit dem „Höre“ (Röm 10,17) beginnt alles geistliche Leben. Es geht um die innere Haltung, auch wenn die äußere Stille dazu sehr hilfreich sein kann, um ein Ansprechbar-werden für Gott und den Mitmenschen. „Ehe es wächst, lasse ich euch es erlauschen“, heißt es beim Profeten Jesaja.

Gott ruft den Menschen. „Ich habe Dich beim Namen gerufen“ (Jes 43,1), um Inneres Wachstum, inneren Wert und die Erfahrung: „Ich bin mehr als eine Nummer oder ein Rädchen im Getriebe. “ Stärke und Zugehörigkeit hat mit dem „Hören“ dieses Rufes zu tun.

(„Erhört“, Öl auf Acryl,von  Gustav Schädlich-Buter)

Wer nur an sich selbst glaubt, dem genügen Selbstgespräche und Selbstbehauptungen, sagt der Theologe Fulbert Steffensky.  Dort aber wo Menschen aufeinander hören im „Zwischen-Raum“ von Ich und Du, aneinander Interesse haben, – absichtslos, unbewaffnet, ohne Strategie und Absicherung-, ereignen sich nicht selten ungeahnte Aufbrüche; dort geschieht hörend und lauschend  etwas Neues“, das sich nicht aus schon Vorhandenem und Vorgebahntem ableiten lässt. Individuelle, aber auch  weltpolitische Auf- und Durchbrüche geschehen hörend und die Zeichen der Zeit wahrnehmend.

Die jüdische Dichterin Nelly Sachs zumindest mahnt uns in ihrem Gedicht: „Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr,/ O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen.“

„Zeitdiebe“- in memoriam Michael Ende

Immer wieder haben sich Philosophen, Schriftsteller und Künstler Gedanken gemacht über die Zeit. „Was ist also die Zeit?“ Bekannt ist der Ausspruch des Kirchenvaters Augustinus: „Wenn mich niemand danach frägt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht!“ (Confessiones XI, 14)

Foto Melchior Buter

Doch das Nachdenken über die Zeit ist nicht bloß ein abstraktes theoretische Problem von Philosophen oder Physikern. Mein persönlicher Umgang mit der Zeit hat ganz praktische Auswirkungen. Menschen, die von Burnout gefährdet sind, erleben die Zeit oft als Feind und sagen: „Die Zeit frißt mich auf.“ Sie haben das Gefühl, das die zur Verfügung stehende Zeit niemals ausreicht, um alle Aufgaben und Erwartungen zu erfüllen. Der Zeitdruck engt sie immer mehr ein, sie fühlen sich gehetzt und getrieben und kommen nie zur Ruhe. Es fehlt die Zeit für sich selbst und für die zwischenmenschlichen Beziehungen.(vgl. dazu Anselm Grün, Kraftvolle Visionen gegen Burnout und Blockaden, Freiburg im Breisgau 2012, S.151-154)

Schon 1973 hat Michael Ende dieses Problem sehr hellsichtig aufgegriffen. In seinem wundervollen Märchen- Roman Momo, der 1974 mit dem Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde, spielt sich ein dramatischer Kampf ab. Hauptfigur ist Momo, ein besonderes, kleines Mädchen ohne Eltern -, das nichts besitzt außer das, was sie an lumpigen Kleidern am Leib trägt. Sie taucht plötzlich in irgendeiner südeuropäischen Stadt auf und richtet sich in der Ruine eines Amphitheaters ein. Sie ist der Welt zugewandt und kann wunderbar zuhören. Sie schenkt den Menschen Zeit- Lebenszeit- und tut allen gut. Doch plötzlich taucht ein grauer Schatten über der Stadt auf: die „grauen Herren“- Agenten der Zeitsparkasse – haben sich unbemerkt von den Bewohnern in der ganzen Stadt ausgebreitet.

Sie erklären den Menschen, wieviel Zeit sie sparen können, wenn sie angeblich nutzlose Tätigkeiten aus ihrem Leben streichen. So erklärt ein Zeitagent XYQ/384/b Herrn Fusi, einem Mann mit einem kleinen Frisörladen:

„´Sehen sie lieber Herr Fusi`, sagte der Agent, ´Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum Wenn sie einmal tot sind, wird es sein, als hätte es Sie niemals gegeben…Alles was sie benötigen ist Zeit.“ Zeit, so der graue Herr, um das richtige Leben zu führen und diese Zeit muss eingespart werden. Der Zeitagent rechnet Herrn Fusi vor, wo jener Zeit einsparen kann, um diese dann auf der Zeitsparkasse einzuzahlen: „.. Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter, wie wir wissen. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde , das heißt, sie sitzen bei ihr und sprechen mit ihr, obgleich sie taub ist und sie kaum hört. Es ist also hinausgeworfene Zeit.: macht fünfundfünfzigmillionenhundertachtundachtzigtausend. Ferner, haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich, dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet, das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundert- siebenundneunzigtausend….“ (Michael Ende, Momo, Stuttgart 1973, vgl. S.58 f. )

Und der graue Herr fährt fort, alles Überflüssige dieses Lebens –  Gesangsverein, die Freunde, Fräulein Daria,….- vorzurechnen, wobei es Herrn Fusi immer kälter ums Herz wird. Die ganze verschwendete Lebenszeit, die vom Zeitagenten auf dem Frisörspiegel als Rechnung festgehalten wird, lässt den kleine Frisör erschaudern. Schließlich führt die vernichtende Lebensbilanz des Zeitagenten Herrn Fusi dazu, alle scheinbar „unnützen“ Interessen aufzugeben. Über seinen Laden schreibt er das Motto: „Gesparte Zeit ist doppelte Zeit.“

Die kleine Momo nimmt im Roman Michel Ende`s nun den Kampf auf gegen die gespenstische Gesellschaft der grauen Herren, welche die Menschen der Stadt veranlassen, immer mehr Zeit zu sparen. Dadurch aber werden die Menschen immer hektischer, gefühlskälter, oberflächlicher und egoistischer; ihre Tage werden kürzer und ihre Arbeit hastiger. Die grauen Herren, so wird Momo von Meister Hora, dem Verwalter der Zeit, aufgeklärt, das sind keine menschlichen Wesen, sondern Mächte, von denen sie sich beherrschen lassen.

Die „Stunden-Blumen“ stehen im Roman Michel Ende`s symbolisch für die Lebenszeit, die in den Herzen der Menschen wächst. Die grauen Herren stehlen sie und drehen aus den getrockneten Blätter ihre Zigarren, durch welche sie sich am Leben halten

Michael Ende`s Roman geht letztlich gut aus und Momo gewinnt den Kampf gegen die Zeitagenten.. Doch sein Buch liest sich auch wie eine Warnung, sich nicht von den gespenstischen Zeitdieben in unserem eigenen Inneren oder in den Strukturen der gegenwärtigen Wirtschaft blenden lassen.

Gerade wer im Beruf viel Verantwortung hat, braucht Zeit, die ihm gehört. Eine heilige Zeit, in welche keine Erwartungen oder Forderungen von außen stören dürfen. Ein Zeit, in der ich, ich selbst sein kann. Eine Zeit, in der ich ganz da sein kann für Freunde oder Familie. Eine Zeit, in welcher die „leise und doch gewaltige Musik“ der Schöpfung, die im Roman durch das Auftauchen der grauen Herren plötzlich verstummt, wieder vernehmbar und hörbar sein wird.

„ Es ist also hinausgeworfene Zeit..“- ja aus Liebe zum Menschen, zur eigenen Seele und zur Bewahrung der Schöpfung hinausgeworfene Zeit!

Fragen zum Nachdenken:

Wofür nehme ich mir Zeit?

Habe ich freie Zeit, die nur mir gehört und wo ich mich nicht unter Druck setze? (z.B. ein unumstößlicher „heiliger Termin“ in der Woche z.B.)

Habe ich Zeit für andere, die nicht verzweckt ist? (für Nachbarn, für ein ehrenamtliches Engagement, für Kreatives…..)

Der „Engel in dir“

Künstler scheinen eine ganz besondere Affinität zu Engeln zu haben: Rainer Maria Rilke, Paul Klee, Marc Chagall, Rose Ausländer, um nur einige zu nennen, schreiben oder malten über Engel.

Bilder und Lyrik haben etwas von der Unverfügbarkeit, die  Engeln eigen ist und die letztlich auf die Unverfügbarkeit Gottes weist. Das moderne Interesse an Engeln weist auf die Sehnsucht nach einer tieferen Wirklichkeit für die Menschen.  Die Gefahr wie sie in Esoterikbüchern heute zu finden ist, besteht darin,  allzu genau und neugierig  wissen zu wollen, was Engel sind. Dort, wo wir sie aus dem schwebenden Raum  herausnehmen, wird klar: Engel lassen nicht über sich verfügen und wo wir sie festhalten wollen, fliegen sie weg.

„IHR SEHT SIE NICHT/Ihr Ungeübten, die in den Nächten/nichts lernen./Viele Engel sind euch gegeben/Aber ihr seht sie nicht.“ (Nelly Sachs)

Die Dichterin Nelly Sachs weist uns darauf hin, dass eine Offenheit für die Traumwelt, für das, was unterhalb des Tagesgeschehens und hellen Bewusstseins liegt, notwendig ist, damit wir  Engel wahrnehmen und uns  von ihnen berühren  lassen können. Schon in der Bibel gilt der Engel als Bote Gottes,  dessen Aufgabe es ist, die heilende und liebende Nähe Gottes  zu den Menschen zu bringen und ihn auf seinen Weg zu beschützen. ( vgl. dazu ausführlicher: Anselm Grün, Andreas Felger, Engel, Bilder göttlicher Nähe, Aquarelle und Meditationen, Freiburg im Br. 2004)

Gott schickt seine Engel in die Alltagssituationen der Menschen. Dort, wo jemand in Not ist, aussichtslos in der Enge, allein,  isoliert oder überfordert. Engel treten in unser Leben, öffnen unser Ohr,  verwandeln Festgefahrenes,  machen uns „sehend“, halten unser brüchiges und bedrohtes Selbst zusammen. Immer widerfährt dabei dem Menschen etwas, was heilend und helfend auf ihn einwirkt. Engel als geschaffene geistige Wesen können durch eigene seelische Kräfte, durch andere Menschen  und in Träumen zu uns kommen.

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(Der Verkündigungsengel, Acryl auf Leinwand, 60x60cmvon GSB

Anselm Grün erzählt von einer Frau, die nie daran glauben konnte, dass Gott sie liebt und gern hat trotz der vielen Predigten, die sie darüber gehört hat. Da träumte sie davon, dass eine Stimme zu ihr sprach: „Du bist meine geliebte Tochter..“ Das im Traum gehörte Wort war dadurch für sie  zur inneren erlebten Wirklichkeit geworden. (vgl. Anselm Grün, Jeder Mensch hat einen Engel, Freiburg im Breisgau 1999, S.14)

(Engelswache, Acryl auf Leinwand, 80cm Höhe x 60cm Breite von Schädlich-Buter)

Statt immer weiter in den Verletzungen der Kindheit und in den Wunden des Ungeliebtseins zu bohren, kann es sehr sinnvoll sein, nach „Engelsspuren“ (A.Grün) in meinem Leben Ausschau zu halten. Wo war ich trotz aller Kränkungen ganz  bei mir? Wo spielte ich selbstvergessen? Was waren meine Lieblingsorte?….

Immer sagen die Engel, dass Gott nahe ist und wir eingehüllt werden in seine heilende und  liebende Gegenwart. Rose Ausländer sagt im Gedicht „Engel in dir“:  „Aus seinen Flügeln rauschen/ Liebesworte/ Gedichte Liebkosungen// – für diese oft verschüttete tiefere Wirklichkeit einer alles durchströmenden Liebe sind die Engel als Boten „engagiert.“

Literatur zur Vertiefung:

Nelly Sachs , Gedichte , Frankfurt am Main 1977

 Anselm Grün, Jeder Mensch hat einen Engel, Freiburg im Breisgau 1999

Anselm Grün, Andreas Felger, Engel, Bilder göttlicher Nähe, Aquarelle und Meditationen, Freiburg im Br. 2004

Ingrid Riedel, Engel der Wandlung, Freiburg im Br. 2000

Zum Nachdenken:

Wo in meinem Leben sind mir Menschen wie „Engel“ zur Seite gestanden?

Wo gab und gibt es “ Engelsspuren“  in meinem Leben ?