Gnade- umsonst geliebt

 

„Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin…“(1 Kor 15, 10), diese Sätze des Apostels Paulus sprechen heute den wenigsten Zeitgenossen aus dem Herzen. Denn  der moderne Mensch ist von einem Selbstverständnis geprägt, das sich der eigenen Leistung, der eigenen Kraft und der eigenen Sinnstiftung verdankt: „Ich bin, was ich leiste“, „Ich bin, was ich mir verdient habe“…

Für nicht wenige aber ist die von der Gesellschaft geforderte Lebensleitung inzwischen zum Fluch geworden: „Es ist zuviel- einfach zuviel!“, sagt mancher. Der vielen zugemutete Dauerstress beschleunigt das Leben in bislang nicht gekannten Ausmaßen,  und führt dazu, dass wir wie Getriebene nie zur Ruhe und Entspannung finden.  Oft genug findet die Gnade keinen Raum in uns.

Wir haben verlernt, was es heißt aus der Gnade zu leben. Wir wollen uns auch nichts schenken lassen, denn da könnte ja schnell die Gegenrechnung gestellt werden.

Auch ein Gott, der aus Nichts und für nichts liebt und bejaht- unbedingt, umsonst, grundlos-, ist uns suspekt. Unsere Welt ist doch so anders. Wir sind gewohnt für Leistung etwas zu bekommen, unser Ansehen zu verdienen und Geschenke „heim“- zu- zahlen. Aber Gott will nichts von mir, weil er nichts von mir braucht. Er fordert keine Gegenleistung dafür, dass er mir das Leben geschenkt hat.

Das Wort Gnade– griechisch charis, lateinisch gratia, althochdeutsch ganada- bedeutet Wohlwollen, Gunst, Huld; es bezeichnet alles, was nicht machbar und erleistbar ist: Anmut, Schönheit, Dankbarkeit, Liebenswürdigkeit….das Wesentliche des Lebens ist „umsonst“ (gratuite), reines Geschenk.

Ein Blick auf die Schöpfung kann uns diese Wahrheit verdeutlichen: grundlos aufblühende Schönheit und  Anmut in jeder Blume, ihr Duft, der mich entzückt, grundlos ausgedrückte  Freude im Gesang der Vögel,… eine Fülle des Lebens ohne Warum, ohne Zweck, rein aus Gnade, einfach da. In der Bergpredigt empfiehlt Jesus das Glück des Daseins von den Vögeln und den Blumen zu lernen.

Vieles wird mir geschenkt, die liebevolle Begegnung, die glückliche Fügung, die Inspiration, die mehr ist als meine Gehirnleistung, der Trost, wenn ich traurig bin, die Hoffnung, um neu zu beginnenIch  selbst bin ein Geschenk an die Welt.  Aus Gnade leben ist das Gegenkonzept zum modernen Selbstverständnis ausschließlich von der eigenen Stärke und eigenmächtigen Leistung zu leben und sich sein  Leben verdienen zu müssen. Ich darf „spielen“ mit Worten und Farben:

(Foto von Gustav Schädlich-Buter)

Gnade beinhaltet die Erfahrung,  aus der Dimension der Liebe zu leben.

Bernardin Schellenberger erinnert daran in einer Meditation: :

Ich bin nicht für irgendetwas da

sondern ich bin ganz einfach da,

um meiner selbst willen.

Weil es meinem Schöpfer gefallen hat,

mich zu schaffen,

ausgerechnet mich,

genau so, wie ich bin.

….Ich bin,

weil Gott will, dass ich bin.

Aus keinem anderen Grund.

(B. Schellenberger, in: B. Schellenberger, Spielen)

Impuls:

Schenken Sie sich einen Tag, an dem Sie nichts leisten müssen und mit offenen Sinnen  und einem wachen Geist einfach geschehen lassen, was geschieht (an Begegnungen, Eindrücken, Einsichten, Inspirationen…)

Literatur zur Vertiefung:

Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

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Angst

„Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Mt 14, 24 f.)

In Krisen- und Umbruchszeiten, in den Augenblicken unseres Lebens, wo unser „Ich“ geschwächt ist, in Zeiten von Verlust, Krankheit oder gar im Sterben, erwacht die Angst in besonderer Weise. Sie ist zunächst einfach da, sie ist oft genug reine Existenzangst, die schon Tiere erleben können; sie ist körperliche Reaktion: Zittern, Schaudern oder Frieren. Angst tritt besonders dort auf, wo der Mensch sich als Subjekt erlebt und im Eigenen ankommt. Angst hängt zusammen mit der Bewußtseinsentwicklung des Menschen und der wachsenden, aber auch ängstigenden Freiheit (vgl. M. Renz, Zwischen Urangst und Urvertrauen, Paderborn 1996; E. Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 1

Angst zu haben angesichts einer lebensbedrohlichen Krankheit z.B. bedeutet für mein inneres Erleben, dass sich meine vertraute Welt auflöst; die Nächsten sind nicht da oder erweisen sich selbst als hilflos; ich fühle mich ungeborgen und ausgesetzt im „Niemandsland“, in dem das, was bisher Halt gab, sich als nichtig zeigt. Die Orientierung fehlt, ich irre umher, „Chaos-Gespenster“ tauchen in meiner Seele auf- irreal mächtig, kaum unterscheidbar vom real Bedrohlichen; Angstphantasien nehmen mir den Raum zum Atmen, sperren meine Seele in ein Gefängnis, Gedanken der Angst zerfurchen mein Gehirn. Was ist, wenn…? Im Bannkreis der Angst erscheint meine gesamte Welt als fremd und feindlich.


(Bild: Maske und Angst, Acryl auf Leinwand von Gustav Schädlich-Buter)

Manchmal sind es auch alte Ängste, die durch den Riss in meinen Lebensbau hineinschlüpfen; nicht bewältigte Vergangenheit taucht im Inneren der Seele auf: die Angst und Scham des Verlassen-worden-seins von der Mutter- das hilflose Kind- ausgesetzt in einer unheimlichen Welt; der erlebte Terror eines alkoholsüchtigen Vaters, die Angst ohnmächtig ausgeliefert zu sein, die Angst vor neuerlicher körperlicher oder sexueller Misshandlung usw.  Oder: das nicht beachtete, verschattete und verängstigte innere Kind steht plötzlich vor mir wie ein Bettler. Und: Ich kann es nicht mehr wegschieben, nicht mehr flüchten in vertrautes Verhaltensrepertoire, mich verstecken hinter den Masken des Gewohnten.

Die bisherigen Verdrängungsmechanismen und Formen der Angstbewältigung  funktionieren einfach nicht mehr. Angst verformt das Leben und Dasein eines Menschen und erweist sich oft genug als Ursache aller Seelenkrankheit (vgl. F. Riemann, Die Grundformen der Angst). Angst läßt Menschen verzweifeln und treibt sie bis in den Selbstmord hinein. Ängste stören die zwischenmenschliche Beziehung, führen zu Egozentrizität und Abkapselung: Ich werde stumm und verschließe mich, ich gehe von Angst zu Angst und befinde mich in der Spirale eskalierender Erregung.

Wie lässt sich der Mensch von seiner Angst erlösen? Was ist hilfreich und heilsam, wenn mein Lebensboot von hohen Wellen hin- und hergeschleudert wird; wenn panische Angst an meiner Seele nagt? Was kann ich tun, wenn „Angst fressen Seele auf“ (vgl. Fassbinder Film)?

Ein paar Möglichkeiten nach Anselm Grün :

Ich stelle mich meiner Angst. Ich suche Gesprächspartner und formuliere meine Ängste, ich versuche sie in Worten zu beschreiben, ich schreibe sie auf (in ein Tagebuch z.B.), male ein Bild; ich betrachte das Bild, das meine Angst ausdrückt. Die Gespenster der Angst werden kleiner, sobald ich sie ausdrücken kann. Die verständnisvolle und vertrauenerweckende Stimme eines Gegenübers, menschliche Nähe tut gut, wenn Angst mich aufwühlt.

Ich beginne zu beten. Weil mir in meiner Angst und Verzweiflung eigene Worte fehlen, bete ich in den Worten der Psalmen wie z.B.: „ ER griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.“ (Psalm 18) Andere Psalmen: Psalm 23, 34 oder Jes. 49,15; oder im Jesusgebet wiederhole ich Rhythmus des Atems den Satz: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“

Ich meditiere biblische Geschichten wie Mt. 14, 22 f, wo Petrus seinen Fuß auf das Wasser setzt, im Vertrauen auf die Gestalt, die ihm auf dem Wasser entgegenkommt. Ich begebe mich selbst in die Rolle des Petrus und höre Jesu Stimme: „Fürchte dich nicht!“

In heilsamen Ritualen, die Gottes liebende Zuwendung sichtbar machen, kann meine Angst gebannt werden; die Krankensalbung z.B.oder der Blasiussegen, bei dem zwei brennende Kerzen an den Hals gehalten werden, also dorthin, wo die Angst mir die Kehle zuschnürt, damit die Wärme der Liebe die Angst löst. Oder ich lasse mich segnen. Im Segenkann ich erfahren, dass Gott selbst noch auf dem Grund meiner Angst ist, dass ich samt meiner Angst in seiner Hand gehalten bin. Es geht darum ein Vertrauen zu erfahren und zu spüren – ganz leibhaft-, dass tiefer als der Abgrund aller Nichtigkeit und Hinfälligkeit geschöpflicher Kreatur, ein tragender Grund mich hält.

Literatur zur Vertiefung:

Monika Renz, Zwischen Urangst und Urvertrauen, Paderborn 1996; E.

Eugen Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 1

Fritz Riemann, Grundformen der Angst

Steh auf!

„ Mädchen, ich sage dir: Steh auf!“ Und tatsächlich das Mädchen erhebt sich und geht umher. (vgl. Mk 5, 21)

Der Evangelist Markus berichtet folgende Geschichte: im Haus des Synagogenvorstehers Jairus ist großes Wehklagen und Geheul. Dessen 12 jährige Tochter ist anscheinend gerade gestorben. Der herbeigerufene Jesus aber behauptet, dass das Mädchen nicht tot ist, sondern nur schläft. Die Leute verlachen ihn. Jesus nimmt das Mädchen an der Hand und sagt: „Talita kumi!“, was soviel bedeutet wie: „ Mädchen, ich sage dir: Steh auf!“ Und tatsächlich das Mädchen erhebt sich und geht umher. (vgl. Mk 5, 21)

Der Theologe F. Steffensky weist mit Recht daraufhin, dass Jesu Größe vor allem darin bestanden hat, dass er nicht an den Tod glaubte und die Augenscheinlichkeit des Todes bezweifelte.

An Jesus Christus glauben, bedeutet nicht in erster Linie  ihn anzubeten, sondern ihm nachzufolgen. An seine Auferstehung glauben, heißt mit ihm eintreten in jene größere Hoffnung, die den vielen Mächten des Todes widersteht und eintritt in dessen Bewegung für das Leben.

(Bild: Auferstehung, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Jesus Christus ist nicht nur auferstanden in ein Jenseits, sondern in seine „Jünger“, in all die Frauen und Männer damals und heute, die von seinem Leben angesteckt und begeistert sind. Er ist auferstanden in unsere Welt hinein als unsere Zukunft. Und er ist auferstanden als der immer wieder neu Motivierende, wenn Zweifel, Gleichgültigkeit oder innerer Rückzug uns „versuchen.“ Wenn wir wie Maria enttäuscht am Grab stehen oder wie die Jünger von Emmaus Angst haben, dass alles umsonst war und nur Leere übrigbleibt.

An der Auferstehungshoffnung teilhaben und der Todesmacht widerstehen, bedeutet aufrecht gehen lernen, die Augen geöffnet bekommen und die Augen anderer öffnen, wirklich zuhören, andere trösten, das Recht für die Schwachen einklagen, deren Wunden „verpflastern“ und seine einmalige Stimme erheben für die Würde des Menschen.

Auferstehungshoffnung finde ich dort, wo nahezu unheilbar Zerrüttete und Zerstrittene einander vergeben können; und sie ist auch dort, wo Menschen, deren Leben wie gescheitert aussieht, es noch im Sterben in all seiner Brüchigkeit angenommen und umarmt wissen. Ich finde sie dort, wo Menschen sich nicht für Macht verkaufen und bei dem Mann, der auf Karriere und Aufstieg verzichtet, um seinen Kollegen und Freunden nahe zu sein. Auch bei all jenen Frauen und Männern, die aus der Enge ihres Privatlebens ausgebrochen sind, um einen menschlichen Beitrag für diese unsere Welt zu leisten. Auferstehungshoffnung finde ich bei all jenen, die sich ganz unspektakulär für Kranke, Arme, Obdachlose, psychisch Kranke oder benachteiligte Jugendliche einsetzen; die denen, deren Lebensaussichten verschwunden sind, durch ihr Dasein sagen:“ Steh auf! Du schaffst es!“ Auch bei all jenen sehe ich diese Hoffnung, die heute noch Kinder großziehen und bei all den Großvätern und Großmüttern, die sich für die Zukunft ihrer Enkelkinder einsetzen in ihrem Engagement für die Schöpfung.  Auferstehungshoffnung finde ich bei dem Vater, der über seinen eigenen Schatten und die Fehlschläge seines Sohnes springt und die Hand der Versöhnung reicht. Ich finde sie auch bei jenen Paaren, die einander treu bleiben, selbst in den Phasen, die schwer und trocken auszuhalten sind.

Auferstehungshoffnung finde ich bei Menschen wie Martin Luther King, Jean Vanier (Gründer von Lebensgemeinschaften von Gesunden und Behinderten), Thomas Merton (Mönch und Dichter) oder Dorothee Sölle(Theologin und Friedenskämpferin), die schreibt: „Ich versuche mein Leben in der Anteilnahme zu erhalten, ich will das nicht mitmachen: dieses Sich-Anbiedern, dieses Sich – Einteilen, dieses Sich-In-den -passenden –Zusammenhang –Rücken, dieses Sich-Gewöhnen an das Unrecht, weil es häufig ist und überall vorkommt.“ (vgl. D.Sölle, Das Fenster der Verwundbarkeit)

Ostern ist für mich eine tiefe Erinnerung daran, dass Jesus weiterlebt in all jenen, die „auf-stehen“, sich den vielfältigen Formen des Todes widersetzen und dabei sich weigern an den Tod zu glauben. Er möchte in mir, in dir, in uns allen aufstehen und uns zum Leben bewegen.

„Draußen vor der Tür“-Impuls zum Advent

In Wolfgang Borchert Antikriegsdrama „Draußen vor der Tür“ steht der Kriegsheimkehrer Beckmann vor der Tür seines Elternhauses, das den  Krieg  unbeschadet überstanden hat. Beckmann freut sich:  „Unser Haus steht noch! Und es hat eine Tür. Und die Tür ist für mich da…Da kommt mein Vater jeden Morgen um acht Uhr raus. Da geht er jeden Abend wieder rein. Nur sonntags nicht…jeden Tag, ein ganzes Leben. Da geht meine Mutter rein und raus. Dreimal, siebenmal, zehnmal am Tag. Jeden Tag. Ein Leben lang. Das ist unsere Tür…Der Krieg ist an dieser Tür vorbeigegangen. Er hat sie nicht eingeschlagen und nicht aus den Angeln gerissen…Und nun ist diese Tür für mich da. Für mich geht sie auf, und hinter mir geht sie zu, und dann stehe ich nicht mehr draußen. Dann bin ich zu Hause. (Wolfgang  Borchert, Draußen vor der Tür, Hamburg 1956, 11.Auflage 2011, S.34 f.) Doch an der Tür ist das Messingschild verschwunden, auf dem seit 30 Jahren der Name Beckmann stand.  Ein  anderer, fremder  Name steht an der Tür, das Geburtshaus von Beckmann ist inzwischen von anderen Personen besetzt. Eine gleichgültig,  glatt freundliche  Frau Kramer, die jetzt dort mit ihrem Ehemann wohnt, erklärt Beckmann, dass  die Eltern hinausgeworfen wurden und sich daraufhin das Leben genommen haben.  Am Schluss der Unterhaltung mit Frau Kramer sagt Beckmann leise, aber drohend: „Ich glaube, es ist gut, wenn sie die Tür zumachen, ganz schnell. Ganz schnell! Und schließen sie ab. Machen  Sie ganz schnell ihre Türe zu, sag ich Ihnen! Machen Sie !“  Beckmann`s Erwartung nach grauenvollen Kriegsnächten endlich  nach Hause in sein Elternhaus zu kommen, wird bitter enttäuscht. Die Tür öffnet sich zwar,  aber ohne Einlass zu gewähren und mit dunkler Nachricht abzuweisen.

„Advent heißt Ankunft und ist die Zeit der Erwartung, der Sehnsucht nach Heil und Frieden, die endlich ankommen sollen auf dieser Erde. Advent ist die Sehnsucht nach Heimkommen und Ankommen, nach einer erlösenden Botschaft, die besonders Menschen wie „Beckmann“  oder  heute die vielen Flüchtlinge auf dieser Welt  spüren.  Advent ist die Sehnsucht nach dem Erlöser selbst, dem wir die Türen aufschließen sollen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“, heißt es in einem bekannten Adventslied aus dem 17. Jahrhundert. Doch wer steht auf der anderen Seite  der Tür? Der Erlöser und die frohmachende Botschaft oder Frau Kramer, die abweist.  Wer klopft an und wer öffnet?

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(„Hoffnungstor“, Acryl auf Leinwand, 60×80 cm, von Gustav Schädlich-Buter)

1622 schreibt der Jesuit Friedrich Spee das  Lied  „O Heiland reiß die Himmel auf“, das mit seinem Text so gar nicht in die Idylle von Weihnachtmärkten mit Glühwein und Lebkuchen passt. Friedrich Spee lebt in einer dunklen Zeit: es herrscht die Pest, der viele Menschen zum Opfer fallen, der 30 jährige Kriege wütet und es ist die Zeit der Hexenverfolgung. In der ersten Strophe des Liedes heißt es dann weiter: „Reiß ab vom Himmel Tor und Tür/ Reiß ab wo Schloss und Riegel für“. Die Türen, die den Himmel verschließen, soll der Heiland selbst gewaltsam  öffnen. Wer verschließt die Tür zum Himmel? Ist es die  Not selbst, das Elend dieser Welt, das manchen Menschen den Glauben geraubt hat, es könne sich noch etwas vom „Himmel“ her zum Besseren wenden? Oder ist es die Kakophonie menschlicher Bosheiten und  die oberflächliche, abgestumpfte Gleichgültigkeit menschlichen Denkens und Handelns, welches die Türen verschließt?

Adventliche Sehnsucht könnte man bezeichnen als das Leiden an dieser Verschlossenheit des Himmels. Im Lied von Friedrich Spee wird jene  zu einem leidenschaftlichen Flehen aus tiefster Not, dass der Heiland –also der, der unsere Welt und unser Leben retten soll- endlich kommen soll. Er wird dringend gebraucht, schmerzlich vermisst und soll jetzt selbst die Initiative ergreifen, wenn wir es schon nicht schaffen, die Türen zu öffnen.  Die religiöse Sprache bringt zum Ausdruck, dass wir Menschen immer wieder in Situationen geraten, aus denen wir selbst uns nicht retten oder befreien können. Man denke gegenwärtig an die Kriege im Nahen Osten, an die Ebola Epidemien in Afrika oder an die vielfältigen individuellen Nöte und Ängste in uns selbst oder in unserer Nähe.

„Wo bleibst du Trost der ganzen Welt..?, schreit die adventliche Sehnsucht im Lied  (4.Strophe) klagend zum Himmel. „Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht!! Gebt doch Antwort! Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort??? Gibt denn keiner, keiner Antwort???“, heißt es in Borcherts Roman (a.a.O. , S.54) Wann geht die Tür endlich auf, so dass wir, die Menschen, die aussichtslos und traurig herumirren, die sich immer wieder gegenseitig  zerstören müssen, endlich heimkommen und Frieden finden. Wann endlich kommen wir ins Vaterland, ins Elternhaus, das Wolfangs Borchert`s -von der eigenen Biografie geprägten-  Romanfigur Beckmann verschlossen bleibt.

Impuls:

Lesen Sie in der Adventszeit Borchert`s Roman „Draußen vor der Tür“

Meditieren und singen Sie Friedrich Spee`s Lied „o Heiland reiß die Himmel auf“

Wem kann ich die Türen meines Herzen`s oder meines Hauses (wieder) öffnen?

Literatur:

Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür, Hamburg 1956, 11.Auflage 2011

Hoffnung

Geduld und Hoffnung in der Bedrängnis-biblische Impulse

„Sei tapfer und stark und überstürze nichts in der Zeit der Heimsuchung. Halt aus in vielfacher Bedrängnis! Vertrau auf Gott, er wird deine Wege ebnen..“ (Jesus Sirach 2,2)

„Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.“ (Röm 8,24)

„Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5,4)

„Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst. Dadurch soll sich euer Glaube bewähren. Und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das in Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist.“

(Petrus 1,6)

Hoffnung

Die jüdische Dichterin Rose Ausländer hat mehrere Gedichte zum Themenkreis Hoffnung geschrieben, die von ihrer eigenen existentiellen Erfahrung geprägt sind. Eines davon mit dem Titel „Hoffnung II“ lautet: Wer hofft/ ist jung// Wer könnte atmen/ ohne Hoffnung/dass auch in Zukunft/ Rosen sich öffnen// ein Liebeswort/ die Angst überlebt.(Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte; Frankfurt a.M. 1981, S.43)

„Wer könnte atmen ohne Hoffnung?“

Wer hofft, setzt auf das je Bessere, glaubt daran, dass das Bessere möglich ist, glaubt an Weiterentwicklung, an das Rettende und Wandlung.

Hoffnung bildet den emotionalen Untergrund (vgl. O.F. Bollnow), aus dem heraus wir leben und handeln können, gerade angesichts der Erfahrung von Scheitern, Brüchigkeit, Krankheit und Tod. Fast jeder  kommt im Laufe seines Lebens in Situationen, wo er nur noch müde, verzweifelt und resigniert ist, wo er nicht mehr weiter kann und will. Und plötzlich kann sich in der Mitte der Verzweiflung und Resignation, auf dem Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag ergeben; plötzlich taucht eine Kraft auf, die neuen Mut, Gewissheit und Zuversicht gibt.

(Hoffnungsblumen, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm von Gustav Schädlich-Buter)

Manchmal stellt sich Hoffnung gerade dort ein, wo ich aufhöre verzweifelt gegen etwas anzukämpfen, wo ich in mein Leben, mein Geworden-sein, meine Krankheit annehme; wo ich offen werde für das Leben, für den Tod und in die Möglichkeit meines Sterbens einwillige.

Hoffnung in einem schweren Krankheitsprozess bedeutet nicht immer, dass die Krankheit endgültig geheilt wird und ich gesund aus dem Krankenhaus gehe. Hoffnung in meinem Krank-sein bedeutet manchmal eher, dass ich besser mit der Krankheit umgehen kann, dass ich eine Zeit lang ohne Schmerzen sein kann, dass ich mehr bin als mein geschundener, kranker Körper, dass ich noch eine Zeit geschenkt bekommen habe für mich und die Menschen, die ich gern habe; dass ich sehe, was sich durch die Krankheit Neues in mir anbahnt.

Die Kraft zu hoffen muss auch geübt werden und kann gelernt werden (E.Bloch, Das Prinzip Hoffnung), sie verlangt die Disziplin auf eine Zukunft zu setzen auch wenn im Moment vieles dagegen steht. Hoffnung hat auch damit zu tun, dass ich eine Ahnung bekomme, dass -was auch immer passiert- mein Leben aufgehoben ist und mir letztlich nichts passieren kann. Insofern steht das „Hoffen-können“ auch mit dem Ur-vertrauen ins Leben in Verbindung.

Hoffnung bekomme ich auch durch andere Menschen: deren Wertschätzung, ein liebenswürdigen Blick, ein gutes Wort oder einen ehrlich gemeinter Friedensgruss lässt die Kraft der Hoffnung wachsen. Wir alle brauchen eine „Solidarität in der Hoffnung“ (J.B. Metz).

Der hoffende Mensche ist offen für Überraschungen, offen für das Unvorstellbare und in Bewegung setzende.  Die Überraschung verbindet die Hoffnung mit der Dankbarkeit

Hoffnung taucht auch auf, wo wir aus Fremdbestimmung und Anpassung wieder in Kontakt kommen mit unserer ur-eigenen und unverwechselbaren Lebensmelodie, mit dem Bild Gottes in unserer Seele. Die Hoffnung und die Kraft innerer Entfaltung hängen zusammen. Hoffnung ist die Grundlage für Inspiration, Kreativität und Freude und  stellt uns  in vielfältiges Verbundensein hinein.

Literatur zur Vertiefung:

David  Steindl-Rast, Fülle und Nichts, Die Wiedergeburt christlicher Mystik, 5/89,4.Auflage)

Erwartung- Impuls zum Advent

Zeit der Erwartungen

Der Advent gilt ja bekanntlich  im religiösen Kontext als Zeit der Erwartung. Aber was erwarte ich noch? Was erwarten die Menschen um mich herum? Was erwarten wir in und von unserem Leben? Was suchen wir eigentlich ?
Manchmal schaue im Advent bewusst auf Menschen, denen ich begegne und versuche zu erraten, worauf diese Menschen warten.

Menschen in der U-Bahn

In der U-Bahn mir gegenüber sitzt auf meinem Nachhauseweg ein asiatisch aussehender Mann, vor seinen Füßen steht eine Sackkarre, mit der man Lasten transportierten kann. Er schließt seine Augen und scheint müde. Welche Lasten hat er heute schon geschleppt? Was sind die Lasten in seinem Leben? Was erwartet ihn heute Abend? Und welche Erwartungen hat er ans Leben?

(Foto privat, Radfahrer in Daresalam/Tansania)

Stehend vor mir eine ältere Frau, ärmlich gekleidet, ihr Gesicht von Falten zerfurcht,- von ihren Sorgen und vielen Lebens- und Überlebenskämpfen? Ihre unruhig hin und her flatternden Augen schauen ängstlich zu den U-Bahntüren, die Finger Ihrer Hand bewegen sich unruhig an der Eisenstange, an welcher sie sich festhält. Es scheint als würde sie nicht wissen, wohin die Reise genau geht, wann sie ankommt, wann sie aussteigen soll. Auf was wartet sie in ihrem Leben? Was sucht sie? Was fehlt ihr? Orientierung , Sicherheit und Geborgenheit oder ganz etwas anderes?
Und der Afrikaner neben mir, aus welchem Land mag er kommen, welchen Weg hat er hinter sich und was hat er da alles erlebt? Wie fremd muss ihm die Kälte unseres Landes sein, in der er jetzt leben muss oder will. Denkt er gerade an seine Familie und seine Verwandten in Afrika? Was erwartet ihn hier in dieser ihm fremden Kultur? Worauf setzt er seine Hoffnung? Eine neue Heimat finden, anerkannt und akzeptiert werden, einen Arbeitsplatz bekommen…?
Die Frau, die links neben mir sitzt, spielt irgendein Spiel auf ihrem Smartphone. Ablenkung, Zerstreuung, sich die Langeweile vertreiben, sich erholen vom Druck in der Firma, wo sie effizient sein muss und auf Leistung getrimmt ist? Zerstreuung erfahren viele U Bahn-Mitfahrende auch durch die Nachrichten am integrierten Bildschirm der U_Bahn, die im Sekundentakt „News“ hereinfliegen lässt.
Auf was warten und suchen all diese Menschen, die heute mit mir in der U-Bahn fahren?
Auf eine Zeit, in der sie selbst bestimmen können , auf Nichts-tun dürfen nach alle dem Leistungsdruck, darauf endlich genug Geld zum Leben zu haben, oder jemanden zu finden, der es ehrlich mit ihnen meint, eine liebevolle Beziehung….?

Auf was warten wir?
Doch womöglich stellen sich viele keine dieser Fragen, erwarten nichts oder viel weniger, begnügen sich mit ein bisschen Zerstreuung und Ablenkung. Die tieferen Fragen, warum wir eigentlich hier auf der Welt sind, was das Ziel unseres Lebens sein könnte, was in der Tiefe der eigenen Seele vor sich geht, tauchen nicht mehr auf, werden übertüncht. Sind wir nicht alle zu oft eingesperrt und narkotisiert durch mediale Dauerberieselung, Geschwätz oder blinden Aktionismus? Hören wir noch etwas anderes als das, was uns von außen zumüllt, zustopft und blöd macht? „Lange haben wir das Lauschen verlernt!“, sagt die Dichterin Nelly Sachs. Und wir könnten hinzufügen, auch das Sehen und Schauen, das in die Tiefe geht.

Nach „Leben“ Auschau halten

Erwarten heißt ja auch nach etwas Ausschau halten: nach einem Licht, das nicht bloß auf dem Adventskranz leuchtet, sondern die Dunkelheit der Seele erhellt, nach einem Feuer, das uns herausreißt aus der bequemen Selbstgenügsamkeit, „Burn -in statt Burn -out“(G. Fuchs). Ausschau halten auch nach einer Quelle, aus der ich trinken kann, in der Wüste oder Sackgasse, in die mein Leben womöglich geraten ist. Ausschau halten nach einem Bohrturm, der durch die Oberfläche in die Tiefe dringt und dort etwas findet, was mich „befeuert“ oder auch „bewässert“.
Oder hören auf eine Melodie, die anders klingt als die vorweihnachtliche musikalische Dauerberieselung in den Kaufhäusern, eine Stimme, die mich berührt, weil sie anders klingt als die laute Stummheit meiner Umgebung und mich wirklich still macht.
Oder ist es ein Anruf und Aufruf zum Aufbrechen aus der allzu bekannten Routine meiner Selbstverständlichkeiten, um dem einmaligen Geheimnis meines Lebens näher zu kommen. Oder eine innere Aufforderung (nicht eine moralischer Forderung), dass unsere Herz wieder wacher und offener wird, für die Leidenden dieser Welt. Erwarten wir noch, dass wir erlöst werden von einem fruchtlosen Kreisen um uns selbst in Selbstmitleid oder wichtigtuerischen Selbstdarstellungen.

Was erwarten Sie vom Leben? Was oder wer soll bei mir ankommen (lat. adventus bedeutet Ankunft)

Impuls nach Bernardin Schellenberger:
Stellen sie sich immer wieder bei allen möglichen Gelegenheiten (im Stau, an der Kasse…) die Frage: Was erwarte ich? „Was suche ich eigentlich?“

Literatur zur Vertiefung:
Bernardin Schellenberger, Advent, Ein spirituelles Abenteuer, Würzburg 2002