Demut

Demut- lohnt es sich über dieses altmodische, altbackene und frömmlerische Wort etwas zu sagen? Demut – das ist doch ein Wort, das nahezu aus unserem Wortschatz gestrichen ist, ein Wort, mit dem die wenigsten heute noch etwas anfangen können. Demut – das riecht doch nach Selbstverneinung von Menschen ohne Selbstwertgefühl oder nach religiös verkleidetem Egoismus; da steckt doch ein große Portion moralischer Stolz drin, letztlich doch besser zu sein als der Rest der „Welt“. Tatsächlich scheint es so, dass wir einen zentralen christlichen Grundbegriff nahezu völlig durch Missbrauch verloren haben. Auch wenn schon zu früheren Zeiten, sogar Kirchenväter wie Johannes Chrysostomos, vor falscher Selbsterniedrigung gewarnt haben.

Demut ist vielmehr die innere Haltung, die mich ermuntert meine Talente nicht selbstsüchtig zur eigenen Ehre und als Besitz zu gebrauchen, sondern sie zum Wohle anderer einzusetzen. Demut ist aber auch die Haltung; durch die ich bereit bin, mich meinen Schattenseiten zu stellen, dem Unansehnlichen und Hässlichen meiner Existenz statt mich selbstgerecht mit dem Idealbild meiner selbst zu identifizieren. Nur wer um seine Schwächen weiß, ist bereit sich der Barmherzigkeit Gottes auszuliefern. Die demütige Annahme der eigenen Begrenztheit führt dann zur Gelassenheit sich selbst gegenüber, zur Toleranz anderen gegenüber und zum Humor. Demut kommt ja vom lateinischen Wort „humilitas“; dieses Wort hat mit Humus, der Erde, „aus der der Mensch gemacht ist und zu der er zurückkehren wird. Wer um sich als „Erdling“ weiß und sich als Geschöpf Gottes versteht, braucht sich nicht über andere Menschen und die Natur zu erheben. Respekt vor der Würde des anderen Menschen, Respekt vor der Natur, vor ihrer Mächtigkeit, Ehrfurcht vor ihrer Schönheit wird sich aus einer solchen Haltung der Demut ergeben.

Wenn Demut etwas mit Erdhaftigkeit und Niedrigkeit zu tun hat, dann bedeutet demütig sein, das zu sehen, was „unten“ ist: das einsame, verlassene und ängstliche Kind in meiner eigenen Seele , welches bei meinem Karriere- Höhenflug (oder bei meiner konsequenten Lebensplanung..) auf der Strecke geblieben ist; oder ich sehe den Rollstuhlfahrer und meine eigene Behinderung, das kleine Kind, die Blume am Wegesrand oder den Kollegen, der leidet, weil seine Frau ins Krankenhaus musste. Wer sich klein macht und nach unten beugt, kann manches sehen, was ihm vorher entgangen ist, ähnlich einem Autofahrer, der nachts von der Autobahn abfährt , seinen Motor abstellt und in einer stillen Waldlichtung zum Sternenhimmel schaut. Eine neue Welt kann sich auftun. Demut ist eine Bewusstseinshaltung, in der ich spüre: „Ich bin ein bescheidener Teil des großen Kosmos“, „Ich bin Teil eines viel größeren Ganzen“. Und hat nicht die Überheblichkeit und Respektlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur und die Ausbeutung derselben viele Naturkatastrophen der letzten Jahre (Rinderwahnsinn, Klimaerwärmung, Orkane, Tsunamis, …) verursacht?

Demut ist der Gegenbegriff zur Hybris menschlicher Selbstbezogenheit und Ichsucht, die sich in Habsucht, Machtsucht und Ehrsucht, Stolz und Ehrgeiz (vgl. Franz Jalics) zum Ausdruck bringt. Ichsucht macht beziehungslos; nicht wenige Psychologen glauben, dass die Krankheit unserer westlichen Gesellschaft die Beziehungslosigkeit sei. Kälte, Unbarmherzigkeit und Brutalität werden dadurch zunehmen. Die Tugend der Demut dagegen bringt uns in Beziehung, denn ich weiß, dass mein Instrument und meine Stimme sind Teil eines großen Orchesters. Ich brauche all die anderen.

Demut ist die Kraft und Energie mit der sich der Mensch an die Liebe verliert: Hingabe, Dienstbereitschaft, Schenken-können, Anbetung, Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur können daraus erwachsen. Impulse •Welche Erfahrungen meines Lebens haben mich demütig werden lassen? •In welchen Bereichen meines gegenwärtigen Lebens brauche ich den Mut zur Demut?

Literatur •Anselm Grün, Demut und Gotteserfahrung, Münsterschwarzach 2012

Ruhe

Unsere Lebens- und Arbeitsgeschwindigkeit hat sich im Vergleich zu früheren Generationen vervielfacht. Immer mehr Möglichkeiten stehen dem Menschen zur Verfügung, um Zeit einzusparen. Und dennoch sagen immer mehr Menschen: „Ich habe keine Zeit! Wer keine Zeit mehr hat, fühlt sich ruhelos, unruhig, angetrieben, hektisch, gehetzt und nervös; nie ist er zufrieden mit sich und seiner Welt……. Es gibt immer noch etwas zu tun, zu verbessern und zu verändern. Äußerliches Gehetzt-sein bei gleichzeitiger innerer Leere gilt auch als ein Anzeichen einer Burnout-Erkrankung.

Ruhelose Menschen sind selten beim eigenen Herzen, immer irgendwie veräußerlicht, besonders durch die von allen Seiten herandrängenden medialen und digitalen Reize in Beschlag genommen, so dass die eigene Innerlichkeit und das Gespür für das Eigenen immer mehr abhanden kommt. Kein Wunder, dass dabei die Seele als Resonanzraum zunehmend verkümmert. Ruhelose Menschen verlieren nicht nur die Fähigkeit nach innen zu spüren, sondern auch all das, was man als passiven Tugenden bezeichnen kann wie Geduld, Empathie und Hörfähigkeit. Weil ruhelose Menschen gern von einem Reiz zum nächsten springen, kann sich Gelesenes und Gehörtes kaum setzen, vertiefen oder gar ins eigene Herz drängen. Demgegenüber sagte Ignatius von Loyola(1491-1556): „Nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.“

Stille, Schweigen und Ruhe hängen zusammen; während die Stille zunächst äußerlich sein kann,- die Stille im Wald oder in einer Kirche-, ist das Schweigen ein aktives Tun und die bewusste Entscheidung, den Mund zu halten; die Ruhe im Herzen ist das angestrebte Ziel.

Wer die Meditation als Weg wählt, um zur Ruhe zu kommen, muss aber zunächst damit rechnen, dass womöglich eine Menge angestauter Stress, Ängste und Negatives an die Oberfläche kommt. Dieses Zurückgeworfen-werden auf sich selbst, macht auch vielen Angst. Da könnte ja etwas hochkommen, was mir unangenehm ist oder mich durcheinander bringt, die Gewohnheitsblase sprengt oder mir sagt, dass ich an meinem Leben vorbeilebe. Deshalb wird Meditierenden geraten, den aufsteigenden Gedanken und Bewertungen nicht zuviel Macht einzuräumen, die Gedanken immer wieder loszulassen und sich mit dem eigenen Atem zu verbinden. Anselm Grün empfiehlt zudem, sich von der Vorstellung leiten zu lassen, dass unterhalb all des Chaos ein Raum der Stille ist, zu dem niemand anderes Zutritt hat. Meditation kann in diesen inneren Raum führen.

Auch die Natur kann gestressten und getriebenen Menschen helfen zur Ruhe zu kommen; wer an einem Bach oder Fluss entlang wandert(oder sitzt), kann mit dem Strömen des Wassers spüren wie sich eigene Blockaden lösen; wer in der Stille des Waldes die Ohren spitzt, kann vielfältige Vogelstimmen hören, die eine unruhige Seele beruhigen können.

Wer Gartenarbeit macht und in der Erde gräbt, kann zwanghafte Gedanken loswerden und wieder bodenständig werden. Wer im Schatten eines Baumes sitzt, kann die Zeit genießen, einmal nichts tun oder leisten zu müssen.

Ruhe finden, Acryl auf Leinwand

Manche Menschen kommen auch zur Ruhe und erkennen sich selbst vertieft wieder im kreativen Tun, beim Malen, Musizieren oder Gestalten; die Seele drückt sich aus im geschaffenen Werk, findet sich wieder in der Klangfolge eines Musikstückes…. Für manche ist Lesen guter Literatur oder Lyrik ein Weg, um zur Besinnung zu kommen und aus dem Hamsterrad der Arbeit einmal auszusteigen. Besonders Lyrik, kurze Verse, womöglich nur einzelne Wörter laden zu längerer Betrachtung ein, führen zum Nachdenken, zur Innerlichkleit.

Die ersehnte Ruhe hat immer auch eine religiöse Dimension. In der Schöpfungsgeschichte heißt es von Gott, dass er am siebten Tag seines Schöpfungswerkes ruhte, und sich an dem freute , was er erschaffen hatte (Genesis 2, 3); und dieser Gott will sein ganzes umherirrendes und wegloses Volk in seine Ruhe führen (Hebr 4, 1-11) und in Psalm 23 ist sich der den Betende sicher, von Gott zu einem „Ruheplatz am Wasser“ geführt zu werden. Der Schöpfungsmythos macht uns jedenfalls darauf aufmerksam, dass das Leben aus Rhythmen besteht, – Anspannung und Entspannung, Schaffen und Ruhen- , die zu beachten, uns gut tun.

Ein Siebtel unserer Lebenszeit soll der Ruhe gewidmet sein, dem Aussteigen aus dem Korsett der Pflichten und Anforderungen; Ruhezeit, in der ich nichts „erledigen“, planen oder voranbringen muss. Zeit zum zweckfreien Schauen, Zeit für absichtslose, liebevolle Begegnungen und zur Muße. Schon in dieser Welt müssen wir Menschen immer wieder ausruhen können von den Lebenskämpfen, Anstrengungen und Belastungen des Lebens. Und es gilt in heilsamen Ritualen, schon jetzt etwas von dieser lebendigen „ewigen Ruhe“ spüren zu lernen, die uns Gott auch am Ende unseres Lebens versprochen hat. Gerade die Urlaubszeit könnte Gelegenheit sein, nach dieser lebendigen und ausstrahlenden Ruhe zu suchen.

Literatur zur Vertiefung: Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 1994 (Für Meditation), Meinrad Dufner, Schöpferisch sein, Münsterschwarzach Bd 136 (Kreativität als spiritueller Weg), Anselm Grün, Der Anspruch des Schweigens, Münsterschwarzach 2003

Lust auf Leben

Alle Menschen, ja sogar alle Lebewesen,  streben nach Lust und wollen Unlust vermeiden, glaubte die Philosophenschule der Hedonisten.

Viele Arbeitnehmer fürchten schon am Samstagabend den Montag, an dem sie arbeiten müssen und gehen lustlos in die Firma. Schüler haben „keinen Bock auf Schule“, nichts scheint ihr Interesse wecken zu können, alles scheint so langweilig und öde; wieder andere versuchen, Spaß und Lust am Leben zu erzwingen, indem sie sich von einer Party in die nächste stürzen, oder von einem Event zum nächsten hetzen, aber am schließlich doch nur Leere und Ödnis erleben.

Schon der antike Philosoph Epikur wusste, dass nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Herumziehen ein lustvolles Leben erzeugen, sondern eine kluge Wahl und Auswahl, um Unlust zu vermeiden und die Seelenruhe (griech. ataraxia) zu finden. Statt unerfüllbaren Träumen nachzujagen und hemmungslosem Genuss zu erstreben, riet der Hedonist(!) Epikur zu Selbstgenügsamkeit, um möglichst frei und autark zu bleiben.

Acedia, oder der Mittagsdämon, Mischtechnik

Doch Lust ist auch etwas Gutes. Lust hat mit einem Verlangen zu tun, dessen Erfüllung Freude und Vergnügen verspricht. „Ich habe Lust auf ein schönes Abendessen mit Dir!“ „Ich habe Lust mal wieder im Wald zu wandern“, „Ich habe Lust auf diesen Film“…. Lustlos ist derjenige, der keine Motivation zu einem Handeln und Tun empfindet. Auf etwas Lust haben heißt sich von etwas bewegen lassen (lat. movere, daher auch Motivation), sich von etwas anziehen und begeistern lassen, eine Hinneigung zu etwas zu haben; dies ist das Gegenteil von Lustlosigkeit, Langeweile, Ödnis und Unlebendigkeit. 

Manche Einstellungen und Muster verhindern, dass etwas für uns lustvoll erlebt werden kann. Innere Blockaden, negative Bilder vom Leben wie „Das Leben ist Hamsterrad“, ein „ermüdender Existenzkampf“, eine eintönige Pflichterfüllung“, ein stressiger Konkurrenzkampf), emotionale Sperren (wie Ehrgeiz, Angst…) , deren Ursachen vielfältig sein können, verhindern, dass die Lust am Leben ins Fließen kommt. 

Zugegebenermaßen hat auch das Christentum, vorallem im Gefolge von Plato (der Körper als Gefängnis der Seele) und Augustinus
(Lust als Kennzeichen des gefallenen, von der Erbsünde verdorbenen Menschen) zur Lustfeindlichkeit  beigetragen; dabei wurde die Lust oftmals einseitig identifiziert als Begierde und sexuelle Lust (Fleischeslust, „Wollust“), welche unter eine der sieben Todsünden gerechnet wurde. Aber es gab auch eine Hildegard von Bingen, deren Aussagen zur weiblichen Sexualität für das leibfeindliche Mittelalter höchst gewagt waren.

Auch Sigmund Freud war der Auffassung, dass das Lustprinzip im Laufe des Erwachsenwerdens dem Realitätsprinzipweichen muss; kein Wunder, dass das Erwachsenenleben vielen jüngeren Menschen alles andere als lustig und nachahmenswert vorkommen muss. Wer sich alle Lust abschminkt und verbietet, dem wird sein Leben bald schal, fad und lustlos vorkommen; der wird unfähig zu größeren Emotionen, verödet im Trott des grauen Alltags und der zu erfüllenden Pflichten. Irgendwann verliert das Leben dann seine Fülle und seine Farbe. 

Lustlosigkeit, die auch ein Kennzeichen des Burnouts sein kann, ist die verlorene Fähigkeit an irgendetwas Geschmack zu finden. Leere, Überdruss bis hin zum Ekel bestimmen dann die seelische Empfindungslage. Wer sich in einer solchen Haltung und Einstellung dem Leben gegenüber befindet, meint die Erfüllung und das Glück des Lebens liege immer woanders als im jetzt Möglichen. Die Lust am Leben dagegen führt ins Jetzt, in die Gegenwart, zum Tun dessen, was im Augenblick möglich ist. Die griechische Philosophie sprach diesbezüglich von Klugheit, die das wählt, was im Moment am besten ist.

„Wo ist der Mensch, der Lust am Leben hat“,fragt der Ordensgründer Benedikt von Nursia in seinem Vorwort der Regel für die Mönche (vgl. Prolog 15). Dabei geht es Benedikt ganz gewiss nicht darum „nach Lust und Laune zu leben“ und dass jede und jeder machen kann, was er will. In der Entscheidung für das Gute, auf der Spur der Wahrheit und der Liebe, im Befolgen der inneren Überzeugungen (der Stimme Gottes in mir) und im Vermeiden des Bösen, kann der Mönch zu einem erfüllten und lustvollen Leben gelangen. Gerade die Liebe, das weite Herz, auch in der Weise solidarisch, mitfühlend oder unterstützend mit Kranken, Unterdrückten und Benachteiligten zu sein, ist lustvoll und führt zu einem süßen Geschmack. Solche Liebe will gekostet werden. 

Eine lebensfreundliche Spiritualität ist der Auffassung, dass die Lust auf Gott, auch in der Lust am Leben zum Ausdruck kommt, in der Lust am Arbeiten, am Gestalten, Feiern, Singen, Tanzen, Spielen, beim Essen, Trinken und in der Sexualität. 

Lust entsteht sicher am ehesten dort, wo ich aus den Routinen (oder Hamsterrädern) meines Lebens einmal ausbrechen kann (nicht immer, aber ab und zu); dort, wo ich mich verliebe, inspiriert werde, mein schöpferisches Potential und meine Talente zur Entfaltung bringen kann, erwacht die Lust am Leben.

Lust am Leben haben bei einem Glas Wein mit guten Freunden, ein gutes Gespräch, Bilder betrachten oder selber malen, schreiben, ein gutes Buch lesen, zweckfrei spielen, lustvoll in Verbindung sein mit der Natur, die Vögel singen hören, die Blumen betrachten, an Gutes und Gelungenes denken oder im Bett liegen, sich getragen fühlen und einmal nichts tun (das Handy einmal für eine Stunde ausgeschaltet lassen)…. Die Lust am leben vertreibt die Traurigkeit und wer Lust am Leben hat, steckt zudem andere an. 

Fragen zum Nachdenken:

Welche Blockaden, die Lust und Freude verhindern, kenne ich bei mir?

Was im Leben erlebe ich lustvoll?

Was geht mir fließend von der Hand? Gibt es Tätigkeiten, in denen ich völlig aufgehe?

Worauf habe ich jetzt Lust? Was macht mich lebendig?

Vom Sehen und Ansehen

Ansehen schenken- Ansehen bekommen

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) sprach davon, dass jeder Mensch danach „Ausschau“ halte, dass ihm das Ja des Seindürfens zugesprochen werde. Jeder Mensch scheint eine tiefe Sehnsucht in sich zu tragen, liebevoll und respektvoll angeschaut zu werden.

Mauritius Wilde berichtet von einer jungen Frau mit einer sehr schwierigen Kindheit und Jugend, in der sie sehr oft übersehen und nicht beachtet wurde. Immer wenn sie heute an dieser frühen Wunde des Übersehenwerdens leidet, geht sie zu einem Freund, der sie kurz anschaut. Schon ein kurzer Blick und Moment des Angeschaut-werdens sei für sie sehr heilsam geworden. Aber sie musste sich zuvor dieses Bedürfnis erst eingestehen.(vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach2009, 2. Aufl. 2010, S.23)

Der australische Psychologe Marc Dadds fand in Versuchsreihen mit schwer gestörten Jugendlichen, die als brutal, kalt und gefühllos auffällig geworden waren, heraus, dass jene erstmals in ihrem Leben Empathie entwickelten, nachdem  die Eltern in mehreren Sitzungen mit warmer Stimme sagten: „Ich hab dich lieb!“ und ihnen dabei in die Augen schauten. Nach mehreren Monaten waren diese Jugendlichen erstmals in der Lage Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen. Die Schulung der Augen regt anscheinend das Mitgefühl an, indem sie das Individuum befähigen, im Anschauen des anderen Individuums, sich in jenes hinein zu versetzen.(vgl. dazu auch die Bücher über Spiegelneuronen, z.B. von J. Bauer) Wichtige emotionale Botschaften werden über Blicke und Mimik transportiert, deren Ausbleiben für die Kinder fatale Folgen haben kann. (vgl dazu: J. Röser, Das Gewissen der Augen, in CIG, Nr.50, 2012, S.564)

Wie Menschen angeschaut werden, kann sie aufbauen oder niederdrücken, lebendig machen oder zerstören. So fordern Philippe Pozzo die Borgo, – nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt- und sein Pfleger Abdel Sellou (deren Geschichte vielen durch die autobiografisch Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde) in mehreren Interviews: „Wir, die kaputten Typen (..), wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen angesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (Di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark-Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.9)

Nicht umsonst hat sehen auch mit Ansehen zu tun, das geschenkt oder verweigert werden kann. Viele Geschichten im Evangelium erinnern daran, dass Jesus die Kunst des heilsamen Anschauens beherrscht hat, in dem er Menschen vorurteilsfrei und jenseits religiöser oder kultureller Grenzen Ansehen und Respekt schenkte. Man denke nur an die Geschichte des als römischer Kollaborateur verachteten Zöllners Zachäus, der durch den Blick Jesu fähig wurde, sein habgieriges Leben zu verwandeln.

Die Bedeutung des Sehens und Gesehen-werdens wurde auch symbolisch in vielen Kirchen als Auge Gottes zum Ausdruck gebracht. Doch leider assoziieren – gerade ältere Menschen- im Laufe einer teils unrühmlichen Kirchengeschichte und Pastoral, damit nur den Buchhalter- und Überwachergott, der alles sieht, beobachtet, aufschreibt und mit entsprechenden Bußstrafen belegt. Der tiefere Sinn wurde damit natürlich gründlich verfehlt. Gemeint war es anders, nämlich so, dass wir unter den Augen des liebevollen, göttlichen Betrachters (so ähnlich sagt es der Mystiker Bernhard von Clairvaux) zum Frieden in uns finden und uns darin geborgen wissen.

Der Schriftsteller Peter Handke bestätigt das, wenn er schreibt: „Wenn wir uns gegenwärtig machen, dass Gott uns umfassend anschaut, wären wir alle total besänftigt.“  Und Botho Strauß,  den man gewiss nicht als missionarischen  Glaubenverfechter verdächtigen kann, meint dazu: „Das Vertrauen in ein umfassendes Gesehenwerden gründet in der Einheit Gottes. Ohne diese Gewissheit, Erkannte zu sein, hielten wir uns keine Sekunde aufrecht.“ (Zitate nach einem Referat von Prof. Georg Langenhorst).

Ob gläubig oder nicht, könnten uns diese unterschiedlichen und doch verbindenden Einsichten zur Bedeutung des Sehens und Angeschautwerdens dazu anregen, eine entsprechende Praxis in unserem jeweiligen Arbeitsbereich zu entwickeln. Wir könnten uns dabei bemühen, – und viele in unserem Haus tun das aus einem natürlichen Gespür heraus sowieso schon-, einander Ansehen zu schenken. Das lateinische Wort für Respekt „ respicere“ hat nicht umsonst mit sehen und (noch einmal hinschauen) zu tun; dazu an andere Stelle mehr.

Gustav Schädlich-Buter

Fragment Leben

Fragmente sind Bruchstücke und übrig gebliebene Reste eines einst Ganzen; fragmentarisch ist das, noch nicht fertig gestellte Bauwerk oder ein unvollendete Kunstwerk (Bild, eine Skulptur, ein literarischer Text…)

Bei Reisen durch ärmere Länder fallen mir oft die unvollendeten oder eingestürzten Bauwerke auf. Einst bewohnte Häuser, die inzwischen zusammengefallen sind, hinterlassen beim Betrachter einen erbärmlichen Eindruck. Bei diesen Bauruinen sind oftmals die Dächer zur Hälfte abgedeckt, Mauerteile eingestürzt, das Glas der Fenster zerbrochen, die Türen aus den Angeln gehoben, die noch vorhandenen Innenräume und Möbel voller Spinnenweben und Staub, einst angelegte Wege enden plötzlich im Nichts. Beim Anblick solcher Häuser tauchen viele Fragen auf: Wen hat dieses Haus einst beherbergt, wo sind die Menschen, die einst darin gelebt haben? Sind sie in eine bessere Gegend umgezogen, in der es sich leichter leben lässt, oder aus irgendeinem Grund geflüchtet oder gar schon verstorben ohne Nachkommen, die das Haus hätten pflegen können….? Welche Geschichten könnten mir diese Ruine erzählen?

Die Trümmer und Bruchstücke eines einst Ganzen halten das Vergangene, das doch endgültig vorbei scheint, noch gegenwärtig. Sie erinnern mich an das Fragmentarische menschlichen Lebens überhaupt, an die in der Geschichte waltende Kräfte, die mit Niedergang und Verlusten zu tun haben. Es sind Trümmer, die ausstrahlen, Bruchstücke, die in der Betrachterseele etwas auslösen. Melancholie und Wehmut können auftauchen, dass womöglich vieles auch im eigenen Leben fragmentarisch, also bruchstückhaft bleiben wird und dies trotz allen Bemühens und aller eigenen Anstrengung. Die Bruchstücke dieser verfallenen Bauten erinnern mich daran, dass im eigenen Leben manches nicht gelungen ist, dass Lebenschancen verpasst wurden und Hoffnungen zerbrochen sind. Kaum ein Leben geht glatt und läuft völlig rund. Risse, Verletzungen, erlittener Schmerz und Verluste überall auf der Welt, auch in der eigenen Seele. Durch Krankheit oder Unfälle abgebrochene Lebensläufe, unvollständig gebliebene Lebenseinsätze, zerbrochene Beziehungen, durch Mauern, Krieg oder Flucht auseinander gerissene Familienbiografien…. „Es ist ein Riss in allen Dingen“ singt Leonhard Cohen im Refrain des Liedes „Anthem“(CD Future, Track 6)

Wir sind „Ruinen der Vergangenheit“ formulierte einst der evangelische Theologe Henning Luther, auch angesichts unseres Versagens, unserer Fehler , aber auch angesichts dessen, was dem Leben angetan wurde ohne eigene Schuld. Unser ganzes Leben sei ein Fragment, und Henning Luther widerspricht damit dem Mythos von der Ganzheitlichkeit und der damit verbundenen „Tyrannei des gelingenden Lebens“ (Gunda Schneider-Flume), die für alle Lebenssituationen passenden Ratgeber bereithält, sogar für`s Sterben, so als könnte alles zurechtgebogen und repariert werden.

Eine Theologie des Fragmentarischen schenkt dem Bruckstückhaften des Lebens, den nicht heilenden Wunden, den unumkehrbaren Einschnitten des Lebens  sein Recht zurück, befreit vom Zwang zur Perfektion. Ich darf unvollkommen sein, mit meinen Schwächen , Verwundungen, Grenzen, Handycaps und Halbheiten leben. Wieviel Druck könnten wir aus unserem Leben nehmen, wenn wir es schaffen würden, auch das Halbgute als wertvoll anzusehen, und unser ganzes, immer bruchstückhaft bleibendes Leben ansehnlich zu empfinden?! Wer sich selbst als unvollkommenen und fragmentarischen Menschen annehmen lernt (mit Hilfe des Glaubens an einen Gott, für den auch das „Schiefgelaufene“ des eigenen Lebens ansehnlich ist), spürt zudem, dass er bedürftig und auf andere angewiesen ist; er lernt dabei auch andere anzunehmen, die ebenfalls nicht vollkommen und perfekt sind. Das bedürftige, verletzliche und angewiesene Wesen Mensch bildet den Gegenpol zum omnipotenten Kraftprotz, der niemand anderen braucht.

Wir sind nicht nur ein Fragment aus Vergangenheit, sondern auch ein „Fragment aus Zukunft“, wie Henning Luther, der 43 jährig starb, ebenfalls formulierte; im Schmerz angesichts des Fragmentarischen und der Verlustgeschichten des Lebens , steckt immer auch eine Sehnsucht und Hoffnung , die über uns hinaus nach vorne in eine Zukunft weist, die es zu erspüren und zu ertasten gilt. Im Trümmerhaufen, mitten in der Ruine, mitten im Fragmentarischen, „auf der Baustelle“ des eigenen Lebens lässt sich etwas von einem Ganzen ahnen, das mit menschlichem Wollen allein nie hergestellt werden kann. Jemand oder etwas anderes fügt die Teile meines Lebens zusammen, und das daraus entstehende Neue ist „mehr“ als die Summe von Bruchteilen. Es ist mein einmaliges Leben.

„…that`s how the light gets in“

„There is a crack in everywhere , that`s how the light get`s in(Es ist ein Riss/Spalt in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein)“, vollendet Leonhard Cohen seinen Refrain. Durch die Risse und den Karfreitag des eigenen Lebens, kann plötzlich und unerwartet Licht- „Osterlicht“ hineinfallen, mitten in den „Trümmern und Fragmenten“ (des eigenen Lebens) wachsen Blumen und flattern Schmetterlinge; sie bezeugen Wachstum, Wandlung und Auferstehung, die an uns geschehen. Es geschieht Neuschöpfung im Zerbrochenen

Und Cohen`s Song ermuntert angesichts der Lebensfragmente , nicht aufzugeben oder zu resignieren, sondern die Glocken zu läuten, die noch klingen: “Ring the bells that still can ring/Forget your perfect offering/There is a crack in everything/That’s how the light gets in.” (L.Cohen, Refrain von „Anthem“, auf der CD Future, 1992)

Literatur zur Vertiefung:

Hennig Luther, Leben als Fragment, Der Mythos von Ganzheit, 1991

Gustav Schädlich-Buter

Vergebung

„Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? …Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,21)

Vergebungsbereitschaft zentral für menschliches Miteinander

Ohne Vergebung gibt es kein Miteinander weder in der Familie noch in der Gesellschaft, weder in der Wirtschaft noch in der Politik. Da wir alle immer wieder aneinander schuldig werden und uns gegenseitig verletzen, brauchen wir die Bereitschaft einander immer wieder zu vergeben.  Das meint auch die jesuanische Aussage, dass man dem, der an einem schuldig geworden ist, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal vergeben soll. (vgl. Matthäus 18,21)  „Vergebt, dann wird euch vergeben“, heißt es an anderer Stelle im Neuen Testament.

Ungeheilte Verletzungen und Kränkungen in der Seele

Nicht  wenige  Menschen aber hüten ungeheilte Verletzungen in ihrer Seele; sie sind vor Jahren tief beleidigt, gekränkt , ungerecht behandelt, misshandelt oder missbraucht (seelisch, geistig, körperlich) worden und nie über diese Wunden und Kränkungen hinweggekommen. Manche Verletzungen werden chronisch, weil sie nicht in Annahme und Liebe ausgeheilt und vergeben werden konnten. Sie äußern sich in Wut, Lethargie, Bitterkeit, Hass oder Selbstmitleid.

Die tiefsten Verletzungen stammen meist aus der Kindheit und haben mit unseren Eltern zu tun: abwesende, desinteressierte, tyrannisch- beherrschende Väter oder ablehnende, kalte, egozentrische Mütter. Fehlende Wärme, Verlassen- worden- sein durch Tod oder Scheidung der Eltern, das Gefühl in seinem Eigenwert nicht gesehen, in seiner Entwicklung nicht unterstützt worden zu sein, beschämt, „klein“-gehalten…. -das alles kann in der Seele des Kindes tiefe Spuren hinterlassen. Wunden, die wir  nicht leicht verarbeiten, geschweige denn verzeihen können. Oft genug werden diese Verletzungen unter einer Betonschicht vergraben und so weggedrängt, dass sie keine Schmerzen mehr verursachen.  Sie äußern sich dann womöglich als Gleichgültigkeit, als Gefühllosigkeit im Umgang mit anderen oder einem merkwürdigen Widerstand im Umgang mit den Eltern und der eigenen Kindheit.

Aber es gibt auch dies, dass es durchaus Lust bereiten kann, unversöhnlich zu bleiben und sich an negativen Erlebnissen festzukrallen. Dadurch bleibt man überlegen, steht auf dem moralischen Podest und genießt eine gewisse Mächtigkeit.

Der Gewinn nicht unversöhnlich zu bleiben

Wie auch immer,  führt kein Weg daran vorbei, zu vergeben und Vergebung zu lernen, soll die innere Unversöhntheit unseren Lebensfluss nicht einfrieren  und  wie einen  Staudamm die Lebens- und Liebesenergie bremsen. Wer unversöhnlich bleibt, zahlt meist einen hohen Preis dafür und vergiftet sich mit negativen Gefühlen wie Hass, Groll und Rachegedanken. Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu, ein Kämpfer gegen die Apartheid, der  viele Jahre zu unrecht inhaftiert war, sagt dazu:

„ Wenn ich von Vergebung spreche, dann meine ich den Glauben, dass man auf der anderen Seite als besserer Mensch herauskommt, ein besserer als der, der von Hass und Groll verzehrt wurde…Wenn man in seinem Inneren Vergebung findet, dann ist man nicht mehr an den Täter gefesselt. Man kann sich weiterentwickeln- und man kann dazu beitragen, dass auch der Täter ein besserer Mensch wird.“

(„Wundheilung“, Acryl auf Leinwand, 80×60 cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Schritte zur Vergebung:

Wer vergeben kann, sich selbst und anderen, macht einen Strich unter das Vergangene und fängt neu an mit sich selbst oder in der Beziehung. Melanie Wolfers sieht in   ihrem Buch „Die Kraft des Vergebens“ die Vergebung als einen Akt der Freiheit, ein kreatives Geschehen, durch welches wirklich Neues geschaffen wird. Wer vergibt, lässt Schritt für Schritt Erlittenes los. Wer wirklich aus tiefstem Herzen verzeihen kann, erlebt das meist als Geschenk, als Gnade, das sich der eigenen Verfügungsmacht entzieht.

Melanie Wolfers benennt “ folgende Schritte, um Kränkungen und Wunden zu vergeben:

Vergebung braucht Zeit wie jeder tiefgreifende menschliche Prozess und ist einem Weg zu vergleichen, auf dem ich nur Schritt für Schritt vorankomme.

Am Anfang steht die bewusste Entscheidung, dass ich jemanden der Absicht nach verzeihen will, auch wenn ich noch unversöhnte Gefühle in mir spüre.

Als weiteren  Schritt geht es darum die unversöhnten Gefühle gegenüber dem Menschen, der mich verletzt hat, zu spüren und sie zu benennen: Schmerz, Wut, Scham, Ohnmacht….

Zugleich ist es wichtig einen reflexiven Abstand zu den eigenen Gefühlen zu gewinnen, und eine realistische Sichtweise zu entwickeln.

Statt mich vom unmittelbaren Impuls meiner Gefühle leiten zu lassen, kann das Gebet eine Hilfe sein , Distanz zu schaffen; weil ich bei Gott, einen Schutzraum und einen Wert habe, der niemals von außen zerstört werden kann.

Die Voraussetzung für`s Vergeben beruht letztlich auf der inneren Bereitschaft , vergeben zu wollen (oder eben nicht) , und auf einer bewussten Entscheidung nicht im Vergangenen und Negativen hängen bleiben zu wollen.

Aber, dass Vergebung im Innersten geschieht, entzieht sich der eigenen Verfügungsmacht, denn sie ist ein Geschenk wie die Liebe.

Literatur zur Vertiefung:

Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens, Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig  werden, Freiburg im Breisgau 2013(das für mich aus spiritueller Sicht beste und ausführlichste Buch zum Thema)

Konrad Stauss, die heilende Kraft der Vergebung, Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit, 2010

Vater als „Rückenstärkung“

 

„Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30).

Jesus scheint aus seinem „himmlischen “ Vaterverhältnis die Kraft geschöpft zu haben, die für sein heilendes und profetisches Wirken unter den Menschen gebraucht hat. Ähnliches können die wenigsten Kinder heute von ihrer irdischen Vaterbeziehung sagen. Eher schon gilt der Satz von Francis Thompson : „Ich und mein Vater sind nicht eins.“

Abwesende Väter

Das, was nicht wenigen  Söhnen und  Töchtern zu ihrem Vater einfällt, lässt sich mit folgenden Begriffen ausdrücken: Abwesenheit, Trauer, Leere.

„Ich kenne ihn nicht, zumindest nicht richtig!“ Für viele ist der Vater ein nicht näher benennbares Geheimnis, das mit Furcht  oder einer nicht enden wollenden Rebellion gegenüber jeglicher Autorität einhergeht. Viele erleben ihre Väter, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, vor allem als gestresst, genervt oder ärgerlich; aber sie wissen nichts oder wenig, was in der Tiefe der Seele des Vaters vor sich geht.

Vaterwunde und Vaterhunger

Das Ausfallen der Väter in unserer Gesellschaft erzeugt bei den Kindern so etwas wie  einen „Vaterhunger “(R. Rohr), ein schier unstillbares Bedürfnis nach männlicher Bestätigung und Anerkennung. Den „Vaterhunger“ tragen viele ohne sich dessen bewusst zu sein als ein tiefe Wunde mit sich herum, die sich kaum heilen lässt.

Richard Rohr, der das tiefschürfende und unbewusste Verlangen nach Bestätigung und Grenzsetzung durch männliche Autoritätsfiguren „Vaterhunger“ nennt, hat die Erfahrung gemacht, dass solange Männer nicht erkennen, dass sie Liebe und Bestätigung vom abwesenden Vater brauchen, in einem schlechten Sinn hektisch, geschäftig und wild werden nach Macht, Sex und Geld. Diese Vaterwunde sei auf der ganzen Welt zu finden.(vgl. R. Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann, München 2006)

Der Vater stärkt den Rücken

Der Vater hat die Aufgabe den Rücken des Kindes zu stärken, zu ermutigen, einen Schubs nach vorne  zu geben, so mit väterlicher Energie auszustatten, dass die Tochter, der Sohn sein Leben wagt; das kann bedeuten,  das sichere Nest  zu verlassen, die eigene  Bequemlichkeit zu überwinden, auch mal ein Wagnis einzugehen  und dabei sogar  eine Bruchlandung zu riskieren.  Gute  Väter können  auch helfen  das innere Chaos in der Pubertät  zu bändigen, durch ihr einfaches Da-sein Ordnung zu stiften, Ruhe und Sicherheit auszustrahlen. Und sie können und müssen zuweilen auch konfrontieren und Lebensstile ihrer Kinder   infrage stellen. Der Vater hat vor allem die Aufgabe, dem Kind Vertrauen ins Leben und in sich selbst zu stärken.

Folgende  Sätze können dabei womöglich helfen:  „Keine Angst, es passiert schon nichts!“ , „Ich glaube an Dich, Du schaffst es, du musst nur aufstehen und auch an dich glauben !“ „Keiner macht den nächsten Schritt, wenn du ihn nicht selbst machst.“

Auch biblisch ist Gott Vater immer wieder der, der im Rücken steht. So ergeht an Abraham die Aufforderung: „Geh vor mir (also Jahwe)her und sei ganz.“  (vgl. Genesis 17,1) Gott ist die Rückenstärkung, die es ermöglicht ganz Mensch und ganz selbst zu werden. Und so ließe sich auch der biblische „Umkehr“-Aufruf nicht moralisierend , sondern im Sinne der biblischen Gleichniserzählung vom barmherzigen Vater deuten: Dreh dich um, und du wirst entdecken, dass ich- dein dich liebender Vater- da bin,  der auf deine Heimkehr gewartet hat.

(Titel: königliche Würde, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Ideologien als „Vater- und Rückgratersatz“

Wem solche Vatererfahrung fehlt, der sucht „Rückgratersatz“ (A. Grün). Dieser besteht in unbeweglichen (politischen, religiösen….). Ideologien, in übertriebenen konservativen Einstellungen, in starren Normen und Prinzipien, an die sich der „Vaterbedürftige“ klammert und festhält. Die dadurch gewonnene äußerliche Sicherheit und Stärke verbirgt dann aber nur die eigene Brüchigkeit,  die Angst vor dem Unkontrollierbaren und den Mangel an Selbstwertgefühl.

„Wenn dir der Vater fehlt“, so ein Sohn bei einer Befragung, „dann fehlt dir eine Vision von deinem Leben und deinem Mann-sein; dann traust du dir nichts zu ; und du bist dir über deinen Wert unsicher und weißt nicht, woran du dich halten kannst. “

Tiefgreifende Kommunikation zwischen Vätern und ihren Kindern

Die meisten  Väter sind keine emotionslosen, machtbesessene Karrieristen oder „Schwächlinge“, die nichts zu sagen haben, aber viele haben es einfach nicht geschafft, ihren Kindern zu vermitteln und mit ihnen darüber zu reden, was sie in der Tiefe bewegt,  wofür sie gekämpft haben und  was ihre Visionen, Hoffnungen und Lebensträume waren und sind.

Und das noch schwierigere Thema gerade gegenüber erwachsen gewordenen Kindern besteht darin zu benennen, worin sie gescheitert sind und welche Niederlagen sie erlebt haben; wie wichtig wäre es zu reden, über  ihre Trauer, ihre Verluste, ihre Ohnmacht und all das nicht Gelungene eines Lebens.

Wie wichtig, wie erneuernd, wie mutmachend für die jüngere Generation wären solche Vater-Sohn und Vater-Tochter- Gespräche, in denen die Älteren den Jüngeren ihre Erfahrungen vermitteln, was Menschsein heißt! Wie wichtig auch dafür, dass eine Gesellschaft nicht infantil bleibt mit einem von den Medien genährten Ideal von den „jungen Alten“, die als alte Narren vielleicht Geld, aber keine Weisheit den  Jüngeren  anzubieten haben

Impuls:

Wie habe ich meinen Vater erlebt? Hat er mir meinen Rücken gestärkt? Welche Sätze von ihm haben Sie in Erinnerung?

Was würde ich ergänzen auf „Wenn dir der Vater fehlt, ….:“

Welche Werte, Visionen und Einstellungen möchte ich als Vater (falls ich ein solcher bin) an meine Kinder (Söhne und Töchter) weitergeben?

Welche biblischen Erzählungen stärken mir den Rücken?

Literatur:

Richard  Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann, München 2006

Spielendes Kind- bejaht und geliebt

Kleine Kinder spielen meist noch unbeschwert, sie lachen, singen, albern herum, lassen ihren Gefühlen freien Lauf, haben unendlich viel Energie. Noch engt sie kein Leistungsdruck ein, noch blockieren keine verkrampft abzuarbeitenden Pflichten. Wenn sie sich wehtun, kommt Mama oder Papa, hilft auf, tröstet und spricht ein aufmunterndes Wort.

Leben bedeutet für Kinder spielen, spielen unter den wohlmeinenden und gütigen Augen der sie behütenden Eltern. Das dazugehörige Grundgefühl lautet: ich bin gemocht, da gibt es Menschen, die mich gern haben und auf mich aufpassen, ich gehöre dazu und bin nicht allein. Im Grunde ist damit der zentrale Inhalt des Gottesglaubens ausgedrückt, nämlich gratis zu leben, geliebt und bejaht unter den wohlmeinenden Augen des Schöpfers.

Als Erwachsene legt sich dann nicht selten ein Schleier über dieses ursprüngliche Bewusstsein gemocht zu sein und dazu zu gehören. Wir Erwachsene nehmen uns irgendwann furchtbar wichtig, der Anspruch selbst unseres Glückes Schmied zu sein, macht uns verkrampft, bitter und ernst. Die Lebenslust verkalkt in unseren Adern und unsere Seele verliert ihre Flügel. Wer sich nicht (mehr) geliebt weiß, der muss sich seine Liebe, seine Anerkennung, und  seine Daseinsberechtigung erkämpfen. Er beginnt sich zu schützen: sein Ego, seine Klasse, seine Position, seine Macht, seinen Besitz, seine Rasse, seine Nation….. Viele in großen Firmen müssen sich ständig beweisen und präsentieren. Jede und jeder muss zeigen, dass er besser ist als der andere .Wir leben heute in einer Kultur der Macht, der Stärke, der Egos und des individuellen Erfolgs.

In einer solchen Welt der Stärke, Macht und der Konkurrenz finden behinderte Menschen oft keine Heimat mehr, weil sie in einem solchen System für niemanden wertvoll scheinen. Henri Nouwen, der eine Karriere als Hochschulprofessor aufgab, und sich der von Jean Vanier gegründeten „Arche“- Bewegung gemeinsamen Lebens mit geistig behinderten Menschen angeschlossen hat, schreibt:

„In meiner eigenen Gemeinschaft, in der wir mit vielen stark behinderten Männern und Frauen zusammenleben, stammt das größte Leiden, nicht aus dem Behindertsein selbst, sondern aus den Gefühlen, nutzlos, wertlos, geringgeachtet und ungeliebt zu sein. Man kann es viel leichter ertragen, nicht reden, gehen oder selbstständig essen zu können, als nicht für jemanden ganz besonders wertvoll zu sein.“ (Henry Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006, S. 76)

Dort, wo die spontane Grunderfahrung, gratis geliebt und bejaht zu sein, abhanden gekommen ist, treibt die damit einhergehende existentielle und spirituelle Verunsicherung dazu an, sich diese Liebe verdienen zu müssen. Dadurch machen sich viele abhängig von der Anerkennung durch andere, und werden auf diese Weise immer unfreier.

Jean Vanier, der Gründer der weltweit verbreiteten Archegemeinschaften, hat in seiner eigenen Biografie, die von Pflichten als Marineoffizier und als Hochschullehrer der Philosophie geprägt war, erlebt wie geistig behinderte Menschen, mit denen er eine Wohngemeinschaft bildete , ihm halfen zurück zu finden zu einem spielerischen Umgang mit dem Leben; zu einem ursprünglichen Erleben des Geliebtseins und des bedingungslosen Vertrauens. Die Kraft der Liebe und Zärtlichkeit, die von behinderten Menschen ausgehen kann, meint Vanier, könnte allen helfen (die in einem System der Macht und Konkurrenz sich bewegen) in eine heilsame „Bewegung nach unten“ zu kommen. Dort, wo ich einen anderen Menschen in der Tiefe seines Seins antreffe, wo ich nichts mehr beweisen muss und mir nicht mehr besser vorkomme als der andere, geschieht eine Befreiung vom  Ego. In der Tiefe unseres Seins werden wir alle gleich. „Keiner über dem anderen, keiner unter dem anderen“, geliebt wie wir sind als Kinder Gottes und zwar bedingungslos.

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(Titel:  „Kinderspiel“, Acryl  auf Leinwand, 60×60, von Gustav Schädlich-Buter)

Es gilt für uns alle, – die von alltäglicher Berechnung und Verzweckung des Lebens von uns selbst entfremdet wurden, die sich um der Gewinnsteigerung zu Tode arbeiten, die in der Enge des Hamsterrades strampeln….- , das absichtslos spielenden Kind wieder zu entdecken und lebendig werden zu lassen.

Die  göttliche Weisheit, -Begleiterin in Gottes dauerndem Schöpfungsspiel-,  erzählt von sich selbst in einem  frühjüdischen Glaubensgedicht  :

„…als er (der Schöpfer) die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm./ Ich war seine Freude Tag für Tag/ und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund/ und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“(vgl. Buch der Sprichwörter 8, 30-31).

Übung:

Setzen Sie sich ruhig und bequem hin an einem Ort, wo sie sich wohlfühlen;  jetzt müssen Sie nichts leisten, nichts wegarbeiten, nichts beweisen.

Stellen Sie sich vor, dass „jemand“ Sie mit wohlwollenden, liebevollen und gütigen Augen anschaut, auf ihren Körper, auf ihre Geschichte, auf die Wunden und Brüche ihres Lebens,  auf ihr ganzes Sein.

Die Übung kann in zweifacher Weise wiederholt werden: von vorne angeschaut werden; von hinten angeschaut werden (der Rücken: was er alles getragen und geschleppt hat, der womöglich gedrängt und gestoßen wurde…, der gekrümmt wurde durch die Macht anderer über mich…)

oder:

Nehmen Sie Farbe und Pinsel zur Hand und drücken Sie aus, was Sie im Moment bewegt! (kein Leistungsdruck; es muss kein Kunstwerk werden)

Literatur zur Vertiefung:

  1. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006

Henry Nouwen, Adam und ich, eine ungewöhnliche Freundschaft, Freiburg im Breisgau 1998

Jean Vanier, Einfach Mensch sein. Wege zu erfülltem Leben Taschenbuch , 2001, übersetzt von Bernardin Schellenberger, 2001

Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

DU-wider die Verschmelzungsmystik

„Wo ich gehe – du!
Wo ich stehe – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Ergeht’s mir gut – du!
Wenn’s weh mir tut – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Himmel – du, Erde – du,
Oben – du, unten – du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!“

Martin Buber, jüdischer Philosoph

„“s´io m`intuassi, come tu t`immii“ ( Paradiso IX, 81, in:  Dante, Die  Göttliche Komödie)

deutsche Übersetzung von Bernardin Schellenberger: Wenn ich doch dir einge-du-t wäre, wie du dich mir einge-ich-t hast“(in: B. Schellenberger, Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute Freiburg im Breisgau 2004, S.78)

Bernardin Schellenberger, geistlicher Schriftsteller und früherer Trappistenmönch,  weist in seinem Buch „Auf den Wegen der Sehnsucht“ auf die Gefahren der heute weit verbreitete Einheitsmystik  hin.

Die dort gängige These, dass Ich selbst letztlich Gott bin, dass mein Wesen göttlich ist und ich es nur endlich erkennen muss, gefällt sicher dem „Narziss“ in uns, dessen Innenleben Ovids Metamorphosen wie folgt kennzeichnen: „Lieber den Tod, als…mich schenken, begehr ich.“.(vgl. dazu  Bernardin Schellenberger, Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute,  Seite 26f. , Freiburg im Breisgau 2004; ihm verdanke ich die zentralen hier beschriebenen  Einsichten und die Anregung auf die narzisstischen Grundströmungen in der neuen Spiritualität zu achten).

Wer sich selbst als Gott entdecken kann, der muss sich nicht mehr in die Beziehung wagen, nicht mehr „hören“ auf andere, sich nicht mehr einlassen, nicht vergeben und sich nichts vergeben lassen , schon gar nicht sich verschenken.

Beziehung (zum anderen, zu Gott) macht ja auch Angst, kostet Kampf, belässt manchmal im Unsicheren, ist schwierig und nie am Ende. Zudem lässt Beziehung spüren, dass wir voneinander abhängen und nie vollständig autark sein können. So scheint klar, dass „Narziss“ lieber im eigenen Grund sucht und sich als Gott finden will als sich “hinaus“ (ekstasis) zu wagen. Dabei scheint ihm die Gefahr nicht klar, in die er sich begibt: nämlich in seiner verschmelzenden Suche nach Gott im eigenen Seelengrund, endgültig bei sich selbst zu versumpfen und dabei doch nicht die ersehnte  Ruhe zu finden.

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(Bild: Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand, 60×60 von Gustav Schädlich-Buter)

Auch der Benediktiner Anelm  Grün benennt konkrete zwischenmenschliche Folgen einer solchen Einheitsmystik, die keine Grenzen mehr akzeptiert: „Die Grenze zwischen Gott und Mensch ist gerade die Voraussetzung für eine wirkliche Beziehung zwischen Gott und Mensch. Es ist eine Beziehung der Liebe, eine personale Beziehung.“ (Grün, Robben, Grenzen setzen-Grenzen achten damit Beziehungen gelingen Spirituelle Impulse, 2007, S. 151 f.)… „Ich habe oft genug erlebt, wie Menschen, die von der großen Einheit sprachen, kein Gespür für die Grenzen der Menschen um sich herum hatten. Wenn diese anderen bei diesem Einheitsgefühl nicht mitgemacht haben, wurden sie gnadenlos fallengelassen. Und der, der verletzt hatte, fühlte sich schuldlos.“ (a.a.O., S.154)

Im  Bezogen-sein auf den „Ganz-Anderen“, der zugleich der unfassbar Liebende ist, gilt es in der christlichen Spiritualität die dem Narziss entgegen gesetzte Haltung zu erlernen: „Dir mich schenken, begehr ich!“ So verlangt das christliche Alternativmodell das Entgegengesetzte zur narzisstischen Selbstgenügsamkeit: nämlich mit offenen Augen, Ohren und allen Sinnen in die Begegnung zu gehen, sich auf ein Gespräch mit dem Anderen und sogar Fremden einzulassen und seinen Nächsten zu lieben, „nicht weil er ich ist, sondern gerade deswegen, weil er nicht ich ist.“ (K.Chesterton; zitiert in: B. Schellenberger, a.a.O., S 78).

Bernardin Schellenberger empfiehlt daher für den spirituellen Weg, sich den Stress anspruchsvoller Beziehung zuzumuten, gerade weil sie die selbstgenügsame Autonomie des Individuums immer wieder ankratzt, beunruhigt,   in einem positiven Sinn verunsichert und in Spannung bringt. (B. Schellenberger, a.a.O., S.75f. ) In der jüdisch-christlichen Überlieferung wird der überragende Stellenwert  der Beziehung, die Leben, Bedeutung, Würde  und Wert schafft auf Gott selbst übertragen: Gott ist Beziehung. „Eine lebendige Wirklichkeit, die den Kosmos und uns Menschen am Leben hält und trägt, weil ihr das alles etwas bedeutet;“ (a.a.O., S. 96)

Literatur zur Vertiefung:

Schellenberger, Bernardin Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute,   Freiburg im Breisgau 2004;

Grün, Anselm, Robben, Maria, Grenzen setzen-Grenzen achten damit Beziehungen gelingen Spirituelle Impulse,  2007

 

Identität in Gott

Identität in Gott- was bedeutet das?

„Keine Angst vor nichts und niemand“, würde der Liedermacher Konstantin Wecker vielleicht sagen. In sich selbst ruhen mit der Gewissheit von den liebenden Augen Gottes angeschaut zu werden, göttliches Ansehen zu bekommen, und dabei eine unverlierbare Würde und einen Wert in sich zu spüren, der geschenkt ist und nicht erst verdient werden muss.

Ganz ehrlich, so getragene und in sich gesicherte Menschen finden wir nicht häufig  in einer  Welt,  deren Strukturen vielfach von Leistung und materieller Effizienz bestimmt sind.

Wer in Gott ruht, hat die Angst verloren, der muss sich keinen fremden Mächten mehr beugen und ist aus dieser Kraft heraus ermächtigt,  anders zu leben als es die weltlichen Kategorien vorschreiben nach dem Motto: Ich bin, was ich leiste, habe und vorgebe zu sein….

Identität in Gott heißt alles losgelassen haben, was weniger ist als Seine Liebe („Mit ewiger Liebe habe ich Dich geliebt“,  Jeremia), als Seine Heilung und Seine Auferweckung.

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Es scheint einzig seine dauerhafte, unerschütterliche und verlässlich bleibende Liebe zu sein, die Menschen, mich und dich, aus den destruktiven Mustern unserer Lebensgestaltung löst;  erlöst von den Süchten , befreit vom Zwang der Masken und des schönen Scheins.

Menschen werden heil, wenn sie wieder lernen an diese befreiende und angstlösende Liebe zu glauben, die Gott versprochen hat, der sich selbst als der „Ich-bin –da“- Gott (genauer im Hebräischen: Ich werde da sein als der ich da sein werde) kenntlich macht. Jesus hat bei Gott seine Heimat gefunden und gehabt, er hat Wohnungen für uns alle vorbereitet und hofft, dass wir nach Hause finden.

Allerdings ist diese Liebe in gewisser Weise machtlos gegenüber dem verstockten Herz, der Seele, die sich abschließt und nicht gefunden werden will. Wer sein Leben eingerichtet hat in einer „beruhigten Endlichkeit“, den wird kein Anruf erreichen. Wer nicht mit Seiner Anrede rechnet, der wird seinen inneren Empfänger nicht auf die Frequenz einstellen, durch welche ihn der Sender erreichen will und kann. Gottes Ruf und Anruf wird nicht empfangen, weil der, den jener erreichen will, auf einem anderen Kanal hört.

Die Identität in Gott ist kein statischer, endgültig abgeschlossener Zustand, sondern dieses Hin und Her, diese Zwiesprache , die wir auch Beten nennen, dieser nicht mehr endende liebende Beziehungsaustausch, der immer neue Formen des Zu- und Miteinanders entwirft, ein Tanz der Personen (Perichorese).