Vertrauen in unsicheren Zeiten

Vertrauen in unsicheren Zeiten

In der letzten Phase unserer Ausbildung zur Seelsorge hatten wir einen Kurs mit Pater Josef Sudbrack, einem Jesuiten, der ein anerkannter Fachmann für Spiritualität und Mystik war. Neulich fiel mir Pater Sudbrack, der inzwischen verstorben ist, wieder ein, aufgrund eines kurzen Gesprächs, das ich mit ihm hatte. Pater Sudbrack war kriegsverwundet und ihm musste deshalb als 19 Jährigem 1944 ein Bein amputiert werden. Und so kamen wir auf den Krieg zu sprechen und ich fragte ihn, wie er das alles seelisch heil überstanden hat. Er sagte, dass all die schlimmen Erfahrungen, auch der Verlust seines Beines, ihn nicht wirklich aus der Bahn geworfen haben, denn er habe eine so gute und behütete  Kindheit in Trier bei seiner Eltern, die eine Bäckerei hatten, erlebt, dass selbst das Schreckliche des Krieges diese Basis nicht zu zerstören vermochte. Das beeindruckte mich damals sehr. Glücklich also, wer eine so gute Basis für sein Leben bekommen hat, ein Urvertrauen, das wie ein Haus der Persönlichkeit stabil steht, dass es allen Stürmen des Lebens trotzen kann und selbst wenn es die im Leben unvermeidlichen Risse gibt nicht einstürzt. Das Wort Vertrauen reißt viele Themen an: Urvertrauen, Selbstvertrauen, Gottvertrauen…Wer schenkte mir Vertrauen und wem vertraue ich?

Ohne konkrete Personen zu nennen, würde ich auf die letzte Frage antworten:

Vertrauen schenke ich der Person, die mich annimmt wie ich bin mit meinen Stärken und meinen Schwächen, die mir meine Fehler verzeiht und mich in keine Schublade einsperrt, die es ehrlich mit mir meint sowohl was Lob als auch was Kritik betrifft, und die mich nicht für irgendwelche Zwecke missbraucht statt mich um meiner selbst willen gern zu haben; und sie müßte „da“ ist, wenn ich in Not und Hilfe brauche.

Die Entwicklungspsychologen weisen uns daraufhin, das Vertrauen nicht angeboren ist, sondern sich entwickeln und entfalten muss, vorallem durch verlässliche und verbindliche Beziehungen; Vertrauen  baut sich auf über Blickkontakt, Sprache, Dialog, und über  Einfühlung, in das, was ein Baby oder Kleinkind an Nahrung und Schutz braucht. Wem Vertrauen geschenkt wird, der kann zu einem vertrauenswürdigen Menschen heranwachsen und später selbst Vertrauen wagen. Wer als Kind ständig kritisiert, bevormundet, besserwisserisch abgekanzelt, überängstlich beschützt, mit ambivalenten Botschaften gefüttert, oder ausschließlich nach seiner Leistung in der Schule beurteilt wurde, der kann im Leben als Erwachsener nur schwer ein Vertrauen in sich selbst entwickeln und auch Krisen schwerer bestehen. Menschen ohne vertrauensvolle Beziehungen werden nicht selten über kurz oder lang krank an Leib und Seele. Heilung liegt im geschenkten Vertrauen anderer Personen. Vertrauen ist also zunächst ein Geschenk, durch das ich mich selbst als liebenswert erleben kann, und das ich mir nicht selbst geben kann.

Beschützt und getragen

Wer vertrauensvolle Beziehungen erlebt, bekommt Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten, bekommt Selbstwert, es wächst im Kind  die Lust, in die Welt“ hinaus zu gehen und seine Talente zu erproben. Vertrauen scheint so elementar wie die Luft zum Atmen. Dort, wo es fehlt, auch in Arbeitskontexten, wo es keinen Vertrauensvorschuss mehr gibt, der Spielräume schenkt, herrscht früher oder später eine Atmosphäre der Kontrolle, Überwachung und Angst. Auch in Partnerschaften führt mangelndes Vertrauen zu Eifersucht, und Mißtrauen. Jeder Vertrauensvorschuss birgt natürlich auch das Wagnis in sich, enttäuscht zu werden, wobei ja niemand seinen Verstand völlig ausschalten muss, um allzu naiv und vertrauensselig ins offene Messer zu laufen.

Doch jede wichtige Entscheidung braucht Vertrauen, ob bei der Berufs- oder Partnerwahl. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht, was uns gerade die Pandemie überdeutlich vor Augen führt. Aber schon vor Corona stellten sich viele Menschen die Frage: Ist diese Welt vertrauenswürdig? Überall auf der Welt Fake News, Korruption, Ungerechtigkeit und Machtmißbrauch. Wem kann ich noch wirklich vertrauen? Angst und Unsicherheit haben sich besonders in unsere Wohlstandsgesellschaften eingeschlichen und sich mit der Coronapandemie verstärkt. Viele Menschen erleben einen Kontrollverlust, sind vom bekannten Weg in ein für nicht wenige äußerst  bedrohliche erlebtes unbekanntes Gelände abgesetzt worden; die Institutionen, die Sicherheit geben sollen, Politik und Kirche zum Beispiel, scheinen sich auch nur mühsam im Nebel vorantasten zu können.

Was ist jetzt mit dem Vertrauen? Wie können wir es zurückgewinnen, zumindest soweit, dass uns die Ängste und Unsicherheiten des Lebens angesichts der Pandemie nicht verschlucken?

Vielleicht hilft uns schon die Einsicht etwas weiter, dass es sowieso eine Illusion ist, an eine absolute Sicherheit zu glauben. Wer hätte nicht schon im eigenen Leben erlebt, dass Pläne durchkreuzt wurden (wer wüßte dies nicht besser als viele, die in der Pfennigparade leben und arbeiten), dass es Überraschungen gab, die uns einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, dass die letzte Etappe zum Berggipfel durch einen unvorhersehbaren Wettereinbruch verhindert wurde, oder wie neulich der Weltumsegler Boris Herrmann kurz vor dem Ziel, in das er als Sieger hätte einlaufen können, mit einem „blöden“, unbeleuchteten Fischkutter zusammenprallte.

Manches im Leben braucht wohl den Abstand im Humor, gewiss manchmal mag es Galgenhumor sein. So sagte schon Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, zu unserem tief verankerten Bedürfnis nach Sicherheit etwas augenzwinkernd: „Nichts in dieser Welt ist sicher, außer dem Tod und den Steuern.“ Auch so manche gelassene und lange gewachsene Lebensweisheit, kann uns wieder auf den Boden des Vertrauens bringen, wie es der kölsche Glaubenssatz zum Ausdruck bringt: “Et kütt, wie et kütt! Et hätt noch emmer joot jejange! Wat fott es, es fott! Et bliev nix, wie et wor! Wat wells de maache!“ Übersetzt: Es kommt wie es kommt, – damit begegneten die Rheinländer sowohl den durchziehenden Heeren wie auch dem Rheinhochwasser; und mit „es ist noch immer gut gegangen“, wollten sie sagen, dass wir uns nicht in einem rabenschwarzen Pessimismus und den damit verbundenen zerstörerischen Kräften überlassen sollten. Warum also nicht einwenig nach all den sicher wichtigen und notwendigen Anstrengungen einwenig kluge Schicksalsergebenheit und ein positiver Fatalismus, der eingesteht, dass wir nicht alles in der Hand und unter Kontrolle haben können(vgl. dazu ausführlicher das kluge Buch „Lob des Fatalismus“, vom SZ Journalisten Matthias Dobrinski, dem ich wichtige Anregungen verdanke und das ich als Lektüre sehr empfehlen kann). Oder wer es etwas religiöser haben will, dem mag die Einsicht und Bitte des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr ans Herz gelegt werden: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Sicher sind es, um auf Pater Sudbrack zurück zu kommen, auch ganz konkrete Menschen, die Vertrauen  und Ruhe ausstrahlen in dieser unsicheren Zeit und uns zumindest für Momente mit hineinnehmen in dieses Urvertrauen, dass die Welt schon gut und vertrauenswürdig ist, wie es uns Genesis in der Schöpfungsgeschichte verspricht.

Und nicht zuletzt kann auch ein liebevoll zubereitetes Mittag- oder Abendessen und ein Strauß Blumen auf dem Tisch diesen Glauben stärken (trotz Fastenzeit).

Gustav Schädlich-Buter

Schau mich an! – Vom Sehen und Gesehen-werden

Angeschaut werden – ein menschliches Grundbedürfnis

Regarde moi – Schau mich an!, heißt es in einem Lied des Rappers Lomepal. Die Augen des anderen sind der Spiegel, der mir sagt, dass es mich gibt und dass es gut ist, dass es mich gibt. Jeder Mensch scheint ein tiefes Bedürfnis in sich zu tragen, gesehen zu werden, liebevoll und respektvoll angeschaut zu werden. Der jüdische Philosoph Martin Buber sprach davon , dass jeder Mensch danach Ausschau halte, dass ihm das Ja des Seindürfens zugesprochen werde; das geschieht in der Regel zunächst über die liebenden und vertrauensstiftenden Blicke, welche Mutter und Vater dem Baby schenken; das kleine Menschenwesen erlebt Resonanz und fühlt sich in seinem eigenen Sein bestätigt.

Wichtige emotionale Botschaften werden über Blicke und Mimik transportiert, deren Ausbleiben für die Kinder fatale Folgen haben kann. (Im Moment laufen sogar Untersuchungen über die möglichen Auswirkungen auf Babys, wenn Mütter und Väter statt den Blickkontakt mit ihrem Baby zu suchen ihre Aufmerksamkeit auf ihr Smartphone richten.)

Übersehen-werden macht krank oder aggressiv

Wer nicht beachtet und übersehen wird, erlebt eine tiefe Kränkung; manche reagieren dann als Jugendliche oder im Erwachsenenleben depressiv  und trauen sich nichts zu; andere reagieren gewalttätig, indem sie ihre Wut im Außen abreagieren

Der australische Psychologe Marc Dadds fand in Versuchsreihen mit schwer gestörten Jugendlichen, die als brutal, kalt und gefühllos auffällig geworden waren, heraus, dass jene erstmals in ihrem Leben Empathie entwickelten, nachdem  die Eltern in mehreren Sitzungen mit warmer Stimme sagten: „Ich hab dich lieb!“ und ihnen dabei in die Augen schauten. Nach mehreren Monaten waren diese Jugendlichen erstmals in der Lage Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen..(vgl. dazu auch die Bücher über Spiegelneuronen, z.B. von J. Bauer). (vgl dazu: J. Röser, Das Gewissen der Augen, in CIG, Nr.50, 2012, S.564)

Es gibt auch Familienschicksale von Verfolgung , Vertreibung, Außenseitertum, in denen Menschen und Menschengruppen übersehen oder schief angeschaut wurden und die in den Folgegenerationen unbewußt weiterwirken .

Mauritius Wilde berichtet von einer jungen Frau mit einer sehr schwierigen Kindheit und Jugend, in der sie sehr oft übersehen und nicht beachtet wurde. Immer wenn sie heute an dieser frühen Wunde des Übersehenwerdens leidet, geht sie zu einem Freund, der sie kurz anschaut. Schon ein kurzer Blick und Moment des Angeschaut-werdens sei für sie sehr heilsam geworden. Aber sie musste sich zuvor dieses Bedürfnis eingestehen.(vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach2009, 2. Aufl. 2010, S.23)

In unserer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit ein hohes Gut geworden ist, werden diejenigen, die in diesem Spiel um Beachtung nicht mitmischen können oder wollen, auch leicht übersehen.

„Augenblicke“ können niederdrücken oder aufbauen

Wie Menschen angeschaut werden, kann sie aufbauen oder niederdrücken, lebendig machen oder zerstören. So fordern Philippe Pozzo die Borgo, – nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt- und sein Pfleger Abdel Sellou (deren Geschichte vielen durch die autobiografisch Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde) in mehreren Interviews: „Wir, die kaputten Typen (..), wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen angesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (Di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark-Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.9)

Schauen mit offenem Herzen, Aquarell

Angeschaut-werden- eine religiöse Grundsehnsucht

Schau mich an!, denn ich kann mich ja selbst nicht sehen. In dieser Bitte  findet auch eine zutiefst religiöse Sehnsucht ihren Ausdruck; viele Psalmen (Gebete) der Bibel sind ja vor circa 3000 Jahren entstanden als es noch keine Spiegel gab und die Menschen sich selbst nur äußerst selten sehen konnten, höchstens  in einer Pfütze oder in einem Teich. Deshalb richteten sie ihre Sehnsucht beachtet zu werden, nach „oben“, auf Gott, der sie wie eine Mutter im Blick hat, auf sie schaut und sie eben nicht übersieht.(Psalm 139, Psalm32…) Gerade in der Not und Einsamkeit wird dieses Bedürfnis angeschaut, beachtet und begleitet zu werden auch heute bei Menschen wach.

Die Bedeutung des Sehens und Gesehen-werdens wurde auch symbolisch in vielen Kirchen als Auge Gottes zum Ausdruck gebracht. Doch leider assoziieren – gerade ältere Menschen- im Laufe einer teils unrühmlichen Kirchengeschichte und Pastoral, damit nur den „Buchhalter- und Überwachergott“, der alles sieht, beobachtet, aufschreibt und mit entsprechenden Strafen belegt. Der tiefere Sinn wurde damit natürlich gründlich verfehlt. Gemeint war es anders, nämlich so, dass wir unter den Augen des liebevollen, göttlichen Betrachters zum Frieden in uns finden (so ähnlich sagt es der mittelalterliche Mystiker Bernhard von Clairvaux)und uns darin geborgen wissen. Authentische Religion führt zum Glauben, dass es einen Bereich gibt, in dem wir immer schon als wertvoll gesehen und anerkannt sind: von Gott.

Anschauen statt übersehen- eine urchristliche Grundpraxis

Zu einer urchristlichen Praxis gehört es, gerade Menschen zu beachten, die gerne übersehen werden. Jesus hat immer wieder seinen Blick auf all jene gerichtet, die am Rande der Gesellschaft keine Beachtung fanden. Dies kann uns durchaus als Modell dienen, einander freundlich anzuschauen. So nimmt ein ehrlich gemeinter freundlicher Blick auch die Scham in seinem Körper und seinen Lebensäußerungen ungenügend zu sein oder komisch auf andere zu wirken. Ein freundlicher Blick kann jemand Ansehen schenken, aus seinem Versteck locken, und das Vertrauen aufbauen, an sich selbst zu glauben.

Fragen zu Nachdenken:

Von wem fühle ich mich gesehen und beachtet?

Von wem übersehen?

Welche Rolle spielt Beachtung in meinem Leben?

Wen sehe ich gerne?

Will ich gerne gesehen werden oder ist es mir unangenehm?

Kontakt und Berührung

Feste Rituale haben sich im Coronajahr 2020 verändert: Begrüßungsrituale wie das Händeschütteln wurde durch einen Ellbogencheck ersetzt oder durch eine Berührung mit der Fußspitze, keine Umarmung, kein Kuss……auch in den Kirchen musste der Friedensgruß und das gemeinsame Singen untersagt werden und manche Pfarrer teilten hinter einer Plexiglasscheibe die Kommunion aus.

Corona hat uns allen deutlich gemacht, was Nähe für Menschen bedeutet und was uns abgeht, wenn Kontakt, Nähe, Berührung und Gemeinschaft fehlt. Auch wenn die meisten wohl rational einsehen, dass Kontaktreduzierung zum Wohle unserer Gesundheit ist, läuft es unserer tief verankerten Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaft zuwider; denn jeder Mensch braucht wenigstens einen anderen zum Gernhaben. Einsamkeit ist auch bei uns in Deutschland, wo ein Fünftel der Menschen allein leben, ein viel zu wenig erkanntes und berücksichtigtes Problem. In einem Vortrag der Sterbeforscherin Kübler Ross, den ich Ende der 80er Jahre besuchte, sprach sie davon, dass nicht nur Kinder, sondern auch die älteren Menschen „verknutscht“ werden wollen.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich halte die Kontaktreduzierungsmaßnahmen der Bundesregierung für richtig und angemessen. Aber Corona kann uns dazu anregen über Nähe, Kontakt und Berührung einmal vertieft nachzudenken. Hierzu einige Impulse

Das Wort Kontakt kommt vom lateinischen Wort tangere, was  „berühren“ bedeutet. In der Elektrotechnik ist der Kontakt der Berührungspunkt, um eine Stromverbindung herzustellen; im zwischenmenschlichen Bereich bedeutet es, eine Verbindung mit jemanden aufzunehmen; allerdings sagt das deutsche Wörterbuch auch, dass die Berührung zu einer Ansteckung führen kann. Wer jedoch keinen Kontakt herstellen kann, verliert den Anschluss und wird abgehängt. Intakt jedoch ist, sagt das Wörterbuch, wer oder was nicht beschädigt, unversehrt und unberührt geblieben ist.

Taktvoll verhält sich jemand, der ein Feingefühl dafür hat, welche Nähe zu einem Gegenüber angemessen ist und in der jeweiligen Situation guttut. Das kann schon bei der Frage beginnen, ob es stimmig ist, einen Kollegen/Kollegin zu „duzen“. Taktvolle Menschen jedenfalls achten die physische, seelische und spirituelle Integrität des anderen Menschen.

Diese kann auf verschiedenen Ebenen verletzt werden: herabsetzende und demütigende Worte, grenzüberschreitende physische Berührungen oder geistige Manipulationen wie es besonders im Bereich des spirituellen Missbrauchs geschieht. Nähe und Freundschaft herzustellen über Berührung, geschieht taktvoll dann, wenn sie die Grenzen des anderen respektiert  und keine strategischen und manipulativen Nebenabsichten verfolgt. 

Zudem können Berührungen innerlich und ganz äußerlich sein. Ehemalige Komapatienten haben mir erzählt, dass sie genau gespürt haben, obwohl sie ja scheinbar bewusstlos dalagen, in welcher Haltung sie gepflegt und gewaschen wurden; sie nahmen vollständig wahr, ob der Pfleger oder die Krankenschwester ihnen zugewandt war oder ob sie nur wie ein Objekt behandelt wurden und dabei eine personale Zuwendung völlig fehlte. Die Haltung und die Art und Weise wie wir berühren, ist dabei entscheidend, und dies nicht bloß bei Menschen, sondern auch Dingen gegenüber.

Körperliche Berührung steht immer auch in der Gefahr missverstanden zu werden, und ist für einige  Menschen und auch Kulturen wichtiger als für andere.  Als ich als Seelsorger auf der Intensivstation eines großen Münchner Uniklinik arbeitete, haben wir – die Seelsorger/innen- unsere Berührungen von Komapatienten, die nicht selten traumatisiert waren, immer angekündigt. „Herr…oder Frau… , ich berühre jetzt ihren Arm (oder ich halte ihre Hand), dass sie spüren, dass jemand da ist und sie nicht allein sind…“. Ich bin überzeugt, dass Berührung heilsam, tröstend und Halt gebend sein kann. Einem Sterbenden die Hand zu halten, kann ihn vielleicht durch dessen Angst geleiten, einem Traurigen über den Rücken streicheln, kann ihn trösten und aufmuntern; aber immer kommt es auf mein Feingefühl an, was im Moment dran ist und die eigene lautere Absicht.  Das Verhältnis von Nähe und Distanz zu einem anderen Menschen ist jedenfalls immer wieder neu auszuloten.

Berührt, Acryl auf Leinwand

 „Es sind die kleinen Dinge, die uns brauchen, denn wir hauchen, alle Lebensringe in sie ein. Darum ergreift sie meine Hände voller Liebe, so als bliebe ohne euch am Ende , ein jedes Ding allein“, dichtete einst Karlfried Graf Dürckheim, der Begründer der initiatischen Therapie. Was ich berühre, berührt auch mich. Wer achtlos mit den Dingen umgeht, geht auch achtlos mit sich selbst um.

Auch unser Lernen geht vielfach über das Be-„greifen“, und Künstler, die ein Werk aus Holz oder Stein schaffen wollen, müssen ihr Material berühren, anfassen, begreifen und sich ergreifen lassen. Auch beim Essen und Kauen berühre ich Nahrungsmittel und schmecke sie, wer sein Essen nur schnell hinunterwürgt, verliert den Geschmack.

Auch wenn wir im Moment auf physische Berührung weitgehend verzichten müssen, ist es wichtig innerlich berührbar zu bleiben. Gute Worte können unser Herz berühren, auch Dichterworte oder die Musik. Auch die Evangelien stellen uns einen Jesus vor, der berührbar ist und Menschen heilsam berührt. Berührt vom Leid der Menschen, die ihm begegnen, berührt er sie so, dass sie aufatmen können.  Schon das macht uns darauf aufmerksam, dass die christliche Religion nicht in erster Linie eine moralische oder asketische Religion ist, sondern eine therapeutische, die der Angstüberwindung dient. (vgl. dazu die Arbeiten von Eugen Biser, und Eugen Drewermann).

Jedenfalls kann uns die zumindest physisch berührungsarme Coronazeit darüber nachdenken lassen, welche Bedeutung Berührung für uns alle und für mich ganz persönlich hat. Und so wünsche ich Ihnen, dass 2021 wieder viele heilsame Berührungen möglich machen wird.

Impuls:

Denken Sie einmal darüber nach, welches Ereignis oder Erlebnis sie in letzter Zeit wirklich berührt hat.

Nehmen Sie einmal die Dinge des Alltags (Kaffeetasse, den Teller, Blumenvase…..)ganz bewusst in die Hand.

Angst

Angst- ein vielschichtiges Phänomen

Als Seelsorger begegnet mir immer wieder das Thema Angst. Die Angst ist ein extrem vielschichtiges Thema für das ich nur einige Hinweise und Literaturempfehlungen geben kann, die hoffentlich Betroffenen und Begleitenden weiterhelfen.
Angst bewegt viele, jetzt in Zeiten von Corona besonders. Ganz konkrete persönliche Ängste treiben dabei viele Menschen um: die Angst vor Arbeitslosigkeit, um die familiäre Zukunft oder um die Kinder, um die Gesundheit oder ob die Beziehung hält.
Wieder andere quälen die „großen Ängste“: die Angst vor der Zukunft, vor Terrorismus und dem „Fremden“, die oft zu Vorurteilen führt, und schließlich die Angst um das Klima und heute vor Corona.


Aber auch seelische und existentielle Ängste bewegen die Menschen heute stärker denn je, so dass manche Autoren vor einem Jahrhundert der Angst sprechen. Manche haben Angst vor dem inneren Chaos, oder die Angst abgelehnt oder verlassen zu werden, viele haben Angst, ob sie auch genügend geliebt werden, oder die Angst, zu kurz zu kommen, die Angst verletzt oder beschämt zu werden, die Angst, ob sie „richtig“ und normal sind; oder die Angst vor Überforderung, alles nicht mehr zu schaffen. Die Angst vor Alter, Einsamkeit und Sinnleere taucht bei manchen ebenso auf wie die Angst vor Krankheit und Sterbenmüssen. Und die Angst vor der Angst.
Nicht wenige in unserer Gesellschaft fühlen sich von der Angst bestimmt und von „Angstgespenstern“ umzingelt, zumal viele negative Nachrichten rund um Corona zuletzt auf uns eingeströmt sind. Angst kann depressiv machen oder einen in Panik versetzen. Panik ist der plötzlich auftauchender Schrecken, den man nicht deuten kann (das Wort Panik vom griechischen Gott Pan).
Zudem können weit zurückliegende Angsterlebnisse zum Beispiel während des Krieges, die lange verdrängt wurden, in späteren Jahren wieder auftauchen und sogar die nachfolgenden Generationen infizieren und dort weiter wirken.
Die Angst ist aber nicht nur negativ, sondern schon in der Tierwelt überlebensnotwendig und auch für uns Menschen ein wichtiges Alarmsystem bei Gefahren. Sie zeigt uns die Grenzen unserer Macht und Möglichkeiten.
Doch es gibt auch die Angst, die uns am Leben hindert und der keine entsprechende reelle Gefahr entspricht. Dann handelt es sich meist um neurotische Muster, welche das Seelenleben bestimmen und psychologischen Behandlung bedürfen.
Die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud war der Auffassung, dass die Angst im Kind dadurch entsteht, dass die wichtigen Triebregungen wie Sexualität und Aggression unterdrückt und durch zwanghaftes und angepasstes Verhalten abgewehrt werden.
Literatur: eine gute Hinführung zum Thema Angst, auch aus biblischer Sicht, mit sehr vielen praxisnahe Beispielen: Anselm Grün, Verwandle deine Angst- Ein Weg zu mehr Lebendigkeit, Freiburg 2015

von Angst umzingelt

Angst im Körper

Das Wort Angst hat mit Enge und Einengung zu tun, die sich deutlich im Körper spüren lässt; flacher Atem, Druck auf die Brust, zugeschnürte Kehle, erweiterte Pupillen, aber auch Herzrasen, Schweißausbrüche, innere Erstarrung und Zittern können die Folge sein.
Menschen, die Angst haben, fühlen sich unsicher, hilflos, angespannt, geschwächt, manche weinen, rennen raus, machen sich klein oder nehmen eine Schutzhaltung ein.

Angst als Impuls zu reifen- die Grundformen der Angst nach Fritz Riemann

Davon, dass in der Angst nicht nur quälende und bedrückende Aspekte stecken, sondern auch Impulse zur Weiterentwicklung und Reifung, geht auch der Psychologe Fritz Riemann aus. In seinem lesenswerten Buchklassiker über die Angst arbeitet er vier Grundformen der Angst heraus, die er entsprechend der psychoanalytischen Theorie Freud´s den Persönlichkeitstypen des Shizoiden, Depressiven, Zwanghaften und Hysterischen zuordnet. So erlebt der shizoide Typ (präorale Phase), der Angst vor der Selbsthingabe. Er hat Angst sich an jemanden oder etwas zu verlieren, und verbindet das mit Ichverlust und Abhängigkeit. Jener Typ hat ein großes Bedürfnis, sich abzugrenzen, und seine Wachstumsaufgabe bestünde darin, Zuneigung, Hingabe und Selbstvergessenheit zu lernen.
Der depressive Charaktertyp (orale Phase) hat Angst vor Selbstwerdung, er hat Angst, jemanden oder etwas zu verlieren, er will geborgen und festgehalten werden und hat Angst vor Eigenständigkeit und Selbstbehauptung. Seine Wachstumsaufgabe bestünde aber gerade darin Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu wagen.
Die Grundangst des zwanghaften Typs (anale Phase) besteht in der Angst vor Wandlung, die er als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt; er fürchtet sich vor Veränderung, Wechsel und Risiko. Seine Wachstumsaufgabe bestünde darin Neues und Großzügigkeit zu erlernen.
Der hysterische Typ hat vorallem Angst vor Endgültigkeit und Festgelegt-werden, gegenteilig zum zwanghaften Typ hat er gerade Angst, dass sich nichts ändert, weil er ein großes Bedürfnis nach Abwechslung, Veränderung und Aufmerksamkeit von anderen hat. Seine Wachstumsaufgabe bestünde darin nüchternen Realitätssinn zu wagen und konsequentes Handeln einzuüben.
(Hinweis: es ist durchaus möglich, sich in mehreren Typen wiederzufinden;
Literatur: Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine psychologische Studie, München/Basel 1979).

Der Mensch zwischen Ur-Vertrauen und Ur-Angst

Doch die Angst ist kein Thema von kranken oder neurotischen Menschen. Angst haben wir alle und zwar von Beginn unseres Lebens an, worauf die Musiktherapeutin und Sterbeforscherin Monika Renz hinweist. Sobald wir nämlich die von Urvertrauen, Umhülltsein, paradiesischer Geborgenheit und Frieden geprägte intrauterine Welt bei der Geburt verlassen müssen, taucht mit zunehmendem Bewusstsein (vgl. dazu Mythos im Buch Genesis vom Baum der Erkenntnis) die Frage auf, ob wir überleben können in einer fremden und uns noch unbekannten Welt. Das mitgegebene Urvertrauen schaut der Angst in Form von Verlorenheit- und Bedroht-sein ins Gesicht. Und am Anfang ist noch nicht klar, was uns prägen wird: Die Ur-Angst und ihre Verteidigungsstrategien, die sich nach Monika Renz als Gewalt, Gier und Lüge bemerkbar machen, oder das Ur-Vertrauen.
(Literatur, vgl. M. Renz, Zwischen Urangst und Urvertrauen, Paderborn 1996; E. Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 1 )
Was sich durchsetzt, liegt auch an unserer Kultur, die nicht nur in Tagen von Corona alles andere als optimistisch und hoffnungsvoll stimmt. Tatsächlich wundere ich mich immer wieder wie pessimistisch, nörglerisch und ängstlich viele Menschen in unserer reichen westlichen Welt in die Zukunft blicken, im Unterschied zu Menschen, die in viel ärmeren Ländern mit viel weniger auskommen müssen. Zu einer pessimistischen Zukunftssicht tragen auch politische Parteien bei, welche mit der Angst arbeiten, um Spaltung, Entsolidarisierung und Fremdenfeindlichkeit zu schüren.
(Literatur: vgl ausführlicher dazu: Paul Michael Zulehner, Angstlust, Vom Spiel mit der Angst in Politik, Gesellschaft und öffentlichem Diskurs, in: Ulrich H.J. Körtner (Hg.), Theologische Zugänge zu einem ambivalenten Thema, Neukirchen 2001)

Umgang mit der Angst aus spiritueller Hinsicht

Voraus zu schicken ist, dass es eine unseriöse Theologie gibt, die den Glauben als Lösung aller Lebensprobleme sieht, und die Angst als Symptom des Unglaubens oder sogar als gerechte Strafe für die eigene Gottlosigkeit verstehen will. Doch es gibt keine grundsätzliche Angstfreiheit des Glaubens.
In der Bibel steht nirgendwo „Ängstige dich nicht!“ 1, so der der Benediktiner David Steindl-Rast, denn die Angst gehört zum Leben und zum Glauben; Angst ist unvermeidlich. Entscheidend ist wie wir damit umgehen. Ich kann die Stacheln aufstellen und mich wehren gegen das, was auf mich zukommt, dann bleibe ich in der Furcht stecken; Furcht bleibt in der Angst stecken.
Aber dort wo ich mit (Gott-)Vertrauen durch die Angst hindurchgehe, mich vertrauensvoll in die Angst hineinwage, werde ich auf der anderen Seite in einer größeren Weite herauskommen. Das ist wie bei einer Geburt, auch da muss man durch einen engen Kanal durchgehen und weiß noch nicht, was mit mir geschieht; so lässt sich auch das Sterben als zweite Geburt verstehen, die mit der Todesangst verbunden ist, der ich aber mit meinem Glauben als einem tiefen Vertrauen begegnen kann; einem Vertrauen, dass eine Macht des Lebens (Gott) mich trägt und nicht ins Nichts fallen lässt. Es gilt also von der ersten bis zur letzten Geburt vertrauensvoll durch die Angst hindurch zu gehen statt sich zu sperren und dadurch den möglichen Geburtsprozess zu verhindern. Um dieses Vertrauen zu stärken, schlägt Steindl-Rast vor, alle Gelegenheiten im Leben wahrzunehmen, wofür ich dankbar sein kann. Steindl-Rast hält das „Fürchte Dich nicht“ für den wichtigsten Satz in der Bibel (er kommt dort wohl 365 mal vor) für uns modernen Menschen, doch seien Angst und Furcht zu unterscheiden.

1Steindl-Rast bezieht sich auf den Unterschied zwischen Angst und Furcht, den der Philosoph Sören Kierkegaard eingeführt hat; die Furcht hat ein bestimmtes bedrohliches Objekt, z.B. die Furcht vor dem bissigen Hund), die Angst dagegen ist unbestimmt und gegenstandslos, letztlich die Angst vor dem Nichtsein, taucht auf mit dem Freiheitsbewusstsein des Menschen)
(Quelle: Mitschrift eines Interviews mit Steindl-Rast auf youtube,
https://www.youtube.com/watch?v=Z_BBaf8HpKA

Spirituelle Impulse zum Umgang mit der Angst

Ich stelle mich meiner Angst. Ich versuche sie in Worten zu beschreiben, ich schreibe sie auf (in ein Tagebuch z.B.), ich suche einen Gesprächspartner, mit dem ich über meine Ängste reden kann. Ich spreche mit meiner Angst.
Ich male ein Bild; das meine Angst ausdrückt. Ich betrachte das Bild und tausche mich darüber mit einer Vertrauensperson aus.
(Die Gespenster der Angst werden kleiner, sobald ich sie ausdrücken kann. Die verständnisvolle und vertrauenerweckende Stimme eines Gegenübers, menschliche Nähe tut gut, wenn Angst mich aufwühlt.)
Ich beginne zu beten. Weil mir in meiner Angst und Verzweiflung eigene Worte fehlen, bete ich in den Worten der Psalmen wie z.B.: „ ER griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.“ (Psalm 18). Andere Psalmen: Psalm 23, Psalm 34 oder Jes. 49,15; oder im Jesusgebet wiederhole ich Rhythmus des Atems den Satz: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“
Ich meditiere biblische Geschichten wie z.B. Matthäus. 14, 22 f, wo Petrus seinen Fuß auf das Wasser setzt, im Vertrauen auf Jesus, der ihm auf dem Wasser entgegenkommt. Ich begebe mich selbst in die Rolle des Petrus und höre Jesu Stimme: „Fürchte dich nicht!“

Freiheit und Befreiung

Aktuell fühlen sich nicht wenige Menschen aufgrund der Pandemie durch viele Regelungen in ihrer Freiheit begrenzt und nicht nur physisch, sondern auch mental und seelisch unfrei. Die Freiheitsrechte, die zu den Menschenechten gehören, haben eine lange Geschichte hinter sich von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 bis zur französischen Revolution. Freiheitsrechte mussten errungen, erkämpft und verteidigt werden, vorallem gegenüber totalitären und autoritären Systemen wie wir sie in Deutschland während des Nationalsozialismus oder mit der Stasiüberwachung in der DDR erlebt haben. Die Freiheit wie sie in einer demokratischen Gesellschaft in Deutschland über Jahrzehnte etabliert ist, wurde, -so lange es uns sehr gut ging-, oft allzu selbstverständlich hingenommen. Nun da die Freiheitsrechte, aus gutem Grund zum Schutz der Menschen, eingeschränkt werden, spüren wir wieder deutlicher, was uns die Freiheit wert ist.

Seit jeher ist Freiheit eines der großen Sehnsuchtsworte der Menschheit, das schon antike Philosophen in Ihrem Nachdenken beflügelt hat und in unserer Zeit Songwriter wie Janis Joplin (Me and Bobby McGee: „Freedom is just another word for nothing left to loose“), Bob Dylan, Richie Heavens, Queen und viele andere zu ihren Liedern inspiriert hat.

(eine gute Übersicht, philosophischer Einsichten zum Thema Freiheit, findet sich in: Anselm Grün, Wege zur Freiheit, Münsterschwarzach 1996)

Welche Lieder verbindest Du/Sie mit Freiheit?

Doch was ist Freiheit?

Was verbinde ich persönlich mit Freiheit? Wo spüre und fühle ich mich frei? Aber auch: Was in meinem Leben macht mich unfrei?

Ich möchte im folgenden das riesige Thema rund um den Begriff „Freiheit“ auf zwei Perspektiven begrenzen und dabei mehr den seelischen als den rechtliche Aspekt der Freiheit ansprechen: Freiheit als „Freiheit von..“ und Freiheit als „Freiheit zu“.

1) Freiheit als „Freiheit von“

Wer frei werden will, muss sich von vielem befreien, von Einengungen und Einschnürungen, die mir von außen, von anderen aufgezwungen wurden. Besonders die ältere Generation litt noch stärker unter Vorschriften, Regeln, Traditionen, Verboten von Eltern, Pfarrern oder Lehrern, von Familie, von Kirche oder Staat. Absolute gesetzte Forderungen von außen drangen in das Innere ein, besetzten die Seele, sperrten Lebensenergien in ein Gefängnis, drückten und dämpften spontane Lebendigkeit, blockierten Gefühle und Gedanken.

Die Zwänge ,Verbote und Vorgaben (wie man zu leben hat, was normal und richtig ist..)von Religion und autoritärer Gesellschaft, die früher das private Ich in seine Schranken verwiesen, sind heute zumindest in Deutschland weitgehend aufgehoben. Die Jüngeren stehen eher unter dem Diktat, dass das Leben und die Karriere nun allein in der eigenen Hand liegen, dass ich mich selbst verwirklichen muss und alles, ja alles möglich scheint, und wer es nicht schafft, eben selber schuld ist. Durch diese grenzenlosen Selbstansprüche und die maßlosen Ansprüche der Gesellschaft spüren auch die Jüngeren so etwas wie Unfreiheit. Zudem sind heute viele Menschen von einem starken Leistungsdruck und aggressiven Perfektionszwang unfrei gemacht und werden in einen globalen System des immer „Mehr“ (schneller, höher, weiter besser, erfolgreicher…) in die Knie gezwungen; manche geraten dadurch in eine Erschöpfungsdepression(Burnout).

Befreien muss ich mich auch von dem, was aus meinem eigenen Inneren kommt und mir die Freiheit nimmt; all das, was mich einsperrt, gefangen hält, auf erniedrigende Weise bindet:

Da sind wohl an erster Stelle die Süchte zu nennen: Alkoholismus, Nikotinsucht, Drogensucht, Esssucht, Arbeitssucht, Sucht nach Stress, Anerkennungssucht, Machtsucht, Sexsucht, Spielsucht…alle Süchte beeinträchtigen die menschliche Freiheit und nehmen uns etwas von unserer Menschenwürde. Toleranzprobleme, Entzugserscheinungen und Willenlosigkeit können die Folge sein.

Welche Süchte kenne ich bei mir selbst?

Unfrei machen uns auch schlechte Gewohnheiten, distanzlose Beziehungen, zerstörerische Bindungen, und besonders unsere Ängste: traumatische Ängste, die wir aus der Kindheit noch mitschleppen, die Angst verlassen zu werden, Bindungsängste, die Angst zu kurz zu kommen oder übersehen zu werden, Versagensängste, Ängste, nicht zu genügen, die Angst vor Krankheit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein und schließlich die Angst vor Sterben und Tod

Was sind meine Ängste, die mich unfrei ( klein, unterwürfig, eng, starr, sprachlos….) machen?

(Literatur zum Thema Angst: A. Grün, Verwandle deine Angst, Ein Weg zu mehr Lebendigkeit- Spirituelle Impulse)

Befreiung gelingt nicht ohne die Begegnung mit dem eigenen „Schatten“, ohne das Wahrnehmen und Anerkennen der eigenen Dunkelheiten, des Unerlösten, unliebsam Verdrängten (Neid, Eifersucht, Geiz, Zorn….) und die Frage wie ich all diese Gefühle verwandeln kann. (zum Thema „Schatten“  empfehle ich das Buch: V. Kast, Der Schatten in uns, Die subversive Lebenskraft, Düsseldorf, Zürich 2000)

Es geht auch darum, in der Erinnerungsarbeit, die Fesseln zu lösen, die Menschen in eine Opferrolle (als Opfer von Verleumdungen, Mobbing, Verletzungen, rufschädigende Behauptungen..) zwingen. Solches „Fesseln lösen“ ist wichtig, damit Opfer nicht selbst durch einen verhängnisvollen Kreislauf, selbst zu Tätern werden. Dazu ist auch Trauerarbeit notwendig, ohne die der Mensch steril und hart wird.(vgl. dazu: A. Grün, Die Fesseln lösen- Wege aus der Opferrolle, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2020; und Verena Kast, Abschied von der Opferrolle. Das eigene Leben leben, Freiburg im Br. 1998, 2013)

Befreiung geht einher, die eigene Lebensgeschichte zu erhellen, die Hindernisse zu enttarnen, und sich mit seiner Biografie auszusöhnen, um sie zu akzeptieren. Ohne dass ich mir selbst und anderen vergeben kann, bleibe ich unfrei. (Zum Thema Vergebung empfehle ich das Buch von Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens, wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden, Herder Verlag 2017)

Befreiung geschieht auch, indem ich mir meine Lebenswunden bewusst mache, den Schmerz des Verschlossenen zulasse, den vergiftenden Hass herauslasse, so dass meine Panzerungen und Verhärtungen weich werden. Ich kann aufatmen, Atemluft (hebr.ruach, griech. pneuma) strömt durch mich hindurch. Es ist als ob nach langen Kerkernächten seelischer Unfreiheit wieder Licht und Wärme meine Seele durchdringen kann.

Freiheit in Sicht, Acryl auf leinwand

Menschen mit einer Behinderung wünschen sich nicht nur, dass die Gesellschaft unnötige physische Barrieren und Hindernisse aus dem Weg räumt, -dies auch- , aber noch mehr,  dass sie mit anderen Augen gesehen werden; mit den Augen des Respekts, der Wertschätzung und einer grundsätzlichen Akzeptanz. Die Barrieren in Kopf und Herz in der Gesellschaft machen behinderte Menschen am stärksten unfrei, und nicht das Angewiesensein auf einen Rollstuhl oder die Hilfe eines Assistenten, – höre ich zumindest immer wieder. Doch es liegt an mir selbst, wieviel Macht ich dem anderen über mich gebe. Ich brauche dem anderen nicht soviel Macht über mich geben, dass er mich demütigen, verletzen, beschämen und dadurch mein Inneres verformen kann. Solche Distanzierung, auch wenn sie meist nicht völlig gelingt, könnte hier den Weg in eine größere Freiheit weisen.

2)Freiheit als  Freiheit zu:

Je mehr ich selbst befreit werde, je weniger Einengungen, Zwänge, Lebensängste, verdüsternde Schatten mein Leben bestimmen, umso deutlicher wirkt mein Befreit-sein auch nach außen; umso stärker wirke ich auch befreiend auf andere. Die eigene Befreiung will sich womöglich entfalten im Befreien all jener, die unterdrückt, gedemütigt, an den Rand geschoben und in materieller und geistiger Unfreiheit ihr Leben fristen müssen. Ein Befreiungskampf für eine gerechtere Welt und Erde, ein Engagement für eine vielfach gedemütigte Schöpfung. Der freie Mensch will die ganze Schöpfung in die geschenkte Weite mit hineinnehmen, Tiere nicht gnadenlos verbrauchen, die Erde nicht maßlos ausbeuten.

(dazu gibt es viele inspirierende Bücher; ich empfehle das Buch von Papst Franziskus, Laudato Si, die Umwelt Enzyklika des Papstes, in dem die ökologischen, sozialen und politischen Zusammenhänge erläutert werden)

Wer innerlich frei ist, kann sich außerdem auch auf sinnvolle Regeln einlassen.

Nicht umsonst steht ziemlich am Anfang der Bibel (im Buch Exodus) eine Gottheit, der sich als Befreier, als Befreiungsgott offenbaren möchte, und uns aus der „Sklaverei“ herausführen will.

Impuls:

Ich könnte einem Freund/-in, Partner/-in, guten Kollegen/-in meine ganz persönliche Geschichte erzählen zum Thema Freiheit/Unfreiheit oder sie in mein Tagebuch aufschreiben.

Ich könnte einen Punkt , der mich besonders angesprochen hat , wie z.B. Sucht, Angst, Schatten, Opferrolle…. für mich persönlich vertiefen, indem ich ein entsprechendes Buch lese und/oder mich mit jemanden darüber austausche.

Gustav Schädlich-Buter

Solidarität angesichts Corona- ein mahnender Zwischenruf

Corona trifft mitten hinein in einen Zeitgeist, bei dem immer mehr Akteure auf politischer und privater Ebene  nur noch ihre Eigeninteressen verfolgen und jeder meint, er müsse zuerst und allein  wieder „groß“ werden: meine Karriere, mein Ego , meine  Nation („America first“), meine  Partei, meine Gruppe, müssen  Vorrang haben; dass einige dabei im politischen Geschehen auch in Deutschland vor schändlichen Machtspielen ohne Moral und Anstand nicht haltmachen, haben wir in Thüringen gesehen. Politische und wirtschaftliche Eigeninteressen gewinnen zunehmend die Oberhand über das Gemeinwohl.

Die große Idee der Solidarität, von der Arbeiterbewegung des 19.Jahrhundert´s und der christlichen Soziallehre eingefordert, scheint sich immer mehr zu Gunsten von Egoismus, Eigennutz, rücksichtloser Verfolgung eigener Interessen, verbunden mit einer Ausbeutung der Natur, aus Kopf und Herz der Menschen (besonders der reichen westlichen Welt) zu verflüchtigen. Das Recht des Stärkeren und des gefüllten Geldbeutels bestimmen zunehmend den Lauf der Welt. Geld, Statussymbole, Erfolg, persönliches Glück und Lusterleben werden zu obersten Zielen in einer kapitalistischen Geisteshaltung vermarktet , ohne Rücksicht auf die vorhandenen Ressourcen der Erde. Papst Franziskus mahnt in seiner Enzyklika „Laudato Si“ mit Recht an : „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten…Es wird unerlässlich, ein Rechtssystem zu schaffen, das unüberwindliche Grenzen enthält und den Schutz der Ökosystem gewährleistet, bevor die neuen Formen der Macht, die sich von dem techno- ökonomischen Paradigma herleiten, schließlich nicht nur die Politik zerstören, sondern sogar die Freiheit und Gerechtigkeit.“ (B 53)

Die entgrenzte Produktion im vergötterten, sich autonom gebärdenden Markt, der seine Dienstfunktion verloren hat, korrespondiert mit einem entgrenzten Selbst, das jegliches Maß verloren hat, (und dies auch bezüglich der ausufernden Kommunikation  und Selbstdarstellung innerhalb der sozialen Medien.)

Leben wir nicht zunehmend in einer Welt voller Konsumgüter, die Habgier, Konkurrenzdenken, Abgrenzung  und Äußerlichkeiten schüren, und die uns zugleich innerlich immer mehr entleeren, seelisch verwüsten und uns in eine falsche Richtung locken. Mittel wie Geld und Erfolg werden zu obersten Zielen menschlichen Glücks erklärt. Ziele werden suggeriert, die keinen Stillstand, keine Unterbrechung zulassen, und uns in eine gesellschaftliche Dynamik hineinkatapultieren, auf der hitzigen Suche nach immer neuen Gewinnmöglichkeiten, nach dem neuesten Kick, oder der noch besseren Party, um ja nichts zu verpassen und womöglich den Kürzeren zu ziehen. Dabei ist offensichtlich, dass die Verschwendungssucht und Konsumorientierung der westlichen Welt mit Situationen von extremer Armut und Entmenschlichung in vielen Teilen dieser Welt kontrastieren.

Zudem scheint die atemlose Hektik der Menschen mit der zunehmenden Luftverschmutzung zu korrespondieren. Es gibt Meldungen, dass mit Corona in China`s großen Städten, endlich der Himmel wieder sichtbar wird, oder dass die Gewässer in den Lagunen Venedigs wieder klarer werden. Manche sprechen sogar vom Ökovirus, das in Kürze das bewirkt, was die grüne Bewegung (samt Fridays for future) nicht geschafft hat: keine Fern- und Urlaubsreisen reisen mehr mit dem Flugzeug, keine Luxusreisen mehr mit Kreuzfahrtschiffen, keine ausgedehnten Shoppingtouren; Politiker verhandeln mit Hilfe von Videokonferenzen, das Auto bleibt in der Garage, Klassenabschlussfahrten ins In- und  Ausland wurden abgesagt, keine großen Handelsmessen…..das Klima zumindest verbessert sich. Ob sich auch das Klima zwischen den Menschen verbessern wird, wird sich noch zeigen.

Vor dem Coronavirus war eine erschreckende Zerrissenheit auch innerhalb des deutschen Volkes 1) zu beobachten; ein großes Gegeneinander, ein sich Missverstehen-wollen, ja sogar Hass , Verleumdung, Drohung, Bashing, Mobbing, was oft in  annonyme Weise über das Netz und die sozialen Medien geschah, war zu beobachten; es schien als ob der soziale Kitt sich zunehmend auflösen würde und dieser Zerfallsprozess sich weder von politischen noch kirchlichen Appellen stoppen ließe. Viele vereinzelte Ich´s, die durch Ängste oder durch kurzfristige Moden manipuliert und in ihrer Einstellung auf die Durchsetzung der Eigeninteressen focusiert sind, lassen sich halt schwer für etwas Übergreifendes, Überindividuelles und Gemeinschaftliches begeistern, das nicht der persönlichen Bedürfnisbefriedigung dient. Dies betrifft sowohl die persönliche wie die nationale Ebene. Einem „Ich“, das die Selbstverwirklichung und die Befriedigung der Eigeninteressen an die erste Stelle setzt, ist ein „Wir“, bei dem es ums Teilen und solidarisches Engagement geht, das womöglich auch Opfer und Einschränkung verlangt wie ein Stachel im eigenen Fleisch. Oder anders gesagt, eine hyper-individualiserte Gesellschaft hat das Glück und den Horizont gemeinschaftlichen Lebens weitestgehend verloren. Europa hat es nicht zu einer Einheit geschafft was die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft und auch die Vereinten Nationen sind alles andere als eins. Der sinnvolle Versuch nach zwei Weltkriegen eine internationale Architektur des Friedens über Regeln und Verträge herzustellen, wird zunehmend durch autokratisch agierende Präsidenten und Machthaber ausgehebelt.

Metanoia-Umkehr

Ob die Corona Epidemie uns zu mehr Sorge für das Gemeinwohl, eine Praxis des Teilens und Füreinander- Sorgens antreibt oder die egoistisch und auf Eigeninteressen reduzierte Geisteshaltung befördert, steht noch aus. Beides lässt sich im Moment beobachten.

Doch wie können wir in einer entfesselten Konsumgesellschaft und einer egomanischen Geisteshaltung einen Sinn für Solidarität, für Miteinander und Teilen zurückgewinnen? Hilft uns Corona dabei oder verstärkt es die Abgrenzungstendenzen? Lernen wir mit Corona wieder die Rückgewinnung alter Tugenden wie die des Maßhaltens und der klugen Selbstbegrenzung, die darauf verzichtet, die Erde maßlos auszubeuten? Hilft uns diese Epidemie wieder zum Wert echter mitmenschlicher Begegnung zurück zu finden? Fangen wieder an über den Sinn und wahren Wert des Lebens nachzudenken, kommen wir zur Besinnung und fangen wir an, etwas zu verändern?

Oder wird das Virus das Gegenteil bewirken?

Der christliche Begriff vom „Reich Gottes“ zielt zumindest auf eine Realität, in der es anders sein soll (Mk 10,43)als wir tagtäglich erleben , wo einer den anderen übervorteilt oder unterdrückt; wir sollen einander dienen, einander helfen und nicht hängen lassen,  einander die Füße waschen und nicht den Kopf, füreinander dasein. Und „wer bei euch der Erster sein will, soll der Sklave aller sein“(Mk 10,44), sagt es die biblische Sprache in drastischer Weise.

Doch um nicht bei dieser eher sorgenvollen Bestandsaufnahme stehen zu bleiben, einige konkrete Beispiele, die ich im Internet fand, wie jetzt im Moment schon Menschen Solidarität angesichts von Corona üben:

Zu Hause zu bleiben kann langweilig werden – trotzdem das Gebot der Stunde, um der Ausbreitung des Coronavirus Herr zu werden. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen zu sensibilisieren und so die Sars-CoV-2 Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch zu Hause zu  bleiben, ist  eine Form der Solidarität , die vehindert ältere, besonders gefährdete  und vorbelastete Menschen zu infizieren.

Eine Supermarktkette in Australien öffnet ihre Läden wegen der Corona-Pandemie am Morgen vorerst eine Stunde pro Tag ausschließlich für Senioren. Täglich zwischen 07.00 und 08.00 Uhr morgens dürften nur über 60-Jährige und Menschen mit Behinderung die Läden besuchen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit.

In Schottlands Hauptstadt Edinburgh verteilt Supermarktbesitzer Zahid Iqbal gratis Survival-Packs an Ältere und besonders gefährdete Mitmenschen. Drin ist: eine Rolle Klopapier, Desinfektionsseife, Taschentücher und eine Packung Paracetamol.

Freiwillige organisieren Hilfe und nützen dazu Facebook – mit großem Erfolg! Am Freitag gründete Lea Welling (33) die Gruppe „Corona-Hilfe Würzburg und Umgebung“. 24 Stunden später hat sie bereits über 1.000 Mitglieder. Mittlerweile haben sich ähnliche Gruppen für die Regionen Main-Spessart, Kitzingen und Schweinfurt gegründet.

Der Kunststudent Gregory Borlein bringt es mit einem Graffito im Münchner Schlachthofviertel auf den Punkt: „The Corona Virus is a Wake up Call and our Chance to built a new and loving Society“. Das Coronavirus ist ein Weckruf und unsere Chance auf eine neue, liebevolle Gesellschaft.

Italien macht schwere Tage durch: Viele Erkrankte, viele Tote, das ganze Land ist in Quarantäne und praktisch lahmgelegt. Doch die Menschen trotzen der Krise. Sie singen und tanzen gegen das Coronavirus an – wie hier in Neapel mit dem in der sizilianischen Stadt populären Lied „A città ‚e Pulecenella“.

In sozialen Medien haben zahlreiche Nutzer daher eine Solidaritätsaktion gestartet, um genau diesen Menschen zu helfen. Unter #NachbarschaftsChallenge posteten viele Hilfsangebote, die sie in ihren Wohnhäusern aushängen: „Wir gehören nicht zur Risikogruppe und können somit unter die Arme greifen, falls benötigt.“

Die Tafeln, die in Deutschland 1,6 Millionen Bedürftige mit Essen versorgen, haben unter den Hamsterkäufen wegen des Coronavirus gelitten. Deren Vorsitzender hat eine große Bitte: „Es gibt wieder genug in den Supermärkten. Es wäre gut, dass man einen Teil des gehorteten Mehls oder der vielen Nudeln zur örtlichen Tafel bringt. Wir sollten die im Blick haben, die sowieso schon zu wenig haben

»Seid ihr krank, in Quarantäne oder von den Auswirkungen stärker betroffen und gefährdet, zum Beispiel, weil ihr wohnungslos, alt, vorerkrankt seid? Leidet ihr an Immunschwäche? Habt ihr Kinder, braucht ihr Hilfe beim Einkauf, jemanden zum Reden? Dann schreibt hier« – so lautet in etwa die Zusammenfassung, die »Neukölln Solidarisch« regelmäßig immer wieder postet, damit auch alle Menschen verstehen, um was es hier geht: Vor allem diejenigen zu unterstützen, die nicht wissen, wie sie die Herausforderungen der kommenden Wochen bewältigen sollen.

Solidarität kann auch im Gebet geübt werden, gerade für jene, die durch das Virus schwer erkrankt sind und für jene, die als Ärzte und Pflegekräfte im Moment auf`s Äußerste gefordert sind.

1) das Wort  „Volk“ ist ambivalent, da für nationalistische und rassistische Zwecke mißbraucht, aber in diesem Zusammenhang aussagekräftiger als der emotionsfreie Begriff Gesellschaft)

Gustav Schädlich-Buter

Aschenerfahrung

Im kirchlichen Raum ist der Beginn der Fastenzeit durch das Ritual der Aschenauflegung markiert. Dem Gläubigen wird dabei ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet mit den Worten: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Die Symbolhandlung mit der „Asche“ weist auf eine Grunderfahrung des Menschen, die in unserer kapitalistischen Wertewelt des Aufstiegs, der Stärke, Effizienz und Schönheit zunehmend verdrängt wird: Sterben, Vergänglichkeit, Scheitern, Trauer, Niederlagen und Leiden gehören zum menschlichen Leben.

Ohne die Erfahrung des „Abstiegs“, ohne zu erfahren, dass das menschliche Leben mit Wunden, Enttäuschung und Grenzen verbunden ist, dass es körperliche und geistige Krankheit ebenso gibt wie Lethargie und Unglück aller Art, wird der Mensch, zumal der junge Mann, der Gier eines grenzenlosen „Mehr“ auf allen Gebieten ausgeliefert sein. Ein nirgendwo mehr sein Maß findendes Individuum führt zu einer gnadenlos unbarmherzigen Gesellschaft, in dem das Recht der Starken und Stärksten keinen Platz lässt für schwaches, krankes und behindertes Leben und für zwischenmenschlichen Beziehung außerhalb der Ebenen von Geschäft und Gegengeschäft.

Überall auf der Welt werden inzwischen „Türme“ gebaut „mit einer Spitze bis zum Himmel“(Gen.11,4), um sich damit einen Namen zu machen. Profilierungssucht lässt Menschen nach Öffentlichkeit gieren, wobei die innere Sehnsucht nach Anerkennung oftmals ungestillt bleibt. Junge Männer sind beim „Turmbau“ besonders gefährdet (aber inzwischen scheinen immer mehr Frauen derselben Täuschung zu unterliegen), der immer mit Aufstieg, Effizienz, Leistung, Selbstdarstellung und Macht zu tun hat. Der „Aufstieg“ als das gängige Machtmuster ist weit verbreitet und entspricht wohl dem männlichen Instinkt. Die wenigsten von denen, die „vorne dran sind“ ahnen, dass sie mehr als alle anderen in Illusionen und verlogene Muster verstrickt sind: unechter Erfolg, unechte Macht und unechte Sexualität. Dabei verbrauchen sehr viele Männer (und das ist in der Geschichte völlig neu)ihre Kraft und Energie nicht dafür, um etwas herzustellen (als Handwerker, Schuster, Maurer…) oder für den Aufbau einer besseren Welt (für ihre Nachkommen), sondern sie machen Geld, das für sich genommen eine reine Fiktion ist.

Aschenerfahrung, Acryl auf Leinwand

 (Sogenannte „Profitjunkies: Geld hebt die Stimmung, also kann süchtig machen. Wie bei jeder Droge muss die Dosis gesteigert werden, um das Hochgefühl wieder zu erreichen. Doch die Abhängigkeit führt nicht in die Gosse, sondern an die Spitze der Gesellschaft. Erfolgreich ist, wer sich das kaufen kann, was ihn als zugehörig ausweist, dafür kann er nie genug Geld haben.“ Eleni Adamidu, in: Biss, Bürger in sozialen Schwierigkeiten, 2/2008)

Die Energie, die für das Leben eingesetzt werden will, wird für das eigene Ego, den persönlichen Erfolg und das private Sicherungsbedürfnis verwendet. Viele dieser Männer (und immer mehr Frauen) sind außerhalb jeder sozialen und spirituellen Verbindlichkeit ausschließlich von ihrem privaten kleinen Ego geleitet. Auch wenn es nicht darum geht das Geld an sich zu verurteilen, so hat es als ausschließlicher Wert genommen doch die Tendenz die Maske zu verstärken und Menschen innerlich auszuhöhlen. (vgl. A. Grün in SZ vom 8.2.08; Nr33/S.33)

Die spirituelle Erfahrung, durch welche ein Mann seine Kraft und Wichtigkeit im Hier und Jetzt erfährt, scheint weitgehend verschüttet gegangen und ersetzt durch hohle Machtspiele und leere Statussymbole. Der Zugang zu inneren Werten, zur Gefühlswelt, die Sorge um die Familie ist dabei vielfach verloren gegangen und durch „Marktwerte“ ersetzt.

Aufstiegs-, Macht- und Karrierestreben finden wir auch in der Kirche, obwohl das Ostermysterium von Tod und Auferstehung uns eines Besseren belehren könnte; und wer zur Rechten und zur Linken sitzen will, muss den Becher trinken können, den er (Jesus) trinkt. (vgl. Mk 10, 37-39) Die spirituelle Krise des Mannes ist an allen Ecken augenfällig sichtbar. Wer viele Jahre seines Lebens für Aufstieg und Selbstdarstellung verwendet hat, der wird sich von einem Aschenkreuz, das auf die Notwendigkeit des Abstiegs und der Demut weist, nicht wirklich betreffen lassen. Er wird die Weisheit nicht annähernd verstehen, die im paulinischen Paradox steckt , „dass ich stark bin, wenn ich schwach bin.“(2 Kor.12, 10).

Urvölker auf der ganzen Welt, wussten zu allen Zeiten, dass vor allem junge Männer, die weder die Schmerzen der Menstruation noch der Geburt erleben,  den „Pfad des Abstiegs“(R.Rohr) gelehrt werden müssen; denn das Leben selbst initiiert nur manchmal durch Krankheit , Niederlage und wenn sich die „Träume“ in Asche auflösen.

 Die Initiationsrituale hatten folgenden Sinn: (1)das Machtstreben des jungen Mannes sollte gereinigt werden, dass er fähig wird seine Kraft jenseits egoistischer Ziele einzusetzen. (2) Sein Blick sollte vom Außen auf die Welt des Inneren gelenkt werden: Wer bin ich ? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wofür ist mein Leben gut? (was ist mir wirklich wichtig und „wert“-voll? Woran möchte ich mich orientieren? Wohin zieht mich meine Sehnsucht?) (3)Der Initiand sollte einen angemessenen Platz im Stamm (in der Gesellschaft und Welt) erhalten. 

Gerade das Aschermittwochsritual sei eines der direktesten Reste ursprünglich brutal ehrlicher Initiation, wobei sich der Initiand nackt in schwarzer Asche zu wälzen hatte und Asche essen (vgl. R. Bly, Eisenhans, München 1991, S. 118 f.), um die Notwendigkeit des Sterbens am eigenen Körper zu spüren und sich der Trauer und des „Schattens“ inne zu werden. „Der naive Mann, der genau auf die Sonne zufliegt (wie Ikarus, d.V.) kann seinen eigenen Schatten nicht sehen. Er ist weit hinter ihm. In der Katabasis (Abstieg) holt er ihn ein.“ (vgl. a.a.O., S.115) Ohne die Erfahrung der Asche bleiben wir auch geistig in einer unerwachsenen Welt voller Einkaufszentren, Vergnügungsparks und Disneyland- und Wellnesskulturen gefangen.

Freundlichkeit

Gerade, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir bedrückt, traurig oder mutlos gestimmt sind, dann tun uns freundliche Menschen gut. Echte Freundlichkeit geht zu Herzen, wärmt, baut auf, macht eine innere Zuneigung sichtbar, erfüllt die Sehnsucht, einen Freund, eine Freundin auf dieser Welt zu heben . Entgegenkommende Freundlichkeit sagt uns, da ist jemand, der Interesse an mir hat. Freundliche Augen sagen mir, dass es gut ist auf dieser Welt zu sein, dass ich bejaht bin, dass ich verbunden bin mit anderen und von diesen anerkannt. Freundliche Worte trösten und geben neuen Lebensmut. Menschen, die schon als Kinder abgelehnt, beschimpft und „fertig“ gemacht wurden, tun sich freilich schwer, so einen wohlmeinenden und freundlichen Tiefenstrom der eigenen Existenz zu spüren. Um wieder heil zu werden, brauchen sie besonders viel freundliche Zuwendung.

Im Paradiesgarten, Acryl auf Leinwand

Schon die Antike sah die Freundlichkeit als eine Tugend, die den menschenerst zu einem sozialen Wesen macht. Der Philosoph Aristoteles schreibt in seinem Ethikbuch: „Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoß an ihm nimmt. „ (Aristoteles, 1985: Nikomachische Ethik, übers.: Rolfes, Eugen. 1126b27 ff.)

Nicht immer ist es leicht heraus zu finden, ob die uns entgegengebrachte Freundlichkeit echt ist, uns wirklich meint, oder nur ein Trick ist. Die Verkaufs- und Werbepsychologie , lehrt und trainiert die inzwischen verlorene Tugend der Feundlichkeit wieder künstlich zurück zu gewinnen. Lach- und Lächeltrainings zum Beispiel sollen den Strategen dabei helfen, die Kauflust zu vergrößern, um höhere Gewinne und individuelle Vorteile zu erzielen. Freundlichkeit wird zum Trick im Dienste des finanziellen Erfolges.

Doch echte Freundlichkeit ist nicht taktisch und berechnend, sondern bedingungslos, ja „arglos“ (ohne berechnende Hintergedanken), von Herzen kommend, aus einem freundlichen „Grund“ meines Daseins emporsteigend. Nicht immer gelingt es uns freilich, auf echte Weise freundlich zu sein; manche überfordern sich auch in ihren beruflichen Rollen als Seelsorger, Psychologen, Coaches, Helfende mit dem Ideal anderen stets freundlich, gutgelaunt und höflich zu begegnen. Übertriebene Freundlichkeit versteckt nicht selten einen aggressiven Schatten, verdrängt vorhandene Konflikte, oder will etwas für den eigenen Nutzen etwas erreichen. Freundlichkeit bedeutet zudem auch nicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nicht alles, was mir begegnet, kann ich freundlich beantworten.

In der christlichen Theologie ist davon die Rede, dass Menschenfreundlichkeit und Güte Attribute Gottes sind, welche die Glaubenden durch ihr Leben zum Ausdruck bringen sollten. Die Gefahr bestand allerdings schon in den frühen Christengemeinden darin, dass Freundlichkeit moralisch aufgedrängt und verordnet wurde, auf eine Benimmregel reduziert wurde, die nicht einer inneren Freude und Heiterkeit entsprang; doch eine bloße Pflichterfüllung, womöglich vorhandene Konflikte vermeidend, ist heuchlerisch und unecht. Wenn wir spüren, dass der andere nur „nett“ ist, weil er muss, bringt uns das ganz schnell auf innere Distanz.

Bei allen Vorbehalten, die Grundsehnsucht nach Freundlichkeit, nach einer freundlichen Welt, nach freundlichen Menschen, steckt wohl in uns allen und hat, falls wir sie auf echte Weise erleben, die Fähigkeit, Hass und Boshaftigkeit in uns zu überwinden. Echte Freundlichkeit wirkt heilend und verweist auf einen grundsätzlich freundlichen „Grund“ unserer Welt.

 Impuls:

Jede und jeder kann sich auch fragen: Wie freundlich gehe ich mit mir selbst um? (wo überall zwinge und überfordere ich mich; schleppe ich mich krank zur Arbeit..?)

Wie freundlich schaue ich auf mein Leben? (Würdige es herab als einzige Niederlage, lebenspfusch oder kann ich mit freundlichen Augen auf ,ein Leben mit Licht- und Schattenseiten schauen)?

Wie freundlich gehe ich mit meinen KollegInnen und Kollegen um? Gustav Schädlich-Buter

Demut

Demut- lohnt es sich über dieses altmodische, altbackene und frömmlerische Wort etwas zu sagen? Demut – das ist doch ein Wort, das nahezu aus unserem Wortschatz gestrichen ist, ein Wort, mit dem die wenigsten heute noch etwas anfangen können. Demut – das riecht doch nach Selbstverneinung von Menschen ohne Selbstwertgefühl oder nach religiös verkleidetem Egoismus; da steckt doch ein große Portion moralischer Stolz drin, letztlich doch besser zu sein als der Rest der „Welt“. Tatsächlich scheint es so, dass wir einen zentralen christlichen Grundbegriff nahezu völlig durch Missbrauch verloren haben. Auch wenn schon zu früheren Zeiten, sogar Kirchenväter wie Johannes Chrysostomos, vor falscher Selbsterniedrigung gewarnt haben.

Demut ist vielmehr die innere Haltung, die mich ermuntert meine Talente nicht selbstsüchtig zur eigenen Ehre und als Besitz zu gebrauchen, sondern sie zum Wohle anderer einzusetzen. Demut ist aber auch die Haltung; durch die ich bereit bin, mich meinen Schattenseiten zu stellen, dem Unansehnlichen und Hässlichen meiner Existenz statt mich selbstgerecht mit dem Idealbild meiner selbst zu identifizieren. Nur wer um seine Schwächen weiß, ist bereit sich der Barmherzigkeit Gottes auszuliefern. Die demütige Annahme der eigenen Begrenztheit führt dann zur Gelassenheit sich selbst gegenüber, zur Toleranz anderen gegenüber und zum Humor. Demut kommt ja vom lateinischen Wort „humilitas“; dieses Wort hat mit Humus, der Erde, „aus der der Mensch gemacht ist und zu der er zurückkehren wird. Wer um sich als „Erdling“ weiß und sich als Geschöpf Gottes versteht, braucht sich nicht über andere Menschen und die Natur zu erheben. Respekt vor der Würde des anderen Menschen, Respekt vor der Natur, vor ihrer Mächtigkeit, Ehrfurcht vor ihrer Schönheit wird sich aus einer solchen Haltung der Demut ergeben.

Wenn Demut etwas mit Erdhaftigkeit und Niedrigkeit zu tun hat, dann bedeutet demütig sein, das zu sehen, was „unten“ ist: das einsame, verlassene und ängstliche Kind in meiner eigenen Seele , welches bei meinem Karriere- Höhenflug (oder bei meiner konsequenten Lebensplanung..) auf der Strecke geblieben ist; oder ich sehe den Rollstuhlfahrer und meine eigene Behinderung, das kleine Kind, die Blume am Wegesrand oder den Kollegen, der leidet, weil seine Frau ins Krankenhaus musste. Wer sich klein macht und nach unten beugt, kann manches sehen, was ihm vorher entgangen ist, ähnlich einem Autofahrer, der nachts von der Autobahn abfährt , seinen Motor abstellt und in einer stillen Waldlichtung zum Sternenhimmel schaut. Eine neue Welt kann sich auftun. Demut ist eine Bewusstseinshaltung, in der ich spüre: „Ich bin ein bescheidener Teil des großen Kosmos“, „Ich bin Teil eines viel größeren Ganzen“. Und hat nicht die Überheblichkeit und Respektlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur und die Ausbeutung derselben viele Naturkatastrophen der letzten Jahre (Rinderwahnsinn, Klimaerwärmung, Orkane, Tsunamis, …) verursacht?

Demut ist der Gegenbegriff zur Hybris menschlicher Selbstbezogenheit und Ichsucht, die sich in Habsucht, Machtsucht und Ehrsucht, Stolz und Ehrgeiz (vgl. Franz Jalics) zum Ausdruck bringt. Ichsucht macht beziehungslos; nicht wenige Psychologen glauben, dass die Krankheit unserer westlichen Gesellschaft die Beziehungslosigkeit sei. Kälte, Unbarmherzigkeit und Brutalität werden dadurch zunehmen. Die Tugend der Demut dagegen bringt uns in Beziehung, denn ich weiß, dass mein Instrument und meine Stimme sind Teil eines großen Orchesters. Ich brauche all die anderen.

Demut ist die Kraft und Energie mit der sich der Mensch an die Liebe verliert: Hingabe, Dienstbereitschaft, Schenken-können, Anbetung, Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur können daraus erwachsen. Impulse •Welche Erfahrungen meines Lebens haben mich demütig werden lassen? •In welchen Bereichen meines gegenwärtigen Lebens brauche ich den Mut zur Demut?

Literatur •Anselm Grün, Demut und Gotteserfahrung, Münsterschwarzach 2012

Ruhe

Unsere Lebens- und Arbeitsgeschwindigkeit hat sich im Vergleich zu früheren Generationen vervielfacht. Immer mehr Möglichkeiten stehen dem Menschen zur Verfügung, um Zeit einzusparen. Und dennoch sagen immer mehr Menschen: „Ich habe keine Zeit! Wer keine Zeit mehr hat, fühlt sich ruhelos, unruhig, angetrieben, hektisch, gehetzt und nervös; nie ist er zufrieden mit sich und seiner Welt……. Es gibt immer noch etwas zu tun, zu verbessern und zu verändern. Äußerliches Gehetzt-sein bei gleichzeitiger innerer Leere gilt auch als ein Anzeichen einer Burnout-Erkrankung.

Ruhelose Menschen sind selten beim eigenen Herzen, immer irgendwie veräußerlicht, besonders durch die von allen Seiten herandrängenden medialen und digitalen Reize in Beschlag genommen, so dass die eigene Innerlichkeit und das Gespür für das Eigenen immer mehr abhanden kommt. Kein Wunder, dass dabei die Seele als Resonanzraum zunehmend verkümmert. Ruhelose Menschen verlieren nicht nur die Fähigkeit nach innen zu spüren, sondern auch all das, was man als passiven Tugenden bezeichnen kann wie Geduld, Empathie und Hörfähigkeit. Weil ruhelose Menschen gern von einem Reiz zum nächsten springen, kann sich Gelesenes und Gehörtes kaum setzen, vertiefen oder gar ins eigene Herz drängen. Demgegenüber sagte Ignatius von Loyola(1491-1556): „Nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.“

Stille, Schweigen und Ruhe hängen zusammen; während die Stille zunächst äußerlich sein kann,- die Stille im Wald oder in einer Kirche-, ist das Schweigen ein aktives Tun und die bewusste Entscheidung, den Mund zu halten; die Ruhe im Herzen ist das angestrebte Ziel.

Wer die Meditation als Weg wählt, um zur Ruhe zu kommen, muss aber zunächst damit rechnen, dass womöglich eine Menge angestauter Stress, Ängste und Negatives an die Oberfläche kommt. Dieses Zurückgeworfen-werden auf sich selbst, macht auch vielen Angst. Da könnte ja etwas hochkommen, was mir unangenehm ist oder mich durcheinander bringt, die Gewohnheitsblase sprengt oder mir sagt, dass ich an meinem Leben vorbeilebe. Deshalb wird Meditierenden geraten, den aufsteigenden Gedanken und Bewertungen nicht zuviel Macht einzuräumen, die Gedanken immer wieder loszulassen und sich mit dem eigenen Atem zu verbinden. Anselm Grün empfiehlt zudem, sich von der Vorstellung leiten zu lassen, dass unterhalb all des Chaos ein Raum der Stille ist, zu dem niemand anderes Zutritt hat. Meditation kann in diesen inneren Raum führen.

Auch die Natur kann gestressten und getriebenen Menschen helfen zur Ruhe zu kommen; wer an einem Bach oder Fluss entlang wandert(oder sitzt), kann mit dem Strömen des Wassers spüren wie sich eigene Blockaden lösen; wer in der Stille des Waldes die Ohren spitzt, kann vielfältige Vogelstimmen hören, die eine unruhige Seele beruhigen können.

Wer Gartenarbeit macht und in der Erde gräbt, kann zwanghafte Gedanken loswerden und wieder bodenständig werden. Wer im Schatten eines Baumes sitzt, kann die Zeit genießen, einmal nichts tun oder leisten zu müssen.

Manche Menschen kommen auch zur Ruhe und erkennen sich selbst vertieft wieder im kreativen Tun, beim Malen, Musizieren oder Gestalten; die Seele drückt sich aus im geschaffenen Werk, findet sich wieder in der Klangfolge eines Musikstückes…. Für manche ist Lesen guter Literatur oder Lyrik ein Weg, um zur Besinnung zu kommen und aus dem Hamsterrad der Arbeit einmal auszusteigen. Besonders Lyrik, kurze Verse, womöglich nur einzelne Wörter laden zu längerer Betrachtung ein, führen zum Nachdenken, zur Innerlichkleit.

Die ersehnte Ruhe hat immer auch eine religiöse Dimension. In der Schöpfungsgeschichte heißt es von Gott, dass er am siebten Tag seines Schöpfungswerkes ruhte, und sich an dem freute , was er erschaffen hatte (Genesis 2, 3); und dieser Gott will sein ganzes umherirrendes und wegloses Volk in seine Ruhe führen (Hebr 4, 1-11) und in Psalm 23 ist sich der den Betende sicher, von Gott zu einem „Ruheplatz am Wasser“ geführt zu werden. Der Schöpfungsmythos macht uns jedenfalls darauf aufmerksam, dass das Leben aus Rhythmen besteht, – Anspannung und Entspannung, Schaffen und Ruhen- , die zu beachten, uns gut tun.

Ein Siebtel unserer Lebenszeit soll der Ruhe gewidmet sein, dem Aussteigen aus dem Korsett der Pflichten und Anforderungen; Ruhezeit, in der ich nichts „erledigen“, planen oder voranbringen muss. Zeit zum zweckfreien Schauen, Zeit für absichtslose, liebevolle Begegnungen und zur Muße. Schon in dieser Welt müssen wir Menschen immer wieder ausruhen können von den Lebenskämpfen, Anstrengungen und Belastungen des Lebens. Und es gilt in heilsamen Ritualen, schon jetzt etwas von dieser lebendigen „ewigen Ruhe“ spüren zu lernen, die uns Gott auch am Ende unseres Lebens versprochen hat. Gerade die Urlaubszeit könnte Gelegenheit sein, nach dieser lebendigen und ausstrahlenden Ruhe zu suchen.

Literatur zur Vertiefung: Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 1994 (Für Meditation), Meinrad Dufner, Schöpferisch sein, Münsterschwarzach Bd 136 (Kreativität als spiritueller Weg), Anselm Grün, Der Anspruch des Schweigens, Münsterschwarzach 2003