Sich bereit halten

„Nicht müde werden/ sondern dem Wunder / leise/ wie einem Vogel / die Hand hinhalten“//Hilde Domin, in: Sämtliche Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Hrsg. von Nikola Herweg. Frankfurt a.M. 2009.)

Diese Verse stammen von der jüdischen Lyrikerin Hilde Domin (frühere Hilde Palm; 1909 in Köln geboren ; 2006 in Heidelberg gestorben), die als junge Frau vor den nationalsozialistischen Umtrieben ins Exil floh. Ihre Gedichte spiegeln nicht nur das Schicksal ihres Volkes wieder- Vertreibung, Flucht, Heimatlosigkeit und Heimatsuche-, sondern enthalten wie das oben zitierte Gedicht auch eine Empfehlung trotz allem, sich für das Wunder des Lebens vertrauensvoll bereit zu halten.

Wunder erleben wir nicht in der Haltung der Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit. Wer ein Wunder erleben will, muss das Selbstverständliche seines Sehens, Denkens und seiner Lebensmuster verlassen. Dem Wunder die Hand hinhalten bedeutet, offen zu sein für Überraschungen und das Staunen wieder zu lernen.

Nichts ist im Grunde selbstverständlich: weder der Augenblick, in dem sich Mensch und Mensch begegnet, noch das Aufblühen einer Blume oder eines Menschen; weder meine Kraft, mich selbstlos für andere einzusetzen noch dass mir selbst geholfen wird. Selbstverständlich ist es auch nicht, dass ich jemand lieben oder verzeihen kann; der Mut zum Leben nach Verzweiflung oder Krankheit ist ebenso wenig selbstverständlich wie ein Gottvertrauen, bei dem ich mich vertrauensvoll in die Hände einer anderen Macht begebe. Wunder sind erlebbar, wenn wir mit offenen Augen und offener Seele die Wirklichkeit wahrnehmen.

Doch oft rennen wir am Wunder vorbei, haben den Sinn für das Überraschende und das Alltagswunder verloren. Wer durch die Straßen einer Großstadt läuft, gewinnt manchmal den Eindruck, dass die Menschen wie gehetzt und getrieben, fast bewusstlos einem blinden Vorwärtsdrang folgen. Wie Gejagte vom Zwang des Mithalten-wollens und –müssens, gehetzt von Terminen und Aufträgen, können sie nicht mehr anhalten…..immer weiter, immer mehr…

Foto privat, Tansania

Aber wer im Leben bloß vorwärts stürmt, der wird sich eines Tages traurig, leer und verbittert wiederfinden. Die Schätze und Wunder des eigenen Lebens, – das in der Tiefe Erlebte, Erlittene und Durchgestandene- werden zu oft übersehen. Dem Wunder die Hand hinzuhalten aber bedeutet, sich erinnernd in die Tiefe zu wagen. Am Grund unserer Seele, steht die Schatzkiste des eigenen Lebens bereit und will geöffnet werden.

Wir brauchen immer wieder Abstand und Zeit, um unser Leben zu verstehen, das Erlebte zu verdauen und das Kostbare sich anzueignen. Dem Wunder die Hand hinzuhalten kann heißen, leise und nachdenklich zu werden, einmal innezuhalten (womöglich gerade im Moment, wo der Arbeitsdruck am stärksten erlebt wird), für einen Augenblick aus dem Fenster zu schauen und „wahr“ zu nehmen: die weißen Wolken am blauen Herbsthimmel in ihrer Schönheit , die bunten Bäume und fallenden Blätter; oder draußen: die klare Luft einatmen und die letzten noch warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren….. Wer nachdenklich wird und innehält, spürt womöglich so etwas wie Dankbarkeit. Dankbarkeit für etwas Geschenktes, das ich nicht erleisten muss und brauche, weil es einfach da ist. Ich muss dem Wunder nur leise die Hand hinhalten, dass es in der Seele zu singen beginnt als hätte dort ein Vogel sein Nest.

Spielen lernen

Laßt uns spielen/ehe der Lebenstraum einschläft//Laßt uns/ einen Schneemann kneten/ der uns verlacht// die hochnasigen Erwachsenen/ an der Nase führen// zum Mondmann fliegen/mit ihm unser Spiel treiben// Laßt uns ein Weilchen den Glauben umarmen/ alles sei /wie es sein soll// im Atemspiel mit dem Tod (Rose Ausländer,  Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.108)

Das Gedicht von Rose Ausländer (geb.1901) berührt das Kind in uns, das noch zweckfrei spielen konnte, sich selbstvergessen seinen Phantasien überlassen oder tief versunken war in ein scheinbar völlig nutzloses Tun. Für die meisten von uns Erwachsenen ist nicht mehr viel übriggeblieben von diesem spielerischen Kind; Erwachsene müssen nützlich, effizient, ernst und seriös sein. Erwachsene definieren sich vielfach über das, was sie leisten, was sie können und was sie haben. Sind wir nicht alle dabei sehr unfrei geworden und versklavt an die Welt der Zwecke, eingesperrt in Sachzwänge, verbogen durch Anpassung? Als  Erwachsene dienen wir den Götzen Status, Reichtum, Position und Vermögen und sehen andere Menschen oft nur noch aus der Perspektive: „Was bringt der mir?“ Fast alles wird heute verzweckt.

Wir Erwachsene sind aus dem Paradies vertrieben, in welchem es noch eine zweckfreie und selbstverständliche Daseinsberechtigung gab; heute müssen wir unser Leben erleisten, unser Glück erkämpfen, unser Daseinsrecht mühsam vor uns selbst rechtfertigen und uns gegen andere behaupten. Und all dies in der kurzen Zeitspanne, die uns gegeben ist. Aber „was bleibt dem Menschen von all seiner Mühe und von der Strebung seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne…“. Ist nicht das Ganze unseres Lebens „Windhauch“, vergänglicher Dunst also, frägt pessimistisch der Prediger Kohelet (Koh1, 2-4,; 2, 22-23).

Wozu also ist der Mensch da? Wozu bin ich da? Auch wer lange nachdenkt, wird letztlich keinen notwendigen Zweck finden. Die Welt, der ganze Kosmos würde auch ohne mich auskommen und funktionieren, erinnert Bernardin Schellenberger.  Ich bin nicht um eines Zweckes willen auf dieser Erde. Der Sinn und Grund meines Lebens liegt nicht in meinem Nutzen für etwas, sondern ist wohl eher in den Kategorien des Nutzlosen und Zweckfreien zu suchen. Ich bin um meiner selbst willen da, einfach, weil es gut ist, dass es mich gibt. Ich bin um meiner selbst willen etwas wert und gut; nicht deshalb, weil ich einen Zweck erfülle, brauchbar, nützlich und verwendbar bin.

Die alten Glaubenstexte sprechen noch davon: Gott hatte Wohlgefallen an seiner Schöpfung, der Grund der Welt und meines Dasein liegt in seinem Be-„lieben“ und „Entzücken“. ER will, dass ich bin und er hat Entzücken an mir ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Menschen, die nichts mehr leisten können, weil sie unheilbar krank, schwer behindert oder alt sind und spielende „Menschen-Kinder“ können dafür die besten Zeugen sein. Im Buch der Sprüche sagt die Weisheit über den Schöpfer: „Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich (die Weisheit, d.V.) als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es bei den Menschen zu sein. “ (Spr 8, 30) Dieser Weisheitstext beschreibt die Entstehung der Welt aus dem Geist des Spieles, ein Spiel, das in sich schön und gut ist. Der spielende Mensch – z.B. der Dichter, der mit Worten oder die Malerin, die mit Farben spielt- ist Mitspieler Gottes.

Kater Mikesch- Acryl auf Leinwand

Dieses zweckfreie Spiel ist kein leichtfertiges Spiel, das Tod, Trauer und das Böse einfachhin „überspielt“. Dieses Spiel ist auch keine nostalgische Flucht aus der Realität in ein verlorenes Paradies, sondern ein vom Glauben getragenes „Atemspiel mit dem Tod“ wie die Dichterin sagt, das nur dann Sinn aufschließt, wenn es den Spielregeln der Liebe folgt, den Machtspielen der Welt widersagt und Einsatz riskiert für die zweckfreie Würde des Menschen.

Solch Spielende schenken eine Ahnung von einer Welt, die nicht dem Dogma der Nützlichkeit unterworfen ist. Der spielende Mensch befreit auch andere durch seine Spielfreude und verkündigt den zweckfreien Sinn des Menschenseins und einer erlösten Schöpfung. Wer frei spielt, „verlacht“ die Welt der Macher, Angeber und Ausbeuter; er entzieht sich dem Druck ständiger Optimierung seiner selbst.

Literatur: Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

Hoffnung macht jung

„Wer hofft/ ist jung //Wer könnte atmen/ohne Hoffnung/ dass auch in Zukunft/ Rosen sich öffnen// ein Liebeswort die Angst überlebt“

(Rose Ausländer, Hoffnung II, in: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.43)

Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer (1901-1988) leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin. Schon ein lateinisches Sprichwort sagt: „Dum spiro, spero“- solange ich lebe, hoffe ich. Hoffnung ist eine Kraft in uns, die sich stärker erweisen kann als Angst, Verzweiflung, Trauer, Müdigkeit und Resignation.

Fast jeder von uns kommt im Laufe des Lebens in Situationen, in denen er müde und resigniert aufgeben will, nicht mehr weiter will oder kann. Manchmal ergibt sich am Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag: eine Kraft taucht auf, die den Mut zum Weitermachen schenkt, die mit neuer Gewissheit und Zuversicht anfüllt. Das ist die Kraft der Hoffnung, die wie ein Stern am bewölkten Himmel plötzlich auftaucht oder wie ein Sonnenstrahl, der sich durch die dunklen Wolken gekämpft hat .

„Wer hofft, ist jung.“ Wer hofft, ist auf eine Zukunft ausgerichtet. Hoffnung ist eine gespannte Erwartung auf die Zukunft. Kinder und junge Menschen stecken meist noch voller Hoffnungen und Erwartungen ans Leben; sie erwarten gespannt auf das, was kommt. Wer keine Hoffnung mehr hat, ist am Ende, fühlt sich alt, verbraucht und leer. Hoffende Menschen dagegen bleiben, auch wenn sie alt werden, jung, weil sie das Lebenselexier Hoffnung in sich tragen. Die Kraft zu hoffen, muss und kann geübt werden sagt der  Philosoph Ernst Bloch; sie verlangt Disziplin auf eine Zukunft zu setzen, auch wenn vieles dagegen spricht und arbeitet. Wer sich für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen will, braucht einen langen Atem der Hoffnung. Wer Kinder großziehen will, braucht die Kraft der Hoffnung, dass ihr Leben gelingt, auch wenn sie ganz andere Wege gehen. Wer sich für mehr Rechte für behinderte Menschen einsetzt, braucht ebenfalls die Kraft der Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft trotz aller Widerstände etwas zum Besseren verwandeln lässt. „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King stellvertretend für viele Hoffende, ein Traum, in dem es um die Überwindung von Vorurteilen ging, ein Traum, der heute realisiert ist.

In der Hoffnung geht es aber nicht nur um die großen Menschheitsträume. Manche Menschen hoffen nur darauf, einen Tag ohne Schmerzen zu überstehen oder einmal durchschlafen zu können. Schon alltägliche, unscheinbare Dinge, die leicht übersehen werden können, entfachen Hoffnung: „dass …die Rosen sich öffnen“ oder der Gesang der Vögel am frühen Morgen, ein freundlicher Gruß, den der Nachbar oder die Kollegin sagt oder ein liebes Wort von einem Freund. So können wir alle an der Hoffnung dieser Welt mitarbeiten. Wir brauchen einander im Hoffen, denn die Erfahrung zeigt, dass meine Hoffnung allein nicht ausreicht, das Leben gut zu bestehen oder einen Traum zu realisieren. Allein im Licht der Hoffnung, der immer auch eine Geschenk ist, können wir in dieser Welt, im Leiden und Scheitern, im allzu Zerbrechlichen des Menschseins und der Schöpfung, im trübseligen Strom menschlicher Schwächen und Bosheiten, immer noch Gottes Gegenwart finden und an seinen erneuernden Geist glauben. Doch stehen wir immer wieder vor der Wahl, ob wir die Welt aus rein weltlicher Sicht betrachten und bewerten wollen oder eben mit den Augen der Hoffnung, um auch noch im Unscheinbaren und „trotz-alledem“ Gottes Gegenwart zu erkennen.

Bilder von Gustav Schädlich-Buter

Steh auf werde Licht! (Mitarbeit an Gottes Schöpfung)Acryl auf Leinwand, 100 x100cm)

Feuriges Gespenst (Jesus auf dem See wandelnd)

Licht durch den Riss (Anthem von Leonhard Cohen)

Feueratem, Acryl auf Leinwand, 60×80 cm

Opferaltar-loslassen
Opferaltar (loslassen von vielem) 60×80 cm, Acryl auf Leinwand


Rote Stadt, Acryl auf Leinwand, 70 cm (breit) x 100 cm(hoch)
„Ich bin bereit“- Acryl auf Leinwand

„Galaxien“ , Acryl auf Leinwand (70x100cm)

„Beziehungswirbel“- Acryl auf Leinwand

„Blauer Sommer“

Mythologie, Acryl auf Leinwand, 120 x90 cm
Lebensbaum, Acryl auf leinwand, 90x120cm (Ausschnitt)

Lebensbaum, Acryl auf leinwand, 90 x120cm

Schau nicht zurück!, Acryl auf Leinwand, 80 x 60 cm

Seelenwachstum, Acryl auf Leinwand, 80 x 100cm

„Durchkreuzt“, Acryl auf Leinwand, 70x70cm
Der Schamane- Wundheiler, Acryl auf Leinwand, 50x70cm
Schamane fliegt nach unten

Die Trommler, Acryl auf Leinwand, 100x70cm
Hinabgestiegen in das Reich des Todes-Aufgefahren in den Himmel, Acryl auf Leinwand, 60x80cm

Ausschnitt, „Hinabgestiegen…“
Transzendenz- Über mich hinausschauen, Acryl auf Leinwand, 80 cm (breit) x 60cm (hoch)
Himmlisches Jerusalem und der „innere Mensch“

Engelswacht am Tor, Acryl auf Leinwand, 80x60cm (ursprüngliches Bild)
Engelswacht am Tor, Acryl auf Leinwand, 60x80cm
Engel der Leichtigkeit Acryl auf Leinwand, 50x70cm
„Stay with me“(Dimkovska)- oder der Engel, der zusammenhält, 50 x70 cm
Blaue Blume (aufrecht)
König Herodes I
Seelenfünklein im Sternenmeer
Magier bei der Krippe
Frühling (Acryl auf Leinwand)

„Reise durch die Nacht“
Ausgesetzt- Mose
Blühendes Kreuz

Kreuz unter Segen gestellt

Feuerfrau
Kinderspiel-kleiner Picasso

Kater Mikesch
Kraftblumen, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm

„Kampfgetümmel „(Stierkampf), Acryl auf Leinwand, 60x60cm

Feuerkreuz, Acryl auf Leinwand, 50x 60cm


Wundheilung (Nach Jesaja, Durch deine Wunden sind wir geheilt) , 80×60 cm Acryl auf Leinwand

„Dämonenkampf“-Acryl auf Leinwand, 50x70cm
Utopie „Heilige Familie“

Trauriger Engel, Acryl auf leinwand, 60×80 cm

„Lichtträger“, Acryl auf Leinwand, 60x80cm

Geburtsprozess, Acryl auf Leinwand
Königliche Würde, Acryl auf Leinwand, 50x70cm

Rätsel Mensch (You want it darker-Hineni, Cohen)

Herzengel


König David- der Kämpfer

Mephisto
Hoffnungspflanzen, Acryl auf Leinwand
Die blaue Blume,  Acryl auf Leinwand, 80x100cm

Der „behinderte Gott“, 60 x 50cm
Das SATOR- Quadrat, Acryl auf Leinwand, 50×70 cm

Tanz des Lebens, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm
Borchert-Hoffnungstor, Acryl auf Leinwand, 60x80cm
Kosmisches Kreuz, Acryl auf Leinwand, 60(breit)x 80cm(hoch)
Wind im Segel
Heilung des kranken Königs, Acryl auf Leinwand
Am Tor zum Paradies
Erhört werden-Wandlung des Herzens
Hohelied der Liebe, Mischtechnik
„Lebendig werden hat seine Zeit!“
Überfahrt, Aquarell
Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand (Lk 6,6-11) Mischtechnik
Über´s Wasser gehen (Mt 14,22f), Aquarell
Hexentanz(Walpurgisnacht/Goethes Faust), Wasserfarben
Trauer und Angst, Wasserfarben
Angst macht blind, Mischtechnik
„Im Wirbelsturm“-Mischtechnik

There is a crack everywhre, thats how the light gets in“ I
„There is a crack everywhre, thats how the light gets in“ II(L.Cohen) Kohle und Wachmalstift

„Wachstum in der Tiefe“- Mischtechnik

Vergebung

„Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? …Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,21)

Vergebungsbereitschaft zentral für menschliches Miteinander

Ohne Vergebung gibt es kein Miteinander weder in der Familie noch in der Gesellschaft, weder in der Wirtschaft noch in der Politik. Da wir alle immer wieder aneinander schuldig werden und uns gegenseitig verletzen, brauchen wir die Bereitschaft einander immer wieder zu vergeben.  Das meint auch die jesuanische Aussage, dass man dem, der an einem schuldig geworden ist, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal vergeben soll. (vgl. Matthäus 18,21)  „Vergebt, dann wird euch vergeben“, heißt es an anderer Stelle im Neuen Testament.

Ungeheilte Verletzungen und Kränkungen in der Seele

Nicht  wenige  Menschen aber hüten ungeheilte Verletzungen in ihrer Seele; sie sind vor Jahren tief beleidigt, gekränkt , ungerecht behandelt, misshandelt oder missbraucht (seelisch, geistig, körperlich) worden und nie über diese Wunden und Kränkungen hinweggekommen. Manche Verletzungen werden chronisch, weil sie nicht in Annahme und Liebe ausgeheilt und vergeben werden konnten. Sie äußern sich in Wut, Lethargie, Bitterkeit, Hass oder Selbstmitleid.

Die tiefsten Verletzungen stammen meist aus der Kindheit und haben mit unseren Eltern zu tun: abwesende, desinteressierte, tyrannisch- beherrschende Väter oder ablehnende, kalte, egozentrische Mütter. Fehlende Wärme, Verlassen- worden- sein durch Tod oder Scheidung der Eltern, das Gefühl in seinem Eigenwert nicht gesehen, in seiner Entwicklung nicht unterstützt worden zu sein, beschämt, „klein“-gehalten…. -das alles kann in der Seele des Kindes tiefe Spuren hinterlassen. Wunden, die wir  nicht leicht verarbeiten, geschweige denn verzeihen können. Oft genug werden diese Verletzungen unter einer Betonschicht vergraben und so weggedrängt, dass sie keine Schmerzen mehr verursachen.  Sie äußern sich dann womöglich als Gleichgültigkeit, als Gefühllosigkeit im Umgang mit anderen oder einem merkwürdigen Widerstand im Umgang mit den Eltern und der eigenen Kindheit.

Aber es gibt auch dies, dass es durchaus Lust bereiten kann, unversöhnlich zu bleiben und sich an negativen Erlebnissen festzukrallen. Dadurch bleibt man überlegen, steht auf dem moralischen Podest und genießt eine gewisse Mächtigkeit.

Der Gewinn nicht unversöhnlich zu bleiben

Wie auch immer,  führt kein Weg daran vorbei, zu vergeben und Vergebung zu lernen, soll die innere Unversöhntheit unseren Lebensfluss nicht einfrieren  und  wie einen  Staudamm die Lebens- und Liebesenergie bremsen. Wer unversöhnlich bleibt, zahlt meist einen hohen Preis dafür und vergiftet sich mit negativen Gefühlen wie Hass, Groll und Rachegedanken. Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu, ein Kämpfer gegen die Apartheid, der  viele Jahre zu unrecht inhaftiert war, sagt dazu:

„ Wenn ich von Vergebung spreche, dann meine ich den Glauben, dass man auf der anderen Seite als besserer Mensch herauskommt, ein besserer als der, der von Hass und Groll verzehrt wurde…Wenn man in seinem Inneren Vergebung findet, dann ist man nicht mehr an den Täter gefesselt. Man kann sich weiterentwickeln- und man kann dazu beitragen, dass auch der Täter ein besserer Mensch wird.“

(„Wundheilung“, Acryl auf Leinwand, 80×60 cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Schritte zur Vergebung:

Wer vergeben kann, sich selbst und anderen, macht einen Strich unter das Vergangene und fängt neu an mit sich selbst oder in der Beziehung. Melanie Wolfers sieht in   ihrem Buch „Die Kraft des Vergebens“ die Vergebung als einen Akt der Freiheit, ein kreatives Geschehen, durch welches wirklich Neues geschaffen wird. Wer vergibt, lässt Schritt für Schritt Erlittenes los. Wer wirklich aus tiefstem Herzen verzeihen kann, erlebt das meist als Geschenk, als Gnade, das sich der eigenen Verfügungsmacht entzieht.

Melanie Wolfers benennt “ folgende Schritte, um Kränkungen und Wunden zu vergeben:

Vergebung braucht Zeit wie jeder tiefgreifende menschliche Prozess und ist einem Weg zu vergleichen, auf dem ich nur Schritt für Schritt vorankomme.

Am Anfang steht die bewusste Entscheidung, dass ich jemanden der Absicht nach verzeihen will, auch wenn ich noch unversöhnte Gefühle in mir spüre.

Als weiteren  Schritt geht es darum die unversöhnten Gefühle gegenüber dem Menschen, der mich verletzt hat, zu spüren und sie zu benennen: Schmerz, Wut, Scham, Ohnmacht….

Zugleich ist es wichtig einen reflexiven Abstand zu den eigenen Gefühlen zu gewinnen, und eine realistische Sichtweise zu entwickeln.

Statt mich vom unmittelbaren Impuls meiner Gefühle leiten zu lassen, kann das Gebet eine Hilfe sein , Distanz zu schaffen; weil ich bei Gott, einen Schutzraum und einen Wert habe, der niemals von außen zerstört werden kann.

Die Voraussetzung für`s Vergeben beruht letztlich auf der inneren Bereitschaft , vergeben zu wollen (oder eben nicht) , und auf einer bewussten Entscheidung nicht im Vergangenen und Negativen hängen bleiben zu wollen.

Aber, dass Vergebung im Innersten geschieht, entzieht sich der eigenen Verfügungsmacht, denn sie ist ein Geschenk wie die Liebe.

Literatur zur Vertiefung:

Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens, Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig  werden, Freiburg im Breisgau 2013(das für mich aus spiritueller Sicht beste und ausführlichste Buch zum Thema)

Konrad Stauss, die heilende Kraft der Vergebung, Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit, 2010

Vater als „Rückenstärkung“

 

„Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30).

Jesus scheint aus seinem „himmlischen “ Vaterverhältnis die Kraft geschöpft zu haben, die für sein heilendes und profetisches Wirken unter den Menschen gebraucht hat. Ähnliches können die wenigsten Kinder heute von ihrer irdischen Vaterbeziehung sagen. Eher schon gilt der Satz von Francis Thompson : „Ich und mein Vater sind nicht eins.“

Abwesende Väter

Das, was nicht wenigen  Söhnen und  Töchtern zu ihrem Vater einfällt, lässt sich mit folgenden Begriffen ausdrücken: Abwesenheit, Trauer, Leere.

„Ich kenne ihn nicht, zumindest nicht richtig!“ Für viele ist der Vater ein nicht näher benennbares Geheimnis, das mit Furcht  oder einer nicht enden wollenden Rebellion gegenüber jeglicher Autorität einhergeht. Viele erleben ihre Väter, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, vor allem als gestresst, genervt oder ärgerlich; aber sie wissen nichts oder wenig, was in der Tiefe der Seele des Vaters vor sich geht.

Vaterwunde und Vaterhunger

Das Ausfallen der Väter in unserer Gesellschaft erzeugt bei den Kindern so etwas wie  einen „Vaterhunger “(R. Rohr), ein schier unstillbares Bedürfnis nach männlicher Bestätigung und Anerkennung. Den „Vaterhunger“ tragen viele ohne sich dessen bewusst zu sein als ein tiefe Wunde mit sich herum, die sich kaum heilen lässt.

Richard Rohr, der das tiefschürfende und unbewusste Verlangen nach Bestätigung und Grenzsetzung durch männliche Autoritätsfiguren „Vaterhunger“ nennt, hat die Erfahrung gemacht, dass solange Männer nicht erkennen, dass sie Liebe und Bestätigung vom abwesenden Vater brauchen, in einem schlechten Sinn hektisch, geschäftig und wild werden nach Macht, Sex und Geld. Diese Vaterwunde sei auf der ganzen Welt zu finden.(vgl. R. Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann, München 2006)

Der Vater stärkt den Rücken

Der Vater hat die Aufgabe den Rücken des Kindes zu stärken, zu ermutigen, einen Schubs nach vorne  zu geben, so mit väterlicher Energie auszustatten, dass die Tochter, der Sohn sein Leben wagt; das kann bedeuten,  das sichere Nest  zu verlassen, die eigene  Bequemlichkeit zu überwinden, auch mal ein Wagnis einzugehen  und dabei sogar  eine Bruchlandung zu riskieren.  Gute  Väter können  auch helfen  das innere Chaos in der Pubertät  zu bändigen, durch ihr einfaches Da-sein Ordnung zu stiften, Ruhe und Sicherheit auszustrahlen. Und sie können und müssen zuweilen auch konfrontieren und Lebensstile ihrer Kinder   infrage stellen. Der Vater hat vor allem die Aufgabe, dem Kind Vertrauen ins Leben und in sich selbst zu stärken.

Folgende  Sätze können dabei womöglich helfen:  „Keine Angst, es passiert schon nichts!“ , „Ich glaube an Dich, Du schaffst es, du musst nur aufstehen und auch an dich glauben !“ „Keiner macht den nächsten Schritt, wenn du ihn nicht selbst machst.“

Auch biblisch ist Gott Vater immer wieder der, der im Rücken steht. So ergeht an Abraham die Aufforderung: „Geh vor mir (also Jahwe)her und sei ganz.“  (vgl. Genesis 17,1) Gott ist die Rückenstärkung, die es ermöglicht ganz Mensch und ganz selbst zu werden. Und so ließe sich auch der biblische „Umkehr“-Aufruf nicht moralisierend , sondern im Sinne der biblischen Gleichniserzählung vom barmherzigen Vater deuten: Dreh dich um, und du wirst entdecken, dass ich- dein dich liebender Vater- da bin,  der auf deine Heimkehr gewartet hat.

(Titel: königliche Würde, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Ideologien als „Vater- und Rückgratersatz“

Wem solche Vatererfahrung fehlt, der sucht „Rückgratersatz“ (A. Grün). Dieser besteht in unbeweglichen (politischen, religiösen….). Ideologien, in übertriebenen konservativen Einstellungen, in starren Normen und Prinzipien, an die sich der „Vaterbedürftige“ klammert und festhält. Die dadurch gewonnene äußerliche Sicherheit und Stärke verbirgt dann aber nur die eigene Brüchigkeit,  die Angst vor dem Unkontrollierbaren und den Mangel an Selbstwertgefühl.

„Wenn dir der Vater fehlt“, so ein Sohn bei einer Befragung, „dann fehlt dir eine Vision von deinem Leben und deinem Mann-sein; dann traust du dir nichts zu ; und du bist dir über deinen Wert unsicher und weißt nicht, woran du dich halten kannst. “

Tiefgreifende Kommunikation zwischen Vätern und ihren Kindern

Die meisten  Väter sind keine emotionslosen, machtbesessene Karrieristen oder „Schwächlinge“, die nichts zu sagen haben, aber viele haben es einfach nicht geschafft, ihren Kindern zu vermitteln und mit ihnen darüber zu reden, was sie in der Tiefe bewegt,  wofür sie gekämpft haben und  was ihre Visionen, Hoffnungen und Lebensträume waren und sind.

Und das noch schwierigere Thema gerade gegenüber erwachsen gewordenen Kindern besteht darin zu benennen, worin sie gescheitert sind und welche Niederlagen sie erlebt haben; wie wichtig wäre es zu reden, über  ihre Trauer, ihre Verluste, ihre Ohnmacht und all das nicht Gelungene eines Lebens.

Wie wichtig, wie erneuernd, wie mutmachend für die jüngere Generation wären solche Vater-Sohn und Vater-Tochter- Gespräche, in denen die Älteren den Jüngeren ihre Erfahrungen vermitteln, was Menschsein heißt! Wie wichtig auch dafür, dass eine Gesellschaft nicht infantil bleibt mit einem von den Medien genährten Ideal von den „jungen Alten“, die als alte Narren vielleicht Geld, aber keine Weisheit den  Jüngeren  anzubieten haben

Impuls:

Wie habe ich meinen Vater erlebt? Hat er mir meinen Rücken gestärkt? Welche Sätze von ihm haben Sie in Erinnerung?

Was würde ich ergänzen auf „Wenn dir der Vater fehlt, ….:“

Welche Werte, Visionen und Einstellungen möchte ich als Vater (falls ich ein solcher bin) an meine Kinder (Söhne und Töchter) weitergeben?

Welche biblischen Erzählungen stärken mir den Rücken?

Literatur:

Richard  Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann, München 2006

Spielendes Kind- bejaht und geliebt

 

Kleine Kinder spielen meist noch unbeschwert, sie lachen, singen, albern herum, lassen ihren Gefühlen freien Lauf, haben unendlich viel Energie. Noch engt sie kein Leistungsdruck ein, noch blockieren keine verkrampft abzuarbeitenden Pflichten. Wenn sie sich wehtun, kommt Mama oder Papa, hilft auf, tröstet und spricht ein aufmunterndes Wort.

Leben bedeutet für Kinder spielen, spielen unter den wohlmeinenden und gütigen Augen der sie behütenden Eltern. Das dazugehörige Grundgefühl lautet: ich bin gemocht, da gibt es Menschen, die mich gern haben und auf mich aufpassen, ich gehöre dazu und bin nicht allein. Im Grunde ist damit der zentrale Inhalt des Gottesglaubens ausgedrückt, nämlich gratis zu leben, geliebt und bejaht unter den wohlmeinenden Augen des Schöpfers.

Als Erwachsene legt sich dann nicht selten ein Schleier über dieses ursprüngliche Bewusstsein gemocht zu sein und dazu zu gehören. Wir Erwachsene nehmen uns irgendwann furchtbar wichtig, der Anspruch selbst unseres Glückes Schmied zu sein, macht uns verkrampft, bitter und ernst. Die Lebenslust verkalkt in unseren Adern und unsere Seele verliert ihre Flügel. Wer sich nicht (mehr) geliebt weiß, der muss sich seine Liebe, seine Anerkennung, und  seine Daseinsberechtigung erkämpfen. Er beginnt sich zu schützen: sein Ego, seine Klasse, seine Position, seine Macht, seinen Besitz, seine Rasse, seine Nation….. Viele in großen Firmen müssen sich ständig beweisen und präsentieren. Jede und jeder muss zeigen, dass er besser ist als der andere .Wir leben heute in einer Kultur der Macht, der Stärke, der Egos und des individuellen Erfolgs.

In einer solchen Welt der Stärke, Macht und der Konkurrenz finden behinderte Menschen oft keine Heimat mehr, weil sie in einem solchen System für niemanden wertvoll scheinen. Henri Nouwen, der eine Karriere als Hochschulprofessor aufgab, und sich der von Jean Vanier gegründeten „Arche“- Bewegung gemeinsamen Lebens mit geistig behinderten Menschen angeschlossen hat, schreibt:

„In meiner eigenen Gemeinschaft, in der wir mit vielen stark behinderten Männern und Frauen zusammenleben, stammt das größte Leiden, nicht aus dem Behindertsein selbst, sondern aus den Gefühlen, nutzlos, wertlos, geringgeachtet und ungeliebt zu sein. Man kann es viel leichter ertragen, nicht reden, gehen oder selbstständig essen zu können, als nicht für jemanden ganz besonders wertvoll zu sein.“ (Henry Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006, S. 76)

Dort, wo die spontane Grunderfahrung, gratis geliebt und bejaht zu sein, abhanden gekommen ist, treibt die damit einhergehende existentielle und spirituelle Verunsicherung dazu an, sich diese Liebe verdienen zu müssen. Dadurch machen sich viele abhängig von der Anerkennung durch andere, und werden auf diese Weise immer unfreier.

Jean Vanier, der Gründer der weltweit verbreiteten Archegemeinschaften, hat in seiner eigenen Biografie, die von Pflichten als Marineoffizier und als Hochschullehrer der Philosophie geprägt war, erlebt wie geistig behinderte Menschen, mit denen er eine Wohngemeinschaft bildete , ihm halfen zurück zu finden zu einem spielerischen Umgang mit dem Leben; zu einem ursprünglichen Erleben des Geliebtseins und des bedingungslosen Vertrauens. Die Kraft der Liebe und Zärtlichkeit, die von behinderten Menschen ausgehen kann, meint Vanier, könnte allen helfen (die in einem System der Macht und Konkurrenz sich bewegen) in eine heilsame „Bewegung nach unten“ zu kommen. Dort, wo ich einen anderen Menschen in der Tiefe seines Seins antreffe, wo ich nichts mehr beweisen muss und mir nicht mehr besser vorkomme als der andere, geschieht eine Befreiung vom  Ego. In der Tiefe unseres Seins werden wir alle gleich. „Keiner über dem anderen, keiner unter dem anderen“, geliebt wie wir sind als Kinder Gottes und zwar bedingungslos.

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(Titel:  „Kinderspiel“, Acryl  auf Leinwand, 60×60, von Gustav Schädlich-Buter)

Es gilt für uns alle, – die von alltäglicher Berechnung und Verzweckung des Lebens von uns selbst entfremdet wurden, die sich um der Gewinnsteigerung zu Tode arbeiten, die in der Enge des Hamsterrades strampeln….- , das absichtslos spielenden Kind wieder zu entdecken und lebendig werden zu lassen.

Die  göttliche Weisheit, -Begleiterin in Gottes dauerndem Schöpfungsspiel-,  erzählt von sich selbst in einem  frühjüdischen Glaubensgedicht  :

„…als er (der Schöpfer) die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm./ Ich war seine Freude Tag für Tag/ und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund/ und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“(vgl. Buch der Sprichwörter 8, 30-31).

 

Übung:

Setzen Sie sich ruhig und bequem hin an einem Ort, wo sie sich wohlfühlen;  jetzt müssen Sie nichts leisten, nichts wegarbeiten, nichts beweisen.

Stellen Sie sich vor, dass „jemand“ Sie mit wohlwollenden, liebevollen und gütigen Augen anschaut, auf ihren Körper, auf ihre Geschichte, auf die Wunden und Brüche ihres Lebens,  auf ihr ganzes Sein.

Die Übung kann in zweifacher Weise wiederholt werden: von vorne angeschaut werden; von hinten angeschaut werden (der Rücken: was er alles getragen und geschleppt hat, der womöglich gedrängt und gestoßen wurde…, der gekrümmt wurde durch die Macht anderer über mich…)

oder:

Nehmen Sie Farbe und Pinsel zur Hand und drücken Sie aus, was Sie im Moment bewegt! (kein Leistungsdruck; es muss kein Kunstwerk werden)

Literatur zur Vertiefung:

  1. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006

Henry Nouwen, Adam und ich, eine ungewöhnliche Freundschaft, Freiburg im Breisgau 1998

Jean Vanier, Einfach Mensch sein. Wege zu erfülltem Leben Taschenbuch , 2001, übersetzt von Bernardin Schellenberger, 2001

Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

 

DU-wider die Verschmelzungsmystik

„Wo ich gehe – du!
Wo ich stehe – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Ergeht’s mir gut – du!
Wenn’s weh mir tut – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Himmel – du, Erde – du,
Oben – du, unten – du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!“

Martin Buber, jüdischer Philosoph

„“s´io m`intuassi, come tu t`immii“ ( Paradiso IX, 81, in:  Dante, Die  Göttliche Komödie)

deutsche Übersetzung von Bernardin Schellenberger: Wenn ich doch dir einge-du-t wäre, wie du dich mir einge-ich-t hast“(in: B. Schellenberger, Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute Freiburg im Breisgau 2004, S.78)

Bernardin Schellenberger, geistlicher Schriftsteller und früherer Trappistenmönch,  weist in seinem Buch „Auf den Wegen der Sehnsucht“ auf die Gefahren der heute weit verbreitete Einheitsmystik  hin.

Die dort gängige These, dass Ich selbst letztlich Gott bin, dass mein Wesen göttlich ist und ich es nur endlich erkennen muss, gefällt sicher dem „Narziss“ in uns, dessen Innenleben Ovids Metamorphosen wie folgt kennzeichnen: „Lieber den Tod, als…mich schenken, begehr ich.“.(vgl. dazu  Bernardin Schellenberger, Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute,  Seite 26f. , Freiburg im Breisgau 2004; ihm verdanke ich die zentralen hier beschriebenen  Einsichten und die Anregung auf die narzisstischen Grundströmungen in der neuen Spiritualität zu achten).

Wer sich selbst als Gott entdecken kann, der muss sich nicht mehr in die Beziehung wagen, nicht mehr „hören“ auf andere, sich nicht mehr einlassen, nicht vergeben und sich nichts vergeben lassen , schon gar nicht sich verschenken.

Beziehung (zum anderen, zu Gott) macht ja auch Angst, kostet Kampf, belässt manchmal im Unsicheren, ist schwierig und nie am Ende. Zudem lässt Beziehung spüren, dass wir voneinander abhängen und nie vollständig autark sein können. So scheint klar, dass „Narziss“ lieber im eigenen Grund sucht und sich als Gott finden will als sich “hinaus“ (ekstasis) zu wagen. Dabei scheint ihm die Gefahr nicht klar, in die er sich begibt: nämlich in seiner verschmelzenden Suche nach Gott im eigenen Seelengrund, endgültig bei sich selbst zu versumpfen und dabei doch nicht die ersehnte  Ruhe zu finden.

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(Bild: Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand, 60×60 von Gustav Schädlich-Buter)

Auch der Benediktiner Anelm  Grün benennt konkrete zwischenmenschliche Folgen einer solchen Einheitsmystik, die keine Grenzen mehr akzeptiert: „Die Grenze zwischen Gott und Mensch ist gerade die Voraussetzung für eine wirkliche Beziehung zwischen Gott und Mensch. Es ist eine Beziehung der Liebe, eine personale Beziehung.“ (Grün, Robben, Grenzen setzen-Grenzen achten damit Beziehungen gelingen Spirituelle Impulse, 2007, S. 151 f.)… „Ich habe oft genug erlebt, wie Menschen, die von der großen Einheit sprachen, kein Gespür für die Grenzen der Menschen um sich herum hatten. Wenn diese anderen bei diesem Einheitsgefühl nicht mitgemacht haben, wurden sie gnadenlos fallengelassen. Und der, der verletzt hatte, fühlte sich schuldlos.“ (a.a.O., S.154)

Im  Bezogen-sein auf den „Ganz-Anderen“, der zugleich der unfassbar Liebende ist, gilt es in der christlichen Spiritualität die dem Narziss entgegen gesetzte Haltung zu erlernen: „Dir mich schenken, begehr ich!“ So verlangt das christliche Alternativmodell das Entgegengesetzte zur narzisstischen Selbstgenügsamkeit: nämlich mit offenen Augen, Ohren und allen Sinnen in die Begegnung zu gehen, sich auf ein Gespräch mit dem Anderen und sogar Fremden einzulassen und seinen Nächsten zu lieben, „nicht weil er ich ist, sondern gerade deswegen, weil er nicht ich ist.“ (K.Chesterton; zitiert in: B. Schellenberger, a.a.O., S 78).

Bernardin Schellenberger empfiehlt daher für den spirituellen Weg, sich den Stress anspruchsvoller Beziehung zuzumuten, gerade weil sie die selbstgenügsame Autonomie des Individuums immer wieder ankratzt, beunruhigt,   in einem positiven Sinn verunsichert und in Spannung bringt. (B. Schellenberger, a.a.O., S.75f. ) In der jüdisch-christlichen Überlieferung wird der überragende Stellenwert  der Beziehung, die Leben, Bedeutung, Würde  und Wert schafft auf Gott selbst übertragen: Gott ist Beziehung. „Eine lebendige Wirklichkeit, die den Kosmos und uns Menschen am Leben hält und trägt, weil ihr das alles etwas bedeutet;“ (a.a.O., S. 96)

Literatur zur Vertiefung:

Schellenberger, Bernardin Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute,   Freiburg im Breisgau 2004;

Grün, Anselm, Robben, Maria, Grenzen setzen-Grenzen achten damit Beziehungen gelingen Spirituelle Impulse,  2007

 

Der Riss

 

Lobgesang

Die Vögel sangen/Bei Tagesanbruch/Fang noch mal von vorne an/Hörte ich sie singen/Häng‘ nicht an dem/Was vorbei ist/Oder was die Zukunft bringen mag/Es wird wieder/Kriege geben/Die Heilige Taube/Wird wieder eingefangen/Gekauft und verkauft/Und wieder gekauft/Niemals ist sie frei//

(Refrain):
Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine vollkommene Opfergabe.

In allem ist ein Sprung.
Doch so kommt das Licht herein ……..

Leonhard Cohen,  Ausschnitt aus Anthem, von  der CD Future 1992

Der kanadische Poet und Sänger Leonhard Cohen (geboren 1934), hat dieses Lied mit dem Titel „ Anthem“, deutsch: „Lobgesang“ geschrieben und wie er selbst sagt, 10 Jahre daran gearbeitet. „Ich weiß, dass er für etwas Klares und Starkes in meinem Herzen steht“, sagt Cohen in einem Interview 1992 (in: The Future Press Kitt).

Der Refrain des Liedes bringt die zentrale Aussage des Liedes auf den Punkt : „…There is a crack, a crack in everything/ That`s how the light gets in, That`s how the light gets in //…

Ein Sprung, ein Riss ist in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies, so Cohen, diesem zentralen Mythos unserer Kultur, könnten wir nichts mehr vollkommen hinbekommen, weder Ehe noch Job.., auch nicht unsere Liebe zu Gott oder zu unseren Familien oder zu unserem Land. „´Es gibt einen Riss in allem`, was man zusammenfügt, in Dingen physikalischer oder mentaler Art, in allem, was man konstruiert, doch das ist die Stelle, in der Licht eindringt, wo etwas wiederaufersteht.“ (vgl. Interviews , Unlimited for sony music)

Der Riss – Scheitern und Niederlagen gehören zum Leben

Der Riss oder Sprung ist die zentrale Metapher ins Cohen`s Lied Anthem und er steht zunächst einmal für die Vergeblichkeit unserer Bemühungen etwas vollkommen hinzubekommen. „Vergiss das vollkommen Opfer!“, heißt es im Liedtext knapp. Der „Riss“ steht auch für das, was jeder Mensch in seinem privaten oder öffentlichen Leben erleben und erleiden kann: eine persönliche Niederlage, ein Scheitern in Ehe oder Beruf, ein schwere Krankheit, ein Unfall, politisches Versagen oder Entlassung…..der, der sich wichtig gefühlt hat, steht plötzlich am „Rande“. Und der Riss stellt auch die existentielle Grunderfahrung einer Welt dar, die nicht unschuldig und heil ist.

(Titel „Der Riss“, Acryl auf Leinwand, 70x70cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Der Riss- durch die Bruchstelle fällt Licht

Doch der Dichter sieht im Riss auch etwas Gutes. An der Bruchstelle nämlich kann Licht einströmen. Das Licht der Wahrheit, das uns klar sehen läßt.

Der Riss- ein Bewusstsein von Vergänglichkeit und Angewiesensein

Ich möchte die Gedanken des Dichters noch etwas weiter führen:Wir sind im großen Strom der Geschichte „Vorübergehende“; was wir tun, wird unvollständig bleiben trotz allen Mühens. Der Riss schafft ein Bewusstsein für die eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit. Wer sich als sterbliches Wesen begreift, kann auf Ganzheitsansprüche verzichten und auch im Halbguten etwas wertvolles sehen: in der halbguten Ehe oder im halbguten Job, im halbguten Vater…… (vgl. Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit 2007). Solches Bewusstsein kann vom Zwang und Druck befreien, sich als „Herren“ über das Leben aufspielen zu müssen. Der „Riss“ stürzt uns vom Thron eingebildeter Selbstmächtigkeit und zeigt uns wie angewiesen wir aufeinander sind. Der Riss macht deutlich, dass all das, was unser Leben wesentlich ausmacht, nicht in unserer Verfügungsgewalt steht: Vergebung trotz Schuld, Liebe trotz Versagen, Heilung trotz Gebrochenheit, Frieden trotz Zerrissenheit, Wiederaufstehen trotz Fall, Ganzwerdung, all das können wir nicht selbst machen ….

Der Riss- eine anarchische Kraft

Zudem hat der Riss etwas Anarchisches, weil er den Menschen befreit, Rädchen im Getriebe einer funktionierenden Leistungsgesellschaft zu sein. Der Riss kann uns fähig machen, uns selbst nicht mehr durch Leistung und Ertrag beweisen zu müssen. Er zeigt, – und gerade schwerkranke, schwerbehinderte oder sterbende Menschen können darin wunderbare Lehrmeister sein-, dass Menschsein mehr und anderes bedeutet als leistungsfähig und verwendbar zu sein. Kein Mensch ist letztlich um seines Nutzens willen hier auf dieser Erde. Das macht seine Würde aus.

Der Riss- weckt die Sehnsucht

Zudem kann der „Riss“,- diese oft schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns oder der Unmöglichkeit eine Leidsituation zu verändern-, die Sehnsucht in uns wecken. Die Sehnsucht nach einem „Land“, in dem- wie es in der Offenbarung des Johannes (Bibel Offb.21,4) heißt-, alle Tränen von den Augen abgewischt werden und es weder Tod noch Leid noch Schmerz geben wird. Diese alten visionären Texte bewahren das Hoffnungspotential von uns Menschen, das in der Krise Leben retten kann. Sie sagen, dass die Risse und Bruchstellen in unserem Leben und in der Welt nicht das letzte Wort haben werden. Ein „neuer Himmel“ und eine „neue Erde“ werden uns einmal offenstehen.

Der Riss- trotzdem geliebt

Der Riss kann uns auch zeigen, dass wir gerade im Scheitern oder der Verwundung unseres Lebens geliebt sind, weil ein Ja über unserem Leben steht, das ohne die Bedingung auskommt: es muss alles ganz bleiben oder vollkommen sein! Durch den Riss dringt das Licht der Wahrheit in unsere Seele: Das Leben ist gut und gratis! Es braucht nicht perfekt zu sein.

Auch Deines nicht!

Identität in Gott

Identität in Gott- was bedeutet das?

„Keine Angst vor nichts und niemand“, würde der Liedermacher Konstantin Wecker vielleicht sagen. In sich selbst ruhen mit der Gewissheit von den liebenden Augen Gottes angeschaut zu werden, göttliches Ansehen zu bekommen, und dabei eine unverlierbare Würde und einen Wert in sich zu spüren, der geschenkt ist und nicht erst verdient werden muss.

Ganz ehrlich, so getragene und in sich gesicherte Menschen finden wir nicht häufig  in einer  Welt,  deren Strukturen vielfach von Leistung und materieller Effizienz bestimmt sind.

Wer in Gott ruht, hat die Angst verloren, der muss sich keinen fremden Mächten mehr beugen und ist aus dieser Kraft heraus ermächtigt,  anders zu leben als es die weltlichen Kategorien vorschreiben nach dem Motto: Ich bin, was ich leiste, habe und vorgebe zu sein….

Identität in Gott heißt alles losgelassen haben, was weniger ist als Seine Liebe („Mit ewiger Liebe habe ich Dich geliebt“,  Jeremia), als Seine Heilung und Seine Auferweckung.

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Es scheint einzig seine dauerhafte, unerschütterliche und verlässlich bleibende Liebe zu sein, die Menschen, mich und dich, aus den destruktiven Mustern unserer Lebensgestaltung löst;  erlöst von den Süchten , befreit vom Zwang der Masken und des schönen Scheins.

Menschen werden heil, wenn sie wieder lernen an diese befreiende und angstlösende Liebe zu glauben, die Gott versprochen hat, der sich selbst als der „Ich-bin –da“- Gott (genauer im Hebräischen: Ich werde da sein als der ich da sein werde) kenntlich macht. Jesus hat bei Gott seine Heimat gefunden und gehabt, er hat Wohnungen für uns alle vorbereitet und hofft, dass wir nach Hause finden.

Allerdings ist diese Liebe in gewisser Weise machtlos gegenüber dem verstockten Herz, der Seele, die sich abschließt und nicht gefunden werden will. Wer sein Leben eingerichtet hat in einer „beruhigten Endlichkeit“, den wird kein Anruf erreichen. Wer nicht mit Seiner Anrede rechnet, der wird seinen inneren Empfänger nicht auf die Frequenz einstellen, durch welche ihn der Sender erreichen will und kann. Gottes Ruf und Anruf wird nicht empfangen, weil der, den jener erreichen will, auf einem anderen Kanal hört.

Die Identität in Gott ist kein statischer, endgültig abgeschlossener Zustand, sondern dieses Hin und Her, diese Zwiesprache , die wir auch Beten nennen, dieser nicht mehr endende liebende Beziehungsaustausch, der immer neue Formen des Zu- und Miteinanders entwirft, ein Tanz der Personen (Perichorese).