Solidarität angesichts Corona- ein mahnender Zwischenruf

Corona trifft mitten hinein in einen Zeitgeist, bei dem immer mehr Akteure auf politischer und privater Ebene  nur noch ihre Eigeninteressen verfolgen und jeder meint, er müsse zuerst und allein  wieder „groß“ werden: meine Karriere, mein Ego , meine  Nation („America first“), meine  Partei, meine Gruppe, müssen  Vorrang haben; dass einige dabei im politischen Geschehen auch in Deutschland vor schändlichen Machtspielen ohne Moral und Anstand nicht haltmachen, haben wir in Thüringen gesehen. Politische und wirtschaftliche Eigeninteressen gewinnen zunehmend die Oberhand über das Gemeinwohl.

Die große Idee der Solidarität, von der Arbeiterbewegung des 19.Jahrhundert´s und der christlichen Soziallehre eingefordert, scheint sich immer mehr zu Gunsten von Egoismus, Eigennutz, rücksichtloser Verfolgung eigener Interessen, verbunden mit einer Ausbeutung der Natur, aus Kopf und Herz der Menschen (besonders der reichen westlichen Welt) zu verflüchtigen. Das Recht des Stärkeren und des gefüllten Geldbeutels bestimmen zunehmend den Lauf der Welt. Geld, Statussymbole, Erfolg, persönliches Glück und Lusterleben werden zu obersten Zielen in einer kapitalistischen Geisteshaltung vermarktet , ohne Rücksicht auf die vorhandenen Ressourcen der Erde. Papst Franziskus mahnt in seiner Enzyklika „Laudato Si“ mit Recht an : „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten…Es wird unerlässlich, ein Rechtssystem zu schaffen, das unüberwindliche Grenzen enthält und den Schutz der Ökosystem gewährleistet, bevor die neuen Formen der Macht, die sich von dem techno- ökonomischen Paradigma herleiten, schließlich nicht nur die Politik zerstören, sondern sogar die Freiheit und Gerechtigkeit.“ (B 53)

Die entgrenzte Produktion im vergötterten, sich autonom gebärdenden Markt, der seine Dienstfunktion verloren hat, korrespondiert mit einem entgrenzten Selbst, das jegliches Maß verloren hat, (und dies auch bezüglich der ausufernden Kommunikation  und Selbstdarstellung innerhalb der sozialen Medien.)

Leben wir nicht zunehmend in einer Welt voller Konsumgüter, die Habgier, Konkurrenzdenken, Abgrenzung  und Äußerlichkeiten schüren, und die uns zugleich innerlich immer mehr entleeren, seelisch verwüsten und uns in eine falsche Richtung locken. Mittel wie Geld und Erfolg werden zu obersten Zielen menschlichen Glücks erklärt. Ziele werden suggeriert, die keinen Stillstand, keine Unterbrechung zulassen, und uns in eine gesellschaftliche Dynamik hineinkatapultieren, auf der hitzigen Suche nach immer neuen Gewinnmöglichkeiten, nach dem neuesten Kick, oder der noch besseren Party, um ja nichts zu verpassen und womöglich den Kürzeren zu ziehen. Dabei ist offensichtlich, dass die Verschwendungssucht und Konsumorientierung der westlichen Welt mit Situationen von extremer Armut und Entmenschlichung in vielen Teilen dieser Welt kontrastieren.

Zudem scheint die atemlose Hektik der Menschen mit der zunehmenden Luftverschmutzung zu korrespondieren. Es gibt Meldungen, dass mit Corona in China`s großen Städten, endlich der Himmel wieder sichtbar wird, oder dass die Gewässer in den Lagunen Venedigs wieder klarer werden. Manche sprechen sogar vom Ökovirus, das in Kürze das bewirkt, was die grüne Bewegung (samt Fridays for future) nicht geschafft hat: keine Fern- und Urlaubsreisen reisen mehr mit dem Flugzeug, keine Luxusreisen mehr mit Kreuzfahrtschiffen, keine ausgedehnten Shoppingtouren; Politiker verhandeln mit Hilfe von Videokonferenzen, das Auto bleibt in der Garage, Klassenabschlussfahrten ins In- und  Ausland wurden abgesagt, keine großen Handelsmessen…..das Klima zumindest verbessert sich. Ob sich auch das Klima zwischen den Menschen verbessern wird, wird sich noch zeigen.

Vor dem Coronavirus war eine erschreckende Zerrissenheit auch innerhalb des deutschen Volkes 1) zu beobachten; ein großes Gegeneinander, ein sich Missverstehen-wollen, ja sogar Hass , Verleumdung, Drohung, Bashing, Mobbing, was oft in  annonyme Weise über das Netz und die sozialen Medien geschah, war zu beobachten; es schien als ob der soziale Kitt sich zunehmend auflösen würde und dieser Zerfallsprozess sich weder von politischen noch kirchlichen Appellen stoppen ließe. Viele vereinzelte Ich´s, die durch Ängste oder durch kurzfristige Moden manipuliert und in ihrer Einstellung auf die Durchsetzung der Eigeninteressen focusiert sind, lassen sich halt schwer für etwas Übergreifendes, Überindividuelles und Gemeinschaftliches begeistern, das nicht der persönlichen Bedürfnisbefriedigung dient. Dies betrifft sowohl die persönliche wie die nationale Ebene. Einem „Ich“, das die Selbstverwirklichung und die Befriedigung der Eigeninteressen an die erste Stelle setzt, ist ein „Wir“, bei dem es ums Teilen und solidarisches Engagement geht, das womöglich auch Opfer und Einschränkung verlangt wie ein Stachel im eigenen Fleisch. Oder anders gesagt, eine hyper-individualiserte Gesellschaft hat das Glück und den Horizont gemeinschaftlichen Lebens weitestgehend verloren. Europa hat es nicht zu einer Einheit geschafft was die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft und auch die Vereinten Nationen sind alles andere als eins. Der sinnvolle Versuch nach zwei Weltkriegen eine internationale Architektur des Friedens über Regeln und Verträge herzustellen, wird zunehmend durch autokratisch agierende Präsidenten und Machthaber ausgehebelt.

Metanoia-Umkehr

Ob die Corona Epidemie uns zu mehr Sorge für das Gemeinwohl, eine Praxis des Teilens und Füreinander- Sorgens antreibt oder die egoistisch und auf Eigeninteressen reduzierte Geisteshaltung befördert, steht noch aus. Beides lässt sich im Moment beobachten.

Doch wie können wir in einer entfesselten Konsumgesellschaft und einer egomanischen Geisteshaltung einen Sinn für Solidarität, für Miteinander und Teilen zurückgewinnen? Hilft uns Corona dabei oder verstärkt es die Abgrenzungstendenzen? Lernen wir mit Corona wieder die Rückgewinnung alter Tugenden wie die des Maßhaltens und der klugen Selbstbegrenzung, die darauf verzichtet, die Erde maßlos auszubeuten? Hilft uns diese Epidemie wieder zum Wert echter mitmenschlicher Begegnung zurück zu finden? Fangen wieder an über den Sinn und wahren Wert des Lebens nachzudenken, kommen wir zur Besinnung und fangen wir an, etwas zu verändern?

Oder wird das Virus das Gegenteil bewirken?

Der christliche Begriff vom „Reich Gottes“ zielt zumindest auf eine Realität, in der es anders sein soll (Mk 10,43)als wir tagtäglich erleben , wo einer den anderen übervorteilt oder unterdrückt; wir sollen einander dienen, einander helfen und nicht hängen lassen,  einander die Füße waschen und nicht den Kopf, füreinander dasein. Und „wer bei euch der Erster sein will, soll der Sklave aller sein“(Mk 10,44), sagt es die biblische Sprache in drastischer Weise.

Doch um nicht bei dieser eher sorgenvollen Bestandsaufnahme stehen zu bleiben, einige konkrete Beispiele, die ich im Internet fand, wie jetzt im Moment schon Menschen Solidarität angesichts von Corona üben:

Zu Hause zu bleiben kann langweilig werden – trotzdem das Gebot der Stunde, um der Ausbreitung des Coronavirus Herr zu werden. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen zu sensibilisieren und so die Sars-CoV-2 Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch zu Hause zu  bleiben, ist  eine Form der Solidarität , die vehindert ältere, besonders gefährdete  und vorbelastete Menschen zu infizieren.

Eine Supermarktkette in Australien öffnet ihre Läden wegen der Corona-Pandemie am Morgen vorerst eine Stunde pro Tag ausschließlich für Senioren. Täglich zwischen 07.00 und 08.00 Uhr morgens dürften nur über 60-Jährige und Menschen mit Behinderung die Läden besuchen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit.

In Schottlands Hauptstadt Edinburgh verteilt Supermarktbesitzer Zahid Iqbal gratis Survival-Packs an Ältere und besonders gefährdete Mitmenschen. Drin ist: eine Rolle Klopapier, Desinfektionsseife, Taschentücher und eine Packung Paracetamol.

Freiwillige organisieren Hilfe und nützen dazu Facebook – mit großem Erfolg! Am Freitag gründete Lea Welling (33) die Gruppe „Corona-Hilfe Würzburg und Umgebung“. 24 Stunden später hat sie bereits über 1.000 Mitglieder. Mittlerweile haben sich ähnliche Gruppen für die Regionen Main-Spessart, Kitzingen und Schweinfurt gegründet.

Der Kunststudent Gregory Borlein bringt es mit einem Graffito im Münchner Schlachthofviertel auf den Punkt: „The Corona Virus is a Wake up Call and our Chance to built a new and loving Society“. Das Coronavirus ist ein Weckruf und unsere Chance auf eine neue, liebevolle Gesellschaft.

Italien macht schwere Tage durch: Viele Erkrankte, viele Tote, das ganze Land ist in Quarantäne und praktisch lahmgelegt. Doch die Menschen trotzen der Krise. Sie singen und tanzen gegen das Coronavirus an – wie hier in Neapel mit dem in der sizilianischen Stadt populären Lied „A città ‚e Pulecenella“.

In sozialen Medien haben zahlreiche Nutzer daher eine Solidaritätsaktion gestartet, um genau diesen Menschen zu helfen. Unter #NachbarschaftsChallenge posteten viele Hilfsangebote, die sie in ihren Wohnhäusern aushängen: „Wir gehören nicht zur Risikogruppe und können somit unter die Arme greifen, falls benötigt.“

Die Tafeln, die in Deutschland 1,6 Millionen Bedürftige mit Essen versorgen, haben unter den Hamsterkäufen wegen des Coronavirus gelitten. Deren Vorsitzender hat eine große Bitte: „Es gibt wieder genug in den Supermärkten. Es wäre gut, dass man einen Teil des gehorteten Mehls oder der vielen Nudeln zur örtlichen Tafel bringt. Wir sollten die im Blick haben, die sowieso schon zu wenig haben

»Seid ihr krank, in Quarantäne oder von den Auswirkungen stärker betroffen und gefährdet, zum Beispiel, weil ihr wohnungslos, alt, vorerkrankt seid? Leidet ihr an Immunschwäche? Habt ihr Kinder, braucht ihr Hilfe beim Einkauf, jemanden zum Reden? Dann schreibt hier« – so lautet in etwa die Zusammenfassung, die »Neukölln Solidarisch« regelmäßig immer wieder postet, damit auch alle Menschen verstehen, um was es hier geht: Vor allem diejenigen zu unterstützen, die nicht wissen, wie sie die Herausforderungen der kommenden Wochen bewältigen sollen.

Solidarität kann auch im Gebet geübt werden, gerade für jene, die durch das Virus schwer erkrankt sind und für jene, die als Ärzte und Pflegekräfte im Moment auf`s Äußerste gefordert sind.

1) das Wort  „Volk“ ist ambivalent, da für nationalistische und rassistische Zwecke mißbraucht, aber in diesem Zusammenhang aussagekräftiger als der emotionsfreie Begriff Gesellschaft)

Gustav Schädlich-Buter

Aschenerfahrung

Im kirchlichen Raum ist der Beginn der Fastenzeit durch das Ritual der Aschenauflegung markiert. Dem Gläubigen wird dabei ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet mit den Worten: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Die Symbolhandlung mit der „Asche“ weist auf eine Grunderfahrung des Menschen, die in unserer kapitalistischen Wertewelt des Aufstiegs, der Stärke, Effizienz und Schönheit zunehmend verdrängt wird: Sterben, Vergänglichkeit, Scheitern, Trauer, Niederlagen und Leiden gehören zum menschlichen Leben.

Ohne die Erfahrung des „Abstiegs“, ohne zu erfahren, dass das menschliche Leben mit Wunden, Enttäuschung und Grenzen verbunden ist, dass es körperliche und geistige Krankheit ebenso gibt wie Lethargie und Unglück aller Art, wird der Mensch, zumal der junge Mann, der Gier eines grenzenlosen „Mehr“ auf allen Gebieten ausgeliefert sein. Ein nirgendwo mehr sein Maß findendes Individuum führt zu einer gnadenlos unbarmherzigen Gesellschaft, in dem das Recht der Starken und Stärksten keinen Platz lässt für schwaches, krankes und behindertes Leben und für zwischenmenschlichen Beziehung außerhalb der Ebenen von Geschäft und Gegengeschäft.

Überall auf der Welt werden inzwischen „Türme“ gebaut „mit einer Spitze bis zum Himmel“(Gen.11,4), um sich damit einen Namen zu machen. Profilierungssucht lässt Menschen nach Öffentlichkeit gieren, wobei die innere Sehnsucht nach Anerkennung oftmals ungestillt bleibt. Junge Männer sind beim „Turmbau“ besonders gefährdet (aber inzwischen scheinen immer mehr Frauen derselben Täuschung zu unterliegen), der immer mit Aufstieg, Effizienz, Leistung, Selbstdarstellung und Macht zu tun hat. Der „Aufstieg“ als das gängige Machtmuster ist weit verbreitet und entspricht wohl dem männlichen Instinkt. Die wenigsten von denen, die „vorne dran sind“ ahnen, dass sie mehr als alle anderen in Illusionen und verlogene Muster verstrickt sind: unechter Erfolg, unechte Macht und unechte Sexualität. Dabei verbrauchen sehr viele Männer (und das ist in der Geschichte völlig neu)ihre Kraft und Energie nicht dafür, um etwas herzustellen (als Handwerker, Schuster, Maurer…) oder für den Aufbau einer besseren Welt (für ihre Nachkommen), sondern sie machen Geld, das für sich genommen eine reine Fiktion ist.

 (Sogenannte „Profitjunkies: Geld hebt die Stimmung, also kann süchtig machen. Wie bei jeder Droge muss die Dosis gesteigert werden, um das Hochgefühl wieder zu erreichen. Doch die Abhängigkeit führt nicht in die Gosse, sondern an die Spitze der Gesellschaft. Erfolgreich ist, wer sich das kaufen kann, was ihn als zugehörig ausweist, dafür kann er nie genug Geld haben.“ Eleni Adamidu, in: Biss, Bürger in sozialen Schwierigkeiten, 2/2008)

Die Energie, die für das Leben eingesetzt werden will, wird für das eigene Ego, den persönlichen Erfolg und das private Sicherungsbedürfnis verwendet. Viele dieser Männer (und immer mehr Frauen) sind außerhalb jeder sozialen und spirituellen Verbindlichkeit ausschließlich von ihrem privaten kleinen Ego geleitet. Auch wenn es nicht darum geht das Geld an sich zu verurteilen, so hat es als ausschließlicher Wert genommen doch die Tendenz die Maske zu verstärken und Menschen innerlich auszuhöhlen. (vgl. A. Grün in SZ vom 8.2.08; Nr33/S.33)

Die spirituelle Erfahrung, durch welche ein Mann seine Kraft und Wichtigkeit im Hier und Jetzt erfährt, scheint weitgehend verschüttet gegangen und ersetzt durch hohle Machtspiele und leere Statussymbole. Der Zugang zu inneren Werten, zur Gefühlswelt, die Sorge um die Familie ist dabei vielfach verloren gegangen und durch „Marktwerte“ ersetzt.

Aufstiegs-, Macht- und Karrierestreben finden wir auch in der Kirche, obwohl das Ostermysterium von Tod und Auferstehung uns eines Besseren belehren könnte; und wer zur Rechten und zur Linken sitzen will, muss den Becher trinken können, den er (Jesus) trinkt. (vgl. Mk 10, 37-39) Die spirituelle Krise des Mannes ist an allen Ecken augenfällig sichtbar. Wer viele Jahre seines Lebens für Aufstieg und Selbstdarstellung verwendet hat, der wird sich von einem Aschenkreuz, das auf die Notwendigkeit des Abstiegs und der Demut weist, nicht wirklich betreffen lassen. Er wird die Weisheit nicht annähernd verstehen, die im paulinischen Paradox steckt , „dass ich stark bin, wenn ich schwach bin.“(2 Kor.12, 10).

Urvölker auf der ganzen Welt, wussten zu allen Zeiten, dass vor allem junge Männer, die weder die Schmerzen der Menstruation noch der Geburt erleben,  den „Pfad des Abstiegs“(R.Rohr) gelehrt werden müssen; denn das Leben selbst initiiert nur manchmal durch Krankheit , Niederlage und wenn sich die „Träume“ in Asche auflösen.

 Die Initiationsrituale hatten folgenden Sinn: (1)das Machtstreben des jungen Mannes sollte gereinigt werden, dass er fähig wird seine Kraft jenseits egoistischer Ziele einzusetzen. (2) Sein Blick sollte vom Außen auf die Welt des Inneren gelenkt werden: Wer bin ich ? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wofür ist mein Leben gut? (was ist mir wirklich wichtig und „wert“-voll? Woran möchte ich mich orientieren? Wohin zieht mich meine Sehnsucht?) (3)Der Initiand sollte einen angemessenen Platz im Stamm (in der Gesellschaft und Welt) erhalten. 

Gerade das Aschermittwochsritual sei eines der direktesten Reste ursprünglich brutal ehrlicher Initiation, wobei sich der Initiand nackt in schwarzer Asche zu wälzen hatte und Asche essen (vgl. R. Bly, Eisenhans, München 1991, S. 118 f.), um die Notwendigkeit des Sterbens am eigenen Körper zu spüren und sich der Trauer und des „Schattens“ inne zu werden. „Der naive Mann, der genau auf die Sonne zufliegt (wie Ikarus, d.V.) kann seinen eigenen Schatten nicht sehen. Er ist weit hinter ihm. In der Katabasis (Abstieg) holt er ihn ein.“ (vgl. a.a.O., S.115) Ohne die Erfahrung der Asche bleiben wir auch geistig in einer unerwachsenen Welt voller Einkaufszentren, Vergnügungsparks und Disneyland- und Wellnesskulturen gefangen.

Der rote Faden

Nicht umsonst wird das Schicksal des Menschen seit altersher mit dem Symbol des Fadens verknüpft, der etwas von der Räselhaftigkeit des Menschseins zum Ausdruck bringt. Wer bestimmt das menschliche Schicksal, wer verteilt das Los, dass der eine Mensch lang, der andere nur kurz lebt, der eine in Wohlstand und Reichtum aufwächst, der andere in bittere Armut hineingeboren wird, der eine mit strotzender Vitalität gesegnet ist, der andere mit Schwäche und Krankheit belastet. Die alten Mythen suchten darauf eine Antwort zu geben mit der Vorstellung, dass drei Schicksalsgöttinnen , die Moiren (bei den Römern hießen sie Parzen, bei den Germanen waren es die Nornen) den Neugeborenen ihren Lebensfaden spinnen und eine davon, – Atropos-, das Lebensende bestimmt , indem sie den Lebensfaden durchschneidet. Auch in etlichen Märchen tauchen die Symbole von Spinnrad und Faden auf.

Immer erscheint das Leben zunächst als etwas, das nicht in unserer Hand liegt, das von fremden Mächten bestimmt wird. Die Wahrheit dieser Mythen liegt sicher darin, dass wir uns weder unsere Eltern, noch das Land, noch die Kultur oder Religion , in die wir hineingeboren wurden, ausgesucht und frei gewählt haben. Einen großen Teil unseres Lebens wissen wir in der Regel wenig von diesem inneren roten Faden und werden von außen (von Konventionen und Vorgaben) geleitet , werden mehr gelebt als dass wir selber leben. Doch obwohl wir den Lebensfaden nicht selbst gesponnen haben, so besteht doch unsere Aufgabe darin, unseren ureigenen Lebensfaden zu erkennen und ihn zu ergreifen.

Elektronenwirbel

Immer wieder brechen Menschen auf zu inneren Reisen, machen sich auf die Suche nach dem ureigenen Lebensfaden. Manche folgen einer Intuition und Inspiration und lassen Bisheriges und Eingespieltes zurück, andere werden durch die Wunden des Lebens, durch Scheitern, Krankheit, und Niederlagen auf eine solche Reise geschickt. Diese innere Reise ist immer eine Abenteuerreise, die nicht selten in Bereiche führt, wo die alten Regeln der Kontrolle nicht mehr funktionieren. Manche Ritterromane (wie der Parzivalroman) schildern solche Reisen als einen Weg durch finstere Wälder, Dornensträucher, tiefe Gräben oder über schwankende Brücken. Angst und Mut, Zweifel und Glauben begleiten uns auf diesem Weg. Es sind Seelenreisen in die Tiefe , welche viele Mythen, Märchen und Legenden beschreiben.

Auf der Lebensreise kann man sich auch verlaufen, an Wegkreuzungen oder falschen Wegeisern folgen. Wer in die Irre gelaufen ist, braucht einen Rettungsfaden . Ariadne , die Tochter des Königs Minos von Kreta gibt dem Königssohn Theseus einen solchen Faden mit, damit er aus dem Labyrinth des Minotaurus, -ein gefürchtetes Mischwesen aus Mensch und Stier-, wieder herausfindet. Menschen, die traumatisiert oder gefährdet sind, deren Seelen durch Gewalt und Mißbrauch verwundet sind, brauchen jemanden, der einen Rettungsfaden zuwirft. Die Lebensfäden mancher Menschen sind manchmal schier unentwirrbar in einem Knäuel verknotet und verstrickt und sie brauchen Hilfe, um wieder Orientierung für ihr Leben zu finden. Sie brauchen jemanden, der Verworrenes aufdröseln und Knoten auflösen hilft, damit die Reise weiter gehen kann. Gott sei Dank, gibt es immer wieder Menschen, Ereignisse, Inspirationen, die uns helfen die nächsten Schritte unseres Lebensweges zu finden.

Unterschiedliche Begriffe schildern das Ziel eines solchen Reise: das „wahres Selbst“ als tieferer Identitätspunkt, der heilige Gral, der gefunden werden muss als Symbol für Erleuchtung oder Erlösung von einem tödlichen Bann, der wahre Sinn unseres Lebens oder die Begegnung mit Gott (Augustinus sagt in seinen Confessiones: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott“ (Augustinus, Conf. 1,1) Jedenfalls haben einige Menschen (- oder sind es alle?) das Bedürfnis, dass ihr Leben einen tieferen Sinn und Zusammenhang hat, dass dieses Leben, in das man „hineingeworfen“ wird, mehr ist als ein belangloses Herumzappen auf unterschiedlichen Kanälen. Die Lebensfäden des Inneren – z.B. meine Talente und Begabungen- wollen entwickelt werden, zu einem schönen Teppich zusammengewoben werden….

Und damit sind wir wiederbei der Frage nach dem roten Faden. Der israelisch- amerikanische Therapeut Aoron Antonovski hat das Konzept der“Salutogenese „entwickelt, indem er der Frage nachgegangen ist , was macht Menschen gesund statt der üblichen Frageweise, was Menschen krank macht. Antonovski hat Holocaustopfer untersucht und ist zur Überzeugung gekommen, dass vorallem jene Menschen die Grauen von Konzentrationslagern unbeschadet überstanden haben, die einen übergreifenden Sinn für ihr Leben gefunden hatten. Antonovski nennt diesen umgreifenden Sinn Kohärenzgefühl , und ein Faktor für dieses Gefühl ist: Ich verstehe mein Leben, es ist für mich ein roter Faden darin zu finden.

Der Sinn meines Lebens lässt sich nur über eine Reise ausfindig machen, nicht umsonst bedeutet die Sprachwurzel von Sinn „reisen“ (vom indogermanischen sentno), auch das lateinische sentire , fühlen, empfinden deuten darauf hin , dass es die Aufgabe eines jeden Menschen ist den Sinn des eigenen Lebens zu erspüren und dem Leben dadurch eine Form und Richtung zu geben.

Der rote Faden, das kann auch ein Satz, ein Wort sein, das für unser Leben bestimmend ist. Der große Religionsphilosoph Romano Guardini spricht vom Passwort im Gefolge eines Traumes, den er hatte und wo ihm gesagt wurde: „Wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben(…) Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht, welches die Tür zu ureigenen Bestimmung öffnet..“ (1.August 1964; der ganze Text von Romano Guardini unter: https://beruhmte-zitate.de/zitate/128248-romano-guardini-heute-nacht-aber-es-war-wohl-morgens-wenn-die-tr/

Impuls: Ich könnte einem Freund/in wichtige Stationen meiner Lebensreise erzählen oder für mich in einem Tagebuch aufschreiben.

Fällt mir ein Wort, ein „Passwort“ ein, das ich als Überschrift über mein Leben setzen kann?

Freundlichkeit

Gerade, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir bedrückt, traurig oder mutlos gestimmt sind, dann tun uns freundliche Menschen gut. Echte Freundlichkeit geht zu Herzen, wärmt, baut auf, macht eine innere Zuneigung sichtbar, erfüllt die Sehnsucht, einen Freund, eine Freundin auf dieser Welt zu heben . Entgegenkommende Freundlichkeit sagt uns, da ist jemand, der Interesse an mir hat. Freundliche Augen sagen mir, dass es gut ist auf dieser Welt zu sein, dass ich bejaht bin, dass ich verbunden bin mit anderen und von diesen anerkannt. Freundliche Worte trösten und geben neuen Lebensmut. Menschen, die schon als Kinder abgelehnt, beschimpft und „fertig“ gemacht wurden, tun sich freilich schwer, so einen wohlmeinenden und freundlichen Tiefenstrom der eigenen Existenz zu spüren. Um wieder heil zu werden, brauchen sie besonders viel freundliche Zuwendung.

Schon die Antike sah die Freundlichkeit als eine Tugend, die den menschenerst zu einem sozialen Wesen macht. Der Philosoph Aristoteles schreibt in seinem Ethikbuch: „Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoß an ihm nimmt. „ (Aristoteles, 1985: Nikomachische Ethik, übers.: Rolfes, Eugen. 1126b27 ff.)

Nicht immer ist es leicht heraus zu finden, ob die uns entgegengebrachte Freundlichkeit echt ist, uns wirklich meint, oder nur ein Trick ist. Die Verkaufs- und Werbepsychologie , lehrt und trainiert die inzwischen verlorene Tugend der Feundlichkeit wieder künstlich zurück zu gewinnen. Lach- und Lächeltrainings zum Beispiel sollen den Strategen dabei helfen, die Kauflust zu vergrößern, um höhere Gewinne und individuelle Vorteile zu erzielen. Freundlichkeit wird zum Trick im Dienste des finanziellen Erfolges.

Doch echte Freundlichkeit ist nicht taktisch und berechnend, sondern bedingungslos, ja „arglos“ (ohne berechnende Hintergedanken), von Herzen kommend, aus einem freundlichen „Grund“ meines Daseins emporsteigend. Nicht immer gelingt es uns freilich, auf echte Weise freundlich zu sein; manche überfordern sich auch in ihren beruflichen Rollen als Seelsorger, Psychologen, Coaches, Helfende mit dem Ideal anderen stets freundlich, gutgelaunt und höflich zu begegnen. Übertriebene Freundlichkeit versteckt nicht selten einen aggressiven Schatten, verdrängt vorhandene Konflikte, oder will etwas für den eigenen Nutzen etwas erreichen. Freundlichkeit bedeutet zudem auch nicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nicht alles, was mir begegnet, kann ich freundlich beantworten.

In der christlichen Theologie ist davon die Rede, dass Menschenfreundlichkeit und Güte Attribute Gottes sind, welche die Glaubenden durch ihr Leben zum Ausdruck bringen sollten. Die Gefahr bestand allerdings schon in den frühen Christengemeinden darin, dass Freundlichkeit moralisch aufgedrängt und verordnet wurde, auf eine Benimmregel reduziert wurde, die nicht einer inneren Freude und Heiterkeit entsprang; doch eine bloße Pflichterfüllung, womöglich vorhandene Konflikte vermeidend, ist heuchlerisch und unecht. Wenn wir spüren, dass der andere nur „nett“ ist, weil er muss, bringt uns das ganz schnell auf innere Distanz.

Bei allen Vorbehalten, die Grundsehnsucht nach Freundlichkeit, nach einer freundlichen Welt, nach freundlichen Menschen, steckt wohl in uns allen und hat, falls wir sie auf echte Weise erleben, die Fähigkeit, Hass und Boshaftigkeit in uns zu überwinden. Echte Freundlichkeit wirkt heilend und verweist auf einen grundsätzlich freundlichen „Grund“ unserer Welt.

 Impuls:

Jede und jeder kann sich auch fragen: Wie freundlich gehe ich mit mir selbst um? (wo überall zwinge und überfordere ich mich; schleppe ich mich krank zur Arbeit..?)

Wie freundlich schaue ich auf mein Leben? (Würdige es herab als einzige Niederlage, lebenspfusch oder kann ich mit freundlichen Augen auf ,ein Leben mit Licht- und Schattenseiten schauen)?

Wie freundlich gehe ich mit meinen KollegInnen und Kollegen um? Gustav Schädlich-Buter

„Menschwerdung“- in memoriam Jean Vanier

Am 7. Mai 2019 starb der 1928 geborene Jean Vanier im Alter von 90 Jahren. An ihn möchte ich heute erinnern, weil er, lange bevor über Inklusion geredet und diskutiert wurde, diese praktiziert und gelebt hat.. Jean Vanier war der Sohn des Generalgouverneurs von Kanada Georges Vanier, bereits mit 13 Jahren trat er ins Brittania Royal Naval College ein, diente dann bis 1950 als Marineoffizier, zuletzt auf einem Flugzeugträger. Nach seinem Abschied von der Marine, lebte er zunächst in einer Kommunität in Paris. Er studierte Theologie und Philosophie und nach Abschluss eines Doktorats in Philosophie lehrte er zunächst an der Universität in Toronto.

Doch dann nahm sein Leben eine andere Wendung. Die persönliche religiöse Suche, von seiner Mutter inspiriert, und der christliche Nachfolgedanke, brachte ihn dazu, 1964 eine Wohngemeinschaft mit zwei geistig behinderten Menschen, Raphael und Phillippe, ins Leben zu rufen. In dem Dorf Trosly-Breuil in der Compiegne in Frankreich nahe Paris, entstand das erste Haus der Arche. Dort erlebte er sowohl die Tiefe des Leidens jener Männer und ihre Sehnsucht nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch die Freude im Gemeinschaftsleben mit Menschen, die vorallem mit dem Herzen dachten. Er wollte ihnen helfen und merkte zunehmend wie sie ihm halfen, das Leben anders und neu verstehen zu lernen. „Sie interessierten sich nicht im Geringsten für das, was in meinem Kopf vorging, dafür aber umso intensiver für meine Person: ‚Wie heißt du? Was machst du? Wann kommst du wieder?‘ Alles in ihnen schrie nach Begegnung, nach Freundschaft und Gefühlen. Ihr Schrei rührte mich an.“(Jean Vanier). Dies war die Initialzündung für ein Zusammenleben von geistig behinderten und nicht behinderten Menschen auf Augenhöhe und die Gründung der Archegemeinschaften. Heute existieren rund 150 solcher Gemeinschaften in rund 40 Ländern auf allen Kontinenten.

Auch wenn sich die Arche zunächst als ökumenische Glaubens- und Lebensgemeinschaft verstand, ist sie offen für andere Glaubensrichtungen und Einstellungen. Zunehmend ausschlaggebend wurde, dass das Zusammenleben im Geiste der Freundschaft und Gegenseitigkeit geschieht, welche die Grundlage aller Spiritualität in der Arche darstellt. Bis zuletzt setzte sich Jean Vanier dafür ein, dass Menschen mit Behinderung ein Leben in Würde ermöglicht wird. Jean Vanier war auch mit 90 Jahren geistig hellwach und am Puls der Zeit. Er gab seine Erfahrungen in Büchern, Interviews und Videos (viele auf you tube) weiter. In einem Video, das Anne Gerken und Pauline Dejoie mit ihm 2018 geführt haben, spricht er über das, was im Leben wichtig ist (Art Lebensregeln) und dazu beiträgt mehr und tiefer Mensch zu werden.

Ich gebe das auf englisch geführte Interview in verkürzter Form und mit eigenen Worten wieder.

1. Akzeptiere die Realität deines Körper`s Jean Vanier ermuntert dazu, unseren Körper zu akzeptieren, ihn auch auch in seiner Schwäche und Fragilität anzunehmen. „Wir werden in Schwäche geboren und werden in Schwäche sterben.“ Gerade das Älterwerden macht uns deutlich, dass wir vieles an Stärke und Fähigkeiten loslassen müssen. Wir werden vergesslicher, körperlich schwächer, aber das Wichtigste sei,- bei allen Verlusten- man selbst zu sein und zu bleiben..

2. Sprich über deine Gefühle und Schwierigkeiten und flüchte nicht vor der Realität Gerade Männer, so Jean Vanier, hätten Probleme über ihre Gefühle und Schwierigkeiten zu sprechen, über ihre Einsamkeit und ihre Versagensgefühle. Ihr Ärger schlägt dann leicht in Gewalt um oder in Kompensationen durch Alkohol und Drogen, um der Realität zu entkommen. Doch Menschwerdung hätte zutiefst etwas damit zu tun, die Realität zu lieben

3. Hab keine Angst, nicht erfolgreich zu sein Männer, so Vanier, scheinen ein weit tieferes Bedürfnis als Frauen zu haben, erfolgreich zu sein; in ihnen stecke eine tiefgreifende Angst, sie würden nur dann geliebt, wenn sie erfolgreich wären. Tiefere Menschwerdung würde aber heißen, zu lernen und zu entdecken: „Ich bin wundervoll, so wie ich bin“ (unabhängig von meinen vorweisbaren Leistungen)

4. Nimm Dir in deinen Beziehungen Zeit zu fragen: Wie geht`s Dir?/Was brauchst Du? Liebe ist immer verknüpft mit Schwäche, mit Zeit haben und sich Zeit nehmen für den Partner/-in. Ein Mann, der nur darauf aus ist, die Karriereleiter hoch zu klettern, wird die Liebe vernachlässigen und seine Frau nicht fragen: Wie geht es Dir? Was brauchst Du?..… Menschwerdung in einem tieferen Sinn hat aber gerade damit zu tun, sich Zeit für den anderen zu nehmen.

5. Sei präsent und starr nicht ständig auf dein Smartphone Vanier macht auf die Gefahren des Internet aufmerksam, welche Menschen zunehmend kontrollieren, auch wenn er durchaus sieht, welche Kommunikationsmöglichkeitendurch die neuen Technologien geboten werden. Die jungen AssistentInnen der Arche-alle mit Smartphones ausgestattet- ermuntert er, ihre Fähigkeit zum Zuhören, zur Gemeinschaft und zur (körperlichen)Präsenz nicht zu vernachlässigen. Im Internet und den neuen Technologien sieht er die Gefahr, dass jene die Menschen wegziehen von einer tatsächlichen Präsenz(Anwesenheit), Innerlichkeit verhindern und eine tiefgreifender Reflexion ihres Lebens verunmöglichen..

6. Fordere Menschen auf, ihre Geschichte zu erzählen Vanier erzählt die Geschichte von einem Drogenabhängigen, der in seinen letzten Worte – gerichtet an den Sozialarbeiter, der bemüht war, diesen aus Drogenabhängigkeit und Prostitution heraus zu holen- folgendes sagte : „ Du wolltest mich immer ändern, mir aber niemals begegnen.“ Menschwerdung, so Vanier, hat mit echter Begegnung zu tun; Menschen zu fragen und zu hören: Was ist deine Geschichte? Wo ist dein Schmerz? Wofür schlägt dein Herz?… Es sei enorm wichtig auf andere Menschen zu hören, auf deren Erfahrungen, und auch wahrzunehmen, dass jene Begabungen und Talente haben, die mir nicht zur Verfügung stehen.

7. Sei Dir deiner eigenen Lebensgeschichte bewusst Es sei, so Vanier auch sehr wichtig, sich seiner je eigenen Geschichte im Laufe des Lebens immer mehr bewusst zu werden, sie immer tiefer zu entdecken. Jeder Mensch hat seine eigenen Ideen und Visionen für die Welt und sich selbst, seine ganz persönlichen Vorstellungen und ein je eigenes Temperament, das es wahrzunehmen gilt. In uns laufen aber auch viele unbewusste Prozesse ab, die mit unserer Kindheit zu tun haben und die es mehr und mehr zu entdecken gilt, vorallem, was unsere tiefgreifenden Ängste sind- Angst sei ein fundamentales Problem für die eigene Menschwerdung.(dazu mehr: https://www.youtube.com/watch?v=VF0d3fKZIho)

8. Stop deine Vorurteile und suche echte Begegnungen Vanier spricht von einer Tyrannei der Kultur(und deren Abgrenzungen), in der wir uns verschanzen hinter der je eigenen Gruppe, Religion oder politischen Partei; echte Begegnungen werden so vermieden. Die Welt der Reichen will nicht der Welt der Armen begegnen. Menschwerdung bestünde aber gerade, frei zu werden, ich selbst zu sein, mich als Mitglied der ganzen Menschheit zu fühlen und in der Begegnung zu entdecken, das auch andere Menschen wundervoll sind. Grenzüberschreitungen nicht bloß als schöne Idee, sondern als realer Vollzug.

9. Höre auf deine tiefste Sehnsucht Im Unterschied zu Tieren, hat der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Geist, und nach Spiritualität; in uns Menschen stecke der Schrei nach etwas Unendlichem, das sich nicht im bloß Naturhaften erschöpfe. Wir betrachten und meditieren die wunderbare Natur, die Berge, Seen, Blumen.. und fragen uns, woher das alles kommt.. in uns steckt ein tiefgreifende , wahre und echte Sehnsucht, die es zu unterscheiden gilt von frei flottierenden Wünschen und Illusionen. Diese reale, tiefste Sehnsucht in uns, gilt es ausfindig zu machen. 10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

Sehnsucht(Transzendenz- über mich hinaus), Acryl auf Leinwand, 50 x70 cm

10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

Vom Sehen und Ansehen

Ansehen schenken- Ansehen bekommen

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) sprach davon, dass jeder Mensch danach „Ausschau“ halte, dass ihm das Ja des Seindürfens zugesprochen werde. Jeder Mensch scheint eine tiefe Sehnsucht in sich zu tragen, liebevoll und respektvoll angeschaut zu werden.

Mauritius Wilde berichtet von einer jungen Frau mit einer sehr schwierigen Kindheit und Jugend, in der sie sehr oft übersehen und nicht beachtet wurde. Immer wenn sie heute an dieser frühen Wunde des Übersehenwerdens leidet, geht sie zu einem Freund, der sie kurz anschaut. Schon ein kurzer Blick und Moment des Angeschaut-werdens sei für sie sehr heilsam geworden. Aber sie musste sich zuvor dieses Bedürfnis erst eingestehen.(vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach2009, 2. Aufl. 2010, S.23)

Der australische Psychologe Marc Dadds fand in Versuchsreihen mit schwer gestörten Jugendlichen, die als brutal, kalt und gefühllos auffällig geworden waren, heraus, dass jene erstmals in ihrem Leben Empathie entwickelten, nachdem  die Eltern in mehreren Sitzungen mit warmer Stimme sagten: „Ich hab dich lieb!“ und ihnen dabei in die Augen schauten. Nach mehreren Monaten waren diese Jugendlichen erstmals in der Lage Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen. Die Schulung der Augen regt anscheinend das Mitgefühl an, indem sie das Individuum befähigen, im Anschauen des anderen Individuums, sich in jenes hinein zu versetzen.(vgl. dazu auch die Bücher über Spiegelneuronen, z.B. von J. Bauer) Wichtige emotionale Botschaften werden über Blicke und Mimik transportiert, deren Ausbleiben für die Kinder fatale Folgen haben kann. (vgl dazu: J. Röser, Das Gewissen der Augen, in CIG, Nr.50, 2012, S.564)

Wie Menschen angeschaut werden, kann sie aufbauen oder niederdrücken, lebendig machen oder zerstören. So fordern Philippe Pozzo die Borgo, – nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt- und sein Pfleger Abdel Sellou (deren Geschichte vielen durch die autobiografisch Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde) in mehreren Interviews: „Wir, die kaputten Typen (..), wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen angesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (Di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark-Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.9)

Nicht umsonst hat sehen auch mit Ansehen zu tun, das geschenkt oder verweigert werden kann. Viele Geschichten im Evangelium erinnern daran, dass Jesus die Kunst des heilsamen Anschauens beherrscht hat, in dem er Menschen vorurteilsfrei und jenseits religiöser oder kultureller Grenzen Ansehen und Respekt schenkte. Man denke nur an die Geschichte des als römischer Kollaborateur verachteten Zöllners Zachäus, der durch den Blick Jesu fähig wurde, sein habgieriges Leben zu verwandeln.

Die Bedeutung des Sehens und Gesehen-werdens wurde auch symbolisch in vielen Kirchen als Auge Gottes zum Ausdruck gebracht. Doch leider assoziieren – gerade ältere Menschen- im Laufe einer teils unrühmlichen Kirchengeschichte und Pastoral, damit nur den Buchhalter- und Überwachergott, der alles sieht, beobachtet, aufschreibt und mit entsprechenden Bußstrafen belegt. Der tiefere Sinn wurde damit natürlich gründlich verfehlt. Gemeint war es anders, nämlich so, dass wir unter den Augen des liebevollen, göttlichen Betrachters (so ähnlich sagt es der Mystiker Bernhard von Clairvaux) zum Frieden in uns finden und uns darin geborgen wissen.

Der Schriftsteller Peter Handke bestätigt das, wenn er schreibt: „Wenn wir uns gegenwärtig machen, dass Gott uns umfassend anschaut, wären wir alle total besänftigt.“  Und Botho Strauß,  den man gewiss nicht als missionarischen  Glaubenverfechter verdächtigen kann, meint dazu: „Das Vertrauen in ein umfassendes Gesehenwerden gründet in der Einheit Gottes. Ohne diese Gewissheit, Erkannte zu sein, hielten wir uns keine Sekunde aufrecht.“ (Zitate nach einem Referat von Prof. Georg Langenhorst).

Ob gläubig oder nicht, könnten uns diese unterschiedlichen und doch verbindenden Einsichten zur Bedeutung des Sehens und Angeschautwerdens dazu anregen, eine entsprechende Praxis in unserem jeweiligen Arbeitsbereich zu entwickeln. Wir könnten uns dabei bemühen, – und viele in unserem Haus tun das aus einem natürlichen Gespür heraus sowieso schon-, einander Ansehen zu schenken. Das lateinische Wort für Respekt „ respicere“ hat nicht umsonst mit sehen und (noch einmal hinschauen) zu tun; dazu an andere Stelle mehr.

Gustav Schädlich-Buter

Wahre Identität

Reinhard Kardinal Marx sagte auf einer Podiumsdiskussion in einem Berliner Theater über den Begriff „christliches Abendland“ : „Davon halte ich nicht viel, weil der Begriff vor allem ausgrenzend ist.“ Er verkenne die „große Herausforderung, in Europa dafür zu sorgen, dass verschiedene Religionen mit jeweils eigenen Wahrheitsansprüchen friedlich zusammenleben“.(vgl dazu:https://www.domradio.de/themen/kirche-und-politik/2019-01-18/glaube-ist-die-seele-europas-debatte-um-begriff-christliches-abendland-entbrannt).

Rechtspopulisten bedienen sich heute gern des Begriffes vom christlichen Abendland, auch um die eigene (deutsche) Identität abzugrenzen und zu festigen im Unterschied zu Menschen und Völkern anderer Kultur und anderen (vorallem muslimischen) Glaubens. Der Begriff des Abendlandes wird so instrumentalisiert für die je eigenen politische Zwecke.

Aus christlicher Perspektive gibt es gegen den Versuch, eine Identität zu sichern, die auf Abgrenzung und Ausschluss anderer beruht, einiges einzuwenden. Ein breiter christlicher Traditionsstrom macht deutlich, dass wahre und tiefe Identität sich in der Begegnung mit dem Anderen, auch Fremden entwickelt. Wahre Identität – so schwierig dieser Begriff auch sein mag- entsteht nicht durch krampfhafte Absicherung des eigenen Ich und der eigenen Bezugsgruppe, sondern durch eine Reise, die über mich hinaus führt. Eine Reise zum Anderen, zum Fremden und Unbekannten, theologisch gesprochen zu Gott, und von dort wieder zurück zum eigenen Selbst. Um zu mir selbst zu kommen, nehme ich den Umweg über ein Anderes, einen Anderen, theologisch gesprochen über ein göttliches „Du“ , das mir „innerlicher ist als ich mir selbst“ wie Augustinus es in seinen „Bekenntnissen“ ausdrückt.(vgl. Augustinus, Confessiones III, 6,11) In der Begegnung mit dem Anderen meiner selbst wird es möglich die eigene Identität, mein wahres Selbst zu entdecken.

So schreibt Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“(Galater 2,20). In solch mystischer Erfahrung wird das eigene Ich fundiert und in einen größeren, metaphysischen Kontext eingewoben. Für Paulus ist es Christus und durch Ihn der liebende Gott, welcher wahre Identität stiftet (statt des irrigen Versuchs sich seiner selbst sicher zu werden durch Ausschluss, Abgrenzung und Fremdenhass wie es Populisten weltweit propagieren)

Identität entsteht für den Christen dadurch, dass er von einem Anderen, genau gesagt von den liebenden Augen Gottes, angeschaut wird und dadurch zu seiner inneren Einheit und zum Frieden gelangt.(so ähnlich drückt es Bernhard von Clairvaux aus). Im Bezogensein auf den ganz Anderen, werde ich ganz ich selbst. Ich komme zu mir, indem ich mich, -mein Ego-, verlasse, eine spirituelle Reise mache, um dann anders und neu zu mir zurück zu kommen. Bei einer solchen Reise beginne ich womöglich zu ahnen, wer ich „verborgen in Gott“(Kolosser,3,3) schon immer bin.

„Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand

Der Dichter T.S.Eliot drückt es in seiner Spätdichtung „Four Quartetts“ (zwischen 1935 und 1942 entstanden)sehr treffend aus, wenn er schreibt: „Wir lassen niemals vom Entdecken/Und am Ende allen Entdeckens/Langen wir, wo wir losliefe, an/ Und kennen diesen Ort zum ersten mal.//“

Doch ohne Reise, ohne Aufbruch, ohne die Bereitschaft, über mich und meinen Horizont hinauszuschauen, und mich in Beziehung zu wagen, bleibe ich wie es Martin Luther ausdrückte, der in sich verkrümmte Mensch, der sich ängstlich und krampfhaft absichern muss gegen die bedrohlich Fremden und Anderen. Ein solcher Mensch bleibt immer nur auf sich selbst bezogen: mein Haus, meine Familie, meine Gruppe, mein Volk, meine Erfolge, mein guter Ruf…und dies ein leben lang zu verteidigen und abzusichern. Ein solcher „Homo incurvatus in se ipse“, missbraucht nach Luther die ihm geschenkten und zur Verfügung gestellten Gaben und Talente ausschließlich für sich selbst und isoliert sich so vom Mitmenschen und von Gott. Nach Luther stellt das die eigentliche Sündhaftigkeit des Menschen dar.

Umgekehrt entsteht wahre Identität aber nur dadurch, dass ich fähig werde, mich selbst zu überschreiten, mein Ego zu verlassen und mich sinnstiftend für andere zu engagieren in der tiefen Erfahrung der Verbundenheit allen Seins, -auch im Leiden und der Fragmentarität des Lebens. Viele, die sich jenseits vieler (finanzieller und ideologischer) Absicherungen oder nur persönlicher Glückssuche, für andere engagieren, berichten davon, dass sie vielfach mit tieferem Glück und Sinn beschenkt wurden und dabei zugleich unbeabsichtigt tiefer zu sich selbst gefunden haben.

Der preisgekrönte Film „Greenbook“ von Peter Farrelly beschreibt sehr schön, wie eine solche Reise von zwei völlig unterschiedlichen Menschen, zu einem neuen Selbstverständnis und zur Wandlung festgefahrener Überzeugungen und Vorurteile führt. Jeder der beiden Männer, die gemeinsam eine ungewöhnliche Reise machen, kommt neu bei sich selbst an.

Zum Begriff Abendland :

„Der Begriff ist als Entsprechung zu der durch die Luther-Bibel geläufig gewordenen Übersetzung „Morgenland“ für lat. oriens entstanden, wurde jedoch gemeinhin nicht eigentlich als geographischer Begriff, sondern als Kennzeichnung für die kulturelle Gemeinsamkeit und Eigenart des lateinischen Westens verstanden. Dieser ist – anders als der politisch und kirchlich auf Byzanz orientierte Raum des östlichen Christentums – durch die Verbindung von Antike und Christentum und das in ihm zeitweilig dominante Element des Germanentums geprägt. In andere Sprachen kaum übersetzbar, wird Abendland dort meist mit Europa gleichgesetzt, das dann wiederum nicht geographisch, sondern kulturell als Raum der Latinität begriffen werden muss. Politisch hat der Begriff Abendland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewirkt, weil die Rückwendung der Romantik zur Geschichte des Mittelalters literarischer Natur blieb. (Konrad-Adenauer-Stiftung“; vgl dazuhttps://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2019-01-11/kardinal-marx-kritisiert-begriff-christliches-abendland)

Erinnern und erzählen

Wenn ich Trauerfeiern vorbereite, versuche ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen wichtige Punkte aus der Lebensgeschichte des Verstorbenen zusammen zu tragen und die einzelnen Mosaiksteine zusammen zu setzen. Das ist manchmal schwierig, weil die Lebensgeschichten und die wesentlichen Punkte des Lebens nie oder selten erzählt wurden. Manche sagen dann angesichts eines unwiderruflichen Abschieds: „ Schade, dass ich ihn/sie solange gekannt habe und doch so wenig von ihm/ihr wußte.“

Tatsächlich zerrinnt uns selbst auch die eigene Lebensgeschichte, wenn wir nicht ab und zu innehalten, uns erinnern, oder anderen von unserem Leben erzählen. Das Konzept der Salutogenese hat herausgefunden, dass ein Leben dann als sinnvoll erlebt wird, wenn wir darin einen roten Faden finden können. Der jüdische Psychologe Aaron Antonovski spricht in diesem Zusammenhang vom „Kohärenzsinn“. Umgekehrt bleibt ein Leben, das nur Patchwork ist, in dem kein wirklicher Zusammenhang und eben kein roter Faden gefunden wird, unbefriedigend . Deshalb ist es spätestens ab der Lebensmitte wichtig, dass wir uns, -zumindest ab und zu-, an die eigene Lebensgeschichte heranwagen, zurückschauen, sie in ein Tagebuch aufschreiben oder sie einem anderen erzählen, was noch intensiver sein kann.

Erinnern ist mehr als das Aufzählen von Daten wie bei einem tabellarischen Lebenslauf. Er-innern ist oft mit einer Anstrengung verbunden: Wie war das damals? Wie habe ich dies oder jenes erlebt? Mit welchen Gefühlen war es verbunden? Erinnerung muss auch gegen das Vergessen, den betäubenden Schlaf, die Verdrängung und das Verstricktsein ins Alltagsgetriebe ankämpfen. Erinnern ist eine Weise des Nacherlebens, des tieferen Nachdenkens, des Aneignens meines ureigenen und einmaligen Lebens mit all seinen Licht- und Schattenseiten, den Hindernissen und Lebenskämpfen, sowie den glücklichen und traumatischen Stationen, die es womöglich mit sich brachte. Erinnern fällt besonders dann schwer, wenn es mit Scham und Schuldgeschichten, Irrungen und Fehlern einhergeht, die einem womöglich erst jetzt so ganz bewusst werden. Doch fast jedes Leben hat auch Erhebungen(ähnlich den Noppen der Brailleschrift)und Ereignisse, die zur Dankbarkeit führen und ohne Ausdruck unerkannt und ungewürdigt bleiben.

Jedenfalls klärt die Erinnerung manches, was womöglich in der augenblicklichen Situation des Erlebens unverständlich und womöglich sinnlos erlebt geblieben ist. Es scheint, dass wir erst im zeitlichen Abstand, richtig erkennen und sehen lernen. Und nicht selten sind die entscheidenden Lebenserfahrungen jene, die bereits vorbei sind, aber zugleich stark in die Gegenwart nachwirken. Oft kann ich erst im Rückblick die wahre Bedeutung und Qualität eines Erlebnisses, eines Menschen, einer Beziehung, einer Begegnung, eines Gesprächs ….erkennen, erfassen und im Jetzt zur vollen Wirkung verhelfen. Im Prozess des Erinnerns bringe ich das „woher“ meines Lebens in einen Zusammenhang mit dem Jetzt und gewinne daraus womöglich Zukunft. Im Er-innern kläre ich mein Leben und werfe dabei überflüssigen Ballast aus meinem Lebens- und Entwicklungsfeld. Ich lerne im Erinnern und Erzählen mein Leben neu zu sehen.

Was hilft mir persönlich beim Erinnern? Ich lese gern Biografien. Im Lesen von Biografien anderer Menschen komme ich nicht selten in Kontakt mit der eigenen Lebensgeschichte und den darin verborgenen Fragen. Jean Vanier, der Gründer der weltweiten Arche Gemeinschaften, erzählt sein Leben mit geistig behinderten Menschen immer im Kontext seines Elternhauses, seiner Suchprozesse, seiner Fragen und Antriebe. Auch viele biblische Geschichten sind Lebensgeschichten- man denke zum Beispiel an die Abrahams-, die Mose-, oder die Josefsgeschichte und viele andere-, die mit Aufbruch, Befreiung, Familie, mit Licht und Schatten exemplarisch Anteile unserer eigenen Lebensbewegung spiegeln, und den Leser anregen über die eigene Biografie nachzudenken.

ER-INNER-UNG, Acryl auf Leinwand

Impuls: Schreibe in dein Tagebuch oder erzähle jemanden von Deinem Leben: (zur Hilfe mehrere Fragen) Welche Menschen (Eltern, Lehrer, Vorbilder…)waren mir besonders wichtig? Schreibe alle Namen auf! Welche (individuellen oder geschichtlichen) Ereignisse im Leben waren für mich zentral, erschütternd, lebenswendend, total wichtig? Gab es entscheidende Weichenstellungen in meinem Leben (in meinem Denken, Fühlen, meinen Weltanschauungen? Finde ich einen roten Faden in meinem Leben? Welche Niederlagen/Scheitern/Verluste gab es in meinem Leben und wie bin ich damit umgegangen? Welches waren die besten Entscheidungen meines Lebens Gab es Musikstücke, die bis tief in die Seele hineingewirkt haben? Kenne ich Bilder, die sich tief in mich eingeprägt haben? Gab es Bücher(Romane, Gedichte..), die mich bewegt oder sogar verändert haben? Kenne ich biblische Geschichten, die mich besonders beschäftigten, berührten oder Orientierung gaben?

Literatur zur Vertiefung:

Nouwen, Henri, Von der geistlichen Kraft der Erinnerung, Freiburg 1984

Ortheil, Hans –Josef, Die Erfindung des Lebens, München 2009 (sehr lesenswerter autobiografischer inspirierter Roman wie ein stummes Kind zur Sprache kommt)

Petzold, Theodor D (Hrsg.), Herz mit Ohren, Salutogenese und Sinn, 2.Aufl. Bad Gandersheim 2012

Vanier, Jean Wege zu erfülltem Mensch Sein, Freiburg, Basel, Wien 2001

Filmempfehlung: Jo Baier(Regie), Das Ende ist der Anfang – Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens (nach dem Bestseller von Tiziano Terzani mit Bruno Ganz und Erika Pluhar (Schauspieler), 2011; ein sterbender Journalist erzählt seine Lebensgeschichte seinem Sohn)

Neu anfangen

Vor einigen Tagen hat das neue Jahr begonnen, womöglich auch für Sie ein Ansporn einiges neu anzufangen und anzupacken.

Viele Neuanfänge in unserem Leben sind mit Erwartungen und Verheißungen, mit einem Hauch von Neugeburt verknüpft: eine neue berufliche Stelle, eine eigene Wohnung , eine neue Wohngruppe, eine neue Schule, frisch verliebt, Hochzeit, die Geburt eines Kindes. Viele junge Paare, die ihr erstes Kind freudig erwarten, spüren besonders deutlich: mit dem neuen Leben wird auch unsere Beziehung, unsere Seele, unser eigenes „Innen-sein“ noch einmal neu beginnen und sich erneuern, gerade so als würde mit jedem(!) Kind die Welt noch einmal von vorne beginnen wollen..

Neu anfangen können wir auch nach überstandener Krankheit oder nach einer Phase, wo wir meinten, dass nichts mehr stimmt und geht. Auch diejenigen unter uns, die ein Unfall oder ein Schlaganfall aus dem bisherigen Leben gerissen hat, müssen gänzlich neu anfangen, neu mit sich selbst und ihrem Leben vertraut werden, es annehmen wie es jetzt entgegenkommt.

Neu anfangen können bedeutet aber auch: Ich bin nicht auf die Vergangenheit und das Bisherige meines Lebens festgelegt. Ich habe die Chance auf eine noch nicht dagewesene Zukunft. Ich spüre frischen Wind im grauen Einerlei meines Alltagstrottes und meiner Gewohnheiten. Zuweilen ist es für einen Neuanfang notwendig, Altlasten abzulegen, Illusionen los zu lassen, Beziehungen zu klären.  

Dynamis -Acryl auf Leinwand

Neuanfangen kann ich auch in den Beziehungen, wenn ich merke, das dieser oder jener Mensch, mein Partner, meine Partnerin im Laufe der Jahre ganz anders geworden ist und das Gewohnte gesprengt hat. Dies verlangt den Anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren und anzunehmen. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt die biblische Weisung.

Und auch mit mir selbst, dem sich das Leben immer wieder anders zumutet, muss ich ja immer wieder neu anfangen. Dies gilt auch für meinen Glauben und meine Überzeugungen, weil sich zum Beispiel alte Gottesbilder aufgelöst haben und nicht mehr tragen. Und womöglich ist es der wahre Gott in seinem Anderssein, der mich als Pilger oder Nomade auf einen ungesicherten Weg schickt, mich immer wieder neu anfrägt und aufbricht.

Impuls:

Zu jedem Neuanfang, der mehr ist als eine kleine äußerliche Veränderung des Bisherigen, muss ich hinausschauen über meinen begrenzten Alltagshorizont, der mir vielleicht wenig Spielräume lässt. Ich könnte ja- ähnlich den Sterndeutern in der Bibel- in einer sternenklaren Nacht zum Himmel schauen, meinen Blick weiten in die unvorstellbaren Räume unseres Kosmos, in die unendlichen Dimensionen der Galaxien, und dies auf mich wirken lassen. Womöglich beginne ich nach letzten Zusammenhängen zu fragen, die meinem Leben Halt, Sinn und Hoffnung geben. Es stellt sich dabei vielleicht die Frage, ob ich mein Leben in einem größeren Sinnkontext verstehe (also ob ich von einer größeren Macht gewollt und bejaht bin) oder ob ich nur ein Zufallsprodukt in einem wie auch immer gearteten kosmischen Prozess bin. 

Zeit für das menschliche Herz

Nackt und angewiesen

Wir Menschen sind in Schwäche geboren,  und  nach der Geburt-nackt und hilflos,  noch ziemlich zerbrechliche Wesen, die nichts von dem selber haben, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Zuwendung, Zärtlichkeit, Ansprache- kurz gesagt Liebe.

Wir sind als Menschen von Anfang an auf Beziehung angelegt und angewiesen, auf das Geschenk des Lebens. Das menschliche Herz braucht in Worten und  Gesten die Bestätigung: du bist wertvoll und wundervoll! Ich liebe Dich gerade so wie du bist! Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!….…Wenn das kleine Kind diese „Worte“ nicht empfängt , nicht ausreichend oder gar nicht geliebt wird, entsteht eine tiefe Wunde im menschlichen Herzen und daraus entwickelt sich Angst, Ärger und Kampf.

„Zentralverriegelung Angst“

Manche schließen sich ab, und die „Zentralverriegelung Angst“ (Melanie  Wolfers) baut um das verletzbare und berührbare Innere einen wehrhaften und undurchdringlichen Panzer. Nicht wenige Leute tragen viel Angst und Furcht in ihren Herzen, sind ständig dabei innere und äußere Grenzen und Mauern zu bauen, um sich (und ihre Klasse, Gruppe, Nation, Rolle, Volk…) zu schützen. Und wir vergessen dann, dass wir Teil einer großen menschlichen Familie sind.

Wieder andere geraten in die Falle des sich Behaupten und Beweisen- müssens;und sie erleben dabei,  was auch immer sie tun und wie sehr sie sich auch anstrengen, es scheint nie genug, um die Anerkennung und die Wertschätzung (der Eltern, später des Chefs..) zu bekommen.

Zentral für die menschliche Entwicklung ist es, dass das Herz entdecken kann: Ich bin wertvoll. Und jemand lieben bedeutet, ihm sagen zu können : Du bist wertvoll !

Den Menschen sehen wie er ist

Wichtiger als das, was wir tun, ist es, eine Antwort zu bekommen auf die Frage: Wer bin ich? Es geht in der menschlichen Entwicklung nicht vorrangig um das , was ein Mensch tut oder was er besitzt, sondern was er ist. Doch oft scheinen wir blind füreinander und sehen den jeweils Anderen nur recht äußerlich; in seiner Rolle etwa, in dem, was er für mich leistet oder von mir fordert, in der Schablone, in die wir ihn gesteckt haben. Sehen wir nur den Verkäufer/-in, der im Supermarkt  an der Kasse sitzt oder begegnen wir ihm/ihr so, dass er sich menschlich angesehen und angesprochen fühlt. Nehmen wir den anderen Menschen noch als Menschen wahr oder nur in seiner Rolle als Automechaniker, der mein Auto repariert, als Verwaltungsangestellte, die meinen Antrag bearbeitet, als Angestellte in meinem Betrieb…Und oft sind wir nicht nur dem anderen gegenüber abgestumpft, sondern auch unserem eigenen Inneren; wir spüren nicht mehr,  was uns in der Tiefe beschäftigt, bewegt, berührt und umtreibt; wir weichen dem Zerbrochenen und Ungeheilten in unserer eigenen Seele aus.

Beziehungen verwandeln durch Vertrauen

Jeder kann umgekehrt Beziehungen wandeln, Leben transformieren, Leben geben und empfangen; wie schnell kann sich selbst eine schwierige und unerfreuliche Beziehung verwandeln, wenn sich der Andere als Mensch wahrgenommen und angesprochen fühlt und sich mit seinen Schwächen und Schattenseiten angenommen fühlt. Wenn der andere spürt, dass er als Mensch vorkommen kann, bekommt er den Mut sich zu zeigen wie er ist statt sich hinter seiner Rolle zu verschanzen. Im Vertrauensraum braucht sich keiner mehr hinter einem Panzer aus Macht und Angst einzuigeln.

Zeit für das menschliche Herz

(„Herzengel“, Acryl auf Leinwand, 60 /80 cm, von Gustav Schädlich-Buter)

Nehmen wir uns Zeit für einander, für das menschliche Herz, das darauf wartet, angesprochen, wahrgenommen und berührt zu werden!  Spiritualität bedeutet nichts anderes als einen Geschmack dafür zu entwickeln, dass unser Leben und jeder Moment darin wertvoll ist, und darin  Gottes Gegenwart geahnt werden kann.

Impuls:

Gab und gibt es Menschen in meinem Umfeld, die mich darin bestärken, dass ich wertvoll bin?

Sagen Sie heute einem fremden Menschen ein freundliches und aufbauendes Wort!

Was macht mir Angst?