Lust auf Leben

Alle Menschen, ja sogar alle Lebewesen,  streben nach Lust und wollen Unlust vermeiden, glaubte die Philosophenschule der Hedonisten.

Viele Arbeitnehmer fürchten schon am Samstagabend den Montag, an dem sie arbeiten müssen und gehen lustlos in die Firma. Schüler haben „keinen Bock auf Schule“, nichts scheint ihr Interesse wecken zu können, alles scheint so langweilig und öde; wieder andere versuchen, Spaß und Lust am Leben zu erzwingen, indem sie sich von einer Party in die nächste stürzen, oder von einem Event zum nächsten hetzen, aber am schließlich doch nur Leere und Ödnis erleben.

Schon der antike Philosoph Epikur wusste, dass nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Herumziehen ein lustvolles Leben erzeugen, sondern eine kluge Wahl und Auswahl, um Unlust zu vermeiden und die Seelenruhe (griech. ataraxia) zu finden. Statt unerfüllbaren Träumen nachzujagen und hemmungslosem Genuss zu erstreben, riet der Hedonist(!) Epikur zu Selbstgenügsamkeit, um möglichst frei und autark zu bleiben.

Acedia, oder der Mittagsdämon, Mischtechnik

Doch Lust ist auch etwas Gutes. Lust hat mit einem Verlangen zu tun, dessen Erfüllung Freude und Vergnügen verspricht. „Ich habe Lust auf ein schönes Abendessen mit Dir!“ „Ich habe Lust mal wieder im Wald zu wandern“, „Ich habe Lust auf diesen Film“…. Lustlos ist derjenige, der keine Motivation zu einem Handeln und Tun empfindet. Auf etwas Lust haben heißt sich von etwas bewegen lassen (lat. movere, daher auch Motivation), sich von etwas anziehen und begeistern lassen, eine Hinneigung zu etwas zu haben; dies ist das Gegenteil von Lustlosigkeit, Langeweile, Ödnis und Unlebendigkeit. 

Manche Einstellungen und Muster verhindern, dass etwas für uns lustvoll erlebt werden kann. Innere Blockaden, negative Bilder vom Leben wie „Das Leben ist Hamsterrad“, ein „ermüdender Existenzkampf“, eine eintönige Pflichterfüllung“, ein stressiger Konkurrenzkampf), emotionale Sperren (wie Ehrgeiz, Angst…) , deren Ursachen vielfältig sein können, verhindern, dass die Lust am Leben ins Fließen kommt. 

Zugegebenermaßen hat auch das Christentum, vorallem im Gefolge von Plato (der Körper als Gefängnis der Seele) und Augustinus
(Lust als Kennzeichen des gefallenen, von der Erbsünde verdorbenen Menschen) zur Lustfeindlichkeit  beigetragen; dabei wurde die Lust oftmals einseitig identifiziert als Begierde und sexuelle Lust (Fleischeslust, „Wollust“), welche unter eine der sieben Todsünden gerechnet wurde. Aber es gab auch eine Hildegard von Bingen, deren Aussagen zur weiblichen Sexualität für das leibfeindliche Mittelalter höchst gewagt waren.

Auch Sigmund Freud war der Auffassung, dass das Lustprinzip im Laufe des Erwachsenwerdens dem Realitätsprinzipweichen muss; kein Wunder, dass das Erwachsenenleben vielen jüngeren Menschen alles andere als lustig und nachahmenswert vorkommen muss. Wer sich alle Lust abschminkt und verbietet, dem wird sein Leben bald schal, fad und lustlos vorkommen; der wird unfähig zu größeren Emotionen, verödet im Trott des grauen Alltags und der zu erfüllenden Pflichten. Irgendwann verliert das Leben dann seine Fülle und seine Farbe. 

Lustlosigkeit, die auch ein Kennzeichen des Burnouts sein kann, ist die verlorene Fähigkeit an irgendetwas Geschmack zu finden. Leere, Überdruss bis hin zum Ekel bestimmen dann die seelische Empfindungslage. Wer sich in einer solchen Haltung und Einstellung dem Leben gegenüber befindet, meint die Erfüllung und das Glück des Lebens liege immer woanders als im jetzt Möglichen. Die Lust am Leben dagegen führt ins Jetzt, in die Gegenwart, zum Tun dessen, was im Augenblick möglich ist. Die griechische Philosophie sprach diesbezüglich von Klugheit, die das wählt, was im Moment am besten ist.

„Wo ist der Mensch, der Lust am Leben hat“,fragt der Ordensgründer Benedikt von Nursia in seinem Vorwort der Regel für die Mönche (vgl. Prolog 15). Dabei geht es Benedikt ganz gewiss nicht darum „nach Lust und Laune zu leben“ und dass jede und jeder machen kann, was er will. In der Entscheidung für das Gute, auf der Spur der Wahrheit und der Liebe, im Befolgen der inneren Überzeugungen (der Stimme Gottes in mir) und im Vermeiden des Bösen, kann der Mönch zu einem erfüllten und lustvollen Leben gelangen. Gerade die Liebe, das weite Herz, auch in der Weise solidarisch, mitfühlend oder unterstützend mit Kranken, Unterdrückten und Benachteiligten zu sein, ist lustvoll und führt zu einem süßen Geschmack. Solche Liebe will gekostet werden. 

Eine lebensfreundliche Spiritualität ist der Auffassung, dass die Lust auf Gott, auch in der Lust am Leben zum Ausdruck kommt, in der Lust am Arbeiten, am Gestalten, Feiern, Singen, Tanzen, Spielen, beim Essen, Trinken und in der Sexualität. 

Lust entsteht sicher am ehesten dort, wo ich aus den Routinen (oder Hamsterrädern) meines Lebens einmal ausbrechen kann (nicht immer, aber ab und zu); dort, wo ich mich verliebe, inspiriert werde, mein schöpferisches Potential und meine Talente zur Entfaltung bringen kann, erwacht die Lust am Leben.

Lust am Leben haben bei einem Glas Wein mit guten Freunden, ein gutes Gespräch, Bilder betrachten oder selber malen, schreiben, ein gutes Buch lesen, zweckfrei spielen, lustvoll in Verbindung sein mit der Natur, die Vögel singen hören, die Blumen betrachten, an Gutes und Gelungenes denken oder im Bett liegen, sich getragen fühlen und einmal nichts tun (das Handy einmal für eine Stunde ausgeschaltet lassen)…. Die Lust am leben vertreibt die Traurigkeit und wer Lust am Leben hat, steckt zudem andere an. 

Fragen zum Nachdenken:

Welche Blockaden, die Lust und Freude verhindern, kenne ich bei mir?

Was im Leben erlebe ich lustvoll?

Was geht mir fließend von der Hand? Gibt es Tätigkeiten, in denen ich völlig aufgehe?

Worauf habe ich jetzt Lust? Was macht mich lebendig?

Vom Sehen und Ansehen

Ansehen schenken- Ansehen bekommen

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) sprach davon, dass jeder Mensch danach „Ausschau“ halte, dass ihm das Ja des Seindürfens zugesprochen werde. Jeder Mensch scheint eine tiefe Sehnsucht in sich zu tragen, liebevoll und respektvoll angeschaut zu werden.

Mauritius Wilde berichtet von einer jungen Frau mit einer sehr schwierigen Kindheit und Jugend, in der sie sehr oft übersehen und nicht beachtet wurde. Immer wenn sie heute an dieser frühen Wunde des Übersehenwerdens leidet, geht sie zu einem Freund, der sie kurz anschaut. Schon ein kurzer Blick und Moment des Angeschaut-werdens sei für sie sehr heilsam geworden. Aber sie musste sich zuvor dieses Bedürfnis erst eingestehen.(vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach2009, 2. Aufl. 2010, S.23)

Der australische Psychologe Marc Dadds fand in Versuchsreihen mit schwer gestörten Jugendlichen, die als brutal, kalt und gefühllos auffällig geworden waren, heraus, dass jene erstmals in ihrem Leben Empathie entwickelten, nachdem  die Eltern in mehreren Sitzungen mit warmer Stimme sagten: „Ich hab dich lieb!“ und ihnen dabei in die Augen schauten. Nach mehreren Monaten waren diese Jugendlichen erstmals in der Lage Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen. Die Schulung der Augen regt anscheinend das Mitgefühl an, indem sie das Individuum befähigen, im Anschauen des anderen Individuums, sich in jenes hinein zu versetzen.(vgl. dazu auch die Bücher über Spiegelneuronen, z.B. von J. Bauer) Wichtige emotionale Botschaften werden über Blicke und Mimik transportiert, deren Ausbleiben für die Kinder fatale Folgen haben kann. (vgl dazu: J. Röser, Das Gewissen der Augen, in CIG, Nr.50, 2012, S.564)

Wie Menschen angeschaut werden, kann sie aufbauen oder niederdrücken, lebendig machen oder zerstören. So fordern Philippe Pozzo die Borgo, – nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt- und sein Pfleger Abdel Sellou (deren Geschichte vielen durch die autobiografisch Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde) in mehreren Interviews: „Wir, die kaputten Typen (..), wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen angesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (Di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark-Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.9)

Nicht umsonst hat Sehen auch mit Ansehen zu tun, das geschenkt oder verweigert werden kann. Viele Geschichten im Evangelium erinnern daran, dass Jesus die Kunst des heilsamen Anschauens beherrscht hat, in dem er Menschen vorurteilsfrei und jenseits religiöser oder kultureller Grenzen Ansehen und Respekt schenkte. Man denke nur an die Geschichte des als römischer Kollaborateur verachteten Zöllners Zachäus, der durch den Blick Jesu fähig wurde, sein habgieriges Leben zu verwandeln.

Die Bedeutung des Sehens und Gesehen-werdens wurde auch symbolisch in vielen Kirchen als Auge Gottes zum Ausdruck gebracht. Doch leider assoziieren – gerade ältere Menschen- im Laufe einer teils unrühmlichen Kirchengeschichte und Pastoral, damit nur den Buchhalter- und Überwachergott, der alles sieht, beobachtet, aufschreibt und mit entsprechenden Bußstrafen belegt. Der tiefere Sinn wurde damit natürlich gründlich verfehlt. Gemeint war es anders, nämlich so, dass wir unter den Augen des liebevollen, göttlichen Betrachters (so ähnlich sagt es der Mystiker Bernhard von Clairvaux) zum Frieden in uns finden und uns darin geborgen wissen.

Der Schriftsteller Peter Handke bestätigt das, wenn er schreibt: „Wenn wir uns gegenwärtig machen, dass Gott uns umfassend anschaut, wären wir alle total besänftigt.“  Und Botho Strauß,  den man gewiss nicht als missionarischen  Glaubenverfechter verdächtigen kann, meint dazu: „Das Vertrauen in ein umfassendes Gesehenwerden gründet in der Einheit Gottes. Ohne diese Gewissheit, Erkannte zu sein, hielten wir uns keine Sekunde aufrecht.“ (Zitate nach einem Referat von Prof. Georg Langenhorst).

Ob gläubig oder nicht, könnten uns diese unterschiedlichen und doch verbindenden Einsichten zur Bedeutung des Sehens und Angeschautwerdens dazu anregen, eine entsprechende Praxis in unserem jeweiligen Arbeitsbereich zu entwickeln. Wir könnten uns dabei bemühen, – und viele in unserem Haus tun das aus einem natürlichen Gespür heraus sowieso schon-, einander Ansehen zu schenken. Das lateinische Wort für Respekt „ respicere“ hat nicht umsonst mit sehen und (noch einmal hinschauen) zu tun; dazu an andere Stelle mehr.

Gustav Schädlich-Buter

Fragment Leben

Fragmente sind Bruchstücke und übrig gebliebene Reste eines einst Ganzen; fragmentarisch ist das, noch nicht fertig gestellte Bauwerk oder ein unvollendete Kunstwerk (Bild, eine Skulptur, ein literarischer Text…)

Bei Reisen durch ärmere Länder fallen mir oft die unvollendeten oder eingestürzten Bauwerke auf. Einst bewohnte Häuser, die inzwischen zusammengefallen sind, hinterlassen beim Betrachter einen erbärmlichen Eindruck. Bei diesen Bauruinen sind oftmals die Dächer zur Hälfte abgedeckt, Mauerteile eingestürzt, das Glas der Fenster zerbrochen, die Türen aus den Angeln gehoben, die noch vorhandenen Innenräume und Möbel voller Spinnenweben und Staub, einst angelegte Wege enden plötzlich im Nichts. Beim Anblick solcher Häuser tauchen viele Fragen auf: Wen hat dieses Haus einst beherbergt, wo sind die Menschen, die einst darin gelebt haben? Sind sie in eine bessere Gegend umgezogen, in der es sich leichter leben lässt, oder aus irgendeinem Grund geflüchtet oder gar schon verstorben ohne Nachkommen, die das Haus hätten pflegen können….? Welche Geschichten könnten mir diese Ruine erzählen?

Die Trümmer und Bruchstücke eines einst Ganzen halten das Vergangene, das doch endgültig vorbei scheint, noch gegenwärtig. Sie erinnern mich an das Fragmentarische menschlichen Lebens überhaupt, an die in der Geschichte waltende Kräfte, die mit Niedergang und Verlusten zu tun haben. Es sind Trümmer, die ausstrahlen, Bruchstücke, die in der Betrachterseele etwas auslösen. Melancholie und Wehmut können auftauchen, dass womöglich vieles auch im eigenen Leben fragmentarisch, also bruchstückhaft bleiben wird und dies trotz allen Bemühens und aller eigenen Anstrengung. Die Bruchstücke dieser verfallenen Bauten erinnern mich daran, dass im eigenen Leben manches nicht gelungen ist, dass Lebenschancen verpasst wurden und Hoffnungen zerbrochen sind. Kaum ein Leben geht glatt und läuft völlig rund. Risse, Verletzungen, erlittener Schmerz und Verluste überall auf der Welt, auch in der eigenen Seele. Durch Krankheit oder Unfälle abgebrochene Lebensläufe, unvollständig gebliebene Lebenseinsätze, zerbrochene Beziehungen, durch Mauern, Krieg oder Flucht auseinander gerissene Familienbiografien…. „Es ist ein Riss in allen Dingen“ singt Leonhard Cohen im Refrain des Liedes „Anthem“(CD Future, Track 6)

Wir sind „Ruinen der Vergangenheit“ formulierte einst der evangelische Theologe Henning Luther, auch angesichts unseres Versagens, unserer Fehler , aber auch angesichts dessen, was dem Leben angetan wurde ohne eigene Schuld. Unser ganzes Leben sei ein Fragment, und Henning Luther widerspricht damit dem Mythos von der Ganzheitlichkeit und der damit verbundenen „Tyrannei des gelingenden Lebens“ (Gunda Schneider-Flume), die für alle Lebenssituationen passenden Ratgeber bereithält, sogar für`s Sterben, so als könnte alles zurechtgebogen und repariert werden.

Eine Theologie des Fragmentarischen schenkt dem Bruckstückhaften des Lebens, den nicht heilenden Wunden, den unumkehrbaren Einschnitten des Lebens  sein Recht zurück, befreit vom Zwang zur Perfektion. Ich darf unvollkommen sein, mit meinen Schwächen , Verwundungen, Grenzen, Handycaps und Halbheiten leben. Wieviel Druck könnten wir aus unserem Leben nehmen, wenn wir es schaffen würden, auch das Halbgute als wertvoll anzusehen, und unser ganzes, immer bruchstückhaft bleibendes Leben ansehnlich zu empfinden?! Wer sich selbst als unvollkommenen und fragmentarischen Menschen annehmen lernt (mit Hilfe des Glaubens an einen Gott, für den auch das „Schiefgelaufene“ des eigenen Lebens ansehnlich ist), spürt zudem, dass er bedürftig und auf andere angewiesen ist; er lernt dabei auch andere anzunehmen, die ebenfalls nicht vollkommen und perfekt sind. Das bedürftige, verletzliche und angewiesene Wesen Mensch bildet den Gegenpol zum omnipotenten Kraftprotz, der niemand anderen braucht.

Wir sind nicht nur ein Fragment aus Vergangenheit, sondern auch ein „Fragment aus Zukunft“, wie Henning Luther, der 43 jährig starb, ebenfalls formulierte; im Schmerz angesichts des Fragmentarischen und der Verlustgeschichten des Lebens , steckt immer auch eine Sehnsucht und Hoffnung , die über uns hinaus nach vorne in eine Zukunft weist, die es zu erspüren und zu ertasten gilt. Im Trümmerhaufen, mitten in der Ruine, mitten im Fragmentarischen, „auf der Baustelle“ des eigenen Lebens lässt sich etwas von einem Ganzen ahnen, das mit menschlichem Wollen allein nie hergestellt werden kann. Jemand oder etwas anderes fügt die Teile meines Lebens zusammen, und das daraus entstehende Neue ist „mehr“ als die Summe von Bruchteilen. Es ist mein einmaliges Leben.

„…that`s how the light gets in“

„There is a crack in everywhere , that`s how the light get`s in(Es ist ein Riss/Spalt in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein)“, vollendet Leonhard Cohen seinen Refrain. Durch die Risse und den Karfreitag des eigenen Lebens, kann plötzlich und unerwartet Licht- „Osterlicht“ hineinfallen, mitten in den „Trümmern und Fragmenten“ (des eigenen Lebens) wachsen Blumen und flattern Schmetterlinge; sie bezeugen Wachstum, Wandlung und Auferstehung, die an uns geschehen. Es geschieht Neuschöpfung im Zerbrochenen

Und Cohen`s Song ermuntert angesichts der Lebensfragmente , nicht aufzugeben oder zu resignieren, sondern die Glocken zu läuten, die noch klingen: “Ring the bells that still can ring/Forget your perfect offering/There is a crack in everything/That’s how the light gets in.” (L.Cohen, Refrain von „Anthem“, auf der CD Future, 1992)

Literatur zur Vertiefung:

Hennig Luther, Leben als Fragment, Der Mythos von Ganzheit, 1991

Gustav Schädlich-Buter

Identität

Reinhard Kardinal Marx sagte auf einer Podiumsdiskussion in einem Berliner Theater über den Begriff „christliches Abendland“ : „Davon halte ich nicht viel, weil der Begriff vor allem ausgrenzend ist.“ Er verkenne die „große Herausforderung, in Europa dafür zu sorgen, dass verschiedene Religionen mit jeweils eigenen Wahrheitsansprüchen friedlich zusammenleben“.(vgl dazu:https://www.domradio.de/themen/kirche-und-politik/2019-01-18/glaube-ist-die-seele-europas-debatte-um-begriff-christliches-abendland-entbrannt).

Rechtspopulisten bedienen sich heute gern des Begriffes vom christlichen Abendland, auch um die eigene (deutsche) Identität abzugrenzen und zu festigen im Unterschied zu Menschen und Völkern anderer Kultur und anderen (vorallem muslimischen) Glaubens. Der Begriff des Abendlandes wird so instrumentalisiert für die je eigenen politische Zwecke.

Aus christlicher Perspektive gibt es gegen den Versuch, eine Identität zu sichern, die auf Abgrenzung und Ausschluss anderer beruht, einiges einzuwenden. Ein breiter christlicher Traditionsstrom macht deutlich, dass wahre und tiefe Identität sich in der Begegnung mit dem Anderen, auch Fremden entwickelt. Wahre Identität – so schwierig dieser Begriff auch sein mag- entsteht nicht durch krampfhafte Absicherung des eigenen Ich und der eigenen Bezugsgruppe, sondern durch eine Reise, die über mich hinaus führt. Eine Reise zum Anderen, zum Fremden und Unbekannten, theologisch gesprochen zu Gott, und von dort wieder zurück zum eigenen Selbst. Um zu mir selbst zu kommen, nehme ich den Umweg über ein Anderes, einen Anderen, theologisch gesprochen über ein göttliches „Du“ , das mir „innerlicher ist als ich mir selbst“ wie Augustinus es in seinen „Bekenntnissen“ ausdrückt.(vgl. Augustinus, Confessiones III, 6,11) In der Begegnung mit dem Anderen meiner selbst wird es möglich die eigene Identität, mein wahres Selbst zu entdecken.

So schreibt Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“(Galater 2,20). In solch mystischer Erfahrung wird das eigene Ich fundiert und in einen größeren, metaphysischen Kontext eingewoben. Für Paulus ist es Christus und durch Ihn der liebende Gott, welcher wahre Identität stiftet (statt des irrigen Versuchs sich seiner selbst sicher zu werden durch Ausschluss, Abgrenzung und Fremdenhass wie es Populisten weltweit propagieren)

Identität entsteht für den Christen dadurch, dass er von einem Anderen, genau gesagt von den liebenden Augen Gottes, angeschaut wird und dadurch zu seiner inneren Einheit und zum Frieden gelangt.(so ähnlich drückt es Bernhard von Clairvaux aus). Im Bezogensein auf den ganz Anderen, werde ich ganz ich selbst. Ich komme zu mir, indem ich mich, -mein Ego-, verlasse, eine spirituelle Reise mache, um dann anders und neu zu mir zurück zu kommen. Bei einer solchen Reise beginne ich womöglich zu ahnen, wer ich „verborgen in Gott“(Kolosser,3,3) schon immer bin.

„Über mich hinausschauen“, Acryl auf Leinwand

Der Dichter T.S.Eliot drückt es in seiner Spätdichtung „Four Quartetts“ (zwischen 1935 und 1942 entstanden)sehr treffend aus, wenn er schreibt: „Wir lassen niemals vom Entdecken/Und am Ende allen Entdeckens/Langen wir, wo wir losliefen, an/ Und kennen diesen Ort zum ersten mal.//“

Doch ohne Reise, ohne Aufbruch, ohne die Bereitschaft, über mich und meinen Horizont hinauszuschauen, und mich in Beziehung zu wagen, bleibe ich wie es Martin Luther ausdrückte, der in sich verkrümmte Mensch, der sich ängstlich und krampfhaft absichern muss gegen die bedrohlich Fremden und Anderen. Ein solcher Mensch bleibt immer nur auf sich selbst bezogen: mein Haus, meine Familie, meine Gruppe, mein Volk, meine Erfolge, mein guter Ruf…und dies ein Leben lang zu verteidigen und abzusichern. Ein solcher „Homo incurvatus in se ipse“, missbraucht nach Luther die ihm geschenkten und zur Verfügung gestellten Gaben und Talente ausschließlich für sich selbst und isoliert sich so vom Mitmenschen und von Gott. Nach Luther stellt das die eigentliche Sündhaftigkeit des Menschen dar.

Umgekehrt entsteht wahre Identität aber nur dadurch, dass ich fähig werde, mich selbst zu überschreiten, mein Ego zu verlassen und mich sinnstiftend für andere zu engagieren in der tiefen Erfahrung der Verbundenheit allen Seins, -auch im Leiden und der Fragmentarität des Lebens. Viele, die sich jenseits vieler (finanzieller und ideologischer) Absicherungen oder nur persönlicher Glückssuche, für andere engagieren, berichten davon, dass sie vielfach mit tieferem Glück und Sinn beschenkt wurden und dabei zugleich unbeabsichtigt tiefer zu sich selbst gefunden haben.

Der preisgekrönte Film „Greenbook“ von Peter Farrelly beschreibt sehr schön, wie eine solche Reise von zwei völlig unterschiedlichen Menschen, zu einem neuen Selbstverständnis und zur Wandlung festgefahrener Überzeugungen und Vorurteile führt. Jeder der beiden Männer, die gemeinsam eine ungewöhnliche Reise machen, kommt neu bei sich selbst an.

Zum Begriff Abendland :

„Der Begriff ist als Entsprechung zu der durch die Luther-Bibel geläufig gewordenen Übersetzung „Morgenland“ für lat. oriens entstanden, wurde jedoch gemeinhin nicht eigentlich als geographischer Begriff, sondern als Kennzeichnung für die kulturelle Gemeinsamkeit und Eigenart des lateinischen Westens verstanden. Dieser ist – anders als der politisch und kirchlich auf Byzanz orientierte Raum des östlichen Christentums – durch die Verbindung von Antike und Christentum und das in ihm zeitweilig dominante Element des Germanentums geprägt. In andere Sprachen kaum übersetzbar, wird Abendland dort meist mit Europa gleichgesetzt, das dann wiederum nicht geographisch, sondern kulturell als Raum der Latinität begriffen werden muss. Politisch hat der Begriff Abendland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewirkt, weil die Rückwendung der Romantik zur Geschichte des Mittelalters literarischer Natur blieb. (Konrad-Adenauer-Stiftung“; vgl dazuhttps://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2019-01-11/kardinal-marx-kritisiert-begriff-christliches-abendland)

Spielen lernen

Laßt uns spielen/ehe der Lebenstraum einschläft//Laßt uns/ einen Schneemann kneten/ der uns verlacht// die hochnasigen Erwachsenen/ an der Nase führen// zum Mondmann fliegen/mit ihm unser Spiel treiben// Laßt uns ein Weilchen den Glauben umarmen/ alles sei /wie es sein soll// im Atemspiel mit dem Tod (Rose Ausländer,  Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.108)

Das Gedicht von Rose Ausländer (geb.1901) berührt das Kind in uns, das noch zweckfrei spielen konnte, sich selbstvergessen seinen Phantasien überlassen oder tief versunken war in ein scheinbar völlig nutzloses Tun. Für die meisten von uns Erwachsenen ist nicht mehr viel übriggeblieben von diesem spielerischen Kind; Erwachsene müssen nützlich, effizient, ernst und seriös sein. Erwachsene definieren sich vielfach über das, was sie leisten, was sie können und was sie haben. Sind wir nicht alle dabei sehr unfrei geworden und versklavt an die Welt der Zwecke, eingesperrt in Sachzwänge, verbogen durch Anpassung? Als  Erwachsene dienen wir den Götzen Status, Reichtum, Position und Vermögen und sehen andere Menschen oft nur noch aus der Perspektive: „Was bringt der mir?“ Fast alles wird heute verzweckt.

Wir Erwachsene sind aus dem Paradies vertrieben, in welchem es noch eine zweckfreie und selbstverständliche Daseinsberechtigung gab; heute müssen wir unser Leben erleisten, unser Glück erkämpfen, unser Daseinsrecht mühsam vor uns selbst rechtfertigen und uns gegen andere behaupten. Und all dies in der kurzen Zeitspanne, die uns gegeben ist. Aber „was bleibt dem Menschen von all seiner Mühe und von der Strebung seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne…“. Ist nicht das Ganze unseres Lebens „Windhauch“, vergänglicher Dunst also, frägt pessimistisch der Prediger Kohelet (Koh1, 2-4,; 2, 22-23).

Wozu also ist der Mensch da? Wozu bin ich da? Auch wer lange nachdenkt, wird letztlich keinen notwendigen Zweck finden. Die Welt, der ganze Kosmos würde auch ohne mich auskommen und funktionieren, erinnert Bernardin Schellenberger.  Ich bin nicht um eines Zweckes willen auf dieser Erde. Der Sinn und Grund meines Lebens liegt nicht in meinem Nutzen für etwas, sondern ist wohl eher in den Kategorien des Nutzlosen und Zweckfreien zu suchen. Ich bin um meiner selbst willen da, einfach, weil es gut ist, dass es mich gibt. Ich bin um meiner selbst willen etwas wert und gut; nicht deshalb, weil ich einen Zweck erfülle, brauchbar, nützlich und verwendbar bin.

Die alten Glaubenstexte sprechen noch davon: Gott hatte Wohlgefallen an seiner Schöpfung, der Grund der Welt und meines Dasein liegt in seinem Be-„lieben“ und „Entzücken“. ER will, dass ich bin und er hat Entzücken an mir ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Menschen, die nichts mehr leisten können, weil sie unheilbar krank, schwer behindert oder alt sind und spielende „Menschen-Kinder“ können dafür die besten Zeugen sein. Im Buch der Sprüche sagt die Weisheit über den Schöpfer: „Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich (die Weisheit, d.V.) als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es bei den Menschen zu sein. “ (Spr 8, 30) Dieser Weisheitstext beschreibt die Entstehung der Welt aus dem Geist des Spieles, ein Spiel, das in sich schön und gut ist. Der spielende Mensch – z.B. der Dichter, der mit Worten oder die Malerin, die mit Farben spielt- ist Mitspieler Gottes.

Kater Mikesch- Acryl auf Leinwand

Dieses zweckfreie Spiel ist kein leichtfertiges Spiel, das Tod, Trauer und das Böse einfachhin „überspielt“. Dieses Spiel ist auch keine nostalgische Flucht aus der Realität in ein verlorenes Paradies, sondern ein vom Glauben getragenes „Atemspiel mit dem Tod“ wie die Dichterin sagt, das nur dann Sinn aufschließt, wenn es den Spielregeln der Liebe folgt, den Machtspielen der Welt widersagt und Einsatz riskiert für die zweckfreie Würde des Menschen.

Solch Spielende schenken eine Ahnung von einer Welt, die nicht dem Dogma der Nützlichkeit unterworfen ist. Der spielende Mensch befreit auch andere durch seine Spielfreude und verkündigt den zweckfreien Sinn des Menschenseins und einer erlösten Schöpfung. Wer frei spielt, „verlacht“ die Welt der Macher, Angeber und Ausbeuter; er entzieht sich dem Druck ständiger Optimierung seiner selbst.

Literatur: Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

Hoffnung macht jung

„Wer hofft/ ist jung //Wer könnte atmen/ohne Hoffnung/ dass auch in Zukunft/ Rosen sich öffnen// ein Liebeswort die Angst überlebt“

(Rose Ausländer, Hoffnung II, in: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.43)

Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer (1901-1988) leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin. Schon ein lateinisches Sprichwort sagt: „Dum spiro, spero“- solange ich lebe, hoffe ich. Hoffnung ist eine Kraft in uns, die sich stärker erweisen kann als Angst, Verzweiflung, Trauer, Müdigkeit und Resignation.

Hoffnungsspalten in der Bedrängnis, Acryl auf Leinwand

Fast jeder von uns kommt im Laufe des Lebens in Situationen, in denen er müde und resigniert aufgeben will, nicht mehr weiter will oder kann. Manchmal ergibt sich am Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag: eine Kraft taucht auf, die den Mut zum Weitermachen schenkt, die mit neuer Gewissheit und Zuversicht anfüllt. Das ist die Kraft der Hoffnung, die wie ein Stern am bewölkten Himmel plötzlich auftaucht oder wie ein Sonnenstrahl, der sich durch die dunklen Wolken gekämpft hat .

„Wer hofft, ist jung.“ Wer hofft, ist auf eine Zukunft ausgerichtet. Hoffnung ist eine gespannte Erwartung auf die Zukunft. Kinder und junge Menschen stecken meist noch voller Hoffnungen und Erwartungen ans Leben; sie erwarten gespannt auf das, was kommt. Wer keine Hoffnung mehr hat, ist am Ende, fühlt sich alt, verbraucht und leer. Hoffende Menschen dagegen bleiben, auch wenn sie alt werden, jung, weil sie das Lebenselexier Hoffnung in sich tragen. Die Kraft zu hoffen, muss und kann geübt werden sagt der  Philosoph Ernst Bloch; sie verlangt Disziplin auf eine Zukunft zu setzen, auch wenn vieles dagegen spricht und arbeitet. Wer sich für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen will, braucht einen langen Atem der Hoffnung. Wer Kinder großziehen will, braucht die Kraft der Hoffnung, dass ihr Leben gelingt, auch wenn sie ganz andere Wege gehen. Wer sich für mehr Rechte für behinderte Menschen einsetzt, braucht ebenfalls die Kraft der Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft trotz aller Widerstände etwas zum Besseren verwandeln lässt. „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King stellvertretend für viele Hoffende, ein Traum, in dem es um die Überwindung von Vorurteilen ging, ein Traum, der heute realisiert ist.

In der Hoffnung geht es aber nicht nur um die großen Menschheitsträume. Manche Menschen hoffen nur darauf, einen Tag ohne Schmerzen zu überstehen oder einmal durchschlafen zu können. Schon alltägliche, unscheinbare Dinge, die leicht übersehen werden können, entfachen Hoffnung: „dass …die Rosen sich öffnen“ oder der Gesang der Vögel am frühen Morgen, ein freundlicher Gruß, den der Nachbar oder die Kollegin sagt oder ein liebes Wort von einem Freund. So können wir alle an der Hoffnung dieser Welt mitarbeiten. Wir brauchen einander im Hoffen, denn die Erfahrung zeigt, dass meine Hoffnung allein nicht ausreicht, das Leben gut zu bestehen oder einen Traum zu realisieren. Allein im Licht der Hoffnung, der immer auch eine Geschenk ist, können wir in dieser Welt, im Leiden und Scheitern, im allzu Zerbrechlichen des Menschseins und der Schöpfung, im trübseligen Strom menschlicher Schwächen und Bosheiten, immer noch Gottes Gegenwart finden und an seinen erneuernden Geist glauben. Doch stehen wir immer wieder vor der Wahl, ob wir die Welt aus rein weltlicher Sicht betrachten und bewerten wollen oder eben mit den Augen der Hoffnung, um auch noch im Unscheinbaren und „trotz-alledem“ Gottes Gegenwart zu erkennen.

Erinnern und erzählen

Wenn ich Trauerfeiern vorbereite, versuche ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen wichtige Punkte aus der Lebensgeschichte des Verstorbenen zusammen zu tragen und die einzelnen Mosaiksteine zusammen zu setzen. Das ist manchmal schwierig, weil die Lebensgeschichten und die wesentlichen Punkte des Lebens nie oder selten erzählt wurden. Manche sagen dann angesichts eines unwiderruflichen Abschieds: „ Schade, dass ich ihn/sie solange gekannt habe und doch so wenig von ihm/ihr wußte.“

Tatsächlich zerrinnt uns selbst auch die eigene Lebensgeschichte, wenn wir nicht ab und zu innehalten, uns erinnern, oder anderen von unserem Leben erzählen. Das Konzept der Salutogenese hat herausgefunden, dass ein Leben dann als sinnvoll erlebt wird, wenn wir darin einen roten Faden finden können. Der jüdische Psychologe Aaron Antonovski spricht in diesem Zusammenhang vom „Kohärenzsinn“. Umgekehrt bleibt ein Leben, das nur Patchwork ist, in dem kein wirklicher Zusammenhang und eben kein roter Faden gefunden wird, unbefriedigend . Deshalb ist es spätestens ab der Lebensmitte wichtig, dass wir uns, -zumindest ab und zu-, an die eigene Lebensgeschichte heranwagen, zurückschauen, sie in ein Tagebuch aufschreiben oder sie einem anderen erzählen, was noch intensiver sein kann.

Erinnern ist mehr als das Aufzählen von Daten wie bei einem tabellarischen Lebenslauf. Er-innern ist oft mit einer Anstrengung verbunden: Wie war das damals? Wie habe ich dies oder jenes erlebt? Mit welchen Gefühlen war es verbunden? Erinnerung muss auch gegen das Vergessen, den betäubenden Schlaf, die Verdrängung und das Verstricktsein ins Alltagsgetriebe ankämpfen. Erinnern ist eine Weise des Nacherlebens, des tieferen Nachdenkens, des Aneignens meines ureigenen und einmaligen Lebens mit all seinen Licht- und Schattenseiten, den Hindernissen und Lebenskämpfen, sowie den glücklichen und traumatischen Stationen, die es womöglich mit sich brachte. Erinnern fällt besonders dann schwer, wenn es mit Scham und Schuldgeschichten, Irrungen und Fehlern einhergeht, die einem womöglich erst jetzt so ganz bewusst werden. Doch fast jedes Leben hat auch Erhebungen(ähnlich den Noppen der Brailleschrift)und Ereignisse, die zur Dankbarkeit führen und ohne Ausdruck unerkannt und ungewürdigt bleiben.

Jedenfalls klärt die Erinnerung manches, was womöglich in der augenblicklichen Situation des Erlebens unverständlich und womöglich sinnlos erlebt geblieben ist. Es scheint, dass wir erst im zeitlichen Abstand, richtig erkennen und sehen lernen. Und nicht selten sind die entscheidenden Lebenserfahrungen jene, die bereits vorbei sind, aber zugleich stark in die Gegenwart nachwirken. Oft kann ich erst im Rückblick die wahre Bedeutung und Qualität eines Erlebnisses, eines Menschen, einer Beziehung, einer Begegnung, eines Gesprächs ….erkennen, erfassen und im Jetzt zur vollen Wirkung verhelfen. Im Prozess des Erinnerns bringe ich das „woher“ meines Lebens in einen Zusammenhang mit dem Jetzt und gewinne daraus womöglich Zukunft. Im Er-innern kläre ich mein Leben und werfe dabei überflüssigen Ballast aus meinem Lebens- und Entwicklungsfeld. Ich lerne im Erinnern und Erzählen mein Leben neu zu sehen.

Was hilft mir persönlich beim Erinnern? Ich lese gern Biografien. Im Lesen von Biografien anderer Menschen komme ich nicht selten in Kontakt mit der eigenen Lebensgeschichte und den darin verborgenen Fragen. Jean Vanier, der Gründer der weltweiten Arche Gemeinschaften, erzählt sein Leben mit geistig behinderten Menschen immer im Kontext seines Elternhauses, seiner Suchprozesse, seiner Fragen und Antriebe. Auch viele biblische Geschichten sind Lebensgeschichten- man denke zum Beispiel an die Abrahams-, die Mose-, oder die Josefsgeschichte und viele andere-, die mit Aufbruch, Befreiung, Familie, mit Licht und Schatten exemplarisch Anteile unserer eigenen Lebensbewegung spiegeln, und den Leser anregen über die eigene Biografie nachzudenken.

ER-INNER-UNG, Acryl auf Leinwand

Impuls: Schreibe in dein Tagebuch oder erzähle jemanden von Deinem Leben: (zur Hilfe mehrere Fragen) Welche Menschen (Eltern, Lehrer, Vorbilder…)waren mir besonders wichtig? Schreibe alle Namen auf! Welche (individuellen oder geschichtlichen) Ereignisse im Leben waren für mich zentral, erschütternd, lebenswendend, total wichtig? Gab es entscheidende Weichenstellungen in meinem Leben (in meinem Denken, Fühlen, meinen Weltanschauungen? Finde ich einen roten Faden in meinem Leben? Welche Niederlagen/Scheitern/Verluste gab es in meinem Leben und wie bin ich damit umgegangen? Welches waren die besten Entscheidungen meines Lebens Gab es Musikstücke, die bis tief in die Seele hineingewirkt haben? Kenne ich Bilder, die sich tief in mich eingeprägt haben? Gab es Bücher(Romane, Gedichte..), die mich bewegt oder sogar verändert haben? Kenne ich biblische Geschichten, die mich besonders beschäftigten, berührten oder Orientierung gaben?

Literatur zur Vertiefung:

Nouwen, Henri, Von der geistlichen Kraft der Erinnerung, Freiburg 1984

Ortheil, Hans –Josef, Die Erfindung des Lebens, München 2009 (sehr lesenswerter autobiografischer inspirierter Roman wie ein stummes Kind zur Sprache kommt)

Petzold, Theodor D (Hrsg.), Herz mit Ohren, Salutogenese und Sinn, 2.Aufl. Bad Gandersheim 2012

Vanier, Jean Wege zu erfülltem Mensch Sein, Freiburg, Basel, Wien 2001

Filmempfehlung: Jo Baier(Regie), Das Ende ist der Anfang – Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens (nach dem Bestseller von Tiziano Terzani mit Bruno Ganz und Erika Pluhar (Schauspieler), 2011; ein sterbender Journalist erzählt seine Lebensgeschichte seinem Sohn)

Neu anfangen

Vor einigen Tagen hat das neue Jahr begonnen, womöglich auch für Sie ein Ansporn einiges neu anzufangen und anzupacken.

Viele Neuanfänge in unserem Leben sind mit Erwartungen und Verheißungen, mit einem Hauch von Neugeburt verknüpft: eine neue berufliche Stelle, eine eigene Wohnung , eine neue Wohngruppe, eine neue Schule, frisch verliebt, Hochzeit, die Geburt eines Kindes. Viele junge Paare, die ihr erstes Kind freudig erwarten, spüren besonders deutlich: mit dem neuen Leben wird auch unsere Beziehung, unsere Seele, unser eigenes „Innen-sein“ noch einmal neu beginnen und sich erneuern, gerade so als würde mit jedem(!) Kind die Welt noch einmal von vorne beginnen wollen..

Neu anfangen können wir auch nach überstandener Krankheit oder nach einer Phase, wo wir meinten, dass nichts mehr stimmt und geht. Auch diejenigen unter uns, die ein Unfall oder ein Schlaganfall aus dem bisherigen Leben gerissen hat, müssen gänzlich neu anfangen, neu mit sich selbst und ihrem Leben vertraut werden, es annehmen wie es jetzt entgegenkommt.

Neu anfangen können bedeutet aber auch: Ich bin nicht auf die Vergangenheit und das Bisherige meines Lebens festgelegt. Ich habe die Chance auf eine noch nicht dagewesene Zukunft. Ich spüre frischen Wind im grauen Einerlei meines Alltagstrottes und meiner Gewohnheiten. Zuweilen ist es für einen Neuanfang notwendig, Altlasten abzulegen, Illusionen los zu lassen, Beziehungen zu klären.  

Dynamis -Acryl auf Leinwand

Neuanfangen kann ich auch in den Beziehungen, wenn ich merke, das dieser oder jener Mensch, mein Partner, meine Partnerin im Laufe der Jahre ganz anders geworden ist und das Gewohnte gesprengt hat. Dies verlangt den Anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren und anzunehmen. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt die biblische Weisung.

Und auch mit mir selbst, dem sich das Leben immer wieder anders zumutet, muss ich ja immer wieder neu anfangen. Dies gilt auch für meinen Glauben und meine Überzeugungen, weil sich zum Beispiel alte Gottesbilder aufgelöst haben und nicht mehr tragen. Und womöglich ist es der wahre Gott in seinem Anderssein, der mich als Pilger oder Nomade auf einen ungesicherten Weg schickt, mich immer wieder neu anfrägt und aufbricht.

Impuls:

Zu jedem Neuanfang, der mehr ist als eine kleine äußerliche Veränderung des Bisherigen, muss ich hinausschauen über meinen begrenzten Alltagshorizont, der mir vielleicht wenig Spielräume lässt. Ich könnte ja- ähnlich den Sterndeutern in der Bibel- in einer sternenklaren Nacht zum Himmel schauen, meinen Blick weiten in die unvorstellbaren Räume unseres Kosmos, in die unendlichen Dimensionen der Galaxien, und dies auf mich wirken lassen. Womöglich beginne ich nach letzten Zusammenhängen zu fragen, die meinem Leben Halt, Sinn und Hoffnung geben. Es stellt sich dabei vielleicht die Frage, ob ich mein Leben in einem größeren Sinnkontext verstehe (also ob ich von einer größeren Macht gewollt und bejaht bin) oder ob ich nur ein Zufallsprodukt in einem wie auch immer gearteten kosmischen Prozess bin. 

Zeit für das menschliche Herz

Nackt und angewiesen

Wir Menschen sind in Schwäche geboren,  und  nach der Geburt-nackt und hilflos,  noch ziemlich zerbrechliche Wesen, die nichts von dem selber haben, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Zuwendung, Zärtlichkeit, Ansprache- kurz gesagt Liebe.

Wir sind als Menschen von Anfang an auf Beziehung angelegt und angewiesen, auf das Geschenk des Lebens. Das menschliche Herz braucht in Worten und  Gesten die Bestätigung: du bist wertvoll und wundervoll! Ich liebe Dich gerade so wie du bist! Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!….…Wenn das kleine Kind diese „Worte“ nicht empfängt , nicht ausreichend oder gar nicht geliebt wird, entsteht eine tiefe Wunde im menschlichen Herzen und daraus entwickelt sich Angst, Ärger und Kampf.

„Zentralverriegelung Angst“

Manche schließen sich ab, und die „Zentralverriegelung Angst“ (Melanie  Wolfers) baut um das verletzbare und berührbare Innere einen wehrhaften und undurchdringlichen Panzer. Nicht wenige Leute tragen viel Angst und Furcht in ihren Herzen, sind ständig dabei innere und äußere Grenzen und Mauern zu bauen, um sich (und ihre Klasse, Gruppe, Nation, Rolle, Volk…) zu schützen. Und wir vergessen dann, dass wir Teil einer großen menschlichen Familie sind.

Wieder andere geraten in die Falle des sich Behaupten und Beweisen- müssens;und sie erleben dabei,  was auch immer sie tun und wie sehr sie sich auch anstrengen, es scheint nie genug, um die Anerkennung und die Wertschätzung (der Eltern, später des Chefs..) zu bekommen.

Zentral für die menschliche Entwicklung ist es, dass das Herz entdecken kann: Ich bin wertvoll. Und jemand lieben bedeutet, ihm sagen zu können: Du bist wertvoll !

Den Menschen sehen wie er ist

Wichtiger als das, was wir tun, ist es, eine Antwort zu bekommen auf die Frage: Wer bin ich? Es geht in der menschlichen Entwicklung nicht vorrangig um das , was ein Mensch tut oder was er besitzt, sondern was er ist. Doch oft scheinen wir blind füreinander und sehen den jeweils Anderen nur recht äußerlich; in seiner Rolle etwa, in dem, was er für mich leistet oder von mir fordert, in der Schablone, in die wir ihn gesteckt haben. Sehen wir nur den Verkäufer/-in, der im Supermarkt  an der Kasse sitzt oder begegnen wir ihm/ihr so, dass er sich menschlich angesehen und angesprochen fühlt. Nehmen wir den anderen Menschen noch als Menschen wahr oder nur in seiner Rolle als Automechaniker, der mein Auto repariert, als Verwaltungsangestellte, die meinen Antrag bearbeitet, als Angestellte in meinem Betrieb…Und oft sind wir nicht nur dem anderen gegenüber abgestumpft, sondern auch unserem eigenen Inneren; wir spüren nicht mehr,  was uns in der Tiefe beschäftigt, bewegt, berührt und umtreibt; wir weichen dem Zerbrochenen und Ungeheilten in unserer eigenen Seele aus.

Beziehungen verwandeln durch Vertrauen

Jeder kann umgekehrt Beziehungen wandeln, Leben transformieren, Leben geben und empfangen; wie schnell kann sich selbst eine schwierige und unerfreuliche Beziehung verwandeln, wenn sich der Andere als Mensch wahrgenommen und angesprochen fühlt und sich mit seinen Schwächen und Schattenseiten angenommen fühlt. Wenn der andere spürt, dass er als Mensch vorkommen kann, bekommt er den Mut sich zu zeigen wie er ist statt sich hinter seiner Rolle zu verschanzen. Im Vertrauensraum braucht sich keiner mehr hinter einem Panzer aus Macht und Angst einzuigeln.

Zeit für das menschliche Herz

(„Herzengel“, Acryl auf Leinwand, 60 /80 cm, von Gustav Schädlich-Buter)

Nehmen wir uns Zeit für einander, für das menschliche Herz, das darauf wartet, angesprochen, wahrgenommen und berührt zu werden!  Spiritualität bedeutet nichts anderes als einen Geschmack dafür zu entwickeln, dass unser Leben und jeder Moment darin wertvoll ist, und darin  Gottes Gegenwart geahnt werden kann.

Impuls:

Gab und gibt es Menschen in meinem Umfeld, die mich darin bestärken, dass ich wertvoll bin?

Sagen Sie heute einem fremden Menschen ein freundliches und aufbauendes Wort!

Was macht mir Angst?

Glück angesichts Zerbrechlichkeit

Was ist Glück?

Und was ist Glück angesichts der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit des Lebens. Sollte, wer über Glück redet, nicht zuerst das Unglücklichsein und Scheitern von uns Menschen beachten? Was macht Menschen glücklich und was lässt sie unglücklich werden?

Das Buch Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft von Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier und Laurent Cherisey, enthält dazu wichtige Einsichten.

Alles Unglück der Welt auf dem Bildschirm

Philippe Pozzo di Borgo,- bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, dessen Leben vielen bekannt wurde durch den Film „Ziemlich beste Freunde“-, berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten  Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:

 „Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht…All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns…..Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen , sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken..“ (Ziemlich verletzlich, ziemlich stark, S.8f.)

Die Verschleierung der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz

Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewiger Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit , sondern  führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen.

Kein Glück ohne elementare Beziehungen

Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen (statt Gleichgültigkeit)für das Glück und Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.

Pozzo di Borgo sagt:

„Als ich vor zwanzig Jahren lernen musste, mit der Schwerstbehinderung zu leben, merkte ich irgendwann, dass es nichts Elementareres gibt, als ein menschliches Gegenüber zu haben. Die Einsamkeit in unseren individualistischen Gesellschaften ist das Schlimmste… Das Glück besteht im Austausch mit anderen Menschen.“ (a.a.O., S. 9)

Menschen mit Behinderung seien im Beziehungsgeschehen von Geben und Nehmen keineswegs  bloß die bedürftigen Empfänger, sondern hätten ebenfalls etwas zu geben, eröffneten einen anderen Blick auf den Menschen, das Menschsein  und führten zu einem vertieften Umgang mit den eigenen Ängsten (vgl. a.a.O, S. 11) Zudem würden Menschen, die von einer Behinderung geschwächt sind, eine heilsame Rolle als Wächter auf dem Weg in eine humanere Gesellschaft leisten und vor dem Abdriften in inhumane Zustände warnen.

„Brüderlichkeit“ als Grundlage einer solidarischen Gesellschaft

Philippe Pozzo di Borgo findet im Wort „Brüderlichkeit“ (eine der Losungen der Französischen Revolution 1789/ Liberté, Égalité, Fraternité )das Gegenprogramm zu einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das darauf ausgerichtet ist, die egozentrischen Bedürfnisse des Individuums optimal zu befriedigen und die Autonomie und die Unabhängigkeit als höchste Werte zu proklamieren. Zur „Brüderlichkeit“ gehören die Bereitschaft der Menschen einander beizustehen. Pozzo di Borgo will als „unbeweglicher Krieger“ seinen Beitrag zu einer solidarischen Gesellschaft leisten.

Auch wenn Pozzo di Borgo sich selbst als areligiös und ungläubig bezeichnet, ist er dennoch von Jesus, den er durch seinen Großvater kennenlernte, begeistert und von dessen Güte und Großzügigkeit weit mehr inspiriert als von Marx.

Geld allein macht nicht glücklich

Die Sehnsucht behinderter Menschen nach Beziehung, Verbundenheit und Dazugehörigkeit lässt sich durch Geld allein nicht stillen. Auch wenn staatliche finanzielle Investitionen für ein barrierefreies Leben notwendig und unumgänglich sind, darf die finanzielle Entlastung nicht das Einzige sein, was behinderten Menschen von Seiten der Gesellschaft angeboten wird. So ist -wie im Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ beschrieben- , eine junge Frau mit einer Behinderung trotz einer hohen finanziellen Unterstützung ziemlich unglücklich darüber, dass sich für sie keine unbezahlten, nicht professionellen Beziehungen ergeben.

Das Glück im Genießen einfacher Dinge

Lebnstanz, Aquarell

Für Pozzo di Borgo gehört zum Glück die Freude an den einfachen Dingen, die auch damit zu tun nicht durch die Zeit zu rasen, sondern in der Gegenwart mit allen verfügbaren Sinnen zu leben.„Trotz des Leids freue ich mich sehr, dass ich lebe. Wenn Sie wüßten, wie gut mir meine Tasse Kaffee am Morgen schmeckt.“(a.a.O., S.44)

Glück durch wertschätzende Blicke

Im Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ wird auch herausgestellt, dass der Blick, mit dem man angesehen wird, für Glück oder Unglück von (behinderten) Menschen verantwortlich sein kann. Nicht selten treffen gerade behinderte Menschen Blicke, die aussondern, abschätzig sind, diskriminieren und im eigentlichen Sinn „behindern“. So fordern Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou in mehreren Interviews:

Wir, die kaputten Typen.., wir wollen nicht euer Mitleid , sondern mit anderen Augen gesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (a.a.O., S. 48)

Glück in der Stille

Zum Glückserleben dieses inneren Wertes der eigenen Person, unabhängig und vor aller Leistung-, trägt besonders die Stille bei. Philippe Pozzo di Borgo beschreibt sich selbst als Krachmacher, der nie zur Ruhe kam und darauf abgerichtet war, „die ganze Erde zu verschlingen“..

Erst als ich mich reglos in einem fast stillen Raum wiederfand, merkte ich, dass ich mein ganzes Leben einen Höllenlärm veranstaltet hatte. In dieser Stille fand ich wieder zu mir. Ich stellte mir die richtigen Fragen…..Wenn man die Stille zulässt, vermag man wahrzunehmen, was man sich im tiefsten Herzen wünscht.“(a.a.O., S. 73)

Philippe Pozzo di Borgo empfiehlt im letzten Satz seines Buches:

„Warten Sie nicht, bis unberührbar geworden sind, um das Glück wieder in Ihrem Leben zuzulassen.“(a.a.O., S.89)

Zum Nachdenken:

Worin, wodurch, wobei oder mit wem bin ich glücklich?

Was bedeutet für mich Glück?

Literatur:

Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier und Laurent Cherisey „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft , deutsche Ausgabe München 2012