Steh auf- Mut zum Leben

Thema: „Steh auf!“ – Aufstehen, Zu-sich-stehen,
aufbegehren, Mut zum ureigenen Leben,
Selbstwerdung…
Impuls auf Holztafel:
Steh auf!


Biblischer Text:
Geschichte 1:
Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des
Synagogenvorstehers gehörten, und sagten: Deine Tochter ist gestorben.
Warum bemühst du den Meister noch länger?
36 Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher:
Fürchte dich nicht! Glaube nur!
37 Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den
Bruder des Jakobus.
38 Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah
und wie sie heftig weinten und klagten,
39 trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist
nicht gestorben, es schläft nur.
40 Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des
Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in
dem das Kind lag.
41 Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt
übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
42 Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die
Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen.
43 Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann
sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.
Markus 5, 35-43


Text zum Nachdenken:
Die Aufforderung „Steh auf!“ finden wir in verschiedenen Geschichten und
Texten des Alten (Ersten) und Neuen Testaments. Die meisten kennen wohl die
Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus (Markus 5,21). Diese
biblische Wundergeschichte hat Ähnlichkeiten mit dem Märchen von
Schneewittchen, das von der Stiefmutter vergiftet, tot in einem gläsernen Sarg
liegt. Der Evangelist Markus erzählt auch von einem toten Mädchen, das auf
einer Bahre liegt. Für uns ist es besonders wichtig den symbolischen Gehalt zu
verstehen und darauf zu achten, was drückt (junge) Menschen nieder, was
macht sie unlebendig, totenstarr, in sich eingeschlossen und was erweckt sie
zum Leben.
Das Mädchen wird namentlich nicht einmal erwähnt; sie ist die Tochter ihres
Vaters Jairus, was darauf schließen lässt, dass sie noch keine eigene Identität
ausgebildet hat, womöglich überbehütet wurde und in Ihren Lebens- und
Entfaltungsimpulsen kleingehalten und niedergedrückt wurde. Noch vor
einigen Jahrzehnten waren besonders Kinder von Lehrern oder Pastoren
besonders in der Gefahr durch Erziehung vorprogrammierte Erwachsene sein
zu müssen, Aushängeschilder elterlicher Erziehungskunst und Musterkinder

vorbildlichen Verhaltens; wer aus der Reihe tanzte und sich nicht an die
normierten Vorgaben hielt, blamierte die Eltern. Was eine solche
überfürsorgliche oder repressive Erziehung an Schatten bewirkt, zeigt deutlich
der Film „Das weiße Band“ vom Regisseur Michael Haneke- eine deutsche
Kindergeschichte.
Lassen Sie mich den Evangeliumstext etwas weiter interpretieren: Mitten in
diese seelische Situation des Mädchens, die geprägt sein mag von erstickten
Gefühlen, erstarrten Verhaltensweisen und unterdrückter Sehnsucht nach
Liebe, tönt der Ruf Jesu: „Steh auf!“
Steh auf aus der Bevormundung und Gängelung deiner Eltern, deiner Schule,
deiner Kirche…Lass deine Gefühle zu, trau deinen inneren Impulsen, lass dich
und deine Seele nicht mehr abtöten, ersticken und niederdrücken durch kalten
Zwang, bürokratischen Dirigismus oder ängstliche Überfürsorge. Steh auf und
fang an, zu leben, wage das Leben, das Dir von Gott geschenkt ist und entfalte
deine Talente. Mach was aus deinem Leben, spring aus dem gläsernen Sarg
und sprenge die Luft abschnürenden Mauern, die um dein Herz gelegt wurden.
Denselben Zuruf „Steh auf!, hört auch der Jüngling von Nain (Lukas 7,9) oder
der Mann mit der verdorrten Hand (Lukas 6, 6-11), den Jesu auch noch dazu
ermuntert, sich in die „Mitte“ zu stellen. Auch dieser Mann ist ein
Niedergedrückter und an den Rand der Gesellschaft Verbannter, ein vielfach
Stigmatisierter (psychisch, sozial, liturgisch), der sich nicht zu leben traut, seine
Talente vergräbt und sein Leben verhockt. Jesus sagt zu ihm nicht nur „Steh
auf!“, sondern ermuntert ihn auch mit dem Wort: „Stell dich in die Mitte.“
Interessanterweise ist für fromme Juden die Mitte der Ort, wo die Tora steht,
das Allerheiligste (vergleichbar mit unserem Altar).
Text: Gustav Schädlich-Buter , inspiriert von Bernardin Schellenberger und
anderen


Alternativ:
Biblische Geschichte 2:
„Als er wieder in die Synagoge ging, war dort ein Mann mit einer verdorrten Hand.
Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur
Anklage gegen ihn.
Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte!
Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu
retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen.
Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem
Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und seine Hand wurde wiederhergestellt.“ Markus
3,1f.


Biblischer Impuls/Predigt:
Lukas, der in der Tradition als Arzt und Maler beschrieben wird, ist einer, der in griechischer
Philosophie und Literatur bewandert ist. Er verfasst etwas zwischen 80 und 90 nach Christus nicht nur
das Evangelium, sondern auch die Apostelgeschichte. Lukas nennt sein Buch nicht Evangelium,
sondern „Erzählung“- und Lukas ist in der tat ein meisterhafter Erzähler. Sein Anliegen besteht darin,
Jesu Worte und sein Wirken so zu erzählen, dass er die Griechen begeistert. Er möchte Bestseller
verkaufen auf dem antiken Büchermarkt mit der Absicht, die Menschen für Jesus zu interessieren und
in seine Nachfolge zu rufen.
In dieser Heilungsgeschichte, die bei Lukas steht, kommen drei Typen von Männern vor.
1) Der Mann mit der verdorrten Hand- der passive Mann
Da ist zunächst der Mann mit der verdorrten Hand. Die genaue griechische Übersetzung des Wortes
„verdorrt“ (griech.: „verholzt“- dieses Wort deutet auf ein prozesshaftes Geschehen) Dieser Mann
leidet wohl unter einer körperlichen Behinderung. Die rechte Hand steht für die Handlungsfähigkeit
eines Menschen. Der Evangelist Lukas beschreibt also einen Mann, der infolge einer körperlichen
Behinderung im Laufe seines Lebens immer handlungsunfähiger und passiver wird. Er kann
anscheinend sein Leben nicht mehr anpacken und sitzt teilnahmslos und passiv in der Synagoge
herum. Vielleicht hat er schon früh in sein Leben negative Botschaften gehört: „Du bist nichts wert!
Du bist anders! Wir wollen Dich nicht haben! „Du bist zu nichts zu gebrauchen…“
Zum körperlichen Handicap (das womöglich geringfügig ist), ist wahrscheinlich das seelische
Handicap hinzugekommen, das weit schlimmer ist.
Nach jüdischem Denken ist die Ursache für eine körperliche Behinderung klar: entweder hat der
Betroffene selbst oder es haben seine Eltern gesündigt. Wer gesündigt hat, ist unrein. Wer „unrein“
ist, darf also auch nicht am Gottesdienst der Frommen teilnehmen.
Dieser Mann erlebt also vielfache Ausgrenzung: eine seelische, eine soziale und eine liturgisch
religiöse.
Kein Wunder, dass dieser Mann passiv und ohne Selbstwert am Rande sein Leben fristet. Ein
Ausgeschlossener im System derjenigen, die drinnen sind und die Regeln bestimmen.
Schriftgelehrte und Pharisäer- religiöse Gesetzeswächter
Dann wird bei Lukas eine Gruppe von Männern beschrieben, die pedantisch darauf achten, dass die
religiösen Gesetze und Regeln (für den Gesetzesstrengen ist jedes der 613 Ge- und Verbote kraft
göttlicher Willenserklärung gültig und muss gehalten werden) eingehalten werden, – die
Schriftgelehrten und Pharisäer.
Dieser Gruppe, man könnte übertragen sagen die „Kirchenmänner“- für sie ist die Einhaltung der
religiösen Gebote sehr wichtig, sie passen auf, dass sie eingehalten, aber sie stiften kein neues Leben,
sie haben mit Befreiung und Heilung nicht viel auf dem Hut. Diese Kontrolleure des rechten Glaubens
haben einen Mann feindselig in den Blick genommen, der schon öfters die religiösen Gebote, die
Gebote der Tradition, der kultischen Reinheit, besonders das Sabbatgebot übertreten hat. Sie suchen
geradezu einen Grund, um ihn anzuklagen. Sie fühlen sich in ihrem (jüdisch-kasuistischen) Denken
von keinem so in Frage gestellt wie von Jesus. Er durchbricht einfach die gültigen Tabus und
behauptet damit auch noch den Heilswillen Gottes zu erfüllen. ( In seinem Leitmotiv „Barmherzigkeit
will ich und nicht Opfer“ (Mt 5,21-48) scheint die Grundlage für Jesu Freiheit gegenüber dem
jüdischen Gesetz zu liegen. Immer wieder geht er weit über die Buchstaben des Gesetzes hinaus,
verschärft er das Überlieferte oder hebt es sogar auf („Ihr habt gehört…ich aber sage euch…“)


Jesus – der freie Mann
Jesus, dieser Mann, der bei Lukas beschrieben wird, – ein Rabbi, ein Lehrer, einer, der einen Heilberuf
hat-, ist wie schon gesagt, den Schriftgelehrten und Pharisäern ein Dorn im Auge. Seine innere
Freiheit macht jenen Angst, die sich allzu genau an alle Regeln und Gesetze halten wollen.
Was macht dieser Mann, der so gar nicht zur Gruppe der Pharisäer passt?
Zunächst geht er auf den Mann zu, der vom System ausgeschlossen ist. Anders als z. B. der blinde
Bartimäus, der Jesu Hilfe aktiv sucht und danach schreit (vgl. Markus 10), unternimmt dieser Mann ja
von sich aus gar nichts; er ist völlig passiv. Jesu übernimmt zunächst die Initiative und fordert ihn
auf: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ Bevor er diesen Mann heilen kann, muss jener selbst
wenigstens etwas tun und selbst die Initiative ergreifen. Jesus fordert ihn auf, sich „in die Mitte (zu)
stellen“. Er muss aus seinem Tiefschlaf aufwachen. Im griechischen Urtext heißt es tatsächlich
genauer als in der deutschen Einheitsübersetzung: „Wach auf in die Mitte hinein!“
Für Juden ist die Mitte dort, wo die Heiligen Schriften aufbewahrt werden, vergleichbar mit dem
Allerheiligsten der Katholiken. Jesu Aufforderung „Stell dich in die Mitte“ heißt also soviel wie: Komm
vor und stell dich dahin, wo Gott ist. Du gehörst dahin, wo Gott ist.
Dieser im Laufe seines Lebens durch die vielen erlebten Ausgrenzungen und Abhängigkeiten völlig
passiv und leblos gewordene Mann soll wieder lernen: Ich bin wertvoll! Ich bin wertvoll wie die
anderen! Ich besitze durch Gottes Nähe eine göttliche Würde, die mir niemand nehmen kann.
Von dieser Erfahrung her, scheint es im Text, als wäre von hier aus nur ein kleiner Schritt notwendig
zur körperlichen Heilung und Genesung, die fast nebensächlich wirkt:“ Streck deine Hand aus. Er tat
es und seine Hand war wieder gesund!“ Der wichtige Schritt zur Heilung scheint vorher schon
geschehen zu sein – im Inneren, im Seelischen, in der geistig-geistlichen Mitte dieses Menschen.
Indem dieser sich erhebt, vom Rand ins Zentrum tritt und spürt: „Ich habe von Gott her ein Würde,
die mir niemand nehmen kann!“ ist die eigentliche Heilung vollzogen.
Die frohe Botschaft des heutigen Evangeliums lautet: Jesus, der Sohn Gottes, holt all jene, die am
Rande der Gesellschaft ihr Leben fristen in die „Mitte“ hinein.

(Text: Gustav Schädlich-Buter, inspiriert von einem Text von Richard Rohr und anderen)

Weitere Bibelstellen zu „Steh auf“:
„Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein
Licht sein.“ Eph 5,14 (wir haben uns eingelullt in irgendwelche Illusionen und
sind blind für die Wirklichkeit)
„Steh auf (egeire), nimm dein Bett und geh!“ (Joh 5,8)
Das griech Worte egeire bedeutet sowohl aufwecken als auch aufstehen.
Aufwachen und sein Leben selbst in die Hand nehmen, könnte zum Thema
gemacht werden.
10
Poesie- Gedicht:
“Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen. Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein.
Wo alle loben, habt Bedenken. Wo alle spotten, spottet nicht.
Wenn alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht.“
Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, Verlag J. Pfeiffer, München 1972, Seite
253; dort mit dem Rahmenvers: „Das Kreuz des Jesus Christus / durchkreuzt
was ist / und macht alles neu“
Interaktive Möglichkeiten:
Wann bin ich zu mir gestanden?
Wann bin ich aufgestanden gegen Ungerechtigkeit?
Was drückt mich nieder?
Was ermutigt mich?