Pfingsten- Grenzen überwinden

Pfingsten- ein Geist, der Grenzen überwindet

Wer hat nicht noch die Fernsehbilder im Kopf, wo der russische Präsident Putin und die Staatschefs der westlichen Welt durch einen schier endlos langen weißen Tisch voneinander getrennt sich gegenübersitzen. Kein Funke der Verständigung scheint überzuspringen, es gibt kein wirkliches Aufeinander zu in den Gesprächen, die Kommunikation ist blockiert und die Positionen verhärtet.

Dieses Bild vom langen weißen Tisch des Unverständnisses ist ein eindrückliches Gegenbild zu dem, was das Pfingstfest zum Ausdruck bringen möchte. In der Apostelgeschichte erzählt der Evangelist Lukas von einem Sprachwunder (vgl. Apg. 2,1f.) Mit Hilfe von Gottes Geist geschieht das Wunder, dass wildfremde Menschen unterschiedlicher Völker und Nationen sich verstehen, gerade so, als würden die anderen in ihrer Muttersprache reden; „Muttersprache“– das ist die vertraute Sprache, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht. Muttersprache ist die Sprache, die das Herz erwärmt und die uns an einen Anfang erinnert, in dem noch alles voller Verheißungen war.  Menschen, die von diesem guten Geist entflammt sind (daher das Bild mit den „Feuerzungen“) sprechen eine Sprache, die Trennendes an Religion, Kultur, Charakter oder politischen Positionen überwindet.  Der Funke springt über, Begeisterung flammt auf, so dass unterschiedlichste Menschen zusammenkommen. Der gute Geist lockt Menschen heraus aus ihren Verkapselungen und aus dem Gefängnis ihrer Vorurteile, löst Erstarrungen, lässt geschehen, was nicht machbar ist, sondern der Inspiration bedarf.  Die Sprachverwirrung Babels (Babel=Wirrsal; Genesis 11,9), wo keiner mehr den anderen versteht, wird von Gottes Geist durchdrungen und geklärt.

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Wie oft erleben wir solche Sprachverwirrung im zwischenmenschlichen Bereich: keiner hört mehr richtig zu, man will den anderen gar nicht verstehen, jede und jeder versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen und dies in einer kalten und herrschsüchtigen Sprache.

Umgekehrt wirkt Gottes Geist dort, wo wir freundlich, zugewandt, warmherzig und interessiert miteinander reden, aufeinander hören und aufeinander zugehen. Ob Gottes heiliger und heilender Geist in unserem Leben da ist, lässt sich einfach daran erkennen, wie wir miteinander reden und aufeinander hören, ob wir freundlich oder gehässig miteinander umgehen, ob unsere Sprache verletzt oder achtsam auf unser Gegenüber eingeht.

Neben dem Bild des Feuers gehört zu Pfingsten auch das Bild des Windes in Gestalt eines Sturmes. Pfingsten -das ist modern gesagt-, auch das Fest der „frischen Luft“ (das lateinische Wort „spiritus“ meint sowohl Geist wie Atem, der uns begleitet vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens), die unsere Lungenflügel durchströmt, damit wir weit werden und nicht ersticken in der Enge unserer Vorstellungen, Vorurteile und festgefahrenen Meinungen; wir brauchen diese frische Luft, damit sich der Horizont weitet und neue Lebenskraft in unsere Seele kommt. 

Wie sehr uns dieser belebende Geist oft genug fehlt, merken wir nicht nur in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch in Politik, Gesellschaft und Kirche, wenn Menschen ausgeschlossen und nicht gehört werden, wenn sich Feindbilder in unserem Denken festsetzen und jede und jeder meint, das Recht und die Wahrheit auf seiner Seite zu haben.

Die Bitte um den heiligen Geist, den wir in unserer aktuellen Weltsituation so dringend brauchen, hat kaum einer dringlicher und schöner ausgedrückt als Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury, die er um das Jahr 1200 in seiner Pfingstsequenz

„Veni sancte spiritus“ verfasste :

Komm herab, o Heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,

In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. (Amen. Halleluja. )

(der vollständige Text unter: Komm, Heiliger Geist – Veni, Sancte Spiritus, Pfingstsequenz (rhoener-gebetsschatz.de) 

Menschenwürde und Respekt

Die Menschenwürde und ihr Schutz haben eine universale Bedeutung, die in vielen Verfassungen der Welt festgeschrieben ist. Auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde nach den Grauen des Nationalsozialismus (nach Holocaust und Euthanasieprogrammen…) im Artikel 1 festgelegt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und die Aufgabe und Verpflichtung des Staates besteht darin, sie unter allen Umständen zu schützen. Die Menschenwürde ist also der höchste Wert in unserer Verfassung, den es zu schützen und zu verteidigen gilt.

Von der Menschenwürde leiten sich die Menschenrechte ab, worunter zum Beispiel das Recht auf Leben, auf geistige und körperliche Unversehrtheit, Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und freie  Meinungsäußerung, Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, gleiches Recht aller Menschen vor dem Gesetz, Recht auf Selbstbestimmung, Schutz vor Folter und vieler anderer Rechte fallen. (vgl. Grundgesetz mit Grundvertrag Menschenrechtskonvention….20.Aufl., München 1980) Wir sehen heute wie die Menschenwürde wieder angetastet wird durch Krieg, Mißbrauch, aber auch, dass der Schutz der Menschenwürde vor neuen Fragen und Herausforderungen steht wie bei der Embryonenforschung oder der Suizidbeihilfe.

Doch was ist die Menschenwürde überhaupt und wie lässt sie sich inhaltlich bestimmen?

Viele Philosophen haben sich darüber Gedanken gemacht. Sehr einflussreich wurden die Überlegungen von Immanuel Kant (1724-1804), ein Philosoph der Aufklärung.  Dieser sagte, dass die Menschenwürde, ein absoluter innerer Wert, der „über allen Preis erhaben ist“; das heißt, dass die Menschenwürde nicht verrechenbar ist gegen etwas anderes, sie ist unbezahlbar und nicht abhängig von irgendeinem Merkmal wie z.B. einer adeligen Herkunft oder weil ein Mensch ein bestimmtes Amt wie das eines Präsidenten bekleidet. Die Menschenwürde kommt jedem Menschen aufgrund seines Menschseins zu, sie muss nicht erworben werden, sie gilt ohne Ausnahme, bedingungslos und immer ganz (nicht bloß graduell). Jedoch geht für Kant mit der Menschenwürde eine moralische Verpflichtung einher, moralisch zu handeln. Doch bleibt die Menschenwürde auch erhalten, wenn wir nicht moralisch handeln und sittlich gut leben. Also auch ein schlechter oder krimineller Mensch hat diese Menschenwürde, da diese nicht verdient zu werden braucht und ohne Bedingung für jeden Menschen mit seiner Geburt gilt. (vgl. dazu: I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, hrsg. von Jens Timmerrmann, Sammlung Philosophie 3, Göttingen (Vandenhoeck § Ruprecht), 2004)

Aus der Menschenwürde leiten sich nicht nur die Menschenrechte ab, sondern auch die Menschenpflichten. Dazu gehört die Pflicht, die Menschenwürde anderer zu respektieren.

Nahezu alle Menschen wünschen sich, respektiert zu werden. Die Wortherkunft von Respekt deutet an, worum es bei diesem Wort geht. Das lateinische Wort für Respekt „respicere“ bedeutet, noch einmal hinschauen, sich umdrehen und genauer hinschauen statt sich auf seine Vorurteile zu verlassen. Viele Menschen gehen an obdachlosen oder behinderten Menschen achtlos vorbei, sie haben ihre Schubladen und eingefleischten Denkmuster, die des Mitleids „von oben herab“ zum Beispiel, oder gar der Verachtung. Doch wenn ich genauer hinschaue, sehe ich womöglich eine unglaubliche Lebensleistung dieser Menschen, die mit Tapferkeit, Mut und Geduld ein schweres Lebensschicksal tragen und ein Leben unter erschwerten Bedingungen führen, das mir womöglich allen Respekt abfordern könnte. Gerade Menschen mit einer Behinderung wollen nicht mitleidig angeschaut werden, sondern respektiert werden, auch in den vielfältigen Potentialen, die in ihnen stecken. So fordert der nach einem Gleitschirmunfall querschnittsgelähmte Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou- deren Geschichte durch den Film „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde – in einem Interview: „Wir, die kaputten Typen, wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen gesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehnen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (in: Pozzo di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.44).

Jemanden anderen Respekt erweisen, bedeutet seine Menschenwürde zum Leuchten zu bringen. Respektlosigkeit kann zwar niemand die Menschenwürde rauben, aber das Gespür und das Erleben für die eigene Menschenwürde verdunkeln.

Mauritius Wilde nennt drei Formen von Respektlosigkeit: die Achtlosigkeit, wenn ich zum Beispiel aus Nachlässigkeit vom Begrüßenden übergangen werde, ist die mildeste Form. Die Missachtung, in der zum Bespiel meine Kompetenz und mein Mitsprachewunsch bei einem wichtigen Thema für die Firma boshaft übergangen wird, ist schon eine stärkere Form der Respektlosigkeit. Und schließlich ist die Verachtung, die dem Gegenüber alles Gute abspricht und dessen Würde leugnet, die schlimmste Form der Respektlosigkeit. (vgl. Mauritius Wilde, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach 2.Aufl. 2010, S.12-24)

Alle Formen der erlebten Respektlosigkeit können dazu führen, dass Menschen ihren Selbstrespekt verlieren, und dann zu Opfern oder in der aggressiven Variante zu Tätern werden.

Doch alle Menschen wünschen sich als Person mit einer unbedingten Würde respektiert zu werden. Der Philosoph Kant sagt, dass jeder Mensch nie nur als Mittel zum Zweck gesehen werden darf, sondern ein Zweck und Wert in sich selbst hat. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich einen Handwerker nie nur als Mittel für eine Reparatur in meinem Haus sehen sollte, sondern auch als Mensch mit einer Lebensgeschichte und einer von seiner Fachkompetenz unabhängigen Menschenwürde. Diese hat auch die Verkäuferin, die meinen Einkauf an der Kasse einscannt, der Tankwart, der die Scheiben meines Autos säubert… Ein Mensch ist immer mehr als eine mir nützliche Funktion. Der Respekt vor der Würde der anderen Person verlangt nach einem tieferen Sehen. Dies hätte eine tiefgreifende Bedeutung in einer Zeit, in der Menschen oft nur unter der Perspektive gesehen werde: Was bringt mir der oder die Person? Welchen Nutzen habe ich von dieser Person? Der Glaube an die Menschenwürde könnte unser zwischenmenschliches Verhalten, den Blick und das Urteil wie wir einander sehen und anschauen, grundlegend verwandeln.

Religiös betrachtet hat der Mensch seine Würde von Gott, er ist ein „Abbild Gottes“ (Gen1,26), jeder Mensch ist ein Aspekt (lat. aspectus) Gottes und er erhält seine Würde von diesem Angeblicktwerden. Der Mensch hat die prinzipielle Freiheit, diesen Blick zu erwidern (respicere) und damit auch Gott den Respekt zu erweisen. (vgl. dazu Maurtius Wilde, a.a.O.)

Gustav Schädlich-Buter

Hoffnung durch Sinn

„Warum musste mir das passieren?“, fragen wir uns, wenn uns etwas Schlimmes oder Unerwartetes passiert: ein Unfall, der unseren Lebensradius einschränkt, vielleicht sogar dauerhaft, eine Krebserkrankung, die wie aus heiterem Himmel aufgetaucht ist, der Verlust eines lieben Menschen, ein Scheitern in unseren beruflichen Planungen, eine zwischenmenschliche Enttäuschung, ein ungerechter Vorwurf, Mobbing……„Warum musste mir das passieren?“ Oft bekommen wir zunächst keine Antwort auf diese Fragen; der Sinn dessen, was uns da widerfährt, bleibt verschlossen, und wir sitzen im Dunklen mit unserer Leid- und Krisenerfahrung.

Der Psychiater und Neurologe Viktor Frankl (1905-1997), Gründer der Logotherapie, kann uns da wichtige Hilfestellungen geben. Frankl hat selbst in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Herkunft schlimmste Erfahrungen als KZ-Häftling gemacht; nach seiner Befreiung erfährt er, dass sowohl seine Ehefrau wie seine Eltern in Ausschwitz ermordet wurden. Er ist am Boden zerstört und sagt sich, wenn ich weiterleben will, muss es irgendwie einen verborgenen Sinn geben, dass ich überlebt habe. Das ist der biografische Hintergrund für die Entwicklung seiner Sinntherapie und Existenzanalyse.

Frankl stellt die Frage nach dem Sinn ins Zentrum menschlichen Erlebens. Und er sagt, dass es nicht entscheidend sei, welche Erwartungen wir an das Leben stellen, sondern welche Fragen das Leben uns stellt, auch angesichts von Erlebnissen, die wir uns weder gewünscht noch erwartet haben. Wir könnten daher, statt zu fragen „warum ist mir das passiert“, nach dem „wozu“ fragen. Wozu fordert mich die jetzige Situation heraus? Könnte womöglich, so ließe sich fragen, ein Sinn in diesem Schicksalsschlag liegen, auch wenn er sich im Moment noch nicht erschließt und es auch nicht auf alles eine Sinnantwort gibt. Frankl geht jedoch von einer prinzipiellen Freiheit des Menschen aus, welche es ermöglicht, frei zu den Situationen seines Lebens Stellung zu beziehen statt einfach einem blinden Schicksal ausgeliefert zu sein. Wenn sich die äußere Situation als unabänderlich erweist, bleibt die Möglichkeit, sich selbst zu ändern, seine Einstellungen. Als Seelsorger habe ich tatsächlich schon einige sehr überraschende Antworten von Menschen mit einer Behinderung auf das erhalten, was für sie selbst der Sinn ihrer Behinderung sei und wozu sie gerade durch ihre Behinderung herausgefordert wurden. Frankl spricht in diesem Zusammenhang von der „Trotzmacht des Geistes“. 

Er ermuntert aber alle, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht erst angesichts von Krisen und Schicksalsschlägen zu stellen, oder nach dem Verlust von Geld, Macht und Ansehen. Denn er definiert den Menschen als ein sinnsuchendes Wesen, der unglücklich und krank werden kann, wenn sein Leben keinen Sinn eröffnet. Gerade in unseren Wohlstandsgesellschaften, die keinen unmittelbaren Kampf ums physische Überleben mehr erfordern, nehmen diejenigen Depressionen von Menschen zu, die keinen tragenden Sinn mehr in ihrem Leben finden. Daher stellt sich immer wieder neu die Frage, was trägt mein Leben? Mein Eindruck ist, dass es heute immer mehr Menschen und Firmen nicht mehr nur darum geht, viel Geld zu sammeln, sondern dass sie nach einem tieferen Lebensinhalt und Lebenszweck Ausschau halten.

Sinnantworten ergeben sich jedoch nicht einfach, sondern verlangen einen Aufbruch aus dem Vorgegebenen, manchmal auch ein Sprengen der gewohnten und bequemen Blase,  eine äußere und/oder innere Reise. Darauf deutet schon die Sprachwurzel von Sinn, die „reisen“, auf etwas sinnen und den Sinn von etwas erfragen bedeutet (vom indogermanischen `sentno`, was soviel bedeutet, wie eine Richtung nehmen, gehen, empfinden und wahrnehmen). Wer bei dieser Reise, die jede und jeder für sich selbst unternehmen muss, eine stimmige Richtung einschlägt und eine stimmige Antwort findet, bekommt Zuversicht und Hoffnung für sein Leben. Auch wenn das, was Menschen als sinnhaft erleben, sehr unterschiedlich sein mag, braucht es nach Frankl für das Erleben von Sinn das Element der Selbsttranszendenz.  Damit ist die die Hingabe an eine Aufgabe oder Person gemeint.

Sinn wird er-„fahren“, leuchtet auf wie die Strahlen der Sonne, manchmal auch in den Wunden, im Schmerz und der Dunkelheit des Lebens. Sinn kann ich mir letztlich nur schenken lassen, immer wieder neu, Sinnerlebnisse berühren mich in der Tiefe und locken mich über mich hinaus. Sinnerleben hat daher auch viel mit unseren Sinnen zu tun. Sinn ist nicht unabhängig von meiner Lebensgeschichte, nicht unabhängig von meiner Individualität, sondern zutiefst damit verwoben. Sinn ist dort, wo ich mit der tieferen Wirklichkeit meiner selbst übereinstimme. Sinn eint das menschliche Herz, „Sinn ist das, worin unser Herz zur Ruhe kommt.“ (vgl. Augustinus)

Viktor Frankl fand den Sinn seines Lebens darin, anderen zu helfen, den Sinn ihres Lebens zu finden.

Literatur zur Vertiefung:

Viktor Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen, Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, erschienen im Köselverlag, München

Viktor Frankl, Über den Sinn des Lebens, Beltzverlag, Weinheim 2021

Viktor E. Frankl, Wer ein Warum zu leben hat , Lebenssinn und Resilienz, Beltzverlag, Weinheim 2017

Gustav Schädlich-Buter

Hoffnung

Die jüdische Dichterin Rose Ausländer hat mehrere Gedichte zum Themenkreis Hoffnung geschrieben, die von ihrer eigenen existentiellen Erfahrung geprägt sind. Eines davon trägt den Titel Hoffnung II. Es lautet: „Wer hofft/ ist jung// Wer könnte atmen/ ohne Hoffnung/dass auch in Zukunft/ Rosen sich öffnen// ein Liebeswort/ die Angst überlebt.“(vgl. Rose Auländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte,Frankfurt am Main 1981, S.43)
Wer könnte atmen ohne Hoffnung? frägt das Gedicht mit Recht. Auch ein lateinisches Sprichwort weist auf den Zusammenhang von Atem und Hoffnung: „Dum spiro, spero“- „Solange ich atme, hoffe ich“; dabei unterscheiden sich die beiden lateinischen Verben nur durch einen Vokal. Die Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen unseres Menschseins wie der Atem. Hoffnung ist eine Kraft in uns, die sich stärker erweisen kann als Angst, Verzweiflung und Müdigkeit, eine Kraft, die uns Schmerzen, Hunger, Kälte und ausweglose Situation durchstehen lässt, die uns beflügelt und antreibt und den nächsten not-wendenden Schritt tun lässt. Wer hofft, ist auf Zukunft ausgerichtet und nicht mehr ausschließlich verhaftet in belastender Vergangenheit oder auswegloser Gegenwart mit ihren unveränderlichen Fakten. Wer hofft, setzt auf das je Bessere, glaubt daran, dass das Bessere möglich ist, glaubt an Weiterentwicklung, an das Rettende und Wandlung.

Hoffnung bildet den emotionalen Untergrund, aus dem heraus wir leben und handeln können, gerade angesichts der Erfahrung von Scheitern, Brüchigkeit, Krankheit und Tod. Fast jede® kommt im Laufe seines Lebens in Situationen, wo er nur noch müde, verzweifelt und resigniert ist, wo er nicht mehr weiter kann und will. Und plötzlich kann sich in der Mitte der Verzweiflung und Resignation, auf dem Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag ergeben; plötzlich taucht eine Kraft auf, die neuen Mut, Gewissheit und Zuversicht gibt.

Manchmal stellt sich Hoffnung gerade dort ein, wo ich aufhöre verzweifelt gegen etwas anzukämpfen, wo ich in mein Leben, mein Geworden-sein, meine Krankheit annehme; wo ich offen werde für das Leben, für den Tod und in die Möglichkeit meines Sterbens einwillige. Hoffnung in einem schweren Krankheitsprozess bedeutet nicht immer, dass die Krankheit endgültig geheilt wird und ich gesund aus dem Krankenhaus gehe. Hoffnung in meinem Krank-sein bedeutet manchmal eher, dass ich besser mit der Krankheit umgehen kann, dass ich eine Zeit lang ohne Schmerzen sein kann, dass ich mehr bin als mein geschundener, kranker Körper, dass ich noch eine Zeit geschenkt bekommen habe für mich und die Menschen, die ich gern habe; dass ich sehe, was sich durch die Krankheit Neues in mir anbahnt. Die Kraft zu hoffen muss auch geübt werden und kann gelernt werden , sie verlangt die Disziplin auf eine Zukunft zu setzen auch wenn im Moment vieles dagegen steht. (vgl dazu auch: M. Renz, Grenzerfahrung Gott: Spirituelle Erfahrungen in Leid und Krankheit, Freiburg 2006 und L.Kuschnik, Lebensmut in schwerer Krankheit: spirituelle Begleitung bei Krebs, Bielefeld 2010)

Hoffnung hat auch damit zu tun, dass ich eine Ahnung bekomme, dass -was auch immer passiert- mein Leben aufgehoben ist und mir letztlich nichts passieren kann. Insofern steht das „Hoffen-können“ auch mit dem Ur-vertrauen ins Leben in Verbindung.

Hoffnung bekomme ich auch durch andere Menschen: deren Wertschätzung, ein liebenswürdigen Blick, ein gutes Wort, Verläßlichkeit und treue Zuwendung in einer schwierigen Situation, lässt die Kraft der Hoffnung wachsen. Wir alle brauchen eine „Solidarität in der Hoffnung“ (J.B. Metz). Die Hoffnung eines einzelnen trägt meist nicht über den Abgrund von Verzweiflung und Schicksalsschlägen. Wir brauchen einander in solidarischer Hoffnung.

Der hoffende Mensche ist offen für Überraschungen, offen für das Unvorstellbare und in Bewegung setzende (Hoffnung im Unterschied zur konkreten Hoffnungen). Die Überraschung verbindet die Hoffnung mit der Dankbarkeit.(vgl Steindl-Rast, Fülle und Nichts, Freiburg 1999) Der Philosoph Gabriel Marcel versteht Hoffnung als Gnade.(Gabriel Marcel, Philosophie der Hoffnung, Die Überwindung des Nihilismus, München1964)

Hoffnung taucht auch auf, wo wir aus Fremdbestimmung und Anpassung wieder in Kontakt mit unserer ur-eigenen und unverwechselbaren Lebensmelodie kommen, mit dem Bild Gottes in unserer Seele. Die Hoffnung und die Kraft innerer Entfaltung hängen zusammen. Hoffnung ist die Grundlage für Inspiration, Kreativität und Freude. (vgl. V.Kast, Aufbrechen und Vertrauen finden, die kreative Kraft der Hoffnung, Freiburg 2001). Während die Verzweiflung uns in die Isolation treibt („Mir kann ja eh niemand helfen“), stellt uns die Kraft der Hoffnung in vielfältiges Verbundensein hinein.

„Hoffen lernt man dadurch, dass man handelt als sei Rettung möglich“, schreibt Fulbert
Steffensky, auch wenn es im Leben keine Garantie gibt, dass alles gut ausgeht; aber es
gehört zur Würde des Menschen, in Krisen so zu handeln, als gäbe es den guten Ausgang
und die Rettung. Nicht der Erfolg rechtfertigt das Tun eines Menschen, sondern ob es Sinn
ergibt ohne Rücksicht wie es ausgeht. (vgl. Fulbert Steffensky, Feier des Lebens. Spiritualität
im Alltag, Freiburg 2009). „Auf Hoffnung hin, sind wir gerettet“ (Röm 8,24), heißt es in der Bibel.

Verbundenheit und Mitgefühl

Mit Corona hat niemand gerechnet, alles schien aufwärts zu gehen, zumindest in unseren Breiten, -ein stetig steigender Wohlstand, komplexere Technologien, ein Konsumniveau auf hohem Niveau.. -, Corona hat uns,- völlig unerwartet-, einen Strich durch die Rechnung gemacht, hat Menschenleben gefordert, die Wirtschaft einbrechen lassen; die ärmeren Länder und die ohne regulierenden Staat und funktionierendes Gesundheitssystem wurden teils noch härter getroffen.  Nahezu kein Land blieb von dieser Pandemie völlig verschont, die wie eine biblische Plage daherkam und unseren berechnenden und kontrollierenden Geist teils überforderte und vor große Herausforderungen stellte.

Menschen, die sowieso schon am Rande der Gesellschaft lebten, fühlten sich noch einsamer, noch isolierter und abgeschnittener vom pulsierenden Leben. Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst erfasste auch jene, die sich sonst mit Zerstreuungen, -die auf einen Schlag (von heute auf morgen) nicht mehr möglich waren-, über die eigene Sinnleere hinwegtäuschten.

Auch wenn eine gewisse Einsamkeit zum Menschsein gehört und diese sich in unserer individualisierten Gesellschaft verstärkt hat, wurde in der Coronakrise besonders spürbar, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und welch hoher Wert es ist, miteinander verbunden zu sein. Corona hat neben der egozentrischen Gier bei Hamsterkäufen etc., auch wunderbare Erfahrungen gemeinschaftlichen Lebens aktiviert und unser existentielles Aufeinander- Angewiesenseins weltweit ins Bewusstsein gerückt.

Was bedeutet „Verbundenheit“?

„Verbundenheit“ bedeutet, dass alles Leben mit anderem Leben zusammenhängt oder wie es der Arzt und christliche Theologe Albert Schweitzer (1875-1965), der 1954 den Friedensnobelpreis erhielt, formuliert hat: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ In der „Ehrfurcht vor dem Leben“ aus der Erkenntnis einer umfassenden   Verbundenheit mit allem Leben, ja mit dem Sein im Ganzen, dessen Teil der Mensch ist, entdeckte Albert Schweitzer ein Fundament für eine Ethik für alle Kreatur, die alle weltanschaulich-religiösen und kulturellen Unterschiede überbrückt. „Erlebt der Mensch seine Verbundenheit mit allen Wesen, so entspringt daraus die Nötigung zu einem ins Uferlose gehenden Dienen.“ (vgl. DASZ_AS-wissenswert_2017 (albert-schweitzer-heute.de)) Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh, der sich für einen engagierten Buddhismus einsetzt, benennt diese grundsätzliche Verbundenheit mit „Interbeing“. Diese Verbundenheit bezieht auch die Verbundenheit mit dem Leid anderer Menschen mit ein. Der Zenmeister Bernie Glasman, wurde durch ein tiefgreifendes Erlebnis dieser umfassenden Verbundenheit auch im Leiden und in der Bedürftigkeit, aus der Meditationshalle zur Begegnung und Arbeit mit Menschen am Rande der Gesellschaft und in den Elendsvierteln der Großstädte geführt. „Der rote Faden für mein anhaltendes Engagement ist die Erkenntnis von Leiden und meine Entscheidung etwas dagegen zu tun…Jeder Mensch ist dazu in der Lage, die Stimmen der hungrigen Geister des Universums zu hören. Viele Menschen werden durch ihre Konditionierungen daran gehindert, sie fühlen sich getrennt von anderen und von den Stimmen des Universums…Die Erfahrung der Einheit ist die Wurzel für eine Revolution der Liebe. Liebe zeigt sich im Mitgefühl. Für mich ist Agape Liebe ohne Ego, eine nicht dualistische Form der Liebe.“ (Konstantin Wecker, Bernie Glasman, Es geht ums Tun und nicht ums Siegen, S. 138f.)  Für den großen Arzt Albert Schweitzer muss sich Christsein in tätiger Nächstenliebe bewähren. Und der Theologe Johann Baptist Metz spricht von einer Mystik der offenen Augen.  „Die Mystik des Christentums sei eine ´Mystik der Mitleidenschaft, die sich vom Leid des Anderen anrühren lässt und handelt. „Das Christentum ist kein blinder Seelenzauber“, fasste er 1997 seine Erkenntnis zusammen: „Es lehrt nicht eine Mystik der geschlossenen, sondern eine Mystik der offenen Augen. Im Entdecken, im Sehen von Menschen, die im alltäglichen Gesichtskreis unsichtbar bleiben, beginnt die Sichtbarkeit Gottes, öffnet sich seine Spur.“(vgl. dazu: Nachruf von Matthias Dobrinski, https://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-auf-den-theologen-johann-baptist-metz-der-mitleidende-1.4707855)

Die Erfahrung tiefer Verbundenheit, welche das Gegenteil von Trennung und Fragmentierung ist, kann heilsam sein, ja heilen und motivieren. Familien und Firmen brauchen Rituale, welche diese Verbundenheit fördern, ans Tageslicht befördern, und sie vermitteln.  Nicht selten erlebe ich auch in den Trauerfeiern hier in der Pfennigparade eine tiefe Verbundenheit der Anwesenden untereinander, aber auch mit dem Verstorbenen. Verbundensein mit dem, was über uns als Person hinausreicht, kann man auch als Seele bezeichnen. Die Verbundenheit mit sich selbst, mit seinen Gefühlen und Gedanken, auch mit seinen Krankheiten und Schwächen und nicht zuletzt mit der Mitwelt, können uns aus Isolation und Vereinsamung befreien.

Spirituelle Meister sind sich einig, dass ein kontemplatives Leben, ein Leben der Verbundenheit ist. „Kontemplation heißt Verbundenheit und aus der Verbundenheit heraus Ja zu sagen zu allem und zu allen Menschen….Aus dieser kontemplativen Erfahrung der Verbundenheit heraus wird unsere Arbeit eine andere  Qualität bekommen, wenn wir anerkennen, dass wir nicht allein sind, sondern angewiesen aufeinander.“ (Anselm Grün, in: Anselm Grün, David Steindl-Rast, im Gespräch mit Johannes Kaup, Das Glauben wir, Spiritualität für unsere Zeit, Münsterschwarzach 2015, S.111). Gegen den Trend einer egozentrischen Selbstverwirklichung gilt es heute wieder neu den Wert von tiefen, lebensfördernden und zweckfreien Beziehungen zu entdecken. Gemeinsam stehen wir vor den Herausforderungen einer Zukunft, die von uns Entschiedenheit, Tapferkeit und Mut verlangt, geleitet von einem Geist der Verbundenheit.

Die Schriftstellerin Carolin Emcke hat vor einiger Zeit auf einen Begriff, der aus dem Hawaianischen stammt, aufmerksam gemacht: „Kipuka“. Kipuka bezeichnet einen Flecken oder Streifen Land, der nach einem Vulkanausbruch von der herunterströmenden Lava verschont geblieben ist. Etwas in der Zerstörung, das unversehrt und heil geblieben ist und von dem aus sich nach der Katastrophe neues leben ausbreiten kann; ein unbedeutendes Stück Land, dass lebensspendend wird. Und sie verweist mit dem Begriff auf das, was für uns in finsteren Zeiten, manchmal erst in der Rückschau, lebensrettend sich erwiesen hat. Ihr Fazit lautet: „Wovon alle berichten, die antiken Mythen, die religiösen Erzählungen, die Zeugnisse von Überlebenden, was allen das Existentiellste war: die Freundschaft, die Hinwendung zu einer anderen Person oder einer Gemeinschaft. Sich um andere zu sorgen, sich für andere zu verausgaben, sich mit anderen zu verbinden, von anderen zu lernen, alles einzusetzen, was man hat, und es zu teilen- das ist das, was ein Flecken Kipuka schafft, eine Zone, die unversehrt bleibt und die am Ende, nach der Katastrophe, heraussticht.“(https://carolin-emcke.de/category/publikationen/kolumne/)

Gustav Schädlich-Buter

Litanei der Loslösung

der bekannte Franziskaner Richard Rohr schreibt über das Herzsutra in seinem Newsletter: Das Herzsutra (manchmal auch das Herz der Vollkommenheit der Weisheit genannt ) wird von vielen als die prägnanteste und tiefgreifendste Zusammenfassung der buddhistischen Lehre angesehen …Es endet mit einem Mantra… Es ist Erleuchtung selbst und Hoffnung selbst in verbaler Form. Es ist die ultimative Befreiung in die Realität.

Hier ist die Sanskrit-Transliteration des Refrains:

Tor Tor pāragate pārasamgate bodhi svāhā!

So wird es ausgesprochen:

Ga-tay, ga-tay, para ga-tay, parasam ga-tay boh-dee svah-ha!

Hier ist die Bedeutung: Vorbei, weg, den ganzen Weg gegangen, die gesamte Gemeinschaft der Wesen ist zum anderen Ufer gegangen, Erleuchtung – so sei es! [2]“ soweit Richard Rohr)

Es geht in diesem Mantra im Grunde um eine freudvolle Botschaft, vergleichbar dem Halleluja der Christen. Es geht um die Befreiung von all unseren Anhaftungen, Verlusten, Niederlagen, Traumatas und unserem Eigensinn. Die vergängliche Natur von allem wird anerkannt und die Kunst der Loslösung von aller Anhaftung bereits in verbaler Form gefeiert. Während kapitalistische Gesellschaften das Besitzen, Anhäufen und Festhalten lehren, den persönlichen Vorteil und den Eigenwillen stärken, lehrt das Herzsutra, einen Exodus aus den falschen und vorübergehenden Anhänglichkeiten in die wahre Freiheit, in welcher das falsche und relative Selbst losgelassen wird. Wir können an die Armut der leeren Hände denken, die nichts mehr festhalten können, die alles losgelassen haben und gerade darin die Hoffnung spüren, dass diese Leere von woandersher wieder gefüllt werden kann. Thomas Merton, der Trappistenmönch schreibt dazu: „Wir hoffen nicht auf das, was wir haben. In Hoffnung zu leben bedeutet daher, in Armut zu leben und nichts zu haben. . . . Hoffnung ist proportional zur Distanzierung.

Richard Rohr schlägt vor eine persönliche Litanei der Loslösung zu schreiben, die ich im folgenden Text versucht habe:

Persönliche Litanei:

Alle Sorgen, Nöte, Druck- Vorbei, weg, ganz weg!

Alles Grübeln, alle Gedanken, alle Zweifel- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Machspiele und Machtkämpfe, alle Rechthaberei- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Macht und Ohnmacht- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Schmerzen, Trauer und Verluste- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Begeisterung und alle Enttäuschung- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Unterwerfung, alle Unterdrückung- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Arroganz und Überheblichkeit- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Selbstsicherheit, alle Unsicherheit- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Strategie und Berechnung- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Urteile und Vorurteile- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Selbstbilder und Bilder von anderen- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Krankheit, Not und Behinderung- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Sorgen, Ängste Absicherungen- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Sorgen um Kinder und Beruf­- Vorbei, weg, ganz weg!

Alles Antreiben und Kontrollieren- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Jahrhunderte vor und nach mir- Vorbei, weg, ganz weg!

Aller Krieg und alle Schlachten vor mir, nach mir, in mir- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Ungerechtigkeit und Ausbeutung- Vorbei, weg, ganz weg!

Aller Rassismus und Nationalismus- Vorbei, weg, ganz weg!

Alles Böse, Zerstörerische, Negative- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle guten Taten, auf die ich stolz war- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Neurosen und Traumatas- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Enge, Mutlosigkeit und Lebensverweigerung- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Anbiederung und Anhänglichkeit- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Wünsche und Illusionen- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Gottesbilder, die schönen und erschreckenden- Vorbei, weg, ganz weg!

Alles Streben, alle Gier und Hitzigkeit- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Sucht und alles Getriebensein- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Verluste, Niederlagen und Scheitern- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Siege, Erfolge und Gewinne- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Irrlichter und Nebel- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle bellenden Hunde- Vorbei, weg, ganz weg!

Aller Entscheidungsdruck- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Idole und Vorbilder- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Vergleiche- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle Erwartungen- Vorbei, weg, ganz weg!

Alle „Götter“- Vorbei, weg, ganz weg!

Traumsucher

Er wußte nicht, was ihn dazu antrieb, aber er stieg hinunter in den dunklen Raum, dessen Tür sich plötzlich vor ihm auftat; viele Treppen hinunter in ein dunkles Reich, das von keinem Lebewesen bewohnt schien. Auf dem Boden lagen die Scherben eines zerbrochenen bunten Glasfensters.

Etwas in ihm drängte ihn dazu, die bunten, überall zerstreuten Scherben in einer Tasche, die er immer bei sich trug, aufzusammeln. Nur sehr wenig Licht strömte durch das zerbrochene Fenster noch herein, aber zumindest war der Raum nicht ganz dunkel, so dass ein Gang sichtbar wurde, der zu weiteren scheinbar unbewohnten Räume führte. Vorsichtig öffnete der Mann eine halb offenstehende Tür und gerade als er einen Schritt hineinwagen wollte, stieß er an einen lebendigen Körper. Erschrocken zuckte er zusammen, als ein leises Wimmern und Klagen einer ängstlichen Stimme an sein Ohr drang. Kaum sichtbar durch das wenige Licht, erkannte er aber, da seine Augen sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die Gestalt einer Frau, die an einer Säule lehnte. Ihre Haare waren wirr verstrubbelt, aber alles an ihr schien durcheinander; ihr Kleid war zerrissen und sie hatte keine Schuhe an den Füßen. „Wer bist du“, fragte der Mann , und: „Wie kommst du hier her?“ „Was ist das überhaupt für ein Kellerraum, in dem wir sind?“. Die Frau schaute ihn mit aufgerissenen Augen an und sagte lange kein Wort. Dann, als müsste sie erst wieder die verloren gegangenen Worte ihrer Sprache zusammensetzen, öffnete sie den Mund und würgte einige unverständliche Laute hervor, die wie „kraks“ oder „crux“ klangen. Der Mann nahm sie -ohne weiter mit Fragen zu bedrängen- beim Arm und half ihr auf, sie konnte kaum laufen, war sehr geschwächt, konnte sich kaum aufrechthalten, aber mit seiner Hilfe schaffte sie es bis zum Hauptraum, wo durch das zerschlagene Fenster gedämpftes Licht hereinfiel. Der Mann zog seine Jacke aus, legte sie auf den Boden und half der Frau, sich darauf nieder zu lassen. Die Frau legte sich darauf und schlief nach kurzer Zeit ein. Der Mann saß bei ihr und von Müdigkeit übermannt, schlief auch er ein. Im Traum sah er die Frau erneut; sie stand ihm jetzt gegenüber, sie hatte ihre Sprache wieder gefunden und redete klar und deutlich folgenden Satz an den Mann gerichtet: „Wir sind hier im Reich der verlorenen Träume. Aber was suchst Du hier?  Warum bist du denn  hier her gekommen?“

Der Mann schaute mit seinem Gesicht etwas unwissend und verloren zur Erde und gerade als er ihr sagen wollte „Ich weiß es nicht“, sagte er: „Jetzt fällt es mir ein, warum ich hier bin. Jemand, den ich nicht kenne, hat mich beauftragt, deine Träume zu suchen.“

Daraufhin erstarrte die Frau und sie stieß ihre Antwort bitter und trotzig aus ihrem halbverschlossenen Mund heraus: “Ich hatte nie Träume!“ Der Mann schaute sie lange freundlich an ohne etwas zu sagen und legte dann den Arm um sie. Die Frau begann zu schluchzen, über ihre Wangen rollten Tränen, die schließlich zu einem Tränenstrom anschwollen. Als sie aus den Tränenfluten wieder auftauchte, waren ihre Augen hellstrahlend voller Licht, in dem Leid und Kraft sich zu vereinen schienen. „Ja“, sagte sie, „ich hatte Träume, große Träume, Lebensträume, Liebesträume.“ Und es schien, als sie so redete, dass sich ihre Gestalt in die eines Engels verwandelte. Und ihre Stimme klang wie eine hellklingende  Glocke, die all die verlorenen Träume sammeln und herbeirufen wollte. Und sie sprach:

Ich träumte von einer Hand, die mich niemals fallen lässt und mich hält, wenn ich Angst habe, dass alles umsonst und wertlos ist, was ich bin und was ich tue.

Ich träumte von einem Menschen, den ich so lieben würde, dass nicht einmal der Tod etwas anhaben konnte.

Ich träumte von einer neuen Sprache, die alle Dinge so zärtlich benannte, dass auch noch das gröbste Ding durchsichtig werden konnte. Und die wichtigsten Worte in dieser Sprache waren DU und JA.

Ich träumte von einem Schiff, mit dem ich unendlich weit aufs Herzmeer hinaussegeln konnte und über mir nur der Sternenhimmel und der, der ihn geschaffen hat. Ich wollte Sternenbrücken bauen zum Freiheitsklang, zum Kinderherz.

Ich träumte von Blumen,- zart und fein, groß und stark-, bewegt vom sanftem Wind im Atemgarten.

Ich träumte von Lichtwellen, die mich durchströmten und die wie ein unauslöschlicher  Lichtschimmer blieben, wenn ich die Schatten der Nacht durchschritt.

Ich träumte von einem Tanz durch die Dunkelheit wie eine Blinde geführt von Erlösungston zu Erlösungston, Musik aus Verheißungsklängen aus dem Nichts, die alles zu bedeuten schienen.

Ich träumte von einer Wurzelwohnung, die mich vertrauensvoll wärmt und birgt, in der ich bedingungslos sein konnte. Ich träumte von einer Höhle, in der alle Seelennarben zuheilen und im Verborgenen neues Leben heranwächst.

Abstieg ist Aufstieg, Acryl auf Leinwand (Ausschnitt)

Und die Frau rief noch viele, viele andere Träume herbei und als sie geendet hatte, nahm der Mann seine Umhängetasche von der Schulter.  Er holte die zerbrochenen bunten Teile des Glasfensters heraus, die er gesammelt hatte und setzte die Bruchstücke zu einem bunten Mosaik zusammen. „Für dich“, sagte er zu der Frau, „deine Träume“, verlier sie nicht und lass sie dir nicht zerbrechen.

Kurz darauf erwachte ein Mann, der bei einer Wanderung auf einer Wiese sich etwas ausruhen wollte und dabei eingeschlafen war. Als er nach Hause kam, erzählte er seiner Frau: Ich hatte heute einen merkwürdigen Traum, und es war ganz eigenartig und das ist mir noch nie geschehen, dass ich im Traum noch einmal träumte.  Ist doch verrückt, was man nicht alles für komische Sachen träumt.

Gustav Schädlich-Buter

schwach und stark

schwach-stark

Wer will nicht stark, erfolgreich, schön, attraktiv, und begehrt sein? „Power haben“- das liegt im Trend des Zeitgeistes.  Schwäche zugeben, das geht eigentlich nicht, in einer Zeit, die „Selbstoptimierung“ und „Gewinnmaximierung“ zu ihren Prioritäten gemacht hat.

Aber, was ist mit all denen, welche das Leben aus der Kurve getragen hat und die jetzt zerbeult daherkommen? Was ist mit denen, die durch die Stürme des Lebens zerzaust wurden und jetzt „abgerissen“ und zerfetzt aussehen? Was ist mit jenen, die durch ihre Lebenskämpfe, ihr Scheitern, ihre Niederlagen oder plötzlich einbrechende Krankheiten geschwächt und zu Boden geworfen wurden? Und was mit all jenen, die auf der Schattenseite des Lebens geboren wurden oder sich in der Mitte der Lebensreise (vgl. Dante, Die göttliche Komödie) sich in einem dunklen Wald verlaufen haben? Und was ist mit den älteren oder kranken Menschen, die nichts mehr „leisten“ können.

Wir brauchen nichts dringender als eine Kultur der Schwäche, fordert Jörg Scheller, Professor für Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künste und er legt in einem lesenswerten Beitrag dar, dass wir in einer Zeit leben, in der es nur noch um Selbstoptimierung und Empowerment geht und selbst formal eingestandene Schwäche nur zur Erfolgsoptimierung dient. Er schreibt:

In der Tat ist es ja, als bestünde die Welt nur noch aus Muskeln. Empowerment! Followerpower! Global Power! Super Power! Student Power! Female Power! Resistance! Resilienz! Rise against! Organisiert euch, optimiert euch, wappnet euch, lernt u kämpfen, setzt euch durch…Ratgeberbücher, die Stärkung des Selbstbewusstseins versprechen. Starke Statements, starker Widerstand, starke Wirtschaft, starke Körper, starke Meinungen, starke Frauen, strong Leadership, gemeinsam sind wir stark….Was in der Kultur der Werte und des Empowerments verloren gegangen ist, ist die gemeinsame Arbeit an einer Kultur des Machtverzichts und der Schwäche…Schwache Schwäche. Schwäche, die schwach genug ist, sich als solche anzuerkennen. Es bedarf eben nicht der Stärke, sich Schwächen einzugestehen. Es bedarf der Schwäche.“ https://www.deutschlandfunk.de/wir-haben-die-macht-1-3-warum-wir-eine-kultur-der-schwaeche.1184.de.html?dram:article_id=492520)

Eine Gesellschaft der Besserwisser, Rechthaber, der Populisten, die wissen, wo es langgeht, der Empörten, die ihr Denken militärisch aufrüsten, und keine abweichenden oder andersdenkenden Meinungen mehr zulassen, scheint sich auch bei uns und weltweit immer mehr auszubreiten.

Macht uns aber umgekehrt nicht gerade die Corona Pandemie deutlich wie verletztlich und schutzbedürftig der Mensch ist, wie fragil menschliches Leben und Planen scheint, wie unsicher sein Wissen; aber auch wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind, wie sehr wir der Solidarität und des Mitgefühls unserer Mitmenschen bedürfen?

Eine echt starke Gemeinschaft (vom Staat bist zur Familie) ist jene, die in besonderer Weise auf die Schwächeren und Bedürftigeren achtet, sich um jene  kümmert und sie mitnimmt statt sie an den Rand zu schieben. „Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“ – so steht es in der Präambel der schweizerischen Verfassung von 1999.

Nur wer um seine eigenen Schwächen weiß und sie sich auch ein- und zugesteht, wird auch Mitleid und Empathie für jene empfinden, die nicht auf der Siegerstraße zu Hause sind. Geben uns nicht gerade sogenannten Schwachen und Bedürftigen ganz viel und zeigen sie uns nicht eine Welt jenseits der Kategorien Erfolg, Effizienz, Selbstoptimierung und Gewinnsteigerung? Lernen wir durch sie nicht sehr oft sehr viel von dem, was das Leben essentiell ausmacht: Liebe, Zuwendung, Gefühle, Demut, und das Eingeständnis, angewiesen zu sein und Hilfe zu brauchen? Ich für mich kann diese Frage nur bejahen in meinen vielen beschenkenden Begegnungen gerade mit schwerstbehinderten Menschen.

Viele Umkehr und Wandlungsprozesse von sogenannten Heiligen begannen mit einer Erfahrung der Schwäche: der stolze Ritter Ignatius von Loyola, späterer Gründer des Jesuitenordens, erlebt eine tiefgreifende Wandlung seiner Person, als ihm eine Kanonenkugel sein Bein uns seine bisherige Identität zerschmettert; in vielen Stunden der Einsamkeit und Verlassenheit, auch der Verzweiflung, im Hören nach innen wandelt sich sein Leben, in dem ihm keine der alten Freuden mehr Genuss vermitteln und ihm langsam eine neue Lebendigkeit aufblüht.

Oder Franz von Assisi, Sohn eines reichen bürgerlichen Tuchhändlers, selbst ein Lebemann und auf dem Weg über ritterliche Erfolge in den Stand der Adeligen (majores)aufzusteigen (so zumindest der Wunsch des Vaters), erfährt eine tiefgreifende Wandlung seiner Biografie in der Begegnung mit einem Aussätzigen, wahrscheinlich Leprosen, welche die unterste Stufe der hochmittelalterlichen Ständegesellschaft bildeten und wie Tote in einem Begräbnisritual ausgesondert wurden. Indem Franziskus, den Ausgegrenzten umarmt, spürt er, dass der andere Gott aufscheinen lässt, was seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägt. In der Schwäche des Anderen entdeckt er auch seine eigene Armut und Bedürftigkeit, die er nicht durch irdische Güter füllen kann. (vgl. dazu Mirjam Schambeck, Nach Gottragen zwischen Dunkel und Licht, Würzburg 2014)

Nicht umsonst beginnen die alten Gebete immer mit dem Ruf: „O Gott komm mir zu Hilfe, o Herr, eile mir zu helfen“- also einem Eingeständnis, ein Hilfsbedürftiger zu sein; einer der angewiesen ist, der nicht mehr aus eigener Kraft sein Leben meistern kann, der sich nicht selbst genügt. Wer betet gibt seine Schwäche zu und bittet die höhere Macht um Hilfe und Beistand. Gehört es nicht zur Größe des Menschen zu bedürfen, Gottes zu bedürfen, um das zu bitten, was ich mir nicht selbst geben kann? Zu bitten, um Erlösung, um Beistand, um Durchhaltekraft in der Not, um Freiheit, um Frieden, um Schutz ….

Gustav Schädlich-Buter

Angst

Angst- ein vielschichtiges Phänomen

Als Seelsorger begegnet mir immer wieder das Thema Angst. Die Angst ist ein extrem vielschichtiges Thema für das ich nur einige Hinweise und Literaturempfehlungen geben kann, die hoffentlich Betroffenen und Begleitenden weiterhelfen.
Angst bewegt viele, jetzt in Zeiten von Corona besonders. Ganz konkrete persönliche Ängste treiben dabei viele Menschen um: die Angst vor Arbeitslosigkeit, um die familiäre Zukunft oder um die Kinder, um die Gesundheit oder ob die Beziehung hält.
Wieder andere quälen die „großen Ängste“: die Angst vor der Zukunft, vor Terrorismus und dem „Fremden“, die oft zu Vorurteilen führt, und schließlich die Angst um das Klima und heute vor Corona.


Aber auch seelische und existentielle Ängste bewegen die Menschen heute stärker denn je, so dass manche Autoren vor einem Jahrhundert der Angst sprechen. Manche haben Angst vor dem inneren Chaos, oder die Angst abgelehnt oder verlassen zu werden, viele haben Angst, ob sie auch genügend geliebt werden, oder die Angst, zu kurz zu kommen, die Angst verletzt oder beschämt zu werden, die Angst, ob sie „richtig“ und normal sind; oder die Angst vor Überforderung, alles nicht mehr zu schaffen. Die Angst vor Alter, Einsamkeit und Sinnleere taucht bei manchen ebenso auf wie die Angst vor Krankheit und Sterbenmüssen. Und die Angst vor der Angst.
Nicht wenige in unserer Gesellschaft fühlen sich von der Angst bestimmt und von „Angstgespenstern“ umzingelt, zumal viele negative Nachrichten rund um Corona zuletzt auf uns eingeströmt sind. Angst kann depressiv machen oder einen in Panik versetzen. Panik ist der plötzlich auftauchender Schrecken, den man nicht deuten kann (das Wort Panik vom griechischen Gott Pan).
Zudem können weit zurückliegende Angsterlebnisse zum Beispiel während des Krieges, die lange verdrängt wurden, in späteren Jahren wieder auftauchen und sogar die nachfolgenden Generationen infizieren und dort weiter wirken.
Die Angst ist aber nicht nur negativ, sondern schon in der Tierwelt überlebensnotwendig und auch für uns Menschen ein wichtiges Alarmsystem bei Gefahren. Sie zeigt uns die Grenzen unserer Macht und Möglichkeiten.
Doch es gibt auch die Angst, die uns am Leben hindert und der keine entsprechende reelle Gefahr entspricht. Dann handelt es sich meist um neurotische Muster, welche das Seelenleben bestimmen und psychologischen Behandlung bedürfen.
Die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud war der Auffassung, dass die Angst im Kind dadurch entsteht, dass die wichtigen Triebregungen wie Sexualität und Aggression unterdrückt und durch zwanghaftes und angepasstes Verhalten abgewehrt werden.
Literatur: eine gute Hinführung zum Thema Angst, auch aus biblischer Sicht, mit sehr vielen praxisnahe Beispielen: Anselm Grün, Verwandle deine Angst- Ein Weg zu mehr Lebendigkeit, Freiburg 2015

von Angst umzingelt

Angst im Körper

Das Wort Angst hat mit Enge und Einengung zu tun, die sich deutlich im Körper spüren lässt; flacher Atem, Druck auf die Brust, zugeschnürte Kehle, erweiterte Pupillen, aber auch Herzrasen, Schweißausbrüche, innere Erstarrung und Zittern können die Folge sein.
Menschen, die Angst haben, fühlen sich unsicher, hilflos, angespannt, geschwächt, manche weinen, rennen raus, machen sich klein oder nehmen eine Schutzhaltung ein.

Angst als Impuls zu reifen- die Grundformen der Angst nach Fritz Riemann

Davon, dass in der Angst nicht nur quälende und bedrückende Aspekte stecken, sondern auch Impulse zur Weiterentwicklung und Reifung, geht auch der Psychologe Fritz Riemann aus. In seinem lesenswerten Buchklassiker über die Angst arbeitet er vier Grundformen der Angst heraus, die er entsprechend der psychoanalytischen Theorie Freud´s den Persönlichkeitstypen des Shizoiden, Depressiven, Zwanghaften und Hysterischen zuordnet. So erlebt der shizoide Typ (präorale Phase), der Angst vor der Selbsthingabe. Er hat Angst sich an jemanden oder etwas zu verlieren, und verbindet das mit Ichverlust und Abhängigkeit. Jener Typ hat ein großes Bedürfnis, sich abzugrenzen, und seine Wachstumsaufgabe bestünde darin, Zuneigung, Hingabe und Selbstvergessenheit zu lernen.
Der depressive Charaktertyp (orale Phase) hat Angst vor Selbstwerdung, er hat Angst, jemanden oder etwas zu verlieren, er will geborgen und festgehalten werden und hat Angst vor Eigenständigkeit und Selbstbehauptung. Seine Wachstumsaufgabe bestünde aber gerade darin Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu wagen.
Die Grundangst des zwanghaften Typs (anale Phase) besteht in der Angst vor Wandlung, die er als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt; er fürchtet sich vor Veränderung, Wechsel und Risiko. Seine Wachstumsaufgabe bestünde darin Neues und Großzügigkeit zu erlernen.
Der hysterische Typ hat vorallem Angst vor Endgültigkeit und Festgelegt-werden, gegenteilig zum zwanghaften Typ hat er gerade Angst, dass sich nichts ändert, weil er ein großes Bedürfnis nach Abwechslung, Veränderung und Aufmerksamkeit von anderen hat. Seine Wachstumsaufgabe bestünde darin nüchternen Realitätssinn zu wagen und konsequentes Handeln einzuüben.
(Hinweis: es ist durchaus möglich, sich in mehreren Typen wiederzufinden;
Literatur: Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine psychologische Studie, München/Basel 1979).

Der Mensch zwischen Ur-Vertrauen und Ur-Angst

Doch die Angst ist kein Thema von kranken oder neurotischen Menschen. Angst haben wir alle und zwar von Beginn unseres Lebens an, worauf die Musiktherapeutin und Sterbeforscherin Monika Renz hinweist. Sobald wir nämlich die von Urvertrauen, Umhülltsein, paradiesischer Geborgenheit und Frieden geprägte intrauterine Welt bei der Geburt verlassen müssen, taucht mit zunehmendem Bewusstsein (vgl. dazu Mythos im Buch Genesis vom Baum der Erkenntnis) die Frage auf, ob wir überleben können in einer fremden und uns noch unbekannten Welt. Das mitgegebene Urvertrauen schaut der Angst in Form von Verlorenheit- und Bedroht-sein ins Gesicht. Und am Anfang ist noch nicht klar, was uns prägen wird: Die Ur-Angst und ihre Verteidigungsstrategien, die sich nach Monika Renz als Gewalt, Gier und Lüge bemerkbar machen, oder das Ur-Vertrauen.
(Literatur, vgl. M. Renz, Zwischen Urangst und Urvertrauen, Paderborn 1996; E. Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 1 )
Was sich durchsetzt, liegt auch an unserer Kultur, die nicht nur in Tagen von Corona alles andere als optimistisch und hoffnungsvoll stimmt. Tatsächlich wundere ich mich immer wieder wie pessimistisch, nörglerisch und ängstlich viele Menschen in unserer reichen westlichen Welt in die Zukunft blicken, im Unterschied zu Menschen, die in viel ärmeren Ländern mit viel weniger auskommen müssen. Zu einer pessimistischen Zukunftssicht tragen auch politische Parteien bei, welche mit der Angst arbeiten, um Spaltung, Entsolidarisierung und Fremdenfeindlichkeit zu schüren.
(Literatur: vgl ausführlicher dazu: Paul Michael Zulehner, Angstlust, Vom Spiel mit der Angst in Politik, Gesellschaft und öffentlichem Diskurs, in: Ulrich H.J. Körtner (Hg.), Theologische Zugänge zu einem ambivalenten Thema, Neukirchen 2001)

Umgang mit der Angst aus spiritueller Hinsicht

Voraus zu schicken ist, dass es eine unseriöse Theologie gibt, die den Glauben als Lösung aller Lebensprobleme sieht, und die Angst als Symptom des Unglaubens oder sogar als gerechte Strafe für die eigene Gottlosigkeit verstehen will. Doch es gibt keine grundsätzliche Angstfreiheit des Glaubens.
In der Bibel steht nirgendwo „Ängstige dich nicht!“ 1, so der der Benediktiner David Steindl-Rast, denn die Angst gehört zum Leben und zum Glauben; Angst ist unvermeidlich. Entscheidend ist wie wir damit umgehen. Ich kann die Stacheln aufstellen und mich wehren gegen das, was auf mich zukommt, dann bleibe ich in der Furcht stecken; Furcht bleibt in der Angst stecken.
Aber dort wo ich mit (Gott-)Vertrauen durch die Angst hindurchgehe, mich vertrauensvoll in die Angst hineinwage, werde ich auf der anderen Seite in einer größeren Weite herauskommen. Das ist wie bei einer Geburt, auch da muss man durch einen engen Kanal durchgehen und weiß noch nicht, was mit mir geschieht; so lässt sich auch das Sterben als zweite Geburt verstehen, die mit der Todesangst verbunden ist, der ich aber mit meinem Glauben als einem tiefen Vertrauen begegnen kann; einem Vertrauen, dass eine Macht des Lebens (Gott) mich trägt und nicht ins Nichts fallen lässt. Es gilt also von der ersten bis zur letzten Geburt vertrauensvoll durch die Angst hindurch zu gehen statt sich zu sperren und dadurch den möglichen Geburtsprozess zu verhindern. Um dieses Vertrauen zu stärken, schlägt Steindl-Rast vor, alle Gelegenheiten im Leben wahrzunehmen, wofür ich dankbar sein kann. Steindl-Rast hält das „Fürchte Dich nicht“ für den wichtigsten Satz in der Bibel (er kommt dort wohl 365 mal vor) für uns modernen Menschen, doch seien Angst und Furcht zu unterscheiden.

1Steindl-Rast bezieht sich auf den Unterschied zwischen Angst und Furcht, den der Philosoph Sören Kierkegaard eingeführt hat; die Furcht hat ein bestimmtes bedrohliches Objekt, z.B. die Furcht vor dem bissigen Hund), die Angst dagegen ist unbestimmt und gegenstandslos, letztlich die Angst vor dem Nichtsein, taucht auf mit dem Freiheitsbewusstsein des Menschen)
(Quelle: Mitschrift eines Interviews mit Steindl-Rast auf youtube,
https://www.youtube.com/watch?v=Z_BBaf8HpKA

Spirituelle Impulse zum Umgang mit der Angst

Ich stelle mich meiner Angst. Ich versuche sie in Worten zu beschreiben, ich schreibe sie auf (in ein Tagebuch z.B.), ich suche einen Gesprächspartner, mit dem ich über meine Ängste reden kann. Ich spreche mit meiner Angst.
Ich male ein Bild; das meine Angst ausdrückt. Ich betrachte das Bild und tausche mich darüber mit einer Vertrauensperson aus.
(Die Gespenster der Angst werden kleiner, sobald ich sie ausdrücken kann. Die verständnisvolle und vertrauenerweckende Stimme eines Gegenübers, menschliche Nähe tut gut, wenn Angst mich aufwühlt.)
Ich beginne zu beten. Weil mir in meiner Angst und Verzweiflung eigene Worte fehlen, bete ich in den Worten der Psalmen wie z.B.: „ ER griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.“ (Psalm 18). Andere Psalmen: Psalm 23, Psalm 34 oder Jes. 49,15; oder im Jesusgebet wiederhole ich Rhythmus des Atems den Satz: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“
Ich meditiere biblische Geschichten wie z.B. Matthäus. 14, 22 f, wo Petrus seinen Fuß auf das Wasser setzt, im Vertrauen auf Jesus, der ihm auf dem Wasser entgegenkommt. Ich begebe mich selbst in die Rolle des Petrus und höre Jesu Stimme: „Fürchte dich nicht!“