Thema: Loslassen- Gelassenheit
Impuls auf Holztafel:
Loslassen

Biblischer Text:
Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes
tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 17 Er antwortete: Was fragst du mich
nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten
willst, halte die Gebote! 18 Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du
sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du
sollst kein falsches Zeugnis geben; 19 ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst
deinen Nächsten lieben wie dich selbst! 20 Der junge Mann erwiderte ihm:
Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? 21 Jesus antwortete
ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn
den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge
mir nach! 22 Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte
ein großes Vermögen. 23 Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, ich sage
euch: Ein Reicher wird schwer in das Himmelreich kommen. 24 Nochmals sage
ich euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in
das Reich Gottes gelangt. 25 Als die Jünger das hörten, gerieten sie ganz außer
sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? 26 Jesus
sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist
alles möglich. (vgl. Mt 19, 16-26)
Text zum Nachdenken:
Loslassen, abgeben, zurücklassen, alles „hinter- sich -lassen“, „alles verkaufen
und verschenken“ (vgl. Mt 19, 16-26) , sich überlassen- das sind in der Tat
Umschreibungen für etwas, was unserer natürlichen Reaktion und unserem
Ego meist zuwiderläuft.
Tun wir uns nicht alle schwer mit dem Loslassen? Nur einige mögliche Beispiele
mögen das erläutern: Ich kann es nicht lassen, mich über die Politik zu ärgern,
über den blöden Nachbarn, das verlorene Fußballspiel oder den gestrigen
Streit. Ich kann es nicht lassen, nutzlosen Phantasien hinterher zu hängen,
Leute auszurichten und mich am Geschwätz zu beteiligen. Ich kann es nicht
lassen, an mein Geschäft zu denken, an die Profitsteigerung oder das neue
Auto. Ich kann es nicht lassen ein Glas über den Durst zu trinken, mir aus
Gewohnheit eine Zigarette anzuzünden oder abends bis Sendeschluss vor dem
Fernseher oder PC zu sitzen. Ich kann es nicht lassen, zu nörgeln, zu kritisieren,
zu kontrollieren und alles besser zu wissen. Ich kann es nicht lassen, mich vor
anderen aufzuspielen, mein Image zu polieren und mich zu vergleichen. Ich
kann es auch nicht lassen, mich selbst zu entwerten, mich kleinzumachen und
zu kritisieren. Ich kann es nicht lassen, mich als Opfer zu fühlen und anderen
die Schuld für mein Elend aufzuladen. Ich kann es nicht lassen…
Wir Menschen
erleben uns vielfach unfrei und beschwert, weil wir an so vieles gekettet sind.
Loslassen von so vielem ist kein Selbstzweck, sondern es geht um`s leicht
werden, ums freiwerden, mit dem Ziel, sich wirklich einlassen zu können. Sich
einlassen auf den „Wind“, -Christen sprechen von heiligen Geist-, der mich
umgibt. Sich vertrauensvoll Einlassen auf die Kraft, die mich, mein einmaliges
Leben trägt und ihm einen unverwechselbaren Sinn verleiht.
Für das Los- und Einlassen fällt mir folgendes Bild ein: Ein Kind rennt an einem
windigen, aber sonnigen Herbsttag einen Hügel hinauf; oben angekommen,
lässt es seinen Luftballon (Symbol für das eigene Leben)
nach einigem Zögern ganz dem Wind, der ihn wegträgt. Der losflatternde, jetzt
nicht mehr kontrollierbare Luftballon, ist aus der Hand gegeben, dem Wind
überlassen, der ihn trägt, wohin er („ER“) will.
Sich einlassen bedeutet nicht, nichts zu tun, passiv und willenlos sein Leben
dahintreiben zu lassen. Das wäre verantwortungslos. Sondern es bedeutet im
Gegenteil aktiv und wach mit höheren Kräften zu rechnen, die mein Leben
beeinflussen können. Kräfte, die es in eine Richtung treiben, die stärker sein
können als mein eigenes Wollen. Im sensiblen Wahr- und Ernstnehmen dieser
Kräfte, kann ich immer deutlicher spüren, woraufhin mein Leben hinauswill.
Und womöglich kann ich lernen, mich diesen Kräften immer mehr
anzuvertrauen. Meine Aufgabe besteht dann darin, das beizutragen, was ich
selbst beitragen kann, dass der tiefere Sinn oder die Bestimmung meines
Lebens zur Erfüllung kommt. „Spirituell ausgedrückt geht es darum,
herauszufinden, was Gott für mich vorgesehen hat, was sein Wille für mich ist,
und ich das Meine dazu beitrage, dass Gottes Wille umgesetzt wird.“ (vgl. dazu
zum vertiefenden Nachlesen: W. Müller, Zwischen Schicksal und Freiheit. Mut
zur Entscheidung, München 2014),
Text aus: Gustav Schädlich-Buter
Impuls:
Welchen Ärger kann ich heute loslassen?
Was könnte ich tun, um die Leichtigkeit des Seins zu spüren?
Rechne ich noch mit höheren Kräften, die mich beeinflussen und bewegen?
Zur Vertiefung lese man beim Mystiker Johannes Tauler:
Exkurs: Gelassenheit in der Mystik (bei Johannes Tauler)
Johannes Tauler (gest. ca. 1361), der von Meister Eckhart inspiriert war, war ein Lebemeister, der auf
die praktische Lebensführung sein Hauptaugenmerk gerichtet hat. Er lebte in einer Zeit, in der wie
heute vieles im Umbruch war: Pest, Tod, Gewalt, Unsicherheit, und auch die Kirche war in eine Krise
geraten, so dass nur wenige Menschen einen Gottesdienst besuchten.
Tauler wollte ein radikal aus dem Glauben, also bei Gott ansetzendes Leben suchen. Gott war für ihn
die Wurzel, und an der Wurzel zu bleiben, hieß zum wahren Leben hinzufinden.
Zwei Begriffe waren für Tauler`s Lehre entscheidend: Gelassenheit (gilazanheit althdtsch.) und
Einkehr.
Zur Gelassenheit
Gelassenheit ist wohl ein künstliches Wort, das von Meister Eckhart erfunden wurde und die
zweifache Bedeutung von „loslassen“ und „überlassen“ hat.
Was gilt es loszulassen?
Vorallem alle ichbetonten Neigungen, die Verankerung in Gott reicht aus, weglassen aller fremder
Stützen, damit sich die Kraft aus der Wurzel (Gott) voll entfalten und freiwerden kann. Dazu muss
man sich leeren und bereiten lassen, und alles lassen, sogar die Konzentration auf das Lassen noch
lassen, also in der Bemühung des Loslassens nicht verkrampfen.
Bei Punkt „überlassen“ geht es vorallem darum, sich dem Willen Gottes zu überlassen, der das Beste
für uns will, selbst, wenn es für unseren Willen unangenehm ist. Alles muss sich von Gott her
relativieren lassen und alles gilt es im Kontext Gottes zu betrachten. Im Überlassen geht es auch um eine dadurch entstehende Freiheit. Nach Tauler findet der Mensch im Überlassen (seines Willens) an Gott seine Erfüllung. Gott ist für Tauler auch ein bedürftiger und nach Liebe dürstender Gott, der die
Initiative ergreift und herbeieilt in jedem Augenblick…
Gelassenheit ließe sich in der Jugendsprache womöglich übersetzen als „Mach Dich mal locker!“
Das Loslassen scheint auch einem inneren Gesetz zu folgen: Was du allzu sehr willst, das entzieht sich
oft. Und wer sich alles von Gott geben lassen will und sich ihm anvertraut, erlebt oft Wunder.
(vgl. Vortrag von Vortrages von Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, Münster)
Gedicht zur Meditation:
Glück
Nichts mehr,
was dich treibt,
nichts mehr,
was dich hält.
Auf den Hügel hinauf
und so lange
nach Innen singen,
bis die Stimme
dich aufhebt
und mitnimmt.
Peter Härtling