Demut

Demut- lohnt es sich über dieses altmodische, altbackene und frömmlerische Wort etwas zu sagen? Demut – das ist doch ein Wort, das nahezu aus unserem Wortschatz gestrichen ist, ein Wort, mit dem die wenigsten heute noch etwas anfangen können. Demut – das riecht doch nach Selbstverneinung von Menschen ohne Selbstwertgefühl oder nach religiös verkleidetem Egoismus; da steckt doch ein große Portion moralischer Stolz drin, letztlich doch besser zu sein als der Rest der „Welt“. Tatsächlich scheint es so, dass wir einen zentralen christlichen Grundbegriff nahezu völlig durch Missbrauch verloren haben. Auch wenn schon zu früheren Zeiten, sogar Kirchenväter wie Johannes Chrysostomos, vor falscher Selbsterniedrigung gewarnt haben.

Demut ist vielmehr die innere Haltung, die mich ermuntert meine Talente nicht selbstsüchtig zur eigenen Ehre und als Besitz zu gebrauchen, sondern sie zum Wohle anderer einzusetzen. Demut ist aber auch die Haltung; durch die ich bereit bin, mich meinen Schattenseiten zu stellen, dem Unansehnlichen und Hässlichen meiner Existenz statt mich selbstgerecht mit dem Idealbild meiner selbst zu identifizieren. Nur wer um seine Schwächen weiß, ist bereit sich der Barmherzigkeit Gottes auszuliefern. Die demütige Annahme der eigenen Begrenztheit führt dann zur Gelassenheit sich selbst gegenüber, zur Toleranz anderen gegenüber und zum Humor. Demut kommt ja vom lateinischen Wort „humilitas“; dieses Wort hat mit Humus, der Erde, „aus der der Mensch gemacht ist und zu der er zurückkehren wird. Wer um sich als „Erdling“ weiß und sich als Geschöpf Gottes versteht, braucht sich nicht über andere Menschen und die Natur zu erheben. Respekt vor der Würde des anderen Menschen, Respekt vor der Natur, vor ihrer Mächtigkeit, Ehrfurcht vor ihrer Schönheit wird sich aus einer solchen Haltung der Demut ergeben.

Wenn Demut etwas mit Erdhaftigkeit und Niedrigkeit zu tun hat, dann bedeutet demütig sein, das zu sehen, was „unten“ ist: das einsame, verlassene und ängstliche Kind in meiner eigenen Seele , welches bei meinem Karriere- Höhenflug (oder bei meiner konsequenten Lebensplanung..) auf der Strecke geblieben ist; oder ich sehe den Rollstuhlfahrer und meine eigene Behinderung, das kleine Kind, die Blume am Wegesrand oder den Kollegen, der leidet, weil seine Frau ins Krankenhaus musste. Wer sich klein macht und nach unten beugt, kann manches sehen, was ihm vorher entgangen ist, ähnlich einem Autofahrer, der nachts von der Autobahn abfährt , seinen Motor abstellt und in einer stillen Waldlichtung zum Sternenhimmel schaut. Eine neue Welt kann sich auftun. Demut ist eine Bewusstseinshaltung, in der ich spüre: „Ich bin ein bescheidener Teil des großen Kosmos“, „Ich bin Teil eines viel größeren Ganzen“. Und hat nicht die Überheblichkeit und Respektlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur und die Ausbeutung derselben viele Naturkatastrophen der letzten Jahre (Rinderwahnsinn, Klimaerwärmung, Orkane, Tsunamis, …) verursacht?

Demut ist der Gegenbegriff zur Hybris menschlicher Selbstbezogenheit und Ichsucht, die sich in Habsucht, Machtsucht und Ehrsucht, Stolz und Ehrgeiz (vgl. Franz Jalics) zum Ausdruck bringt. Ichsucht macht beziehungslos; nicht wenige Psychologen glauben, dass die Krankheit unserer westlichen Gesellschaft die Beziehungslosigkeit sei. Kälte, Unbarmherzigkeit und Brutalität werden dadurch zunehmen. Die Tugend der Demut dagegen bringt uns in Beziehung, denn ich weiß, dass mein Instrument und meine Stimme sind Teil eines großen Orchesters. Ich brauche all die anderen.

Demut ist die Kraft und Energie mit der sich der Mensch an die Liebe verliert: Hingabe, Dienstbereitschaft, Schenken-können, Anbetung, Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur können daraus erwachsen. Impulse •Welche Erfahrungen meines Lebens haben mich demütig werden lassen? •In welchen Bereichen meines gegenwärtigen Lebens brauche ich den Mut zur Demut?

Literatur •Anselm Grün, Demut und Gotteserfahrung, Münsterschwarzach 2012

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