Angst

Angst- ein vielschichtiges Phänomen

Als Seelsorger begegnet mir immer wieder das Thema Angst. Die Angst ist ein extrem vielschichtiges Thema für das ich nur einige Hinweise und Literaturempfehlungen geben kann, die hoffentlich Betroffenen und Begleitenden weiterhelfen.
Angst bewegt viele, jetzt in Zeiten von Corona besonders. Ganz konkrete persönliche Ängste treiben dabei viele Menschen um: die Angst vor Arbeitslosigkeit, um die familiäre Zukunft oder um die Kinder, um die Gesundheit oder ob die Beziehung hält.
Wieder andere quälen die „großen Ängste“: die Angst vor der Zukunft, vor Terrorismus und dem „Fremden“, die oft zu Vorurteilen führt, und schließlich die Angst um das Klima und heute vor Corona.
Aber auch seelische und existentielle Ängste bewegen die Menschen heute stärker denn je, so dass manche Autoren vor einem Jahrhundert der Angst sprechen. Manche haben Angst vor dem inneren Chaos, oder die Angst abgelehnt oder verlassen zu werden, viele haben Angst, ob sie auch genügend geliebt werden, oder die Angst, zu kurz zu kommen, die Angst verletzt oder beschämt zu werden, die Angst, ob sie „richtig“ und normal sind; oder die Angst vor Überforderung, alles nicht mehr zu schaffen. Die Angst vor Alter, Einsamkeit und Sinnleere taucht bei manchen ebenso auf wie die Angst vor Krankheit und Sterbenmüssen. Und die Angst vor der Angst.
Nicht wenige in unserer Gesellschaft fühlen sich von der Angst bestimmt und von „Angstgespenstern“ umzingelt, zumal viele negative Nachrichten rund um Corona zuletzt auf uns eingeströmt sind. Angst kann depressiv machen oder einen in Panik versetzen. Panik ist der plötzlich auftauchender Schrecken, den man nicht deuten kann (das Wort Panik vom griechischen Gott Pan).
Zudem können weit zurückliegende Angsterlebnisse zum Beispiel während des Krieges, die lange verdrängt wurden, in späteren Jahren wieder auftauchen und sogar die nachfolgenden Generationen infizieren und dort weiter wirken.
Die Angst ist aber nicht nur negativ, sondern schon in der Tierwelt überlebensnotwendig und auch für uns Menschen ein wichtiges Alarmsystem bei Gefahren. Sie zeigt uns die Grenzen unserer Macht und Möglichkeiten.
Doch es gibt auch die Angst, die uns am Leben hindert und der keine entsprechende reelle Gefahr entspricht. Dann handelt es sich meist um neurotische Muster, welche das Seelenleben bestimmen und psychologischen Behandlung bedürfen.
Die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud war der Auffassung, dass die Angst im Kind dadurch entsteht, dass die wichtigen Triebregungen wie Sexualität und Aggression unterdrückt und durch zwanghaftes und angepasstes Verhalten abgewehrt werden.
Literatur: eine gute Hinführung zum Thema Angst, auch aus biblischer Sicht, mit sehr vielen praxisnahe Beispielen: Anselm Grün, Verwandle deine Angst- Ein Weg zu mehr Lebendigkeit, Freiburg 2015

von Angst umzingelt

Angst im Körper

Das Wort Angst hat mit Enge und Einengung zu tun, die sich deutlich im Körper spüren lässt; flacher Atem, Druck auf die Brust, zugeschnürte Kehle, erweiterte Pupillen, aber auch Herzrasen, Schweißausbrüche, innere Erstarrung und Zittern können die Folge sein.
Menschen, die Angst haben, fühlen sich unsicher, hilflos, angespannt, geschwächt, manche weinen, rennen raus, machen sich klein oder nehmen eine Schutzhaltung ein.

Angst als Impuls zu reifen- die Grundformen der Angst nach Fritz Riemann

Davon, dass in der Angst nicht nur quälende und bedrückende Aspekte stecken, sondern auch Impulse zur Weiterentwicklung und Reifung, geht auch der Psychologe Fritz Riemann aus. In seinem lesenswerten Buchklassiker über die Angst arbeitet er vier Grundformen der Angst heraus, die er entsprechend der psychoanalytischen Theorie Freud´s den Persönlichkeitstypen des Shizoiden, Depressiven, Zwanghaften und Hysterischen zuordnet. So erlebt der shizoide Typ (präorale Phase), der Angst vor der Selbsthingabe. Er hat Angst sich an jemanden oder etwas zu verlieren, und verbindet das mit Ichverlust und Abhängigkeit. Jener Typ hat ein großes Bedürfnis, sich abzugrenzen, und seine Wachstumsaufgabe bestünde darin, Zuneigung, Hingabe und Selbstvergessenheit zu lernen.
Der depressive Charaktertyp (orale Phase) hat Angst vor Selbstwerdung, er hat Angst, jemanden oder etwas zu verlieren, er will geborgen und festgehalten werden und hat Angst vor Eigenständigkeit und Selbstbehauptung. Seine Wachstumsaufgabe bestünde aber gerade darin Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu wagen.
Die Grundangst des zwanghaften Typs (anale Phase) besteht in der Angst vor Wandlung, die er als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt; er fürchtet sich vor Veränderung, Wechsel und Risiko. Seine Wachstumsaufgabe bestünde darin Neues und Großzügigkeit zu erlernen.
Der hysterische Typ hat vorallem Angst vor Endgültigkeit und Festgelegt-werden, gegenteilig zum zwanghaften Typ hat er gerade Angst, dass sich nichts ändert, weil er ein großes Bedürfnis nach Abwechslung, Veränderung und Aufmerksamkeit von anderen hat. Seine Wachstumsaufgabe bestünde darin nüchternen Realitätssinn zu wagen und konsequentes Handeln einzuüben.
(Hinweis: es ist durchaus möglich, sich in mehreren Typen wiederzufinden;
Literatur: Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine psychologische Studie, München/Basel 1979).

Der Mensch zwischen Ur-Vertrauen und Ur-Angst

Doch die Angst ist kein Thema von kranken oder neurotischen Menschen. Angst haben wir alle und zwar von Beginn unseres Lebens an, worauf die Musiktherapeutin und Sterbeforscherin Monika Renz hinweist. Sobald wir nämlich die von Urvertrauen, Umhülltsein, paradiesischer Geborgenheit und Frieden geprägte intrauterine Welt bei der Geburt verlassen müssen, taucht mit zunehmendem Bewusstsein (vgl. dazu Mythos im Buch Genesis vom Baum der Erkenntnis) die Frage auf, ob wir überleben können in einer fremden und uns noch unbekannten Welt. Das mitgegebene Urvertrauen schaut der Angst in Form von Verlorenheit- und Bedroht-sein ins Gesicht. Und am Anfang ist noch nicht klar, was uns prägen wird: Die Ur-Angst und ihre Verteidigungsstrategien, die sich nach Monika Renz als Gewalt, Gier und Lüge bemerkbar machen, oder das Ur-Vertrauen.
(Literatur, vgl. M. Renz, Zwischen Urangst und Urvertrauen, Paderborn 1996; E. Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 1 )
Was sich durchsetzt, liegt auch an unserer Kultur, die nicht nur in Tagen von Corona alles andere als optimistisch und hoffnungsvoll stimmt. Tatsächlich wundere ich mich immer wieder wie pessimistisch, nörglerisch und ängstlich viele Menschen in unserer reichen westlichen Welt in die Zukunft blicken, im Unterschied zu Menschen, die in viel ärmeren Ländern mit viel weniger auskommen müssen. Zu einer pessimistischen Zukunftssicht tragen auch politische Parteien bei, welche mit der Angst arbeiten, um Spaltung, Entsolidarisierung und Fremdenfeindlichkeit zu schüren.
(Literatur: vgl ausführlicher dazu: Paul Michael Zulehner, Angstlust, Vom Spiel mit der Angst in Politik, Gesellschaft und öffentlichem Diskurs, in: Ulrich H.J. Körtner (Hg.), Theologische Zugänge zu einem ambivalenten Thema, Neukirchen 2001)

Umgang mit der Angst aus spiritueller Hinsicht

Voraus zu schicken ist, dass es eine unseriöse Theologie gibt, die den Glauben als Lösung aller Lebensprobleme sieht, und die Angst als Symptom des Unglaubens oder sogar als gerechte Strafe für die eigene Gottlosigkeit verstehen will. Doch es gibt keine grundsätzliche Angstfreiheit des Glaubens.
In der Bibel steht nirgendwo „Ängstige dich nicht!“ 1, so der der Benediktiner David Steindl-Rast, denn die Angst gehört zum Leben und zum Glauben; Angst ist unvermeidlich. Entscheidend ist wie wir damit umgehen. Ich kann die Stacheln aufstellen und mich wehren gegen das, was auf mich zukommt, dann bleibe ich in der Furcht stecken; Furcht bleibt in der Angst stecken.
Aber dort wo ich mit (Gott-)Vertrauen durch die Angst hindurchgehe, mich vertrauensvoll in die Angst hineinwage, werde ich auf der anderen Seite in einer größeren Weite herauskommen. Das ist wie bei einer Geburt, auch da muss man durch einen engen Kanal durchgehen und weiß noch nicht, was mit mir geschieht; so lässt sich auch das Sterben als zweite Geburt verstehen, die mit der Todesangst verbunden ist, der ich aber mit meinem Glauben als einem tiefen Vertrauen begegnen kann; einem Vertrauen, dass eine Macht des Lebens (Gott) mich trägt und nicht ins Nichts fallen lässt. Es gilt also von der ersten bis zur letzten Geburt vertrauensvoll durch die Angst hindurch zu gehen statt sich zu sperren und dadurch den möglichen Geburtsprozess zu verhindern. Um dieses Vertrauen zu stärken, schlägt Steindl-Rast vor, alle Gelegenheiten im Leben wahrzunehmen, wofür ich dankbar sein kann. Steindl-Rast hält das „Fürchte Dich nicht“ für den wichtigsten Satz in der Bibel (er kommt dort wohl 365 mal vor) für uns modernen Menschen, doch seien Angst und Furcht zu unterscheiden.

1Steindl-Rast bezieht sich auf den Unterschied zwischen Angst und Furcht, den der Philosoph Sören Kierkegaard eingeführt hat; die Furcht hat ein bestimmtes bedrohliches Objekt, z.B. die Furcht vor dem bissigen Hund), die Angst dagegen ist unbestimmt und gegenstandslos, letztlich die Angst vor dem Nichtsein, taucht auf mit dem Freiheitsbewusstsein des Menschen)
(Quelle: Mitschrift eines Interviews mit Steindl-Rast auf youtube,
https://www.youtube.com/watch?v=Z_BBaf8HpKA

Spirituelle Impulse zum Umgang mit der Angst

Ich stelle mich meiner Angst. Ich versuche sie in Worten zu beschreiben, ich schreibe sie auf (in ein Tagebuch z.B.), ich suche einen Gesprächspartner, mit dem ich über meine Ängste reden kann. Ich spreche mit meiner Angst.
Ich male ein Bild; das meine Angst ausdrückt. Ich betrachte das Bild und tausche mich darüber mit einer Vertrauensperson aus.
(Die Gespenster der Angst werden kleiner, sobald ich sie ausdrücken kann. Die verständnisvolle und vertrauenerweckende Stimme eines Gegenübers, menschliche Nähe tut gut, wenn Angst mich aufwühlt.)
Ich beginne zu beten. Weil mir in meiner Angst und Verzweiflung eigene Worte fehlen, bete ich in den Worten der Psalmen wie z.B.: „ ER griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.“ (Psalm 18). Andere Psalmen: Psalm 23, Psalm 34 oder Jes. 49,15; oder im Jesusgebet wiederhole ich Rhythmus des Atems den Satz: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“
Ich meditiere biblische Geschichten wie z.B. Matthäus. 14, 22 f, wo Petrus seinen Fuß auf das Wasser setzt, im Vertrauen auf Jesus, der ihm auf dem Wasser entgegenkommt. Ich begebe mich selbst in die Rolle des Petrus und höre Jesu Stimme: „Fürchte dich nicht!“

Der rote Faden

Nicht umsonst wird das Schicksal des Menschen seit altersher mit dem Symbol des Fadens verknüpft, der etwas von der Räselhaftigkeit des Menschseins zum Ausdruck bringt. Wer bestimmt das menschliche Schicksal, wer verteilt das Los, dass der eine Mensch lang, der andere nur kurz lebt, der eine in Wohlstand und Reichtum aufwächst, der andere in bittere Armut hineingeboren wird, der eine mit strotzender Vitalität gesegnet ist, der andere mit Schwäche und Krankheit belastet. Die alten Mythen suchten darauf eine Antwort zu geben mit der Vorstellung, dass drei Schicksalsgöttinnen , die Moiren (bei den Römern hießen sie Parzen, bei den Germanen waren es die Nornen) den Neugeborenen ihren Lebensfaden spinnen und eine davon, – Atropos-, das Lebensende bestimmt , indem sie den Lebensfaden durchschneidet. Auch in etlichen Märchen tauchen die Symbole von Spinnrad und Faden auf.

Immer erscheint das Leben zunächst als etwas, das nicht in unserer Hand liegt, das von fremden Mächten bestimmt wird. Die Wahrheit dieser Mythen liegt sicher darin, dass wir uns weder unsere Eltern, noch das Land, noch die Kultur oder Religion , in die wir hineingeboren wurden, ausgesucht und frei gewählt haben. Einen großen Teil unseres Lebens wissen wir in der Regel wenig von diesem inneren roten Faden und werden von außen (von Konventionen und Vorgaben) geleitet , werden mehr gelebt als dass wir selber leben. Doch obwohl wir den Lebensfaden nicht selbst gesponnen haben, so besteht doch unsere Aufgabe darin, unseren ureigenen Lebensfaden zu erkennen und ihn zu ergreifen.

Elektronenwirbel

Immer wieder brechen Menschen auf zu inneren Reisen, machen sich auf die Suche nach dem ureigenen Lebensfaden. Manche folgen einer Intuition und Inspiration und lassen Bisheriges und Eingespieltes zurück, andere werden durch die Wunden des Lebens, durch Scheitern, Krankheit, und Niederlagen auf eine solche Reise geschickt. Diese innere Reise ist immer eine Abenteuerreise, die nicht selten in Bereiche führt, wo die alten Regeln der Kontrolle nicht mehr funktionieren. Manche Ritterromane (wie der Parzivalroman) schildern solche Reisen als einen Weg durch finstere Wälder, Dornensträucher, tiefe Gräben oder über schwankende Brücken. Angst und Mut, Zweifel und Glauben begleiten uns auf diesem Weg. Es sind Seelenreisen in die Tiefe , welche viele Mythen, Märchen und Legenden beschreiben.

Auf der Lebensreise kann man sich auch verlaufen, an Wegkreuzungen oder falschen Wegeisern folgen. Wer in die Irre gelaufen ist, braucht einen Rettungsfaden . Ariadne , die Tochter des Königs Minos von Kreta gibt dem Königssohn Theseus einen solchen Faden mit, damit er aus dem Labyrinth des Minotaurus, -ein gefürchtetes Mischwesen aus Mensch und Stier-, wieder herausfindet. Menschen, die traumatisiert oder gefährdet sind, deren Seelen durch Gewalt und Mißbrauch verwundet sind, brauchen jemanden, der einen Rettungsfaden zuwirft. Die Lebensfäden mancher Menschen sind manchmal schier unentwirrbar in einem Knäuel verknotet und verstrickt und sie brauchen Hilfe, um wieder Orientierung für ihr Leben zu finden. Sie brauchen jemanden, der Verworrenes aufdröseln und Knoten auflösen hilft, damit die Reise weiter gehen kann. Gott sei Dank, gibt es immer wieder Menschen, Ereignisse, Inspirationen, die uns helfen die nächsten Schritte unseres Lebensweges zu finden.

Unterschiedliche Begriffe schildern das Ziel eines solchen Reise: das „wahres Selbst“ als tieferer Identitätspunkt, der heilige Gral, der gefunden werden muss als Symbol für Erleuchtung oder Erlösung von einem tödlichen Bann, der wahre Sinn unseres Lebens oder die Begegnung mit Gott (Augustinus sagt in seinen Confessiones: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott“ (Augustinus, Conf. 1,1) Jedenfalls haben einige Menschen (- oder sind es alle?) das Bedürfnis, dass ihr Leben einen tieferen Sinn und Zusammenhang hat, dass dieses Leben, in das man „hineingeworfen“ wird, mehr ist als ein belangloses Herumzappen auf unterschiedlichen Kanälen. Die Lebensfäden des Inneren – z.B. meine Talente und Begabungen- wollen entwickelt werden, zu einem schönen Teppich zusammengewoben werden….

Und damit sind wir wiederbei der Frage nach dem roten Faden. Der israelisch- amerikanische Therapeut Aoron Antonovski hat das Konzept der“Salutogenese „entwickelt, indem er der Frage nachgegangen ist , was macht Menschen gesund statt der üblichen Frageweise, was Menschen krank macht. Antonovski hat Holocaustopfer untersucht und ist zur Überzeugung gekommen, dass vorallem jene Menschen die Grauen von Konzentrationslagern unbeschadet überstanden haben, die einen übergreifenden Sinn für ihr Leben gefunden hatten. Antonovski nennt diesen umgreifenden Sinn Kohärenzgefühl , und ein Faktor für dieses Gefühl ist: Ich verstehe mein Leben, es ist für mich ein roter Faden darin zu finden.

Der Sinn meines Lebens lässt sich nur über eine Reise ausfindig machen, nicht umsonst bedeutet die Sprachwurzel von Sinn „reisen“ (vom indogermanischen sentno), auch das lateinische sentire , fühlen, empfinden deuten darauf hin , dass es die Aufgabe eines jeden Menschen ist den Sinn des eigenen Lebens zu erspüren und dem Leben dadurch eine Form und Richtung zu geben.

Der rote Faden, das kann auch ein Satz, ein Wort sein, das für unser Leben bestimmend ist. Der große Religionsphilosoph Romano Guardini spricht vom Passwort im Gefolge eines Traumes, den er hatte und wo ihm gesagt wurde: „Wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben(…) Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht, welches die Tür zu ureigenen Bestimmung öffnet..“ (1.August 1964; der ganze Text von Romano Guardini unter: https://beruhmte-zitate.de/zitate/128248-romano-guardini-heute-nacht-aber-es-war-wohl-morgens-wenn-die-tr/

Impuls: Ich könnte einem Freund/in wichtige Stationen meiner Lebensreise erzählen oder für mich in einem Tagebuch aufschreiben.

Fällt mir ein Wort, ein „Passwort“ ein, das ich als Überschrift über mein Leben setzen kann?

„Menschwerdung“- in memoriam Jean Vanier

Am 7. Mai 2019 starb der 1928 geborene Jean Vanier im Alter von 90 Jahren. An ihn möchte ich heute erinnern, weil er, lange bevor über Inklusion geredet und diskutiert wurde, diese praktiziert und gelebt hat.. Jean Vanier war der Sohn des Generalgouverneurs von Kanada Georges Vanier, bereits mit 13 Jahren trat er ins Brittania Royal Naval College ein, diente dann bis 1950 als Marineoffizier, zuletzt auf einem Flugzeugträger. Nach seinem Abschied von der Marine, lebte er zunächst in einer Kommunität in Paris. Er studierte Theologie und Philosophie und nach Abschluss eines Doktorats in Philosophie lehrte er zunächst an der Universität in Toronto.

Doch dann nahm sein Leben eine andere Wendung. Die persönliche religiöse Suche, von seiner Mutter inspiriert, und der christliche Nachfolgedanke, brachte ihn dazu, 1964 eine Wohngemeinschaft mit zwei geistig behinderten Menschen, Raphael und Phillippe, ins Leben zu rufen. In dem Dorf Trosly-Breuil in der Compiegne in Frankreich nahe Paris, entstand das erste Haus der Arche. Dort erlebte er sowohl die Tiefe des Leidens jener Männer und ihre Sehnsucht nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch die Freude im Gemeinschaftsleben mit Menschen, die vorallem mit dem Herzen dachten. Er wollte ihnen helfen und merkte zunehmend wie sie ihm halfen, das Leben anders und neu verstehen zu lernen. „Sie interessierten sich nicht im Geringsten für das, was in meinem Kopf vorging, dafür aber umso intensiver für meine Person: ‚Wie heißt du? Was machst du? Wann kommst du wieder?‘ Alles in ihnen schrie nach Begegnung, nach Freundschaft und Gefühlen. Ihr Schrei rührte mich an.“(Jean Vanier). Dies war die Initialzündung für ein Zusammenleben von geistig behinderten und nicht behinderten Menschen auf Augenhöhe und die Gründung der Archegemeinschaften. Heute existieren rund 150 solcher Gemeinschaften in rund 40 Ländern auf allen Kontinenten.

Auch wenn sich die Arche zunächst als ökumenische Glaubens- und Lebensgemeinschaft verstand, ist sie offen für andere Glaubensrichtungen und Einstellungen. Zunehmend ausschlaggebend wurde, dass das Zusammenleben im Geiste der Freundschaft und Gegenseitigkeit geschieht, welche die Grundlage aller Spiritualität in der Arche darstellt. Bis zuletzt setzte sich Jean Vanier dafür ein, dass Menschen mit Behinderung ein Leben in Würde ermöglicht wird. Jean Vanier war auch mit 90 Jahren geistig hellwach und am Puls der Zeit. Er gab seine Erfahrungen in Büchern, Interviews und Videos (viele auf you tube) weiter. In einem Video, das Anne Gerken und Pauline Dejoie mit ihm 2018 geführt haben, spricht er über das, was im Leben wichtig ist (Art Lebensregeln) und dazu beiträgt mehr und tiefer Mensch zu werden.

Ich gebe das auf englisch geführte Interview in verkürzter Form und mit eigenen Worten wieder.

1. Akzeptiere die Realität deines Körper`s Jean Vanier ermuntert dazu, unseren Körper zu akzeptieren, ihn auch auch in seiner Schwäche und Fragilität anzunehmen. „Wir werden in Schwäche geboren und werden in Schwäche sterben.“ Gerade das Älterwerden macht uns deutlich, dass wir vieles an Stärke und Fähigkeiten loslassen müssen. Wir werden vergesslicher, körperlich schwächer, aber das Wichtigste sei,- bei allen Verlusten- man selbst zu sein und zu bleiben..

2. Sprich über deine Gefühle und Schwierigkeiten und flüchte nicht vor der Realität Gerade Männer, so Jean Vanier, hätten Probleme über ihre Gefühle und Schwierigkeiten zu sprechen, über ihre Einsamkeit und ihre Versagensgefühle. Ihr Ärger schlägt dann leicht in Gewalt um oder in Kompensationen durch Alkohol und Drogen, um der Realität zu entkommen. Doch Menschwerdung hätte zutiefst etwas damit zu tun, die Realität zu lieben

3. Hab keine Angst, nicht erfolgreich zu sein Männer, so Vanier, scheinen ein weit tieferes Bedürfnis als Frauen zu haben, erfolgreich zu sein; in ihnen stecke eine tiefgreifende Angst, sie würden nur dann geliebt, wenn sie erfolgreich wären. Tiefere Menschwerdung würde aber heißen, zu lernen und zu entdecken: „Ich bin wundervoll, so wie ich bin“ (unabhängig von meinen vorweisbaren Leistungen)

4. Nimm Dir in deinen Beziehungen Zeit zu fragen: Wie geht`s Dir?/Was brauchst Du? Liebe ist immer verknüpft mit Schwäche, mit Zeit haben und sich Zeit nehmen für den Partner/-in. Ein Mann, der nur darauf aus ist, die Karriereleiter hoch zu klettern, wird die Liebe vernachlässigen und seine Frau nicht fragen: Wie geht es Dir? Was brauchst Du?..… Menschwerdung in einem tieferen Sinn hat aber gerade damit zu tun, sich Zeit für den anderen zu nehmen.

5. Sei präsent und starr nicht ständig auf dein Smartphone Vanier macht auf die Gefahren des Internet aufmerksam, welche Menschen zunehmend kontrollieren, auch wenn er durchaus sieht, welche Kommunikationsmöglichkeitendurch die neuen Technologien geboten werden. Die jungen AssistentInnen der Arche-alle mit Smartphones ausgestattet- ermuntert er, ihre Fähigkeit zum Zuhören, zur Gemeinschaft und zur (körperlichen)Präsenz nicht zu vernachlässigen. Im Internet und den neuen Technologien sieht er die Gefahr, dass jene die Menschen wegziehen von einer tatsächlichen Präsenz(Anwesenheit), Innerlichkeit verhindern und eine tiefgreifender Reflexion ihres Lebens verunmöglichen..

6. Fordere Menschen auf, ihre Geschichte zu erzählen Vanier erzählt die Geschichte von einem Drogenabhängigen, der in seinen letzten Worte – gerichtet an den Sozialarbeiter, der bemüht war, diesen aus Drogenabhängigkeit und Prostitution heraus zu holen- folgendes sagte : „ Du wolltest mich immer ändern, mir aber niemals begegnen.“ Menschwerdung, so Vanier, hat mit echter Begegnung zu tun; Menschen zu fragen und zu hören: Was ist deine Geschichte? Wo ist dein Schmerz? Wofür schlägt dein Herz?… Es sei enorm wichtig auf andere Menschen zu hören, auf deren Erfahrungen, und auch wahrzunehmen, dass jene Begabungen und Talente haben, die mir nicht zur Verfügung stehen.

7. Sei Dir deiner eigenen Lebensgeschichte bewusst Es sei, so Vanier auch sehr wichtig, sich seiner je eigenen Geschichte im Laufe des Lebens immer mehr bewusst zu werden, sie immer tiefer zu entdecken. Jeder Mensch hat seine eigenen Ideen und Visionen für die Welt und sich selbst, seine ganz persönlichen Vorstellungen und ein je eigenes Temperament, das es wahrzunehmen gilt. In uns laufen aber auch viele unbewusste Prozesse ab, die mit unserer Kindheit zu tun haben und die es mehr und mehr zu entdecken gilt, vorallem, was unsere tiefgreifenden Ängste sind- Angst sei ein fundamentales Problem für die eigene Menschwerdung.(dazu mehr: https://www.youtube.com/watch?v=VF0d3fKZIho)

8. Stop deine Vorurteile und suche echte Begegnungen Vanier spricht von einer Tyrannei der Kultur(und deren Abgrenzungen), in der wir uns verschanzen hinter der je eigenen Gruppe, Religion oder politischen Partei; echte Begegnungen werden so vermieden. Die Welt der Reichen will nicht der Welt der Armen begegnen. Menschwerdung bestünde aber gerade, frei zu werden, ich selbst zu sein, mich als Mitglied der ganzen Menschheit zu fühlen und in der Begegnung zu entdecken, das auch andere Menschen wundervoll sind. Grenzüberschreitungen nicht bloß als schöne Idee, sondern als realer Vollzug.

9. Höre auf deine tiefste Sehnsucht Im Unterschied zu Tieren, hat der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Geist, und nach Spiritualität; in uns Menschen stecke der Schrei nach etwas Unendlichem, das sich nicht im bloß Naturhaften erschöpfe. Wir betrachten und meditieren die wunderbare Natur, die Berge, Seen, Blumen.. und fragen uns, woher das alles kommt.. in uns steckt ein tiefgreifende , wahre und echte Sehnsucht, die es zu unterscheiden gilt von frei flottierenden Wünschen und Illusionen. Diese reale, tiefste Sehnsucht in uns, gilt es ausfindig zu machen. 10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

Sehnsucht(Transzendenz- über mich hinaus), Acryl auf Leinwand, 50 x70 cm

10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

Trauer

„Selig die Trauernden“ (Matthäus Kapitel 5,4 )

Die ganze biblische Tradition, weiß vom Wert und der Würde des Trauerns. Jesus, Hiob oder die jüdischen Profeten haben uns durch ihr Leben gezeigt,  dass Leid und Trauer einen wesentlichen  Teil der Wirklichkeit ausmachen. Nicht nur die Bibel, auch die ganze christliche Mystik weisen darauf hin, dass die „Dunkelheiten  des Lebens“ für uns oftmals bessere Lehrer sein können  als jede Theologie, die uns schnelle Antworten serviert, und dabei die Leidenden und Trauernden nicht selten verletzt.

(„Trauerfall“, Mischtechnik von Gustav Schädlich-Buter)

Keine Erfahrung in Trauerarbeit

In unserer „macherischen “Zeit sind  die wenigsten erfahren und trainiert in Trauerarbeit. Trauern und Weinen gilt besonders bei Männern als Schwäche. Wer trauert, befindet sich in einem eigenen Raum,- in einem Schwellenraum-, in dem die Muster bisheriger Lebensbewältigung nicht mehr funktionieren, die alten Ich- und Bewusstseinsstrukturen sind aufgeweicht  und durchlässig hin auf eine Tiefe, in der tiefste Dunkelheit und hellstes Licht gleichermaßen den Trauernden berühren können.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist DSC01081-683x1024.jpg

(Trauriger Engel , Acryl auf Leinwand, 60x80cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Trauer als Betriebsstörung

Trauer fühlt sich für das Ego, das funktionieren will, wie eine Betriebsstörung an. Wer aber Trauer nicht zulässt und sich von ihr verwandeln und heilen lässt, wird hart, zynisch und womöglich gewalttätig gegen sich und andere.

Trauer heilt den Schmerz in der Seele

Jesus ermuntert uns in der Bergpredigt, sich dem Schmerz in der eigenen Seele und dem Schmerz dieser Welt zu stellen und aktiv in ihn hineinzugehen. „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ – Trauer heilt den Schmerz in der Seele und hilft uns beim Loslassen, damit wir weitergehen können. Mancher Trauerprozess dauert sehr lange und es tut sehr weh, weil mir das Leben einen tiefen Verlust zugefügt hat.

Der Franziskaner Richard Rohr spricht davon, dass die Flutwelle des Verlustes gefühlt und erlitten werden will; solange das nicht geschieht, verstehen wir weder unsere innere noch die spirituelle Welt. Unser Schmerz, unsere Traurigkeit, die Tragödien unseres Lebens könnten uns ein Menge lehren, auch wenn wir niemals ganz sicher sind, was es genau ist und wir oft viel lieber davonlaufen und nicht fühlen würden.

Aber es scheint ganz evident: Menschen, die durch Schmerz, Leid und Trauer gegangen sind, sind weiter, tiefer, offener und barmherziger. Wer sich auf einen Trauerprozess einlässt, kann auch Erlösung erfahren.

Impulsfragen:

Was habe ich im Leben verloren und noch  ungenügend betrauert?

Was habe ich verloren und noch nicht losgelassen?

Was muss ich loslassen, damit ich meine „Reise“ fortsetzen kann?

Inventur

„Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte“, dieser Satz aus einem Gedicht von Friedrich Hebbel kommt uns zuweilen auch in den Sinn, wenn wir in den Spiegel schauen und dabei unser Blick hinunter in die Tiefe der Seele rutscht:  Unerfüllte Träume, Vorhaben, die nicht gelungen sind, gescheiterte Beziehungen, Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, Situationen, wo wir uns verraten haben…..  Und manchmal geht es uns dann wie Adam in der Schöpfungsgeschichte (vgl.  Genesis 3, 9) , der sich angesichts der  Fehler und Fehlschläge seines Lebens armselig  und nackt vorkommt und  sich schamvoll versteckt. Und trotzdem findet ihn die Frage: „Adam, wo bist du?“

Die Frage ist nicht örtlich gemeint und es handelt sich um keine Geschichte aus ferner Vergangenheit, sondern um eine direkte Frage an uns jetzt:

Wo stehe ich jetzt? Wo und wer bin ich? Wo sind meine Wurzeln? Was ist aus mir und meinem Leben geworden? Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Wohin geht mein Leben noch?

Letztlich helfen auf diese grundlegende Standortbestimmungsfrage, weder in der Geschichte  des Buches Genesis, die  im Alten Testament aufgeschrieben ist, noch im richtigen Leben Ausflüchte und Ausredemanöver wie Eva sei an der Misere Schuld oder die Schlange oder die Eltern….;  sondern ich  komme nur weiter, wenn ich  ganz ehrlich zu mir selbst bin, wenn ich  eine Bestandsaufnahme ohne Schönfärberei meines eigenen Lebens wage und wenn ich Verantwortung dafür übernehme. Es geht um die Inventur meines gelebten Lebens.

Dabei darf ich durchaus barmherzig zu mir selbst sein, wenn ich mein Leben und mein Gewordensein samt aller Fehler und Brüche anschaue, auch wenn ich mir womöglich manches anders gewünscht hätte.

Impuls:

Suchen Sie  einen ruhigen Ort (am besten in der freien Natur oder einer  Kirche), und lassen Sie folgende Fragen auf sich  wirken:

„Was ist meine tiefste Sehnsucht?

„Was ist mir das Allerliebste, das Allerbeste?

„Ohne was könnte ich nicht leben?“

Was lässt mich fast verzweifeln?“

Was sind meine tiefsten Fragen?“

Was lässt mich zu einer tiefen Ruhe kommen“

(aus W. Lambert, Das siebenfach Ja, Exerzitien-ein Weg zum Leben, Ignatianische Impulse Band 1 Würzburg2010, S.11)

Erkennen

Erkennen

Vieles im Leben erkennen wir erst später in seiner Bedeutung, seiner Dichte, seiner Schönheit und in seinem Wert. Nicht selten erreicht uns tiefere Erkenntnis so spät, weil sie unter dem Schleier des Selbstverständlichen verborgen geblieben ist. In der Erzählung von Judith Hermann mit dem Titel „Kohlen“(Erzählband „Lettipark“), erkennt eine schwerkranke Frau,- die Mutter des kleinen Vincent-, die wegen einer zerbrochenen Liebe todkrank geworden ist-, schwergezeichnet und dem Tode nahe, wie schön die Gesichter der sie Besuchenden gewesen waren, die sie jetzt aber, weil inzwischen erblindet, nicht mehr sehen kann. Widerholt sagt sie „Es ist so schade, dass ich eure schönen Gesichter nicht sehen kann.“ Erst im Angesicht des Vergänglichen und im Unwiederbringlichen geht diese Erkenntnis auf.

Dass unser Erkenntnisvermögen getrübt ist, beschrieb schon der Philosoph Plato in seinem Höhlengleichnis (in „Politeia “, Buch VII): die Menschen hausen seit ihrer Kindheit wie Gefangene gefesselt in einer finsteren Höhle, starren auf eine Felswand und halten die darauf projizierten Schattenbilder für die reale Wirklichkeit.

Auch große Weltreligionen beschreiben die Ausgangserfahrung menschlichen Daseins ähnlich: so sitzt z.B. im Christentum der Mensch anfänglich in der Finsternis und im Schatten des Todes; er muss erst erleuchtet werden (durch Christus – das Licht), um zu wahrer Erkenntnis durchzudringen. Deshalb hieß die frühchristliche Tauffeier Erleuchtungsfeier.

Der Mensch- so wird er zumindest von vielen großen Religionen und Weisheitslehren beschrieben- , scheint an seinem Ausgangspunkt nicht recht durchzublicken, sein Erkenntnis- und Sehvermögen ist getrübt und verfälscht, seine Wahrnehmung undeutlich und verschleiert, er schaut in die falsche Richtung, baut verblendet sein Leben auf Illusionen und Täuschung auf, sein Zustand ist irgendwie gebrochen, er wirkt desorientiert, jedenfalls weit entfernt von seinen besten Möglichkeiten und von der Fülle des Lebens.

Damit wird angedeutet, dass eine zentrale Lebensaufgabe des Menschen darin besteht, zu wahrer Erkenntnis zu gelangen, Schein von Wahrheit zu trennen, Unechtes von Echtem, Verpackung von Inhalt. Wie wir zu wahrer Erkenntnis kommen ist dabei keine abstrakt theoretische Fragestellung, sondern eine sehr existentielle, die mit wichtigen Fragen verbunden ist: Wer bin ich selbst? Was hat es mit meinem Leben auf sich? Wie finde ich meinen Beruf, meine Berufung? Wie und für was soll ich mich entscheiden, wenn ich vor einer Wahl stehe? Für was mich engagieren? Was macht mein Leben sinnvoll? Welchen Stimmen und Motiven kann ich trauen, von welchen sollte ich besser die Finger lassen?

Am Anfang eines solchen Erkenntnisweges steht die Aufforderung des Orakels von Delphi: „Erkenne dich selbst“ ( Gnothi seauton bzw. Scito te ipsum)

Die Aufforderung des Orakels, sich selbst zu erkennen, zielte vorallem in die Richtung, dass der Einzelne seine Vergänglichkeit, Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit in den Blick nehmen sollte und sie war eine Warnung vor Überheblichkeit und Hochmut.

Die Selbsterkenntnis besteht also vorrangig darin, seine „Schatten“ (C.G. Jung), also die unansehnlichen Seiten der eigenen Person, die blinden Flecken, die zuerst von anderen gesehen werden und die eigene Sterblichkeit, die wir allzu gern verdrängen, zu erkennen. Konstantin Wecker sagte in einem Interview: „Je mehr ich in der Lage bin, mich selbst und meine Schattenseiten zu reflektieren, desto mehr bin ich fähig, mitzufühlen. Wichtig finde ich es in diesem Prozess, meine Ängste und meine Schwermut zuzulassen. …Auch eine Ablenkung durch Dauerparty kann nicht wirklich von dieser Erkenntnis befreien. Nur indem wir unseren eigenen Schmerz zulassen, ihn nicht verdrängen, können wir auch den Schmerz des anderen verstehen. Zum Mitgefühl gehört eine ganz tiefe Selbsterkenntnis.“

Wer sich selbst in seiner Erbärmlichkeit erkennt, bekommt Mitgefühl für andere, wer seine eigenes Krank- oder Behindert-sein spürt, bekommt Mitgefühl für kranke, behinderte oder an den Rand geschobene Menschen. Wer sein eigenes Unbeheimatetsein spürt, erkennt und nicht mehr verdrängt (wie so oft in der ersten Phase unseres Lebens), bekommt Mitgefühl für alle, die auf der Flucht sind. Wer die eigenen Risse und Bruchstellen in der Seele spürt, wird sich nicht mehr selbstgerecht und moralisch überheben. Echte Erkenntnis hat immer immer mit dem „Herzen“ zu tun, nicht umsonst setzt daher die hebräische Bibel erkennen und lieben in eins.

Dass wir über uns selbst nachdenken können, empfehlen spirituell Erfahrene, sich aus der Zerstreuung an die vielfältigen Dinge zurückzuziehen, die Gier nach immer Neuem zu begrenzen, einmal aus dem Trott des Gewohnten oder dem Alltagsgetriebe auszusteigen und nach innen zu horchen.

Daher lautet die erste Regel des Mönchsvaters Benedikt: „Horche!“ Auf sein Herz horchen, auf seine Gefühle horchen, auf sein Gewissen horchen, auf die leisen Stimme horchen, die gehört werden wollen (statt auf die im Sekundentakt auf dem Smartphone hereinfliegenden News). „Horchen“- auf all das, was hinter den Verhärtungen der Blockaden, Illusionen und Täuschungen, dem Verdrängten zum Vorschein kommen mag; und auf das, was unter dem Müll der Dauerberieselung uns wirklich ansprechen will. Wir sollen erkennen, was unsere Sehnsucht ist und welche Entscheidungen für uns die richtigen sind.

Impuls:

Gönne Dir einmal im Monat einen Vormittag, an einem stillen Ort, an dem du gerne bist (im Wald, an einem Fluss/Bach, ein Park, eine Kirche……) und tue nicht anderes als absichtslos zu „horchen“. (ohne dabei irgendwelche Probleme lösen zu wollen und ohne Ergebnisdruck) und kommen zu lassen, was von selbst kommt.

Literaturempfehlungen:

Bernardin Schellenberger, Achte auf dein Leben, Mit Benedikt Spiritualität erfahren, Volkach 2015

Judith Hermann, Lettipark, Erzählungen (darin die Erzählung „ Kohlen“)

Die Stimme des Windes- über Lärm und Stille

„Aber wie kann der Wind etwas sagen, wenn niemand zuhört“

(Thomas Merton, Trappist und Schriftsteller, 1915-1968)

Schon 1965 klagt der bekannte Dichtermönch Thomas Merton (1915-1968), dass unsere Welt so mit Lärm zugedröhnt ist, dass darin keine Stille und kein Platz mehr ist für das Alleinsein und für das Nachdenken über unseren Zustand; in unseren Herzen sei der Raum zugestellt, etwas zu hören, und es fände sich dort kein Platz mehr für etwas wirklich Neues, für eine Botschaft, die wir nicht schon kennen. Er schreibt: „Die Nachrichten werden zum bloßen Lärm in den Ohren; sie treten kurz an die Stelle des vorausgegangenen Lärms und weichen alsbald dem darauffolgenden Lärm, so dass schließlich alles zu einem einzigen monotonen und sinnentleerten Geräusch verschwimmt. Etwas Neues? Es gibt pausenlos soviel Neues, dass kein Platz mehr für die wirklich neue Botschaft bleibt… Die Zeit eines jeden ist besetzt von Zeitmangel, von Mangel an Platz, von Zeitsparen, von Eroberung des Raumes…“(The Time oft the End Is the Time of no Room, S.66. f., in: Thomas Merton, Zeiten der Stille, herausgegeben von Bernardin Schellenberger, S.90 f. ).

Diese Gedanken von Thomas Merton stellen auch an uns die Frage, was uns alles besetzt hält, welcher Lärm von außen oder innen unsere Seele ausfüllt. Sehen und spüren wir noch die im Frühling aufbrechende Natur, die Knospen an den Bäumen, die verschieden farbigen Frühlingsblumen? Hören wir noch das fröhliche Gezwitscher der Vögel, die sich an der Wärme der ersten Sonnenstrahlen nach dem kalten Winter erfreuen? Oder halten uns die eigenen Gedanken gefangen, treiben uns die vielfältigen Alltagssorgen in die Ruhe- und Freudlosigkeit? Lernt von den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes und gebt den Sorgen nicht zu viel Macht über euch, so lehrte es uns schon der jüdische Rabbi (Lehrer, Meister).

Aber unsere Realität sieht oft anders aus. Haben uns nicht oft die Routinen des Lebens im Griff, die allzu gewohnten Verhaltensmuster, tagein-tagaus? Oder werden wir von einem angestrengten Willen auf ein Ziel hingetrieben, der es uns unmöglich macht, einmal inne zu halten und „hinaus“ zu schauen? Spüren wir uns selbst noch- den Atem, der durch uns hindurchfließt, das Herz, das unaufhörlich schlägt und uns am Leben hält ohne unser Zutun?

Der Dichter  und Mönch Thomas Merton spricht von der Stimme der Weisheit, die er in seinen Gedanken und Träumen weiblich personifiziert. Diese Weisheit, die als „unerschöpfliche Süße“ und als „unsichtbare Fruchtbarkeit“ in allen Dingen steckt, möchte wie eine Schwester zu uns sprechen, uns berühren und uns aus der Finsternis erwecken „in eine Wirklichkeit, die voller Zartheit ist“ und uns mit ihrer schöpferischen Kraft neu beleben.

Doch wie soll diese Verheißung und dieser Ruf bei uns ankommen, solange wir ohne inneren Raum sind, solange Pflicht- und Leistungsprogramme uns antreiben oder Verhaltensroutinen unser Leben erstarren lassen? Dieser Ruf der Weisheit erreicht nicht die Mächtigen, die mit sich selbst angefüllt sind, sondern eher die „Kleinen, …die Unwissenden und die Wehrlosen..“ Von ihnen könnten wir lernen.

Thomas Merton`s Gedanken sind für mich eine Aufforderung auf immer neuen Lärm zu verzichten, immer wieder mal allzu glatte Abläufe und Routinen zu unterbrechen und auf die „Stimme des Windes“ zu lauschen, die allzu oft ungehört bleibt.

Literatur:

Thomas Merton, Zeiten der Stille, herausgegeben und erläutert von Bernardin Schellenberger, Freiburg, Basel Wien 1992