Freundlichkeit

Gerade, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir bedrückt, traurig oder mutlos gestimmt sind, dann tun uns freundliche Menschen gut. Echte Freundlichkeit geht zu Herzen, wärmt, baut auf, macht eine innere Zuneigung sichtbar, erfüllt die Sehnsucht, einen Freund, eine Freundin auf dieser Welt zu heben . Entgegenkommende Freundlichkeit sagt uns, da ist jemand, der Interesse an mir hat. Freundliche Augen sagen mir, dass es gut ist auf dieser Welt zu sein, dass ich bejaht bin, dass ich verbunden bin mit anderen und von diesen anerkannt. Freundliche Worte trösten und geben neuen Lebensmut. Menschen, die schon als Kinder abgelehnt, beschimpft und „fertig“ gemacht wurden, tun sich freilich schwer, so einen wohlmeinenden und freundlichen Tiefenstrom der eigenen Existenz zu spüren. Um wieder heil zu werden, brauchen sie besonders viel freundliche Zuwendung.

Freundliche Geister, Acryl auf Leinwand

Schon die Antike sah die Freundlichkeit als eine Tugend, die den menschenerst zu einem sozialen Wesen macht. Der Philosoph Aristoteles schreibt in seinem Ethikbuch: „Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoß an ihm nimmt. „ (Aristoteles, 1985: Nikomachische Ethik, übers.: Rolfes, Eugen. 1126b27 ff.)

Nicht immer ist es leicht heraus zu finden, ob die uns entgegengebrachte Freundlichkeit echt ist, uns wirklich meint, oder nur ein Trick ist. Die Verkaufs- und Werbepsychologie , lehrt und trainiert die inzwischen verlorene Tugend der Feundlichkeit wieder künstlich zurück zu gewinnen. Lach- und Lächeltrainings zum Beispiel sollen den Strategen dabei helfen, die Kauflust zu vergrößern, um höhere Gewinne und individuelle Vorteile zu erzielen. Freundlichkeit wird zum Trick im Dienste des finanziellen Erfolges.

Doch echte Freundlichkeit ist nicht taktisch und berechnend, sondern bedingungslos, ja „arglos“ (ohne berechnende Hintergedanken), von Herzen kommend, aus einem freundlichen „Grund“ meines Daseins emporsteigend. Nicht immer gelingt es uns freilich, auf echte Weise freundlich zu sein; manche überfordern sich auch in ihren beruflichen Rollen als Seelsorger, Psychologen, Coaches, Helfende mit dem Ideal anderen stets freundlich, gutgelaunt und höflich zu begegnen. Übertriebene Freundlichkeit versteckt nicht selten einen aggressiven Schatten, verdrängt vorhandene Konflikte, oder will etwas für den eigenen Nutzen etwas erreichen. Freundlichkeit bedeutet zudem auch nicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nicht alles, was mir begegnet, kann ich freundlich beantworten.

In der christlichen Theologie ist davon die Rede, dass Menschenfreundlichkeit und Güte Attribute Gottes sind, welche die Glaubenden durch ihr Leben zum Ausdruck bringen sollten. Die Gefahr bestand allerdings schon in den frühen Christengemeinden darin, dass Freundlichkeit moralisch aufgedrängt und verordnet wurde, auf eine Benimmregel reduziert wurde, die nicht einer inneren Freude und Heiterkeit entsprang; doch eine bloße Pflichterfüllung, womöglich vorhandene Konflikte vermeidend, ist heuchlerisch und unecht. Wenn wir spüren, dass der andere nur „nett“ ist, weil er muss, bringt uns das ganz schnell auf innere Distanz.

Bei allen Vorbehalten, die Grundsehnsucht nach Freundlichkeit, nach einer freundlichen Welt, nach freundlichen Menschen, steckt wohl in uns allen und hat, falls wir sie auf echte Weise erleben, die Fähigkeit, Hass und Boshaftigkeit in uns zu überwinden. Echte Freundlichkeit wirkt heilend und verweist auf einen grundsätzlich freundlichen „Grund“ unserer Welt.

 Impuls:

Jede und jeder kann sich auch fragen: Wie freundlich gehe ich mit mir selbst um? (wo überall zwinge und überfordere ich mich; schleppe ich mich krank zur Arbeit..?)

Wie freundlich schaue ich auf mein Leben? (Würdige es herab als einzige Niederlage, lebenspfusch oder kann ich mit freundlichen Augen auf ,ein Leben mit Licht- und Schattenseiten schauen)?

Wie freundlich gehe ich mit meinen KollegInnen und Kollegen um? Gustav Schädlich-Buter