Mut

Mut

Gehören Sie zu den mutigen Menschen?

Viele bewundern den Mut von Menschen, die auf einem Seil über einen Abgrund balancieren oder die an einer steilen Felswand oder Hochhausfassade ohne Sicherung klettern, oder Abenteurer, die mit einem kleinen Segelschiff ganz allein den Ozean durchqueren.

Ohne Zweifel braucht unsere Welt mutige Menschen. Vielleicht weniger von denen, die ihr Leben nur um der Aufmerksamkeit willen für sich selbst auf`s Spiel setzen, sondern Menschen, die sich gegen Widerstände für Frieden, Freiheit und humane Werte mutig einsetzen trotz ihrer Angst.

Menschen, die ihre Angst überwinden und Neues wagen, die aus der Menge heraustreten und ungerechte und unmenschliche Strukturen publik machen, die festgefahrene Traditionen aufbrechen. Nicht selten riskieren sie dabei sehr viel: ihre Gesundheit, ihr Leben, ihren Ruf, ihr Auskommen; sie sind oft vielfachen Anfeindungen ausgesetzt und müssen mit Spott , Gefängnis oder Entzug von Freundschaft rechnen.

Man denke nur an Georg Elsner, Sophie und Hans Scholl, die Mitglieder der weißen Rose,  Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King , Wangari Maathai, Dom Helder Camara,  Bischof Kräutler und viele andere. Und natürlich kann man sich auch fragen, warum es zwischen 1933 und 1945 zuwenig mutige Deutsche gab.

(Titel:  Mutiges Herz, Mischtechnik von G. Schädlich-Buter)

Aber was bedeutet Mut für unseren Alltag?

Ich möchte ein paar Beispiele geben, die anregen können über den eigenen Lebensmut nachzudenken.

Es braucht Mut, einem anderen Menschen ganz und gar zu vertrauen.

Mutig ist der, der zu seiner Überzeugung steht, obwohl alle gegen ihn sind und er Nachteile in Kauf nehmen muss.

Mut ist nötig, sich für „Außenseiter“ einzusetzen und deren Würde zu verteidigen.

Mut bedeutet, mit einem Kollegen/-in oder Partner/-in darüber zu sprechen, was mich an dessen Verhalten oder Reden verletzt und gekränkt hat.

Mutig muss man sein, einen Menschen anzurufen oder zu besuchen, der schwer erkrankt ist und es braucht Mut, sich einem anderen in seiner Schwäche zu zeigen.

Mut ist verlangt jemanden danach zu fragen, worunter er leidet und mutig ist es, einem anderen zu sagen, was die eigene Wunde ist.

Es braucht Mut mit einer Behinderung zu leben und sich eine größtmögliche Autonomie zu erkämpfen.

Mut kann auch heißen, die Trauer in der eigenen Seele zu fühlen und ebenso mutig ist der, welcher sich der Trauer eines anderen Menschen stellt und sie begleitet.

Es braucht Mut, seine Gewohnheiten und Sicherheiten zu verlassen, um „Neuland“ zu betreten. (vgl. die Abrahamsgeschichte im Alten Testament)

Und es braucht Mut, an einen Gott zu glauben, den noch nie jemand gesehen hat und darauf sein Leben zu gründen.

Mut ist im Herzen der Motor, der etwas bewegen und verändern will. Mutig ist nicht jemand, der keine Angst hat, sondern der Wege für sich gefunden hat, seine Angst zu überwinden.

Impuls zum Nachdenken:

Schreibe ins Tagebuch/oder erzähl Dir im Selbstgespräch oder einem Freund/-in zum Thema: „Da war ich einmal richtig mutig..“

Kenne ich mutige Vorbilder für mein Leben? (siehe auch oben)

Welche Mutmachgeschichten in der Literatur sind mir bekannt?

Literatur zu Vertiefung:

Christian Nürnberger, Mutige Menschen. Für Frieden, Freiheit und Menschenrechte

Georg Schwickert, Courage, Mut für ein freies Leben

Jacques Lusseyran (Autor), Das wiedergefundene Licht: Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand Taschenbuch – 2002

Segen- “ Du bist der geliebte Mensch“

„Du bist der geliebte Mensch“ lautet der Titel eines Buches von Henri Nouwen, in dem er versucht, einem Freund, der gänzlich in einer säkularen Welt lebt, etwas von seinem Glauben zu vermitteln. (vgl. H. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006)

Der geistliche Schriftsteller Henri Nouwen beschreibt als Ziel jeder geistlichen Reise, die Wahrheit und Wirklichkeit, von Gott zutiefst und bedingungslos geliebt zu sein („Du bist der geliebte Mensch“), voll und ganz für sich zu erfassen. Solange bleibt das suchende Herz letztlich unruhig bis diese Liebe, für welche jede menschliche Liebe ein Vorgeschmack sein kann, es ganz zu ergreifen vermag. Auf dieser Reise müssen wir das, was wir letztlich schon sind, nämlich Gottes geliebte Kinder, zugleich noch werden.

Henri Nouwen, der eine Karriere als Hochschulprofessor aufgab und sich der von Jean Vanier gegründeten „Arche“- Bewegung gemeinsamen Lebens mit behinderten Menschen angeschlossen hat, benennt für diese Reise in die volle Wirklichkeit von Gott geliebt zu sein, vier „Stationen“ und zu erfassende Wahrheiten (entsprechend des eucharistischen Vollzugs: das Brot zu nehmen, zu segnen, zu brechen und herzugeben):

Angenommen und auserwählt

Die erste Wahrheit besteht darin, sich bewusst zu machen, dass ich bereits „genommen“ und „auserwählt“ bin. Das bedeutet nicht, besser und großartiger als andere zu sein, sondern jemand hat an mir etwas Besonderes gesehen und mich in meiner Einmaligkeit wahrgenommen; jede und jeder ist bereits als geliebter Sohn oder Tochter ausgewählt; schon von Ewigkeit her wurde ich von Gott her als kostbar angeschaut und als ewig wertvoll erkannt. Wir erhalten unsere Kostbarkeit und Einmaligkeit von jenem, der uns in immerwährender Liebe auserwählt hat, der sein Antlitz über uns erhebt und uns voll Liebe anschaut. Ich bin einmalig, kostbar und geliebt. Dies ist die eigentliche Wahrheit über mein Leben und diese Wahrheit will im Laufe der Reise stärker werden als alle jene Aussagen über mich, die verletztend, beleidigend und erniedrigend sein mögen.

Gesegnet

Die zweite Wahrheit die wir uns auf dieser Reise aneignen sollen, heißt: Wir sind „gesegnet“ und „Gesegnete“. Als verunsicherte und verängstigte Menschenwesen bedürfen wir eines Segens. Das lateinische Wort für segnen „benedicere“ heißt wörtlich: über jemand etwas Gutes sagen. Wir alle brauchen es, dass jemand etwas Gutes über uns sagt. Aber der Segen geht noch über Anerkennung und Lob hinaus. Der Segen ist eine Erinnerung an  die ursprüngliche Gutheit des Anderen. Einen anderen segnen heißt ihm Gottes Liebe zusprechen und daran zu erinnern: du bist ein besonderer Mensch, den Gott ganz lieb hat. Alle individuellen Segenswünsche (Worte der Dankbarkeit, Ermutigung und Zuneigung) sind ein Widerhall des Segens, der von aller Ewigkeit an auf uns Menschen ruht.

Gerade schwer behinderte Menschen können reichen Segen verschenken. „Einer aus meiner Kommunität, Adam, kann nicht sprechen, kann nicht allein gehen, kann nicht ohne Hilfe essen, kann sich nicht selbstaus- oder anziehen, aber an Menschen, die sich die Zeit nehmen, ihn einfach zu halten oder bei ihm zu sitzen, hat er sehr viel Segen zu verschenken….Diese Art Beschenkt-werden erfließt aus dem einfachen Gegenwärtigsein….“ (H. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, S.69)

Der Segen erinnert uns im Laufe unserer Reise, dass wir geliebt sind und einem liebenden Gott zugehören. Diese Segensworte sagen die Wahrheit, auch wenn jene infragegestellt wird durch die lauten Flüche, Beschimpfungen und rücksichtslosen Erniedrigungen, die über uns ergehen und Finsternis, Zerstörung und Tod produzieren wollen.

„Gebrochen“

Die dritte Wahrheit, die wir nicht verdrängen sollten, lautet: wir sind „ ge-brochen“. Jede und jeder von uns erfährt Gebrochenheit und dies in ganz individueller Weise: Einsamkeit, Isolation, Ängste, Unsicherheiten, Trennungen, Scheitern, Niedergeschlagenheit, Schmerzen und Tod als radikalster Beweis, dass unser Leben gebrochen ist.

(Kreuz unter Segen gestellt,  Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Die Art und Weise wie ich gebrochen bin und meine Gebrochenheit erfahre, offenbart etwas ganz Wesentliches und Charakteristisches über mich; mein ganz persönliches Gebrochen-sein rührt an meinen Personkern , sagt etwas über meine Einmaligkeit und mein nicht vergleichbares Leiden daran. Nouwen meint, wir seien in unserer Gebrochenheit so einmalig wie in unserem Auserwähltsein (Nouwen, a.a.O., S. 75) und unsere Wunden, machten die Substanz unseres Lebens aus.

In meiner eigenen Gemeinschaft, in der wir mit vielen stark behinderten Männern und Frauen zusammenleben, stammt das größte Leiden, nicht aus dem Behindert- sein selbst, sondern aus den Gefühlen, nutzlos, wertlos, geringgeachtet und ungeliebt zu sein. Man kann es viel leichter ertragen, nicht reden, gehen oder selbstständig essen zu können, als nicht für jemanden ganz besonders wertvoll zu sein.“ (Nouwen, a.a.O., S. 76)

Nouwen schlägt zwei Weisen vor, um mit der eigenen Gebrochenheit umzugehen.

Die erste Weise besteht darin, sich mit ihr auszusöhnen und sich mit ihr anzufreunden. Dem mit der Gebrochenheit verbundenen Leiden und Schmerz darf ich nicht ausweichen. Um mich ihm zu stellen brauche ich jemanden, der mir hilft, ihn zu durchleben und standzuhalten. Durchlittenes und durchlebtes Leid kann so ein Weg zu innerem Frieden und zur Freude werden.

Als zweite Möglichkeit mit der eigenen Gebrochenheit umzugehen, schlägt Nouwen vor, jene unter den Segen zu stellen. „Die wesentliche geistliche Aufgabe der geliebten Kinder Gottes besteht darin , ihre Gebrochenheit aus dem Schatten des Fluches zu entfernen und sie ins Licht des Segens zu stellen……Wenn man körperlichen, seelischen oder gefühlsmäßigen Schmerz unter dem Segen lebt, erfährt man ihn grundverschieden anders, als wenn man diesen Schmerz unter dem Fluch trägt. Schon eine kleine Last, die jemand als Bestätigung seiner Wertlosigkeit empfindet, kann in tiefe Depressionen stürzen, ja in den Selbstmord treiben.

Dagegen werden selbst große und schwere Lasten leicht und tragbar, wenn man sie im Licht des Segens trägt. Was unerträglich schien, wird zur Herausforderung. Was ein Grund zur Depression schien, wird zur Quelle der Läuterung….So besteht also die entscheidende Aufgabe darin, dem Segen zu erlauben, uns in unserer Gebrochenheit anzurühren.“ (Nouwen, S, 84 f.) Gerade die durchlebten und durchlittenen Bruchstellen des eigenen Lebens, können zur Gabe für andere werden.

Sich verschenken

Die vierte Wahrheit heißt: hergeben. Nicht um unserer selbst willen, sind wir auserwählt, gesegnet und gebrochen, sondern all jenes findet darin eine Bedeutung, dass wir es für andere leben. Die größte Erfüllung des Lebens bestünde gerade darin, uns selbst an andere zu verschenken, etwas, ja noch mehr, sich selbst, herzugeben, denn unser Leben selbst sei das größte Geschenk, das wir zu vergeben hätten. Wichtiger beim Schenken als die je eigenen Talente seien die Gaben (Freundschaft, Geduld, Freude..), als Weisen wie wir unser Menschsein zum Ausdruck bringen.

„ Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich, daß mein größtes Geschenk, das ich anzubieten habe, meine eigene Freude am Leben ist, mein eigener innerer Friede, mein eigenes Schweigen und meine Einsamkeit, mein eigenes Gefühl, mich wohl zu befinden.“ (Nouwen, a.a.O., S.98)

In einer Welt des gnadenlosen Wettbewerbs und rücksichtloser Habgier wird der Sinn für die Freude des Gebens immer mehr verloren. Ein glückliches Leben ist ein Leben für andere und hängt nicht vom Haben ab; eine Wahrheit, die einem meist erst angesichts eigener Gebrochenheit aufgeht.

Eine letzte Hingabe im Sterben

Das Sterben kann und soll das Mittel unseres letzten Hergebens unserer selbst werde. „Ich persönlich halte das Leben für eine Vorbereitung auf den Tod als endgültige Tat des Mich-Hergebens…. Das Sterben von Menschen, die wir lieben und die uns lieben, eröffnet uns die Möglichkeit einer neuen, radikaleren Kommunion, einer neuen Intimität, eines neuen Zusammengehörens. ..Erst wenn wir gestorben sind, kann sich unser Geist vollständig offenbaren. (Nouwen a.a.O., S.101)

In Gottes Händen bis zum Ende, Foto: Melchior Buter

Allerdings (denn es gibt auch Menschen, die qualvoll und voller Groll sterben und deren Geist von Finsternis nahezu ausgelöscht ist) müssen wir uns auf das Sterben und auf den Tod vorbereiten; wir seien dafür verantwortlich wie wir sterben und im Anliegen der Hingabe könnte auch unser Sterben zur freien Gabe für andere und zur „Ouelle neuer geistlicher Energie“ werden.

Literatur:

H. Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006)

„Frieden suchen“

Hass und Gewalt durchzieht die Weltgeschichte

Die Sehnsucht nach Frieden, nach echtem Frieden, wurzelt tief, gerade bei jenen, die noch die zwei grauenhaften  Weltkriege miterlebt haben mit all dem Blutrausch, dem  sinnlose Morden und Dahinschlachten für das je eigene „Vaterland. „….. »Friede« tönt es /Wie aus Märchen, aus Kinderträumen her. /»Friede«. Und kaum zu freuen/Wagt sich das Herz, ihm sind näher die Tränen.“//dichtete einst Hermann Hesse (1877-1962)Der Wahnsinn von Gewalt und Gegengewalt, von Krieg und sinnloser Zerstörung  durchzieht unsere Weltgeschichte bis in die Gegenwart.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist DSCN5586-1-1024x801.jpg

(Kampfgetümmel „, Acryl auf Leinwand, 80×60, von Gustav Schädlich-Buter)

Die Wurzel der Gewalt im eigenen Herzen

Das Böse hat uns so leicht am Kragen und in irgendeiner Weise sind wir im Laufe des Lebens wohl alle irgendwie darin verwickelt. Die Gewalt in ihren vielfältigen Formen hat ihre Wurzeln oft genug im eigenen Herzen; dort finden wir Unruhe, Kälte, Abneigung, Abgetrenntheit und blinden Hass. Hass und Gewalt entsteht oft dort,wo wir uns nicht bedingungslos  geliebt und geschätzt fühlen und unseren Wert erst erleisten müssen, indem wir zum Beispiel andere ausstechen oder  besser sein wollen als der Kollege oder Nachbar. Frieden in der Seele entsteht dort, wo ich dieses bedingungslose Angenommensein erlebe  und in zwischenmenschlichen Begegnungen erfahren kann.

Frieden das heißt konkret: ein menschenfreundlicher Alltag, in welcher das Individuum  nicht zum Rädchen im Getriebe oder  zum „Kosten-Nutzen- Faktor“ wird, sondern als einmalige Person geschätzt wird. Frieden  heißt jemand haben, der es ehrlich mit uns meint, der zu uns hält und großzügig ist mit unseren Schwächen, aber uns auch die Wahrheit sagt.

Frieden suchen hängt stark an der Bereitschaft , sich zu versöhnen und auf Rache zu verzichten,  einen Zustand der Feindschaft und Erstarrung im Miteinander zu überwinden,  zum Gespräch bereit sein und nach einer Lösung des Konflikts suchen.  Das deutsche Wort für Versöhnung kommt von versuenen und bedeutet: zärtlich miteinander umgehen.  (vgl. dazu Anselm Grün).

Frieden suchen bedeutet sich von der Güte mehr inspirieren zu lassen als von der Bosheit. Dies  kann oft schon in kleinen Schritten geschehen: In Zeit online wurde erst darüber berichtet, dass Israelis und Iraner, deren Regierungen einander mit Krieg bedrohen,  sich über Facebook Friedensgrüße schicken. Israelis posteten: „Iraner, wir lieben euch, niemals werden wir euer Land bombadieren,“ steht über die Bilder geschrieben, die Freunde, Paare, Kinder, ganz normale Israelis zeigen. Die Initiative startete ein junger Mann im weißen Hemd, der seine Tochter auf dem Arm hielt. Er postet ein Liebesnachricht an die Iraner als alle von einem bevorstehenden Krieg redeten. Darin heißt es unter anderem: „Ich habe keine Angst vor euch, ich hasse euch nicht. Ich kenne euch ja nicht mal….Manchmal sehe ich hier im Fernsehen einen Mann aus dem Iran. Er redet über Krieg. Ich bin mir sicher, er repräsentiert nicht alle Iraner. Wenn ihr jemanden im Fernsehen seht, der darüber redet, euch zu bombadieren….seid euch sicher, er repräsentiert nicht uns alle….Wir wollen euch treffen, Kaffee mit euch trinken und mit euch über Sport reden.“ Inzwischen- so Zeit online-, kommen Grüße aus dem Iran zurück: „Israeli People, we love you too“, wir lieben euch auch.

Solch kleine  Gegenzeichen wollen dem geschürten  Hass, der angstmachenden Bedrohung und der gesäten Feindschaft nicht das letzte Wort überlassen. Dies sind die  die im Menschen aufgewachten Friedensträume von Weihnachten, von welchen  die Engel  im Evangelium singen. Lassen wir es aus unserer Seele nach Frieden tönen.

Impuls zum Nachdenken:

Was bedeutet für mich Friede?

Wo kann ich  mutmachenden Friedenszeichen in meinem  privaten Bereich setzen(z.B. beim Streit in der Familie oder mit einem Nachbarn, beim Konflikt im Arbeitsteam oder der Firma…..)

Wo kann ich mich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen?

Lebendig werden

In dem Dokumentarfilm „Nicht ohne uns“ von Sigrid Klausmann, in dem Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Kontinente befragt werden, sagt der 11 jährige Enjo aus der Schweiz: „Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wieso ich in die Welt hineingeboren wurde. “

Wenn das so bleibt, dann  finden wir  einige Jahre später, junge Erwachsene, die sich mangels Sinnfindungen mit Lärm, Alkohol oder Internet betäuben, Arbeitende, die phantasielos und ohne Schwung ihren Job herunterreißen, von einander angeödete und genervte Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben, Resignierte und Abgestumpfte, die sich abgefunden haben mit den kleinen, harmlosen Wünschen und Annehmlichkeiten und denen es reicht, halt so dahin zu leben. Welch trauriges Gegenbild zu der im Frühling aufbrechenden Natur, zur Wurzel- Grünkraft der Bäume, zum Sprießen und Aufblühen der Gräser und Blumen.

Seelenbaum, Acryl auf Leinwand

Anpassung, Konvention und Wohlstandsdenken 

übernehmen nicht selten die Regie im Leben und rauben uns  die Visionen, für die es sich zu leben lohnt.  Leiden nicht viele an Übersättigung? Jemand verglich einmal die im  dauerhaften Wohlstand lebende Menschen mit Zierfischen, welche  im gefahrlosen, langweiligen Aquarium, -gefüttert und satt-, ihre langweiligen Runden schwimmen; nur ab und zu erinnern sie sich an die Tiefen und Abenteuer des großen Meeres, in dem sie einst schwammen, und machen dann kurze heftige Schwimmbewegungen.

Sicherheitsdenken und Bequemlichkeit

Im Aquarium des eigenen Lebens heißt es aber weiterhin: Sicherheit vor dem Risiko eines eigenen Lebens, das -weil ungesichert -auch schief gehen kann;  Bequemlichkeit und Egoismus  vor selbstlosem Einsatz (für Notleidende, Freunde, Nachbarn…), Besitzstandsdenken vor größerer Gerechtigkeit, Schein und Fassadenhaftigkeit vor Sein, Anpassung vor gelebter Überzeugung.

Tatsächlich, so scheint es mir, sind die Türen der Sehnsucht für viele zugeschlagen und die Antennen für das Göttliche und alles Transzendente von den Häusern abmontiert (80% der 18 bis 34 Jährigen können sich ein Leben ohne Gott vorstellen). Auch die Sprache für das Absolute ist verloren gegangen, die Kathedrale des „Heiligen“ vorallem in  der eigenen Seele bleibt unbewohnt; vielen  reicht Berieselung und leichte Kost, Kreuzworträtsel und Televisionen von Privatsendern. Das große, tiefe und gefährliche Meer ist in unerreichbare Ferne gerückt.

Was macht mich lebendig?

Doch wie lässt sich eine Vision für das eigene Leben finden,  wie die individuelle Berufung, die ja immer einem Ruf aus dem Innersten des eigenen Herzens antwortet.

Die biblische Schöpfungsgeschichte (vgl.  Genesis 2,7) besagt, wir werden lebendig, wenn uns Gott Leben und Atem  einhaucht, wenn er uns beatmet ( vgl. auch  Joel 3,1 f. im AT )im wahrsten Sinne des Wortes und wir neu aufatmen.

Howard Thurmann, amerikanischer Bürgerrechtsaktivist und Mentor von Dr. Martin Luther King jr. gibt folgende Empfehlung: „Frage nicht, was die Welt braucht,  frage dich selbst, was dich lebendig macht ….und tue das;  (denn) was die Welt braucht, das sind Leute, die lebendig geworden sind.“

Alles, was mich lebendig macht, belebt, inspiriert, ins Fließen bringt, könnte mich also zu meiner ur-eigenen Berufung führen.

(Tanz des Lebens, Acryl auf Leinwand, 80(hoch)x60(breit)cm von Gustav Schädlich-Buter)

Impuls zum Nachdenken:

Der Benediktiner David-Steindl-Rast hat dazu folgende grundlegende Fragen formuliert, die ich an Sie als Impuls weitergeben möchte:

Was würde ich wirklich gerne tun? Was bereitet mir eine tiefe und nachhaltige Freude?

Was kann ich gut? Wo bin ich gut? (worin drücke ich die Einzigartigkeit und Einmaligkeit meiner Person am besten aus? Was sind meine Talente und Begabungen?)

Welche Gelegenheit gibt mir das Leben gerade jetzt, um das zu tun, was mich mit Freude lebendig macht? Wozu lädt mich das Leben gerade jetzt ein? (um das herauszufinden, müssen wir aber anhalten und mit den Ohren des Herzens horchen und bereit sein, uns überraschen zu lassen)

Auf der Seite des Lammes

Büffel oder Lamm

In seinem Roman „Billiard  um halb zehn“ stellt  der Schriftsteller Heinrich Böll mit den Tiermetaphern „Büffel“  und „Lamm“ zwei Menschengruppen einander gegenüber, die sich durch bestimmte Haltungen und Einstellungen kennzeichnen lassen. Die „Büffel – das sind  die Machtmenschen, die während des Dritten Reiches NS-Anhänger waren und  bald wieder hohe Regierungsämter besetzen.  Sie stehen   für Dummheit und rohe Kraft, für die Masse der Mitläufer, für die, die sich selbstsüchtig und egoistisch verhalten , die nicht denken, dafür aber gnadenlos handeln und jene aus dem Weg räumen, die nicht ihre Meinung vertreten. Heinrich Böll nimmt Bezug auf die Nazizeit und das Naziregime, das durch die Büffel symbolisiert wird; und man könnte sich fragen, ob  Bölls Roman nicht gerade neue Aktualität gewinnt angesichts des in Europa und weltweit wachsenden Populismus und Nationalismus?

(„Büffelmenschen“, Mischtechnik von Gustav Schädlich-Buter)

Das „Lamm“ steht  für unschuldig Verfolgte , für durch Folter und Flucht gebrochene  Menschen, für  Wehrlose , für Gedemütigten, Ausgeschlossene  und Opfer.

Das Sakrament des Lammes 

Im Roman „Billiard  um halb zehn“ erfährt der Protagonist die Wendung seines Lebens als er sich auf das „Sakrament des Lammes“ verpflichtet und der stiernackigen Gewalt  des Naziregimes und der gedankenlosen Unterdrückung der Schwachen abschwört. Wer nämlich vom  „ Sakrament des Büffels“  kostet, gerät in seinen Bann.

Der „Büffel“ steht als  Symbol – so ließe sich Böll weiter interpretieren–  für den machtorientierten  und hasserfüllten Umgang der Menschen untereinander und mit der Schöpfung; er  steht  für all die Folterer und Mörder, für die Gier und Maßlosigkeit, welche die Lebensgrundlagen aller vernichtet, für  Aus- und Abgrenzung von Menschen, die anders sind. „Die Liebe wird nicht geliebt…Macht und Gewalt werden geliebt“ (Anton Rotzetter)

Jesus- das Lamm Gottes 

Heinrich Böll spricht vom „Sakrament des Lammes“ , ein religiöser Begriff, der auf eine religiöse Sphäre verweist.  Schon im Neuen Testament wird Jesus als das „Lamm Gottes“ (vgl.  Johannes 1, 29-37) bezeichnet, was für die frühe Kirche eine enorme  Bedeutung hatte.  Ein Bild, das für uns Heutige aber kaum mehr Aussagekraft besitzt. Die Gefolgschaft zu Jesus ließ sich über das Symbol des Lammes definieren, und stand für eine Liebe, die stärker ist als Hass und Rache , für eine Kraft, die den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen kann.

Symbol der Gewaltlosigkeit

Das Lamm – dieses  uraltes Symbol der Gewaltlosigkeit (was sich leider über die Kirchengeschichte hinweg nicht durchgehalten hat),  Symbol des Leidens und des Tragens von Unrecht  für den anderen („Sündenbock“), gab den verfolgten  Christen eine tiefen Halt. Jesus als das Lamm Gottes zeigte die göttliche Empathie mit den Opfern, den Ausgegrenzten, den unschuldig Leidenden , den Verlierern der Gesellschaft und der Geschichte.

Als ich neulich im Internet recherchierte, stieß ich auf ein Foto  des  Kapuziners  Anton Rotzetter, der sich  von der Spiritualität des Franziskus von Assisi geprägt, aktiv für den Tierschutz aus christlicher Sicht einsetzte. Auf diesem Foto sieht man wie jener liebevoll ein Zicklein in den Armen hält, das sich an ihn schmiegt.

https://www.ref.ch/wp-content/uploads/2016/03/Rotzetter.jpg.

Sich auf die Seite des Lammes stellen

Wer dieses Bild länger betrachtet, kann in eine Welt eintauchen, die immer weniger in unserem Alltag vorzukommen scheint. Dieses Bild berührte mich, weil ich in ihm etwas wiederfand von der liebevollen und zärtlichen Haltung all jener, die ihr Leben ganz auf die Seite des Lammes gestellt haben. Wer sich auf der Seite des Lammes positioniert, wird  vom Leiden der machtlosen Kreatur ebenso berührt sein wie von all jenen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ausgeschlossen und abgelehnt werden.

Dabei lässt sich, um nur ein Beispiel zu nennen, an Menschen mit geistigen  Behinderungen denken, die in vielen Ländern dieser Welt  immer noch (trotz UN -Behindertenrechtskonvention) als „nicht voll menschlich“ eingestuft und diskriminiert werden. Wer auf deren Seite tritt, auf die Seite des „Lammes“,  wird für sein Engagement nicht selten reichlich  beschenkt.  So heißt es in  der Charta von „foi et lumiere “, eine ökumenischen Gemeinschaft von behinderten Menschen und  ihren Freunden, die  von Jean Vanier, dem Gründer der  Arche Gemeinschaften  und Marie Helene Mathieu ins Leben gerufen wurde:

„Auch die Freunde verstehen dank des Menschen mit einer  geistigen Behinderung, dass es noch eine andere Welt als die des Wettbewerbs, des Geldes und der materiellen Vergnügungen gibt; der schwache und hilfsbedürftige Mensch erweckt in seiner Umgebung eine Welt der Zärtlichkeit und Treue, der Zuwendung und des Glaubens.“

Literaturempfehlung zur Vertiefung:

Heinrich Böll, Billiard um halb zehn

Jean Vanier, Wege zu erfülltem Leben, Einfach Mensch sein, Stuttgart 2001

Selbstwerdung

„Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte“, dieser Satz aus einem Gedicht von Friedrich Hebbel kommt uns zuweilen auch in den Sinn, wenn wir in den Spiegel schauen und dabei unser Blick hinunter in die Tiefe der Seele  rutscht:  Unerfüllte Träume, Vorhaben, die nicht gelungen sind, gescheiterte Beziehungen, Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, Situationen, wo wir uns verraten haben…..  Und manchmal geht es uns dann wie Adam in der Schöpfungsgeschichte (vgl.  Genesis 3, 9), der sich angesichts der  Fehler und Fehlschläge seines Lebens armselig und nackt vorkommt,  sich schämt und versteckt. Und trotzdem findet ihn die Frage: „Adam, wo bist du?“

Die Frage ist nicht örtlich gemeint  und es handelt sich um keine Geschichte aus  ferner Vergangenheit, sondern um eine direkte Frage an uns jetzt:

Wo sind meine Wurzeln? Wo stehe ich jetzt? Wo und wer bin ich? Was ist aus mir und meinem Leben geworden? Was habe ich aus und mit meinem Leben gemacht?  Wohin geht mein Leben noch?

(Titel: „Auf werde Licht“ , Acryl auf Leinwand, 1x1Meter,  von Gustav Schädlich-Buter)

Letztlich helfen weder in der Geschichte  des Buches Genesis, die  im Alten Testament aufgeschrieben ist, noch im richtigen Leben, Ausflüchte und Ausredemanöver (wie Eva sei an der Misere Schuld oder die Schlange oder die Eltern…. ) Ich  komme nur weiter, wenn ich  ehrlich mit mir selbst bin. Es geht um eine Bestandsaufnahme meines Lebens ohne Schönfärberei. Und darum für dieses, mein eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen.

Dabei darf ich  durchaus barmherzig mit mir selbst sein, wenn ich auf mein  Geworden-sein samt aller Fehler und Brüche schaue;  auch dann, wenn ich im nachhinein manches mir womöglich  anders gewünscht hätte.

Auch der anfangs zitierte Spruch  von Friedrich Hebbel lässt  eine optimistischere Deutung zu, die in die Zukunft weist. In unserem Leben steckt ein Hoffnungspotential und ein Ziel; denn der, der ich werden und sein kann, bin immer „ich selbst“, so wie ich von Gott her gemeint bin. Es geht also darum,  immer mehr sein wahres Ich zu finden .

Wir alle wissen, dass „ich selbst werden“ nicht einfach ist,  zumal wir vielfach fremd bestimmt werden: vom eigenen Selbstbild (gleich, ob positiv oder negativ),  von den Vorurteilen anderer über uns, von  den Rollenzuschreibungen und  der Macht anderer über uns oder den eigenen überzogenen Erwartungen.

Am Ende des  Lebens, wird wohl keiner von uns gefragt  werden: warum bist du nicht Ministerpräsidentin, Chef einer großen Firma  oder Pablo Picasso geworden, sondern warum bist du nicht Hans, Mirjam  oder Agnes  geworden. Es geht um die Gestaltung  meiner eigenen Identität. Dazu  muss ich aber heraus finden, wer ich  selbst bin , wofür ich auf die Welt gekommen bin,  ohne dabei  meine tiefste Identität mit den Bilder zu  verwechseln, die andere oder ich  selbst von mir gemacht haben.

Für den  Dichtermönch Thomas Merton fällt Selbstsein und Heiligsein zusammen: „ Für mich besteht die Heiligkeit darin, dass ich ich selbst bin, und für dich, dass du du selbst bist…Für mich bedeutet heilig sein: ich selbst sein. Deshalb ist das Problem der Heiligkeit tatsächlich die Aufgabe, mein wahres Ich zu entdecken.“ (Tom Merton, Verheißungen der Stille, 1957, 24)

Ein Mensch wird dort  ganz heil, wo er ganz er selbst werden kann.  Im ganzen Leben geht es daher aus spiritueller Sicht darum, immer mehr ich selbst zu werden, das zu werden und konkret zu verwirklichen,  was keimhaft in mir angelegt ist.

Um mehr ich selbst zu werden, muss ich einen innersten Bereich in mir suchen und  entdecken, wo niemand anders Macht über mich hat.  Letztlich kennt Gott allein das Geheimnis meines Wesens und „kann mich zu dem machen, der ich sein werde, wenn ich endlich beginne voll und ganz zu sein.“ (a.a.O., ebd.25)

Impuls zur Inventur:

Stellen sie sich folgende Fragen:  Wo stehe ich jetzt?  Was ist aus mir und meinem Leben geworden?  Wer bin ich? Was suche ich? Wohin geht mein Leben noch?

Denken Sie über folgende Fragen nach, die Anton Rotzetter gestellt hat:

„Der Mensch definiert sich biblisch gesehen als ´Ebenbild Gottes`. Aber bin ich das- ein Ebenbild Gottes?…Bin ich, was ich sein kann? Eine Spiegelung Gottes in der Welt, sein Herz, seine Hände, seine Füße? Bin ich kreativ, schöpferisch; bringe ich Leben hervor, richte ich auf, wie das Gott durch mich tun will? Bin ich der Schöpfung väterlich, mütterlich zugewandt. Ein Gärtner, eine Gärtnerin…Oder habe ich, haben wir uns losgekettet von Gott? Absolut gesetzt? Bin ich dem Allmachtswahn verfallen? Und glaube alles machen zu dürfen?….Sind wir nicht in eine spirituelle Depression geraten, weil wir uns losgerissen haben, von dem Gott, der uns lebendig macht? So trifft uns Gottes Ruf: Mensch, wo bist du?“(Anton Rotzetter, Streicheln, mästen töten, …Freiburg im Br.2012, S. S.178)

Literaturempfehlung:

Lambert, Das siebenfach Ja, Exerzitien-ein Weg zum Leben, Ignatianische Impulse Band 1 Würzburg 2010, S.11)

Tom Merton, Zeiten  der Stille, übersetzt von Bernardin Schellenberger, Freiburg im Br.1992

Patrick Hart, Jonathan Montaldo(Hg.), Thomas Merton, Der Mönch der sieben Stufen, Ein Leben in Selbstzeugnissen, Düsseldorf 2000

Anton Rotzetter, Streicheln, mästen töten, …Freiburg im Br.2012

Wachstum-in den Himmel wachsen

Kraftblumen, Acryl auf Leinwand

Pflanzliches  Wachstum

Kinder in der Grundschule bekommen nicht selten im Biologie- oder Religionsunterricht Grassamen oder Weizenkörner mit nach Hause, die sie mit ihren Eltern in die Erde einpflanzen sollen. Die Grundschüler sollen hautnah erleben wie  es ist, wenn etwas wächst und was eine Pflanze für ihr Wachstum braucht: Erde, Sonne , Wasser, Pflege und Zeit.  Überall auf dieser Erde ist Wachstum zu beobachten: Blumen, Pflanzen, Bäume, Kinder wachsen , sie sind irgendwann einmal ausgewachsen oder erwachsen. Wachsen scheint einem inneren Lebensgesetz  und Ziel zu folgen, ist jedoch nicht unabhängig von äußeren Einflüssen und Gegebenheiten.

Menschliches Wachstum

Gerade menschliches Wachsen bedarf der  Unterstützung  durch andere (Gespräch, Feedback, Ermutigung…)und ist zuweilen  Wachstumsschmerzen ausgesetzt.  Menschliches Wachsen geschieht in Beziehungen. „Du sagend, werde ich erst ich“, sagt Martin Buber. Wachstum und Entfaltung kann gefördert, aber auch behindert werden. Die Chancen körperlich, psychisch und geistig zu wachsen,  sind auf dieser Welt eindeutig ungerecht verteilt. Kinder in Eritrea, Bangladesh oder Moldawien scheinen eindeutig weniger Wachstumsimpulse zu bekommen wie  Kinder und Jugendliche in Deutschland oder Amerika.

Gefahren ungebremsten Wachstums

Anzumerken ist an dieser Stelle  auch, dass Wachstum nicht immer und automatisch mit etwas Gutem verbunden werden darf. Gerade im gesellschaftlichen Bereich werden viele Menschen , die von einer mit der  Wachstumsideologie verbundenen Optimierungserwartung  von vornherein ausgeschlossen sind,-also z.B. Menschen auf der Schattenseite des Lebens, Menschen, die von Geburt an benachteiligt und beeinträchtigt sind- , allzu leicht an den Rand gedrängt. Dem Grundsatz „Hauptsache Wachsen“ ist vorallem  im wirtschaftlichen Bereich zu misstrauen, zumal  rein quantitatives Wachstum ohne Differenzierung und qualitative Neuerungen in Struktur und Gestalt früher oder später in den Bankrott eines Systems führt. (vgl. dazu F. Vester, Unsere Welt-ein vernetztes System, München 1993, S.66f., Vester weist auch  auf ein Naturgesetz: „Je höher die Funktion, desto geringer das quantitative, das Mengenwachstum“ ; Intelligenz (= höhere Funktion) beginnt erst, wenn das Wachstum der Gehirnzellen abgeschlossen ist ; zur  Gehirnentwicklung: Das Wachstum der 15 Milliarden Gehirnzellen eines Menschen und ihrer Verbindungsfasern von 500.000 Kilometern Gesamtlänge ist praktisch nach der Säuglingszeit abgeschlossen, damit das Denken möglichst früh beginnen kann…

Wachtumsimpulse

Aus den etwas abstrakten Überlegungen zurück ins Konkrete. Auch wenn der innere Antrieb dazu aus unterschiedlichen Gründen verschüttet sein kann, steckt wohl in jedem Menschen ein Wachtumsimpuls jenseits des rein Biologischen. Unterschiedliche Ereignisse können den Wunsch auslösen, moralisch, seelisch, geistig oder spirituell weiter zu wachsen.

Etwa vereinfacht gesagt, gibt es zweierlei Anstoß  zum Wachsen.

Erstens gibt es Wachstumsimpulse aus etwas Negativem. Einige Beispiele:  ich möchte z.B. selbstständiger, klarer und innerlich freier werden, weil ich spüre, wie viele  Abhängigkeiten und Bindungen mich gefangen halten; ich möchte mich aus Suchtmustern (Alkohol, Smartphone, Arbeit….)befreien und lang praktizierte  lebenshinderliche Süchte loswerden.  Ich möchte mir und anderen gegenüber wahrhaftiger werden, weil ich spüre,  dass die Rollen, die ich spiele und die Masken, die ich aufsetze, mein Wesen verdecken. Wachsen bedeutet aus dieser Perspektive, sich aus eingeschliffenen Mustern und von Süchten zu befreien.Aber dann gibt es auch Wachstumsimpulse, die von etwas Positivem inspiriert werden. Einige Beispiele: Menschen, die sich verlieben, wachsen über sich hinaus, verlassen ihr Ego und lassen sich begeistert auf neue, unbekannte Welten ein.

Wachsen an Vorbildern

Wieder  andere bekommen  durch das Vorbild anderer Menschen einen Impuls zu wachsen. Der kürzlich verstorben Rupert Neudeck, Gründer von Cap Anamur, ein „Extremist“ der Nächstenliebe , der tausende von Menschen vor dem Ertrinken  gerettet hat, könnte so einen Anstoß geben, selbst Neues zu wagen und Sicherheiten hinter sich zu lassen.

Auch die Lebensgeschichte des heilige Franziskus (1181/82 bis 1226)könnte einen Wachstumsimpuls schenken: als Wendepunkt dieses durchaus karrierebewussten jungen Mannes, der als Ritter zunächst in Richtung  Ansehen, Macht und Ehre wachsen wollte, wird eine alles wandelnde Begegnung geschildert.  Franz begegnet einem Aussätzigen, und während es ihm vorher immer bitter vorkommt,  jene Ausgesonderten auch nur zu sehen, drängt ihn diesmal etwas , einen aussätzigen Mann  zu umarmen; dabei wird das Bittere des vorherigen  Gefühls  in eine Gefühl der Süßigkeit verwandelt. Auch wenn die mittelalterliche Sprache uns fremd vorkommen mag, wird durch die Schilderung klar, dass sich eine alte Lebensdynamik aufhebt und in eine neue verwandelt: eine Hinwendung, ein Wachsen hin auf Gott, ein neues Denken und Fühlen in der  Zuwendung zu den Armen seiner Zeit.

Auch heute  passiert es, dass Menschen durch Begegnungen mit obdachlosen, behinderten oder sehr armen Menschen verwandelt werden und ihr Leben in eine ganz neue Richtung wächst, die vorher weder absehbar war noch geplant werden konnte .

Impuls zum Nachdenken: :

Was hat mich bisher in meinem Leben menschlich wachsen lassen?

Was bremst mein (inneres) Wachstum?

Woraufhin möchte ich noch wachsen?

Literaturempfehlungen:

Katharina Kluitmann, Wachsen-über mich hinaus, Würzburg 2014

Anselm Grün, Auf dem Wege, Münsterschwarzach 1983

Rupert Neudeck, Radikal leben, Gütersloh 2014

Sich entscheiden mit dem inneren Kompass

Entscheidung in unsicheren Zeiten

Ohne Zweifel leben wir heute in einer Multioptionsgesellschaft, die ständig Entscheidungen von uns abverlangt. Wir haben in unserer westlichen Gesellschaft nicht selten „die Qual der Wahl“, was für viele  Menschen dieser Welt ein Luxusproblem sein mag.

Zugleich leben wir in einer  Umbruchssituation, die viele verunsichert: der Verlust alter Traditionen und Werte, der Zusammenhalt Europas, das verbindende geistigen Fundament scheint ebenso brüchig geworden wie das transatlantische Verhältnis. Es scheint keine Übereinstimmung mehr in den Grundwerten zu geben, was bei der Aufnahme von Flüchtlingen sichtbar wurde.  Die Pluralität der Meinungen macht viele  orientierungslos und sie rufen nach dem starken Mann,  der es richten soll. Säkularisierungsprozesse scheinen Glaube, Religion und Gott zunehmend überflüssig zu machen. Spuren der Verunsicherung, auch durch zunehmend bedrohliche politische Ereignisse,  graben sich zunehmend tiefer  in die Seele des westlichen Menschen ein und machen Angst.

In einer solchen Zeit wird es auch für den einzelnen zunehmend schwieriger, die rechten Entscheidungen zu treffen. Denn Entscheidungen orientieren sich an Grundwerten, an Normen, an Verbindendem und Verbindlichem.

Wie also soll ich meine Entscheidungen treffen?

Im 15. und 16 Jahrhundert, ebenfalls eine Zeit großer Umbrüche, lebte Ignatius von Loyola, der einem edlen Rittergeschlecht entstammte. Nachdem einen Kanonenkugel 1521 nicht nur sein Bein, sondern auch seine ehrgeizigen Karierepläne zerschlagen hatte, entdeckte er – wohl  von Aristoteles inspiriert-,  auf dem Krankenbett die „Unterscheidung der Geister“. Dabei geht es vor allem bei wichtigen Entscheidungen darum,  nach innen zu horchen und die eigenen Seelenregungen zu erspüren, sie zu ordnen und herauszufinden, ob sie von einem „guten Geist“ stammen; nur diese  würden  Freude, inneren Frieden, Leichtigkeit und Stimmigkeit bewirken; Ignatius spricht auch von „Trost“, der sich an einer Zunahme an Glaube, Hoffnung, Liebe und innerer Freude zeigt.   Entscheidungen, die von einem „bösen Geist“ sind, -wir würden heute vielleicht vom „Über-Ich“ sprechen- , verfinstert die Seele , macht eng, starr, fanatisch oder traurig und lau. Löst eine wichtigen Entscheidungsalternative  – es geht dabei um  essentielle  Lebensentscheidungen- , dagegen negativen Seelenregungen aus wie Traurigkeit, Unruhe, Unzufriedenheit, dann wäre  von dieser Entscheidung  eher die Finger zu lassen. Was vom guten Geist geleitet ist,  bringt mich in Übereinstimmung mit mir, der „böse Geist“ dagegen zerstreut mich, zerreißt, bringt mich auseinander, verfinstert und verwirrt die Seele. Ignatius nennt dies auch  Trostlosigkeit oder Misstrost.(vgl. zur „Unterscheidung der Geister“:   Ignatius von Loyola, Die Exerzitien, übertragen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln, Freiburg 12. Auflage, 1999)

(Bild: „Umkehr“ von Gustav Schädlich-Buter, 60×80 cm,  Acryl auf Leinwand)

Der Impuls von Ignatius an uns

Auch wenn die Sprache dieser Zeit uns modernen Menschen fremd vorkommen mag, steckt darin der Impuls, bei seinen Entscheidungen auf sich selbst  zu hören, die tieferen Impulse ernst zu nehmen, die Seelenregungen wieder spüren lernen . So kann ich herausfinden, ob die getroffene Entscheidung, mich in tiefere Übereinstimmung mit mir selbst bringt oder das Gegenteil davon. Ignatius ermuntert uns,  sich bei  wichtigen Entscheidungen an einem „inneren Kompass“ zu orientieren.

Bedenke deine Entscheidung im Angesicht der Todesstunde

Zudem rät Ignatius : wenn  du eine wichtige Entscheidung zu treffen hast, dann versetze dich in die Stunde deines Todes  und überlege wie du aus der Perspektive deines Todes die anstehende Entscheidung getroffen hättest. Also, wenn jemand z.B. immer nur Arbeit, Karriere und  Finanzielles  im Kopf hatte , alle seine Entscheidungen daran orientierte, währenddessen seine menschlichen Beziehungen  kaputt gingen, dann wird er das womöglich in seiner Todesstunde bereuen. (vgl dazu: Matthias Beck, Christ sein, Was ist das?,…S.23) .

Fragen zum Nachdenken:

An welchen Werten orientiere ich meine Entscheidungen? (Spass/Fun, Nächstenliebe, Glaube, Materielles, Wohlstand, Wellness, mehr Geld…….)

Literatur zur Vertiefung:

Die Wiedergabe von der „Unterscheidung der Geister“ bei Ignatius ist eine Kurzform eines ausgeklügelten und komplexen Systems  zur Vertiefung empfehle ich

Stefan Kiechle, Sich entscheiden, Würzburg  2004

Ignatius von Loyola, Die Exerzitien, Einsiedeln, Freiburg 1999

Hans Urs von Balthasar, Texte zum ignatianischen Exerzitienbuch, Auswahl und Einleitung von Jacques Servais S.J., Einsiedeln, Freiburg 1993

Matthias Beck, Christ sein-was ist das? Glauben auf den Punkt gebracht, Wien, Graz, Klagenfurt 2016

Anselm Grün, Was will ich? Mut zur Entscheidung, Münsterschwarzach 2011

Auf Augenhöhe mit den Schwachen

 Schwäche darf nicht sein !

Wer will in unserer Kultur nicht stark, erfolgreich, schön, attraktiv, und begehrt sein ? „Power haben“- das liegt im Trend des Zeitgeistes . Schwäche zugeben, das geht eigentlich nicht, in einer Zeit, die „Selbstoptimierung“ und „Gewinnmaximierung“ zu ihren Prioritäten gemacht hat.

Aber was ist mit all denen, welche das Leben aus der Kurve getragen hat und die jetzt zerbeult daherkommen? Was ist mit denen, die durch die Stürme des Lebens zerzaust wurden und jetzt „abgerissen“ und zerfetzt aussehen? Was ist mit jenen, die durch ihre Lebenskämpfe, ihr Scheitern,  ihre Niederlagen oder plötzlich einbrechende Krankheiten geschwächt und zu Boden geworfen wurden? Und was mit all jenen, die auf der Schattenseite des Lebens geboren wurden oder sich in der Mitte der Lebensreise (vgl. Dante, Die göttliche Komödie) sich in einem dunklen Wald verlaufen haben? Und was ist mit den älteren,  kranken oder behinderten Menschen, die nichts (mehr) „leisten“ können.

Im Krankenhaus können sich viele Patienten nicht mit ihrer Schwäche und scheinbaren Nutzlosigkeit abfinden und wollen lieber sterben als jemanden zur Last zu fallen. Schon seine Hilfsbedürftigkeit zu zeigen, kommt in manchen Betrieben ziemlich schlecht an, nicht selten wird man ausgemustert oder bestenfalls an dezentralen Stellen geparkt. Sogenannte „Schwache“– d.h. Kranke, Behinderte, psychisch Labile , Säufer und Obdachlose-, rechnen sich nicht und kosten zu viel Geld, scheint der „Effizienzgeist“ auszurechnen und will sie loswerden. Nicht wenige schämen sich angesichts ihrer wie auch immer zustande gekommenen Schwächung , fühlen sich  wertlos und  nicht mehr dazugehörig zu denen, die „was bringen“. Schuldgefühle plagen sie, auch wenn gar kein persönliches Versagen vorliegt.

Niedergedrückt, Mischtechnik

Warum Stärke und Erfolg nicht alles bedeuten !

Stärke, Erfolg ,Wachstum, Attraktivität sind ja nicht grundsätzlich schlecht; es ist sogar wichtig, seine Stärken kennen zu lernen und sie zur Entfaltung zu bringen. Doch zum Ganzen des Lebens gehört die Einbeziehung von Scheitern, Schwäche, Verlust und Niederlage; auch sie wollen integriert werden, um nicht dem eigenen Hochmut und Größenwahn zum Opfer zu fallen. Ein einseitiger Kult der Stärke, den wir schon einmal im Nazideutschland hatten, ist gefährlich wie die Geschichte zeigt. Eine echt starke Gemeinschaft (vom Staat bist zur Familie) dagegen ist jene, die in besonderer Weise auf die Schwächeren und Bedürftigeren achtet, und sich um jene  kümmert , die am Rande stehen.  „Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“ – so steht es in der Präambel der schweizerischen Verfassung von 1999.

Die eigene Schwächen  wahrnehmen

Auch individuell und innerseelisch ist es wichtig, das ganze Menschsein im Spektrum von Stärke und Schwäche wahr zu nehmen. Wer nur auf der Erfolgsspur dahinrast, übersieht das Kleine , Langsame und Bedürftige, auch der eigenen Existenz, und schaut dann nicht selten herablassend auf jene, die nicht der vermeintlichen eigenen Stärke und Härte entsprechen. Wer sich nur mit der Geberseite identifiziert, tut sich schwer die eigene Bedürftigkeit einzugestehen und ist dann unfähig, sich etwas schenken zu lassen. Auch Sozialforscher haben herausgefunden, dass das  Zugeben und Zeigen von „Schwächen“  wie  Scham, Verletzbarkeit, Trauer und Enttäuschung, zugleich eine große menschliche  Kraftquelle  darstellt.

Nicht umsonst beginnen die alten Gebete immer mit dem Ruf: „O Gott komm mir zu Hilfe, o Herr, eile mir zu helfen“- also einem Eingeständnis,  ein Hilfsbedürftiger zu sein; einer der angewiesen ist, der nicht mehr aus eigener Kraft sein Leben meistern kann, der sich nicht selbst genügt. Wer betet,  gibt seine Schwäche zu und bittet die höhere Macht um Hilfe und Beistand. Gehört es nicht zur Größe des Menschen zu bedürfen, Gottes zu bedürfen, um das zu bitten, was ich mir nicht selbst geben kann? Zu bitten, um Erlösung, um Beistand, um Durchhaltekraft in der Not, um Freiheit, um Frieden ….

Von den „Schwachen“   lernen

Nur wer um seine eigenen Schwächen weiß und sie sich auch eingesteht, wird auch Mitleid und Empathie für jene empfinden, die nicht auf der Siegerstraße zu Hause sind.

Zeigen  uns nicht gerade sogenannten schwachen und bedürftigen Menschen  eine Welt jenseits der Kategorien Erfolg, Effizienz und Gewinnsteigerung? Lernen wir durch sie nicht sehr oft sehr viel von dem, was das Leben essentiell ausmacht: Liebe, Zuwendung, Gefühle, Demut, Berührung und das Eingeständnis, dass wir alle einander brauchen? Jean Vanier der Gründer der Archegemeinschaften, in denen behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen leben, sagte es einmal sinngemäß so: dort wo wir nichts anderes im Sinn haben als die Karriereleiter hinaufzuklettern und machtvoller sein wollen als der Nachbar, dort lernen wir nicht zu teilen, sondern den anderen überlegen zu sein. Spirituell wachsen werden wir aber nur, wenn wir lernen, Macht los zu lassen und den Menschen nahe zu sein, die zurückgewiesen sind. Dies ist eine Bewegung „nach unten“. Wenn mich jemand in der Tiefe meines Seins berührt, dort wo ich es nicht mehr notwendig habe, besser zu sein als andere, das ist eine Befreiung, eine Befreiung, ganz ich selbst sein zu dürfen wie ich bin. Fundamentale Freude entsteht, Menschen zu treffen, nicht über ihnen stehend, nicht unter ihnen, sondern auf Augenhöhe als Kinder Gottes.

Fragen zum Nachdenken:

Wie wurde in meiner Familie mit Schwäche (Krankheit, Scheitern..)umgegangen?

Wie gehe ich selbst mit Schwäche und Schwächung um (auch in Bezug auf andere)? Kann ich andere um Hilfe bitten?

Habe ich Menschen in meinem Freundeskreis, die zu den „Schwachen“ gehören?

Literatur zur Vertiefung:

Jean Vanier, Ich und Du: dem anderen als Mensch begegnen

Jean Vanier, Weites Herz: Dem Geheimnis der Liebe auf der Spur, Meditationen

Brené Brown, Verletzlichkeit macht stark, Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden

Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit, Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007

Film:„Mephisto“ mit Klaus Maria Brandauer, der zeigt wie verheerend sich ein im Nationalsozialismus propagierter „Kult der Stärke“  auf Einzelne ausgewirkt hat.

Ohnmacht erleben- Ohnmacht begegnen

Was heißt Ohnmacht?

Immer wieder begegne ich in der Beratung  Menschen, die sich ohnmächtig fühlen. Ohnmacht bedeutet zunächst eine Bewusstlosigkeit aufgrund einer Schwäche. Weiterhin meint Ohnmacht, nicht mehr selbstwirksam handeln zu können. Wer sich ohnmächtig fühlt, spürt: Ich habe keinen oder unzureichenden Einfluss auf mein Leben. Ich finde keine Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. Ich kann meine Situation oder eine Situation, unter der ich leide, nicht verändern.  Kurz gesagt: Ohnmacht ist das Gegenteil von Macht. Ohnmachtsgefühle tauchen nach Anselm Grün hauptsächlich in drei Bereichen auf: Ohnmacht gegenüber anderen Menschen, Ohnmacht gegenüber den eigenen Gefühlen oder Zwängen, und die Ohnmacht gegenüber Situationen in der Welt .

Beispiele für Ohnmachtserleben

Zunächst einige Beispiele für das Ohnmachtserleben: Eltern fühlen sich ohnmächtig, wenn ihre Kinder auf unsichere „Abwege“ geraten und alle Ratschläge nichts bewirken.  Kinder  fühlen sich ohnmächtig, wenn sie von Erwachsenen geschlagen oder gar missbraucht werden. MitarbeiterInnen in einer Firma erleben Ohnmacht, wenn sie von Kollegen/-Innen verleumdet und gemobbt werden, oder der Chef sie ungerecht behandelt. Menschen mit einer chronischen oder schweren Krankheit bekommen Ohnmachtsgefühle, wenn alle Behandlungen und Medikamente nicht greifen. Ärzte fühlen sich ohnmächtig, wenn ihnen Patienten trotz vollen Einsatzes aller ärztlichen Kunst „wegsterben“. Junge Menschen mit einer Behinderung fühlen sich ohnmächtig, wenn sie trotz guter Schulabschlüsse keine Chance auf einen Platz im ersten Arbeitsmarkt bekommen. Pfarrer oder Seelsorger erleben Ohnmachtsgefühle, wenn sich trotz aller Anstrengungen die Kirchenbänke zunehmend leeren und sich niemand mehr für Gott zu interessieren scheint. Ohnmacht erlebt der Ehepartner/-in, der vom anderen betrogen wurde. Politiker erleben Ohnmacht, wenn sie von Medien verleumdet und diffamiert werden. Wieder andere fühlen sich ohnmächtig gegenüber ihren Gefühle; sie sind dann z.B. ihren Ängsten hilflos ausgeliefert, oder sie werden immer wieder von ihrer Wut übermannt. Alkoholiker oder Raucher fühlen sich ohnmächtig ihrer Sucht gegenüber und merken, dass alle guten Vorsätze nichts helfen. Junge Frauen bekommen ihr Eßproblem nicht in den Griff. Wer sozial sensibel ist, fühlt sich ohnmächtig gegenüber den schrecklichen Ereignissen in der Welt,  gegenüber Hungersnöten, Kriegen und Bürgerkriegen, oder einer ungerechten Weltwirtschaft….

Ohnmacht und Selbstwertgefühl

Viele, nicht alle, Ohnmachtsgefühle reichen weit zurück in die je eigene Biografie und Seelenlandschaft, wo das kleine Kind sich hilflos und abhängig erlebt hat von mächtigen, womöglich Macht missbrauchenden Erwachsenen. Später taucht der autoritäre Vater der Kindheit im „Chef“ der Firma wieder auf und lässt die gleichen Ohnmachts- und Schwächegefühle wie damals wach werden(„Übertragung“). Ohnmachtserlebnisse greifen immer das Selbstwertgefühl an und wirken umso verheerender, je geringer dieses ausgeprägt ist. Das Erleben von Ohnmacht ist immer bedrohlich, erzeugt oft ein Gefühl der Lähmung und Resignation, sogar die Angst keine Lebensberechtigung zu haben, kann auftauchen; der Ohnmächtige fühlt sich zuweilen als eine Null, ein Nichts ohne Würde und ohne Wert. Manche geben sich letztendlich in einem oberflächlichen Dahinleben verzweifelt auf.

Reaktionen auf  Ohnmacht

Wieder andere überspielen ihre tiefgreifenden Ohnmachtsgefühle durch Posen der Macht, Rachephantasien gegenüber den Kränkenden oder sogar durch den tatsächlichen Einsatz von physischer Gewalt (z.B Gewalt an Schulen); frühere Opfer von Gewalt werden nicht selten zu Tätern. Ohnmächtig Verletzte können sehr mächtig werden, und zu unkontrollierbaren und dunklen Machtspielen greifen. Erlebte Ohnmacht kann also auch in destruktive Machtausübung umschlagen(vgl. religiöse Fanatiker und Terroristen), in der Hoffnung das bedrohliche und lähmende Gefühl der Ohnmacht los zu werden. Menschen mit zu hohen (religiösen) Idealen, an denen sie immer wieder scheitern, greifen in ihrer Ohnmacht auch zur rigorosen Selbstbestrafung und flüchten in eine finstere Askese.

Was kann ich tun angesichts eigener Ohnmachtsgefühle?

Was kann ich gegenüber meiner Ohnmacht tun; hier müssen einige Andeutungen genügen (ausführlicher dazu, vgl. dazu Anselm Grün, Selbstwert entwickeln, Ohnmacht meistern, Stuttgart 1995)Dort, wo die Ursache der Ohnmacht weitgehend in mir selbst liegt, geht es vorrangig darum das eigene Selbstwertgefühl zu stärken und zu verbessern; dies geschieht z.B. durch gute und wertschätzende Kommunikation und eine vertrauensvolle Atmosphäre (in Gruppen, Familien oder Teams).  Ich kann mir auch psychologische oder seelsorgliche Unterstützung suchen, um an mir selbst zu arbeiten und neue Wege zu finden, mein Leben selbst zu gestalten und zu formen. Dabei helfen gute Rituale,  z.B. am Morgen und am Abend , einen Raum zu schaffen, der mir gehört.

Dort, wo die die Ursache der Ohnmacht weitgehend beim Gegenüber (Chef, Ehepartner, Arbeitskollege)liegt, geht es darum sich von der Macht des anderen zu befreien. Dabei hilft vielleicht die Empfehlung von A. Grün: „Der andere hat immer nur soviel Macht über mich, wie ich ihm gebe“(a.a.O., S117) Es ist meine Entscheidung, ob ich mir auch noch das Abendessen von dem Kollegen, der mich gekränkt hat, verderben zu lassen oder ihm den Zugang  zu meinem Feierabend verbiete. Die Wut kann helfen, mich vom Kränkenden zu distanzieren.

Für religiöse und glaubende Menschen kann das Gebet eine Hilfe sein, Ohnmachtsgefühle zu bearbeiten, gerade jene Ohnmacht einer Welt gegenüber, in der Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und Kriege eine bedrückende Realität darstellen. Auch wenn das Gebet diese Ohnmachtsgefühle nicht einfach auflöst, kann es die Hoffnung stärken, dass das Unrecht nicht das letzte Wort behalten wird ; und es kann mir Kraft schenken gegen  Unrechtszustände anzukämpfen.

Fragen zum Nachdenken und aufschreiben:

An welche Ohnmachtserlebnisse aus Kindertagen erinnere ich mich?

Erlebe ich auch heute noch Ohnmacht? Wo, durch was oder durch wen? Wie reagiere ich darauf ?

Was hilft mir und hat mir bisher geholfen, mich aus Ohnmachtszuständen zu befreien?

Literaturempfehlung:

Anselm Grün, Selbstwert entwickeln, Ohnmacht meistern, Stuttgart 1995