Aschenerfahrung

Im kirchlichen Raum ist der Beginn der Fastenzeit durch das Ritual der Aschenauflegung markiert. Dem Gläubigen wird dabei ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet mit den Worten: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Die Symbolhandlung mit der „Asche“ weist auf eine Grunderfahrung des Menschen, die in unserer kapitalistischen Wertewelt des Aufstiegs, der Stärke, Effizienz und Schönheit zunehmend verdrängt wird: Sterben, Vergänglichkeit, Scheitern, Trauer, Niederlagen und Leiden gehören zum menschlichen Leben.

Ohne die Erfahrung des „Abstiegs“, ohne zu erfahren, dass das menschliche Leben mit Wunden, Enttäuschung und Grenzen verbunden ist, dass es körperliche und geistige Krankheit ebenso gibt wie Lethargie und Unglück aller Art, wird der Mensch, zumal der junge Mann, der Gier eines grenzenlosen „Mehr“ auf allen Gebieten ausgeliefert sein. Ein nirgendwo mehr sein Maß findendes Individuum führt zu einer gnadenlos unbarmherzigen Gesellschaft, in dem das Recht der Starken und Stärksten keinen Platz lässt für schwaches, krankes und behindertes Leben und für zwischenmenschlichen Beziehung außerhalb der Ebenen von Geschäft und Gegengeschäft.

Überall auf der Welt werden inzwischen „Türme“ gebaut „mit einer Spitze bis zum Himmel“(Gen.11,4), um sich damit einen Namen zu machen. Profilierungssucht lässt Menschen nach Öffentlichkeit gieren, wobei die innere Sehnsucht nach Anerkennung oftmals ungestillt bleibt. Junge Männer sind beim „Turmbau“ besonders gefährdet (aber inzwischen scheinen immer mehr Frauen derselben Täuschung zu unterliegen), der immer mit Aufstieg, Effizienz, Leistung, Selbstdarstellung und Macht zu tun hat. Der „Aufstieg“ als das gängige Machtmuster ist weit verbreitet und entspricht wohl dem männlichen Instinkt. Die wenigsten von denen, die „vorne dran sind“ ahnen, dass sie mehr als alle anderen in Illusionen und verlogene Muster verstrickt sind: unechter Erfolg, unechte Macht und unechte Sexualität. Dabei verbrauchen sehr viele Männer (und das ist in der Geschichte völlig neu)ihre Kraft und Energie nicht dafür, um etwas herzustellen (als Handwerker, Schuster, Maurer…) oder für den Aufbau einer besseren Welt (für ihre Nachkommen), sondern sie machen Geld, das für sich genommen eine reine Fiktion ist.

Aschenerfahrung, Acryl auf Leinwand

 (Sogenannte „Profitjunkies: Geld hebt die Stimmung, also kann süchtig machen. Wie bei jeder Droge muss die Dosis gesteigert werden, um das Hochgefühl wieder zu erreichen. Doch die Abhängigkeit führt nicht in die Gosse, sondern an die Spitze der Gesellschaft. Erfolgreich ist, wer sich das kaufen kann, was ihn als zugehörig ausweist, dafür kann er nie genug Geld haben.“ Eleni Adamidu, in: Biss, Bürger in sozialen Schwierigkeiten, 2/2008)

Die Energie, die für das Leben eingesetzt werden will, wird für das eigene Ego, den persönlichen Erfolg und das private Sicherungsbedürfnis verwendet. Viele dieser Männer (und immer mehr Frauen) sind außerhalb jeder sozialen und spirituellen Verbindlichkeit ausschließlich von ihrem privaten kleinen Ego geleitet. Auch wenn es nicht darum geht das Geld an sich zu verurteilen, so hat es als ausschließlicher Wert genommen doch die Tendenz die Maske zu verstärken und Menschen innerlich auszuhöhlen. (vgl. A. Grün in SZ vom 8.2.08; Nr33/S.33)

Die spirituelle Erfahrung, durch welche ein Mann seine Kraft und Wichtigkeit im Hier und Jetzt erfährt, scheint weitgehend verschüttet gegangen und ersetzt durch hohle Machtspiele und leere Statussymbole. Der Zugang zu inneren Werten, zur Gefühlswelt, die Sorge um die Familie ist dabei vielfach verloren gegangen und durch „Marktwerte“ ersetzt.

Aufstiegs-, Macht- und Karrierestreben finden wir auch in der Kirche, obwohl das Ostermysterium von Tod und Auferstehung uns eines Besseren belehren könnte; und wer zur Rechten und zur Linken sitzen will, muss den Becher trinken können, den er (Jesus) trinkt. (vgl. Mk 10, 37-39) Die spirituelle Krise des Mannes ist an allen Ecken augenfällig sichtbar. Wer viele Jahre seines Lebens für Aufstieg und Selbstdarstellung verwendet hat, der wird sich von einem Aschenkreuz, das auf die Notwendigkeit des Abstiegs und der Demut weist, nicht wirklich betreffen lassen. Er wird die Weisheit nicht annähernd verstehen, die im paulinischen Paradox steckt , „dass ich stark bin, wenn ich schwach bin.“(2 Kor.12, 10).

Urvölker auf der ganzen Welt, wussten zu allen Zeiten, dass vor allem junge Männer, die weder die Schmerzen der Menstruation noch der Geburt erleben,  den „Pfad des Abstiegs“(R.Rohr) gelehrt werden müssen; denn das Leben selbst initiiert nur manchmal durch Krankheit , Niederlage und wenn sich die „Träume“ in Asche auflösen.

 Die Initiationsrituale hatten folgenden Sinn: (1)das Machtstreben des jungen Mannes sollte gereinigt werden, dass er fähig wird seine Kraft jenseits egoistischer Ziele einzusetzen. (2) Sein Blick sollte vom Außen auf die Welt des Inneren gelenkt werden: Wer bin ich ? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wofür ist mein Leben gut? (was ist mir wirklich wichtig und „wert“-voll? Woran möchte ich mich orientieren? Wohin zieht mich meine Sehnsucht?) (3)Der Initiand sollte einen angemessenen Platz im Stamm (in der Gesellschaft und Welt) erhalten. 

Gerade das Aschermittwochsritual sei eines der direktesten Reste ursprünglich brutal ehrlicher Initiation, wobei sich der Initiand nackt in schwarzer Asche zu wälzen hatte und Asche essen (vgl. R. Bly, Eisenhans, München 1991, S. 118 f.), um die Notwendigkeit des Sterbens am eigenen Körper zu spüren und sich der Trauer und des „Schattens“ inne zu werden. „Der naive Mann, der genau auf die Sonne zufliegt (wie Ikarus, d.V.) kann seinen eigenen Schatten nicht sehen. Er ist weit hinter ihm. In der Katabasis (Abstieg) holt er ihn ein.“ (vgl. a.a.O., S.115) Ohne die Erfahrung der Asche bleiben wir auch geistig in einer unerwachsenen Welt voller Einkaufszentren, Vergnügungsparks und Disneyland- und Wellnesskulturen gefangen.

Freundlichkeit

Gerade, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir bedrückt, traurig oder mutlos gestimmt sind, dann tun uns freundliche Menschen gut. Echte Freundlichkeit geht zu Herzen, wärmt, baut auf, macht eine innere Zuneigung sichtbar, erfüllt die Sehnsucht, einen Freund, eine Freundin auf dieser Welt zu heben . Entgegenkommende Freundlichkeit sagt uns, da ist jemand, der Interesse an mir hat. Freundliche Augen sagen mir, dass es gut ist auf dieser Welt zu sein, dass ich bejaht bin, dass ich verbunden bin mit anderen und von diesen anerkannt. Freundliche Worte trösten und geben neuen Lebensmut. Menschen, die schon als Kinder abgelehnt, beschimpft und „fertig“ gemacht wurden, tun sich freilich schwer, so einen wohlmeinenden und freundlichen Tiefenstrom der eigenen Existenz zu spüren. Um wieder heil zu werden, brauchen sie besonders viel freundliche Zuwendung.

Im Paradiesgarten, Acryl auf Leinwand

Schon die Antike sah die Freundlichkeit als eine Tugend, die den menschenerst zu einem sozialen Wesen macht. Der Philosoph Aristoteles schreibt in seinem Ethikbuch: „Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoß an ihm nimmt. „ (Aristoteles, 1985: Nikomachische Ethik, übers.: Rolfes, Eugen. 1126b27 ff.)

Nicht immer ist es leicht heraus zu finden, ob die uns entgegengebrachte Freundlichkeit echt ist, uns wirklich meint, oder nur ein Trick ist. Die Verkaufs- und Werbepsychologie , lehrt und trainiert die inzwischen verlorene Tugend der Feundlichkeit wieder künstlich zurück zu gewinnen. Lach- und Lächeltrainings zum Beispiel sollen den Strategen dabei helfen, die Kauflust zu vergrößern, um höhere Gewinne und individuelle Vorteile zu erzielen. Freundlichkeit wird zum Trick im Dienste des finanziellen Erfolges.

Doch echte Freundlichkeit ist nicht taktisch und berechnend, sondern bedingungslos, ja „arglos“ (ohne berechnende Hintergedanken), von Herzen kommend, aus einem freundlichen „Grund“ meines Daseins emporsteigend. Nicht immer gelingt es uns freilich, auf echte Weise freundlich zu sein; manche überfordern sich auch in ihren beruflichen Rollen als Seelsorger, Psychologen, Coaches, Helfende mit dem Ideal anderen stets freundlich, gutgelaunt und höflich zu begegnen. Übertriebene Freundlichkeit versteckt nicht selten einen aggressiven Schatten, verdrängt vorhandene Konflikte, oder will etwas für den eigenen Nutzen etwas erreichen. Freundlichkeit bedeutet zudem auch nicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nicht alles, was mir begegnet, kann ich freundlich beantworten.

In der christlichen Theologie ist davon die Rede, dass Menschenfreundlichkeit und Güte Attribute Gottes sind, welche die Glaubenden durch ihr Leben zum Ausdruck bringen sollten. Die Gefahr bestand allerdings schon in den frühen Christengemeinden darin, dass Freundlichkeit moralisch aufgedrängt und verordnet wurde, auf eine Benimmregel reduziert wurde, die nicht einer inneren Freude und Heiterkeit entsprang; doch eine bloße Pflichterfüllung, womöglich vorhandene Konflikte vermeidend, ist heuchlerisch und unecht. Wenn wir spüren, dass der andere nur „nett“ ist, weil er muss, bringt uns das ganz schnell auf innere Distanz.

Bei allen Vorbehalten, die Grundsehnsucht nach Freundlichkeit, nach einer freundlichen Welt, nach freundlichen Menschen, steckt wohl in uns allen und hat, falls wir sie auf echte Weise erleben, die Fähigkeit, Hass und Boshaftigkeit in uns zu überwinden. Echte Freundlichkeit wirkt heilend und verweist auf einen grundsätzlich freundlichen „Grund“ unserer Welt.

 Impuls:

Jede und jeder kann sich auch fragen: Wie freundlich gehe ich mit mir selbst um? (wo überall zwinge und überfordere ich mich; schleppe ich mich krank zur Arbeit..?)

Wie freundlich schaue ich auf mein Leben? (Würdige es herab als einzige Niederlage, lebenspfusch oder kann ich mit freundlichen Augen auf ,ein Leben mit Licht- und Schattenseiten schauen)?

Wie freundlich gehe ich mit meinen KollegInnen und Kollegen um? Gustav Schädlich-Buter

Demut

Demut- lohnt es sich über dieses altmodische, altbackene und frömmlerische Wort etwas zu sagen? Demut – das ist doch ein Wort, das nahezu aus unserem Wortschatz gestrichen ist, ein Wort, mit dem die wenigsten heute noch etwas anfangen können. Demut – das riecht doch nach Selbstverneinung von Menschen ohne Selbstwertgefühl oder nach religiös verkleidetem Egoismus; da steckt doch ein große Portion moralischer Stolz drin, letztlich doch besser zu sein als der Rest der „Welt“. Tatsächlich scheint es so, dass wir einen zentralen christlichen Grundbegriff nahezu völlig durch Missbrauch verloren haben. Auch wenn schon zu früheren Zeiten, sogar Kirchenväter wie Johannes Chrysostomos, vor falscher Selbsterniedrigung gewarnt haben.

Demut ist vielmehr die innere Haltung, die mich ermuntert meine Talente nicht selbstsüchtig zur eigenen Ehre und als Besitz zu gebrauchen, sondern sie zum Wohle anderer einzusetzen. Demut ist aber auch die Haltung; durch die ich bereit bin, mich meinen Schattenseiten zu stellen, dem Unansehnlichen und Hässlichen meiner Existenz statt mich selbstgerecht mit dem Idealbild meiner selbst zu identifizieren. Nur wer um seine Schwächen weiß, ist bereit sich der Barmherzigkeit Gottes auszuliefern. Die demütige Annahme der eigenen Begrenztheit führt dann zur Gelassenheit sich selbst gegenüber, zur Toleranz anderen gegenüber und zum Humor. Demut kommt ja vom lateinischen Wort „humilitas“; dieses Wort hat mit Humus, der Erde, „aus der der Mensch gemacht ist und zu der er zurückkehren wird. Wer um sich als „Erdling“ weiß und sich als Geschöpf Gottes versteht, braucht sich nicht über andere Menschen und die Natur zu erheben. Respekt vor der Würde des anderen Menschen, Respekt vor der Natur, vor ihrer Mächtigkeit, Ehrfurcht vor ihrer Schönheit wird sich aus einer solchen Haltung der Demut ergeben.

Wenn Demut etwas mit Erdhaftigkeit und Niedrigkeit zu tun hat, dann bedeutet demütig sein, das zu sehen, was „unten“ ist: das einsame, verlassene und ängstliche Kind in meiner eigenen Seele , welches bei meinem Karriere- Höhenflug (oder bei meiner konsequenten Lebensplanung..) auf der Strecke geblieben ist; oder ich sehe den Rollstuhlfahrer und meine eigene Behinderung, das kleine Kind, die Blume am Wegesrand oder den Kollegen, der leidet, weil seine Frau ins Krankenhaus musste. Wer sich klein macht und nach unten beugt, kann manches sehen, was ihm vorher entgangen ist, ähnlich einem Autofahrer, der nachts von der Autobahn abfährt , seinen Motor abstellt und in einer stillen Waldlichtung zum Sternenhimmel schaut. Eine neue Welt kann sich auftun. Demut ist eine Bewusstseinshaltung, in der ich spüre: „Ich bin ein bescheidener Teil des großen Kosmos“, „Ich bin Teil eines viel größeren Ganzen“. Und hat nicht die Überheblichkeit und Respektlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur und die Ausbeutung derselben viele Naturkatastrophen der letzten Jahre (Rinderwahnsinn, Klimaerwärmung, Orkane, Tsunamis, …) verursacht?

Demut ist der Gegenbegriff zur Hybris menschlicher Selbstbezogenheit und Ichsucht, die sich in Habsucht, Machtsucht und Ehrsucht, Stolz und Ehrgeiz (vgl. Franz Jalics) zum Ausdruck bringt. Ichsucht macht beziehungslos; nicht wenige Psychologen glauben, dass die Krankheit unserer westlichen Gesellschaft die Beziehungslosigkeit sei. Kälte, Unbarmherzigkeit und Brutalität werden dadurch zunehmen. Die Tugend der Demut dagegen bringt uns in Beziehung, denn ich weiß, dass mein Instrument und meine Stimme sind Teil eines großen Orchesters. Ich brauche all die anderen.

Demut ist die Kraft und Energie mit der sich der Mensch an die Liebe verliert: Hingabe, Dienstbereitschaft, Schenken-können, Anbetung, Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur können daraus erwachsen. Impulse •Welche Erfahrungen meines Lebens haben mich demütig werden lassen? •In welchen Bereichen meines gegenwärtigen Lebens brauche ich den Mut zur Demut?

Literatur •Anselm Grün, Demut und Gotteserfahrung, Münsterschwarzach 2012

Ruhe

Unsere Lebens- und Arbeitsgeschwindigkeit hat sich im Vergleich zu früheren Generationen vervielfacht. Immer mehr Möglichkeiten stehen dem Menschen zur Verfügung, um Zeit einzusparen. Und dennoch sagen immer mehr Menschen: „Ich habe keine Zeit! Wer keine Zeit mehr hat, fühlt sich ruhelos, unruhig, angetrieben, hektisch, gehetzt und nervös; nie ist er zufrieden mit sich und seiner Welt……. Es gibt immer noch etwas zu tun, zu verbessern und zu verändern. Äußerliches Gehetzt-sein bei gleichzeitiger innerer Leere gilt auch als ein Anzeichen einer Burnout-Erkrankung.

Ruhelose Menschen sind selten beim eigenen Herzen, immer irgendwie veräußerlicht, besonders durch die von allen Seiten herandrängenden medialen und digitalen Reize in Beschlag genommen, so dass die eigene Innerlichkeit und das Gespür für das Eigenen immer mehr abhanden kommt. Kein Wunder, dass dabei die Seele als Resonanzraum zunehmend verkümmert. Ruhelose Menschen verlieren nicht nur die Fähigkeit nach innen zu spüren, sondern auch all das, was man als passiven Tugenden bezeichnen kann wie Geduld, Empathie und Hörfähigkeit. Weil ruhelose Menschen gern von einem Reiz zum nächsten springen, kann sich Gelesenes und Gehörtes kaum setzen, vertiefen oder gar ins eigene Herz drängen. Demgegenüber sagte Ignatius von Loyola(1491-1556): „Nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.“

Stille, Schweigen und Ruhe hängen zusammen; während die Stille zunächst äußerlich sein kann,- die Stille im Wald oder in einer Kirche-, ist das Schweigen ein aktives Tun und die bewusste Entscheidung, den Mund zu halten; die Ruhe im Herzen ist das angestrebte Ziel.

Wer die Meditation als Weg wählt, um zur Ruhe zu kommen, muss aber zunächst damit rechnen, dass womöglich eine Menge angestauter Stress, Ängste und Negatives an die Oberfläche kommt. Dieses Zurückgeworfen-werden auf sich selbst, macht auch vielen Angst. Da könnte ja etwas hochkommen, was mir unangenehm ist oder mich durcheinander bringt, die Gewohnheitsblase sprengt oder mir sagt, dass ich an meinem Leben vorbeilebe. Deshalb wird Meditierenden geraten, den aufsteigenden Gedanken und Bewertungen nicht zuviel Macht einzuräumen, die Gedanken immer wieder loszulassen und sich mit dem eigenen Atem zu verbinden. Anselm Grün empfiehlt zudem, sich von der Vorstellung leiten zu lassen, dass unterhalb all des Chaos ein Raum der Stille ist, zu dem niemand anderes Zutritt hat. Meditation kann in diesen inneren Raum führen.

Auch die Natur kann gestressten und getriebenen Menschen helfen zur Ruhe zu kommen; wer an einem Bach oder Fluss entlang wandert(oder sitzt), kann mit dem Strömen des Wassers spüren wie sich eigene Blockaden lösen; wer in der Stille des Waldes die Ohren spitzt, kann vielfältige Vogelstimmen hören, die eine unruhige Seele beruhigen können.

Wer Gartenarbeit macht und in der Erde gräbt, kann zwanghafte Gedanken loswerden und wieder bodenständig werden. Wer im Schatten eines Baumes sitzt, kann die Zeit genießen, einmal nichts tun oder leisten zu müssen.

Manche Menschen kommen auch zur Ruhe und erkennen sich selbst vertieft wieder im kreativen Tun, beim Malen, Musizieren oder Gestalten; die Seele drückt sich aus im geschaffenen Werk, findet sich wieder in der Klangfolge eines Musikstückes…. Für manche ist Lesen guter Literatur oder Lyrik ein Weg, um zur Besinnung zu kommen und aus dem Hamsterrad der Arbeit einmal auszusteigen. Besonders Lyrik, kurze Verse, womöglich nur einzelne Wörter laden zu längerer Betrachtung ein, führen zum Nachdenken, zur Innerlichkleit.

Die ersehnte Ruhe hat immer auch eine religiöse Dimension. In der Schöpfungsgeschichte heißt es von Gott, dass er am siebten Tag seines Schöpfungswerkes ruhte, und sich an dem freute , was er erschaffen hatte (Genesis 2, 3); und dieser Gott will sein ganzes umherirrendes und wegloses Volk in seine Ruhe führen (Hebr 4, 1-11) und in Psalm 23 ist sich der den Betende sicher, von Gott zu einem „Ruheplatz am Wasser“ geführt zu werden. Der Schöpfungsmythos macht uns jedenfalls darauf aufmerksam, dass das Leben aus Rhythmen besteht, – Anspannung und Entspannung, Schaffen und Ruhen- , die zu beachten, uns gut tun.

Ein Siebtel unserer Lebenszeit soll der Ruhe gewidmet sein, dem Aussteigen aus dem Korsett der Pflichten und Anforderungen; Ruhezeit, in der ich nichts „erledigen“, planen oder voranbringen muss. Zeit zum zweckfreien Schauen, Zeit für absichtslose, liebevolle Begegnungen und zur Muße. Schon in dieser Welt müssen wir Menschen immer wieder ausruhen können von den Lebenskämpfen, Anstrengungen und Belastungen des Lebens. Und es gilt in heilsamen Ritualen, schon jetzt etwas von dieser lebendigen „ewigen Ruhe“ spüren zu lernen, die uns Gott auch am Ende unseres Lebens versprochen hat. Gerade die Urlaubszeit könnte Gelegenheit sein, nach dieser lebendigen und ausstrahlenden Ruhe zu suchen.

Literatur zur Vertiefung: Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 1994 (Für Meditation), Meinrad Dufner, Schöpferisch sein, Münsterschwarzach Bd 136 (Kreativität als spiritueller Weg), Anselm Grün, Der Anspruch des Schweigens, Münsterschwarzach 2003

Lust auf Leben

Alle Menschen, ja sogar alle Lebewesen,  streben nach Lust und wollen Unlust vermeiden, glaubte die Philosophenschule der Hedonisten.

Viele Arbeitnehmer fürchten schon am Samstagabend den Montag, an dem sie arbeiten müssen und gehen lustlos in die Firma. Schüler haben „keinen Bock auf Schule“, nichts scheint ihr Interesse wecken zu können, alles scheint so langweilig und öde; wieder andere versuchen, Spaß und Lust am Leben zu erzwingen, indem sie sich von einer Party in die nächste stürzen, oder von einem Event zum nächsten hetzen, aber am schließlich doch nur Leere und Ödnis erleben.

Schon der antike Philosoph Epikur wusste, dass nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Herumziehen ein lustvolles Leben erzeugen, sondern eine kluge Wahl und Auswahl, um Unlust zu vermeiden und die Seelenruhe (griech. ataraxia) zu finden. Statt unerfüllbaren Träumen nachzujagen und hemmungslosem Genuss zu erstreben, riet der Hedonist(!) Epikur zu Selbstgenügsamkeit, um möglichst frei und autark zu bleiben.

Acedia, oder der Mittagsdämon, Mischtechnik

Doch Lust ist auch etwas Gutes. Lust hat mit einem Verlangen zu tun, dessen Erfüllung Freude und Vergnügen verspricht. „Ich habe Lust auf ein schönes Abendessen mit Dir!“ „Ich habe Lust mal wieder im Wald zu wandern“, „Ich habe Lust auf diesen Film“…. Lustlos ist derjenige, der keine Motivation zu einem Handeln und Tun empfindet. Auf etwas Lust haben heißt sich von etwas bewegen lassen (lat. movere, daher auch Motivation), sich von etwas anziehen und begeistern lassen, eine Hinneigung zu etwas zu haben; dies ist das Gegenteil von Lustlosigkeit, Langeweile, Ödnis und Unlebendigkeit. 

Manche Einstellungen und Muster verhindern, dass etwas für uns lustvoll erlebt werden kann. Innere Blockaden, negative Bilder vom Leben wie „Das Leben ist Hamsterrad“, ein „ermüdender Existenzkampf“, eine eintönige Pflichterfüllung“, ein stressiger Konkurrenzkampf), emotionale Sperren (wie Ehrgeiz, Angst…) , deren Ursachen vielfältig sein können, verhindern, dass die Lust am Leben ins Fließen kommt. 

Zugegebenermaßen hat auch das Christentum, vorallem im Gefolge von Plato (der Körper als Gefängnis der Seele) und Augustinus
(Lust als Kennzeichen des gefallenen, von der Erbsünde verdorbenen Menschen) zur Lustfeindlichkeit  beigetragen; dabei wurde die Lust oftmals einseitig identifiziert als Begierde und sexuelle Lust (Fleischeslust, „Wollust“), welche unter eine der sieben Todsünden gerechnet wurde. Aber es gab auch eine Hildegard von Bingen, deren Aussagen zur weiblichen Sexualität für das leibfeindliche Mittelalter höchst gewagt waren.

Auch Sigmund Freud war der Auffassung, dass das Lustprinzip im Laufe des Erwachsenwerdens dem Realitätsprinzipweichen muss; kein Wunder, dass das Erwachsenenleben vielen jüngeren Menschen alles andere als lustig und nachahmenswert vorkommen muss. Wer sich alle Lust abschminkt und verbietet, dem wird sein Leben bald schal, fad und lustlos vorkommen; der wird unfähig zu größeren Emotionen, verödet im Trott des grauen Alltags und der zu erfüllenden Pflichten. Irgendwann verliert das Leben dann seine Fülle und seine Farbe. 

Lustlosigkeit, die auch ein Kennzeichen des Burnouts sein kann, ist die verlorene Fähigkeit an irgendetwas Geschmack zu finden. Leere, Überdruss bis hin zum Ekel bestimmen dann die seelische Empfindungslage. Wer sich in einer solchen Haltung und Einstellung dem Leben gegenüber befindet, meint die Erfüllung und das Glück des Lebens liege immer woanders als im jetzt Möglichen. Die Lust am Leben dagegen führt ins Jetzt, in die Gegenwart, zum Tun dessen, was im Augenblick möglich ist. Die griechische Philosophie sprach diesbezüglich von Klugheit, die das wählt, was im Moment am besten ist.

„Wo ist der Mensch, der Lust am Leben hat“,fragt der Ordensgründer Benedikt von Nursia in seinem Vorwort der Regel für die Mönche (vgl. Prolog 15). Dabei geht es Benedikt ganz gewiss nicht darum „nach Lust und Laune zu leben“ und dass jede und jeder machen kann, was er will. In der Entscheidung für das Gute, auf der Spur der Wahrheit und der Liebe, im Befolgen der inneren Überzeugungen (der Stimme Gottes in mir) und im Vermeiden des Bösen, kann der Mönch zu einem erfüllten und lustvollen Leben gelangen. Gerade die Liebe, das weite Herz, auch in der Weise solidarisch, mitfühlend oder unterstützend mit Kranken, Unterdrückten und Benachteiligten zu sein, ist lustvoll und führt zu einem süßen Geschmack. Solche Liebe will gekostet werden. 

Eine lebensfreundliche Spiritualität ist der Auffassung, dass die Lust auf Gott, auch in der Lust am Leben zum Ausdruck kommt, in der Lust am Arbeiten, am Gestalten, Feiern, Singen, Tanzen, Spielen, beim Essen, Trinken und in der Sexualität. 

Lust entsteht sicher am ehesten dort, wo ich aus den Routinen (oder Hamsterrädern) meines Lebens einmal ausbrechen kann (nicht immer, aber ab und zu); dort, wo ich mich verliebe, inspiriert werde, mein schöpferisches Potential und meine Talente zur Entfaltung bringen kann, erwacht die Lust am Leben.

Lust am Leben haben bei einem Glas Wein mit guten Freunden, ein gutes Gespräch, Bilder betrachten oder selber malen, schreiben, ein gutes Buch lesen, zweckfrei spielen, lustvoll in Verbindung sein mit der Natur, die Vögel singen hören, die Blumen betrachten, an Gutes und Gelungenes denken oder im Bett liegen, sich getragen fühlen und einmal nichts tun (das Handy einmal für eine Stunde ausgeschaltet lassen)…. Die Lust am leben vertreibt die Traurigkeit und wer Lust am Leben hat, steckt zudem andere an. 

Fragen zum Nachdenken:

Welche Blockaden, die Lust und Freude verhindern, kenne ich bei mir?

Was im Leben erlebe ich lustvoll?

Was geht mir fließend von der Hand? Gibt es Tätigkeiten, in denen ich völlig aufgehe?

Worauf habe ich jetzt Lust? Was macht mich lebendig?

Vom Sehen und Ansehen

Ansehen schenken- Ansehen bekommen

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) sprach davon, dass jeder Mensch danach „Ausschau“ halte, dass ihm das Ja des Seindürfens zugesprochen werde. Jeder Mensch scheint eine tiefe Sehnsucht in sich zu tragen, liebevoll und respektvoll angeschaut zu werden.

Mauritius Wilde berichtet von einer jungen Frau mit einer sehr schwierigen Kindheit und Jugend, in der sie sehr oft übersehen und nicht beachtet wurde. Immer wenn sie heute an dieser frühen Wunde des Übersehenwerdens leidet, geht sie zu einem Freund, der sie kurz anschaut. Schon ein kurzer Blick und Moment des Angeschaut-werdens sei für sie sehr heilsam geworden. Aber sie musste sich zuvor dieses Bedürfnis erst eingestehen.(vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach2009, 2. Aufl. 2010, S.23)

Der australische Psychologe Marc Dadds fand in Versuchsreihen mit schwer gestörten Jugendlichen, die als brutal, kalt und gefühllos auffällig geworden waren, heraus, dass jene erstmals in ihrem Leben Empathie entwickelten, nachdem  die Eltern in mehreren Sitzungen mit warmer Stimme sagten: „Ich hab dich lieb!“ und ihnen dabei in die Augen schauten. Nach mehreren Monaten waren diese Jugendlichen erstmals in der Lage Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen. Die Schulung der Augen regt anscheinend das Mitgefühl an, indem sie das Individuum befähigen, im Anschauen des anderen Individuums, sich in jenes hinein zu versetzen.(vgl. dazu auch die Bücher über Spiegelneuronen, z.B. von J. Bauer) Wichtige emotionale Botschaften werden über Blicke und Mimik transportiert, deren Ausbleiben für die Kinder fatale Folgen haben kann. (vgl dazu: J. Röser, Das Gewissen der Augen, in CIG, Nr.50, 2012, S.564)

Wie Menschen angeschaut werden, kann sie aufbauen oder niederdrücken, lebendig machen oder zerstören. So fordern Philippe Pozzo die Borgo, – nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt- und sein Pfleger Abdel Sellou (deren Geschichte vielen durch die autobiografisch Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde) in mehreren Interviews: „Wir, die kaputten Typen (..), wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen angesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (Di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark-Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.9)

Nicht umsonst hat Sehen auch mit Ansehen zu tun, das geschenkt oder verweigert werden kann. Viele Geschichten im Evangelium erinnern daran, dass Jesus die Kunst des heilsamen Anschauens beherrscht hat, in dem er Menschen vorurteilsfrei und jenseits religiöser oder kultureller Grenzen Ansehen und Respekt schenkte. Man denke nur an die Geschichte des als römischer Kollaborateur verachteten Zöllners Zachäus, der durch den Blick Jesu fähig wurde, sein habgieriges Leben zu verwandeln.

Die Bedeutung des Sehens und Gesehen-werdens wurde auch symbolisch in vielen Kirchen als Auge Gottes zum Ausdruck gebracht. Doch leider assoziieren – gerade ältere Menschen- im Laufe einer teils unrühmlichen Kirchengeschichte und Pastoral, damit nur den Buchhalter- und Überwachergott, der alles sieht, beobachtet, aufschreibt und mit entsprechenden Bußstrafen belegt. Der tiefere Sinn wurde damit natürlich gründlich verfehlt. Gemeint war es anders, nämlich so, dass wir unter den Augen des liebevollen, göttlichen Betrachters (so ähnlich sagt es der Mystiker Bernhard von Clairvaux) zum Frieden in uns finden und uns darin geborgen wissen.

Der Schriftsteller Peter Handke bestätigt das, wenn er schreibt: „Wenn wir uns gegenwärtig machen, dass Gott uns umfassend anschaut, wären wir alle total besänftigt.“  Und Botho Strauß,  den man gewiss nicht als missionarischen  Glaubenverfechter verdächtigen kann, meint dazu: „Das Vertrauen in ein umfassendes Gesehenwerden gründet in der Einheit Gottes. Ohne diese Gewissheit, Erkannte zu sein, hielten wir uns keine Sekunde aufrecht.“ (Zitate nach einem Referat von Prof. Georg Langenhorst).

Ob gläubig oder nicht, könnten uns diese unterschiedlichen und doch verbindenden Einsichten zur Bedeutung des Sehens und Angeschautwerdens dazu anregen, eine entsprechende Praxis in unserem jeweiligen Arbeitsbereich zu entwickeln. Wir könnten uns dabei bemühen, – und viele in unserem Haus tun das aus einem natürlichen Gespür heraus sowieso schon-, einander Ansehen zu schenken. Das lateinische Wort für Respekt „ respicere“ hat nicht umsonst mit sehen und (noch einmal hinschauen) zu tun; dazu an andere Stelle mehr.

Gustav Schädlich-Buter

Fragment Leben

Fragmente sind Bruchstücke und übrig gebliebene Reste eines einst Ganzen; fragmentarisch ist das, noch nicht fertig gestellte Bauwerk oder ein unvollendete Kunstwerk (Bild, eine Skulptur, ein literarischer Text…)

Bei Reisen durch ärmere Länder fallen mir oft die unvollendeten oder eingestürzten Bauwerke auf. Einst bewohnte Häuser, die inzwischen zusammengefallen sind, hinterlassen beim Betrachter einen erbärmlichen Eindruck. Bei diesen Bauruinen sind oftmals die Dächer zur Hälfte abgedeckt, Mauerteile eingestürzt, das Glas der Fenster zerbrochen, die Türen aus den Angeln gehoben, die noch vorhandenen Innenräume und Möbel voller Spinnenweben und Staub, einst angelegte Wege enden plötzlich im Nichts. Beim Anblick solcher Häuser tauchen viele Fragen auf: Wen hat dieses Haus einst beherbergt, wo sind die Menschen, die einst darin gelebt haben? Sind sie in eine bessere Gegend umgezogen, in der es sich leichter leben lässt, oder aus irgendeinem Grund geflüchtet oder gar schon verstorben ohne Nachkommen, die das Haus hätten pflegen können….? Welche Geschichten könnten mir diese Ruine erzählen?

Die Trümmer und Bruchstücke eines einst Ganzen halten das Vergangene, das doch endgültig vorbei scheint, noch gegenwärtig. Sie erinnern mich an das Fragmentarische menschlichen Lebens überhaupt, an die in der Geschichte waltende Kräfte, die mit Niedergang und Verlusten zu tun haben. Es sind Trümmer, die ausstrahlen, Bruchstücke, die in der Betrachterseele etwas auslösen. Melancholie und Wehmut können auftauchen, dass womöglich vieles auch im eigenen Leben fragmentarisch, also bruchstückhaft bleiben wird und dies trotz allen Bemühens und aller eigenen Anstrengung. Die Bruchstücke dieser verfallenen Bauten erinnern mich daran, dass im eigenen Leben manches nicht gelungen ist, dass Lebenschancen verpasst wurden und Hoffnungen zerbrochen sind. Kaum ein Leben geht glatt und läuft völlig rund. Risse, Verletzungen, erlittener Schmerz und Verluste überall auf der Welt, auch in der eigenen Seele. Durch Krankheit oder Unfälle abgebrochene Lebensläufe, unvollständig gebliebene Lebenseinsätze, zerbrochene Beziehungen, durch Mauern, Krieg oder Flucht auseinander gerissene Familienbiografien…. „Es ist ein Riss in allen Dingen“ singt Leonhard Cohen im Refrain des Liedes „Anthem“(CD Future, Track 6)

Wir sind „Ruinen der Vergangenheit“ formulierte einst der evangelische Theologe Henning Luther, auch angesichts unseres Versagens, unserer Fehler , aber auch angesichts dessen, was dem Leben angetan wurde ohne eigene Schuld. Unser ganzes Leben sei ein Fragment, und Henning Luther widerspricht damit dem Mythos von der Ganzheitlichkeit und der damit verbundenen „Tyrannei des gelingenden Lebens“ (Gunda Schneider-Flume), die für alle Lebenssituationen passenden Ratgeber bereithält, sogar für`s Sterben, so als könnte alles zurechtgebogen und repariert werden.

Eine Theologie des Fragmentarischen schenkt dem Bruckstückhaften des Lebens, den nicht heilenden Wunden, den unumkehrbaren Einschnitten des Lebens  sein Recht zurück, befreit vom Zwang zur Perfektion. Ich darf unvollkommen sein, mit meinen Schwächen , Verwundungen, Grenzen, Handycaps und Halbheiten leben. Wieviel Druck könnten wir aus unserem Leben nehmen, wenn wir es schaffen würden, auch das Halbgute als wertvoll anzusehen, und unser ganzes, immer bruchstückhaft bleibendes Leben ansehnlich zu empfinden?! Wer sich selbst als unvollkommenen und fragmentarischen Menschen annehmen lernt (mit Hilfe des Glaubens an einen Gott, für den auch das „Schiefgelaufene“ des eigenen Lebens ansehnlich ist), spürt zudem, dass er bedürftig und auf andere angewiesen ist; er lernt dabei auch andere anzunehmen, die ebenfalls nicht vollkommen und perfekt sind. Das bedürftige, verletzliche und angewiesene Wesen Mensch bildet den Gegenpol zum omnipotenten Kraftprotz, der niemand anderen braucht.

Wir sind nicht nur ein Fragment aus Vergangenheit, sondern auch ein „Fragment aus Zukunft“, wie Henning Luther, der 43 jährig starb, ebenfalls formulierte; im Schmerz angesichts des Fragmentarischen und der Verlustgeschichten des Lebens , steckt immer auch eine Sehnsucht und Hoffnung , die über uns hinaus nach vorne in eine Zukunft weist, die es zu erspüren und zu ertasten gilt. Im Trümmerhaufen, mitten in der Ruine, mitten im Fragmentarischen, „auf der Baustelle“ des eigenen Lebens lässt sich etwas von einem Ganzen ahnen, das mit menschlichem Wollen allein nie hergestellt werden kann. Jemand oder etwas anderes fügt die Teile meines Lebens zusammen, und das daraus entstehende Neue ist „mehr“ als die Summe von Bruchteilen. Es ist mein einmaliges Leben.

„…that`s how the light gets in“

„There is a crack in everywhere , that`s how the light get`s in(Es ist ein Riss/Spalt in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein)“, vollendet Leonhard Cohen seinen Refrain. Durch die Risse und den Karfreitag des eigenen Lebens, kann plötzlich und unerwartet Licht- „Osterlicht“ hineinfallen, mitten in den „Trümmern und Fragmenten“ (des eigenen Lebens) wachsen Blumen und flattern Schmetterlinge; sie bezeugen Wachstum, Wandlung und Auferstehung, die an uns geschehen. Es geschieht Neuschöpfung im Zerbrochenen

Und Cohen`s Song ermuntert angesichts der Lebensfragmente , nicht aufzugeben oder zu resignieren, sondern die Glocken zu läuten, die noch klingen: “Ring the bells that still can ring/Forget your perfect offering/There is a crack in everything/That’s how the light gets in.” (L.Cohen, Refrain von „Anthem“, auf der CD Future, 1992)

Literatur zur Vertiefung:

Hennig Luther, Leben als Fragment, Der Mythos von Ganzheit, 1991

Gustav Schädlich-Buter

Identität

Reinhard Kardinal Marx sagte auf einer Podiumsdiskussion in einem Berliner Theater über den Begriff „christliches Abendland“ : „Davon halte ich nicht viel, weil der Begriff vor allem ausgrenzend ist.“ Er verkenne die „große Herausforderung, in Europa dafür zu sorgen, dass verschiedene Religionen mit jeweils eigenen Wahrheitsansprüchen friedlich zusammenleben“.(vgl dazu:https://www.domradio.de/themen/kirche-und-politik/2019-01-18/glaube-ist-die-seele-europas-debatte-um-begriff-christliches-abendland-entbrannt).

Rechtspopulisten bedienen sich heute gern des Begriffes vom christlichen Abendland, auch um die eigene (deutsche) Identität abzugrenzen und zu festigen im Unterschied zu Menschen und Völkern anderer Kultur und anderen (vorallem muslimischen) Glaubens. Der Begriff des Abendlandes wird so instrumentalisiert für die je eigenen politische Zwecke.

Aus christlicher Perspektive gibt es gegen den Versuch, eine Identität zu sichern, die auf Abgrenzung und Ausschluss anderer beruht, einiges einzuwenden. Ein breiter christlicher Traditionsstrom macht deutlich, dass wahre und tiefe Identität sich in der Begegnung mit dem Anderen, auch Fremden entwickelt. Wahre Identität – so schwierig dieser Begriff auch sein mag- entsteht nicht durch krampfhafte Absicherung des eigenen Ich und der eigenen Bezugsgruppe, sondern durch eine Reise, die über mich hinaus führt. Eine Reise zum Anderen, zum Fremden und Unbekannten, theologisch gesprochen zu Gott, und von dort wieder zurück zum eigenen Selbst. Um zu mir selbst zu kommen, nehme ich den Umweg über ein Anderes, einen Anderen, theologisch gesprochen über ein göttliches „Du“ , das mir „innerlicher ist als ich mir selbst“ wie Augustinus es in seinen „Bekenntnissen“ ausdrückt.(vgl. Augustinus, Confessiones III, 6,11) In der Begegnung mit dem Anderen meiner selbst wird es möglich die eigene Identität, mein wahres Selbst zu entdecken.

So schreibt Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“(Galater 2,20). In solch mystischer Erfahrung wird das eigene Ich fundiert und in einen größeren, metaphysischen Kontext eingewoben. Für Paulus ist es Christus und durch Ihn der liebende Gott, welcher wahre Identität stiftet (statt des irrigen Versuchs sich seiner selbst sicher zu werden durch Ausschluss, Abgrenzung und Fremdenhass wie es Populisten weltweit propagieren)

Identität entsteht für den Christen dadurch, dass er von einem Anderen, genau gesagt von den liebenden Augen Gottes, angeschaut wird und dadurch zu seiner inneren Einheit und zum Frieden gelangt.(so ähnlich drückt es Bernhard von Clairvaux aus). Im Bezogensein auf den ganz Anderen, werde ich ganz ich selbst. Ich komme zu mir, indem ich mich, -mein Ego-, verlasse, eine spirituelle Reise mache, um dann anders und neu zu mir zurück zu kommen. Bei einer solchen Reise beginne ich womöglich zu ahnen, wer ich „verborgen in Gott“(Kolosser,3,3) schon immer bin.

„Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand

Der Dichter T.S.Eliot drückt es in seiner Spätdichtung „Four Quartetts“ (zwischen 1935 und 1942 entstanden)sehr treffend aus, wenn er schreibt: „Wir lassen niemals vom Entdecken/Und am Ende allen Entdeckens/Langen wir, wo wir losliefen, an/ Und kennen diesen Ort zum ersten mal.//“

Doch ohne Reise, ohne Aufbruch, ohne die Bereitschaft, über mich und meinen Horizont hinauszuschauen, und mich in Beziehung zu wagen, bleibe ich wie es Martin Luther ausdrückte, der in sich verkrümmte Mensch, der sich ängstlich und krampfhaft absichern muss gegen die bedrohlich Fremden und Anderen. Ein solcher Mensch bleibt immer nur auf sich selbst bezogen: mein Haus, meine Familie, meine Gruppe, mein Volk, meine Erfolge, mein guter Ruf…und dies ein Leben lang zu verteidigen und abzusichern. Ein solcher „Homo incurvatus in se ipse“, missbraucht nach Luther die ihm geschenkten und zur Verfügung gestellten Gaben und Talente ausschließlich für sich selbst und isoliert sich so vom Mitmenschen und von Gott. Nach Luther stellt das die eigentliche Sündhaftigkeit des Menschen dar.

Umgekehrt entsteht wahre Identität aber nur dadurch, dass ich fähig werde, mich selbst zu überschreiten, mein Ego zu verlassen und mich sinnstiftend für andere zu engagieren in der tiefen Erfahrung der Verbundenheit allen Seins, -auch im Leiden und der Fragmentarität des Lebens. Viele, die sich jenseits vieler (finanzieller und ideologischer) Absicherungen oder nur persönlicher Glückssuche, für andere engagieren, berichten davon, dass sie vielfach mit tieferem Glück und Sinn beschenkt wurden und dabei zugleich unbeabsichtigt tiefer zu sich selbst gefunden haben.

Der preisgekrönte Film „Greenbook“ von Peter Farrelly beschreibt sehr schön, wie eine solche Reise von zwei völlig unterschiedlichen Menschen, zu einem neuen Selbstverständnis und zur Wandlung festgefahrener Überzeugungen und Vorurteile führt. Jeder der beiden Männer, die gemeinsam eine ungewöhnliche Reise machen, kommt neu bei sich selbst an.

Zum Begriff Abendland :

„Der Begriff ist als Entsprechung zu der durch die Luther-Bibel geläufig gewordenen Übersetzung „Morgenland“ für lat. oriens entstanden, wurde jedoch gemeinhin nicht eigentlich als geographischer Begriff, sondern als Kennzeichnung für die kulturelle Gemeinsamkeit und Eigenart des lateinischen Westens verstanden. Dieser ist – anders als der politisch und kirchlich auf Byzanz orientierte Raum des östlichen Christentums – durch die Verbindung von Antike und Christentum und das in ihm zeitweilig dominante Element des Germanentums geprägt. In andere Sprachen kaum übersetzbar, wird Abendland dort meist mit Europa gleichgesetzt, das dann wiederum nicht geographisch, sondern kulturell als Raum der Latinität begriffen werden muss. Politisch hat der Begriff Abendland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewirkt, weil die Rückwendung der Romantik zur Geschichte des Mittelalters literarischer Natur blieb. (Konrad-Adenauer-Stiftung“; vgl dazuhttps://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2019-01-11/kardinal-marx-kritisiert-begriff-christliches-abendland)

Wunder des Lebens

„Nicht müde werden/ sondern dem Wunder / leise/ wie einem Vogel / die Hand hinhalten“//Hilde Domin, in: Sämtliche Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Hrsg. von Nikola Herweg. Frankfurt a.M. 2009.)

Diese Verse stammen von der jüdischen Lyrikerin Hilde Domin (frühere Hilde Palm; 1909 in Köln geboren ; 2006 in Heidelberg gestorben), die als junge Frau vor den nationalsozialistischen Umtrieben ins Exil floh. Ihre Gedichte spiegeln nicht nur das Schicksal ihres Volkes wieder- Vertreibung, Flucht, Heimatlosigkeit und Heimatsuche-, sondern enthalten wie das oben zitierte Gedicht auch eine Empfehlung trotz allem, sich für das Wunder des Lebens vertrauensvoll bereit zu halten.

Wunder erleben wir nicht in der Haltung der Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit. Wer ein Wunder erleben will, muss das Selbstverständliche seines Sehens, Denkens und seiner Lebensmuster verlassen. Dem Wunder die Hand hinhalten bedeutet, offen zu sein für Überraschungen und das Staunen wieder zu lernen.

Nichts ist im Grunde selbstverständlich: weder der Augenblick, in dem sich Mensch und Mensch begegnet, noch das Aufblühen einer Blume oder eines Menschen; weder meine Kraft, mich selbstlos für andere einzusetzen noch dass mir selbst geholfen wird. Selbstverständlich ist es auch nicht, dass ich jemand lieben oder verzeihen kann; der Mut zum Leben nach Verzweiflung oder Krankheit ist ebenso wenig selbstverständlich wie ein Gottvertrauen, bei dem ich mich vertrauensvoll in die Hände einer anderen Macht begebe. Wunder sind erlebbar, wenn wir mit offenen Augen und offener Seele die Wirklichkeit wahrnehmen.

Doch oft rennen wir am Wunder vorbei, haben den Sinn für das Überraschende und das Alltagswunder verloren. Wer durch die Straßen einer Großstadt läuft, gewinnt manchmal den Eindruck, dass die Menschen wie gehetzt und getrieben, fast bewusstlos einem blinden Vorwärtsdrang folgen. Wie Gejagte vom Zwang des Mithalten-wollens und –müssens, gehetzt von Terminen und Aufträgen, können sie nicht mehr anhalten…..immer weiter, immer mehr…

Aber wer im Leben bloß vorwärts stürmt, der wird sich eines Tages traurig, leer und verbittert wiederfinden. Die Schätze und Wunder des eigenen Lebens, – das in der Tiefe Erlebte, Erlittene und Durchgestandene- werden zu oft übersehen. Dem Wunder die Hand hinzuhalten aber bedeutet, sich erinnernd in die Tiefe zu wagen. Am Grund unserer Seele, steht die Schatzkiste des eigenen Lebens bereit und will geöffnet werden.

Wir brauchen immer wieder Abstand und Zeit, um unser Leben zu verstehen, das Erlebte zu verdauen und das Kostbare sich anzueignen. Dem Wunder die Hand hinzuhalten kann heißen, leise und nachdenklich zu werden, einmal innezuhalten (womöglich gerade im Moment, wo der Arbeitsdruck am stärksten erlebt wird), für einen Augenblick aus dem Fenster zu schauen und „wahr“ zu nehmen: die weißen Wolken am blauen Herbsthimmel in ihrer Schönheit , die bunten Bäume und fallenden Blätter; oder draußen: die klare Luft einatmen und die letzten noch warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren….. Wer nachdenklich wird und innehält, spürt womöglich so etwas wie Dankbarkeit. Dankbarkeit für etwas Geschenktes, das ich nicht erleisten muss und brauche, weil es einfach da ist. Ich muss dem Wunder nur leise die Hand hinhalten, dass es in der Seele zu singen beginnt als hätte dort ein Vogel sein Nest.

Spielen lernen

Laßt uns spielen/ehe der Lebenstraum einschläft//Laßt uns/ einen Schneemann kneten/ der uns verlacht// die hochnasigen Erwachsenen/ an der Nase führen// zum Mondmann fliegen/mit ihm unser Spiel treiben// Laßt uns ein Weilchen den Glauben umarmen/ alles sei /wie es sein soll// im Atemspiel mit dem Tod (Rose Ausländer,  Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.108)

Das Gedicht von Rose Ausländer (geb.1901) berührt das Kind in uns, das noch zweckfrei spielen konnte, sich selbstvergessen seinen Phantasien überlassen oder tief versunken war in ein scheinbar völlig nutzloses Tun. Für die meisten von uns Erwachsenen ist nicht mehr viel übriggeblieben von diesem spielerischen Kind; Erwachsene müssen nützlich, effizient, ernst und seriös sein. Erwachsene definieren sich vielfach über das, was sie leisten, was sie können und was sie haben. Sind wir nicht alle dabei sehr unfrei geworden und versklavt an die Welt der Zwecke, eingesperrt in Sachzwänge, verbogen durch Anpassung? Als  Erwachsene dienen wir den Götzen Status, Reichtum, Position und Vermögen und sehen andere Menschen oft nur noch aus der Perspektive: „Was bringt der mir?“ Fast alles wird heute verzweckt.

Wir Erwachsene sind aus dem Paradies vertrieben, in welchem es noch eine zweckfreie und selbstverständliche Daseinsberechtigung gab; heute müssen wir unser Leben erleisten, unser Glück erkämpfen, unser Daseinsrecht mühsam vor uns selbst rechtfertigen und uns gegen andere behaupten. Und all dies in der kurzen Zeitspanne, die uns gegeben ist. Aber „was bleibt dem Menschen von all seiner Mühe und von der Strebung seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne…“. Ist nicht das Ganze unseres Lebens „Windhauch“, vergänglicher Dunst also, frägt pessimistisch der Prediger Kohelet (Koh1, 2-4,; 2, 22-23).

Wozu also ist der Mensch da? Wozu bin ich da? Auch wer lange nachdenkt, wird letztlich keinen notwendigen Zweck finden. Die Welt, der ganze Kosmos würde auch ohne mich auskommen und funktionieren, erinnert Bernardin Schellenberger.  Ich bin nicht um eines Zweckes willen auf dieser Erde. Der Sinn und Grund meines Lebens liegt nicht in meinem Nutzen für etwas, sondern ist wohl eher in den Kategorien des Nutzlosen und Zweckfreien zu suchen. Ich bin um meiner selbst willen da, einfach, weil es gut ist, dass es mich gibt. Ich bin um meiner selbst willen etwas wert und gut; nicht deshalb, weil ich einen Zweck erfülle, brauchbar, nützlich und verwendbar bin.

Die alten Glaubenstexte sprechen noch davon: Gott hatte Wohlgefallen an seiner Schöpfung, der Grund der Welt und meines Dasein liegt in seinem Be-„lieben“ und „Entzücken“. ER will, dass ich bin und er hat Entzücken an mir ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Menschen, die nichts mehr leisten können, weil sie unheilbar krank, schwer behindert oder alt sind und spielende „Menschen-Kinder“ können dafür die besten Zeugen sein. Im Buch der Sprüche sagt die Weisheit über den Schöpfer: „Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich (die Weisheit, d.V.) als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es bei den Menschen zu sein. “ (Spr 8, 30) Dieser Weisheitstext beschreibt die Entstehung der Welt aus dem Geist des Spieles, ein Spiel, das in sich schön und gut ist. Der spielende Mensch – z.B. der Dichter, der mit Worten oder die Malerin, die mit Farben spielt- ist Mitspieler Gottes.

Kater Mikesch- Acryl auf Leinwand

Dieses zweckfreie Spiel ist kein leichtfertiges Spiel, das Tod, Trauer und das Böse einfachhin „überspielt“. Dieses Spiel ist auch keine nostalgische Flucht aus der Realität in ein verlorenes Paradies, sondern ein vom Glauben getragenes „Atemspiel mit dem Tod“ wie die Dichterin sagt, das nur dann Sinn aufschließt, wenn es den Spielregeln der Liebe folgt, den Machtspielen der Welt widersagt und Einsatz riskiert für die zweckfreie Würde des Menschen.

Solch Spielende schenken eine Ahnung von einer Welt, die nicht dem Dogma der Nützlichkeit unterworfen ist. Der spielende Mensch befreit auch andere durch seine Spielfreude und verkündigt den zweckfreien Sinn des Menschenseins und einer erlösten Schöpfung. Wer frei spielt, „verlacht“ die Welt der Macher, Angeber und Ausbeuter; er entzieht sich dem Druck ständiger Optimierung seiner selbst.

Literatur: Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980