Aschenerfahrung

Im kirchlichen Raum ist der Beginn der Fastenzeit durch das Ritual der Aschenauflegung markiert. Dem Gläubigen wird dabei ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet mit den Worten: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Die Symbolhandlung mit der „Asche“ weist auf eine Grunderfahrung des Menschen, die in unserer kapitalistischen Wertewelt des Aufstiegs, der Stärke, Effizienz und Schönheit zunehmend verdrängt wird: Sterben, Vergänglichkeit, Scheitern, Trauer, Niederlagen und Leiden gehören zum menschlichen Leben.

Ohne die Erfahrung des „Abstiegs“, ohne zu erfahren, dass das menschliche Leben mit Wunden, Enttäuschung und Grenzen verbunden ist, dass es körperliche und geistige Krankheit ebenso gibt wie Lethargie und Unglück aller Art, wird der Mensch, zumal der junge Mann, der Gier eines grenzenlosen „Mehr“ auf allen Gebieten ausgeliefert sein. Ein nirgendwo mehr sein Maß findendes Individuum führt zu einer gnadenlos unbarmherzigen Gesellschaft, in dem das Recht der Starken und Stärksten keinen Platz lässt für schwaches, krankes und behindertes Leben und für zwischenmenschlichen Beziehung außerhalb der Ebenen von Geschäft und Gegengeschäft.

Überall auf der Welt werden inzwischen „Türme“ gebaut „mit einer Spitze bis zum Himmel“(Gen.11,4), um sich damit einen Namen zu machen. Profilierungssucht lässt Menschen nach Öffentlichkeit gieren, wobei die innere Sehnsucht nach Anerkennung oftmals ungestillt bleibt. Junge Männer sind beim „Turmbau“ besonders gefährdet (aber inzwischen scheinen immer mehr Frauen derselben Täuschung zu unterliegen), der immer mit Aufstieg, Effizienz, Leistung, Selbstdarstellung und Macht zu tun hat. Der „Aufstieg“ als das gängige Machtmuster ist weit verbreitet und entspricht wohl dem männlichen Instinkt. Die wenigsten von denen, die „vorne dran sind“ ahnen, dass sie mehr als alle anderen in Illusionen und verlogene Muster verstrickt sind: unechter Erfolg, unechte Macht und unechte Sexualität. Dabei verbrauchen sehr viele Männer (und das ist in der Geschichte völlig neu)ihre Kraft und Energie nicht dafür, um etwas herzustellen (als Handwerker, Schuster, Maurer…) oder für den Aufbau einer besseren Welt (für ihre Nachkommen), sondern sie machen Geld, das für sich genommen eine reine Fiktion ist.

 (Sogenannte „Profitjunkies: Geld hebt die Stimmung, also kann süchtig machen. Wie bei jeder Droge muss die Dosis gesteigert werden, um das Hochgefühl wieder zu erreichen. Doch die Abhängigkeit führt nicht in die Gosse, sondern an die Spitze der Gesellschaft. Erfolgreich ist, wer sich das kaufen kann, was ihn als zugehörig ausweist, dafür kann er nie genug Geld haben.“ Eleni Adamidu, in: Biss, Bürger in sozialen Schwierigkeiten, 2/2008)

Die Energie, die für das Leben eingesetzt werden will, wird für das eigene Ego, den persönlichen Erfolg und das private Sicherungsbedürfnis verwendet. Viele dieser Männer (und immer mehr Frauen) sind außerhalb jeder sozialen und spirituellen Verbindlichkeit ausschließlich von ihrem privaten kleinen Ego geleitet. Auch wenn es nicht darum geht das Geld an sich zu verurteilen, so hat es als ausschließlicher Wert genommen doch die Tendenz die Maske zu verstärken und Menschen innerlich auszuhöhlen. (vgl. A. Grün in SZ vom 8.2.08; Nr33/S.33)

Die spirituelle Erfahrung, durch welche ein Mann seine Kraft und Wichtigkeit im Hier und Jetzt erfährt, scheint weitgehend verschüttet gegangen und ersetzt durch hohle Machtspiele und leere Statussymbole. Der Zugang zu inneren Werten, zur Gefühlswelt, die Sorge um die Familie ist dabei vielfach verloren gegangen und durch „Marktwerte“ ersetzt.

Aufstiegs-, Macht- und Karrierestreben finden wir auch in der Kirche, obwohl das Ostermysterium von Tod und Auferstehung uns eines Besseren belehren könnte; und wer zur Rechten und zur Linken sitzen will, muss den Becher trinken können, den er (Jesus) trinkt. (vgl. Mk 10, 37-39) Die spirituelle Krise des Mannes ist an allen Ecken augenfällig sichtbar. Wer viele Jahre seines Lebens für Aufstieg und Selbstdarstellung verwendet hat, der wird sich von einem Aschenkreuz, das auf die Notwendigkeit des Abstiegs und der Demut weist, nicht wirklich betreffen lassen. Er wird die Weisheit nicht annähernd verstehen, die im paulinischen Paradox steckt , „dass ich stark bin, wenn ich schwach bin.“(2 Kor.12, 10).

Urvölker auf der ganzen Welt, wussten zu allen Zeiten, dass vor allem junge Männer, die weder die Schmerzen der Menstruation noch der Geburt erleben,  den „Pfad des Abstiegs“(R.Rohr) gelehrt werden müssen; denn das Leben selbst initiiert nur manchmal durch Krankheit , Niederlage und wenn sich die „Träume“ in Asche auflösen.

 Die Initiationsrituale hatten folgenden Sinn: (1)das Machtstreben des jungen Mannes sollte gereinigt werden, dass er fähig wird seine Kraft jenseits egoistischer Ziele einzusetzen. (2) Sein Blick sollte vom Außen auf die Welt des Inneren gelenkt werden: Wer bin ich ? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wofür ist mein Leben gut? (was ist mir wirklich wichtig und „wert“-voll? Woran möchte ich mich orientieren? Wohin zieht mich meine Sehnsucht?) (3)Der Initiand sollte einen angemessenen Platz im Stamm (in der Gesellschaft und Welt) erhalten. 

Gerade das Aschermittwochsritual sei eines der direktesten Reste ursprünglich brutal ehrlicher Initiation, wobei sich der Initiand nackt in schwarzer Asche zu wälzen hatte und Asche essen (vgl. R. Bly, Eisenhans, München 1991, S. 118 f.), um die Notwendigkeit des Sterbens am eigenen Körper zu spüren und sich der Trauer und des „Schattens“ inne zu werden. „Der naive Mann, der genau auf die Sonne zufliegt (wie Ikarus, d.V.) kann seinen eigenen Schatten nicht sehen. Er ist weit hinter ihm. In der Katabasis (Abstieg) holt er ihn ein.“ (vgl. a.a.O., S.115) Ohne die Erfahrung der Asche bleiben wir auch geistig in einer unerwachsenen Welt voller Einkaufszentren, Vergnügungsparks und Disneyland- und Wellnesskulturen gefangen.