Was tun wir eigentlich, wenn wir beten? Ist das nicht verrückt, jemanden anzusprechen, den wir noch nie mit eigenen Augen gesehen haben? Wann drängt es uns zu beten? Wen sprechen wir da an? Im Nachdenken drängen sich mir viele Fragen um das auf, was ich sonst ganz selbstverständlich tue. Ich kann viel mit der Aussage anfangen, dass im Beten zuallererst ein Verzicht liegt. Gebet ist der Verzicht auf mein Ego, das alles kontrollieren und beherrschen will, auch Verzicht darauf, mein eigenes Zentrum zu bilden und mich als Nabel der Welt zu fühlen, betend verzichte ich darauf, mein „eigener Liebhaber und Schönfinder“ (F. Steffensky) zu sein. Betend nehme ich das Leben als Geschenk an. Beten heißt sich beschenken, beatmen und lieben lassen, ist mehr ein Empfangen als ein aktives Tun. Beten ist eine Weise der Hingabe, bei welcher ich mich an Gott, von dem ich glaube, dass es Ursprung und Sinngrund meines Lebens ist, ausliefere. Im Gebet geht es nicht um schöne, endlose Worte, mit welchen der Beter sich selbst beweihräuchert und eben nicht darauf verzichtet, sein eigener Herr zu sein. Im Gebet geht es vor allem darum, das eigene Leben unter Gottes gütige und barmherzige Augen zu halten. Im liebevollen Angeschaut-werden komme ich zur Ruhe. Wer im Gebet wächst, wird wohl immer mehr einwilligen ins „Passiv sein“, in ein „Sich –Anheimgeben“ an eine gütige Macht und dabei immer mehr auf eigenes Reden und Handeln verzichten. Beten heißt immer auch einen inneren Raum betreten, der nicht von mir selbst besetzt ist und darauf vertrauen, dass „Gottes Geist“, der trotz aller meiner Nöte, Sorgen, Ängste und Gedanken in mir wohnt, wirkt und für mich betet; manchmal mit unaussprechlichen Seufzern (vgl. Röm 8, 26). Gottes Geist betet zuweilen in mir, wenn mir selbst die Worte fehlen und ohne dass ich es bewusst weiß. Und womöglich ist das Gebet die letzte und zentrale Möglichkeit, um es in den Ausweglosigkeiten, Widersprüchen, Verletzungen und Anfeindungen des Lebens auszuhalten und nicht zu verstummen. Auch die schärfste Gottesanklage setzt ja noch das Vertrauen voraus, dass es ein Gehör gibt. Alle nicht erhörten Gebete und Schreie finden sich wieder im Todesschrei Jesu, der Zeugnis davon ablegt, dass der Mensch sich nicht selbst befreien und retten kann. Der Betende überlässt sich Gott ganz, auch noch mit seinem Schmerz und seiner Verwundung. Er betet auch in der Vergeblichkeit, weil er darauf vertraut, dass alle Gebete erhört sind, im Raum der Liebe, die im Triumph des Irrsinns dieser Welt, oft genug ohnmächtig bleiben. Die erhörten und die unerhörten Gebete bleiben gegründet im „Umsonst der Liebe“ (Ferdinand Ulrich), die das einzig Notwendige ist. Der Dichter und Schriftsteller Robert Lax, ein guter Freund des weltbekannten Trappistenmönchs Thomas Merton, sagte einmal: „..´Ich glaube, dass das Gebet ein Weg ist, unmittelbar Gutes für alle Dinge an allen Orten zu tun. Es ist ein Weg, überall hin sofort Liebe auszusenden. Es ist eine Kraft, zu der jeder Zugang hat, und es kann die Welt verändern. Beten macht alles, was du tust, wirklicher, beständig, bedeutungsvoll und fruchtbar. Durch das Gebet blüht und fließt einfach alles. Es ist ein Weg zu leben und zu geben.`..“(zitiert nach Engelbert Groß, Eden im Zelt, in: Christ in der Gegenwart, S.529, Nr.48, 2015) Text: Gustav Schädlich-Buter, „Geerdet zum Himmel schauen“, Reflexionen-Meditationen-spirituelle Impulse, eine Textsammlung, Fromm Verlag 2019
Impuls: Suche einen ruhigen Ort und überlasse Dich mit deinem ganzen Dasein den gütigen und barmherzigen Augen Gottes (wenn du nicht glauben kannst, dann tu so als ob!). Stell Dir vor, dass Er Dich mit liebevollen Augen anschaut. Literatur: Ferdinand Ulrich, Leben in der Einheit von Leben und Tod, Einsiedeln 1999 und Gebet als geschöpflicher Grundakt, Einsiedeln 1973 Franz Jalics, Lernen wir beten, Würzburg 2010Anselm Grün, Gebet als Begegnung, Münsterschwarzach 1990
Thema: Loslassen- Gelassenheit Impuls auf Holztafel: Loslassen
Biblischer Text: Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 17 Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! 18 Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; 19 ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! 20 Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? 21 Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! 22 Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. 23 Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer in das Himmelreich kommen. 24 Nochmals sage ich euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. 25 Als die Jünger das hörten, gerieten sie ganz außer sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? 26 Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich. (vgl. Mt 19, 16-26)
Text zum Nachdenken: Loslassen, abgeben, zurücklassen, alles „hinter- sich -lassen“, „alles verkaufen und verschenken“ (vgl. Mt 19, 16-26) , sich überlassen- das sind in der Tat Umschreibungen für etwas, was unserer natürlichen Reaktion und unserem Ego meist zuwiderläuft. Tun wir uns nicht alle schwer mit dem Loslassen? Nur einige mögliche Beispiele mögen das erläutern: Ich kann es nicht lassen, mich über die Politik zu ärgern, über den blöden Nachbarn, das verlorene Fußballspiel oder den gestrigen Streit. Ich kann es nicht lassen, nutzlosen Phantasien hinterher zu hängen, Leute auszurichten und mich am Geschwätz zu beteiligen. Ich kann es nicht lassen, an mein Geschäft zu denken, an die Profitsteigerung oder das neue Auto. Ich kann es nicht lassen ein Glas über den Durst zu trinken, mir aus Gewohnheit eine Zigarette anzuzünden oder abends bis Sendeschluss vor dem Fernseher oder PC zu sitzen. Ich kann es nicht lassen, zu nörgeln, zu kritisieren, zu kontrollieren und alles besser zu wissen. Ich kann es nicht lassen, mich vor anderen aufzuspielen, mein Image zu polieren und mich zu vergleichen. Ich kann es auch nicht lassen, mich selbst zu entwerten, mich kleinzumachen und zu kritisieren. Ich kann es nicht lassen, mich als Opfer zu fühlen und anderen die Schuld für mein Elend aufzuladen. Ich kann es nicht lassen…
Wir Menschen erleben uns vielfach unfrei und beschwert, weil wir an so vieles gekettet sind. Loslassen von so vielem ist kein Selbstzweck, sondern es geht um`s leicht werden, ums freiwerden, mit dem Ziel, sich wirklich einlassen zu können. Sich einlassen auf den „Wind“, -Christen sprechen von heiligen Geist-, der mich umgibt. Sich vertrauensvoll Einlassen auf die Kraft, die mich, mein einmaliges Leben trägt und ihm einen unverwechselbaren Sinn verleiht. Für das Los- und Einlassen fällt mir folgendes Bild ein: Ein Kind rennt an einem windigen, aber sonnigen Herbsttag einen Hügel hinauf; oben angekommen, lässt es seinen Luftballon (Symbol für das eigene Leben) nach einigem Zögern ganz dem Wind, der ihn wegträgt. Der losflatternde, jetzt nicht mehr kontrollierbare Luftballon, ist aus der Hand gegeben, dem Wind überlassen, der ihn trägt, wohin er („ER“) will. Sich einlassen bedeutet nicht, nichts zu tun, passiv und willenlos sein Leben dahintreiben zu lassen. Das wäre verantwortungslos. Sondern es bedeutet im Gegenteil aktiv und wach mit höheren Kräften zu rechnen, die mein Leben beeinflussen können. Kräfte, die es in eine Richtung treiben, die stärker sein können als mein eigenes Wollen. Im sensiblen Wahr- und Ernstnehmen dieser Kräfte, kann ich immer deutlicher spüren, woraufhin mein Leben hinauswill. Und womöglich kann ich lernen, mich diesen Kräften immer mehr anzuvertrauen. Meine Aufgabe besteht dann darin, das beizutragen, was ich selbst beitragen kann, dass der tiefere Sinn oder die Bestimmung meines Lebens zur Erfüllung kommt. „Spirituell ausgedrückt geht es darum, herauszufinden, was Gott für mich vorgesehen hat, was sein Wille für mich ist, und ich das Meine dazu beitrage, dass Gottes Wille umgesetzt wird.“ (vgl. dazu zum vertiefenden Nachlesen: W. Müller, Zwischen Schicksal und Freiheit. Mut zur Entscheidung, München 2014), Text aus: Gustav Schädlich-Buter
Impuls: Welchen Ärger kann ich heute loslassen? Was könnte ich tun, um die Leichtigkeit des Seins zu spüren? Rechne ich noch mit höheren Kräften, die mich beeinflussen und bewegen?
Zur Vertiefung lese man beim Mystiker Johannes Tauler:
Exkurs: Gelassenheit in der Mystik (bei Johannes Tauler) Johannes Tauler (gest. ca. 1361), der von Meister Eckhart inspiriert war, war ein Lebemeister, der auf die praktische Lebensführung sein Hauptaugenmerk gerichtet hat. Er lebte in einer Zeit, in der wie heute vieles im Umbruch war: Pest, Tod, Gewalt, Unsicherheit, und auch die Kirche war in eine Krise geraten, so dass nur wenige Menschen einen Gottesdienst besuchten. Tauler wollte ein radikal aus dem Glauben, also bei Gott ansetzendes Leben suchen. Gott war für ihn die Wurzel, und an der Wurzel zu bleiben, hieß zum wahren Leben hinzufinden. Zwei Begriffe waren für Tauler`s Lehre entscheidend: Gelassenheit (gilazanheit althdtsch.) und Einkehr.
Zur Gelassenheit Gelassenheit ist wohl ein künstliches Wort, das von Meister Eckhart erfunden wurde und die zweifache Bedeutung von „loslassen“ und „überlassen“ hat. Was gilt es loszulassen? Vorallem alle ichbetonten Neigungen, die Verankerung in Gott reicht aus, weglassen aller fremder Stützen, damit sich die Kraft aus der Wurzel (Gott) voll entfalten und freiwerden kann. Dazu muss man sich leeren und bereiten lassen, und alles lassen, sogar die Konzentration auf das Lassen noch lassen, also in der Bemühung des Loslassens nicht verkrampfen. Bei Punkt „überlassen“ geht es vorallem darum, sich dem Willen Gottes zu überlassen, der das Beste für uns will, selbst, wenn es für unseren Willen unangenehm ist. Alles muss sich von Gott her relativieren lassen und alles gilt es im Kontext Gottes zu betrachten. Im Überlassen geht es auch um eine dadurch entstehende Freiheit. Nach Tauler findet der Mensch im Überlassen (seines Willens) an Gott seine Erfüllung. Gott ist für Tauler auch ein bedürftiger und nach Liebe dürstender Gott, der die Initiative ergreift und herbeieilt in jedem Augenblick…
Gelassenheit ließe sich in der Jugendsprache womöglich übersetzen als „Mach Dich mal locker!“ Das Loslassen scheint auch einem inneren Gesetz zu folgen: Was du allzu sehr willst, das entzieht sich oft. Und wer sich alles von Gott geben lassen will und sich ihm anvertraut, erlebt oft Wunder.
(vgl. Vortrag von Vortrages von Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, Münster)
Thema: Sorgen, Sorglosigkeit, Vertrauen Impuls auf Holz: Sorge Dich nicht!
Biblischer Text: „Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Schaut auf zu den Vögeln des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? 28 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? 26 Beobachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29 Doch ich sage euch: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn aber Gott schon das Gras des Feldes, das heute ist und morgen ins Feuer geworfen wird, so prächtig kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! 31 Sorgt euch also nicht, indem ihr fragt: „Was sollen wir essen?“ oder „Was sollen wir trinken?“ oder „Was sollen wir anziehen?“ 32 Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all das braucht. 33 Ihr aber, sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; und all das wird euch dazugegeben werden. 34 Sorgt also nicht um den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Es genügt jedem Tag seine eigene Plage“ Matthäus 6, 19-34
Text zum Nachdenken: Sorglosigkeit In Krisen- und Ausnahmesituationen, z.B. eine unerwartete Krankheitsdiagnose, gerät unser Lebensfluss ins Stocken. Wir kreisen unaufhörlich um unsere Sorgen, unsere Probleme werden riesengroß, auftauchende bange Gedanken zermartern unser Gehirn und die damit verbundenen Ängste wirbeln uns durcheinander. Die Sorge beherrscht uns bis zum Ende unseres Lebens, meinten die Römer. Erst im Tod höre die Sorge auf. Die Sorgen treiben uns schon im normalen Alltag oft genug um und beherrschen uns: die Sorge um die eigenen Kinder und deren Entwicklung, um den Lebensunterhalt und das finanzielle Auskommen, um die Anerkennung im Beruf, um kranke Freunde…. Und nicht wenige Patienten im Krankenhaus setzen sich unter einen sorgenden Leistungsdruck: „Es muss doch schneller vorangehen! Ich kann doch nicht so lange krank herumliegen! Was werden die anderen im Betrieb sagen? Werde ich womöglich in der Firma meine Position verlieren? Werden die Ärzte auch alles richtigmachen? Warum geht es nicht schneller?…“ In bedrängenden und sorgenvollen Situationen neigen wir dazu, uns vom Gift der Sorgen lähmen und niederdrücken zu lassen. Meist vergessen wir dann unsere inneren Kraftquellen und sind wie die Reben, die getrennt vom Weinstock, keine Kraft haben und keine Frucht bringen können (vgl. Joh 15, 1 15) Jesus hingegen versteht den Menschen nicht als einen, den die Sorge wesentlich ausmacht. An vielen Stellen im Evangelium ruft er uns zur Sorglosigkeit (Mt 6, 25.27) auf. Die Evangelien legen uns nahe, uns nicht zu sehr in die Macht der Sorge zu begeben; es ist letztlich meine Entscheidung, ob ich den Sorgen Macht über mich gebe und mich niederdrücken lasse oder ob ich all meine Sorgen Gott übergebe. Jesus versteht den Menschen vor allem als einen, der im Vertrauen auf den Vater lebt, der für ihn sorgt im Leben wie im Sterben, im Glück wie im Unglück. Im Johannesevangelium wird Jesus Christus selbst als Kraftquelle für unser Leben und unsere Fruchtbarkeit vorgestellt. (vgl. Joh 15, 1-15) Dort, wo mich die Sorgen niederdrücken, kann ich zum Himmel aufschauen, denn von dort kommt Erleichterung und neue Hoffnung. Text aus: Gustav Schädlich-Buter, „Geerdet zum Himmel schauen“, Reflexionen-Meditationen-spirituelle Impulse, eine Textsammlung, Fromm Verlag 2019
Impuls: Wir können Gott durch seinen Sohn Jesus Christus bitten, dass er uns an die Hand nimmt und uns durch alle Sorgen und Ängsten hindurchführt zum grenzenlosen Vertrauen an den Vater im Himmel…
Lesen Sie das folgende Lied und meditieren Sie dessen Inhalt! „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“ (Georg Neumark 1657, altes Gotteslob Nr. 295) Meditieren Sie Matthäus 6, 19-34 (Von der falschen und der rechten Sorge) Literatur zur Vertiefung: Anselm Grün, Herzensruhe, Im Einklang mit sich selber sein, Freiburg im Br. 1998, 2013
Thema: Lieben und Geliebtwerden, Selbstliebe, Annahme seiner selbst..
Impuls auf Holz: Mit ewiger Liebe habe ich Dich geliebt (Jer31,3 )
Biblischer Text: „Der Herr sagt: ‘Ich habe Erbarmen mit meinem Volk! In der Wüste sammle ich alle, die dem Schwert entronnen sind. Israel kehrt wieder in sein Land zurück, dort wird es Ruhe finden!’ Von ferne erschien der Herr und spricht: ‘Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir Gnade bewahrt. Israel, meine Geliebte! Ich gebe dir einen neuen Anfang, deine Städte baue ich wieder auf. Lege die Trauer ab, nimm wieder deine Tamburine und tanze im Festreigen mit! Pflanzt Reben auf den Bergen Samarias! Fürchtet nicht, dass Fremde die Früchte genießen! Der Tag ist nicht fern, da wird man auf den Bergen Efraims rufen: Zieht hin-auf zum Berg Zion, zu dem Herrn, eurem Gott’.“
Impuls 1: „Mit ewiger Liebe geliebt!“ Ewige Liebe- was ist das? Wenn ich an Liebe und Geliebt-werden denke, fällt mir zunächst ein, dass sich die meisten Menschen nicht wirklich lieben und mögen- sie empfinden sich nicht schön, nicht begehrenswert, nicht intelligent. Nicht gut genug. Vielen christlich sozialisierten Menschen wurde zwar die Pflicht zur Nächstenliebe eingetrichtert, aber die Selbstliebe galt lange Zeit als verpönt und wurde mit einem schädlichen Egoismus gleichgesetzt. Das christliche Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ bedeutet aber doch, dass ich ohne Selbstliebe den anderen auch nicht lieben kann, beziehungsweise, dass eine gesunde Liebe die Voraussetzung dafür ist, auch andere Menschen zu mögen. Solange man sich selbst ablehnt oder sich und seinen Körper hasst, kann man die Liebe eines anderen Menschen weder sehen, spüren (manche Menschen spüren sich nicht mehr, weil sie zuviel arbeiten) noch zulassen. Und ohne Selbstliebe kann ich auch andere Menschen nicht lieben.
Machen Sie den Selbsttest: MöchtenSie von Menschen so geliebt werden wie jene sich selbst lieben? Von den meisten wahrscheinlich eher nicht. Selbstliebe hat nichts damit zu tun, ein Recht auf alles zu haben und sich alles zu gönnen, worauf man gerade Lust und „Bock“ hat. Eine gute Selbstliebe hat wohl eher damit zu tun, sich selbst mit seiner ganzen Lebensgeschichte, mit all dem Versagen, Schwächen und Schattenseiten anzunehmen aus dem Bewusstsein heraus, als fehlerhaftes Geschöpf von einer größeren Macht geliebt zu sein. Der Glaube an einen Gott, der uns die Zusage einer ewigen und wohl auch bedingungslosen Liebe gegeben hat, kann uns helfen, uns selbst anzunehmen, zu spüren und zu mögen. Ein göttliche Macht, die zu mir sagt: Du bist der geliebte Mensch, und zwar von Anfang an, und vom Ursprung her, also noch vor unserer Geburt und der Liebe unserer Eltern. Das hilft uns, damit wir unser existentielle Lebensangst und Scham verlieren, und unsere Eintrittskarte oder den Fahrschein fürs Leben nicht erst mühsam verdienen müssen. In der Weise, in der mein Glaube an das Gratis und das Geschenk meines Lebens wächst, wächst auch das Gefühl und das Bewusstsein, dass ich bei mir selbst ankomme und Heimat finde, und dies unabhängig von äußerer Bestätigung. Wenn ich mich selbst geliebt weiß, kann ich auch meine eigenen Schwächen und Dunkelheiten vor mir zugeben ohne ins Bodenlose zu fallen und eine Bereitschaft entwickeln, mich erlösen und mir vergeben zu lassen. Papst Franziskus betonte immer wieder, dass uns alles vergeben werden kann und Vergebung zum Wesen Gottes gehört. Uns ist immer wieder ein neuer Anfang möglich und geschenkt. Die Fähigkeit zur Selbstliebe und zum Glauben, dass mich Gott bedingungslos liebt und annimmt, können kleine Rituale stärken.
Praktischer Tipp: Nimm Dir bei der Morgentoilette ein paar Minuten Zeit, Dich selbst mit wohlwollenden Augen anzuschauen. Es sind die wohlwollenden Augen Gottes, die Augen , von denen es über Benedikt von Nursia heisst, dass er unter diesen Augen ganz bei sich selbst zu Hause war. Oder: Nimm einen kleinen Zettel und schreibe darauf: „Hier siehst du den Menschen, den Gott liebhat.“ Nimm diesen Zettel und klebe ihn an den Spiegel im Badezimmer und stärke deinen Glauben, dass du mit ewiger Liebe geliebt bist. (Text: Gustav Schädlich-Buter, inspiriert von Düring)
Impuls 2: „Angenommen“ Immer wieder bewegen mich Lieder und bringen mich sowohl persönlich wie auch in meinem Beruf als Seelsorger zum Nachdenken. Eines davon hat den Titel „Zum Meer“, und ist von Herbert Grönemeyer auf der CD Mensch veröffentlicht worden.
Darin heißt es: „Wer hat dich geplant, gewollt? Dich bestellt und abgeholt?/Wer hat sein Herz an dich verlorn? Warum bist du geborn?/Wer hat dich geborn?/ Wer hat sich nach dir gesehnt?/Wer dich an sich gelehnt?/Dich wie du bist akzeptiert,/ dass du dein Heimweh verlierst?…“ (Herbert Grönemeyer)
Wer hat mich gewollt? Wer hat mich akzeptiert wie ich bin? Fühle ich mich auf dieser Erde zu Hause? Fühle ich mich willkommen? Wer hat mich in Empfang genommen, mich willkommen geheißen und mir mein Heimweh genommen?
Diese Fragen gehen nahe, stimmen nachdenklich, klingen nach…. Wer hat mich akzeptiert so wie ich bin? Unglaublich viele Menschen fühlen sich nicht wirklich akzeptiert und geliebt. Manche fühlen sich aufgrund ihrer Andersheit, ihres Aussehens, ihrer Behinderung, ihrer körperlichen oder seelischen Einschränkung,ihrer sexuellen Orientierung,... abgelehnt, ohne Ansehen und schämen sich, dass sie so sind wie sie sind. Wieder andere Menschen fühlen sich nicht willkommen, gerade, wenn sie aus Ländern fliehen mussten, in denen bittere Armut, unbarmherzige Ausbeutung, Gewalt und Kriege an der Tagesordnung waren. Es macht bedrückt und traurig, wenn man sich auf dieser Erde nicht willkommen weiß. Wer von einer Gesellschaft oder Gemeinschaft abgelehnt wird, den macht die beängstigende Erfahrung des Ausgeschlossenseins nicht selten aggressiv oder hart. Wieder andere überspielen die Wunde der inneren Heimatlosigkeit mit Geschäftigkeit und Hyperaktivität. Sie wollen über ihre Leistung anerkannt werden. Wer sich nicht willkommen und geliebt fühlt, bleibt irgendwie unbehaust und fremd: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, heißt es im Liederzyklus von Schuberts Winterreise. Geliebt vom ersten Atemzug an und schon vorher, geliebt „ohne wenn und aber“, ohne Bedingung und Leistungsnachweis,- das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Glaube an ein großes Ja einer verschwenderischen Liebe, das über unser Leben gesprochen sein soll, scheint für viele Menschen nicht spürbar und verdunkelt. „Warum bin ich überhaupt geboren?“, ist dann die dazugehörige Frage, wenn das „Ja“ sich in ein „Nein“ verwandelt hat; wenn ein Panzer der Selbstablehnung und Feindschaft sich selbst und anderen gegenüber das Grundgefühl bestimmt. Gut, wenn es dann wenigstens noch das Heimweh gibt, die Spur einer Erinnerung an einen „Ort“, an eine Gemeinschaft, an eine Liebe, die mich ankommen lässt, die mich leben lässt, die mich aufatmen lässt, in der ich willkommen bin. Wer willkommen geheißen wird, dem wandelt sich Fremdheit in Vertrautheit und er fängt an, sein Heimweh zu verlieren. Sobald wir Menschen einander willkommen heißen ohne Bedingungen oder die Erfüllung von Aufnahmekriterien für die jeweilige Gruppe, der wir zugehören, entsteht eine Verbindung und wir spüren, dass wir zusammengehören. Jede und jeder von uns, trägt in sich eine Begabung, dem Anderen dieses Willkommens-Ja zu zusprechen. Wie gut kann ein einladendes Wort tun, ein Lachen, ein wertschätzender Blick, eine Geste der Zuneigung- sie alle sagen: Gut, dass es dich gibt – willkommen Bruder oder Schwester auf dieser Erde und auf dieser unserer gemeinsamen Lebensreise zum „Meer“ oder zum „Himmel“. Text aus: Gustav Schädlich-Buter, „Geerdet zum Himmel schauen“, Reflexionen-Meditationen-spirituelle Impulse, eine Textsammlung, Fromm Verlag 2019 Impuls: Hören Sie das Lied „Zum Meer“ von Herbert Grönemeyer auf der CD „Mensch, und denken Sie über die darin gestellten Fragen nach. Wem möchten Sie dankbar sein?
Thema: „Steh auf!“ – Aufstehen, Zu-sich-stehen, aufbegehren, Mut zum ureigenen Leben, Selbstwerdung… Impuls auf Holztafel: Steh auf!
Biblischer Text: Geschichte 1: Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? 36 Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht! Glaube nur! 37 Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. 38 Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah und wie sie heftig weinten und klagten, 39 trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. 40 Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in dem das Kind lag. 41 Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 42 Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen. 43 Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben. Markus 5, 35-43
Text zum Nachdenken: Die Aufforderung „Steh auf!“ finden wir in verschiedenen Geschichten und Texten des Alten (Ersten) und Neuen Testaments. Die meisten kennen wohl die Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus (Markus 5,21). Diese biblische Wundergeschichte hat Ähnlichkeiten mit dem Märchen von Schneewittchen, das von der Stiefmutter vergiftet, tot in einem gläsernen Sarg liegt. Der Evangelist Markus erzählt auch von einem toten Mädchen, das auf einer Bahre liegt. Für uns ist es besonders wichtig den symbolischen Gehalt zu verstehen und darauf zu achten, was drückt (junge) Menschen nieder, was macht sie unlebendig, totenstarr, in sich eingeschlossen und was erweckt sie zum Leben. Das Mädchen wird namentlich nicht einmal erwähnt; sie ist die Tochter ihres Vaters Jairus, was darauf schließen lässt, dass sie noch keine eigene Identität ausgebildet hat, womöglich überbehütet wurde und in Ihren Lebens- und Entfaltungsimpulsen kleingehalten und niedergedrückt wurde. Noch vor einigen Jahrzehnten waren besonders Kinder von Lehrern oder Pastoren besonders in der Gefahr durch Erziehung vorprogrammierte Erwachsene sein zu müssen, Aushängeschilder elterlicher Erziehungskunst und Musterkinder
vorbildlichen Verhaltens; wer aus der Reihe tanzte und sich nicht an die normierten Vorgaben hielt, blamierte die Eltern. Was eine solche überfürsorgliche oder repressive Erziehung an Schatten bewirkt, zeigt deutlich der Film „Das weiße Band“ vom Regisseur Michael Haneke- eine deutsche Kindergeschichte. Lassen Sie mich den Evangeliumstext etwas weiter interpretieren: Mitten in diese seelische Situation des Mädchens, die geprägt sein mag von erstickten Gefühlen, erstarrten Verhaltensweisen und unterdrückter Sehnsucht nach Liebe, tönt der Ruf Jesu: „Steh auf!“ Steh auf aus der Bevormundung und Gängelung deiner Eltern, deiner Schule, deiner Kirche…Lass deine Gefühle zu, trau deinen inneren Impulsen, lass dich und deine Seele nicht mehr abtöten, ersticken und niederdrücken durch kalten Zwang, bürokratischen Dirigismus oder ängstliche Überfürsorge. Steh auf und fang an, zu leben, wage das Leben, das Dir von Gott geschenkt ist und entfalte deine Talente. Mach was aus deinem Leben, spring aus dem gläsernen Sarg und sprenge die Luft abschnürenden Mauern, die um dein Herz gelegt wurden. Denselben Zuruf „Steh auf!, hört auch der Jüngling von Nain (Lukas 7,9) oder der Mann mit der verdorrten Hand (Lukas 6, 6-11), den Jesu auch noch dazu ermuntert, sich in die „Mitte“ zu stellen. Auch dieser Mann ist ein Niedergedrückter und an den Rand der Gesellschaft Verbannter, ein vielfach Stigmatisierter (psychisch, sozial, liturgisch), der sich nicht zu leben traut, seine Talente vergräbt und sein Leben verhockt. Jesus sagt zu ihm nicht nur „Steh auf!“, sondern ermuntert ihn auch mit dem Wort: „Stell dich in die Mitte.“ Interessanterweise ist für fromme Juden die Mitte der Ort, wo die Tora steht, das Allerheiligste (vergleichbar mit unserem Altar). Text: Gustav Schädlich-Buter , inspiriert von Bernardin Schellenberger und anderen
Alternativ: Biblische Geschichte 2: „Als er wieder in die Synagoge ging, war dort ein Mann mit einer verdorrten Hand. Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und seine Hand wurde wiederhergestellt.“ Markus 3,1f.
Biblischer Impuls/Predigt: Lukas, der in der Tradition als Arzt und Maler beschrieben wird, ist einer, der in griechischer Philosophie und Literatur bewandert ist. Er verfasst etwas zwischen 80 und 90 nach Christus nicht nur das Evangelium, sondern auch die Apostelgeschichte. Lukas nennt sein Buch nicht Evangelium, sondern „Erzählung“- und Lukas ist in der tat ein meisterhafter Erzähler. Sein Anliegen besteht darin, Jesu Worte und sein Wirken so zu erzählen, dass er die Griechen begeistert. Er möchte Bestseller verkaufen auf dem antiken Büchermarkt mit der Absicht, die Menschen für Jesus zu interessieren und in seine Nachfolge zu rufen. In dieser Heilungsgeschichte, die bei Lukas steht, kommen drei Typen von Männern vor. 1) Der Mann mit der verdorrten Hand- der passive Mann Da ist zunächst der Mann mit der verdorrten Hand. Die genaue griechische Übersetzung des Wortes „verdorrt“ (griech.: „verholzt“- dieses Wort deutet auf ein prozesshaftes Geschehen) Dieser Mann leidet wohl unter einer körperlichen Behinderung. Die rechte Hand steht für die Handlungsfähigkeit eines Menschen. Der Evangelist Lukas beschreibt also einen Mann, der infolge einer körperlichen Behinderung im Laufe seines Lebens immer handlungsunfähiger und passiver wird. Er kann anscheinend sein Leben nicht mehr anpacken und sitzt teilnahmslos und passiv in der Synagoge herum. Vielleicht hat er schon früh in sein Leben negative Botschaften gehört: „Du bist nichts wert! Du bist anders! Wir wollen Dich nicht haben! „Du bist zu nichts zu gebrauchen…“ Zum körperlichen Handicap (das womöglich geringfügig ist), ist wahrscheinlich das seelische Handicap hinzugekommen, das weit schlimmer ist. Nach jüdischem Denken ist die Ursache für eine körperliche Behinderung klar: entweder hat der Betroffene selbst oder es haben seine Eltern gesündigt. Wer gesündigt hat, ist unrein. Wer „unrein“ ist, darf also auch nicht am Gottesdienst der Frommen teilnehmen. Dieser Mann erlebt also vielfache Ausgrenzung: eine seelische, eine soziale und eine liturgisch religiöse. Kein Wunder, dass dieser Mann passiv und ohne Selbstwert am Rande sein Leben fristet. Ein Ausgeschlossener im System derjenigen, die drinnen sind und die Regeln bestimmen. Schriftgelehrte und Pharisäer- religiöse Gesetzeswächter Dann wird bei Lukas eine Gruppe von Männern beschrieben, die pedantisch darauf achten, dass die religiösen Gesetze und Regeln (für den Gesetzesstrengen ist jedes der 613 Ge- und Verbote kraft göttlicher Willenserklärung gültig und muss gehalten werden) eingehalten werden, – die Schriftgelehrten und Pharisäer. Dieser Gruppe, man könnte übertragen sagen die „Kirchenmänner“- für sie ist die Einhaltung der religiösen Gebote sehr wichtig, sie passen auf, dass sie eingehalten, aber sie stiften kein neues Leben, sie haben mit Befreiung und Heilung nicht viel auf dem Hut. Diese Kontrolleure des rechten Glaubens haben einen Mann feindselig in den Blick genommen, der schon öfters die religiösen Gebote, die Gebote der Tradition, der kultischen Reinheit, besonders das Sabbatgebot übertreten hat. Sie suchen geradezu einen Grund, um ihn anzuklagen. Sie fühlen sich in ihrem (jüdisch-kasuistischen) Denken von keinem so in Frage gestellt wie von Jesus. Er durchbricht einfach die gültigen Tabus und behauptet damit auch noch den Heilswillen Gottes zu erfüllen. ( In seinem Leitmotiv „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“ (Mt 5,21-48) scheint die Grundlage für Jesu Freiheit gegenüber dem jüdischen Gesetz zu liegen. Immer wieder geht er weit über die Buchstaben des Gesetzes hinaus, verschärft er das Überlieferte oder hebt es sogar auf („Ihr habt gehört…ich aber sage euch…“)
Jesus – der freie Mann Jesus, dieser Mann, der bei Lukas beschrieben wird, – ein Rabbi, ein Lehrer, einer, der einen Heilberuf hat-, ist wie schon gesagt, den Schriftgelehrten und Pharisäern ein Dorn im Auge. Seine innere Freiheit macht jenen Angst, die sich allzu genau an alle Regeln und Gesetze halten wollen. Was macht dieser Mann, der so gar nicht zur Gruppe der Pharisäer passt? Zunächst geht er auf den Mann zu, der vom System ausgeschlossen ist. Anders als z. B. der blinde Bartimäus, der Jesu Hilfe aktiv sucht und danach schreit (vgl. Markus 10), unternimmt dieser Mann ja von sich aus gar nichts; er ist völlig passiv. Jesu übernimmt zunächst die Initiative und fordert ihn auf: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ Bevor er diesen Mann heilen kann, muss jener selbst wenigstens etwas tun und selbst die Initiative ergreifen. Jesus fordert ihn auf, sich „in die Mitte (zu) stellen“. Er muss aus seinem Tiefschlaf aufwachen. Im griechischen Urtext heißt es tatsächlich genauer als in der deutschen Einheitsübersetzung: „Wach auf in die Mitte hinein!“ Für Juden ist die Mitte dort, wo die Heiligen Schriften aufbewahrt werden, vergleichbar mit dem Allerheiligsten der Katholiken. Jesu Aufforderung „Stell dich in die Mitte“ heißt also soviel wie: Komm vor und stell dich dahin, wo Gott ist. Du gehörst dahin, wo Gott ist. Dieser im Laufe seines Lebens durch die vielen erlebten Ausgrenzungen und Abhängigkeiten völlig passiv und leblos gewordene Mann soll wieder lernen: Ich bin wertvoll! Ich bin wertvoll wie die anderen! Ich besitze durch Gottes Nähe eine göttliche Würde, die mir niemand nehmen kann. Von dieser Erfahrung her, scheint es im Text, als wäre von hier aus nur ein kleiner Schritt notwendig zur körperlichen Heilung und Genesung, die fast nebensächlich wirkt:“ Streck deine Hand aus. Er tat es und seine Hand war wieder gesund!“ Der wichtige Schritt zur Heilung scheint vorher schon geschehen zu sein – im Inneren, im Seelischen, in der geistig-geistlichen Mitte dieses Menschen. Indem dieser sich erhebt, vom Rand ins Zentrum tritt und spürt: „Ich habe von Gott her ein Würde, die mir niemand nehmen kann!“ ist die eigentliche Heilung vollzogen. Die frohe Botschaft des heutigen Evangeliums lautet: Jesus, der Sohn Gottes, holt all jene, die am Rande der Gesellschaft ihr Leben fristen in die „Mitte“ hinein.
(Text: Gustav Schädlich-Buter, inspiriert von einem Text von Richard Rohr und anderen)
Weitere Bibelstellen zu „Steh auf“: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.“ Eph 5,14 (wir haben uns eingelullt in irgendwelche Illusionen und sind blind für die Wirklichkeit) „Steh auf (egeire), nimm dein Bett und geh!“ (Joh 5,8) Das griech Worte egeire bedeutet sowohl aufwecken als auch aufstehen. Aufwachen und sein Leben selbst in die Hand nehmen, könnte zum Thema gemacht werden. 10 Poesie- Gedicht: “Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen. Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken. Wo alle spotten, spottet nicht. Wenn alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht.“ Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, Verlag J. Pfeiffer, München 1972, Seite 253; dort mit dem Rahmenvers: „Das Kreuz des Jesus Christus / durchkreuzt was ist / und macht alles neu“ Interaktive Möglichkeiten: Wann bin ich zu mir gestanden? Wann bin ich aufgestanden gegen Ungerechtigkeit? Was drückt mich nieder? Was ermutigt mich?
„Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.“ (Röm 8,24)
Impuls:
„…Wer könnte atmen/ ohne Hoffnung/dass auch in Zukunft/Rosen sich öffnen..//heißt es in einem Gedicht von jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer (1901-1988), welche den Todestransporte der deutschen Wehrmacht nur knapp entkam. Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin und „Wer hofft, ist jung.“ Wer hofft, ist auf eine Zukunft ausgerichtet. Hoffnung ist eine gespannte Erwartung auf die Zukunft. Kinder und junge Menschen stecken noch voller Hoffnungen und Erwartungen ans Leben; sie erwarten gespannt auf das, was kommt.
Die Kraft der Hoffnung und damit die Lust am Leben wächst, wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen: die Rosen im Garten vielleicht, die zwitschernden Amseln am frühen Morgen, der freundlicher Gruß der Kollegin und vieles andere, was das Herz berührt, weckt die Hoffnung, dass das Leben doch gut ist. So können alle durch unser Verhalten, durch unsere Freundlichkeit an der Hoffnung dieser Welt mitwirken.
„Hoffen lernt man dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich“, sagt Fulbert Steffensky, und dieses Handeln hängt nicht vom Erfolg der Handlung ab, sondern kann in sich gerechtfertigt sein. Wer sich für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen will, braucht den langen Atem der Hoffnung. Wer Kinder großziehen will, braucht die Kraft der Hoffnung, dass deren Leben gelingt, auch wenn sie ganz andere Wege gehen.
Wir brauchen einander im Hoffen, gemeinschaftliches Hoffen trägt uns über die Abgründe des Lebens und hilft uns Träume zu realisieren, wenn die eigene Hoffnungskraft sich als zu schwach und brüchig erweist. Allein im Licht der Hoffnung, die immer auch ein Geschenk ist, können wir in dieser Welt, im Leiden und Scheitern, im trübseligen Strom menschlicher Schwächen und Bosheiten, immer noch an Zukunft und Erneuerung glauben.
Die christliche Hoffnung ist zudem eine maßlose Hoffnung, auf eine neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt und einen neuen Himmel, Hoffnung auf ein ewiges Leben und die Auferstehung von den Toten, die dem Tod nicht das letzte Wort geben will.
(Text: Gustav Schädlich-Buter)
Zur Meditation: Hoffnung, dass die Risse des Lebens heilen Die Bruchstellen des Lebens, -Verlust, Scheitern, Versagen, Schuld…, können zu Öffnungen werden für neues Leben. Doch zuvor muss der Schmerz und die Trauer in der Tiefe der Seele, erlauscht werden unter den Betonschichten der Verdrängung, muss Leidvolles ausgehalten werden, dann kann eine Tür aufgehen und die Seele zum Begegnungsort für eine tiefere Wirklichkeit werden; letztlich für Gott als die Quelle unbedingter, unzerstörbarer und heilender Liebe, aus der wir und durch die wir sind und in der wir leben. Es kann lebensrettend sein, wenn der heilende Geist durch die Risse unseres Lebens dringt und wieder Licht in der Dunkelheit der Seele aufscheint.
Zum Nachdenken: Worauf hoffe ich und was tue ich dafür? Wer oder was gibt mir Hoffnung? Mit wem teile ich meine Hoffnung? Literatur zu Vertiefung: Wolfers, Zuversicht, die Kraft, die an das Morgen glaubt.
Impuls zur Stele „Name -Ich habe Dich bei deinem Namen gerufen…du gehörst mir“
( Jesaja 43,1)
Bibeltext:
Jetzt aber – so spricht der HERR, / der dich erschaffen hat, Jakob, / und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, / ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!
2 Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, / wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, / keine Flamme wird dich verbrennen.
3 Denn ich, der HERR, bin dein Gott, / ich, der Heilige Israels, bin dein Retter.
Jesaja 43,1 f.
Meditation:
Wer mich bei meinem Namen ruft, der kennt mich, dem scheine ich wichtig und bedeutungsvoll zu sein. Wer einen Namen hat ist keine Nummer (wie es die Nazischergen mit den KZ- Häftlingen gemacht haben, und sie dadurch entpersonalisiert haben) kein Niemand, sondern jemand mit einer unverwechselbare Persönlichkeit, mit einer einzigartigen Individualität, einem unbedingten Wert…
Gott ruft mich beim Namen? Bin ich ihm so wertvoll, dass er mich kennt, mich persönlich?
Manchmal kommen mir Zweifel:
Acht Milliarden Menschen leben auf dieser Erde und jedes Jahr wächst die Bevölkerung rasant weiter um 80 Millionen, das entspricht 220.000 Menschen pro Tag. Und da soll ich IHM wichtig sein?
Ich lebe auf dieser Erde in einem Sonnensystem am Rande einer unermesslich großen Galaxie namens Milchstraße, mit Milliarden von Sternen, die einen Durchmesser von 100.000 Lichtjahren (Lichtjahr ist die Strecke, die das Licht im Vakuum innerhalbeines julianischen Jahres (365,25 Tage zurücklegt, das sind 9,46 Billionen Kilometer; die Entfernung von der Erde zur Sonne beträgt 8,3 Lichtminuten) hat, umgeben von ungefähr 200 Milliarden anderen Galaxien im sichtbaren Universum. Und da soll ich mit meinem bescheidenen Leben und einer Lebenserwartung von vielleicht 80 oder 90 Jahren so wichtig sein, dass er mich beim Namen kennt?
Ist das nicht eine illusorische Wunschvorstellung? Aber woher kommt dieser Wunsch? Woher kommt die Sehnsucht, bedeutsam zu sein und nicht bloß ein Zufallsprodukt in einem unendlich großen Universum, für dessen Entstehung wir letztlich keinen Grund finden können? Warum reagieren wir Menschen überhaupt so stark auf Wertschätzung? Ist das eine tiefe Sehnsucht, die ein Schöpfer in unserer Seele angelegt hat oder ist das psychologisch gesprochen, ein narzißtischer Größenwahn, mit dem wir uns zu wichtig nehmen?
Ob wir diese Frage jemals mit unserm Verstand beantworten können? Es gibt aber eine schöne chassidische Erzählung von einem Rabbi, die dem Rabbi Simcha Bunem von Przysucha zugeschrieben wird. Die Erzählung besagt, dass der Rabbi zwei Zettel in seinen Taschen trug. Auf dem einen stand:
Um meinetwillen wurde die Welt erschaffen (Mischna Sanhedrin 4:5).
Auf dem anderen stand: Ich bin Staub und Asche (1. Mose 18:27).
Er griff je nach Situation in die eine oder andere Tasche:
Wenn er sich klein und unbedeutend fühlte, las er die Worte: Um meinetwillen wurde die Welt erschaffen, um sich seiner Würde und Bedeutung bewusst zu werden.
Wenn er in Gefahr war, sich selbst zu überschätzen, las er: Ich bin Staub und Asche, um Demut zu bewahren.
Die Geschichte erinnert mich daran, dass wohl jeder Mensch sowohl einzigartig und wichtig ist als auch vergänglich und Teil eines größeren Ganzen.
Ich persönlich habe mich entschieden, daran zu glauben, dass es in diesem riesigen Universum, das rein naturwissenschaftlich betrachtet kalt, dunkel und unheimlich ist, eine liebende und personale Macht gibt, mit der ich in Beziehung treten kann, die resonant ist auf mein ganz individuelles Dasein, so fehlerhaft und unperfekt auch immer es sein mag. Eine liebende Schöpfermacht, die sagt: Ich habe Dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!
(Text: Gustav Schädlich-Buter)
Interaktive Möglichkeiten:
(Austausch: )
Was bedeutet mir mein Name? (Schau nach was dein Name für eine Bedeutung hat! Kannst du deine Person aus der Geschichte damit in Verbindung bringen?)
Wer ruft deinen Namen wie? (, wie haben meine Eltern meinen Namen gesagt, wie meine Freunde…Vertraut, angenehm, unangenehm,- wie wurde ich gerufen?)
Wer mit Namen gerufen wird ist keine austauschbare namenlose Nummer, sondern ist für jemanden von Bedeutung, wertvoll, wichtig, einmalig…Für wen bin ich wichtig?
Dieser Abschnitt wurde geschrieben, als Israel sich in der babylonischen Gefangenschaft befand, ca. 550 v.Chr.
Das Volk war wegen der eigenen Untreue zu Gott in eine ausweglose Situation gekommen. Obwohl Gott ihnen immer wieder vergeben und geholfen hatte, hatten sie nicht auf Gott, sondern auf andere kluge Ratgeber gehört. So waren sie in die Gefangenschaft nach Babylon gekommen. Sie hatten kein Land mehr und keinen Tempel, fühlten sich von Gott verlassen und konnten sich aus eigener Kraft nicht helfen, denn sie waren Gefangene einer Übermacht.
Es ist ein Wort, das seit mehr als Zweitausend Jahren Menschen getröstet und ermutigt hat und viele als Taufspruch durch das Leben begleitet. Ein Wort, das dem Volk Israel und jedem Einzelnen persönlich Gottes unsichtbare Nähe zusagt. Der Prophet, der hier spricht, wird auch der Zweite Jesaja genannt. Er hatte das Volk Israel nach mehr als dreißig Jahren im babylonischen Exil getröstet und ihnen zugesagt, dass Gott sie nach Jerusalem zurückführen werde. Lange hatten die Israeliten es als Strafe Gottes verstanden, dass sie fern der Heimat leben mussten. Inzwischen leben sie in dritter Generation in dem fremden Land. Doch nun ändern sich die politischen Verhältnisse. Der persische König Kyros II nimmt Babylon ein. Durch seine Worte beginnen sie zu hoffen, dass sie als Freie zurückkehren werden. Seine Worte sagen ihnen auch: Gott ist es, der dieses alles wirkt. Er ist ihnen gnädig gesonnen: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! 2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
Den Israeliten wird dieses Gotteswort zu einem Protestwort gegen die herrschenden Verhältnisse. Es ist ein Wort der Freiheit – sie gehören nicht mehr dem babylonischen König und auch nicht dem neuen persischen Herrscher, selbst dann nicht, wenn dieser Anspruch auf sie erheben sollte. Sie erinnern sich an Gott, der ihr Volk schon damals aus Ägyptenland befreit hat. Der sie durch das Wasser des Schilfmeeres gerettet hat. Auch wenn fremde Völker und Könige sie bedrängen sollten wie Feuer, werden sie dieses Volk nicht überwinden.[1] 3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt.
Wer mich bei meinem Namen kennt oder freundlich ruft, dem scheine ich wichtig und bedeutungsvoll zu sein. Eine freundliches oder liebevolles Angesprochenwerden mit Namen hinterlässt ein gutes Gefühl. Besonders als Seelsorger oder Seelsorgerin ist es wichtig, Menschen mit ihrem Namen zu kennen. In unserer Seele steckt wohl eine tiefe Sehnsucht, dass jemand zu uns sagt: ich kenne Dich, ich mag Dich, du bist mir nicht gleichgültig,
Gott antwortet auf diese tiefe Sehnsucht, etwas wert zu sein:
Er kennt mich und ruft mich beim Namen, heißt es beim Profeten Jesaja. Manchmal kommen mir Zweifel Bin ich ihm so wertvoll, dass er mich kennt, mich persönlich?
Ist das nicht ein verrückter Gedanke?
Acht Milliarden Menschen leben auf dieser Erde und jedes Jahr wächst die Bevölkerung rasant weiter um 80 Millionen, Und da soll ich IHM wichtig sein?
Ich lebe auf dieser Erde in einem Sonnensystem am Rande einer unermesslich großen Galaxie namens Milchstraße, mit Milliarden von Sternen, die einen Durchmesser von 100.000 Lichtjahren hat, umgeben von ungefähr 200 Milliarden anderen Galaxien im sichtbaren Universum. Und da soll ich mit meinem bescheidenen Leben und einer Lebenserwartung von vielleicht 80 oder 90 Jahren so wichtig sein, dass Gott mich beim Namen kennt?
Ja, wir sind ihm wichtig, jede und jeder einzelne von uns. Gott spricht uns (und damals dem israelitischen Volk in babylonischer Gefangenschaft zu) durch den Profeten Jesaja zu:
„Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“
Für Gott sind wir keine Nobodys, wir brauchen keine Angst haben, dass unsere Namen nur Schall und Rauch sind, es gibt einen Schöpfer, der uns kennt und das heisst auch uns bedingungslos liebt , wir sind ihm wichtig und wertvoll, wie bescheiden und unauffällig unser Leben auch nach außen hin sein mag, wie unperfekt und fehlerhaft. Gerade in Situationen, in welchen wir uns wertlos und verloren, krank und hilflos vorkommen, können wir uns das Wort der Schöpfermacht in Erinnerung rufen: „Ich habe Dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“
Wir Menschen sind mehr als bloße Zufallsprodukte der Evolution, die nach ein paar Jahren Lebenszeit im Nichts verschwinden. Wir haben für den göttlichen Schöpfer eine Würde und Bedeutung in dieser Welt und darüber hinaus. Deshalb sagt Jesus: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“(Lukas 10,24)
Biblischer Text: Der Hauptmann von Kafarnaum 5 Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: 6 Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen. 7 Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen.[1] 8 Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! 9 Denn auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es. 10 Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden. Matthäus 5, 5-10
Text zum Nachdenken: Worte Die Macht der Worte, wer kennt sie nicht! Wir kennen wohl alle die Erfahrung, dass wir keine Antwort bekommen, das unsere Einladungen zu einem Fest nicht beantwortet werden, dass in Partnerschaften oder Nachbarschaften sich stummes feindseliges Schweigen breit gemacht hat und niemand mehr den Mund auftut und ein erlösendes Wort spricht, das die entstandenen Mauern abbaut. Auch ein unachtsam schnell dahingesagtes Wort kann kränken und demütigen. Gezielt böse Worte aber können entwürdigen, verleumden, verletzen, sogar ein Leben zerstören. Mit Worten können Menschen niedergebrüllt und gebeugt werden. Worte können Menschen taub werden lassen und deren Gehör verschließen. Mit Worten, die gar keine Antwort wollen, kann man Menschen „zutexten“, manipulieren oder verstricken. Schon in der Bibel heißt es: Böse Worte sind „faulig“ und bewirken Fäulnis. Wer ständig bösen und erniedrigenden Worten ausgeliefert ist wird böse wie ein Hund an der Kette. Das gute Wort jedoch kann aufbauen, Leben wecken, aufrichten, heilen, lebendig machen, befreien oder hoffnungsvoll und fröhlich stimmen. Gute Worte entspringen einem Interesse und einer Liebe zum Menschen und zur Schöpfung. Durch ein gutes Wort fühlt sich der, der das Wort hört, gut; ein gutes Wort löst aus der negativen Fixierung, das gute Wort kann sogar den „Bösen“ gutmachen. Das gute Wort kann zärtlich und rücksichtsvoll an mein Ohr dringen, aber auch bestimmt und auffordernd. Wenn ich jemanden ein gutes Wort sage, indem ich ihn lobe, ihm danke, ihn bejahe, wertschätze, annehme…, erweise ich ihm eine Wohltat und stärke seine Person. Worte können wie ein Haus sein, in denen wir uns ausruhen und Frieden finden, weil unsere Sehnsucht nach Liebe für einen Moment ans Ziel kommt. Worte in Geschichten und Gedichten können kleine und große „Menschenkinder“ zum Strahlen bringen. Im Liebesgedicht von Gabriele Mistral, das den Titel „Scham“ trägt, heißt es in einem Vers: „Umhüll mich zärtlich durch dein Wort. Schon morgen wird, wenn sie zum Fluß hinuntersteigt, die du geküsst, von Schönheit strahlen.“ (G. Mistral, Wenn du mich anblickst, werd ich schön. Gedichte, 1991, gefunden in: F. Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002) Sprich nur ein Wort, dass wieder Leben möglich wird. Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund. Wie oft beten wir das im Gottesdienst oft ohne darüber nachzudenken und es mit echter Sehnsucht zu füllen, dass Gott uns ein Wort schenkt, dass uns heilt, uns von Scham befreit und lebendigmacht.
zum Nachdenken: •Kennst du ein biblisches Wort, das Dir guttut, Dich bestärkt und aufbaut? •Gab es in deinem Leben mal ein Wort, das Dich berührt oder getroffen hat? •Wessen Worte vertraust du? Wem glaubst du, was er sagt?
Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will…Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.
Genesis 12, 1-4 In der Bibel finden wir viele Aufbruchsgeschichten, die uns anspornen können, einen Aufbruch zu wagen. Dazu einige biblische Beispiele:
Abraham bricht auf, verlässt die Heimat und zieht in ein neues und unbekanntes Land , er traut einer göttlichen Verheißung ohne dabei eine letzte Sicherheit oder Gewissheit zu haben. Mose bricht auf aus seinem gewohnten Hirtenleben, gehorcht einem Auftrag und einer Sendung von Gott trotz Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, um sein Volk aus der Fremde und Versklavung in die Freiheit zu führen. Die Israeliten brechen auf, verlassen die Sicherheit der Fleischtöpfe und lassen sich mit Mose auf ein Wüstenabenteuer ein, um frei zu werden. Paulus erlebt einen geistig-spirituellen Aufbruch aus seinem bisherigen Leben, nach seinem Damaskuserlebnis muss er erstmal begreifen, was ihm da widerfahren ist, wie sie sein bisheriges Leben total auf den Kopf gestellt wurde und was jetzt für ihn ansteht und wie er sich neu orientieren kann. Aufbrechen muss auch der junge Mann in einem Gleichnis Jesu, der sein ganzes Erbe verschleudert hat und ganz unten angekommen ist bis er zur Einsicht kommt, zu seinem Vater zurückzukehren (wie es im Gleichnis bei Lukas 15 steht.)
Wir alle müssen immer wieder aufbrechen, allein schon durch die natürlichen Lebensphasen, die wir durchlaufen und die mit einem Neuaufbruch einhergehen, Pubertät, Familiengründung oder der Eintritt ins Rentenalter zum Beispiel. Aufbrechen müssen manche auch aus toxischen und krankmachenden Beziehungen, junge Erwachsene müssen manchmal auf -und ausbrechen aus den Trübungen ihrer Familiensysteme. Andere aus Suchtmustern wie Drogen, Alkohol oder Handysucht, die sie festhalten, abhängig und unfrei machen. Manchmal schleudert uns das Leben aus den geglaubten Sicherheiten hinaus- Krankheit, Unfall, Trennung, Verlust, Entlassung, Schicksalsschlag und wir müssen uns einen Weg bahnen auf noch unbekanntem Terrain. Manche erleben auch geistige Aufbrüche, durch welche ihre bisherigen Lebenseinstellungen verwandelt werden, was ein Leben im alten Umfeld unmöglich macht. Der letzte Aufbruch geschieht am Ende unseres Lebens, wenn wir alles lassen müssen.
Alle existentiellen Aufbrüche haben etwas mit Wagnis zu tun, mit dem sich Einlassen auf ein unbekanntes Terrain, aber auch mit dem Vertrauen, dass das Leben uns zu etwas Neuem locken will.
Es besteht aber auch die Gefahr, dass wir den Aufbruch vermeiden oder verpassen, unser Leben verhocken aus Bequemlichkeit oder Angst, oder aus einem Sicherheitsdenken heraus nichts wagen und nichts ausprobieren, und unsere Talente vergraben? Das Ziel biblischer Aufbrüche besteht immer darin, ein neues und lebendigeres und befreiteres Leben zu finden, womit wir auch für andere ein Segen werden können.
Stele(4): Mut einblenden
Damit sind wir auch schon beim Thema Mut, das ich nur kurz ansprechen will. Jeder Aufbruch braucht wohl einen mutigen Schritt nach vorne. Mut ist für mich nicht Waghalsigkeit, Draufgängertum oder Tollkühnheit, die nicht selten mit Selbstüberschätzung, Leichtsinn und Imponiergehabe einhergehen.
Mutige Menschen sind für mich jene, die ihre Angst wahrnehmen, überwinden und Neues wagen, die aus der Menge heraustreten und ungerechte und unmenschliche Strukturen publik machen, die festgefahrene Traditionen aufbrechen.
Nicht selten riskieren sie dabei sehr viel: ihre Gesundheit, ihr Leben, ihren Ruf, ihr Auskommen;
Die Stele „Sei mutig“ stellt uns die Frage: was bedeutet Mut für unseren Alltag?
Ich möchte ein paar Beispiele geben, die anregen können über den eigenen Lebensmut nachzudenken.
Es braucht Mut, einem anderen Menschen ganz und gar zu vertrauen.
Mutig ist der, der zu seiner Überzeugung steht, obwohl alle gegen ihn sind und er Nachteile in Kauf nehmen muss.
Mut ist nötig, sich für „Außenseiter“ einzusetzen und deren Würde zu verteidigen.
Mut bedeutet, mit einem Kollegen/-in oder Partner/-in darüber zu sprechen, was mich an dessen Verhalten oder Reden verletzt und gekränkt hat.
Mutig muss man sein, einen Menschen anzurufen oder zu besuchen, der schwer erkrankt ist und es braucht Mut, sich einem anderen in seiner Schwäche zu zeigen.
Es braucht Mut mit einer Behinderung zu leben und sich eine größtmögliche Autonomie zu erkämpfen.
Mutig muss ich sein, wenn ich die Trauer oder die dunklen Seiten wahrnehmen und fühlen will)
Thema: Was ist wirklich wichtig im Leben/ Wertschätzung…
Impulssatz auf Holz:
Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz (Mt 6, 21)/Lk 12)
Biblischer Text:
Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen,
20 sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen!
21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Impuls/Predigt:
Ich habe zum biblischen Text einen Impuls geschrieben mit dem Titel
Herzbotschaften
Wir sind in Schwäche geboren, nackt, hilflos, absolut angewiesen, wir sind nach der Geburt noch ziemlich zerbrechliche Wesen, die nichts von dem selber haben, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Zuwendung, Zärtlichkeit, Ansprache- kurz gesagt Liebe. Wir sind als Menschen von Anfang an auf Beziehung angelegt und angewiesen, auf das Geschenk des Lebens. Das menschliche Herz braucht in Worten und Gesten die Bestätigung: du bist wertvoll und wundervoll! Ich liebe und mag Dich gerade so wie du bist! Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!… Wenn das kleine Kind solche „Worte“ nicht zu hören bekommt, nicht ausreichend oder gar nicht geliebt wird, entsteht eine tiefe Wunde im menschlichen Herzen und daraus entwickelt sich Angst und ein verzweifelter Kampf, sich die Eintrittskarte ins Leben verdienen zu müssen; als Erwachsene machen dann solche Menschen die Erfahrung, was auch immer sie tun und wie sehr sie sich auch anstrengen, es scheint nie genug, um die Anerkennung und die Wertschätzung (der Eltern, der Lehrer oder Vorgesetzten…) zu bekommen.
Wieder andere geraten in die Falle des sich Behaupten und Beweisen- und Rechthabenmüssens.
Umgekehrt ist es zentral für die menschliche Entwicklung, dass das Herz entdecken kann: Ich bin wertvoll.
Doch oft scheinen wir blind füreinander und sehen den jeweils Anderen nur recht äußerlich; in seiner Rolle etwa, in dem, was er für mich leistet oder von mir fordert, in der Schablone, in die wir ihn gesteckt haben. An vielen Alltagsbeispielen können wir uns fragen: Sehen wir nur den Verkäufer/-in, der im Supermarkt an der Kasse sitzt oder begegnen wir ihm/ihr so, dass er sich menschlich angesehen und angesprochen fühlt. Nehmen wir den anderen Menschen noch als Menschen wahr oder nur in seiner Rolle als Automechaniker, der mein Auto repariert, als Verwaltungsangestellte, die meinen Antrag bearbeitet, …
Und oft sind wir nicht nur dem anderen gegenüber abgestumpft, sondern auch unserem eigenen Inneren, unserer Seele und dem, wonach sich unser Herz sehnt; wir spüren nicht mehr, was uns in der Tiefe beschäftigt, bewegt, berührt und umtreibt; wir weichen dem Zerbrochenen und Ungeheilten in unserer eigenen Seele aus.
Der biblische Satz könnte uns ermutigen unsere Mitmenschen wieder als Schatz zu entdecken statt auf Haben, Status und Rolle zu setzen. Gute Beziehungen als Schatz zu entdecken und die Fähigkeit entwickeln auf die Menschen zuzugehen, auch auf die, die uns nicht besonders sympathisch erscheinen und Herzbotschaften zu senden.
Selbst eine schwierige und unerfreuliche Beziehung kann sich verwandeln, wenn sich der Andere als Mensch wahrgenommen und angesprochen fühlt und sich mit seinen Schwächen und Schattenseiten angenommen fühlt.
Nehmen wir uns Zeit füreinander, für das menschliche Herz, das darauf wartet, angesprochen, wahrgenommen und berührt zu werden! Spiritualität bedeutet nichts anderes als einen Geschmack dafür zu entwickeln, dass unser Leben und jeder Moment darin wertvoll ist, und darin Gottes Gegenwart geahnt werden kann. (Text: Gustav Schädlich-Buter)
Impuls zum Nachdenken:
Kenne ich Menschen, die ich als „Herzmenschen“ bezeichnen würde?
Wer in meinem Leben hat mich bestärkt, dass ich wertvoll bin?
Gab oder gibt es aktuell Menschen in meinem Umfeld, die mich darin bestärken, dass ich wertvoll bin und bei denen ich mich ganz angenommen fühle?
Wem könnte ich heute oder in den nächsten Tagen eine Herzbotschaft schicken, ein freundliches Wort sagen, eine aufbauende Rückmeldung geben?
Meditation: Ich höre den Klang meines Herzens, der mich einst bewegt hat, als ich voller Sehnsucht gelauscht habe auf die Stimme des Himmels und geglaubt habe in der Mitte des Lebens zu sein. Jetzt bin ich weit weg, hinausgeschleudert aus dem Zentrum meines Lebens, auch weit weg von der Herzenswärme, die mir einst soviel Glück geschenkt hat, weil sie noch um den wahren Schatz des Lebens gewusst hat. Es ist kalt und winterlich geworden, in mir und um mich herum, ich wandere wie ein Fremder durch Nebellandschaften. Ich kenne mich nicht mehr aus und weiß nicht mehr genau warum ich mich so verlaufen habe und wie ich soweit weg geraten konnte von dem, was mir einst Heimat und Geborgenheit geschenkt hat. Wann wird es wieder Frühling? Wann taut der erstarrte Herzgrund wieder auf? Wann finde ich den Schatz wieder, den ich getauscht habe für glitzernden, aber wertlosen Schein? Warum bin ich Irrlichtern gefolgt, die mich nur täuschen wollte. Wann finde ich die Spur wieder, nachdem ich an allem vorbeigerannt bin, was mein Herz lebendig gemacht hat? Wann halte ich an und beginne wieder mein Herz auf den wahren Schatz meines Lebens auszurichten?
Fragen zum Nachdenken: Schätze sind das, was uns ganz persönlich viel wert ist. Für den einen ist es eine besondere Aufgabe, die ihm oder ihr wichtig ist. Für die andere ist es ein besonderer Mensch, der Großvater vielleicht oder die Nichte. Was ist mir wichtig? Was ist Ihnen wichtig?