„Draußen vor der Tür“-Impuls zum Advent

In Wolfgang Borchert Antikriegsdrama „Draußen vor der Tür“ steht der Kriegsheimkehrer Beckmann vor der Tür seines Elternhauses, das den  Krieg  unbeschadet überstanden hat. Beckmann freut sich:  „Unser Haus steht noch! Und es hat eine Tür. Und die Tür ist für mich da…Da kommt mein Vater jeden Morgen um acht Uhr raus. Da geht er jeden Abend wieder rein. Nur sonntags nicht…jeden Tag, ein ganzes Leben. Da geht meine Mutter rein und raus. Dreimal, siebenmal, zehnmal am Tag. Jeden Tag. Ein Leben lang. Das ist unsere Tür…Der Krieg ist an dieser Tür vorbeigegangen. Er hat sie nicht eingeschlagen und nicht aus den Angeln gerissen…Und nun ist diese Tür für mich da. Für mich geht sie auf, und hinter mir geht sie zu, und dann stehe ich nicht mehr draußen. Dann bin ich zu Hause. (Wolfgang  Borchert, Draußen vor der Tür, Hamburg 1956, 11.Auflage 2011, S.34 f.) Doch an der Tür ist das Messingschild verschwunden, auf dem seit 30 Jahren der Name Beckmann stand.  Ein  anderer, fremder  Name steht an der Tür, das Geburtshaus von Beckmann ist inzwischen von anderen Personen besetzt. Eine gleichgültig,  glatt freundliche  Frau Kramer, die jetzt dort mit ihrem Ehemann wohnt, erklärt Beckmann, dass  die Eltern hinausgeworfen wurden und sich daraufhin das Leben genommen haben.  Am Schluss der Unterhaltung mit Frau Kramer sagt Beckmann leise, aber drohend: „Ich glaube, es ist gut, wenn sie die Tür zumachen, ganz schnell. Ganz schnell! Und schließen sie ab. Machen  Sie ganz schnell ihre Türe zu, sag ich Ihnen! Machen Sie !“  Beckmann`s Erwartung nach grauenvollen Kriegsnächten endlich  nach Hause in sein Elternhaus zu kommen, wird bitter enttäuscht. Die Tür öffnet sich zwar,  aber ohne Einlass zu gewähren und mit dunkler Nachricht abzuweisen.

„Advent heißt Ankunft und ist die Zeit der Erwartung, der Sehnsucht nach Heil und Frieden, die endlich ankommen sollen auf dieser Erde. Advent ist die Sehnsucht nach Heimkommen und Ankommen, nach einer erlösenden Botschaft, die besonders Menschen wie „Beckmann“  oder  heute die vielen Flüchtlinge auf dieser Welt  spüren.  Advent ist die Sehnsucht nach dem Erlöser selbst, dem wir die Türen aufschließen sollen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“, heißt es in einem bekannten Adventslied aus dem 17. Jahrhundert. Doch wer steht auf der anderen Seite  der Tür? Der Erlöser und die frohmachende Botschaft oder Frau Kramer, die abweist.  Wer klopft an und wer öffnet?

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(„Hoffnungstor“, Acryl auf Leinwand, 60×80 cm, von Gustav Schädlich-Buter)

1622 schreibt der Jesuit Friedrich Spee das  Lied  „O Heiland reiß die Himmel auf“, das mit seinem Text so gar nicht in die Idylle von Weihnachtmärkten mit Glühwein und Lebkuchen passt. Friedrich Spee lebt in einer dunklen Zeit: es herrscht die Pest, der viele Menschen zum Opfer fallen, der 30 jährige Kriege wütet und es ist die Zeit der Hexenverfolgung. In der ersten Strophe des Liedes heißt es dann weiter: „Reiß ab vom Himmel Tor und Tür/ Reiß ab wo Schloss und Riegel für“. Die Türen, die den Himmel verschließen, soll der Heiland selbst gewaltsam  öffnen. Wer verschließt die Tür zum Himmel? Ist es die  Not selbst, das Elend dieser Welt, das manchen Menschen den Glauben geraubt hat, es könne sich noch etwas vom „Himmel“ her zum Besseren wenden? Oder ist es die Kakophonie menschlicher Bosheiten und  die oberflächliche, abgestumpfte Gleichgültigkeit menschlichen Denkens und Handelns, welches die Türen verschließt?

Adventliche Sehnsucht könnte man bezeichnen als das Leiden an dieser Verschlossenheit des Himmels. Im Lied von Friedrich Spee wird jene  zu einem leidenschaftlichen Flehen aus tiefster Not, dass der Heiland –also der, der unsere Welt und unser Leben retten soll- endlich kommen soll. Er wird dringend gebraucht, schmerzlich vermisst und soll jetzt selbst die Initiative ergreifen, wenn wir es schon nicht schaffen, die Türen zu öffnen.  Die religiöse Sprache bringt zum Ausdruck, dass wir Menschen immer wieder in Situationen geraten, aus denen wir selbst uns nicht retten oder befreien können. Man denke gegenwärtig an die Kriege im Nahen Osten, an die Ebola Epidemien in Afrika oder an die vielfältigen individuellen Nöte und Ängste in uns selbst oder in unserer Nähe.

„Wo bleibst du Trost der ganzen Welt..?, schreit die adventliche Sehnsucht im Lied  (4.Strophe) klagend zum Himmel. „Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht!! Gebt doch Antwort! Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort??? Gibt denn keiner, keiner Antwort???“, heißt es in Borcherts Roman (a.a.O. , S.54) Wann geht die Tür endlich auf, so dass wir, die Menschen, die aussichtslos und traurig herumirren, die sich immer wieder gegenseitig  zerstören müssen, endlich heimkommen und Frieden finden. Wann endlich kommen wir ins Vaterland, ins Elternhaus, das Wolfangs Borchert`s -von der eigenen Biografie geprägten-  Romanfigur Beckmann verschlossen bleibt.

Impuls:

Lesen Sie in der Adventszeit Borchert`s Roman „Draußen vor der Tür“

Meditieren und singen Sie Friedrich Spee`s Lied „o Heiland reiß die Himmel auf“

Wem kann ich die Türen meines Herzen`s oder meines Hauses (wieder) öffnen?

Literatur:

Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür, Hamburg 1956, 11.Auflage 2011

Sein Heimweh verlieren

 

„Wer hat dich geplant, gewollt? Dich bestellt und abgeholt?/Wer hat sein Herz an dich verlor`n ? Warum bist du gebor`n?/Wer hat dich gebor`n ?/ Wer hat sich nach dir gesehnt?/Wer dich an sich gelehnt?/Dich wie du bist akzeptiert,/ dass du dein Heimweh verlierst?…“

Herbert Grönemeyer,  Liedtitel „Zum Meer“, auf der CD Mensch

(Foto privat)

Wer hat mich gewollt? Wer hat mich akzeptiert wie ich bin? Fühle ich mich auf dieser Erde zu Hause? Fühle ich mich willkommen? Wer hat mich in Empfang genommen, mich willkommen geheißen und mir mein Heimweh genommen? Diese Fragen gehen nahe, stimmen nachdenklich, klingen nach…. Der Liedermacher Herbert Grönemeyer stellt sie in seinem Lied „zum Meer“ (erschienen auf der CD Mensch).

Wer hat mich akzeptiert so wie ich bin? Unglaublich viele Menschen fühlen sich nicht wirklich akzeptiert und geliebt. Manche fühlen sich aufgrund ihrer Andersheit, ihres Aussehens, ihrer Behinderung, ihrer körperlichen oder seelischen Einschränkung abgelehnt, ohne Ansehen und schämen sich, dass sie so sind wie sie sind.

Wieder andere Menschen fühlen sich nicht willkommen, gerade, wenn sie aus Ländern fliehen mussten, in denen bittere Armut, unbarmherzige Ausbeutung, Gewalt und Kriege an der Tagesordnung waren.

Es macht bedrückt und traurig, wenn man sich auf dieser Erde nicht willkommen weiß. Wer von einer Gesellschaft oder Gemeinschaft abgelehnt wird, den macht die beängstigende Erfahrung des Ausgeschlossenseins nicht selten aggressiv oder hart. Wieder andere überspielen die Wunde der inneren Heimatlosigkeit mit Geschäftigkeit und Hyperaktivität. Sie wollen über ihre Leistung anerkannt werden. Wer sich nicht willkommen und geliebt fühlt, bleibt irgendwie unbehaust und fremd: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, heißt es im Liederzyklus von Schubert`s Winterreise.

Geliebt vom ersten Atemzug an und schon vorher, geliebt „ohne- wenn- und- aber“, ohne Bedingung und Leistungsnachweis,- das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Glaube an ein großes Ja einer verschwenderischen Liebe, das über unser Leben gesprochen sein soll, scheint für viele Menschen nicht spürbar und verdunkelt. „Warum bin ich überhaupt geboren?“, ist dann die dazugehörige Frage, wenn das Ja sich in ein Nein verwandelt hat; wenn ein Panzer der Selbstablehnung und Feindschaft sich selbst und anderen gegenüber das Grundgefühl bestimmt.

Gut, wenn es dann wenigstens noch das Heimweh gibt, die Spur einer Erinnerung an einen „Ort“, an eine Gemeinschaft, an eine Liebe, die mich ankommen lässt, die mich leben lässt, die mich aufatmen lässt, in der ich willkommen bin.

Wer willkommen geheißen wird, dem wandelt sich Fremdheit in Vertrautheit und er fängt an, sein Heimweh zu verlieren.

Sobald wir Menschen einander willkommen heißen ohne Bedingungen oder die Erfüllung von Aufnahmekriterien für die jeweilige Gruppe, der wir zugehören, entsteht eine Verbindung und wir spüren, dass wir zusammengehören. Jede und jeder von uns, trägt in sich eine Begabung, dem Anderen dieses Willkommens-Ja zuzusprechen.
Wie gut kann ein einladendes Wort tun, ein Lachen, ein wertschätzender Blick, eine Geste der Zuneigung- sie alle sagen: Gut, dass es dich gibt – willkommen Bruder oder Schwester auf dieser Erde und auf dieser unserer gemeinsamen Lebensreise zum „Meer“ oder zum „Himmel“.

Einen Namen haben

Vor einigen Jahren hat der Film „Der mit dem Wolf tanzt“ das Publikum begeistert: Der Film spielt im amerikanischen Bürgerkrieg 1864. John J. Dunbar, Lieutnant der Nordstaaten- Armee wird auf den westlichsten Außenposten versetzt, den es gibt. Dort findet er nichts vor als einen verlassenen Posten und einen Wolf, der immer wieder in seine Nähe kommt. Er schließt mit diesem Wolf, der ihn regelmäßig besucht, Freundschaft und gibt ihm den Namen „Socke“. Als er mit dem Wolf herumspielt, beobachten Lakota Indianer diese Szene und sind davon beeindruckt.

Es ergeben sich die ersten Annäherungsversuche zwischen den beiden Kulturen und der frühere Lieutnant Dunbar verschmilzt immer mehr mit den Sitten der Indianer, bis schließlich aus dem Soldaten ein Mitglied des Indianerstammes wird. Von den Indianern erhält er Dunbar seinen neuen Namen: „Der mit dem Wolf tanzt“. Der neue Name bringt seine neue Identität zum Ausdruck.

Der Film zeigt : Namen sind alles andere als Schall und Rauch. Es macht etwas mit uns, wenn wir unseren Namen hören und mit ihm angesprochen werden. Jede und jeder hat seit seiner Geburt eine lange Geschichte mit seinem Namen. Wer hat alles meinen Namen gesagt und wie? Wie sage ich ihn heute selbst? Welchen Klang verbinde ich damit, wenn mein Vater oder meine Mutter mich gerufen haben, wie wurde ich in der Schule genannt? Wie höre ich heute meinen Namen ausgesprochen : liebevoll, wertschätzend, zärtlich, klar, weich, hart, achtlos, fordernd, gebrüllt…?, -achten Sie einmal darauf? Wer spricht mich so an, dass ich mich gemeint fühle und zuhöre.

Manchmal komme ich, wenn ich mich mit meinen Namen gerufen höre, in Berührung mit meiner Besonderheit und meiner Aufgabe. Und manchmal bekomme ich einen neuen Namen, um die Besonderheit oder das Neue meines Lebens und meiner Aufgabe zu erfassen.

Namen haben oft eine Bedeutung. Haben sie schon einmal über die Bedeutung Ihres Namens nachgeforscht? Manchmal ist im Namen eine ganze Lebensaufgabe, ein Lebensprogramm versteckt. Johannes heißt „Gott ist gnädig“, Hugo ist der Kluge und Felix der Glückliche. Wenn ich Peter heiße, was der Fels bedeutet, könnte ich mich fragen, wer sich auf mich stützen kann, wem ich zum Fels geworden bin. Oder wenn ich wie Hildegard mit der Bedeutung “die im Kampf Schützende“ heiße, könnte ich dem nachgehen, wen ich schütze oder wem ich Schutz im Leben anbiete ? (vgl. Anselm Grün, Wurzeln, Festen Halt im Leben finden, ,
Münsterschwarzach 2012, S.34 f.)

Wenn ich meinen Namen höre und mich gemeint fühle, komme ich in Kontakt mit meiner Tiefe und spüre etwas vom innersten Wesen, vom Geheimnis meines einmaligen Lebens . Mit meinem Namen kann ich etwas vom Glück,  gewollt und angenommen zu sein,  spüren. Angenommen ohne Bedingungen (grundlos, vor aller Leistung, umsonst – im Sinne von gratis), eine Würde haben, ein Geschenk sein an diese Welt, egal ob mein Leben von außen betrachtet ärmlich, zurückgesetzt oder angewiesen aussehen mag.

Theologen reden davon, dass der Mensch aus einem Anruf Gottes stammt, dass jeder Mensch von einer großen Liebe ins Leben gerufen wurde zu deren Widerschein er werden kann auch als kranker, behinderter oder sterbender Mensch.

Zum Nachdenken:
Was bedeutet mir mein Name?

Welche Bedeutung steckt in meinem Namen?

Von wem werde ich gerne angesprochen?

Literatur zur Vertiefung:

Anselm Grün, Wurzeln, Festen Halt im Leben finden,
Münsterschwarzach 2012

Die Bettlerin und die Rose

Die Bettlerin und die Rose

Von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926), der wohl zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu rechnen ist, wird während seines Aufenthaltes in Paris folgende Geschichte erzählt:

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: „Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.

Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

Diese Geschichte zeigt, dass wir als Menschen bedürftig sind nach echter Aufmerksamkeit, nach ungeheuchelter Liebe, und ausgesprochener Wertschätzung. Natürlich braucht ein hungernder Mensch auch Geld, um Nahrungsmittel oder Kleidung zu kaufen. Das will die Geschichte wohl auch gar nicht bezweifeln; aber sie möchte unsere Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Punkt lenken.

Die materielle Sicherheit und Versorgung allein, die sicher wichtig ist, genügt nicht für ein erfülltes Leben und gelungene Beziehungen; in Ehen wird geklagt, dass  der Ehepartner zwar alles an materieller Versorgung bereitstellt, aber die Seele vermag er nicht zu sättigen. Auch Kindern wird heute eine Menge an  Ersatzstücken von Liebe gereicht in Form von immer neuem Spielzeug, neuen Smartphones oder Markenklamotten, doch die fehlende elterliche Liebe, -das Glück einen anwesenden  Vater und eine Mutter zu haben-, das können all diese Sachen nicht ersetzen. Wer materiell weniger hat, spürt das Wesentliche oft deutlicher.

In der Geschichte von der Bettlerin und der Rose geht darum, dass wir mit unserer Gabe, das Herz eines anderen anrühren können oder eben auch nicht. Gerade in Firmen klagen Mitarbeiter immer wieder über einen Mangel an Wertschätzung. Denn der Lohn auf dem Gehaltskonto ersetzt nicht das Lob und  die Anerkennung durch den  Chef.

Wir Menschen haben eine besondere, leider allzu oft vernachlässigte Begabung: wir können einander Leben schenken, welches über das bloß Materielle hinausreicht und fähig ist,  in die geschlossene Decke unserer  irdischen Welt,  eine Öffnung zu reißen.

Gerade das Nahrungsmittel Liebe lässt erleben: da ist jemand an meiner Seite, ich bin nicht allein, jemand interessiert sich für mich, jemand ist von meinem Schicksal angerührt, jemand hält zu mir, schaut mich an, gibt mir An-sehen. Liebe nimmt den Druck, nimmt den Problemen und Sorgen des Lebens das Gewicht, lässt bestehen in einer manchmal absurden und leidgeprüften Welt. Wer sich geliebt und angenommen weiß, dem ist ein Fenster geöffnet in eine andere Welt.

Die Geschichte von der Bettlerin und der Rose sagt, dass unser Herz nach etwas hungert und unsere Seele nach etwas dürstet, das wir nicht kaufen können. Die Rose ist Symbol dafür; sie steht für all das, was unserem Leben Nahrung schenkt, die nicht käuflich ist und aus rein wirtschaftlichem Denken überflüssig scheint.  Aber wird etwas anderes als dieser Überfluss der Würde des  Menschen, der nicht bloß vom Brot allein lebt,  gerecht?

Die Stimme des Windes- über Lärm und Stille

„Aber wie kann der Wind etwas sagen, wenn niemand zuhört“

(Thomas Merton, Trappist und Schriftsteller, 1915-1968)

Schon 1965 klagt der bekannte Dichtermönch Thomas Merton (1915-1968), dass unsere Welt so mit Lärm zugedröhnt ist, dass darin keine Stille und kein Platz mehr ist für das Alleinsein und für das Nachdenken über unseren Zustand; in unseren Herzen sei der Raum zugestellt, etwas zu hören, und es fände sich dort kein Platz mehr für etwas wirklich Neues, für eine Botschaft, die wir nicht schon kennen. Er schreibt: „Die Nachrichten werden zum bloßen Lärm in den Ohren; sie treten kurz an die Stelle des vorausgegangenen Lärms und weichen alsbald dem darauffolgenden Lärm, so dass schließlich alles zu einem einzigen monotonen und sinnentleerten Geräusch verschwimmt. Etwas Neues? Es gibt pausenlos soviel Neues, dass kein Platz mehr für die wirklich neue Botschaft bleibt… Die Zeit eines jeden ist besetzt von Zeitmangel, von Mangel an Platz, von Zeitsparen, von Eroberung des Raumes…“(The Time oft the End Is the Time of no Room, S.66. f., in: Thomas Merton, Zeiten der Stille, herausgegeben von Bernardin Schellenberger, S.90 f. ).

Diese Gedanken von Thomas Merton stellen auch an uns die Frage, was uns alles besetzt hält, welcher Lärm von außen oder innen unsere Seele ausfüllt. Sehen und spüren wir noch die im Frühling aufbrechende Natur, die Knospen an den Bäumen, die verschieden farbigen Frühlingsblumen? Hören wir noch das fröhliche Gezwitscher der Vögel, die sich an der Wärme der ersten Sonnenstrahlen nach dem kalten Winter erfreuen? Oder halten uns die eigenen Gedanken gefangen, treiben uns die vielfältigen Alltagssorgen in die Ruhe- und Freudlosigkeit? Lernt von den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes und gebt den Sorgen nicht zu viel Macht über euch, so lehrte es uns schon der jüdische Rabbi (Lehrer, Meister).

Aber unsere Realität sieht oft anders aus. Haben uns nicht oft die Routinen des Lebens im Griff, die allzu gewohnten Verhaltensmuster, tagein-tagaus? Oder werden wir von einem angestrengten Willen auf ein Ziel hingetrieben, der es uns unmöglich macht, einmal inne zu halten und „hinaus“ zu schauen? Spüren wir uns selbst noch- den Atem, der durch uns hindurchfließt, das Herz, das unaufhörlich schlägt und uns am Leben hält ohne unser Zutun?

Der Dichter  und Mönch Thomas Merton spricht von der Stimme der Weisheit, die er in seinen Gedanken und Träumen weiblich personifiziert. Diese Weisheit, die als „unerschöpfliche Süße“ und als „unsichtbare Fruchtbarkeit“ in allen Dingen steckt, möchte wie eine Schwester zu uns sprechen, uns berühren und uns aus der Finsternis erwecken „in eine Wirklichkeit, die voller Zartheit ist“ und uns mit ihrer schöpferischen Kraft neu beleben.

Doch wie soll diese Verheißung und dieser Ruf bei uns ankommen, solange wir ohne inneren Raum sind, solange Pflicht- und Leistungsprogramme uns antreiben oder Verhaltensroutinen unser Leben erstarren lassen? Dieser Ruf der Weisheit erreicht nicht die Mächtigen, die mit sich selbst angefüllt sind, sondern eher die „Kleinen, …die Unwissenden und die Wehrlosen..“ Von ihnen könnten wir lernen.

Thomas Merton`s Gedanken sind für mich eine Aufforderung auf immer neuen Lärm zu verzichten, immer wieder mal allzu glatte Abläufe und Routinen zu unterbrechen und auf die „Stimme des Windes“ zu lauschen, die allzu oft ungehört bleibt.

Literatur:

Thomas Merton, Zeiten der Stille, herausgegeben und erläutert von Bernardin Schellenberger, Freiburg, Basel Wien 1992

„Spiritualität von unten“

In unserer Zeit wird viel von Spiritualität geredet. Spiritualität scheint inzwischen ein Modewort, mit welchem der ansonsten vielfach gehetzte Zeitgenosse Ruhe, Wellness und Entspannung verbindet.

Ist damit der Begriff Spiritualität ausreichend beschrieben? Was ist mit Spiritualität eigentlich gemeint?

Die Geschichte der Spiritualität kennt zwei Strömungen: es gibt eine „Spiritualität von oben“. Sie setzt bei den Idealen an und entspringt der Sehnsucht durch Gebet, Askese, Anstrengung und Meditation immer besser zu werden (als Mensch, als Christ, in seiner moralischen Haltung etc.) und nach oben zu Gott aufzusteigen. Häufig werden dabei die diesen Idealen nicht entsprechende Seiten verdrängt und in das Dunkel des Unbewussten geschoben. Die Psychologie weist auf die krankmachenden Seiten einer solchen Spiritualität hin.

Die Benediktinermönche  Anselm Grün und Meinrad Dufner beschreiben eine Spiritualität, die mit Scheitern und Ohnmacht zu tun hat. Die sogenannte „Spiritualität von unten“ setzt nicht bei den Idealen an. Sie ist eher mit einem Abstieg vergleichbar und sagt: Gott ist gerade dort zu entdecken, wo wir am Ende unserer eigenen Möglichkeiten angekommen sind. Dort, wo wir gescheitert sind mit all unseren Bemühungen und Tugenden, wo wir aus eigener Kraft nicht weiter kommen, dort werden wir offen für einen Beziehung mit Gott. Dort führt die Erfahrung des Scheiterns und der Ohnmacht zum Gebet, zum „Schrei aus der Tiefe“.

Diese Art der Spiritualität hat viel zu tun mit dem Zwölf-Schritte-Programm der annonymen Alkoholiker. Bereits beim ersten Treffen zeigen sich die dort Anwesenden in ihrer Verwundung: „Ich heiße N.N. und bin Alkoholiker“. Die Erfahrung der eigenen Ohnmacht, das Eingeständnis der eigenen Schwäche, ist auch der Ausgangspunkt einer „Spiritualität von unten.“ Das Zeigen der eigenen Wunde fällt Männern besonders schwer, weil sie sich gern in ihren Erfolgen, ihrer Überlegenheit und ihrer Großartigkeit darstellen. Die Spiritualität von unten verlangt dagegen, dass ich mich meiner eigenen Realität stelle, meinen Schattenseiten ins Auge schaue und in die Abgründe der eigenen Seele hinuntersteige.

(Bild: „Durch die Nacht ans Licht“, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

Versagen und Scheitern sind auf dem spirituellen Weg die meist sehr viel besseren Lehrmeister und Erzieher als geistliche Erfolge, die oftmals nur das eigene Ego stärken. (Vgl. dazu die Bücher von Richard Rohr, Endlich Mann werden, die Wiederentdeckung der Initiation, München 2005)

Den Ansatz einer Spiritualität von unten finden wir auch in Märchenerzählungen; in Frau Holle z.B. wird deutlich, dass dort, wo wir im Leben in eine aussichtslose Not kommen,- und uns alle Willensanstrengung oder Anpassung nicht weiterhilft-, es helfen kann, sich in die Tiefe loszulassen und sich Gott anzuvertrauen. Dort in der Tiefe werden neue Einsichten geschenkt oder der bislang verborgene Schatz gefunden. Umgekehrt würde noch mehr Kampf, noch mehr guter Wille nur die Drangsal und Aussichtlosigkeit vermehren.

Das Scheitern und die Verzweiflung führen mich den Weg nach unten. Sie führen zur Einsicht, dass Kämpfen und Weiterkämpfen sinnlos ist, dass sich nichts mehr unter Kontrolle bringen lässt und nur noch das Kapitulieren bleibt. In solcher Kapitulation geschieht nicht selten die Öffnung des eigenen Ego`s auf ein Größeres hin oder wie es im zwölf Schritte Programm der AA – ein zutiefst spirituelles Programm- ausgedrückt wird: „Wir legen die Waffen beiseite und kommen zum Glauben, dass eine Macht größer als wir selbst, uns helfen kann, und wir entschließen uns, unser wirkliches Leben der Sorge Gottes- wie auch immer- anzuvertrauen.“ (vgl. Johanna Domek, Metanoia, S.50)

Für Grün und Dufner ist auch die Krankheit eine Chance für Gott aufzubrechen und den inneren Schatz zu entdecken. Nicht selten führt das Erleben von Sinnlosigkeit und Trauer angesichts verlorener Gesundheit zur Aufgabe aller Eigenmächtigkeit und zur echten Hingabe an Gott. „Ich muss …durch die Krankheit hindurch mich nach Gott ausstrecken, der das wahre und tiefste Heil für Leib und Seele ist.“(A.Grün, Meinrad Dufner, Spiritualität von unten, Münsterschwarzach 1994, S.75)

„Spiritualität von unten“ setzt bei den Erfahrungen der Grenze (des Scheiterns, der Ohnmacht, des Verlustes, der Niederlage, der Krankheit, der Verwundung…) an und sieht in den Grenzsituationen, die zu einer Ergebenheit in Gott führen, das verstärkte Wirken des Heiligen Geistes. Dort wo das eigene Ego aufbricht, hat Gott eine Chance zu uns durchzudringen. Seine Kraft kann auch in einem zerschlagenen Herzen alles neu übernehmen und neu machen.(Literaturempfehlung zum ganzen Artikel: A.Grün, Meinrad Dufner, Spiritualität von unten, Münsterschwarzach 1994)

Literatur zur Vertiefung:

A.Grün, Meinrad Dufner, Spiritualität von unten, Münsterschwarzach 1994

Johanna Domek, Metanoia, 12 Schritte aus der Abhängigkeit, Münsterschwarzach 2001

Seelenreisen-der Weg des Parzival

Zu allen Zeiten wurde der Lebensweg von Menschen mit Reise und dem Wegmotiv verbunden: Odysseus in Homer`s Epos , Abraham oder Mose im Alten Testament oder die göttliche Komödie von Dante geben davon ein literarisches Zeugnis. Viele Mythen und Legenden, auch die Ritterromane des Mittelalters, schildern in symbolischer Sprache, welche Gefahren und Abenteuer auf dem Lebensweg zu bestehen sind bei der Suche nach einem sinnvollen und authentischem Leben. Im Grund ließe sich jeder Lebensweg mit etwas Phantasie als eine Abenteuergeschichte erzählen. Das „Unterwegssein“ ist dabei vorallem als Reise der Seele zu verstehen, als Wandlungsweg, auf dem es Um- und Irrwege, Selber-machen und Geführt-werden, Verzweiflung und Erlösung gibt.

Wolfram von Eschenbach (1170-1220) hat eine Geschichte auf deutsch aufgeschrieben, die erstmals im 12. Jahrhundert von dem französischen Dichter Cretien de Troyes noch unvollendet schriftlich vorlag; es ist die Geschichte von Parzival und seiner Suche nach dem heiligen Gral, dies ist eine symbolische Erzählung, die beschreibt wie wir über Fehler, Schuld und Umwege, Erkenntnis gewinnen und schließlich zur Erfüllung unseres Lebensauftrages heranreifen können. Die Parzivalerzählung beschreibt einen Wandlungs- und Reifungsweg, der mit der Gralssuche auch die spirituelle Suche des Menschen einbezieht (leider wurde diese zeitlose archetypisch Geschichte auch von den Nazis und deren Zwecke missbraucht!)
Ich möchte die Parzivalerzählung aufgreifen, weil große Mythen der Seele Raum geben, die eigene Lebensgeschichte darin zu entdecken
Die Geschichte lässt sich kurz so zusammenfassen: Parzival`s Mutter Herzeloide (Herzleid, schweres Herz) will nach dem Tod ihres Mannes, ihren Sohn Parzival (Name steht für „vollkommener Narr“)vor der kriegerischen und aggressiven Welt verstecken; sie verheimlicht ihm dessen königliche Herkunft und zieht ihn in einer Waldwildnis auf. Doch bei einem seiner Streifzüge entdeckt Parzival drei glanzvolle Ritter, ist von deren männlicher Energie fasziniert und will aus der mütterlichen Geborgenheit (in einer Welt ohne Vater) zum Hofe von König Artus ausziehen, um wie jene zu werden.

Seine Mutter näht ihm ein Narrengewand, damit man ihn in der gefährlichen Welt draußen nicht so ernst nimmt. Wie zu erwarten, richtet der naive Parzival zuerst einmal Schaden an: er erschlägt mit Glück einen gefährlichen Ritter, schlüpft in dessen Rüstung und ist damit mit Machtinsignien ausgestattet, für die es in seinem Inneren keine Entsprechung gibt. Unter der Rüstung behält er das Gewand seiner Mutter an, ist also trotz glanzvoller Rüstung weiterhin ein Muttersöhnchen.
Auch in der Liebe ist Parzival naiv und es wird deutlich, dass er noch unfähig ist zu echter Liebe und Beziehung. Zu konform befolgt er auch die Regeln des Hofes und seiner Mutter, weil er alles richtig machen will. Noch ist er für seine eigentliche Lebensreise zu angepasst. Er ahnt auch nicht ansatzweise seine wahre Bestimmung: nämlich den Gral zu finden (der Gral-ein heiliger Kelche, Schale ist  letztlich ein Symbol für die Gottsuche)und König zu werden, der das zerstörte Land heilt. Als er dann eher zufällig das Gralsschloss (auch ein Symbol für die Seele) findet, stellt er dem verwundeten und kraftlosen Gralskönig Anfortas nicht die entscheidende Frage „Woran leidest du?“ und verpasst so dessen Erlösung.

Der schöne Parzival gefällt sich zunächst am Tisch der Tafelrunde von Artus, dieser mächtigen Männerrunde, aus den Stärksten, Besten und Erfolgreichsten. Eine Wendung geschieht erst durch die Hexe und Gralsbotin Kundry. Jene ist hässlich, aber gebildet und vorallem mitleidsfähig; sie stört die Männerharmonie der Tafelrunde, verflucht Parzival für das Unterlassen der Erlösungsfrage, die König Anfortas erlöst hätte.

Durch Kundry werden Parzival seine inneren Schwächen bewusst. Es fehlt ihm vorallem an Empathie für Verwundete, an Mitleid für Schwache, an Erbarmen und Treue. Sein Versagen sei auch ein Versagen vor Gott. Parzival steht für den naiven Mann, der sein Leben verklärt und sich einzig mit seinen Erfolgen identifiziert; er hat kein Bewusstsein für die eigenen Schattenseiten und Schwächen. Erst im Verlassen des schönen Scheins von Macht und Erfolg, durch Scheitern und Schuldeinsicht, kann er weiter reifen.
Parzival muss noch einmal hinaus in die Wildnis und Ödnis. Dort irrt er zunächst ziellos umher, erlebt den gesellschaftlichen Tod, begegnet seinem Versagen und seinen Schattenseiten, ist fern von Gott. Doch er bekommt auch Hilfe und Unterstützung. Ein Weg, der notwendig ist, um seine Lebensaufgabe zu erfüllen .

Das erinnert uns an Situationen, wo uns all das aufgeht, was in unserem eigenen Leben falsch und Lebenslüge war; Situationen, an denen uns die Kontrolle über unser Leben abhanden gekommen ist und scheinbare Sicherheiten und Identifikationen zerbrechen. „Einzig unsere Wunden sind demütigend genug, um unser Festhalten am falschen Selbst aufzubrechen, und zugleich stark genug, um unser Verlangen nach dem wahren Selbst zu wecken“, schreibt der Franziskaner Richard Rohr in seinem Buch Adam`s Return (deutsch, S.71)
Erst der „Geläuterte“ und zum Mitleid fähige, kann das Land erlösen und zur eigenen Wahrheit hinfinden. Der naive Parzival muss „sterben“, d.h. sein altes Ego loslassen, damit er zu Größerem fähig wird. Als Parzival die Zügel seines Kampfrosses loslässt, bringt ihn jenes zum Gralsschloss, wo er die entscheidende Frage stellen kann und als geläuterter König das Land erlösen kann.

Impuls zum Nachdenken:
Welche Stelle der Geschichte kommt mir bezüglich meines eigenen Lebens bekannt vor?
Welcher Entwicklungsschritt könnte bei mir anstehen?
Wem kann ich (aus Mitleid, nicht aus Neugier)die Frage stellen: „Woran leidest du?“
Schreibe dein Leben als Abenteuergeschichte auf!

Literatur zum Vertiefen:
Auguste Lechner, Parzival: Auf der Suche nach der Gralsburg, Taschenbuch – 1979, dies ist ein leicht zu lesende Wiedergabe in einer zeitgemäßen Sprache, sehr empfehlenswert (auch für Jugendliche)

Eschenbach, Wolfram von: Parzival 1 + Parzival II, Text und Kommentar, Mittelhochdeutsch und Hochdeutsch, übertragen von Dieter Kühn, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 2015

Hoffnung- in memoriam Rose Ausländer

Die jüdische Dichterin Rose Ausländer wurde am 11.Mai 1901 in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina , späteres Rumänien, geboren. Ein Drittel der Bevölkerung war jüdisch, aber für die meisten war Deutsch die Muttersprache. Im Jahre 1941 kam die deutsche Wehrmacht nach Czernowitz. Die Juden kamen in ein Getto. Das Elend der Todestransporte in die Gaskammern der Konzentrationslager begann. Rose Ausländer- ihr ursprünglicher Name war Rosalie Scherzer- überlebte mit ihrer Mutter und ihren Brüdern in einem Keller, in dem sie sich über Monate versteckt hielt. Nur etwa 6000 von 60.000 Juden in Czernowitz überlebten. Nach der russischen Annexion emigriert Ausländer nach New York. Sie ist gezeichnet von Krieg, Getto, Verfolgung, Todesangst und schließlich Heimatlosigkeit.
1963 kehrt sie in den deutschen Sprachraum zurück. Seit einem Unfall ist sie an eine „Matratzengruft“ gefesselt. Ihre letzten Jahre – Leber, Nieren, Magen, Darm sind angegriffen von den schrecklichen Kriegsereignissen, ihr Körper mit Tabletten vollgeschwemmt- verbringt bis zu Ihrem Tod in einem Düsseldorfer Altenheim. (vgl. dazu ausführlicher das Nachwort von Jürgen Serke, in:  Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, dort auch ein ausführliches Portrait von Jürgen Serke, S137-S.148)
Rose Ausländer bezeichnet sich selbst als „Überlebende des Grauens“, die aus „Worten Leben“ schreibt. Schreiben bedeutet für sie Leben und Überleben. Ihr Vertrauen in die Mutter und in die Menschen ihrer Heimat am Pruth, in die Natur und in die Sprache, ihr Glaube an die Liebesfähigkeit der Menschen trotz aller schrecklichen Ereignisse und Erfahrungen, durchdringt ihre Verse. Was gewöhnlich als Wirklichkeit bezeichnet wird, erscheint der Dichterin als „unverläßliches Märchen“.

Foto privat

Die Sprecherin hingegen schaut „mit verbundenen Augen und lauscht mit „verbundenen Ohren“ nach einer „Welt, die/ Noch nicht geboren ist.“ Ihr Schreiben ist wie eine Heimatsuche nach einer unverlierbaren zweiten Heimat, für welche ihre eigene Heimat in der Bukowina nur ein Zeichen sein kann. Ihre Gedichte kommen wie aus einer anderen Wirklichkeit, ihre magische Sprache beschwört die Wunder dieser Erde, Tag und Nacht, die atmen, Sonne und Mond, die grüßen, Kinder, die singen…
Es ist eine messianische Welt, in der Frieden ist und alle Wesen miteinander kommunizieren, eine österliche Welt, in welcher nach der „Marterqual“, „Er wieder jung und wunderbar“ aufersteht.

In den Traumworten ihrer Gedichte wohnt eine Hoffnung, über welche die Verzweiflung und der Tod keine letztgültige Macht haben. Ihr Gedicht Hoffnung II ist ein Hymnus auf die Hoffnung:

 Wer hofft/ ist jung/Wer könnte atmen/ohne Hoffnung/dass auch in Zukunft/Rosen sich öffnen/ ein Liebeswort/ die Angst überlebt ( in: Rose Ausländer , Im Atemhaus wohnen, Gedichte  Frankfurt a. Main 1981, S.43)

Rose Ausländers Gedichte sind von einer Hoffnung und einem Glauben getragen, der ansteckend ist, weil er durch das persönliche Leiden gegangen ist. Sie hält fest an der Möglichkeit des Wunders, dass auch „ in Zukunft Rosen sich öffnen/ ein Liebeswort/ die Angst überlebt. „Mit winzigen Wörtern“ versucht Rose Ausländer noch als kranke und alternde Frau um Frieden und Liebe zu werben. (vgl. auch Rose Ausländer, Ich spiele noch Neue Gedichte, Frankfurt a.M. 1987)

Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin.

Literatur:

Rose Ausländer,  Mein Atem heißt jetzt, Fischer Verlag 1984

Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, dort auch ein ausführliches Portrait von Jürgen Serke, S137-S.148)

Impulse:

Lesen und meditieren Sie die wunderbaren Gedichte von Rose Ausländer

Wo in meinem Leben und in meiner Biografie konnte ich die Kraft neuer Hoffnung spüren?

Zu welchen Aufbrüchen hat mich meine Hoffnung „verführt“?

Mut und mutige Menschen

Gehören Sie zu den mutigen Menschen?
Viele bewundern den Mut von Menschen, die auf einem Seil über einen Abgrund balancieren oder die an einer steilen Felswand oder Hochhausfassade ohne Sicherung klettern, oder Abenteurer, die mit einem kleinen Segelschiff ganz allein den Ozean durchqueren.

(Bild: „Auf werde Licht“, Acryl auf Leinwand von Gustav Schädlich-Buter)

Ohne Zweifel braucht unsere Welt mutige Menschen. Vielleicht weniger von denen, die ihr Leben nur um der Aufmerksamkeit willen für sich selbst auf`s Spiel setzen, sondern Menschen, die sich gegen Widerstände für Frieden, Freiheit und humane Werte mutig einsetzen trotz ihrer Angst . Menschen, die ihre Angst überwinden und Neues wagen, die aus der Menge heraustreten und ungerechte und unmenschliche Strukturen publik machen, die festgefahrene Traditionen aufbrechen. Nicht selten riskieren sie dabei sehr viel: ihre Gesundheit, ihr Leben, ihren Ruf, ihr Auskommen; sie sind oft vielfachen Anfeindungen ausgesetzt und müssen mit Spott , Gefängnis oder Entzug von Freundschaft rechnen.

Mutige Menschen

Man denke nur an Georg Elsner, Sophie und Hans Scholl, Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King , Wangari Maathai, Dom Helder Camara oder Bischof Kräutler und viele andere. Und natürlich kann man sich auch fragen, warum es zwischen 1933 und 1945 zuwenig mutige Deutsche gab.

Mut im Alltag

Aber was bedeutet Mut für unseren Alltag? Ich möchte ein paar Beispiele geben, die anregen können über den eigenen Lebensmut nachzudenken.
Es braucht Mut, einem anderen Menschen ganz und gar zu vertrauen.
Mutig ist der, der zu seiner Überzeugung steht, obwohl alle gegen ihn sind und er Nachteile in Kauf nehmen muss.
Mut ist nötig, sich für „Außenseiter“ einzusetzen und deren Würde zu verteidigen.
Mut bedeutet, mit einem Kollegen/-in oder Partner/-in darüber zu sprechen, was mich an dessen Verhalten oder Reden verletzt und gekränkt hat.
Mutig muss man sein, einen Menschen anzurufen oder zu besuchen, der schwer erkrankt ist und es braucht Mut, sich einem anderen in seiner Schwäche zu zeigen.
Mut ist verlangt jemanden danach zu fragen, worunter er leidet und mutig ist es, einem anderen zu sagen, was die eigene Wunde ist.
Es braucht Mut mit einer Behinderung zu leben und sich eine größtmögliche Autonomie zu erkämpfen.
Mut kann auch heißen, die Trauer in der eigenen Seele zu fühlen und ebenso mutig ist der, welcher sich der Trauer eines anderen Menschen stellt und sie begleitet.
Es braucht Mut, seine Gewohnheiten und Sicherheiten zu verlassen, um „Neuland“ zu betreten. (vgl. die Abrahamsgeschichte im Alten Testament)
Und es braucht Mut, an einen Gott zu glauben, den noch nie jemand gesehen hat und darauf sein Leben zu gründen.
Mut ist im Herzen der Motor, der etwas bewegen und verändern will. Mutig ist nicht jemand, der keine Angst hat, sondern der Wege für sich gefunden hat, seine Angst zu überwinden.

Impuls zum Nachdenken:
Schreibe ins Tagebuch/oder erzähl Dir im Selbstgespräch oder einem Freund/-in zum Thema: „Da war ich einmal richtig mutig..“
Kenne ich mutige Vorbilder für mein Leben? (siehe auch oben)
Welche Mutmachgeschichten in der Literatur sind mir bekannt?

Literatur zu Vertiefung:
Christian Nürnberger, Mutige Menschen. Für Frieden, Freiheit und Menschenrechte

Georg Schwickert, Courage, Mut für ein freies Leben, Münsterschwarzach 2013
Jacques Lusseyran (Autor), Das wiedergefundene Licht: Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand Taschenbuch – 2002