Spielendes Kind- bejaht und geliebt

Kleine Kinder spielen meist noch unbeschwert, sie lachen, singen, albern herum, lassen ihren Gefühlen freien Lauf, haben unendlich viel Energie. Noch engt sie kein Leistungsdruck ein, noch blockieren keine verkrampft abzuarbeitenden Pflichten. Wenn sie sich wehtun, kommt Mama oder Papa, hilft auf, tröstet und spricht ein aufmunterndes Wort.

Leben bedeutet für Kinder spielen, spielen unter den wohlmeinenden und gütigen Augen der sie behütenden Eltern. Das dazugehörige Grundgefühl lautet: ich bin gemocht, da gibt es Menschen, die mich gern haben und auf mich aufpassen, ich gehöre dazu und bin nicht allein. Im Grunde ist damit der zentrale Inhalt des Gottesglaubens ausgedrückt, nämlich gratis zu leben, geliebt und bejaht unter den wohlmeinenden Augen des Schöpfers.

Als Erwachsene legt sich dann nicht selten ein Schleier über dieses ursprüngliche Bewusstsein gemocht zu sein und dazu zu gehören. Wir Erwachsene nehmen uns irgendwann furchtbar wichtig, der Anspruch selbst unseres Glückes Schmied zu sein, macht uns verkrampft, bitter und ernst. Die Lebenslust verkalkt in unseren Adern und unsere Seele verliert ihre Flügel. Wer sich nicht (mehr) geliebt weiß, der muss sich seine Liebe, seine Anerkennung, und  seine Daseinsberechtigung erkämpfen. Er beginnt sich zu schützen: sein Ego, seine Klasse, seine Position, seine Macht, seinen Besitz, seine Rasse, seine Nation….. Viele in großen Firmen müssen sich ständig beweisen und präsentieren. Jede und jeder muss zeigen, dass er besser ist als der andere .Wir leben heute in einer Kultur der Macht, der Stärke, der Egos und des individuellen Erfolgs.

In einer solchen Welt der Stärke, Macht und der Konkurrenz finden behinderte Menschen oft keine Heimat mehr, weil sie in einem solchen System für niemanden wertvoll scheinen. Henri Nouwen, der eine Karriere als Hochschulprofessor aufgab, und sich der von Jean Vanier gegründeten „Arche“- Bewegung gemeinsamen Lebens mit geistig behinderten Menschen angeschlossen hat, schreibt:

„In meiner eigenen Gemeinschaft, in der wir mit vielen stark behinderten Männern und Frauen zusammenleben, stammt das größte Leiden, nicht aus dem Behindertsein selbst, sondern aus den Gefühlen, nutzlos, wertlos, geringgeachtet und ungeliebt zu sein. Man kann es viel leichter ertragen, nicht reden, gehen oder selbstständig essen zu können, als nicht für jemanden ganz besonders wertvoll zu sein.“ (Henry Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006, S. 76)

Dort, wo die spontane Grunderfahrung, gratis geliebt und bejaht zu sein, abhanden gekommen ist, treibt die damit einhergehende existentielle und spirituelle Verunsicherung dazu an, sich diese Liebe verdienen zu müssen. Dadurch machen sich viele abhängig von der Anerkennung durch andere, und werden auf diese Weise immer unfreier.

Jean Vanier, der Gründer der weltweit verbreiteten Archegemeinschaften, hat in seiner eigenen Biografie, die von Pflichten als Marineoffizier und als Hochschullehrer der Philosophie geprägt war, erlebt wie geistig behinderte Menschen, mit denen er eine Wohngemeinschaft bildete , ihm halfen zurück zu finden zu einem spielerischen Umgang mit dem Leben; zu einem ursprünglichen Erleben des Geliebtseins und des bedingungslosen Vertrauens. Die Kraft der Liebe und Zärtlichkeit, die von behinderten Menschen ausgehen kann, meint Vanier, könnte allen helfen (die in einem System der Macht und Konkurrenz sich bewegen) in eine heilsame „Bewegung nach unten“ zu kommen. Dort, wo ich einen anderen Menschen in der Tiefe seines Seins antreffe, wo ich nichts mehr beweisen muss und mir nicht mehr besser vorkomme als der andere, geschieht eine Befreiung vom  Ego. In der Tiefe unseres Seins werden wir alle gleich. „Keiner über dem anderen, keiner unter dem anderen“, geliebt wie wir sind als Kinder Gottes und zwar bedingungslos.

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(Titel:  „Kinderspiel“, Acryl  auf Leinwand, 60×60, von Gustav Schädlich-Buter)

Es gilt für uns alle, – die von alltäglicher Berechnung und Verzweckung des Lebens von uns selbst entfremdet wurden, die sich um der Gewinnsteigerung zu Tode arbeiten, die in der Enge des Hamsterrades strampeln….- , das absichtslos spielenden Kind wieder zu entdecken und lebendig werden zu lassen.

Die  göttliche Weisheit, -Begleiterin in Gottes dauerndem Schöpfungsspiel-,  erzählt von sich selbst in einem  frühjüdischen Glaubensgedicht  :

„…als er (der Schöpfer) die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm./ Ich war seine Freude Tag für Tag/ und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund/ und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“(vgl. Buch der Sprichwörter 8, 30-31).

Übung:

Setzen Sie sich ruhig und bequem hin an einem Ort, wo sie sich wohlfühlen;  jetzt müssen Sie nichts leisten, nichts wegarbeiten, nichts beweisen.

Stellen Sie sich vor, dass „jemand“ Sie mit wohlwollenden, liebevollen und gütigen Augen anschaut, auf ihren Körper, auf ihre Geschichte, auf die Wunden und Brüche ihres Lebens,  auf ihr ganzes Sein.

Die Übung kann in zweifacher Weise wiederholt werden: von vorne angeschaut werden; von hinten angeschaut werden (der Rücken: was er alles getragen und geschleppt hat, der womöglich gedrängt und gestoßen wurde…, der gekrümmt wurde durch die Macht anderer über mich…)

oder:

Nehmen Sie Farbe und Pinsel zur Hand und drücken Sie aus, was Sie im Moment bewegt! (kein Leistungsdruck; es muss kein Kunstwerk werden)

Literatur zur Vertiefung:

  1. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006

Henry Nouwen, Adam und ich, eine ungewöhnliche Freundschaft, Freiburg im Breisgau 1998

Jean Vanier, Einfach Mensch sein. Wege zu erfülltem Leben Taschenbuch , 2001, übersetzt von Bernardin Schellenberger, 2001

Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

DU-wider die Verschmelzungsmystik

„Wo ich gehe – du!
Wo ich stehe – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Ergeht’s mir gut – du!
Wenn’s weh mir tut – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Himmel – du, Erde – du,
Oben – du, unten – du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!“

Martin Buber, jüdischer Philosoph

„“s´io m`intuassi, come tu t`immii“ ( Paradiso IX, 81, in:  Dante, Die  Göttliche Komödie)

deutsche Übersetzung von Bernardin Schellenberger: Wenn ich doch dir einge-du-t wäre, wie du dich mir einge-ich-t hast“(in: B. Schellenberger, Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute Freiburg im Breisgau 2004, S.78)

Bernardin Schellenberger, geistlicher Schriftsteller und früherer Trappistenmönch,  weist in seinem Buch „Auf den Wegen der Sehnsucht“ auf die Gefahren der heute weit verbreitete Einheitsmystik  hin.

Die dort gängige These, dass Ich selbst letztlich Gott bin, dass mein Wesen göttlich ist und ich es nur endlich erkennen muss, gefällt sicher dem „Narziss“ in uns, dessen Innenleben Ovids Metamorphosen wie folgt kennzeichnen: „Lieber den Tod, als…mich schenken, begehr ich.“.(vgl. dazu  Bernardin Schellenberger, Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute,  Seite 26f. , Freiburg im Breisgau 2004; ihm verdanke ich die zentralen hier beschriebenen  Einsichten und die Anregung auf die narzisstischen Grundströmungen in der neuen Spiritualität zu achten).

Wer sich selbst als Gott entdecken kann, der muss sich nicht mehr in die Beziehung wagen, nicht mehr „hören“ auf andere, sich nicht mehr einlassen, nicht vergeben und sich nichts vergeben lassen , schon gar nicht sich verschenken.

Beziehung (zum anderen, zu Gott) macht ja auch Angst, kostet Kampf, belässt manchmal im Unsicheren, ist schwierig und nie am Ende. Zudem lässt Beziehung spüren, dass wir voneinander abhängen und nie vollständig autark sein können. So scheint klar, dass „Narziss“ lieber im eigenen Grund sucht und sich als Gott finden will als sich “hinaus“ (ekstasis) zu wagen. Dabei scheint ihm die Gefahr nicht klar, in die er sich begibt: nämlich in seiner verschmelzenden Suche nach Gott im eigenen Seelengrund, endgültig bei sich selbst zu versumpfen und dabei doch nicht die ersehnte  Ruhe zu finden.

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(Bild: Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand, 60×60 von Gustav Schädlich-Buter)

Auch der Benediktiner Anelm  Grün benennt konkrete zwischenmenschliche Folgen einer solchen Einheitsmystik, die keine Grenzen mehr akzeptiert: „Die Grenze zwischen Gott und Mensch ist gerade die Voraussetzung für eine wirkliche Beziehung zwischen Gott und Mensch. Es ist eine Beziehung der Liebe, eine personale Beziehung.“ (Grün, Robben, Grenzen setzen-Grenzen achten damit Beziehungen gelingen Spirituelle Impulse, 2007, S. 151 f.)… „Ich habe oft genug erlebt, wie Menschen, die von der großen Einheit sprachen, kein Gespür für die Grenzen der Menschen um sich herum hatten. Wenn diese anderen bei diesem Einheitsgefühl nicht mitgemacht haben, wurden sie gnadenlos fallengelassen. Und der, der verletzt hatte, fühlte sich schuldlos.“ (a.a.O., S.154)

Im  Bezogen-sein auf den „Ganz-Anderen“, der zugleich der unfassbar Liebende ist, gilt es in der christlichen Spiritualität die dem Narziss entgegen gesetzte Haltung zu erlernen: „Dir mich schenken, begehr ich!“ So verlangt das christliche Alternativmodell das Entgegengesetzte zur narzisstischen Selbstgenügsamkeit: nämlich mit offenen Augen, Ohren und allen Sinnen in die Begegnung zu gehen, sich auf ein Gespräch mit dem Anderen und sogar Fremden einzulassen und seinen Nächsten zu lieben, „nicht weil er ich ist, sondern gerade deswegen, weil er nicht ich ist.“ (K.Chesterton; zitiert in: B. Schellenberger, a.a.O., S 78).

Bernardin Schellenberger empfiehlt daher für den spirituellen Weg, sich den Stress anspruchsvoller Beziehung zuzumuten, gerade weil sie die selbstgenügsame Autonomie des Individuums immer wieder ankratzt, beunruhigt,   in einem positiven Sinn verunsichert und in Spannung bringt. (B. Schellenberger, a.a.O., S.75f. ) In der jüdisch-christlichen Überlieferung wird der überragende Stellenwert  der Beziehung, die Leben, Bedeutung, Würde  und Wert schafft auf Gott selbst übertragen: Gott ist Beziehung. „Eine lebendige Wirklichkeit, die den Kosmos und uns Menschen am Leben hält und trägt, weil ihr das alles etwas bedeutet;“ (a.a.O., S. 96)

Literatur zur Vertiefung:

Schellenberger, Bernardin Auf den Wegen der Sehnsucht; zum spirituellen Leben heute,   Freiburg im Breisgau 2004;

Grün, Anselm, Robben, Maria, Grenzen setzen-Grenzen achten damit Beziehungen gelingen Spirituelle Impulse,  2007

 

Der Riss

 

Lobgesang

Die Vögel sangen/Bei Tagesanbruch/Fang noch mal von vorne an/Hörte ich sie singen/Häng‘ nicht an dem/Was vorbei ist/Oder was die Zukunft bringen mag/Es wird wieder/Kriege geben/Die Heilige Taube/Wird wieder eingefangen/Gekauft und verkauft/Und wieder gekauft/Niemals ist sie frei//

(Refrain):
Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine vollkommene Opfergabe.

In allem ist ein Sprung.
Doch so kommt das Licht herein ……..

Leonhard Cohen,  Ausschnitt aus Anthem, von  der CD Future 1992

Der kanadische Poet und Sänger Leonhard Cohen (geboren 1934), hat dieses Lied mit dem Titel „ Anthem“, deutsch: „Lobgesang“ geschrieben und wie er selbst sagt, 10 Jahre daran gearbeitet. „Ich weiß, dass er für etwas Klares und Starkes in meinem Herzen steht“, sagt Cohen in einem Interview 1992 (in: The Future Press Kitt).

Der Refrain des Liedes bringt die zentrale Aussage des Liedes auf den Punkt : „…There is a crack, a crack in everything/ That`s how the light gets in, That`s how the light gets in //…

Ein Sprung, ein Riss ist in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies, so Cohen, diesem zentralen Mythos unserer Kultur, könnten wir nichts mehr vollkommen hinbekommen, weder Ehe noch Job.., auch nicht unsere Liebe zu Gott oder zu unseren Familien oder zu unserem Land. „´Es gibt einen Riss in allem`, was man zusammenfügt, in Dingen physikalischer oder mentaler Art, in allem, was man konstruiert, doch das ist die Stelle, in der Licht eindringt, wo etwas wiederaufersteht.“ (vgl. Interviews , Unlimited for sony music)

Der Riss – Scheitern und Niederlagen gehören zum Leben

Der Riss oder Sprung ist die zentrale Metapher ins Cohen`s Lied Anthem und er steht zunächst einmal für die Vergeblichkeit unserer Bemühungen etwas vollkommen hinzubekommen. „Vergiss das vollkommen Opfer!“, heißt es im Liedtext knapp. Der „Riss“ steht auch für das, was jeder Mensch in seinem privaten oder öffentlichen Leben erleben und erleiden kann: eine persönliche Niederlage, ein Scheitern in Ehe oder Beruf, ein schwere Krankheit, ein Unfall, politisches Versagen oder Entlassung…..der, der sich wichtig gefühlt hat, steht plötzlich am „Rande“. Und der Riss stellt auch die existentielle Grunderfahrung einer Welt dar, die nicht unschuldig und heil ist.

(Titel „Der Riss“, Acryl auf Leinwand, 70x70cm,  von Gustav Schädlich-Buter)

Der Riss- durch die Bruchstelle fällt Licht

Doch der Dichter sieht im Riss auch etwas Gutes. An der Bruchstelle nämlich kann Licht einströmen. Das Licht der Wahrheit, das uns klar sehen läßt.

Der Riss- ein Bewusstsein von Vergänglichkeit und Angewiesensein

Ich möchte die Gedanken des Dichters noch etwas weiter führen:Wir sind im großen Strom der Geschichte „Vorübergehende“; was wir tun, wird unvollständig bleiben trotz allen Mühens. Der Riss schafft ein Bewusstsein für die eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit. Wer sich als sterbliches Wesen begreift, kann auf Ganzheitsansprüche verzichten und auch im Halbguten etwas wertvolles sehen: in der halbguten Ehe oder im halbguten Job, im halbguten Vater…… (vgl. Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit 2007). Solches Bewusstsein kann vom Zwang und Druck befreien, sich als „Herren“ über das Leben aufspielen zu müssen. Der „Riss“ stürzt uns vom Thron eingebildeter Selbstmächtigkeit und zeigt uns wie angewiesen wir aufeinander sind. Der Riss macht deutlich, dass all das, was unser Leben wesentlich ausmacht, nicht in unserer Verfügungsgewalt steht: Vergebung trotz Schuld, Liebe trotz Versagen, Heilung trotz Gebrochenheit, Frieden trotz Zerrissenheit, Wiederaufstehen trotz Fall, Ganzwerdung, all das können wir nicht selbst machen ….

Der Riss- eine anarchische Kraft

Zudem hat der Riss etwas Anarchisches, weil er den Menschen befreit, Rädchen im Getriebe einer funktionierenden Leistungsgesellschaft zu sein. Der Riss kann uns fähig machen, uns selbst nicht mehr durch Leistung und Ertrag beweisen zu müssen. Er zeigt, – und gerade schwerkranke, schwerbehinderte oder sterbende Menschen können darin wunderbare Lehrmeister sein-, dass Menschsein mehr und anderes bedeutet als leistungsfähig und verwendbar zu sein. Kein Mensch ist letztlich um seines Nutzens willen hier auf dieser Erde. Das macht seine Würde aus.

Der Riss- weckt die Sehnsucht

Zudem kann der „Riss“,- diese oft schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns oder der Unmöglichkeit eine Leidsituation zu verändern-, die Sehnsucht in uns wecken. Die Sehnsucht nach einem „Land“, in dem- wie es in der Offenbarung des Johannes (Bibel Offb.21,4) heißt-, alle Tränen von den Augen abgewischt werden und es weder Tod noch Leid noch Schmerz geben wird. Diese alten visionären Texte bewahren das Hoffnungspotential von uns Menschen, das in der Krise Leben retten kann. Sie sagen, dass die Risse und Bruchstellen in unserem Leben und in der Welt nicht das letzte Wort haben werden. Ein „neuer Himmel“ und eine „neue Erde“ werden uns einmal offenstehen.

Der Riss- trotzdem geliebt

Der Riss kann uns auch zeigen, dass wir gerade im Scheitern oder der Verwundung unseres Lebens geliebt sind, weil ein Ja über unserem Leben steht, das ohne die Bedingung auskommt: es muss alles ganz bleiben oder vollkommen sein! Durch den Riss dringt das Licht der Wahrheit in unsere Seele: Das Leben ist gut und gratis! Es braucht nicht perfekt zu sein.

Auch Deines nicht!

Identität in Gott

Identität in Gott- was bedeutet das?

„Keine Angst vor nichts und niemand“, würde der Liedermacher Konstantin Wecker vielleicht sagen. In sich selbst ruhen mit der Gewissheit von den liebenden Augen Gottes angeschaut zu werden, göttliches Ansehen zu bekommen, und dabei eine unverlierbare Würde und einen Wert in sich zu spüren, der geschenkt ist und nicht erst verdient werden muss.

Ganz ehrlich, so getragene und in sich gesicherte Menschen finden wir nicht häufig  in einer  Welt,  deren Strukturen vielfach von Leistung und materieller Effizienz bestimmt sind.

Wer in Gott ruht, hat die Angst verloren, der muss sich keinen fremden Mächten mehr beugen und ist aus dieser Kraft heraus ermächtigt,  anders zu leben als es die weltlichen Kategorien vorschreiben nach dem Motto: Ich bin, was ich leiste, habe und vorgebe zu sein….

Identität in Gott heißt alles losgelassen haben, was weniger ist als Seine Liebe („Mit ewiger Liebe habe ich Dich geliebt“,  Jeremia), als Seine Heilung und Seine Auferweckung.

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Es scheint einzig seine dauerhafte, unerschütterliche und verlässlich bleibende Liebe zu sein, die Menschen, mich und dich, aus den destruktiven Mustern unserer Lebensgestaltung löst;  erlöst von den Süchten , befreit vom Zwang der Masken und des schönen Scheins.

Menschen werden heil, wenn sie wieder lernen an diese befreiende und angstlösende Liebe zu glauben, die Gott versprochen hat, der sich selbst als der „Ich-bin –da“- Gott (genauer im Hebräischen: Ich werde da sein als der ich da sein werde) kenntlich macht. Jesus hat bei Gott seine Heimat gefunden und gehabt, er hat Wohnungen für uns alle vorbereitet und hofft, dass wir nach Hause finden.

Allerdings ist diese Liebe in gewisser Weise machtlos gegenüber dem verstockten Herz, der Seele, die sich abschließt und nicht gefunden werden will. Wer sein Leben eingerichtet hat in einer „beruhigten Endlichkeit“, den wird kein Anruf erreichen. Wer nicht mit Seiner Anrede rechnet, der wird seinen inneren Empfänger nicht auf die Frequenz einstellen, durch welche ihn der Sender erreichen will und kann. Gottes Ruf und Anruf wird nicht empfangen, weil der, den jener erreichen will, auf einem anderen Kanal hört.

Die Identität in Gott ist kein statischer, endgültig abgeschlossener Zustand, sondern dieses Hin und Her, diese Zwiesprache , die wir auch Beten nennen, dieser nicht mehr endende liebende Beziehungsaustausch, der immer neue Formen des Zu- und Miteinanders entwirft, ein Tanz der Personen (Perichorese).

Einladung zum Mahl-für „alle“

DU

denk wieder groß von uns, die wir uns kleingemacht haben, mit nichtigen Wünschen und Begierden.

Hilf uns, die deine große Liebe verloren haben, lass uns wieder miteinander sein, schenk uns Träume und Visionen, die Deiner Schönheit gerecht werden.

Komm setzen wir uns an den Tisch, essen wir das Brot und den Fisch, trinken wir  den Wein, DU sprichst den Segen und wir sagen Amen und werden eins sein in dieser zerrissenen Welt.

Lassen wir die Türen zum Gastmahl offen, dass noch mehr hinzukommen, von denen, die die Grenzen des Todes überschreiten, die das Gefängnis verlassen, die Stunden nicht mehr zählen, die die Zeche bezahlt haben, für das unglückselige Los, das ihnen zugefallen ist:

für die Nächte in schäbigen Absteigen, für den Hunger in schmutzigen Blechhütten, für Flucht, Verfolgung und Heimatlosigkeit, für die namenlosen Schmerzen in Krankenzimmern, für die lebenslangen Fahrten im Rollstuhl, für die beschämenden Blicken von oben, die wie Pfeile abgeschossen wurden und hinterhältig trafen…

Herein, herein, ihr Armen und Unglückseligen, ihr Zukurzgekommenen und Schmerzbeladenen, ihr Heimatlosen und Bedrückten, ihr Dirnen und auch ihr Zuhälter, ihr Ausgebrannten und  unter Lebenslasten Begrabenen…..herein, herein, zum Mahl, das Leben wandelt, zum Brot, das satt macht, zum Wein, der Freude schenkt.

Jetzt und hier kann alles neu werden: die brennenden Begierden werden erlöschen, das erfrorene Herz wird auftauen, die großen Worte werden leise, die Denkmäler stürzen ein, und Menschen werden Menschen bei Brot und bei Wein.

(Text: Gustav Schädlich-Buter)

Traum vom Frieden

Der Geschichtenerzähler sagt:

Ich erzähle Euch den  Traum vom Frieden , der herabfiel vom Himmel,  tief  in die menschliche Seele hinein. Es ist der  Traum  als alles grundgelegt wurde  in Dir, in mir….

Ein Traum zur Zeit als die Menschen wie die die Vögel den Morgen noch grundlos besangen aus reiner Freude. Als der Tau noch auf den Gräsern lag, unberührt wie die ganze Erde und noch keine Mittagsglut die Sinne betäubte und das Herz noch keinen Hass gebar.

Als die Wörter noch sagten, was sie meinten und die Wahrheit eines jeden in die Seele des anderen hineinleuchtete, als noch niemand an einer Hungersnot des Leibes oder der Seele sterben musste, weil jeder und jede etwas geben und etwas empfangen konnte.

Als die Botschaften vom Himmel noch vernommen wurden, die Hoffnungen  groß waren und die Visionen weit machten.

(Himmlische Stadt, Acryl auf Leinwand, 60×60 von Gustav Schädlich-Buter)

Als  Ausschwitz, Hiroshima oder Vietnam noch keine Geschichte schrieben und Palmblätter den Hütten noch Schatten spendeten.

Als  jede und jeder eine Heimat hatte und wußte, wo er hingehört und dass er dazugehört, als der Fremde noch aufgenommen wurde als Freund, wenn er in Not war und ein gutes Wort seinen Hunger nach Liebe stillte.

Als die Dunkelheit nur stille, heilige Nacht war und nicht Gier, Neid, Mord und trostloses Sterben; als jeder noch ruhig schlafen konnte und keine Sirenen den Ruhenden aufschreckten.

Als noch niemand an DIR zweifelte, und ein jeder glaubte, dass sein Leben vom Anfang bis in Ewigkeit  in Deiner Hand lag….

Der Traum vom Frieden-willst Du ihn weiter träumen und wirklich werden lassen?

(Text Gustav Schädlich-Buter)

Mut

Mut

Gehören Sie zu den mutigen Menschen?

Viele bewundern den Mut von Menschen, die auf einem Seil über einen Abgrund balancieren oder die an einer steilen Felswand oder Hochhausfassade ohne Sicherung klettern, oder Abenteurer, die mit einem kleinen Segelschiff ganz allein den Ozean durchqueren.

Ohne Zweifel braucht unsere Welt mutige Menschen. Vielleicht weniger von denen, die ihr Leben nur um der Aufmerksamkeit willen für sich selbst auf`s Spiel setzen, sondern Menschen, die sich gegen Widerstände für Frieden, Freiheit und humane Werte mutig einsetzen trotz ihrer Angst.

Menschen, die ihre Angst überwinden und Neues wagen, die aus der Menge heraustreten und ungerechte und unmenschliche Strukturen publik machen, die festgefahrene Traditionen aufbrechen. Nicht selten riskieren sie dabei sehr viel: ihre Gesundheit, ihr Leben, ihren Ruf, ihr Auskommen; sie sind oft vielfachen Anfeindungen ausgesetzt und müssen mit Spott , Gefängnis oder Entzug von Freundschaft rechnen.

Man denke nur an Georg Elsner, Sophie und Hans Scholl, die Mitglieder der weißen Rose,  Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King , Wangari Maathai, Dom Helder Camara,  Bischof Kräutler und viele andere. Und natürlich kann man sich auch fragen, warum es zwischen 1933 und 1945 zuwenig mutige Deutsche gab.

(Titel:  Mutiges Herz, Mischtechnik von G. Schädlich-Buter)

Aber was bedeutet Mut für unseren Alltag?

Ich möchte ein paar Beispiele geben, die anregen können über den eigenen Lebensmut nachzudenken.

Es braucht Mut, einem anderen Menschen ganz und gar zu vertrauen.

Mutig ist der, der zu seiner Überzeugung steht, obwohl alle gegen ihn sind und er Nachteile in Kauf nehmen muss.

Mut ist nötig, sich für „Außenseiter“ einzusetzen und deren Würde zu verteidigen.

Mut bedeutet, mit einem Kollegen/-in oder Partner/-in darüber zu sprechen, was mich an dessen Verhalten oder Reden verletzt und gekränkt hat.

Mutig muss man sein, einen Menschen anzurufen oder zu besuchen, der schwer erkrankt ist und es braucht Mut, sich einem anderen in seiner Schwäche zu zeigen.

Mut ist verlangt jemanden danach zu fragen, worunter er leidet und mutig ist es, einem anderen zu sagen, was die eigene Wunde ist.

Es braucht Mut mit einer Behinderung zu leben und sich eine größtmögliche Autonomie zu erkämpfen.

Mut kann auch heißen, die Trauer in der eigenen Seele zu fühlen und ebenso mutig ist der, welcher sich der Trauer eines anderen Menschen stellt und sie begleitet.

Es braucht Mut, seine Gewohnheiten und Sicherheiten zu verlassen, um „Neuland“ zu betreten. (vgl. die Abrahamsgeschichte im Alten Testament)

Und es braucht Mut, an einen Gott zu glauben, den noch nie jemand gesehen hat und darauf sein Leben zu gründen.

Mut ist im Herzen der Motor, der etwas bewegen und verändern will. Mutig ist nicht jemand, der keine Angst hat, sondern der Wege für sich gefunden hat, seine Angst zu überwinden.

Impuls zum Nachdenken:

Schreibe ins Tagebuch/oder erzähl Dir im Selbstgespräch oder einem Freund/-in zum Thema: „Da war ich einmal richtig mutig..“

Kenne ich mutige Vorbilder für mein Leben? (siehe auch oben)

Welche Mutmachgeschichten in der Literatur sind mir bekannt?

Literatur zu Vertiefung:

Christian Nürnberger, Mutige Menschen. Für Frieden, Freiheit und Menschenrechte

Georg Schwickert, Courage, Mut für ein freies Leben

Jacques Lusseyran (Autor), Das wiedergefundene Licht: Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand Taschenbuch – 2002

Segen- “ Du bist der geliebte Mensch“

„Du bist der geliebte Mensch“ lautet der Titel eines Buches von Henri Nouwen, in dem er versucht, einem Freund, der gänzlich in einer säkularen Welt lebt, etwas von seinem Glauben zu vermitteln. (vgl. H. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006)

Der geistliche Schriftsteller Henri Nouwen beschreibt als Ziel jeder geistlichen Reise, die Wahrheit und Wirklichkeit, von Gott zutiefst und bedingungslos geliebt zu sein („Du bist der geliebte Mensch“), voll und ganz für sich zu erfassen. Solange bleibt das suchende Herz letztlich unruhig bis diese Liebe, für welche jede menschliche Liebe ein Vorgeschmack sein kann, es ganz zu ergreifen vermag. Auf dieser Reise müssen wir das, was wir letztlich schon sind, nämlich Gottes geliebte Kinder, zugleich noch werden.

Henri Nouwen, der eine Karriere als Hochschulprofessor aufgab und sich der von Jean Vanier gegründeten „Arche“- Bewegung gemeinsamen Lebens mit behinderten Menschen angeschlossen hat, benennt für diese Reise in die volle Wirklichkeit von Gott geliebt zu sein, vier „Stationen“ und zu erfassende Wahrheiten (entsprechend des eucharistischen Vollzugs: das Brot zu nehmen, zu segnen, zu brechen und herzugeben):

Angenommen und auserwählt

Die erste Wahrheit besteht darin, sich bewusst zu machen, dass ich bereits „genommen“ und „auserwählt“ bin. Das bedeutet nicht, besser und großartiger als andere zu sein, sondern jemand hat an mir etwas Besonderes gesehen und mich in meiner Einmaligkeit wahrgenommen; jede und jeder ist bereits als geliebter Sohn oder Tochter ausgewählt; schon von Ewigkeit her wurde ich von Gott her als kostbar angeschaut und als ewig wertvoll erkannt. Wir erhalten unsere Kostbarkeit und Einmaligkeit von jenem, der uns in immerwährender Liebe auserwählt hat, der sein Antlitz über uns erhebt und uns voll Liebe anschaut. Ich bin einmalig, kostbar und geliebt. Dies ist die eigentliche Wahrheit über mein Leben und diese Wahrheit will im Laufe der Reise stärker werden als alle jene Aussagen über mich, die verletztend, beleidigend und erniedrigend sein mögen.

Gesegnet

Die zweite Wahrheit die wir uns auf dieser Reise aneignen sollen, heißt: Wir sind „gesegnet“ und „Gesegnete“. Als verunsicherte und verängstigte Menschenwesen bedürfen wir eines Segens. Das lateinische Wort für segnen „benedicere“ heißt wörtlich: über jemand etwas Gutes sagen. Wir alle brauchen es, dass jemand etwas Gutes über uns sagt. Aber der Segen geht noch über Anerkennung und Lob hinaus. Der Segen ist eine Erinnerung an  die ursprüngliche Gutheit des Anderen. Einen anderen segnen heißt ihm Gottes Liebe zusprechen und daran zu erinnern: du bist ein besonderer Mensch, den Gott ganz lieb hat. Alle individuellen Segenswünsche (Worte der Dankbarkeit, Ermutigung und Zuneigung) sind ein Widerhall des Segens, der von aller Ewigkeit an auf uns Menschen ruht.

Gerade schwer behinderte Menschen können reichen Segen verschenken. „Einer aus meiner Kommunität, Adam, kann nicht sprechen, kann nicht allein gehen, kann nicht ohne Hilfe essen, kann sich nicht selbstaus- oder anziehen, aber an Menschen, die sich die Zeit nehmen, ihn einfach zu halten oder bei ihm zu sitzen, hat er sehr viel Segen zu verschenken….Diese Art Beschenkt-werden erfließt aus dem einfachen Gegenwärtigsein….“ (H. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, S.69)

Der Segen erinnert uns im Laufe unserer Reise, dass wir geliebt sind und einem liebenden Gott zugehören. Diese Segensworte sagen die Wahrheit, auch wenn jene infragegestellt wird durch die lauten Flüche, Beschimpfungen und rücksichtslosen Erniedrigungen, die über uns ergehen und Finsternis, Zerstörung und Tod produzieren wollen.

„Gebrochen“

Die dritte Wahrheit, die wir nicht verdrängen sollten, lautet: wir sind „ ge-brochen“. Jede und jeder von uns erfährt Gebrochenheit und dies in ganz individueller Weise: Einsamkeit, Isolation, Ängste, Unsicherheiten, Trennungen, Scheitern, Niedergeschlagenheit, Schmerzen und Tod als radikalster Beweis, dass unser Leben gebrochen ist.

(Kreuz unter Segen gestellt,  Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Die Art und Weise wie ich gebrochen bin und meine Gebrochenheit erfahre, offenbart etwas ganz Wesentliches und Charakteristisches über mich; mein ganz persönliches Gebrochen-sein rührt an meinen Personkern , sagt etwas über meine Einmaligkeit und mein nicht vergleichbares Leiden daran. Nouwen meint, wir seien in unserer Gebrochenheit so einmalig wie in unserem Auserwähltsein (Nouwen, a.a.O., S. 75) und unsere Wunden, machten die Substanz unseres Lebens aus.

In meiner eigenen Gemeinschaft, in der wir mit vielen stark behinderten Männern und Frauen zusammenleben, stammt das größte Leiden, nicht aus dem Behindert- sein selbst, sondern aus den Gefühlen, nutzlos, wertlos, geringgeachtet und ungeliebt zu sein. Man kann es viel leichter ertragen, nicht reden, gehen oder selbstständig essen zu können, als nicht für jemanden ganz besonders wertvoll zu sein.“ (Nouwen, a.a.O., S. 76)

Nouwen schlägt zwei Weisen vor, um mit der eigenen Gebrochenheit umzugehen.

Die erste Weise besteht darin, sich mit ihr auszusöhnen und sich mit ihr anzufreunden. Dem mit der Gebrochenheit verbundenen Leiden und Schmerz darf ich nicht ausweichen. Um mich ihm zu stellen brauche ich jemanden, der mir hilft, ihn zu durchleben und standzuhalten. Durchlittenes und durchlebtes Leid kann so ein Weg zu innerem Frieden und zur Freude werden.

Als zweite Möglichkeit mit der eigenen Gebrochenheit umzugehen, schlägt Nouwen vor, jene unter den Segen zu stellen. „Die wesentliche geistliche Aufgabe der geliebten Kinder Gottes besteht darin , ihre Gebrochenheit aus dem Schatten des Fluches zu entfernen und sie ins Licht des Segens zu stellen……Wenn man körperlichen, seelischen oder gefühlsmäßigen Schmerz unter dem Segen lebt, erfährt man ihn grundverschieden anders, als wenn man diesen Schmerz unter dem Fluch trägt. Schon eine kleine Last, die jemand als Bestätigung seiner Wertlosigkeit empfindet, kann in tiefe Depressionen stürzen, ja in den Selbstmord treiben.

Dagegen werden selbst große und schwere Lasten leicht und tragbar, wenn man sie im Licht des Segens trägt. Was unerträglich schien, wird zur Herausforderung. Was ein Grund zur Depression schien, wird zur Quelle der Läuterung….So besteht also die entscheidende Aufgabe darin, dem Segen zu erlauben, uns in unserer Gebrochenheit anzurühren.“ (Nouwen, S, 84 f.) Gerade die durchlebten und durchlittenen Bruchstellen des eigenen Lebens, können zur Gabe für andere werden.

Sich verschenken

Die vierte Wahrheit heißt: hergeben. Nicht um unserer selbst willen, sind wir auserwählt, gesegnet und gebrochen, sondern all jenes findet darin eine Bedeutung, dass wir es für andere leben. Die größte Erfüllung des Lebens bestünde gerade darin, uns selbst an andere zu verschenken, etwas, ja noch mehr, sich selbst, herzugeben, denn unser Leben selbst sei das größte Geschenk, das wir zu vergeben hätten. Wichtiger beim Schenken als die je eigenen Talente seien die Gaben (Freundschaft, Geduld, Freude..), als Weisen wie wir unser Menschsein zum Ausdruck bringen.

„ Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich, daß mein größtes Geschenk, das ich anzubieten habe, meine eigene Freude am Leben ist, mein eigener innerer Friede, mein eigenes Schweigen und meine Einsamkeit, mein eigenes Gefühl, mich wohl zu befinden.“ (Nouwen, a.a.O., S.98)

In einer Welt des gnadenlosen Wettbewerbs und rücksichtloser Habgier wird der Sinn für die Freude des Gebens immer mehr verloren. Ein glückliches Leben ist ein Leben für andere und hängt nicht vom Haben ab; eine Wahrheit, die einem meist erst angesichts eigener Gebrochenheit aufgeht.

Eine letzte Hingabe im Sterben

Das Sterben kann und soll das Mittel unseres letzten Hergebens unserer selbst werde. „Ich persönlich halte das Leben für eine Vorbereitung auf den Tod als endgültige Tat des Mich-Hergebens…. Das Sterben von Menschen, die wir lieben und die uns lieben, eröffnet uns die Möglichkeit einer neuen, radikaleren Kommunion, einer neuen Intimität, eines neuen Zusammengehörens. ..Erst wenn wir gestorben sind, kann sich unser Geist vollständig offenbaren. (Nouwen a.a.O., S.101)

In Gottes Händen bis zum Ende, Foto: Melchior Buter

Allerdings (denn es gibt auch Menschen, die qualvoll und voller Groll sterben und deren Geist von Finsternis nahezu ausgelöscht ist) müssen wir uns auf das Sterben und auf den Tod vorbereiten; wir seien dafür verantwortlich wie wir sterben und im Anliegen der Hingabe könnte auch unser Sterben zur freien Gabe für andere und zur „Ouelle neuer geistlicher Energie“ werden.

Literatur:

H. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006)

„Frieden suchen“

Hass und Gewalt durchzieht die Weltgeschichte

Die Sehnsucht nach Frieden, nach echtem Frieden, wurzelt tief, gerade bei jenen, die noch die zwei grauenhaften  Weltkriege miterlebt haben mit all dem Blutrausch, dem  sinnlose Morden und Dahinschlachten für das je eigene „Vaterland. „….. »Friede« tönt es /Wie aus Märchen, aus Kinderträumen her. /»Friede«. Und kaum zu freuen/Wagt sich das Herz, ihm sind näher die Tränen.“//dichtete einst Hermann Hesse (1877-1962)Der Wahnsinn von Gewalt und Gegengewalt, von Krieg und sinnloser Zerstörung  durchzieht unsere Weltgeschichte bis in die Gegenwart.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist DSCN5586-1-1024x801.jpg

(Kampfgetümmel „, Acryl auf Leinwand, 80×60, von Gustav Schädlich-Buter)

Die Wurzel der Gewalt im eigenen Herzen

Das Böse hat uns so leicht am Kragen und in irgendeiner Weise sind wir im Laufe des Lebens wohl alle irgendwie darin verwickelt. Die Gewalt in ihren vielfältigen Formen hat ihre Wurzeln oft genug im eigenen Herzen; dort finden wir Unruhe, Kälte, Abneigung, Abgetrenntheit und blinden Hass. Hass und Gewalt entsteht oft dort,wo wir uns nicht bedingungslos  geliebt und geschätzt fühlen und unseren Wert erst erleisten müssen, indem wir zum Beispiel andere ausstechen oder  besser sein wollen als der Kollege oder Nachbar. Frieden in der Seele entsteht dort, wo ich dieses bedingungslose Angenommensein erlebe  und in zwischenmenschlichen Begegnungen erfahren kann.

Frieden das heißt konkret: ein menschenfreundlicher Alltag, in welcher das Individuum  nicht zum Rädchen im Getriebe oder  zum „Kosten-Nutzen- Faktor“ wird, sondern als einmalige Person geschätzt wird. Frieden  heißt jemand haben, der es ehrlich mit uns meint, der zu uns hält und großzügig ist mit unseren Schwächen, aber uns auch die Wahrheit sagt.

Frieden suchen hängt stark an der Bereitschaft , sich zu versöhnen und auf Rache zu verzichten,  einen Zustand der Feindschaft und Erstarrung im Miteinander zu überwinden,  zum Gespräch bereit sein und nach einer Lösung des Konflikts suchen.  Das deutsche Wort für Versöhnung kommt von versuenen und bedeutet: zärtlich miteinander umgehen.  (vgl. dazu Anselm Grün).

Frieden suchen bedeutet sich von der Güte mehr inspirieren zu lassen als von der Bosheit. Dies  kann oft schon in kleinen Schritten geschehen: In Zeit online wurde erst darüber berichtet, dass Israelis und Iraner, deren Regierungen einander mit Krieg bedrohen,  sich über Facebook Friedensgrüße schicken. Israelis posteten: „Iraner, wir lieben euch, niemals werden wir euer Land bombadieren,“ steht über die Bilder geschrieben, die Freunde, Paare, Kinder, ganz normale Israelis zeigen. Die Initiative startete ein junger Mann im weißen Hemd, der seine Tochter auf dem Arm hielt. Er postet ein Liebesnachricht an die Iraner als alle von einem bevorstehenden Krieg redeten. Darin heißt es unter anderem: „Ich habe keine Angst vor euch, ich hasse euch nicht. Ich kenne euch ja nicht mal….Manchmal sehe ich hier im Fernsehen einen Mann aus dem Iran. Er redet über Krieg. Ich bin mir sicher, er repräsentiert nicht alle Iraner. Wenn ihr jemanden im Fernsehen seht, der darüber redet, euch zu bombadieren….seid euch sicher, er repräsentiert nicht uns alle….Wir wollen euch treffen, Kaffee mit euch trinken und mit euch über Sport reden.“ Inzwischen- so Zeit online-, kommen Grüße aus dem Iran zurück: „Israeli People, we love you too“, wir lieben euch auch.

Solch kleine  Gegenzeichen wollen dem geschürten  Hass, der angstmachenden Bedrohung und der gesäten Feindschaft nicht das letzte Wort überlassen. Dies sind die  die im Menschen aufgewachten Friedensträume von Weihnachten, von welchen  die Engel  im Evangelium singen. Lassen wir es aus unserer Seele nach Frieden tönen.

Impuls zum Nachdenken:

Was bedeutet für mich Friede?

Wo kann ich  mutmachenden Friedenszeichen in meinem  privaten Bereich setzen(z.B. beim Streit in der Familie oder mit einem Nachbarn, beim Konflikt im Arbeitsteam oder der Firma…..)

Wo kann ich mich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen?

Lebendig werden

In dem Dokumentarfilm „Nicht ohne uns“ von Sigrid Klausmann, in dem Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Kontinente befragt werden, sagt der 11 jährige Enjo aus der Schweiz: „Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wieso ich in die Welt hineingeboren wurde. “

Wenn das so bleibt, dann  finden wir  einige Jahre später, junge Erwachsene, die sich mangels Sinnfindungen mit Lärm, Alkohol oder Internet betäuben, Arbeitende, die phantasielos und ohne Schwung ihren Job herunterreißen, von einander angeödete und genervte Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben, Resignierte und Abgestumpfte, die sich abgefunden haben mit den kleinen, harmlosen Wünschen und Annehmlichkeiten und denen es reicht, halt so dahin zu leben. Welch trauriges Gegenbild zu der im Frühling aufbrechenden Natur, zur Wurzel- Grünkraft der Bäume, zum Sprießen und Aufblühen der Gräser und Blumen.

Seelenbaum, Acryl auf Leinwand

Anpassung, Konvention und Wohlstandsdenken 

übernehmen nicht selten die Regie im Leben und rauben uns  die Visionen, für die es sich zu leben lohnt.  Leiden nicht viele an Übersättigung? Jemand verglich einmal die im  dauerhaften Wohlstand lebende Menschen mit Zierfischen, welche  im gefahrlosen, langweiligen Aquarium, -gefüttert und satt-, ihre langweiligen Runden schwimmen; nur ab und zu erinnern sie sich an die Tiefen und Abenteuer des großen Meeres, in dem sie einst schwammen, und machen dann kurze heftige Schwimmbewegungen.

Sicherheitsdenken und Bequemlichkeit

Im Aquarium des eigenen Lebens heißt es aber weiterhin: Sicherheit vor dem Risiko eines eigenen Lebens, das -weil ungesichert -auch schief gehen kann;  Bequemlichkeit und Egoismus  vor selbstlosem Einsatz (für Notleidende, Freunde, Nachbarn…), Besitzstandsdenken vor größerer Gerechtigkeit, Schein und Fassadenhaftigkeit vor Sein, Anpassung vor gelebter Überzeugung.

Tatsächlich, so scheint es mir, sind die Türen der Sehnsucht für viele zugeschlagen und die Antennen für das Göttliche und alles Transzendente von den Häusern abmontiert (80% der 18 bis 34 Jährigen können sich ein Leben ohne Gott vorstellen). Auch die Sprache für das Absolute ist verloren gegangen, die Kathedrale des „Heiligen“ vorallem in  der eigenen Seele bleibt unbewohnt; vielen  reicht Berieselung und leichte Kost, Kreuzworträtsel und Televisionen von Privatsendern. Das große, tiefe und gefährliche Meer ist in unerreichbare Ferne gerückt.

Was macht mich lebendig?

Doch wie lässt sich eine Vision für das eigene Leben finden,  wie die individuelle Berufung, die ja immer einem Ruf aus dem Innersten des eigenen Herzens antwortet.

Die biblische Schöpfungsgeschichte (vgl.  Genesis 2,7) besagt, wir werden lebendig, wenn uns Gott Leben und Atem  einhaucht, wenn er uns beatmet ( vgl. auch  Joel 3,1 f. im AT )im wahrsten Sinne des Wortes und wir neu aufatmen.

Howard Thurmann, amerikanischer Bürgerrechtsaktivist und Mentor von Dr. Martin Luther King jr. gibt folgende Empfehlung: „Frage nicht, was die Welt braucht,  frage dich selbst, was dich lebendig macht ….und tue das;  (denn) was die Welt braucht, das sind Leute, die lebendig geworden sind.“

Alles, was mich lebendig macht, belebt, inspiriert, ins Fließen bringt, könnte mich also zu meiner ur-eigenen Berufung führen.

(Tanz des Lebens, Acryl auf Leinwand, 80(hoch)x60(breit)cm von Gustav Schädlich-Buter)

Impuls zum Nachdenken:

Der Benediktiner David-Steindl-Rast hat dazu folgende grundlegende Fragen formuliert, die ich an Sie als Impuls weitergeben möchte:

Was würde ich wirklich gerne tun? Was bereitet mir eine tiefe und nachhaltige Freude?

Was kann ich gut? Wo bin ich gut? (worin drücke ich die Einzigartigkeit und Einmaligkeit meiner Person am besten aus? Was sind meine Talente und Begabungen?)

Welche Gelegenheit gibt mir das Leben gerade jetzt, um das zu tun, was mich mit Freude lebendig macht? Wozu lädt mich das Leben gerade jetzt ein? (um das herauszufinden, müssen wir aber anhalten und mit den Ohren des Herzens horchen und bereit sein, uns überraschen zu lassen)