Der rote Faden

Nicht umsonst wird das Schicksal des Menschen seit altersher mit dem Symbol des Fadens verknüpft, der etwas von der Räselhaftigkeit des Menschseins zum Ausdruck bringt. Wer bestimmt das menschliche Schicksal, wer verteilt das Los, dass der eine Mensch lang, der andere nur kurz lebt, der eine in Wohlstand und Reichtum aufwächst, der andere in bittere Armut hineingeboren wird, der eine mit strotzender Vitalität gesegnet ist, der andere mit Schwäche und Krankheit belastet. Die alten Mythen suchten darauf eine Antwort zu geben mit der Vorstellung, dass drei Schicksalsgöttinnen , die Moiren (bei den Römern hießen sie Parzen, bei den Germanen waren es die Nornen) den Neugeborenen ihren Lebensfaden spinnen und eine davon, – Atropos-, das Lebensende bestimmt , indem sie den Lebensfaden durchschneidet. Auch in etlichen Märchen tauchen die Symbole von Spinnrad und Faden auf.

Immer erscheint das Leben zunächst als etwas, das nicht in unserer Hand liegt, das von fremden Mächten bestimmt wird. Die Wahrheit dieser Mythen liegt sicher darin, dass wir uns weder unsere Eltern, noch das Land, noch die Kultur oder Religion , in die wir hineingeboren wurden, ausgesucht und frei gewählt haben. Einen großen Teil unseres Lebens wissen wir in der Regel wenig von diesem inneren roten Faden und werden von außen (von Konventionen und Vorgaben) geleitet , werden mehr gelebt als dass wir selber leben. Doch obwohl wir den Lebensfaden nicht selbst gesponnen haben, so besteht doch unsere Aufgabe darin, unseren ureigenen Lebensfaden zu erkennen und ihn zu ergreifen.

Elektronenwirbel

Immer wieder brechen Menschen auf zu inneren Reisen, machen sich auf die Suche nach dem ureigenen Lebensfaden. Manche folgen einer Intuition und Inspiration und lassen Bisheriges und Eingespieltes zurück, andere werden durch die Wunden des Lebens, durch Scheitern, Krankheit, und Niederlagen auf eine solche Reise geschickt. Diese innere Reise ist immer eine Abenteuerreise, die nicht selten in Bereiche führt, wo die alten Regeln der Kontrolle nicht mehr funktionieren. Manche Ritterromane (wie der Parzivalroman) schildern solche Reisen als einen Weg durch finstere Wälder, Dornensträucher, tiefe Gräben oder über schwankende Brücken. Angst und Mut, Zweifel und Glauben begleiten uns auf diesem Weg. Es sind Seelenreisen in die Tiefe , welche viele Mythen, Märchen und Legenden beschreiben.

Auf der Lebensreise kann man sich auch verlaufen, an Wegkreuzungen oder falschen Wegeisern folgen. Wer in die Irre gelaufen ist, braucht einen Rettungsfaden . Ariadne , die Tochter des Königs Minos von Kreta gibt dem Königssohn Theseus einen solchen Faden mit, damit er aus dem Labyrinth des Minotaurus, -ein gefürchtetes Mischwesen aus Mensch und Stier-, wieder herausfindet. Menschen, die traumatisiert oder gefährdet sind, deren Seelen durch Gewalt und Mißbrauch verwundet sind, brauchen jemanden, der einen Rettungsfaden zuwirft. Die Lebensfäden mancher Menschen sind manchmal schier unentwirrbar in einem Knäuel verknotet und verstrickt und sie brauchen Hilfe, um wieder Orientierung für ihr Leben zu finden. Sie brauchen jemanden, der Verworrenes aufdröseln und Knoten auflösen hilft, damit die Reise weiter gehen kann. Gott sei Dank, gibt es immer wieder Menschen, Ereignisse, Inspirationen, die uns helfen die nächsten Schritte unseres Lebensweges zu finden.

Unterschiedliche Begriffe schildern das Ziel eines solchen Reise: das „wahres Selbst“ als tieferer Identitätspunkt, der heilige Gral, der gefunden werden muss als Symbol für Erleuchtung oder Erlösung von einem tödlichen Bann, der wahre Sinn unseres Lebens oder die Begegnung mit Gott (Augustinus sagt in seinen Confessiones: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott“ (Augustinus, Conf. 1,1) Jedenfalls haben einige Menschen (- oder sind es alle?) das Bedürfnis, dass ihr Leben einen tieferen Sinn und Zusammenhang hat, dass dieses Leben, in das man „hineingeworfen“ wird, mehr ist als ein belangloses Herumzappen auf unterschiedlichen Kanälen. Die Lebensfäden des Inneren – z.B. meine Talente und Begabungen- wollen entwickelt werden, zu einem schönen Teppich zusammengewoben werden….

Und damit sind wir wiederbei der Frage nach dem roten Faden. Der israelisch- amerikanische Therapeut Aoron Antonovski hat das Konzept der“Salutogenese „entwickelt, indem er der Frage nachgegangen ist , was macht Menschen gesund statt der üblichen Frageweise, was Menschen krank macht. Antonovski hat Holocaustopfer untersucht und ist zur Überzeugung gekommen, dass vorallem jene Menschen die Grauen von Konzentrationslagern unbeschadet überstanden haben, die einen übergreifenden Sinn für ihr Leben gefunden hatten. Antonovski nennt diesen umgreifenden Sinn Kohärenzgefühl , und ein Faktor für dieses Gefühl ist: Ich verstehe mein Leben, es ist für mich ein roter Faden darin zu finden.

Der Sinn meines Lebens lässt sich nur über eine Reise ausfindig machen, nicht umsonst bedeutet die Sprachwurzel von Sinn „reisen“ (vom indogermanischen sentno), auch das lateinische sentire , fühlen, empfinden deuten darauf hin , dass es die Aufgabe eines jeden Menschen ist den Sinn des eigenen Lebens zu erspüren und dem Leben dadurch eine Form und Richtung zu geben.

Der rote Faden, das kann auch ein Satz, ein Wort sein, das für unser Leben bestimmend ist. Der große Religionsphilosoph Romano Guardini spricht vom Passwort im Gefolge eines Traumes, den er hatte und wo ihm gesagt wurde: „Wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben(…) Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht, welches die Tür zu ureigenen Bestimmung öffnet..“ (1.August 1964; der ganze Text von Romano Guardini unter: https://beruhmte-zitate.de/zitate/128248-romano-guardini-heute-nacht-aber-es-war-wohl-morgens-wenn-die-tr/

Impuls: Ich könnte einem Freund/in wichtige Stationen meiner Lebensreise erzählen oder für mich in einem Tagebuch aufschreiben.

Fällt mir ein Wort, ein „Passwort“ ein, das ich als Überschrift über mein Leben setzen kann?

Freundlichkeit

Gerade, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir bedrückt, traurig oder mutlos gestimmt sind, dann tun uns freundliche Menschen gut. Echte Freundlichkeit geht zu Herzen, wärmt, baut auf, macht eine innere Zuneigung sichtbar, erfüllt die Sehnsucht, einen Freund, eine Freundin auf dieser Welt zu heben . Entgegenkommende Freundlichkeit sagt uns, da ist jemand, der Interesse an mir hat. Freundliche Augen sagen mir, dass es gut ist auf dieser Welt zu sein, dass ich bejaht bin, dass ich verbunden bin mit anderen und von diesen anerkannt. Freundliche Worte trösten und geben neuen Lebensmut. Menschen, die schon als Kinder abgelehnt, beschimpft und „fertig“ gemacht wurden, tun sich freilich schwer, so einen wohlmeinenden und freundlichen Tiefenstrom der eigenen Existenz zu spüren. Um wieder heil zu werden, brauchen sie besonders viel freundliche Zuwendung.

Freundliche Geister, Acryl auf Leinwand

Schon die Antike sah die Freundlichkeit als eine Tugend, die den menschenerst zu einem sozialen Wesen macht. Der Philosoph Aristoteles schreibt in seinem Ethikbuch: „Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoß an ihm nimmt. „ (Aristoteles, 1985: Nikomachische Ethik, übers.: Rolfes, Eugen. 1126b27 ff.)

Nicht immer ist es leicht heraus zu finden, ob die uns entgegengebrachte Freundlichkeit echt ist, uns wirklich meint, oder nur ein Trick ist. Die Verkaufs- und Werbepsychologie , lehrt und trainiert die inzwischen verlorene Tugend der Feundlichkeit wieder künstlich zurück zu gewinnen. Lach- und Lächeltrainings zum Beispiel sollen den Strategen dabei helfen, die Kauflust zu vergrößern, um höhere Gewinne und individuelle Vorteile zu erzielen. Freundlichkeit wird zum Trick im Dienste des finanziellen Erfolges.

Doch echte Freundlichkeit ist nicht taktisch und berechnend, sondern bedingungslos, ja „arglos“ (ohne berechnende Hintergedanken), von Herzen kommend, aus einem freundlichen „Grund“ meines Daseins emporsteigend. Nicht immer gelingt es uns freilich, auf echte Weise freundlich zu sein; manche überfordern sich auch in ihren beruflichen Rollen als Seelsorger, Psychologen, Coaches, Helfende mit dem Ideal anderen stets freundlich, gutgelaunt und höflich zu begegnen. Übertriebene Freundlichkeit versteckt nicht selten einen aggressiven Schatten, verdrängt vorhandene Konflikte, oder will etwas für den eigenen Nutzen etwas erreichen. Freundlichkeit bedeutet zudem auch nicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nicht alles, was mir begegnet, kann ich freundlich beantworten.

In der christlichen Theologie ist davon die Rede, dass Menschenfreundlichkeit und Güte Attribute Gottes sind, welche die Glaubenden durch ihr Leben zum Ausdruck bringen sollten. Die Gefahr bestand allerdings schon in den frühen Christengemeinden darin, dass Freundlichkeit moralisch aufgedrängt und verordnet wurde, auf eine Benimmregel reduziert wurde, die nicht einer inneren Freude und Heiterkeit entsprang; doch eine bloße Pflichterfüllung, womöglich vorhandene Konflikte vermeidend, ist heuchlerisch und unecht. Wenn wir spüren, dass der andere nur „nett“ ist, weil er muss, bringt uns das ganz schnell auf innere Distanz.

Bei allen Vorbehalten, die Grundsehnsucht nach Freundlichkeit, nach einer freundlichen Welt, nach freundlichen Menschen, steckt wohl in uns allen und hat, falls wir sie auf echte Weise erleben, die Fähigkeit, Hass und Boshaftigkeit in uns zu überwinden. Echte Freundlichkeit wirkt heilend und verweist auf einen grundsätzlich freundlichen „Grund“ unserer Welt.

 Impuls:

Jede und jeder kann sich auch fragen: Wie freundlich gehe ich mit mir selbst um? (wo überall zwinge und überfordere ich mich; schleppe ich mich krank zur Arbeit..?)

Wie freundlich schaue ich auf mein Leben? (Würdige es herab als einzige Niederlage, lebenspfusch oder kann ich mit freundlichen Augen auf ,ein Leben mit Licht- und Schattenseiten schauen)?

Wie freundlich gehe ich mit meinen KollegInnen und Kollegen um? Gustav Schädlich-Buter

„Menschwerdung“- in memoriam Jean Vanier

Am 7. Mai 2019 starb der 1928 geborene Jean Vanier im Alter von 90 Jahren. An ihn möchte ich heute erinnern, weil er, lange bevor über Inklusion geredet und diskutiert wurde, diese praktiziert und gelebt hat.. Jean Vanier war der Sohn des Generalgouverneurs von Kanada Georges Vanier, bereits mit 13 Jahren trat er ins Brittania Royal Naval College ein, diente dann bis 1950 als Marineoffizier, zuletzt auf einem Flugzeugträger. Nach seinem Abschied von der Marine, lebte er zunächst in einer Kommunität in Paris. Er studierte Theologie und Philosophie und nach Abschluss eines Doktorats in Philosophie lehrte er zunächst an der Universität in Toronto.

Doch dann nahm sein Leben eine andere Wendung. Die persönliche religiöse Suche, von seiner Mutter inspiriert, und der christliche Nachfolgedanke, brachte ihn dazu, 1964 eine Wohngemeinschaft mit zwei geistig behinderten Menschen, Raphael und Phillippe, ins Leben zu rufen. In dem Dorf Trosly-Breuil in der Compiegne in Frankreich nahe Paris, entstand das erste Haus der Arche. Dort erlebte er sowohl die Tiefe des Leidens jener Männer und ihre Sehnsucht nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch die Freude im Gemeinschaftsleben mit Menschen, die vorallem mit dem Herzen dachten. Er wollte ihnen helfen und merkte zunehmend wie sie ihm halfen, das Leben anders und neu verstehen zu lernen. „Sie interessierten sich nicht im Geringsten für das, was in meinem Kopf vorging, dafür aber umso intensiver für meine Person: ‚Wie heißt du? Was machst du? Wann kommst du wieder?‘ Alles in ihnen schrie nach Begegnung, nach Freundschaft und Gefühlen. Ihr Schrei rührte mich an.“(Jean Vanier). Dies war die Initialzündung für ein Zusammenleben von geistig behinderten und nicht behinderten Menschen auf Augenhöhe und die Gründung der Archegemeinschaften. Heute existieren rund 150 solcher Gemeinschaften in rund 40 Ländern auf allen Kontinenten.

Auch wenn sich die Arche zunächst als ökumenische Glaubens- und Lebensgemeinschaft verstand, ist sie offen für andere Glaubensrichtungen und Einstellungen. Zunehmend ausschlaggebend wurde, dass das Zusammenleben im Geiste der Freundschaft und Gegenseitigkeit geschieht, welche die Grundlage aller Spiritualität in der Arche darstellt. Bis zuletzt setzte sich Jean Vanier dafür ein, dass Menschen mit Behinderung ein Leben in Würde ermöglicht wird. Jean Vanier war auch mit 90 Jahren geistig hellwach und am Puls der Zeit. Er gab seine Erfahrungen in Büchern, Interviews und Videos (viele auf you tube) weiter. In einem Video, das Anne Gerken und Pauline Dejoie mit ihm 2018 geführt haben, spricht er über das, was im Leben wichtig ist (Art Lebensregeln) und dazu beiträgt mehr und tiefer Mensch zu werden.

Ich gebe das auf englisch geführte Interview in verkürzter Form und mit eigenen Worten wieder.

1. Akzeptiere die Realität deines Körper`s Jean Vanier ermuntert dazu, unseren Körper zu akzeptieren, ihn auch auch in seiner Schwäche und Fragilität anzunehmen. „Wir werden in Schwäche geboren und werden in Schwäche sterben.“ Gerade das Älterwerden macht uns deutlich, dass wir vieles an Stärke und Fähigkeiten loslassen müssen. Wir werden vergesslicher, körperlich schwächer, aber das Wichtigste sei,- bei allen Verlusten- man selbst zu sein und zu bleiben..

2. Sprich über deine Gefühle und Schwierigkeiten und flüchte nicht vor der Realität Gerade Männer, so Jean Vanier, hätten Probleme über ihre Gefühle und Schwierigkeiten zu sprechen, über ihre Einsamkeit und ihre Versagensgefühle. Ihr Ärger schlägt dann leicht in Gewalt um oder in Kompensationen durch Alkohol und Drogen, um der Realität zu entkommen. Doch Menschwerdung hätte zutiefst etwas damit zu tun, die Realität zu lieben

3. Hab keine Angst, nicht erfolgreich zu sein Männer, so Vanier, scheinen ein weit tieferes Bedürfnis als Frauen zu haben, erfolgreich zu sein; in ihnen stecke eine tiefgreifende Angst, sie würden nur dann geliebt, wenn sie erfolgreich wären. Tiefere Menschwerdung würde aber heißen, zu lernen und zu entdecken: „Ich bin wundervoll, so wie ich bin“ (unabhängig von meinen vorweisbaren Leistungen)

4. Nimm Dir in deinen Beziehungen Zeit zu fragen: Wie geht`s Dir?/Was brauchst Du? Liebe ist immer verknüpft mit Schwäche, mit Zeit haben und sich Zeit nehmen für den Partner/-in. Ein Mann, der nur darauf aus ist, die Karriereleiter hoch zu klettern, wird die Liebe vernachlässigen und seine Frau nicht fragen: Wie geht es Dir? Was brauchst Du?..… Menschwerdung in einem tieferen Sinn hat aber gerade damit zu tun, sich Zeit für den anderen zu nehmen.

5. Sei präsent und starr nicht ständig auf dein Smartphone Vanier macht auf die Gefahren des Internet aufmerksam, welche Menschen zunehmend kontrollieren, auch wenn er durchaus sieht, welche Kommunikationsmöglichkeitendurch die neuen Technologien geboten werden. Die jungen AssistentInnen der Arche-alle mit Smartphones ausgestattet- ermuntert er, ihre Fähigkeit zum Zuhören, zur Gemeinschaft und zur (körperlichen)Präsenz nicht zu vernachlässigen. Im Internet und den neuen Technologien sieht er die Gefahr, dass jene die Menschen wegziehen von einer tatsächlichen Präsenz(Anwesenheit), Innerlichkeit verhindern und eine tiefgreifender Reflexion ihres Lebens verunmöglichen..

6. Fordere Menschen auf, ihre Geschichte zu erzählen Vanier erzählt die Geschichte von einem Drogenabhängigen, der in seinen letzten Worte – gerichtet an den Sozialarbeiter, der bemüht war, diesen aus Drogenabhängigkeit und Prostitution heraus zu holen- folgendes sagte : „ Du wolltest mich immer ändern, mir aber niemals begegnen.“ Menschwerdung, so Vanier, hat mit echter Begegnung zu tun; Menschen zu fragen und zu hören: Was ist deine Geschichte? Wo ist dein Schmerz? Wofür schlägt dein Herz?… Es sei enorm wichtig auf andere Menschen zu hören, auf deren Erfahrungen, und auch wahrzunehmen, dass jene Begabungen und Talente haben, die mir nicht zur Verfügung stehen.

7. Sei Dir deiner eigenen Lebensgeschichte bewusst Es sei, so Vanier auch sehr wichtig, sich seiner je eigenen Geschichte im Laufe des Lebens immer mehr bewusst zu werden, sie immer tiefer zu entdecken. Jeder Mensch hat seine eigenen Ideen und Visionen für die Welt und sich selbst, seine ganz persönlichen Vorstellungen und ein je eigenes Temperament, das es wahrzunehmen gilt. In uns laufen aber auch viele unbewusste Prozesse ab, die mit unserer Kindheit zu tun haben und die es mehr und mehr zu entdecken gilt, vorallem, was unsere tiefgreifenden Ängste sind- Angst sei ein fundamentales Problem für die eigene Menschwerdung.(dazu mehr: https://www.youtube.com/watch?v=VF0d3fKZIho)

8. Stop deine Vorurteile und suche echte Begegnungen Vanier spricht von einer Tyrannei der Kultur(und deren Abgrenzungen), in der wir uns verschanzen hinter der je eigenen Gruppe, Religion oder politischen Partei; echte Begegnungen werden so vermieden. Die Welt der Reichen will nicht der Welt der Armen begegnen. Menschwerdung bestünde aber gerade, frei zu werden, ich selbst zu sein, mich als Mitglied der ganzen Menschheit zu fühlen und in der Begegnung zu entdecken, das auch andere Menschen wundervoll sind. Grenzüberschreitungen nicht bloß als schöne Idee, sondern als realer Vollzug.

Sehnsucht(Transzendenz- über mich hinaus), Acryl auf Leinwand, 50 x70 cm

9. Höre auf deine tiefste Sehnsucht Im Unterschied zu Tieren, hat der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Geist, und nach Spiritualität; in uns Menschen stecke der Schrei nach etwas Unendlichem, das sich nicht im bloß Naturhaften erschöpfe. Wir betrachten und meditieren die wunderbare Natur, die Berge, Seen, Blumen.. und fragen uns, woher das alles kommt.. in uns steckt ein tiefgreifende , wahre und echte Sehnsucht, die es zu unterscheiden gilt von frei flottierenden Wünschen und Illusionen. Diese reale, tiefste Sehnsucht in uns, gilt es ausfindig zu machen. 10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

Vom Sehen und Ansehen

Ansehen schenken- Ansehen bekommen

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) sprach davon, dass jeder Mensch danach „Ausschau“ halte, dass ihm das Ja des Seindürfens zugesprochen werde. Jeder Mensch scheint eine tiefe Sehnsucht in sich zu tragen, liebevoll und respektvoll angeschaut zu werden.

Mauritius Wilde berichtet von einer jungen Frau mit einer sehr schwierigen Kindheit und Jugend, in der sie sehr oft übersehen und nicht beachtet wurde. Immer wenn sie heute an dieser frühen Wunde des Übersehenwerdens leidet, geht sie zu einem Freund, der sie kurz anschaut. Schon ein kurzer Blick und Moment des Angeschaut-werdens sei für sie sehr heilsam geworden. Aber sie musste sich zuvor dieses Bedürfnis erst eingestehen.(vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach2009, 2. Aufl. 2010, S.23)

Der australische Psychologe Marc Dadds fand in Versuchsreihen mit schwer gestörten Jugendlichen, die als brutal, kalt und gefühllos auffällig geworden waren, heraus, dass jene erstmals in ihrem Leben Empathie entwickelten, nachdem  die Eltern in mehreren Sitzungen mit warmer Stimme sagten: „Ich hab dich lieb!“ und ihnen dabei in die Augen schauten. Nach mehreren Monaten waren diese Jugendlichen erstmals in der Lage Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen. Die Schulung der Augen regt anscheinend das Mitgefühl an, indem sie das Individuum befähigen, im Anschauen des anderen Individuums, sich in jenes hinein zu versetzen.(vgl. dazu auch die Bücher über Spiegelneuronen, z.B. von J. Bauer) Wichtige emotionale Botschaften werden über Blicke und Mimik transportiert, deren Ausbleiben für die Kinder fatale Folgen haben kann. (vgl dazu: J. Röser, Das Gewissen der Augen, in CIG, Nr.50, 2012, S.564)

Wie Menschen angeschaut werden, kann sie aufbauen oder niederdrücken, lebendig machen oder zerstören. So fordern Philippe Pozzo die Borgo, – nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt- und sein Pfleger Abdel Sellou (deren Geschichte vielen durch die autobiografisch Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde) in mehreren Interviews: „Wir, die kaputten Typen (..), wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen angesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (Di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark-Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.9)

Nicht umsonst hat sehen auch mit Ansehen zu tun, das geschenkt oder verweigert werden kann. Viele Geschichten im Evangelium erinnern daran, dass Jesus die Kunst des heilsamen Anschauens beherrscht hat, in dem er Menschen vorurteilsfrei und jenseits religiöser oder kultureller Grenzen Ansehen und Respekt schenkte. Man denke nur an die Geschichte des als römischer Kollaborateur verachteten Zöllners Zachäus, der durch den Blick Jesu fähig wurde, sein habgieriges Leben zu verwandeln.

Die Bedeutung des Sehens und Gesehen-werdens wurde auch symbolisch in vielen Kirchen als Auge Gottes zum Ausdruck gebracht. Doch leider assoziieren – gerade ältere Menschen- im Laufe einer teils unrühmlichen Kirchengeschichte und Pastoral, damit nur den Buchhalter- und Überwachergott, der alles sieht, beobachtet, aufschreibt und mit entsprechenden Bußstrafen belegt. Der tiefere Sinn wurde damit natürlich gründlich verfehlt. Gemeint war es anders, nämlich so, dass wir unter den Augen des liebevollen, göttlichen Betrachters (so ähnlich sagt es der Mystiker Bernhard von Clairvaux) zum Frieden in uns finden und uns darin geborgen wissen.

Der Schriftsteller Peter Handke bestätigt das, wenn er schreibt: „Wenn wir uns gegenwärtig machen, dass Gott uns umfassend anschaut, wären wir alle total besänftigt.“  Und Botho Strauß,  den man gewiss nicht als missionarischen  Glaubenverfechter verdächtigen kann, meint dazu: „Das Vertrauen in ein umfassendes Gesehenwerden gründet in der Einheit Gottes. Ohne diese Gewissheit, Erkannte zu sein, hielten wir uns keine Sekunde aufrecht.“ (Zitate nach einem Referat von Prof. Georg Langenhorst).

Ob gläubig oder nicht, könnten uns diese unterschiedlichen und doch verbindenden Einsichten zur Bedeutung des Sehens und Angeschautwerdens dazu anregen, eine entsprechende Praxis in unserem jeweiligen Arbeitsbereich zu entwickeln. Wir könnten uns dabei bemühen, – und viele in unserem Haus tun das aus einem natürlichen Gespür heraus sowieso schon-, einander Ansehen zu schenken. Das lateinische Wort für Respekt „ respicere“ hat nicht umsonst mit sehen und (noch einmal hinschauen) zu tun; dazu an andere Stelle mehr.

Gustav Schädlich-Buter

Wahre Identität

Reinhard Kardinal Marx sagte auf einer Podiumsdiskussion in einem Berliner Theater über den Begriff „christliches Abendland“ : „Davon halte ich nicht viel, weil der Begriff vor allem ausgrenzend ist.“ Er verkenne die „große Herausforderung, in Europa dafür zu sorgen, dass verschiedene Religionen mit jeweils eigenen Wahrheitsansprüchen friedlich zusammenleben“.(vgl dazu:https://www.domradio.de/themen/kirche-und-politik/2019-01-18/glaube-ist-die-seele-europas-debatte-um-begriff-christliches-abendland-entbrannt).

Rechtspopulisten bedienen sich heute gern des Begriffes vom christlichen Abendland, auch um die eigene (deutsche) Identität abzugrenzen und zu festigen im Unterschied zu Menschen und Völkern anderer Kultur und anderen (vorallem muslimischen) Glaubens. Der Begriff des Abendlandes wird so instrumentalisiert für die je eigenen politische Zwecke.

Aus christlicher Perspektive gibt es gegen den Versuch, eine Identität zu sichern, die auf Abgrenzung und Ausschluss anderer beruht, einiges einzuwenden. Ein breiter christlicher Traditionsstrom macht deutlich, dass wahre und tiefe Identität sich in der Begegnung mit dem Anderen, auch Fremden entwickelt. Wahre Identität – so schwierig dieser Begriff auch sein mag- entsteht nicht durch krampfhafte Absicherung des eigenen Ich und der eigenen Bezugsgruppe, sondern durch eine Reise, die über mich hinaus führt. Eine Reise zum Anderen, zum Fremden und Unbekannten, theologisch gesprochen zu Gott, und von dort wieder zurück zum eigenen Selbst. Um zu mir selbst zu kommen, nehme ich den Umweg über ein Anderes, einen Anderen, theologisch gesprochen über ein göttliches „Du“ , das mir „innerlicher ist als ich mir selbst“ wie Augustinus es in seinen „Bekenntnissen“ ausdrückt.(vgl. Augustinus, Confessiones III, 6,11) In der Begegnung mit dem Anderen meiner selbst wird es möglich die eigene Identität, mein wahres Selbst zu entdecken.

So schreibt Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“(Galater 2,20). In solch mystischer Erfahrung wird das eigene Ich fundiert und in einen größeren, metaphysischen Kontext eingewoben. Für Paulus ist es Christus und durch Ihn der liebende Gott, welcher wahre Identität stiftet (statt des irrigen Versuchs sich seiner selbst sicher zu werden durch Ausschluss, Abgrenzung und Fremdenhass wie es Populisten weltweit propagieren)

Identität entsteht für den Christen dadurch, dass er von einem Anderen, genau gesagt von den liebenden Augen Gottes, angeschaut wird und dadurch zu seiner inneren Einheit und zum Frieden gelangt.(so ähnlich drückt es Bernhard von Clairvaux aus). Im Bezogensein auf den ganz Anderen, werde ich ganz ich selbst. Ich komme zu mir, indem ich mich, -mein Ego-, verlasse, eine spirituelle Reise mache, um dann anders und neu zu mir zurück zu kommen. Bei einer solchen Reise beginne ich womöglich zu ahnen, wer ich „verborgen in Gott“(Kolosser,3,3) schon immer bin.

„Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand

Der Dichter T.S.Eliot drückt es in seiner Spätdichtung „Four Quartetts“ (zwischen 1935 und 1942 entstanden)sehr treffend aus, wenn er schreibt: „Wir lassen niemals vom Entdecken/Und am Ende allen Entdeckens/Langen wir, wo wir losliefe, an/ Und kennen diesen Ort zum ersten mal.//“

Doch ohne Reise, ohne Aufbruch, ohne die Bereitschaft, über mich und meinen Horizont hinauszuschauen, und mich in Beziehung zu wagen, bleibe ich wie es Martin Luther ausdrückte, der in sich verkrümmte Mensch, der sich ängstlich und krampfhaft absichern muss gegen die bedrohlich Fremden und Anderen. Ein solcher Mensch bleibt immer nur auf sich selbst bezogen: mein Haus, meine Familie, meine Gruppe, mein Volk, meine Erfolge, mein guter Ruf…und dies ein leben lang zu verteidigen und abzusichern. Ein solcher „Homo incurvatus in se ipse“, missbraucht nach Luther die ihm geschenkten und zur Verfügung gestellten Gaben und Talente ausschließlich für sich selbst und isoliert sich so vom Mitmenschen und von Gott. Nach Luther stellt das die eigentliche Sündhaftigkeit des Menschen dar.

Umgekehrt entsteht wahre Identität aber nur dadurch, dass ich fähig werde, mich selbst zu überschreiten, mein Ego zu verlassen und mich sinnstiftend für andere zu engagieren in der tiefen Erfahrung der Verbundenheit allen Seins, -auch im Leiden und der Fragmentarität des Lebens. Viele, die sich jenseits vieler (finanzieller und ideologischer) Absicherungen oder nur persönlicher Glückssuche, für andere engagieren, berichten davon, dass sie vielfach mit tieferem Glück und Sinn beschenkt wurden und dabei zugleich unbeabsichtigt tiefer zu sich selbst gefunden haben.

Der preisgekrönte Film „Greenbook“ von Peter Farrelly beschreibt sehr schön, wie eine solche Reise von zwei völlig unterschiedlichen Menschen, zu einem neuen Selbstverständnis und zur Wandlung festgefahrener Überzeugungen und Vorurteile führt. Jeder der beiden Männer, die gemeinsam eine ungewöhnliche Reise machen, kommt neu bei sich selbst an.

Zum Begriff Abendland :

„Der Begriff ist als Entsprechung zu der durch die Luther-Bibel geläufig gewordenen Übersetzung „Morgenland“ für lat. oriens entstanden, wurde jedoch gemeinhin nicht eigentlich als geographischer Begriff, sondern als Kennzeichnung für die kulturelle Gemeinsamkeit und Eigenart des lateinischen Westens verstanden. Dieser ist – anders als der politisch und kirchlich auf Byzanz orientierte Raum des östlichen Christentums – durch die Verbindung von Antike und Christentum und das in ihm zeitweilig dominante Element des Germanentums geprägt. In andere Sprachen kaum übersetzbar, wird Abendland dort meist mit Europa gleichgesetzt, das dann wiederum nicht geographisch, sondern kulturell als Raum der Latinität begriffen werden muss. Politisch hat der Begriff Abendland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewirkt, weil die Rückwendung der Romantik zur Geschichte des Mittelalters literarischer Natur blieb. (Konrad-Adenauer-Stiftung“; vgl dazuhttps://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2019-01-11/kardinal-marx-kritisiert-begriff-christliches-abendland)

Erinnern und erzählen

Wenn ich Trauerfeiern vorbereite, versuche ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen wichtige Punkte aus der Lebensgeschichte des Verstorbenen zusammen zu tragen und die einzelnen Mosaiksteine zusammen zu setzen. Das ist manchmal schwierig, weil die Lebensgeschichten und die wesentlichen Punkte des Lebens nie oder selten erzählt wurden. Manche sagen dann angesichts eines unwiderruflichen Abschieds: „ Schade, dass ich ihn/sie solange gekannt habe und doch so wenig von ihm/ihr wußte.“

Tatsächlich zerrinnt uns selbst auch die eigene Lebensgeschichte, wenn wir nicht ab und zu innehalten, uns erinnern, oder anderen von unserem Leben erzählen. Das Konzept der Salutogenese hat herausgefunden, dass ein Leben dann als sinnvoll erlebt wird, wenn wir darin einen roten Faden finden können. Der jüdische Psychologe Aaron Antonovski spricht in diesem Zusammenhang vom „Kohärenzsinn“. Umgekehrt bleibt ein Leben, das nur Patchwork ist, in dem kein wirklicher Zusammenhang und eben kein roter Faden gefunden wird, unbefriedigend . Deshalb ist es spätestens ab der Lebensmitte wichtig, dass wir uns, -zumindest ab und zu-, an die eigene Lebensgeschichte heranwagen, zurückschauen, sie in ein Tagebuch aufschreiben oder sie einem anderen erzählen, was noch intensiver sein kann.

Erinnern ist mehr als das Aufzählen von Daten wie bei einem tabellarischen Lebenslauf. Er-innern ist oft mit einer Anstrengung verbunden: Wie war das damals? Wie habe ich dies oder jenes erlebt? Mit welchen Gefühlen war es verbunden? Erinnerung muss auch gegen das Vergessen, den betäubenden Schlaf, die Verdrängung und das Verstricktsein ins Alltagsgetriebe ankämpfen. Erinnern ist eine Weise des Nacherlebens, des tieferen Nachdenkens, des Aneignens meines ureigenen und einmaligen Lebens mit all seinen Licht- und Schattenseiten, den Hindernissen und Lebenskämpfen, sowie den glücklichen und traumatischen Stationen, die es womöglich mit sich brachte. Erinnern fällt besonders dann schwer, wenn es mit Scham und Schuldgeschichten, Irrungen und Fehlern einhergeht, die einem womöglich erst jetzt so ganz bewusst werden. Doch fast jedes Leben hat auch Erhebungen(ähnlich den Noppen der Brailleschrift)und Ereignisse, die zur Dankbarkeit führen und ohne Ausdruck unerkannt und ungewürdigt bleiben.

Jedenfalls klärt die Erinnerung manches, was womöglich in der augenblicklichen Situation des Erlebens unverständlich und womöglich sinnlos erlebt geblieben ist. Es scheint, dass wir erst im zeitlichen Abstand, richtig erkennen und sehen lernen. Und nicht selten sind die entscheidenden Lebenserfahrungen jene, die bereits vorbei sind, aber zugleich stark in die Gegenwart nachwirken. Oft kann ich erst im Rückblick die wahre Bedeutung und Qualität eines Erlebnisses, eines Menschen, einer Beziehung, einer Begegnung, eines Gesprächs ….erkennen, erfassen und im Jetzt zur vollen Wirkung verhelfen. Im Prozess des Erinnerns bringe ich das „woher“ meines Lebens in einen Zusammenhang mit dem Jetzt und gewinne daraus womöglich Zukunft. Im Er-innern kläre ich mein Leben und werfe dabei überflüssigen Ballast aus meinem Lebens- und Entwicklungsfeld. Ich lerne im Erinnern und Erzählen mein Leben neu zu sehen.

Was hilft mir persönlich beim Erinnern? Ich lese gern Biografien. Im Lesen von Biografien anderer Menschen komme ich nicht selten in Kontakt mit der eigenen Lebensgeschichte und den darin verborgenen Fragen. Jean Vanier, der Gründer der weltweiten Arche Gemeinschaften, erzählt sein Leben mit geistig behinderten Menschen immer im Kontext seines Elternhauses, seiner Suchprozesse, seiner Fragen und Antriebe. Auch viele biblische Geschichten sind Lebensgeschichten- man denke zum Beispiel an die Abrahams-, die Mose-, oder die Josefsgeschichte und viele andere-, die mit Aufbruch, Befreiung, Familie, mit Licht und Schatten exemplarisch Anteile unserer eigenen Lebensbewegung spiegeln, und den Leser anregen über die eigene Biografie nachzudenken.

ER-INNER-UNG, Acryl auf Leinwand

Impuls: Schreibe in dein Tagebuch oder erzähle jemanden von Deinem Leben: (zur Hilfe mehrere Fragen) Welche Menschen (Eltern, Lehrer, Vorbilder…)waren mir besonders wichtig? Schreibe alle Namen auf! Welche (individuellen oder geschichtlichen) Ereignisse im Leben waren für mich zentral, erschütternd, lebenswendend, total wichtig? Gab es entscheidende Weichenstellungen in meinem Leben (in meinem Denken, Fühlen, meinen Weltanschauungen? Finde ich einen roten Faden in meinem Leben? Welche Niederlagen/Scheitern/Verluste gab es in meinem Leben und wie bin ich damit umgegangen? Welches waren die besten Entscheidungen meines Lebens Gab es Musikstücke, die bis tief in die Seele hineingewirkt haben? Kenne ich Bilder, die sich tief in mich eingeprägt haben? Gab es Bücher(Romane, Gedichte..), die mich bewegt oder sogar verändert haben? Kenne ich biblische Geschichten, die mich besonders beschäftigten, berührten oder Orientierung gaben?

Literatur zur Vertiefung:

Nouwen, Henri, Von der geistlichen Kraft der Erinnerung, Freiburg 1984

Ortheil, Hans –Josef, Die Erfindung des Lebens, München 2009 (sehr lesenswerter autobiografischer inspirierter Roman wie ein stummes Kind zur Sprache kommt)

Petzold, Theodor D (Hrsg.), Herz mit Ohren, Salutogenese und Sinn, 2.Aufl. Bad Gandersheim 2012

Vanier, Jean Wege zu erfülltem Mensch Sein, Freiburg, Basel, Wien 2001

Filmempfehlung: Jo Baier(Regie), Das Ende ist der Anfang – Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens (nach dem Bestseller von Tiziano Terzani mit Bruno Ganz und Erika Pluhar (Schauspieler), 2011; ein sterbender Journalist erzählt seine Lebensgeschichte seinem Sohn)

Neu anfangen

Vor einigen Tagen hat das neue Jahr begonnen, womöglich auch für Sie ein Ansporn einiges neu anzufangen und anzupacken.

Viele Neuanfänge in unserem Leben sind mit Erwartungen und Verheißungen, mit einem Hauch von Neugeburt verknüpft: eine neue berufliche Stelle, eine eigene Wohnung , eine neue Wohngruppe, eine neue Schule, frisch verliebt, Hochzeit, die Geburt eines Kindes. Viele junge Paare, die ihr erstes Kind freudig erwarten, spüren besonders deutlich: mit dem neuen Leben wird auch unsere Beziehung, unsere Seele, unser eigenes „Innen-sein“ noch einmal neu beginnen und sich erneuern, gerade so als würde mit jedem(!) Kind die Welt noch einmal von vorne beginnen wollen..

Neu anfangen können wir auch nach überstandener Krankheit oder nach einer Phase, wo wir meinten, dass nichts mehr stimmt und geht. Auch diejenigen unter uns, die ein Unfall oder ein Schlaganfall aus dem bisherigen Leben gerissen hat, müssen gänzlich neu anfangen, neu mit sich selbst und ihrem Leben vertraut werden, es annehmen wie es jetzt entgegenkommt.

Neu anfangen können bedeutet aber auch: Ich bin nicht auf die Vergangenheit und das Bisherige meines Lebens festgelegt. Ich habe die Chance auf eine noch nicht dagewesene Zukunft. Ich spüre frischen Wind im grauen Einerlei meines Alltagstrottes und meiner Gewohnheiten. Zuweilen ist es für einen Neuanfang notwendig, Altlasten abzulegen, Illusionen los zu lassen, Beziehungen zu klären.  

Dynamis -Acryl auf Leinwand

Neuanfangen kann ich auch in den Beziehungen, wenn ich merke, das dieser oder jener Mensch, mein Partner, meine Partnerin im Laufe der Jahre ganz anders geworden ist und das Gewohnte gesprengt hat. Dies verlangt den Anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren und anzunehmen. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt die biblische Weisung.

Und auch mit mir selbst, dem sich das Leben immer wieder anders zumutet, muss ich ja immer wieder neu anfangen. Dies gilt auch für meinen Glauben und meine Überzeugungen, weil sich zum Beispiel alte Gottesbilder aufgelöst haben und nicht mehr tragen. Und womöglich ist es der wahre Gott in seinem Anderssein, der mich als Pilger oder Nomade auf einen ungesicherten Weg schickt, mich immer wieder neu anfrägt und aufbricht.

Impuls:

Zu jedem Neuanfang, der mehr ist als eine kleine äußerliche Veränderung des Bisherigen, muss ich hinausschauen über meinen begrenzten Alltagshorizont, der mir vielleicht wenig Spielräume lässt. Ich könnte ja- ähnlich den Sterndeutern in der Bibel- in einer sternenklaren Nacht zum Himmel schauen, meinen Blick weiten in die unvorstellbaren Räume unseres Kosmos, in die unendlichen Dimensionen der Galaxien, und dies auf mich wirken lassen. Womöglich beginne ich nach letzten Zusammenhängen zu fragen, die meinem Leben Halt, Sinn und Hoffnung geben. Es stellt sich dabei vielleicht die Frage, ob ich mein Leben in einem größeren Sinnkontext verstehe (also ob ich von einer größeren Macht gewollt und bejaht bin) oder ob ich nur ein Zufallsprodukt in einem wie auch immer gearteten kosmischen Prozess bin. 

Zeit für das menschliche Herz

Nackt und angewiesen

Wir Menschen sind in Schwäche geboren,  und  nach der Geburt-nackt und hilflos,  noch ziemlich zerbrechliche Wesen, die nichts von dem selber haben, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Zuwendung, Zärtlichkeit, Ansprache- kurz gesagt Liebe.

Wir sind als Menschen von Anfang an auf Beziehung angelegt und angewiesen, auf das Geschenk des Lebens. Das menschliche Herz braucht in Worten und  Gesten die Bestätigung: du bist wertvoll und wundervoll! Ich liebe Dich gerade so wie du bist! Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!….…Wenn das kleine Kind diese „Worte“ nicht empfängt , nicht ausreichend oder gar nicht geliebt wird, entsteht eine tiefe Wunde im menschlichen Herzen und daraus entwickelt sich Angst, Ärger und Kampf.

„Zentralverriegelung Angst“

Manche schließen sich ab, und die „Zentralverriegelung Angst“ (Melanie  Wolfers) baut um das verletzbare und berührbare Innere einen wehrhaften und undurchdringlichen Panzer. Nicht wenige Leute tragen viel Angst und Furcht in ihren Herzen, sind ständig dabei innere und äußere Grenzen und Mauern zu bauen, um sich (und ihre Klasse, Gruppe, Nation, Rolle, Volk…) zu schützen. Und wir vergessen dann, dass wir Teil einer großen menschlichen Familie sind.

Wieder andere geraten in die Falle des sich Behaupten und Beweisen- müssens;und sie erleben dabei,  was auch immer sie tun und wie sehr sie sich auch anstrengen, es scheint nie genug, um die Anerkennung und die Wertschätzung (der Eltern, später des Chefs..) zu bekommen.

Zentral für die menschliche Entwicklung ist es, dass das Herz entdecken kann: Ich bin wertvoll. Und jemand lieben bedeutet, ihm sagen zu können : Du bist wertvoll !

Den Menschen sehen wie er ist

Wichtiger als das, was wir tun, ist es, eine Antwort zu bekommen auf die Frage: Wer bin ich? Es geht in der menschlichen Entwicklung nicht vorrangig um das , was ein Mensch tut oder was er besitzt, sondern was er ist. Doch oft scheinen wir blind füreinander und sehen den jeweils Anderen nur recht äußerlich; in seiner Rolle etwa, in dem, was er für mich leistet oder von mir fordert, in der Schablone, in die wir ihn gesteckt haben. Sehen wir nur den Verkäufer/-in, der im Supermarkt  an der Kasse sitzt oder begegnen wir ihm/ihr so, dass er sich menschlich angesehen und angesprochen fühlt. Nehmen wir den anderen Menschen noch als Menschen wahr oder nur in seiner Rolle als Automechaniker, der mein Auto repariert, als Verwaltungsangestellte, die meinen Antrag bearbeitet, als Angestellte in meinem Betrieb…Und oft sind wir nicht nur dem anderen gegenüber abgestumpft, sondern auch unserem eigenen Inneren; wir spüren nicht mehr,  was uns in der Tiefe beschäftigt, bewegt, berührt und umtreibt; wir weichen dem Zerbrochenen und Ungeheilten in unserer eigenen Seele aus.

Beziehungen verwandeln durch Vertrauen

Jeder kann umgekehrt Beziehungen wandeln, Leben transformieren, Leben geben und empfangen; wie schnell kann sich selbst eine schwierige und unerfreuliche Beziehung verwandeln, wenn sich der Andere als Mensch wahrgenommen und angesprochen fühlt und sich mit seinen Schwächen und Schattenseiten angenommen fühlt. Wenn der andere spürt, dass er als Mensch vorkommen kann, bekommt er den Mut sich zu zeigen wie er ist statt sich hinter seiner Rolle zu verschanzen. Im Vertrauensraum braucht sich keiner mehr hinter einem Panzer aus Macht und Angst einzuigeln.

Zeit für das menschliche Herz

(„Herzengel“, Acryl auf Leinwand, 60 /80 cm, von Gustav Schädlich-Buter)

Nehmen wir uns Zeit für einander, für das menschliche Herz, das darauf wartet, angesprochen, wahrgenommen und berührt zu werden!  Spiritualität bedeutet nichts anderes als einen Geschmack dafür zu entwickeln, dass unser Leben und jeder Moment darin wertvoll ist, und darin  Gottes Gegenwart geahnt werden kann.

Impuls:

Gab und gibt es Menschen in meinem Umfeld, die mich darin bestärken, dass ich wertvoll bin?

Sagen Sie heute einem fremden Menschen ein freundliches und aufbauendes Wort!

Was macht mir Angst?

Glück angesichts Zerbrechlichkeit

 

Was ist Glück?

Und was ist Glück angesichts der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit des Lebens. Sollte, wer über Glück redet, nicht zuerst das Unglücklichsein und Scheitern von uns Menschen beachten? Was macht Menschen glücklich und was lässt sie unglücklich werden?

Das Buch Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft von Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier und Laurent Cherisey, enthält dazu wichtige Einsichten.

Alles Unglück der Welt auf dem Bildschirm

Philippe Pozzo di Borgo,- bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, dessen Leben vielen bekannt wurde durch den Film „Ziemlich beste Freunde“-, berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten  Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:

 „Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht…All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns…..Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen , sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken..“ (Ziemlich verletzlich, ziemlich stark, S.8f.)

Die Verschleierung der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz

Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewiger Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit , sondern  führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen.

Kein Glück ohne elementare Beziehungen

Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen (statt Gleichgültigkeit)für das Glück und Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.

Pozzo di Borgo sagt:

„Als ich vor zwanzig Jahren lernen musste, mit der Schwerstbehinderung zu leben, merkte ich irgendwann, dass es nichts Elementareres gibt, als ein menschliches Gegenüber zu haben. Die Einsamkeit in unseren individualistischen Gesellschaften ist das Schlimmste… Das Glück besteht im Austausch mit anderen Menschen.“ (a.a.O., S. 9)

Menschen mit Behinderung seien im Beziehungsgeschehen von Geben und Nehmen keineswegs  bloß die bedürftigen Empfänger, sondern hätten ebenfalls etwas zu geben, eröffneten einen anderen Blick auf den Menschen, das Menschsein  und führten zu einem vertieften Umgang mit den eigenen Ängsten (vgl. a.a.O, S. 11) Zudem würden Menschen, die von einer Behinderung geschwächt sind, eine heilsame Rolle als Wächter auf dem Weg in eine humanere Gesellschaft leisten und vor dem Abdriften in inhumane Zustände warnen.

„Brüderlichkeit“ als Grundlage einer solidarischen Gesellschaft

Philippe Pozzo di Borgo findet im Wort „Brüderlichkeit“ (eine der Losungen der Französischen Revolution 1789/ Liberté, Égalité, Fraternité )das Gegenprogramm zu einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das darauf ausgerichtet ist, die egozentrischen Bedürfnisse des Individuums optimal zu befriedigen und die Autonomie und die Unabhängigkeit als höchste Werte zu proklamieren. Zur „Brüderlichkeit“ gehören die Bereitschaft der Menschen einander beizustehen. Pozzo di Borgo will als „unbeweglicher Krieger“ seinen Beitrag zu einer solidarischen Gesellschaft leisten.

Auch wenn Pozzo di Borgo sich selbst als areligiös und ungläubig bezeichnet, ist er dennoch von Jesus, den er durch seinen Großvater kennenlernte, begeistert und von dessen Güte und Großzügigkeit weit mehr inspiriert als von Marx.

Geld allein macht nicht glücklich

Die Sehnsucht behinderter Menschen nach Beziehung, Verbundenheit und Dazugehörigkeit lässt sich durch Geld allein nicht stillen. Auch wenn staatliche finanzielle Investitionen für ein barrierefreies Leben notwendig und unumgänglich sind, darf die finanzielle Entlastung nicht das Einzige sein, was behinderten Menschen von Seiten der Gesellschaft angeboten wird. So ist -wie im Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ beschrieben- , eine junge Frau mit einer Behinderung trotz einer hohen finanziellen Unterstützung ziemlich unglücklich darüber, dass sich für sie keine unbezahlten, nicht professionellen Beziehungen ergeben.

Das Glück im Genießen einfacher Dinge

Für Pozzo di Borgo gehört zum Glück die Freude an den einfachen Dingen, die auch damit zu tun nicht durch die Zeit zu rasen, sondern in der Gegenwart mit allen verfügbaren Sinnen zu leben.„Trotz des Leids freue ich mich sehr, dass ich lebe. Wenn Sie wüßten, wie gut mir meine Tasse Kaffee am Morgen schmeckt.“(a.a.O., S.44)

(Titel „Licht im Leid“- Acryl auf Leinwand , von Gustav Schädlich-Buter)

Glück durch wertschätzende Blicke

Im Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ wird auch herausgestellt, dass der Blick, mit dem man angesehen wird, für Glück oder Unglück von (behinderten) Menschen verantwortlich sein kann. Nicht selten treffen gerade behinderte Menschen Blicke, die aussondern, abschätzig sind, diskriminieren und im eigentlichen Sinn „behindern“. So fordern Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou in mehreren Interviews:

Wir, die kaputten Typen.., wir wollen nicht euer Mitleid , sondern mit anderen Augen gesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (a.a.O., S. 48)

Glück in der Stille

Zum Glückserleben dieses inneren Wertes der eigenen Person, unabhängig und vor aller Leistung-, trägt besonders die Stille bei. Philippe Pozzo di Borgo beschreibt sich selbst als Krachmacher, der nie zur Ruhe kam und darauf abgerichtet war, „die ganze Erde zu verschlingen“..

Erst als ich mich reglos in einem fast stillen Raum wiederfand, merkte ich, dass ich mein ganzes Leben einen Höllenlärm veranstaltet hatte. In dieser Stille fand ich wieder zu mir. Ich stellte mir die richtigen Fragen…..Wenn man die Stille zulässt, vermag man wahrzunehmen, was man sich im tiefsten Herzen wünscht.“(a.a.O., S. 73)

Philippe Pozzo di Borgo empfiehlt im letzten Satz seines Buches:

„Warten Sie nicht, bis unberührbar geworden sind, um das Glück wieder in Ihrem Leben zuzulassen.“(a.a.O., S.89)

Zum Nachdenken:

Worin, wodurch, wobei oder mit wem bin ich glücklich?

Was bedeutet für mich Glück?

Literatur:

Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier und Laurent Cherisey „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft , deutsche Ausgabe München 2012

 

Trauer

„Selig die Trauernden“ (Matthäus Kapitel 5,4 )

Die ganze biblische Tradition, weiß vom Wert und der Würde des Trauerns. Jesus, Hiob oder die jüdischen Profeten haben uns durch ihr Leben gezeigt,  dass Leid und Trauer einen wesentlichen  Teil der Wirklichkeit ausmachen. Nicht nur die Bibel, auch die ganze christliche Mystik weisen darauf hin, dass die „Dunkelheiten  des Lebens“ für uns oftmals bessere Lehrer sein können  als jede Theologie, die uns schnelle Antworten serviert, und dabei die Leidenden und Trauernden nicht selten verletzt.

(„Trauerfall“, Mischtechnik von Gustav Schädlich-Buter)

Keine Erfahrung in Tauerarbeit

In unserer „macherischen “Zeit sind  die wenigsten erfahren und trainiert in Trauerarbeit. Trauern und Weinen gilt besonders bei Männern als Schwäche. Wer trauert, befindet sich in einem eigenen Raum,- in einem Schwellenraum-, in dem die Muster bisheriger Lebensbewältigung nicht mehr funktionieren, die alten Ich- und Bewusstseinsstrukturen sind aufgeweicht  und durchlässig hin auf eine Tiefe, in der tiefste Dunkelheit und hellstes Licht gleichermaßen den Trauernden berühren können.

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(Trauriger Engel , Acryl auf Leinwand, 60x80cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Trauer als Betriebsstörung

Trauer fühlt sich für das Ego, das funktionieren will, wie eine Betriebsstörung an. Wer aber Trauer nicht zulässt und sich von ihr verwandeln und heilen lässt, wird hart, zynisch und womöglich gewalttätig gegen sich und andere.

Trauer heilt den Schmerz in der Seele

Jesus ermuntert uns in der Bergpredigt, sich dem Schmerz in der eigenen Seele und dem Schmerz dieser Welt zu stellen und aktiv in ihn hineinzugehen. „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ – Trauer heilt den Schmerz in der Seele und hilft uns beim Loslassen, damit wir weitergehen können. Mancher Trauerprozess dauert sehr lange und es tut sehr weh, weil mir das Leben einen tiefen Verlust zugefügt hat.

Der Franziskaner Richard Rohr spricht davon, dass die Flutwelle des Verlustes gefühlt und erlitten werden will; solange das nicht geschieht, verstehen wir weder unsere innere noch die spirituelle Welt. Unser Schmerz, unsere Traurigkeit, die Tragödien unseres Lebens könnten uns ein Menge lehren, auch wenn wir niemals ganz sicher sind, was es genau ist und wir oft viel lieber davonlaufen und nicht fühlen würden.

Aber es scheint ganz evident: Menschen, die durch Schmerz, Leid und Trauer gegangen sind, sind weiter, tiefer, offener und barmherziger. Wer sich auf einen Trauerprozess einlässt, kann auch Erlösung erfahren.

Impulsfragen:

Was habe ich im Leben verloren und noch  ungenügend betrauert?

Was habe ich verloren und noch nicht losgelassen?

Was muss ich loslassen, damit ich meine „Reise“ fortsetzen kann?