Vertrauen in unsicheren Zeiten

Vertrauen in unsicheren Zeiten

In der letzten Phase unserer Ausbildung zur Seelsorge hatten wir einen Kurs mit Pater Josef Sudbrack, einem Jesuiten, der ein anerkannter Fachmann für Spiritualität und Mystik war. Neulich fiel mir Pater Sudbrack, der inzwischen verstorben ist, wieder ein, aufgrund eines kurzen Gesprächs, das ich mit ihm hatte. Pater Sudbrack war kriegsverwundet und ihm musste deshalb als 19 Jährigem 1944 ein Bein amputiert werden. Und so kamen wir auf den Krieg zu sprechen und ich fragte ihn, wie er das alles seelisch heil überstanden hat. Er sagte, dass all die schlimmen Erfahrungen, auch der Verlust seines Beines, ihn nicht wirklich aus der Bahn geworfen haben, denn er habe eine so gute und behütete  Kindheit in Trier bei seiner Eltern, die eine Bäckerei hatten, erlebt, dass selbst das Schreckliche des Krieges diese Basis nicht zu zerstören vermochte. Das beeindruckte mich damals sehr. Glücklich also, wer eine so gute Basis für sein Leben bekommen hat, ein Urvertrauen, das wie ein Haus der Persönlichkeit stabil steht, dass es allen Stürmen des Lebens trotzen kann und selbst wenn es die im Leben unvermeidlichen Risse gibt nicht einstürzt. Das Wort Vertrauen reißt viele Themen an: Urvertrauen, Selbstvertrauen, Gottvertrauen…Wer schenkte mir Vertrauen und wem vertraue ich?

Ohne konkrete Personen zu nennen, würde ich auf die letzte Frage antworten:

Vertrauen schenke ich der Person, die mich annimmt wie ich bin mit meinen Stärken und meinen Schwächen, die mir meine Fehler verzeiht und mich in keine Schublade einsperrt, die es ehrlich mit mir meint sowohl was Lob als auch was Kritik betrifft, und die mich nicht für irgendwelche Zwecke missbraucht statt mich um meiner selbst willen gern zu haben; und sie müßte „da“ ist, wenn ich in Not und Hilfe brauche.

Die Entwicklungspsychologen weisen uns daraufhin, das Vertrauen nicht angeboren ist, sondern sich entwickeln und entfalten muss, vorallem durch verlässliche und verbindliche Beziehungen; Vertrauen  baut sich auf über Blickkontakt, Sprache, Dialog, und über  Einfühlung, in das, was ein Baby oder Kleinkind an Nahrung und Schutz braucht. Wem Vertrauen geschenkt wird, der kann zu einem vertrauenswürdigen Menschen heranwachsen und später selbst Vertrauen wagen. Wer als Kind ständig kritisiert, bevormundet, besserwisserisch abgekanzelt, überängstlich beschützt, mit ambivalenten Botschaften gefüttert, oder ausschließlich nach seiner Leistung in der Schule beurteilt wurde, der kann im Leben als Erwachsener nur schwer ein Vertrauen in sich selbst entwickeln und auch Krisen schwerer bestehen. Menschen ohne vertrauensvolle Beziehungen werden nicht selten über kurz oder lang krank an Leib und Seele. Heilung liegt im geschenkten Vertrauen anderer Personen. Vertrauen ist also zunächst ein Geschenk, durch das ich mich selbst als liebenswert erleben kann, und das ich mir nicht selbst geben kann.

Beschützt und getragen

Wer vertrauensvolle Beziehungen erlebt, bekommt Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten, bekommt Selbstwert, es wächst im Kind  die Lust, in die Welt“ hinaus zu gehen und seine Talente zu erproben. Vertrauen scheint so elementar wie die Luft zum Atmen. Dort, wo es fehlt, auch in Arbeitskontexten, wo es keinen Vertrauensvorschuss mehr gibt, der Spielräume schenkt, herrscht früher oder später eine Atmosphäre der Kontrolle, Überwachung und Angst. Auch in Partnerschaften führt mangelndes Vertrauen zu Eifersucht, und Mißtrauen. Jeder Vertrauensvorschuss birgt natürlich auch das Wagnis in sich, enttäuscht zu werden, wobei ja niemand seinen Verstand völlig ausschalten muss, um allzu naiv und vertrauensselig ins offene Messer zu laufen.

Doch jede wichtige Entscheidung braucht Vertrauen, ob bei der Berufs- oder Partnerwahl. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht, was uns gerade die Pandemie überdeutlich vor Augen führt. Aber schon vor Corona stellten sich viele Menschen die Frage: Ist diese Welt vertrauenswürdig? Überall auf der Welt Fake News, Korruption, Ungerechtigkeit und Machtmißbrauch. Wem kann ich noch wirklich vertrauen? Angst und Unsicherheit haben sich besonders in unsere Wohlstandsgesellschaften eingeschlichen und sich mit der Coronapandemie verstärkt. Viele Menschen erleben einen Kontrollverlust, sind vom bekannten Weg in ein für nicht wenige äußerst  bedrohliche erlebtes unbekanntes Gelände abgesetzt worden; die Institutionen, die Sicherheit geben sollen, Politik und Kirche zum Beispiel, scheinen sich auch nur mühsam im Nebel vorantasten zu können.

Was ist jetzt mit dem Vertrauen? Wie können wir es zurückgewinnen, zumindest soweit, dass uns die Ängste und Unsicherheiten des Lebens angesichts der Pandemie nicht verschlucken?

Vielleicht hilft uns schon die Einsicht etwas weiter, dass es sowieso eine Illusion ist, an eine absolute Sicherheit zu glauben. Wer hätte nicht schon im eigenen Leben erlebt, dass Pläne durchkreuzt wurden (wer wüßte dies nicht besser als viele, die in der Pfennigparade leben und arbeiten), dass es Überraschungen gab, die uns einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, dass die letzte Etappe zum Berggipfel durch einen unvorhersehbaren Wettereinbruch verhindert wurde, oder wie neulich der Weltumsegler Boris Herrmann kurz vor dem Ziel, in das er als Sieger hätte einlaufen können, mit einem „blöden“, unbeleuchteten Fischkutter zusammenprallte.

Manches im Leben braucht wohl den Abstand im Humor, gewiss manchmal mag es Galgenhumor sein. So sagte schon Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, zu unserem tief verankerten Bedürfnis nach Sicherheit etwas augenzwinkernd: „Nichts in dieser Welt ist sicher, außer dem Tod und den Steuern.“ Auch so manche gelassene und lange gewachsene Lebensweisheit, kann uns wieder auf den Boden des Vertrauens bringen, wie es der kölsche Glaubenssatz zum Ausdruck bringt: “Et kütt, wie et kütt! Et hätt noch emmer joot jejange! Wat fott es, es fott! Et bliev nix, wie et wor! Wat wells de maache!“ Übersetzt: Es kommt wie es kommt, – damit begegneten die Rheinländer sowohl den durchziehenden Heeren wie auch dem Rheinhochwasser; und mit „es ist noch immer gut gegangen“, wollten sie sagen, dass wir uns nicht in einem rabenschwarzen Pessimismus und den damit verbundenen zerstörerischen Kräften überlassen sollten. Warum also nicht einwenig nach all den sicher wichtigen und notwendigen Anstrengungen einwenig kluge Schicksalsergebenheit und ein positiver Fatalismus, der eingesteht, dass wir nicht alles in der Hand und unter Kontrolle haben können(vgl. dazu ausführlicher das kluge Buch „Lob des Fatalismus“, vom SZ Journalisten Matthias Dobrinski, dem ich wichtige Anregungen verdanke und das ich als Lektüre sehr empfehlen kann). Oder wer es etwas religiöser haben will, dem mag die Einsicht und Bitte des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr ans Herz gelegt werden: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Sicher sind es, um auf Pater Sudbrack zurück zu kommen, auch ganz konkrete Menschen, die Vertrauen  und Ruhe ausstrahlen in dieser unsicheren Zeit und uns zumindest für Momente mit hineinnehmen in dieses Urvertrauen, dass die Welt schon gut und vertrauenswürdig ist, wie es uns Genesis in der Schöpfungsgeschichte verspricht.

Und nicht zuletzt kann auch ein liebevoll zubereitetes Mittag- oder Abendessen und ein Strauß Blumen auf dem Tisch diesen Glauben stärken (trotz Fastenzeit).

Gustav Schädlich-Buter

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