Bildauswahl 2026 mit spirituellen Impulsen

Kreuz– Symbol für das Leid dieser Welt und Zeichen der Hoffnung

Aus einer theologischen Perspektive gehören Leid, Schuld, Scheitern und Ungerechtigkeit zentral zum menschlichen Leben, das oft nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Nicht umsonst ist das Kreuz zentrales Erlösungssymbol der Christen. Das Leiden und Scheitern hat nicht das letzte Wort, sondern ist ein Durchgangsweg zur Auferstehung und zu neuem, verwandeltem Leben; insofern dient der Weg Jesu auch als Modell für menschliche Transformationsprozesse. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“, lautet das Geheimnis des Glaubens. Christliche Hoffnung ist kein blinder Optimismus, sondern eine Gewissheit, die durch die Erfahrung des Kreuzes hindurchgegangen ist. Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass ein „Anderer“ (Gott) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt.  Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will.  Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.

Gemeinschaft der Verwundeten

Ich kenne nahezu keinen Menschen über Fünfzig, der nicht einen „Riss“, einen Bruch, einen Verlust, eine schwere Niederlage in seinem Leben erlitten hat: tragische Verluste geliebter Menschen, Scheitern in einer Beziehung, Verlust der Arbeit, ein unerfüllter Kinderwunsch, ein geplatzter Lebenstraum, eine unbewältigte Schuld, die auf der Seele lastet, eine Sucht, die man nicht loswird und so manch andere Laste und „Kreuze“ des Lebens. Oftmals passiert es, dass Menschen nicht zu ihrer Verletzlichkeit stehen und einen dicken Panzer über das legen, was wehtut und schmerzhaft ist, einerseits aus Scham oder Angst, Schwäche könnte ausgenutzt werden, andererseits, um die Wunde selbst nicht mehr fühlen und betrauern zu müssen. Dabei sind die Risse des Lebens auch eine Chance, sich zu wandeln, in einen Prozess der Humanisierung einzutreten, sich von einer rein egozentrischen und instinkthaften Lebensweise zu lösen, und dabei das Wesentliche des Lebens zu erkennen und vom Vorläufigen zu unterscheiden. Vieles vergeht, worauf wir womöglich in einer bestimmten Lebensphase stolz waren: die Attraktivität und Vitalität des Körpers, die Erfolge und Auszeichnungen im Beruf, Rollen, die wir im Leben gespielt haben, …all das wird plötzlich weniger wichtig oder gar völlig bedeutungslos, und die Frage kann auftauchen: Was bleibt? Was trägt? Was hat Bestand?

Gerade die „Risse“ unseres Lebens, die im Alter nahekommende Angewiesenheit, Ohnmacht und Unbeholfenheit kann uns zu einem tieferen Sinn des Lebens führen. Und wo wir Menschen finden, denen wir nichts vormachen müssen, die auf alle Formen des Wichtigmachens und Imponiergehabes verzichten an Orten, wo unser Leben in seiner Ganzheit mit Stärken und Schwächen da sein darf, entsteht oft eine tiefere Gemeinschaft der Verbundenheit. Die Risse des Lebens können uns öffnen, damit das göttliche Licht in unsere Seele strömen kann, und wir beginnen, tiefer zu sehen und zu leben.

Auferstehung – Passage durch Dunkelheit und Leid zu neuem Leben

Um in der Akzeptanz des Verlustes, der Trauer um Unwiederbringliches, im Scheitern von Lebensplanungen nicht aufzugeben und Hoffnung zu finden, ist es wichtig durch den Schmerz, das Leiden und die Trauer zu gehen, manchmal auch nur auszuhalten, was mir da widerfährt. Emmy Werner sagt zu resilienten Menschen „vulnerable but invincible“, und meint, dass es sich bei diesen Menschen nicht um unverwundbare Helden/Held*innen handelt, sondern nur, dass sie sich durch die Lebenskrisen nicht unterkriegen lassen und dadurch ein psychisches Immunsystem entwickeln. Für die Reifung durch eine Krise gibt es kein Rezept, aber wer es wagt, sich mit seinen Lebenswunden anderen Menschen oder Gott zu öffnen und anzuvertrauen, für den entspringt nicht selten eine Quelle der Hoffnung.

Biblisch könnte man an dieser Stelle an das Paulus Wort denken: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10) Es gilt im Prozess der Verarbeitung auch die dunklen Gefühle (auch Suizidgedanken), die offenen und ungelösten Fragen, die mit der Lebenskrise einhergehende Verunsicherung und Verzweiflung, die Frage nach dem Sinn dessen, was mir das Leben zugemutet und auferlegt hat, die Leere, in der sich kein Gott zeigen will (vgl. das Gedicht von Jean Paul „Siebenkäs“),….zu stellen. Das Leid bleibt unerlöst, wenn es keinen Ausdruck findet. Wer sich verletzlich zeigt, eröffnet Reifungsprozesse.

Never give up!“

„Das Christentum ist vor allem eine Religion für Menschen, die einen tiefen Riss erlebt haben“ (Thomas Merton)

„Heute würde ich sagen, es ist wie die Auferstehung von den Toten gewesen“, sagte mir jemand im Gespräch. Nur, dass es körperlich keine Auferstehung mehr sein konnte, weil die betroffene Person dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen war. Viele Monate im Koma auf der Intensivstation und zahlreiche Reha-Aufenthalte nach einem schweren Unfall lagen hinter ihm. Zeiten der Dunkelheit und Verzweiflung und der Gedanke, ganz aufgeben zu wollen, lagen nicht fern. Doch er hat es geschafft und weiß, dass es mehr war als sein eigener Überlebenswille, der allein nie ausgereicht hätte, um wieder nach oben und ans „Licht“ zu kommen. Woher kam die Kraft, nicht aufzugeben? Woher die Fähigkeit, die Situation, wie sie ist, zu akzeptieren? Woher kam das Licht der Hoffnung, das einen Weg gewiesen hat in diesem Dunkel des Verlustes? Diese Fragen reichen in das Geheimnis des Lebens überhaupt.

Glaubende Menschen bringen diese Erfahrung des „Durchkommens“ durch Leid und Ausweglosigkeit mit Gott in Verbindung, mit seiner Liebeskraft, die uns am Leben halten will und die gerade dort auftauchen kann, wo unser Ego und unser eigener Wille am Ende ist. Sicher waren es auch die nahen Menschen, die mit ihrer Liebe beigestanden sind und Mittler dieser heilenden göttlichen Liebeskraft waren. Andere merken nur, dass sich etwas in ihrem Leben grundlegend verwandelt hat, interpretieren das aber nicht mit einer religiösen Sprache. „There is a crack in everything, that`s how the light gets in” (“Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein”) – so drückt der Songpoet Leonard Cohen in seinem Lied “Anthem” dieselbe Erfahrung etwas anders aus.

Christen finden in den Rissen des Lebens, in ihrem Leid eine Verbindung zum Leben Jesu, zu seinem Leben mit Sterben und Tod, aber auch zu seiner Auferstehung, das ihnen als Modell für das eigene Leben dient.

Leid, Schmerz oder Gefühle der Ausweglosigkeit haben dadurch nicht das letzte Wort und die glaubende Gewissheit, dass sich eine Tür öffnen wird, auch wenn sie womöglich im Moment noch nicht sichtbar ist, bestärkt die Kraft der Hoffnung und des Durchhaltenkönnens.

Zur Freiheit berufen– durch die Dunkelheit und die Strudel des Lebens ins Licht

Die französische Sängerin Zaz, mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy, beschreibt in Ihrem Lied „Tout la-haut“ einen Aufstieg; ein Aufstieg der Seele, ein Aufstieg zum wahren Selbst jenseits falscher Gewissheiten und Sicherheiten. Jenseits von Schein und nach außen gezeigten unbeschwerten Masken, so der Liedtext, liegt oft ein verletztes und verbranntes Kind. Hinter dem selbstsicheren Ego lauern die versteckten Risse der Kindheit. Der Weg nach oben bedeutet für die Sängerin, das Wahre vom Falschen zu entwirren; dabei ist es wichtig, die Einsamkeit und Ruhe schätzen zu lernen, von den Künstlichkeiten zu lassen, um endlich herauszufinden, warum wir existieren und warum wir uns gegen manches wehren. Sie fordert den Hörer des Liedes auf, diesen Weg nach oben zu nehmen, der im Grunde eher einem Abstieg gleicht, in die Tiefen und versteckten Verletzungen des inneren Kindes, und der verlangt, die Täuschungen und falschen Selbstsicherheiten zu entlarven. (zum Lied: ZAZ – Tout là-haut (Clip officiel) – Bing video)

Die Sängerin Zaz beschreibt im Grunde einen Heilungsweg, der immer dort beginnt, wo wir anfangen und riskieren in der Gegenwart eines anderen über das zu reden, was uns am meisten verletzt. Die gebrochenen und verletzten Stellen in uns brauchen die meiste Liebe und Barmherzigkeit; denn gerade dort, wo wir keinen Ort und keinen Menschen haben, dem wir uns öffnen können, gibt es eine Neigung in uns, uns selbst zu betrafen und „runter“ zu ziehen. Wer sich nicht willkommen und übersehen fühlt, neigt nicht selten zu einer trotzigen Fassade, welche die Trauer über die Ablehnung und die innere Unsicherheit überspielt und zu einem Leben im falschen Selbst führt.

Das wahre Selbst zu entdecken, ist eine der zentralen Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. Dazu ist unabdingbar den eigenen Wunden zu begegnen. Verletzungen, die jemand verbirgt, können zur Selbstverachtung und zur Überzeugung führen, nichts wert zu sein. Ohne Kommunikation und Offenheit entwickelt sich kein gesundes Zugehörigkeitsgefühl und ohne die unbedingte Liebe von jemanden, der an uns glaubt und will, dass wir leben, entwickelt sich ein psychisches Schuldgefühl, nicht liebenswert zu sein

In die Tiefe hinabsteigen, dem Schatten begegnen und sich vom falschen Selbst befreien

Zur Bildbetrachtung: Hinabsteigen in die Schattengebiete unseres Lebens

Es gehen uns die Augen auf wie im Fegefeuer: wir sehen all das Zerbrochene, unsere Schwächen und Fehler,  die gescheiterten Bemühungen, all das, was nicht geklappt hat, im Leben;  wir spüren den Riss, der sich durch unseren Körper und noch mehr durch unsere Seele zieht, wir spüren den Schmerz über das erlebte Böse und unsere Wunden, und auch das Böse und Erniedrigende , das wir anderen angetan haben, die schnellen Urteile und Verurteilungen, die ganze Schuldhaftigkeit des eigenen Handelns.

Wir sehen im Licht den dunklen Schatten, der in unserem Leben mitgezogen ist, und sogar im scheinbar Guten noch anwesend war, die Düsternis, die Verwirrung, der Zweifel, die Faulheit und Trägheit für die gute Wahl und die guten Entscheidungen, die Enttäuschungen und Selbsttäuschungen, die Illusionen und Fehleinschätzungen…. es bleibt mit den geöffneten Augen ein unabwendbarer Schmerz, über das ungelebte und verpasste Leben, über die Unaufrichtigkeit, über Falschheit und Verlogenheit, über den Verrat an der Wahrheit. Der Schmerz über das Unklare und Verschwommene in der eigenen Seele und in den eigenen Worten. Der Schmerz über den Sieg des Misstrauens über das Vertrauen; aber wir erkennen auch das schicksalhaft Hineinverwobenwerden in Umstände, die wir persönlich nicht in den Händen hatten, die weitergegebene Schuld durch Familie oder Nation….Wer durch die dunklen Tiefen der eigenen Existenz hindurchgeht, durchlebet und durchleidet, kann als neuer Mensch aufwachen und mit Schwung sein Leben in verwandelter Weise neu beginnen.

Aktualisierung:

Das Leben von Philippe Pozzo di Borgo, der bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery war, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, ist vielen bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“. Er berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor Mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:

„Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht. […] All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns. […] Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen, sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken.“ (Pozzo di Borgo u. a. 2012, 8f.)

Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz, so Pozzo di Borgo, werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewige Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit, sondern führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen. Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen statt Gleichgültigkeit für das Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.“ (in Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.89)

Lasten abwerfen und sich der Seelenführung anvertrauen

In der Psychologie C.G. Jungs ist die Psyche ein sehr dynamisches System, das Einseitigkeiten immer auszugleichen versucht. Die Anima, nach C.G. Jung ein Archetyp der menschlichen Seele, hat eine vermittelnde Funktion zwischen Bewusstsein und Unbewusstem und so die Rolle einer Mittlerin (mediatrix). Von C.G. Jung wird die Anima als das Passiv- Weibliche im Mann beschrieben.

Immer wieder läuft die Seele Gefahr im normierten, geschäftigen Alltag, hinter den tagtäglichen (oft kleinkarrierten) Anpassungen, Kompromissen und Notwendigkeiten verloren zu gehen. Dort wo die Anima ins Leben einbricht, werden die vielen verschütteten und verdrängten Gefühle oft schmerzhaft bewusst. Während die Beziehung zur Anima verwurzelt, ist heute das Gegenteil, nämlich der Animaverlust in Form einer umfassenden Entwurzelung und eines tiefgreifenden Seelenverlustes in der modernen Gesellschaft zu beobachten: „Der einzelne steht einem ungeheuren Apparat schwer durchschaubarer und nicht beeinflussbarer Vernetzungen und Komplexitäten wirtschaftlicher, politischer und kulturhistorisch gewachsener Systeme gegenüber…..´Ein verwalteter, zeitlich verplanter Alltag, die in technische und institutionelle Zwänge gefasste und entfremdete Arbeitswelt, das Dickicht der Städte, die Konsumgesellschaft mit ihrer repressiven Toleranz und den in der Verführung versteckten Zwängen, die Ausbeutung und Unterdrückung der Machtlosen,(..) die Schädigung der Umwelt, die drohende Verarmung und endgültige Zerstörung unseres Planeten…Daneben sehe ich weitere Gründe der Entwurzelung in der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und der daraus folgenden Vereinzelung und Vereinsamung…Unser Gesellschaftssystem erfüllt immer weniger das Bedürfnis der Seele nach Heimat und Zugehörigkeit.“ (Daniela Heisig, Die Anima, Archetyp des Lebendigen, Zürich und Düsseldorf1996, S. 201) Die Rückverbindung (re-ligio; re-ligare)mit der inneren Welt und das Wissen um eine transzendente Existenz gehen zunehmend verloren. Demgegenüber spielt sich der Mensch als Beherrscher der Magna Mater auf, was z.B. in der ökologischen Zerstörung zum Ausdruck kommt.

Die Anima umfasst als Mutterarchetyp alle Aspekte des Pflegens, Behütens und der Unterstützung von Entwicklung. Der Trappistenmönch Thomas Merton (1915-1968) beschreibt in seinen Tagebüchern einen eigenartigen Traum von einer „Schwarzen Mutter“: „Ich erkannte, dass ich zu einem Wiedersehen mit …einer Pflegemutter hierher gekommen war, die ich in meiner Kindheit geliebt hatte. Ich verdankte ihrer Liebe, so schien es, mein Leben, so dass es eigentlich sie war und nicht meine leibliche Mutter, die ich in meiner Kindheit geliebt hatte. Als ob aus ihrer Hand ein neues Leben gekommen war, und dort war sie. Ihr Gesicht war hässlich und ernst, doch eine großartige Wärme ging von ihr zu mir aus und wir umarmten einander in großer Liebe (und mit viel Dankbarkeit)….Wir tanzten einwenig miteinander, ich und meine schwarze Mutter, und dann musste ich die Reise fortsetzen…“ (P. Hart, J. Montaldo, Thomas Merton, der Mönch der sieben Stufen, Ein Leben in Selbstzeugnissen, S.212)

Als Sophia symbolisiert die Anima die Weisheit. Sie ist Schöpfungsmittlerin, die da war, bevor die Erde erschaffen wurde; durch ihre Erkenntnisse hat der Schöpfer die Erde erschaffen (vgl. Sprichwörter 8, 22-31). Sophia ist die Verkörperung der Weisheit und Quelle der Erleuchtung.

Thomas Merton, Schriftsteller und Mönch, verfasst 1960 einen Text über die Sophia: „Sophia, das weibliche Kind, spielt in der Welt, offenkundig und unerkannt, spielt allezeit unter den Augen des Schöpfers . Es ist ihre Wonne bei den Menschenkindern zu sein (Sprichwörter 8,31). Sie ist ihre Schwester. Der Lebenskern, der in allen Dingen west, ist Zärtlichkeit, Erbarmen, Jungfräulichkeit, ist das Licht und das Leben, insofern es passiv ist, also etwas Empfangenes, Geschenktes, etwas Angenommenes, etwas, was als Gabe Gottes unerschöpflich erneuert wird. Sophia ist Gabe, ist Geist, Donum Dei. Sophia ist das Erbarmen Gottes in uns. Sie ist Zärtlichkeit, mit der die unendlich geheimnisvolle Macht des Verzeihens die Finsternis unserer Sünden in das Licht der Gnade umkehrt. Sie ist der unerschöpfliche Brunnen der Güte und scheint in sich selbst gar nichts anderes zu sein als Erbarmen….Sie ist in uns die versöhnliche und zärtliche Ergänzung der Allmacht, Gerechtigkeit und Schöpferwucht des Vaters.“ (T. Merton, Zeiten der Stille, hrsg. von B. Schellenberger, S. 128 f.)

tationshocker aufzuspringen, und dem Menschen, der mich jetzt braucht, beizustehen.

Freiheit, Individuation und Heimweh

Was im Innersten angelegt ist, drängt zur Entfaltung, aber es braucht auch deine Mithilfe, die vorallem darin besteht, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die das Leuchten deines ureigenen Lebens verhindern. Was für Hindernisse sind das für Dich ganz persönlich?

Was uns antreibt, ist eine in uns geheimnisvoll wirkende Kraft, die wir vielleicht als Heimweh erleben, als eine Sehnsucht nach mehr als allem, eine Unzufriedenheit, die uns auf eine Reise schickt und zugleich wie ein Magnet uns lockt, die wahre Heimat zu suchen, ganz bei sich anzukommen und dabei zugleich Gott zu entdecken.

Mensch im Werden– Ich bin noch nicht, aber ich werde

Der Philosoph, Theologe und Mystiker Maurice Zundel (1897-1975) brachte bei der Frage „Was ist der Mensch?“ ins Spiel, dass der Mensch sein Menschsein erst erlangen muss und zwar durch kreative, schöpferische und verantwortungsvolle Bearbeitung seiner Natur. Sein Verständnis des Menschseins drückte er in der Formel aus: „Ich bin nicht, aber ich kann sein.“ Hintergrund für diese Sicht des Menschen war eine Gesellschaft, die im 20. Jahrhundert durch Kriege, nationalsozialistische und faschistische Politik, Rassismus und Kapitalismus und andere ideologische Strömungen den Menschen entmenschlicht haben und nur noch sein vorgefertigtes, biologisches, besitzergreifendes und instinktives Ich zum Vorschein brachten. Dieses gilt es in einem Prozess der Humanisierung zu überwinden, und sein wahres Menschsein, sein neues Ich durch eine neue Geburt zu erlangen. Zundel empfiehlt dafür drei Wege, diesem „heimlichen Geschehen in uns“ Raum und Kraft zu geben: die Betrachtung des Schönen in der Begegnung mit der Kunst (es gilt die „Durchsichtigkeit“ der Dinge als Gleichnis , das auf den Schöpfer hinweist) zu entdecken, und für Zundel eine Form des Gebets ist), die Suche nach dem Wahren in der Wissenschaft, und die Erfahrung des Guten in den mitmenschlichen Beziehungen.

Dieser Prozess der Humanisierung, der Begegnung mit sich selbst, steht für Zundel in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der persönlichen Gotteserfahrung, der göttlichen Wirklichkeit (Présence), die dem Menschen innewohnt. Aufrüttelnde Aussage Zundels fallen in diesem Zusammenhang: „Ich glaube nicht an Gott, ich durchlebe ihn!“ Das Leben selbst ist die spirituelle Quelle, auch die Nacht des Lebens. (vgl. zur Vertiefung, Maurice Zundel, „Ich ist ein anderer“, Ausgewählte Texte, hrsg. und übersetzt von Claude Bachmann und Alois Odermatt, Zürich 2025,2026)

Text 2:

Was ist der Mensch? Glaubst du an den Menschen?

Er ist verletzlicher als er meist zugibt. Er ist bedürftiger nach Liebe und Zuwendung als seine Autonomiebestrebungen vermuten lassen. Er ist schwächer als der Panzer seiner seiner zur Schau gestellten Unverwundbarkeit erahnen lässt. Er ist verwundbar- auch dem, der das Glück und die Sonnenseite gepachtet zu haben glaubt, kann das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machen. Ich glaube an den Menschen, der ein zerbrechliches Wesen ist, angewiesen auf andere, der Unterstützung braucht, aber auch selbst mitfühlend sein kann und fürsorglich, selbstlos sich engagierend, lebendig und unkonventionell, spielerisch und humorvoll, dankbar und segnend.

Doch heute sind wir oftmals gerade bei Menschen, die Staaten lenken sollten, und für viele Verantwortung tragen mit einem Zerrbild des Menschen konfrontiert, von dem wir womöglich mit Recht sagen müssen: Der Mensch in seinem eigentlichen Sinne existiert noch nicht. Einige Adjektive mögen ihn charakterisieren: verpanzert, isoliert, hinterhältig, lügnerisch, egoistisch, brutal, gewalttätig, ausbeuterisch, skrupellos, zynisch, Macht missbrauchend, habgierig, verleumderisch….oder in längeren Sätzen ausgedrückt: skrupellose Menschen, die über Leichen gehen, eiskalte Typen, die mit allen Wassern gewaschen sind, Lügner, für die Wahrhaftigkeit und Wahrheit wertlos ist…

Glaubst du an den Menschen?

„Der Mensch existiert nicht“ (Maurice Zundel) – oder wie wir die verlorene Würde wiederfinden

Wie wäre es wohl in unserer Welt, wenn wir einander so begegnen würden, dass wir im Gegenüber, sogar im Unsympathischen und Feind, einen Menschen mit einer unbedingten Würde sehen könnten? Wenn der Andere zuerst als Mensch mit seiner Einmaligkeit verstanden und erlebt würde, als einer, der Gefühle hat wir wir, der verletzbar ist wie wir selbst, der sich nach Annahme und Frieden sehnt und dem wir zuerst mit Respekt begegnen trotz unterschiedlicher Überzeugungen, statt einander in Schubladen zu stecken oder in annonymer Weise mit Hasstiraden zu überziehen. Das wäre eine Auferstehung des wahren Menschen, ein Rückgewinn der Menschlichkeit, einen Befreiung des verobjektivierten Menschen zum Subjektsein.

„Adam, wo bist du?“ Hast du deine Größe vergessen, die dich im Innersten ausmacht? Hast du vergessen, dass du eine unbedingte Würde hast? Hast du vergessen, dass du als Gefäß des heiligen Geistes erschaffen wurdest, dass du einen kostbaren Schatz in Dir trägst?

Geburtsprozess

Weil Gott mit seiner Menschwerdung auch in die Tiefen und Niederungen unserer Seele hinabgestiegen ist, sein Licht unsere Dunkelheit erhellt, kann dort Verwandlung und Neuwerdung geschehen; er nimmt uns die Angst vor dem Abstieg, der notwendig ist, damit eine tiefgreifende Verwandlung unseres Seins geschehen kann. Ohne die Konfrontation mit dem allzu Menschlichen und dem was C.G. Jung „Schatten“ nennt, bleibt das seelische Geschehen an der Oberfläche. Die Geburtsgeschichte Jesu geschieht ja nicht in einem Palast, sondern im „Stall“, womit die Bildmotive das eben Gesagte bestätigen.

Weil Jesus aus dieser ursprünglichen Quelle, aus diesem Gottesbezug-der „Abba-wirklichkeit“ schöpft und lebt, geschieht durch ihn Heilung und Verwandlung und es realisiert sich das, was das Evangelium Reich Gottes nennt: Gekrümmte und Verkrümmte richten sich auf, Stumme beginnen zu reden, Geizhälse werden großzügig, Kranke werden gesund und die inneren und äußeren Dämonen verschwinden.

Die Philosophin Hannah Arendt spricht von der Geburtlichkeit des Menschen (Natalität) und meint,  dass mit jedem neugeborenen Kind die Welt noch einmal von vorne anfängt. Und so können wir mit jedem neugeborenen Kind in den Sog des Neuanfangs geraten und eine Verheißung und Zukunft für uns erahnen. Jesus war der ganz und gar geburtliche Mensch, der aus dem Ursprung, den er Vater nennt, – gelebt hat.

Das göttliche Kind ist auch das Bild des wahren Selbst. Jesus sagt von sich bei der Auferstehung: „Ich bin ich selbst“ (ego eimi autos), er lebt aus diesem wahren und unverfälschten Bild, aus der Einfalt und Lauterkeit des Herzens, die es nicht nötig hat, großspurig daher zu kommen wie die Könige und Herrscher des römischen Reiches oder deren Epigonen und heutigen Aktualisierungen in Politik, Wirtschaft oder Kirche.

Der Islamprofessor und Muslim Karimi schreibt in seinem Buch über die Schönheit des Christentums: „Am Anfang steht ein Kind. Kein Gedanke, kein Prinzip, kein Lehrsatz. Ein Kind, das schläft oder schreit, das die Augen noch nicht auf die Welt eingestellt hat, in die es hineingeboren wurde, Es weiß nicht von Herkunft, Sendung und Bestimmung. Es weiß nur, was jeder Anfang weiß: Kälte oder Wärme, Hunger oder Sättigung, Nähe oder Verlassenheit. Dass der christliche Glaube seinen Blick auf ein solches Kind richtet, gehört für mich zu den tiefsten Schönheiten. Denn mit der Krippe beginnt nicht nur eine Geschichte, Mit ihr beginnt eine bestimmte Sicht auf den Menschen. Nicht als Wesen der Macht, nicht als Träger der Vernunft oder Würde im abstrakten Sinn, nicht als jemand, der sich durchsetzt, behauptet, formt. Vielmehr erscheint der Mensch als einer, der zuerst empfangen muss, um leben zu können. Der Anfang des Menschen ist Bedürftigkeit. Das Christentum übersieht diesen Anfang nicht. Es stellt ihn in die Mitte.“ (S.17f.) (Ahmad Milad Karimi, Die Schönheit des Christentums, Eine muslimische Liebeserklärung, Ostfildern 2026)

Das Zentrum des Lebens suchen

Teresa von Avila, rebellische Nonne, Mystikerin und Gründerin vieler Frauenklöster schreibt 1577 ein Buch, in dem sie die menschliche Seele mit einer Burg mit sieben Wohnungen vergleicht. Gott selbst wohnt in der siebten Wohnung, im innersten Raum der Seele. Mit „Erwachen“ , dass es doch ein „mehr“ als Arbeit, Pflichterfüllung und Sorgen um den Lebensunterhalt…geben muss lässt sich die erste Wohnung kurz beschreiben. Die zweite Wohnung besteht im Kampf und der Anstrengung sich nicht länger von alten Gewohnheiten und Lebensmustern einschnüren zu lassen. Die dritte Wohnung ist mit einem tugendhaften und in Ordnung gebrachten Leben zu umschreiben. Aber erst in der vierten Wohnung beginnt Gott zu handeln und fordert auf, sich immer mehr seiner Führung zu überlassen. In der fünften Wohnung erlebt die Seele eine tiefe Vereinigung mit Gott, das alte Ich hat seine Vorherrschaft aufgegeben, aus der Raupe ist ein Schmetterling geschlüpft. In der sechsten Wohnung wird die Nähe zu Gott noch intensiver erlebt und die brennende Sehnsucht nach ihm hinterlässt einen Liebesschmerz. In der siebten Wohnung findet die geistliche Vermählung statt, welche nicht außergewöhnliche mystische Erlebnisse und Bewusstseinszustände zum Ziel hat, sondern die Verwandlung des Lebens durch Liebe. Teresa legt sogar großen wert darauf, dass diese Erfahrung sich im Alltag zeigt und echte Mystik sich daran erweist, ob wir liebevoller, freier und dienstbereiter geworden sind.

Nada te turbe

nada te espante;

todo se pasa,

Dios no se muda

La pacienca

todo la alcanza,

Quien a Dios tiene

nada le falta.

Solo Dios basta.

Teresa von Avila

Literaturtipp Zur Biografie , Alois Prinz, Teresa von Avila, Die Biografie, Berlin 2014

Wo ist die Mitte? Was ist die Mitte? Wo liegt der Kern meiner Existenz?– Der „point vierge“ in der menschlichen Seele

Der amerikanische Trappistenmönch und spätere Einsiedler Thomas Merton (1915-1968), vielen bekannt durch seine Biografie „Der Berg der sieben Stufen“ (engl. the Seven Storey Mountain) hat in seinem 1965 erschienen Werk Conjectures of a Guilty Bystander (dt. In Zeiten der Umkehr) einen interessanten Gedanken entwickelt: dort spricht er vom „point vierge“, ein Begriff der sich nur schwerlich ins Deutsche übersetzen lässt, am ehesten mit „der jungfräuliche Punkt“.

„Das erste Zirpen der erwachenden Tagvögel bezeichnet den „point vierge“ der Morgendämmerung unter einem Himmel, der noch ohne wirkliches Licht ist, einen Augenblick der Scheu und der unaussprechlichen Unschuld, wenn der Vater in vollkommenem Schweigen ihre Augen öffnet. Sie beginnen mit ihm zu plaudern, nicht in einem flüssigen Lied, sondern mit einer aufdämmernden Frage, die ihrer Verfassung entspricht, ihrer Verfassung des „point vierge“. Sie sind an einem Punkt, an dem die Frage in ihnen aufwacht, ob es für sie Zeit sei, zu sein. Er antwortet mit ´Ja` .Dann erwachen sie , einer nach dem anderen, und werden Vögel. Sie offenbaren sich als Vögel, indem sie zu singen anfangen. In kürzester Zeit werden sie ganz sie selbst sein, und sie werden sogar fliegen. “ (Thomas Merton, Zeiten der Stille, ausgewählt, herausgegeben und erläutert von Bernardin Schellenberger, S.77, Freiburg im Breisgau 1992)

Im Zentrum der menschlichen Seele, im Kern unseres Wesens gibt es auch diesen „point vierge“, einen reinen, unzerstörbaren Kern, der nur Gott gehört und unberührt bleibt von Egoismus, Sünde und den Illusionen dieser Welt. Über diesen Punkt verfügt nur Gott und er fügt von diesem Punkt aus unser Leben. Er lässt sich weder von den Phantasien unseres Geistes noch von einem gewalttätigen Willen erreichen. Es ist ein Punkt des „Nichts“ (point of nothingness) im Sinne der Mystik, leer von Ehrgeiz und dem Drang sich vor anderen beweisen oder darstellen zu müssen.

„Dieser kleine Punkt der Nichtigkeit und der absoluten Armut ist der Punkt der reinen Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist sozusagen der Name Gottes, der in unser innerstes Wesen geschrieben ist, als unsere Armut, als unsere Bedürftigkeit, als unsere Abhängigkeit, als unsere Gottessohn(tochter)schaft. Er ist wie ein reiner Diamant und funkelt vom unsichtbaren Licht des Himmels. Er steckt in jedem Menschen, und wären wir imstande, ihn zu sehen, dann würden wir sehen, dass Milliarden solcher Lichtpunkte sich zu Gesicht und zum Strahlen einer Sonne vereinigen, die alle Dunkelheit und alle Grausamkeit des Lebens restlos verscheuchen würde. Ich kenne kein Programm dafür, wie man dahinkommen kann, das zu sehen. Es kann einem nur geschenkt werden. Aber das Tor zum Himmel ist überall.“ (Thomas Merton, a.a.O., S. 79)

Wenn einer die Bruchstücke des Lebens zu einem Ganzen zusammenfügt oder von der Anziehungskraft eines geheimnisvollen Zentrum

Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass ein „Anderer“ (Gott) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt.  Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will.  Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.

Heimat finden

Das Bild „Die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zeigt ein An- und Zurückkommen zu dem, wovon einst seine Reise ihren Ausgang genommen hat. Hätte er nicht gleich zu Hause bleiben können, könnte man fragen. Wozu die vielen Kämpfe, Irrwege und Gefahren? Anscheinend geht es nicht ohne eine Reise, auch wenn es gefährlich und gefährdend für Leib und Seele ist, um schließlich am Ende allen Suchens die Heimat als Heimat zu erkennen, wo er hingehört, wo seine Frau Penelope auf ihn wartet und bei sich selbst anzukommen.

„Heimat ist ein anderes Wort für den Geist, der wir sind, unser wahres Selbst in Gott. In dem Moment, in dem wir Gott in uns finden, finden wir uns auch in Gott wieder- und das ist die vollkommene Heimkehr. Bis dahin leiden wir unter Heimweh, obwohl die meisten es heute wohl einfach als Einsamkeit, Isolation, Sehnsucht, Traurigkeit oder gar eine Art Depression bezeichnen würden. Die gängige Bezeichnung für diesen inneren Ort. der zugleich ein Ort der Sehnsucht ist, lautet üblicherweise Seele…“

(P. Richard Rohr OFM, in CAC (Center for Action and Contemplation, Dayly Meditations in October 2026)

Die Reise des Odysseus will auch uns die Frage stellen: Was ist für Dich Heimat?

Ein paar Gedanken dazu:

Heimat- das ist für mich die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich wiederfinden kann, an dem Geborgenheit, Nähe, menschliche Vertrautheit sich einstellt, an dem der Mensch bei sich ankommt. Dies scheint vielen Menschen heute irgendwie abhanden gekommen zu sein. Wer in seiner Seele keine Heimat mehr findet, neigt wohl dazu, durch Ausgrenzung und Fremdenhass, sich der eigenen Identität versichern zu wollen. Identitätsstiftung durch Ausgrenzung. Globalisierung, Zuwanderung, die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, scheint auch in unserem Land nicht wenige zu überfordern.

Letztlich geht es jedoch darum eine „offene Heimat“ wieder zu finden, in der Provinzialität, Enge und Ausgrenzungstendenzen überwunden werden durch weite Horizonte, in denen angstfreie Begegnungen möglich werden.

Jedenfalls bleibt Heimat immer auch ein Sehnsuchtsort, der aus einer tiefen Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit und Angenommensein erwächst.

Aus christlicher Perspektive geschieht eine letztgültige Erfüllung dieser Sehnsucht erst im Himmel, der wahren Heimat, allerdings wird auch dort versprochen, dass es im Hause des Vaters viele Wohnungen gibt, also eine offene und lichtdurchflutete Wohngemeinschaft unterschiedlichster Menschen. (vgl. Joh 14,1-3)

Impulse zum Nachdenken:

Was bedeutet für mich Heimat?
Wohin zieht es mich? (landschaftlich, geografisch…) Wohin gehöre ich?
Welche Menschen sind für mich Heimat? Welche Musik ist Heimat?
Gibt es einen Glauben, Überzeugungen, Werte, die für mich Heimat sind?
Literatur zur Vertiefung:

Hartmut Rosa, Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016

Den Schatz im Acker suchen oder über die Heimreise zu sich selbst

Solange hauptsächlich das falsche Selbst im Leben Regie führt, liegt ziemlich viel „Dreck“ über dem Schatz, kreist man/frau um sich selbst , poliert die Fassade, frägt bei allem „Was bringt mir das ?“ und dient dem Götzen „Ego“. „Man“ führt große Worte im Mund, „frau“ schminkt sich und putzt sich heraus. Man scheffelt Geld, raucht dicke Zigarre, spielt Machtspiele aller Art und ist cool. Man und frau sind süchtig nach sich selbst und sie treiben im Strom der Äußerlichkeit und Zerstreuung. Man(n) wird zu abgebrühtem Einzelkämpfern in einer zynischen Welt Gleichgesinnter.

Durch Grenzerfahrungen des Lebens, durch den Einbruch von Krankheit, Behinderung oder einen unerwarteten Schicksalsschlag kann sich alles ändern. Oder „Grad in der Mitte unserer Lebensreise“ , sagt der berühmte Dichter Dante in der Göttliche Komödie, kann es passieren, dass wir in einen „dunklen Wald“ geraten; dass unsere bisherige Lebensstrukturen und Werte nicht mehr tragen, dass ein Schatten auftaucht, den wir nicht mehr abschütteln können, dass unser „Schein-Ich“ abblättert und abfällt wie ein Mantel, der nicht mehr taugt..

Das kann schmerzhaft und befreiend zugleich sein, weil wir dadurch in eine Richtung getrieben werden können, die man als wahres Selbst oder als wahre Identität bezeichnen können. Befreit vom Ballast des falschen Selbst und des aufgeblähten Egos werden wir wieder zu „Anfängern“, die einen Freiheitsraum betreten und offen werden für wirklich „Neues“. Neulinge, die sich wieder berühren lassen und berührt werden.

Wer in diese Richtung sich bewegt, ist auf dem „Heimweg“. Er verlässt die „Türme“, in welche er sich verstiegen oder verschanzt hat, er wirft unnötigen Ballast ab und geht nach Hause. Wer auf diesem Wege ist, ahnt langsam, was wir „verborgen in Gott“ (Kol 3,3) sind und dass wir Anteil haben an der „göttlichen Natur“ (2 Petr.1,4)

Den inneren Schatz entdecken

Wir werden angerührt, aufgerüttelt, erschüttert, bewegt von etwas, das nicht unserem eigenen Ego entspringt, von jemand, dem wir wichtig sind, von einer Stimme, die uns anspricht, die uns in einer ungekannten Weise und Tiefe meint. Es lässt sich kaum in Worte fassen, was mit uns geschehen ist, aber wir merken, dass es sich um etwas sehr Kostbares handelt, das unser Herz geöffnet hat. Ist es Liebe? Liebe, die eine Antwort verlangt mit unserer ganzen Existenz, mit Herz, Seele und Verstand, und mit allem, was uns in der Tiefe ausmacht. Wir können auch Nein sagen zu diesem Beziehungsangebot, aber glücklich werden wir damit wohl nicht.

Den Schatz ausbrüten

Ein „Ja“ aber bringt uns auf einen Weg, und wir müssen herausfinden, in welche Lebensform sie uns treibt, wie sie unser Leben formt, in welche Lebensaufgabe sie mündet. Die geschenkte und erfahrene Liebe will weiterfließen, sich entfalten durch uns hindurch, mit unseren Gaben und Besonderheiten weitergetragen werden und sich heilend, versöhnend, stärkend, aufrichtend…auswirken.

Den „Schatten“ des eigenen Lebens nicht mehr ausschließen….

… wenn der Schatten nicht mehr verdrängt werden muss und das Dunkle durchlitten wird...
Abstieg der Seele“- Schattenannahme
Annahme des eigenen Begrenztseins, der Dunkelheit und Hässlichkeit
Für James Hillman besteht die wichtigste Frage darin, ob wir soviel Liebe aufbringen, dass wir auch unsere niedrigsten Züge lieben können, „diese fixierten, hartnäckigen angeborenen Schwächen der Halsstarrigkeit und Blindheit, der Gemeinheit und Grausamkeit, der Vorspiegelung  und Aufgeblasenheit..“ Sich selbst zu lieben ist gar nicht so einfach. „Denn es bedeutet, dass man alles an sich lieben muss, auch die Schatten-Seite, wo man so minderwertig, so unannehmbar ist. Sich dieser peinlichen, demütigenden Seite fürsorglich anzunehmen, das ist die Heilung. Aber zugleich ist die Arbeit mit dem Schatten ein moralisches Problem, da ich nicht alles ausleben kann, was in mir verdrängt worden ist.
Franziskus zu Bruder Masseo:
„Willst du wissen, warum alle Welt mir nachläuft? Das ist mir zuteil geworden durch das Auge des höchsten Gottes, das überall hinsieht, auf die Guten und auf die Schlechten; sein heiliges Auge aber hat unter den Sündern keinen schlechteren, untauglicheren, keinen sündhafteren Menschen gesehen als mich; und um sein wunderbares Werk zu vollbringen, hat er keine geringere Kreatur gefunden auf der Erde; deswegen hat er mich erwählt, um allen Adel und alle Größe und Kraft und Schönheit und Wahrheit der Welt zu beschämen.“
Franziskus wusste, dass er ganz und gar unvollendet war und es immer bleiben würde. Den Anfang seines neuen Lebens führte er auf jene Begegnung zurück, bei der er es fertig gebracht hatte, einen hässlichen, übelriechenden Aussätzigen zu küssen; sein Aufbruch zur höheren Wahrheit begann in dem Augenblick, in dem er den aussätzigen Teil in sich selbst zu erkennen und anzunehmen vermochte. Dieses volle Annehmen seines eigenen Begrenztseins und seines eigenen Schattens war frei von destruktiven, von tiefer Selbstverachtung herrührenden Zügen. Franziskus freute sich einfach über die Verheißung, davon erlöst zu werden.
C.G. Jung stellt die kritische Frage: „Daß ich den Bettler bewirte, dass ich dem Beleidiger vergebe, dass ich den Feind sogar liebe im Namen Christi, ist unzweifelhaft hohe Tugend. Was ich dem geringsten unter meinen Brüdern tue, das habe ich Christo getan. Wenn ich nun aber entdecken sollte, dass der geringste von allen, der ärmste aller Bettler, der frechste aller Beleidiger, ja der Feind selber in mir ist, dass ich selber des Almosens meiner Güte bedarf, dass ich mir selber der zu liebende Feind bin, was dann?“ (Jung, Bd.11, 367)
Die meisten Menschen glauben, bei Religion dürfe es nur um die positiven Dinge gehen: Heilen, Helfen und Hoffen. Richard Rohr geht von der gegenteiligen Annahme aus: der Weg, den Schmerz des Lebens zu verwandeln, besteht darin, die „verwundete“ (verschattete, verdrängte, verdunkelte, negative..) Seite aller Dinge aufzudecken und die Wunde in einen heiligen Bezirk zu bringen. Das Negative bewusst einzubeziehen, darin liegt die eigentliche Bedeutung des Kreuzestodes Jesu. Die Bibel mit ihren vielen Geschichten (von Ehebruch, Zorn, Verrat, Hinterlist…) kann uns beibringen, dass bei Menschen Güte (vgl. Zachäus; )eher aus Fehlern entspringt, die wir überwinden, als daraus, vollkommen zu sein und alle Fehler zu vermeiden.
Wir dürfen das Vollkommene nicht mit dem Guten verwechseln; das falsche Streben nach dem Vollkommenen, das ja ohnehin nur in Gott zu finden ist, dient oft nur als wunderbare Verkleidung für den eigenen Egoismus. Wie Adam streben wir danach gleich zu sein „wie Gott“ (1 Mos. 3,6). Aber: „Vergiss das vollkommene Opfer und läute die Glocken, die noch läuten können!“ wie es ein Lied von L. Cohen sagt, denn in allen Dingen ist ein Sprung, aber genauso kann Licht hineinkommen. Jeder Idealismus hat auch eine Schattenseite; es ist schon gut, wenn Menschen nach Idealen streben. Aber es gehört zur menschlichen Demut auch mit seiner Schattenseite zu rechnen.
Unser Leben spielt sich in der Transformation ab: mühevoll, mitten in einem Gemenge von Gut und Böse, nicht in einem erzwungenen Utopia. Wir Menschen bestehen aus einer Menge Gegensätzen, die sich nach Versöhnung sehnen.
Ein Paar fängt erst dann an, sich wirklich zu lieben, wenn die beiden einmal richtig gestritten und sich wieder versöhnt haben. Ein Mensch, der zu seiner Begrenztheit steht (seine Sterblichkeit anerkennt;), kann viel mehr bewirken als einer, der seine Begrenztheit und Sünden gar nicht erst erkennt.
Der Arzt, der ganz für andere da ist, hat oft auch eine recht egozentrische Seite. Der Musiker, der so sensibel ist, kennt häufig auch eine brutale Seite. Menschen, die sich für den Naturschutz engagieren zeigen manchmal eine passive Aggression. Vertreter von religiösen Erneuerungsbewegungen, die Liebe und Einheit auf ihre Fahnen geschrieben haben, gehen oft unfair mit Andersdenkenden um und schließen um der Einheit willen jegliche Kritik aus. Manchmal lauert hinter der Fassade des freundlichen Lächelns Überheblichkeit, Kälte und Verzweiflung. Manche meinen sie könnten auf dem Weg der Meditation immer erleuchteter werden und merken gar nicht mehr wie sie zwischenmenschlichen Konflikten ausweichen. Oder besonders Rechtgläubige projizieren den „Teufel“, der im eigenen Herzen schlummert, auf die anderen und verteufelt sie als laue Christen, die gar nicht mehr rechtgläubig sind. Jede Gemeinschaft hat ihren Schatten und je mehr er verdrängt wird, umso aggressiver wird sich die dämonische Seite zu Wort melden. Der Schatten der Gemeinschaft steckt oft in der Gemeinschaftsideologie.

Den roten Faden im Leben suchen

Gibt es einen roten Faden in meinem Leben? Gibt es etwas, das sich durch meine verschiedenen Lebensphasen durchzieht, zu mir gehört, mich ausmacht, etwas von meinem ureigenen Weg aussagt, von der Spur, die ich und nur ich auf diese Weise in der Welt ziehen kann? Was könnte das sein? Eine tiefe Sehnsucht, die mich seit Kindertagen begleitet, eine Vision, die immer deutlicher geworden ist im Lauf meines Erwachsenwerdens und meine Schritte leitet, letztlich der Grund meines Handelns ist, oder ein Wert, den ich für mich als zentral erkannt habe, und für den ich mich mit Herzblut engagiere? Welcher Leitsatz könnte mein Leben beschreiben? Vielleicht sind es auch Themen aus den Tiefen des Unbewussten: ein Trauma, ein Riss, eine tiefe Verletzung, die nach Heilung ruft, ein tiefgreifender Konflikt, der nach Versöhnung schreit und Ursache sind für mein Engagement in der Welt. Wer das einmal biografisch für sich durchgeht, wird womöglich sagen, es gibt nicht nur einen roten Faden, sondern mehrere, aber womöglich fügen sich die Fäden zu einem Webmuster zusammen, und ein Faden sticht dabei besonders heraus!

Mögliche Fragen für die Biografiearbeit könnten sein:

Welche Themen kehren in meinem Leben immer wieder?

Welche Dinge oder Situationen haben mich als Kind schon tief berührt?

Welche Menschen ziehen mich besonders an?

Welche Konflikte wiederholen sich?

Welche Werte sind mir besonders wichtig?

Welche Bilder und Symbole begleiten mich?

Flow- der Fluss des Lebens

„Alles fließt“ oder alles blockiert wie im  Burnout

1). Alles fließt

Schon vor 2500 Jahren haben altes Weisheitslehrer entdeckt, dass der Mensch dann glücklich ist und Glück erfährt, wenn er im Fluss ist. Für den Philosophen Heraklit ist der Satz „Alles fließt“ die Grundlage seiner Philosophie, der chinesische Weisheitslehrer  Laotse spricht vom „Urquell des Lebens“, der mühelos aus sich selbst quillt.

Man spricht heute vom Flow-Prinzip.

Ein ungarischer Psychologe (Mihaly Csikszentmihaly)  hat dieses Prinzip des Fließens neu entdeckt; er hat eine ungarische Bäuerin beobachtet, die sich mit vollem Herzen auf ihre Arbeit eingelassen hat, weil ihr die Natur Gesellschaft geleistet hat. Flow beschreibt also keine  Technik, sondern  eine  Art mühelose  Bewegung in einem Strom von Energie.

„Ich gehe in dem völlig auf, was ich tue, ich erlebe schöpferische Freiheit. Ich kann ganz bei der Sache sein: alle Störungen durch die Umwelt erreichen mich nicht. Alles geht mir leicht von der Hand“

2) Alles blockiert –

Das Gegenteil des Fließens  ist die Erfahrung des Burnout. Da ist nichts mehr im Fluss, immer mehr Blockaden tauchen auf. Innerlich hat man den Eindruck, alles sei erstarrt, während man äußerlich wie ein Getriebener ist, der von Termin zu Termin hetzt, von Auftrag zu Auftrag. Man wird zunehmend unzufriedener, gereizter, empfindlicher; andere Menschen erlebt man als Störenfriede. Es ist wie ein innerer Hilfeschrei: „Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Lasst mich doch alle mal einfach in Ruhe!!

Man wird zunehmend kraftlos, geht Konflikten aus dem Weg, trifft keine notwendigen Entscheidungen mehr oder trifft sie wahllos ohne Klarheit und Überlegung.  Irgendwann scheint einem alles egal.

3) Anzeichen  und Phänomene  des Burnout

Die Kennzeichen eines beginnenden  Burnout werd von der Umgebung  oft schneller entdeckt als vom Betroffenen  selbst; Betroffene, die  von Freunden und Kollegen auf Burnout angesprochen, wehren oft ab: die anderen sind Schuld (Firma oder Familie) , oder Verharmlosungen (Ja, im Moment etwas viel, aber bald kommt ja der Urlaub ; aber im Urlaub lädt der Akku nicht mehr auf und er kommt vom Urlaub genauso angespannt zurück wie vorher; gerät in der Arbeit in Panik, Angstattacken quälen ihn, manche denken an Suizid….manche sehen keinen Ausweg, wollen sich aber auch nicht eingestehen, dass sie am Ende sind…Nur wenn gar nichts mehr geht, wagt man den Schritt zum Arzt, der hoffentlich nicht bloß eine Woche krankschreibt, sondern Burnout/Erschöpfungsdepression  attestiert….

Burnout ist ein Prozess; man ist nicht von heute auf morgen ausgebrannt; es gibt immer schon Anzeichen und Symptome, die sich lange angekündigt haben.

Einige Kennzeichen:

  • Zunehmende Gereiztheit und Negativität (Chef oder Mitarbeiter sind empfindlich, leicht gereizt, machen pessimistische, abschätzige oder zynische  Bemerkungen, auch gegenüber Menschen, für die man arbeitet; Lehrer in der Schule machen plötzlich ihre Schüler oder Kollegen herunter, Verkäufer ihre Kunden…..)
  • Chronische Müdigkeit und Lustlosigkeit (die sich in Sätzen zeigt wie „ Alles hängt mir zum Hals raus; Ich habe keine Lust mehr. Ich bin so müde…“)
  • Zunehmende Kraftlosigkeit, Antriebsschwäche  bis hin Depression (Man möchte sich nur noch vergraben und verstecken in den eigenen vier Wänden; man möchte keinen Menschen mehr sehen. ( Burnout ist in Medizin und Psychologie kein allgemein verbindlich festgelegte Beschreibung eines Krankheitsbildes; Psychologen sprechen daher von Erschöpfungsdepression; Krankheit ist nach dieser Definition nicht das Burnout, sondern die Depression, die durch die Erschöpfung hervorgerufen wird)
  •  Es kommt zum sozialen Rückzug und Interessenverlust (man pflegt auch keine Hobbys mehr, wird eigenbrötlerisch und desinteressiert…)
  • Blockaden häufen sich (Schreibblockaden, Denkblockaden, nichts scheint mehr zu gehen und alles braucht unendlich viel seelische  und körperliche  Kraft…)
  • Länger anhaltende verkrampfte und angespannte Verfassung  ( der Betroffene sieht schlecht aus , ist angespannt, ohne Gelassenheit, voller innerer Spannungen …Menschen, die sich bei allem, was sie tun, unter Druck setzen, der aber nicht stimulierend wirkt, sondern blockierend und irgendwann zum Crash auch im Leib führt: Schlafstörungen, erhöhter Blutdruck, Rückenschmerzen…..)
  • Sich steigernde Gefühllosigkeit und Apathie ( man fühlt nichts mehr bei der Arbeit, bei Gesprächen mit Mitarbeitern oder den Kunden, sogar das Zusammensein mit Freunden fühlt sich leer an;…)
  • Das ausgewachsene Burnout Syndrom zeigt sich irgendwann als schwere Lebenskrise , die von negativen Gefühlen dem leben gegenüber beherrscht sind: Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, existentielle Verzweiflung bis hin zu Selbstmordabsichten……

Loslassen …wenn die Blockaden aufgelöst sind…und du dich dem Fluss des Lebens ganz anvertrauen kannst

Für mich hatte die Sinnsuche manchmal etwas Verkrampftes nach dem Motto: ich muss etwas in meinem Leben verändern, um noch wirksamer zu werden, um mehr Menschen zu erreichen, überhaupt tiefer ins Leben einzusteigen… Das Wort Veränderung hat aber oft auch etwas Gewaltsames in die Richtung spiritueller Selbstoptimierung, bei dem das eigene Ego und der manchmal sogar der brutale Wille im Vordergrund steht. Oft ist so eine Haltung geprägt vom Misstrauen in das Leben, von dem Drang, sich selbst beweisen und sich die Eintrittskarte ins Leben verdienen zu müssen. Das Gratis und unverdienbare Geschenk des Lebens gerät dabei aus dem Blickfeld.

Es braucht seine Zeit und wohl tiefgreifende Erfahrungen, sich auf diesen gnadenhaften Grund des Lebens loszulassen und dem Leben zu vertrauen, in den Fluss des Lebens zu springen und jener Macht zu vertrauen, die uns versprochen hat bei allen Strömungen und Untiefen des Lebens mit uns zu sein und uns vor dem Untergang zu bewahren.

Ich vermute, dass das , was unserem Leben Tiefe gibt, nur zu einem kleineren Teil in unserer (auch moralischen) Anstrengung, die auch dazu gehört, liegt, sondern vielmehr in dem, was uns das Leben schenkt, zumutet oder auch wozu es uns herausfordert, womit wir womöglich nicht gerechnet haben.

Von den Tieren lernen und sich wieder verwurzeln

In der Psychologie C.G. Jungs ist die Psyche ein sehr dynamisches System, das Einseitigkeiten immer auszugleichen versucht.Die Anima, nach C.G. Jung ein Archetyp der menschlichen Seele, hat eine vermittelnde Funktion zwischen Bewusstsein und Unbewusstem und so die Rolle einer Mittlerin (mediatrix).

Immer wieder läuft die Seele Gefahr im normierten, geschäftigen Alltag, hinter den tagtäglichen (oft kleinkarierten) Anpassungen, Kompromissen und Notwendigkeiten verloren zu gehen. Dort wo die Anima ins Leben einbricht, werden die vielen verschütteten und verdrängten Gefühle oft schmerzhaft bewusst. Auf individueller Ebene zeigt sich der Animaverlust beim Mann durch länger anhaltende Symptome wie frühzeitige Erstarrung, wenn nicht Verkalkung, Stereotypie, fanatische Einseitigkeit, Eigensinnigkeit, Prinzipienreiterei oder das Gegenteil: Resignation, Müdigkeit, Schlamperei, Unverantwortlichkeit und (..) Neigung zum Alkohol.“ (D. Heisig, Die Anima, Archetyp des Lebendigen, Zürich und Düsseldorf 1996, S.199)

Während die Beziehung zur Anima verwurzelt, ist heute das Gegenteil, nämlich der Animaverlust in Form einer umfassenden Entwurzelung und eines tiefgreifenden Seelenverlustes in der modernen Gesellschaft zu beobachten. Einige dieser kollektiven Entwicklungen werden von Daniela Heisig wie folgt beschrieben: „Der einzelne steht einem ungeheuren Apparat schwer durchschaubarer und nicht beeinflussbarer Vernetzungen und Komplexitäten wirtschaftlicher, politischer und kulturhistorisch gewachsener Systeme gegenüber…..´Ein verwalteter, zeitlich verplanter Alltag, die in technische und institutionelle Zwänge gefasste und entfremdete Arbeitswelt, das Dickicht der Städte, die Konsumgesellschaft mit ihrer repressiven Toleranz und den in der Verführung versteckten Zwängen, die Ausbeutung und Unterdrückung der Machtlosen,(..) die Schädigung der Umwelt, die drohende Verarmung und endgültige Zerstörung unseres Planeten…Daneben sehe ich weitere Gründe der Entwurzelung in der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und der daraus folgenden Vereinzelung und Vereinsamung…Unser Gesellschaftssystem erfüllt immer weniger das Bedürfnis der Seele nach Heimat und Zugehörigkeit.“ (Daniela Heisig, a.a.O., S. 201) Die Rückverbindung (re-ligio; re-ligare)mit der inneren Welt und das Wissen um eine transzendente Existenz gehen zunehmend verloren. Demgegenüber spielt sich der Mensch als Beherrscher der Magna Mater und Mutter Erde auf, was z.B. in der ökologischen Zerstörung zum Ausdruck kommt.

Wenn Tiere wichtiger werden als dogmatischer Dogmatismus

Losfliegen- der tanzende Schwan oder zur Freiheit berufen

„Es war Anfang der 1970er Jahre, als Janis Joplin ihr Lied von „Me and Bobby McGee“ sang. Und in dem Refrain dieses Liedes heißt es: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“ Auf Deutsch heißt das ungefähr: „Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass du nichts mehr zu verlieren hast.“ (…) Ich habe nichts mehr zu verlieren – das heißt auch, ich hänge an nichts so sehr, dass mich sein Verlust niedermachen würde. (…) Wer nichts zu verlieren hat, der ist frei. Wer sich an Besitz, an Macht, an Karriere festklammert, macht sich selbst unfrei. Wer sich an seine Vorstellungen klammert, wie das Leben abzulaufen hat, fesselt sich selbst. Wer Erwartungen hat, wird damit leben müssen, dass er enttäuscht wird. All das hat nichts mit Freiheit zu tun. (…) Ja, die Zukunft liegt vor mir wie ein unbeschriebenes Blatt – und das Leben wird schon für die entsprechenden Eintragungen sorgen. Und doch liegt es an mir, wie ich mit diesen Eintragungen des Lebens umgehe. Es gibt unsagbar viel zu gewinnen, wenn ich mich ganz offen auf das Neue einlasse, wenn ich keine Erwartungen fortschreibe, wenn ich dem Leben nicht sage, wie es zu sein hat. Ich habe nichts zu verlieren, aber unsagbar viel zu gewinnen.“

Entnommen aus: Andrea Schwarz „Kleines Buch der Lust am Leben“, Herder Verlag, 2011, S. 40 f

Theologie: Für eine freie , gerechte und barmherzige Kirche

Freiheit und Liebe sind die entscheidenden Prüfkriterien für religiöse Vorstellungen und Gottesbilder. Der Mensch soll frei sein, eigenständig handeln und Verantwortung für sein Leben übernehmen können, ohne dafür mit Liebesentzug, Verdammung oder religiöser Ausgrenzung bedroht zu werden. Gottesbilder, die Gottes Liebe an bedingungslosen Gehorsam verknüpfen und mit Angst als Form der Glaubensvermittlung arbeiten, sind äußerst problematisch. Unfrei machend ist auch eine intergralistische Kirchenform, welche ihre eigene Glaubenslehre, ihre Autorität und ihre Heilsvermittlung so eng miteinander verknüpft, dass die Zugehörigkeit zur Kirche zur entscheidenden Grenze zwischen Geretteten und Nichtgeretteten wird. Eine solche Kirche folgt der Exklusivitätslogik und bestimmt wer dazugehört und wer nicht. Mission wird zur Strategie Menschen mit vermeintlicher Gottesferne in die eigene Gemeinschaft heimzuholen. Der Theologe Ottmar Fuchs setzt dagegen eine universale Heilszuwendung und Heilsmöglichkeit, wobei die Kirche Zeichen einer universalen Gnade ist. Gottes freimachende Liebe gilt allen Menschen, nicht nur den Kirchenmitgliedern. Gott will das Heil aller Menschen, seine Liebe gilt allen von Geburt an und ist nicht Heilsbesitzstand einer religiös abgegrenzten Gruppe. Auch Nichtreligiöse oder Menschen anderer Religionen sind von diesem Heil nicht ausgeschlossen. Gottes Gnade wird weder von der Kirche produziert, noch verfügt sie über sie. Die Kirche lebt aus einer Gnade, die größer ist als sie selbst. Mission bedeutet für dieses Verständnis Zeugnis, Einladung, Solidarität und Dialog statt Erzeugung von Angst vor einem drohenden Ausschluss vom Heil, also Liebesentzug. Das Selbstverständnis der Kirche unter einem universalistischen Heilshorizont wandelt sich dann von der Kontrolle zur Freiheit und von der Identitätssicherung zur Gastfreundschaft und eine Gemeinde misst ihre Glaubwürdigkeit daran, ob sie sich an die Seite verletzlicher und ausgegrenzter Menschen stellt, auch jener, die außerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft leben. (vgl. dazu Otmar Fuchs, Kritische Hermeneutik der Heiligen Schrift (Praktische Theologie heute, Band 213, 2026)

Jesus zu Besuch bei Maria, Martha und Jesus – und wie Lazarus aus dem Grab geholt wurde

Bei Lukas 10,42 f. steht eine Geschichte in der Jesus bei zwei Schwestern namens Martha und Maria einkehrt. Ein Spannungsfeld ergibt sich. Martha ist eifrig dabei, Jesus zu bewirten und gastlich aufzunehmen. Maria, scheint nichts zu tun und sitzt Jesus nur zu Füßen, wohl um ihm zuzuhören. Martha beschwert sich bei Jesus, der Maria in ihrer Passivität in Schutz nimmt.

In kirchlichen Gemeinden gibt es die Leute, die anpacken, organisieren, schauen, wo Not am Mann/Frau ist und wo sie helfen können. Und dann gibt es jene, die sich mehr dem Gebet widmen und für welche die Innerlichkeit zentral ist.

Auch auf die Institution lässt sich das Martha- Maria Modell etwas vereinfacht übertragen. Es gibt da die kirchlichen Mitarbeiter:innen, die für die Strukturen verantwortlich sind, die Sorge tragen für Räume und Verwaltung, die Managementaufgaben haben und dann gibt es die Seelsorger:innen, die in diesen Räumen „da“ sind, Menschen in Not zuhören, wahrnehmen, was es für die Menschen in einem Sozialraum braucht, die ohne Zeitdruck und Einengung von außen für Menschen mit den unterschiedlichsten Fragen, Nöten, Sorgen bereitstehen, mit ihnen beten und meditieren , sie geistlich begleiten, mit ihnen in die Tiefe steigen.

Ich mach kein Hehl daraus, dass ich eine gewisse Vorliebe für den eher kontemplativen „Maria -Typ“ habe, der mir mehr entspricht. Doch das Bild, bei dem Jesus Maria und Martha umarmt, weist daraufhin, dass wir kirchliche gesehen beides brauchen, und wir die beiden Haltungen nicht gegeneinander ausspielen sollten. Wir brauchen für die Verkündigung und Seelsorge Strukturen, Orte und Räume, um die sich kirchliche Mitarbeiter:innen kümmern, damit Menschen sich treffen können. Allerdings scheint mir gegenwärtig die äußere Seite kirchlichen Handelns und Managements überbetont, und die passiven Qualitäten wie Zuhören, Geduld haben, sich Zeit nehmen, einfach „dasein für“… unterbelichtet. Denn wenn wir nicht in die Tiefe gehen, verkürzt sich gerade im gemeindlichen Handeln alles auf die Organisation von Pfarrfesten, Adventsbasaren etc.

Eine reine Innerlichkeit aber, welche die soziale Dimension des Glauben ausblendet, verfehlt den Anspruch Jesu: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Manchmal ist es wichtiger vom Medi

Der Mensch und die Riesen-Konzerne

Der Mensch steht in der Gefahr sich selbst verloren zu gehen, vorhergesagt, entmündigt und fremdbestimmt zu werden von Algorithmen, welche Daten sammeln über deine Interessen, Interaktionen, Kaufgewohnheiten, Vorlieben…und das menschliche Verhalten systematisch messen und Entscheidungen beeinflussen. Algorithmen können sogar beeinflussen welche Informationen jemand erhält und die Wahrnehmung beeinflussen, was zum Beispiel bei politischen Themen sehr gravierend sein kann. Die Einflussnahme auf menschliches Verhalten und Entscheidungen wird neuerdings durch die KI (Künstliche Intelligenz) verschärft, da sie nicht nur empfiehlt, sondern Gespräche führt, Texte und Bilder erzeugt, Bedürfnisse erkennt und deine Reaktionen beobachtet. Große Unternehmen wie Amazon oder Google nutzen diese Daten, nicht nur um allgemeine Kaufempfehlungen abzugeben, sondern sie beobachten deinen Kauf, deine Reaktionen, auch um Dir personalisierte Vorschläge zu machen, was du beim nächsten mal kaufen könntest. Dadurch, dass einige wenige Unternehmen eine riesige Menge an Daten, Aufmerksamkeit, Infrastruktur und über künstlicher Intelligenz verfügen, entsteht eine enorme Machtkonzentration, die auch darin besteht, dass sie mitbestimmen, was wir wahrnehmen, über was wir nachdenken, wie wir etwas beurteilen, und wie vorhersagbar wir sind. Dabei konkurrieren die großen Unternehmen wie Amazon oder Tik Tok auch um die maßgeblichen Inhalte, die bestimmen sollen, was in den Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten soll.

In welche Richtung wachse ich? Wohin bewegt sich mein Leben?

Grundhaltungen für ein gelingendes Leben

Zusammenhalten

Einander aufrichten (statt hinrichten)

Mach den anderen nicht zu deinem Besitz !

Phantasiewelten, Staunen oder mit den Augen des Kindes sehen lernen

….wenn groß und klein Freundschaft schließen

Die Welt mit Kinderaugen betrachten

Wenn du ins rote Haus einziehst…

Farbfelder zur Auswahl

Aufwachen zum Licht

… wenn Tiere und die Schöpfung wichtiger werden als dogmatische Lehrgebäude…

Vom Licht der Welt berührt

„Erschrocken“ über all das, was Menschen sich antun können

Aufwärts- „Nach oben“ (Toute la-haut)

Was kann man zum Neuen Jahr Besseres wünschen, als dass es wieder aufwärts gehen soll. Aber dieses Aufwärts kann so und so verstanden werden. Die einen wünschen sich, dass nach Corona und Energiekrise die Wirtschaft neu angekurbelt wird, die anderen hoffen nach einer Krankheit oder einem Burnout, dass es wieder aufwärts geht und ein Neustart gelingt.

Die französische Sängerin ZAZ, mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy, beschreibt in Ihrem Lied „Tout la-haut“ einen anderen Aufstieg; ein Aufstieg der Seele, ein Aufstieg zum wahren Selbst jenseits falscher Gewissheiten und Sicherheiten. Jenseits von Schein und nach außen gezeigten unbeschwerten Masken, so der Liedtext, liegt oft ein verletztes und verbranntes Kind. Hinter dem selbstsicheren Ego lauern die versteckten Risse der Kindheit. Der Weg nach oben bedeutet für die Sängerin, das Wahre vom Falschen zu entwirren; dabei ist es wichtig, die Einsamkeit und Ruhe schätzen zu lernen, von den Künstlichkeiten zu lassen, um endlich herauszufinden, warum wir existieren und warum wir uns gegen manches wehren. Sie fordert den Hörer des Liedes auf, diesen Weg nach oben zu nehmen, der im Grunde eher einem Abstieg gleicht, in die Tiefen und versteckten Verletzungen des inneren Kindes, und der verlangt, die Täuschungen und falschen Selbstsicherheiten zu entlarven. (zum Lied: ZAZ – Tout là-haut (Clip officiel) – Bing video)

Die Sängerin ZAZ beschreibt im Grunde einen Heilungsweg, der immer dort beginnt, wo wir anfangen und riskieren in der Gegenwart eines anderen über das zu reden, was uns am meisten verletzt. Die gebrochenen und verletzten Stellen in uns brauchen die meiste Liebe und Barmherzigkeit; denn gerade dort, wo wir keinen Ort und keinen Menschen haben, dem wir uns öffnen können, gibt es eine Neigung in uns, uns selbst zu betrafen und „runter“ zu ziehen. Wer sich nicht willkommen und übersehen fühlt, neigt nicht selten zu einer trotzigen Fassade, welche die Trauer über die Ablehnung und die innere Unsicherheit überspielt und zu einem Leben im falschen Selbst führt.

Das wahre Selbst zu entdecken, ist eine der zentralen Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. Dazu ist unabdingbar den eigenen Wunden zu begegnen. Verletzungen, die jemand verbirgt, können zur Selbstverachtung und zur Überzeugung führen, nichts wert zu sein. Ohne Kommunikation und Offenheit entwickelt sich kein gesundes Zugehörigkeitsgefühl und ohne die unbedingte Liebe von jemanden, der an uns glaubt und will, dass wir leben, entwickelt sich ein psychisches Schuldgefühl, nicht liebenswert zu sein.

Ausnahmslos alle Menschen fühlen sich zuwenig geliebt, können daher nur unzureichend lieben und erscheinen daher auch so wenig liebenswert, behauptet der Philosoph Adorno. Ungeliebten Menschen moralische Forderungen und Imperative zu solidarischer Liebe aufzuerlegen („Du sollst deine Feinde lieben, Migranten aufnehmen, das Klima schützen, Verzichten, Opfer bringen…), verfestigt nur die Kälte und Erstarrung, die ungeliebte Menschen in sich spüren. Menschen, die sich für wertlos erachten, blockieren auch die in ihnen steckenden Potentiale. Forderungen allein geben keine Liebeskraft, sondern machen defensiv.

„Aufwärts“ geht es erst, wenn wir hören und unser Herz dafür öffnen, was kein Mensch sich selber sagen kann: „Du bist geliebt!“, „Du bist geschätzt!“, „Du bist gewollt!“, „Du bist mir wertvoll und teuer!“ Erst die Erfahrung bedingungslos geliebt zu sein, ermöglicht, dass Menschen ihrerseits lieben und solidarisch handeln können. Wer eine solche Zusage erhält und daran glaubt (das kann uns niemand abnehmen), der kann die Schönheit der Welt wieder wahrnehmen und „die Sterne schmecken da oben“, wie es die Sängerin ZAZ in ihrem Chanson poetisch ausdrückt.

Die religiöse Sprache würde sagen: der heilende und bedingungslose Energie- und Lebensstrom göttlicher Güte und Barmherzigkeit, der allen Menschen gilt, also inklusiv ist, verwandelt unsere Wunden, wenn wir die Tür unseres Herzens dafür aufschließen. Dadurch eröffnet sich der tiefere Sinn unserer Existenz und das, was hineinströmt, drängt geradezu, überzufließen zu unseren Mitmenschen. Denn Verantwortung und solidarisches Handeln lässt sich nicht von außen verordnen, sondern erwächst unmittelbar aus einer Beziehung, die als Geschenk und Gnade erlebt wird.

Gustav Schädlich-Buter

Traumsucher

Er wußte nicht, was ihn dazu antrieb, aber er stieg hinunter in den dunklen Raum, dessen Tür sich plötzlich vor ihm auftat; viele Treppen hinunter in ein dunkles Reich, das von keinem Lebewesen bewohnt schien. Auf dem Boden lagen die Scherben eines zerbrochenen bunten Glasfensters.

Etwas in ihm drängte ihn dazu, die bunten, überall zerstreuten Scherben in einer Tasche, die er immer bei sich trug, aufzusammeln. Nur sehr wenig Licht strömte durch das zerbrochene Fenster noch herein, aber zumindest war der Raum nicht ganz dunkel, so dass ein Gang sichtbar wurde, der zu weiteren scheinbar unbewohnten Räume führte. Vorsichtig öffnete der Mann eine halb offenstehende Tür und gerade als er einen Schritt hineinwagen wollte, stieß er an einen lebendigen Körper. Erschrocken zuckte er zusammen, als ein leises Wimmern und Klagen einer ängstlichen Stimme an sein Ohr drang. Kaum sichtbar durch das wenige Licht, erkannte er aber, da seine Augen sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die Gestalt einer Frau, die an einer Säule lehnte. Ihre Haare waren wirr verstrubbelt, aber alles an ihr schien durcheinander; ihr Kleid war zerrissen und sie hatte keine Schuhe an den Füßen. „Wer bist du“, fragte der Mann , und: „Wie kommst du hier her?“ „Was ist das überhaupt für ein Kellerraum, in dem wir sind?“. Die Frau schaute ihn mit aufgerissenen Augen an und sagte lange kein Wort. Dann, als müsste sie erst wieder die verloren gegangenen Worte ihrer Sprache zusammensetzen, öffnete sie den Mund und würgte einige unverständliche Laute hervor, die wie „kraks“ oder „crux“ klangen. Der Mann nahm sie -ohne weiter mit Fragen zu bedrängen- beim Arm und half ihr auf, sie konnte kaum laufen, war sehr geschwächt, konnte sich kaum aufrechthalten, aber mit seiner Hilfe schaffte sie es bis zum Hauptraum, wo durch das zerschlagene Fenster gedämpftes Licht hereinfiel. Der Mann zog seine Jacke aus, legte sie auf den Boden und half der Frau, sich darauf nieder zu lassen. Die Frau legte sich darauf und schlief nach kurzer Zeit ein. Der Mann saß bei ihr und von Müdigkeit übermannt, schlief auch er ein. Im Traum sah er die Frau erneut; sie stand ihm jetzt gegenüber, sie hatte ihre Sprache wieder gefunden und redete klar und deutlich folgenden Satz an den Mann gerichtet: „Wir sind hier im Reich der verlorenen Träume. Aber was suchst Du hier?  Warum bist du denn  hier her gekommen?“

Der Mann schaute mit seinem Gesicht etwas unwissend und verloren zur Erde und gerade als er ihr sagen wollte „Ich weiß es nicht“, sagte er: „Jetzt fällt es mir ein, warum ich hier bin. Jemand, den ich nicht kenne, hat mich beauftragt, deine Träume zu suchen.“

Daraufhin erstarrte die Frau und sie stieß ihre Antwort bitter und trotzig aus ihrem halbverschlossenen Mund heraus: “Ich hatte nie Träume!“ Der Mann schaute sie lange freundlich an ohne etwas zu sagen und legte dann den Arm um sie. Die Frau begann zu schluchzen, über ihre Wangen rollten Tränen, die schließlich zu einem Tränenstrom anschwollen. Als sie aus den Tränenfluten wieder auftauchte, waren ihre Augen hellstrahlend voller Licht, in dem Leid und Kraft sich zu vereinen schienen. „Ja“, sagte sie, „ich hatte Träume, große Träume, Lebensträume, Liebesträume.“ Und es schien, als sie so redete, dass sich ihre Gestalt in die eines Engels verwandelte. Und ihre Stimme klang wie eine hellklingende  Glocke, die all die verlorenen Träume sammeln und herbeirufen wollte. Und sie sprach:

Ich träumte von einer Hand, die mich niemals fallen lässt und mich hält, wenn ich Angst habe, dass alles umsonst und wertlos ist, was ich bin und was ich tue.

Ich träumte von einem Menschen, den ich so lieben würde, dass nicht einmal der Tod etwas anhaben konnte.

Ich träumte von einer neuen Sprache, die alle Dinge so zärtlich benannte, dass auch noch das gröbste Ding durchsichtig werden konnte. Und die wichtigsten Worte in dieser Sprache waren DU und JA.

Ich träumte von einem Schiff, mit dem ich unendlich weit aufs Herzmeer hinaussegeln konnte und über mir nur der Sternenhimmel und der, der ihn geschaffen hat. Ich wollte Sternenbrücken bauen zum Freiheitsklang, zum Kinderherz.

Ich träumte von Blumen,- zart und fein, groß und stark-, bewegt vom sanftem Wind im Atemgarten.

Ich träumte von Lichtwellen, die mich durchströmten und die wie ein unauslöschlicher  Lichtschimmer blieben, wenn ich die Schatten der Nacht durchschritt.

Ich träumte von einem Tanz durch die Dunkelheit wie eine Blinde geführt von Erlösungston zu Erlösungston, Musik aus Verheißungsklängen aus dem Nichts, die alles zu bedeuten schienen.

Ich träumte von einer Wurzelwohnung, die mich vertrauensvoll wärmt und birgt, in der ich bedingungslos sein konnte. Ich träumte von einer Höhle, in der alle Seelennarben zuheilen und im Verborgenen neues Leben heranwächst.

Abstieg ist Aufstieg, Acryl auf Leinwand (Ausschnitt)

Und die Frau rief noch viele, viele andere Träume herbei und als sie geendet hatte, nahm der Mann seine Umhängetasche von der Schulter.  Er holte die zerbrochenen bunten Teile des Glasfensters heraus, die er gesammelt hatte und setzte die Bruchstücke zu einem bunten Mosaik zusammen. „Für dich“, sagte er zu der Frau, „deine Träume“, verlier sie nicht und lass sie dir nicht zerbrechen.

Kurz darauf erwachte ein Mann, der bei einer Wanderung auf einer Wiese sich etwas ausruhen wollte und dabei eingeschlafen war. Als er nach Hause kam, erzählte er seiner Frau: Ich hatte heute einen merkwürdigen Traum, und es war ganz eigenartig und das ist mir noch nie geschehen, dass ich im Traum noch einmal träumte.  Ist doch verrückt, was man nicht alles für komische Sachen träumt.

Gustav Schädlich-Buter

Sein Heimweh verlieren

 

„Wer hat dich geplant, gewollt? Dich bestellt und abgeholt?/Wer hat sein Herz an dich verlor`n ? Warum bist du gebor`n?/Wer hat dich gebor`n ?/ Wer hat sich nach dir gesehnt?/Wer dich an sich gelehnt?/Dich wie du bist akzeptiert,/ dass du dein Heimweh verlierst?…“

Herbert Grönemeyer,  Liedtitel „Zum Meer“, auf der CD Mensch

(Foto privat)

Wer hat mich gewollt? Wer hat mich akzeptiert wie ich bin? Fühle ich mich auf dieser Erde zu Hause? Fühle ich mich willkommen? Wer hat mich in Empfang genommen, mich willkommen geheißen und mir mein Heimweh genommen? Diese Fragen gehen nahe, stimmen nachdenklich, klingen nach…. Der Liedermacher Herbert Grönemeyer stellt sie in seinem Lied „zum Meer“ (erschienen auf der CD Mensch).

Wer hat mich akzeptiert so wie ich bin? Unglaublich viele Menschen fühlen sich nicht wirklich akzeptiert und geliebt. Manche fühlen sich aufgrund ihrer Andersheit, ihres Aussehens, ihrer Behinderung, ihrer körperlichen oder seelischen Einschränkung abgelehnt, ohne Ansehen und schämen sich, dass sie so sind wie sie sind.

Wieder andere Menschen fühlen sich nicht willkommen, gerade, wenn sie aus Ländern fliehen mussten, in denen bittere Armut, unbarmherzige Ausbeutung, Gewalt und Kriege an der Tagesordnung waren.

Es macht bedrückt und traurig, wenn man sich auf dieser Erde nicht willkommen weiß. Wer von einer Gesellschaft oder Gemeinschaft abgelehnt wird, den macht die beängstigende Erfahrung des Ausgeschlossenseins nicht selten aggressiv oder hart. Wieder andere überspielen die Wunde der inneren Heimatlosigkeit mit Geschäftigkeit und Hyperaktivität. Sie wollen über ihre Leistung anerkannt werden. Wer sich nicht willkommen und geliebt fühlt, bleibt irgendwie unbehaust und fremd: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, heißt es im Liederzyklus von Schubert`s Winterreise.

Geliebt vom ersten Atemzug an und schon vorher, geliebt „ohne- wenn- und- aber“, ohne Bedingung und Leistungsnachweis,- das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Glaube an ein großes Ja einer verschwenderischen Liebe, das über unser Leben gesprochen sein soll, scheint für viele Menschen nicht spürbar und verdunkelt. „Warum bin ich überhaupt geboren?“, ist dann die dazugehörige Frage, wenn das Ja sich in ein Nein verwandelt hat; wenn ein Panzer der Selbstablehnung und Feindschaft sich selbst und anderen gegenüber das Grundgefühl bestimmt.

Gut, wenn es dann wenigstens noch das Heimweh gibt, die Spur einer Erinnerung an einen „Ort“, an eine Gemeinschaft, an eine Liebe, die mich ankommen lässt, die mich leben lässt, die mich aufatmen lässt, in der ich willkommen bin.

Wer willkommen geheißen wird, dem wandelt sich Fremdheit in Vertrautheit und er fängt an, sein Heimweh zu verlieren.

Sobald wir Menschen einander willkommen heißen ohne Bedingungen oder die Erfüllung von Aufnahmekriterien für die jeweilige Gruppe, der wir zugehören, entsteht eine Verbindung und wir spüren, dass wir zusammengehören. Jede und jeder von uns, trägt in sich eine Begabung, dem Anderen dieses Willkommens-Ja zuzusprechen.
Wie gut kann ein einladendes Wort tun, ein Lachen, ein wertschätzender Blick, eine Geste der Zuneigung- sie alle sagen: Gut, dass es dich gibt – willkommen Bruder oder Schwester auf dieser Erde und auf dieser unserer gemeinsamen Lebensreise zum „Meer“ oder zum „Himmel“.

Einen Namen haben

Vor einigen Jahren hat der Film „Der mit dem Wolf tanzt“ das Publikum begeistert: Der Film spielt im amerikanischen Bürgerkrieg 1864. John J. Dunbar, Lieutnant der Nordstaaten- Armee wird auf den westlichsten Außenposten versetzt, den es gibt. Dort findet er nichts vor als einen verlassenen Posten und einen Wolf, der immer wieder in seine Nähe kommt. Er schließt mit diesem Wolf, der ihn regelmäßig besucht, Freundschaft und gibt ihm den Namen „Socke“. Als er mit dem Wolf herumspielt, beobachten Lakota Indianer diese Szene und sind davon beeindruckt.

Es ergeben sich die ersten Annäherungsversuche zwischen den beiden Kulturen und der frühere Lieutnant Dunbar verschmilzt immer mehr mit den Sitten der Indianer, bis schließlich aus dem Soldaten ein Mitglied des Indianerstammes wird. Von den Indianern erhält er Dunbar seinen neuen Namen: „Der mit dem Wolf tanzt“. Der neue Name bringt seine neue Identität zum Ausdruck.

Der Film zeigt : Namen sind alles andere als Schall und Rauch. Es macht etwas mit uns, wenn wir unseren Namen hören und mit ihm angesprochen werden. Jede und jeder hat seit seiner Geburt eine lange Geschichte mit seinem Namen. Wer hat alles meinen Namen gesagt und wie? Wie sage ich ihn heute selbst? Welchen Klang verbinde ich damit, wenn mein Vater oder meine Mutter mich gerufen haben, wie wurde ich in der Schule genannt? Wie höre ich heute meinen Namen ausgesprochen : liebevoll, wertschätzend, zärtlich, klar, weich, hart, achtlos, fordernd, gebrüllt…?, -achten Sie einmal darauf? Wer spricht mich so an, dass ich mich gemeint fühle und zuhöre.

Manchmal komme ich, wenn ich mich mit meinen Namen gerufen höre, in Berührung mit meiner Besonderheit und meiner Aufgabe. Und manchmal bekomme ich einen neuen Namen, um die Besonderheit oder das Neue meines Lebens und meiner Aufgabe zu erfassen.

Namen haben oft eine Bedeutung. Haben sie schon einmal über die Bedeutung Ihres Namens nachgeforscht? Manchmal ist im Namen eine ganze Lebensaufgabe, ein Lebensprogramm versteckt. Johannes heißt „Gott ist gnädig“, Hugo ist der Kluge und Felix der Glückliche. Wenn ich Peter heiße, was der Fels bedeutet, könnte ich mich fragen, wer sich auf mich stützen kann, wem ich zum Fels geworden bin. Oder wenn ich wie Hildegard mit der Bedeutung “die im Kampf Schützende“ heiße, könnte ich dem nachgehen, wen ich schütze oder wem ich Schutz im Leben anbiete ? (vgl. Anselm Grün, Wurzeln, Festen Halt im Leben finden, ,
Münsterschwarzach 2012, S.34 f.)

Wenn ich meinen Namen höre und mich gemeint fühle, komme ich in Kontakt mit meiner Tiefe und spüre etwas vom innersten Wesen, vom Geheimnis meines einmaligen Lebens . Mit meinem Namen kann ich etwas vom Glück,  gewollt und angenommen zu sein,  spüren. Angenommen ohne Bedingungen (grundlos, vor aller Leistung, umsonst – im Sinne von gratis), eine Würde haben, ein Geschenk sein an diese Welt, egal ob mein Leben von außen betrachtet ärmlich, zurückgesetzt oder angewiesen aussehen mag.

Theologen reden davon, dass der Mensch aus einem Anruf Gottes stammt, dass jeder Mensch von einer großen Liebe ins Leben gerufen wurde zu deren Widerschein er werden kann auch als kranker, behinderter oder sterbender Mensch.

Zum Nachdenken:
Was bedeutet mir mein Name?

Welche Bedeutung steckt in meinem Namen?

Von wem werde ich gerne angesprochen?

Literatur zur Vertiefung:

Anselm Grün, Wurzeln, Festen Halt im Leben finden,
Münsterschwarzach 2012

Seelenreisen-der Weg des Parzival

Zu allen Zeiten wurde der Lebensweg von Menschen mit Reise und dem Wegmotiv verbunden: Odysseus in Homer`s Epos , Abraham oder Mose im Alten Testament oder die göttliche Komödie von Dante geben davon ein literarisches Zeugnis. Viele Mythen und Legenden, auch die Ritterromane des Mittelalters, schildern in symbolischer Sprache, welche Gefahren und Abenteuer auf dem Lebensweg zu bestehen sind bei der Suche nach einem sinnvollen und authentischem Leben. Im Grund ließe sich jeder Lebensweg mit etwas Phantasie als eine Abenteuergeschichte erzählen. Das „Unterwegssein“ ist dabei vorallem als Reise der Seele zu verstehen, als Wandlungsweg, auf dem es Um- und Irrwege, Selber-machen und Geführt-werden, Verzweiflung und Erlösung gibt.

Wolfram von Eschenbach (1170-1220) hat eine Geschichte auf deutsch aufgeschrieben, die erstmals im 12. Jahrhundert von dem französischen Dichter Cretien de Troyes noch unvollendet schriftlich vorlag; es ist die Geschichte von Parzival und seiner Suche nach dem heiligen Gral, dies ist eine symbolische Erzählung, die beschreibt wie wir über Fehler, Schuld und Umwege, Erkenntnis gewinnen und schließlich zur Erfüllung unseres Lebensauftrages heranreifen können. Die Parzivalerzählung beschreibt einen Wandlungs- und Reifungsweg, der mit der Gralssuche auch die spirituelle Suche des Menschen einbezieht (leider wurde diese zeitlose archetypisch Geschichte auch von den Nazis und deren Zwecke missbraucht!)
Ich möchte die Parzivalerzählung aufgreifen, weil große Mythen der Seele Raum geben, die eigene Lebensgeschichte darin zu entdecken
Die Geschichte lässt sich kurz so zusammenfassen: Parzival`s Mutter Herzeloide (Herzleid, schweres Herz) will nach dem Tod ihres Mannes, ihren Sohn Parzival (Name steht für „vollkommener Narr“)vor der kriegerischen und aggressiven Welt verstecken; sie verheimlicht ihm dessen königliche Herkunft und zieht ihn in einer Waldwildnis auf. Doch bei einem seiner Streifzüge entdeckt Parzival drei glanzvolle Ritter, ist von deren männlicher Energie fasziniert und will aus der mütterlichen Geborgenheit (in einer Welt ohne Vater) zum Hofe von König Artus ausziehen, um wie jene zu werden.

Seine Mutter näht ihm ein Narrengewand, damit man ihn in der gefährlichen Welt draußen nicht so ernst nimmt. Wie zu erwarten, richtet der naive Parzival zuerst einmal Schaden an: er erschlägt mit Glück einen gefährlichen Ritter, schlüpft in dessen Rüstung und ist damit mit Machtinsignien ausgestattet, für die es in seinem Inneren keine Entsprechung gibt. Unter der Rüstung behält er das Gewand seiner Mutter an, ist also trotz glanzvoller Rüstung weiterhin ein Muttersöhnchen.
Auch in der Liebe ist Parzival naiv und es wird deutlich, dass er noch unfähig ist zu echter Liebe und Beziehung. Zu konform befolgt er auch die Regeln des Hofes und seiner Mutter, weil er alles richtig machen will. Noch ist er für seine eigentliche Lebensreise zu angepasst. Er ahnt auch nicht ansatzweise seine wahre Bestimmung: nämlich den Gral zu finden (der Gral-ein heiliger Kelche, Schale ist  letztlich ein Symbol für die Gottsuche)und König zu werden, der das zerstörte Land heilt. Als er dann eher zufällig das Gralsschloss (auch ein Symbol für die Seele) findet, stellt er dem verwundeten und kraftlosen Gralskönig Anfortas nicht die entscheidende Frage „Woran leidest du?“ und verpasst so dessen Erlösung.

Der schöne Parzival gefällt sich zunächst am Tisch der Tafelrunde von Artus, dieser mächtigen Männerrunde, aus den Stärksten, Besten und Erfolgreichsten. Eine Wendung geschieht erst durch die Hexe und Gralsbotin Kundry. Jene ist hässlich, aber gebildet und vorallem mitleidsfähig; sie stört die Männerharmonie der Tafelrunde, verflucht Parzival für das Unterlassen der Erlösungsfrage, die König Anfortas erlöst hätte.

Durch Kundry werden Parzival seine inneren Schwächen bewusst. Es fehlt ihm vorallem an Empathie für Verwundete, an Mitleid für Schwache, an Erbarmen und Treue. Sein Versagen sei auch ein Versagen vor Gott. Parzival steht für den naiven Mann, der sein Leben verklärt und sich einzig mit seinen Erfolgen identifiziert; er hat kein Bewusstsein für die eigenen Schattenseiten und Schwächen. Erst im Verlassen des schönen Scheins von Macht und Erfolg, durch Scheitern und Schuldeinsicht, kann er weiter reifen.
Parzival muss noch einmal hinaus in die Wildnis und Ödnis. Dort irrt er zunächst ziellos umher, erlebt den gesellschaftlichen Tod, begegnet seinem Versagen und seinen Schattenseiten, ist fern von Gott. Doch er bekommt auch Hilfe und Unterstützung. Ein Weg, der notwendig ist, um seine Lebensaufgabe zu erfüllen .

Das erinnert uns an Situationen, wo uns all das aufgeht, was in unserem eigenen Leben falsch und Lebenslüge war; Situationen, an denen uns die Kontrolle über unser Leben abhanden gekommen ist und scheinbare Sicherheiten und Identifikationen zerbrechen. „Einzig unsere Wunden sind demütigend genug, um unser Festhalten am falschen Selbst aufzubrechen, und zugleich stark genug, um unser Verlangen nach dem wahren Selbst zu wecken“, schreibt der Franziskaner Richard Rohr in seinem Buch Adam`s Return (deutsch, S.71)
Erst der „Geläuterte“ und zum Mitleid fähige, kann das Land erlösen und zur eigenen Wahrheit hinfinden. Der naive Parzival muss „sterben“, d.h. sein altes Ego loslassen, damit er zu Größerem fähig wird. Als Parzival die Zügel seines Kampfrosses loslässt, bringt ihn jenes zum Gralsschloss, wo er die entscheidende Frage stellen kann und als geläuterter König das Land erlösen kann.

Impuls zum Nachdenken:
Welche Stelle der Geschichte kommt mir bezüglich meines eigenen Lebens bekannt vor?
Welcher Entwicklungsschritt könnte bei mir anstehen?
Wem kann ich (aus Mitleid, nicht aus Neugier)die Frage stellen: „Woran leidest du?“
Schreibe dein Leben als Abenteuergeschichte auf!

Literatur zum Vertiefen:
Auguste Lechner, Parzival: Auf der Suche nach der Gralsburg, Taschenbuch – 1979, dies ist ein leicht zu lesende Wiedergabe in einer zeitgemäßen Sprache, sehr empfehlenswert (auch für Jugendliche)

Eschenbach, Wolfram von: Parzival 1 + Parzival II, Text und Kommentar, Mittelhochdeutsch und Hochdeutsch, übertragen von Dieter Kühn, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 2015