Der Riss

 

Lobgesang

Die Vögel sangen/Bei Tagesanbruch/Fang noch mal von vorne an/Hörte ich sie singen/Häng‘ nicht an dem/Was vorbei ist/Oder was die Zukunft bringen mag/Es wird wieder/Kriege geben/Die Heilige Taube/Wird wieder eingefangen/Gekauft und verkauft/Und wieder gekauft/Niemals ist sie frei//

(Refrain):
Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine vollkommene Opfergabe.

In allem ist ein Sprung.
Doch so kommt das Licht herein ……..

Leonhard Cohen,  Ausschnitt aus Anthem, von  der CD Future 1992

Der kanadische Poet und Sänger Leonhard Cohen (geboren 1934), hat dieses Lied mit dem Titel „ Anthem“, deutsch: „Lobgesang“ geschrieben und wie er selbst sagt, 10 Jahre daran gearbeitet. „Ich weiß, dass er für etwas Klares und Starkes in meinem Herzen steht“, sagt Cohen in einem Interview 1992 (in: The Future Press Kitt).

Der Refrain des Liedes bringt die zentrale Aussage des Liedes auf den Punkt : „…There is a crack, a crack in everything/ That`s how the light gets in, That`s how the light gets in //…

Ein Sprung, ein Riss ist in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies, so Cohen, diesem zentralen Mythos unserer Kultur, könnten wir nichts mehr vollkommen hinbekommen, weder Ehe noch Job.., auch nicht unsere Liebe zu Gott oder zu unseren Familien oder zu unserem Land. „´Es gibt einen Riss in allem`, was man zusammenfügt, in Dingen physikalischer oder mentaler Art, in allem, was man konstruiert, doch das ist die Stelle, in der Licht eindringt, wo etwas wiederaufersteht.“ (vgl. Interviews , Unlimited for sony music)

Der Riss – Scheitern und Niederlagen gehören zum Leben

Der Riss oder Sprung ist die zentrale Metapher ins Cohen`s Lied Anthem und er steht zunächst einmal für die Vergeblichkeit unserer Bemühungen etwas vollkommen hinzubekommen. „Vergiss das vollkommen Opfer!“, heißt es im Liedtext knapp. Der „Riss“ steht auch für das, was jeder Mensch in seinem privaten oder öffentlichen Leben erleben und erleiden kann: eine persönliche Niederlage, ein Scheitern in Ehe oder Beruf, ein schwere Krankheit, ein Unfall, politisches Versagen oder Entlassung…..der, der sich wichtig gefühlt hat, steht plötzlich am „Rande“. Und der Riss stellt auch die existentielle Grunderfahrung einer Welt dar, die nicht unschuldig und heil ist.

(Titel „Der Riss“, Acryl auf Leinwand, 70x70cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Der Riss- durch die Bruchstelle fällt Licht

Doch der Dichter sieht im Riss auch etwas Gutes. An der Bruchstelle nämlich kann Licht einströmen. Das Licht der Wahrheit, das uns klar sehen läßt.

Der Riss- ein Bewusstsein von Vergänglichkeit und Angewiesensein

Ich möchte die Gedanken des Dichters noch etwas weiter führen:Wir sind im großen Strom der Geschichte „Vorübergehende“; was wir tun, wird unvollständig bleiben trotz allen Mühens. Der Riss schafft ein Bewusstsein für die eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit. Wer sich als sterbliches Wesen begreift, kann auf Ganzheitsansprüche verzichten und auch im Halbguten etwas wertvolles sehen: in der halbguten Ehe oder im halbguten Job, im halbguten Vater…… (vgl. Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit 2007). Solches Bewusstsein kann vom Zwang und Druck befreien, sich als „Herren“ über das Leben aufspielen zu müssen. Der „Riss“ stürzt uns vom Thron eingebildeter Selbstmächtigkeit und zeigt uns wie angewiesen wir aufeinander sind. Der Riss macht deutlich, dass all das, was unser Leben wesentlich ausmacht, nicht in unserer Verfügungsgewalt steht: Vergebung trotz Schuld, Liebe trotz Versagen, Heilung trotz Gebrochenheit, Frieden trotz Zerrissenheit, Wiederaufstehen trotz Fall, Ganzwerdung, all das können wir nicht selbst machen ….

Der Riss- eine anarchische Kraft

Zudem hat der Riss etwas Anarchisches, weil er den Menschen befreit, Rädchen im Getriebe einer funktionierenden Leistungsgesellschaft zu sein. Der Riss kann uns fähig machen, uns selbst nicht mehr durch Leistung und Ertrag beweisen zu müssen. Er zeigt, – und gerade schwerkranke, schwerbehinderte oder sterbende Menschen können darin wunderbare Lehrmeister sein-, dass Menschsein mehr und anderes bedeutet als leistungsfähig und verwendbar zu sein. Kein Mensch ist letztlich um seines Nutzens willen hier auf dieser Erde. Das macht seine Würde aus.

Der Riss- weckt die Sehnsucht

Zudem kann der „Riss“,- diese oft schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns oder der Unmöglichkeit eine Leidsituation zu verändern-, die Sehnsucht in uns wecken. Die Sehnsucht nach einem „Land“, in dem- wie es in der Offenbarung des Johannes (Bibel Offb.21,4) heißt-, alle Tränen von den Augen abgewischt werden und es weder Tod noch Leid noch Schmerz geben wird. Diese alten visionären Texte bewahren das Hoffnungspotential von uns Menschen, das in der Krise Leben retten kann. Sie sagen, dass die Risse und Bruchstellen in unserem Leben und in der Welt nicht das letzte Wort haben werden. Ein „neuer Himmel“ und eine „neue Erde“ werden uns einmal offenstehen.

Der Riss- trotzdem geliebt

Der Riss kann uns auch zeigen, dass wir gerade im Scheitern oder der Verwundung unseres Lebens geliebt sind, weil ein Ja über unserem Leben steht, das ohne die Bedingung auskommt: es muss alles ganz bleiben oder vollkommen sein! Durch den Riss dringt das Licht der Wahrheit in unsere Seele: Das Leben ist gut und gratis! Es braucht nicht perfekt zu sein.

Auch Deines nicht!