Kreuz– Symbol für das Leid dieser Welt und Zeichen der Hoffnung


Aus einer theologischen Perspektive gehören Leid, Schuld, Scheitern und Ungerechtigkeit zentral zum menschlichen Leben, das oft nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Nicht umsonst ist das Kreuz zentrales Erlösungssymbol der Christen. Das Leiden und Scheitern hat nicht das letzte Wort, sondern ist ein Durchgangsweg zur Auferstehung und zu neuem, verwandeltem Leben; insofern dient der Weg Jesu auch als Modell für menschliche Transformationsprozesse. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“, lautet das Geheimnis des Glaubens. Christliche Hoffnung ist kein blinder Optimismus, sondern eine Gewissheit, die durch die Erfahrung des Kreuzes hindurchgegangen ist. Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass ein „Anderer“ (Gott) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt. Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will. Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.
Gemeinschaft der Verwundeten

Ich kenne nahezu keinen Menschen über Fünfzig, der nicht einen „Riss“, einen Bruch, einen Verlust, eine schwere Niederlage in seinem Leben erlitten hat: tragische Verluste geliebter Menschen, Scheitern in einer Beziehung, Verlust der Arbeit, ein unerfüllter Kinderwunsch, ein geplatzter Lebenstraum, eine unbewältigte Schuld, die auf der Seele lastet, eine Sucht, die man nicht loswird und so manch andere Laste und „Kreuze“ des Lebens. Oftmals passiert es, dass Menschen nicht zu ihrer Verletzlichkeit stehen und einen dicken Panzer über das legen, was wehtut und schmerzhaft ist, einerseits aus Scham oder Angst, Schwäche könnte ausgenutzt werden, andererseits, um die Wunde selbst nicht mehr fühlen und betrauern zu müssen. Dabei sind die Risse des Lebens auch eine Chance, sich zu wandeln, in einen Prozess der Humanisierung einzutreten, sich von einer rein egozentrischen und instinkthaften Lebensweise zu lösen, und dabei das Wesentliche des Lebens zu erkennen und vom Vorläufigen zu unterscheiden. Vieles vergeht, worauf wir womöglich in einer bestimmten Lebensphase stolz waren: die Attraktivität und Vitalität des Körpers, die Erfolge und Auszeichnungen im Beruf, Rollen, die wir im Leben gespielt haben, …all das wird plötzlich weniger wichtig oder gar völlig bedeutungslos, und die Frage kann auftauchen: Was bleibt? Was trägt? Was hat Bestand?
Gerade die „Risse“ unseres Lebens, die im Alter nahekommende Angewiesenheit, Ohnmacht und Unbeholfenheit kann uns zu einem tieferen Sinn des Lebens führen. Und wo wir Menschen finden, denen wir nichts vormachen müssen, die auf alle Formen des Wichtigmachens und Imponiergehabes verzichten an Orten, wo unser Leben in seiner Ganzheit mit Stärken und Schwächen da sein darf, entsteht oft eine tiefere Gemeinschaft der Verbundenheit. Die Risse des Lebens können uns öffnen, damit das göttliche Licht in unsere Seele strömen kann, und wir beginnen, tiefer zu sehen und zu leben.
Auferstehung – Passage durch Dunkelheit und Leid zu neuem Leben

Um in der Akzeptanz des Verlustes, der Trauer um Unwiederbringliches, im Scheitern von Lebensplanungen nicht aufzugeben und Hoffnung zu finden, ist es wichtig durch den Schmerz, das Leiden und die Trauer zu gehen, manchmal auch nur auszuhalten, was mir da widerfährt. Emmy Werner sagt zu resilienten Menschen „vulnerable but invincible“, und meint, dass es sich bei diesen Menschen nicht um unverwundbare Helden/Held*innen handelt, sondern nur, dass sie sich durch die Lebenskrisen nicht unterkriegen lassen und dadurch ein psychisches Immunsystem entwickeln. Für die Reifung durch eine Krise gibt es kein Rezept, aber wer es wagt, sich mit seinen Lebenswunden anderen Menschen oder Gott zu öffnen und anzuvertrauen, für den entspringt nicht selten eine Quelle der Hoffnung.
Biblisch könnte man an dieser Stelle an das Paulus Wort denken: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10) Es gilt im Prozess der Verarbeitung auch die dunklen Gefühle (auch Suizidgedanken), die offenen und ungelösten Fragen, die mit der Lebenskrise einhergehende Verunsicherung und Verzweiflung, die Frage nach dem Sinn dessen, was mir das Leben zugemutet und auferlegt hat, die Leere, in der sich kein Gott zeigen will (vgl. das Gedicht von Jean Paul „Siebenkäs“),….zu stellen. Das Leid bleibt unerlöst, wenn es keinen Ausdruck findet. Wer sich verletzlich zeigt, eröffnet Reifungsprozesse.
Never give up!“


„Das Christentum ist vor allem eine Religion für Menschen, die einen tiefen Riss erlebt haben“ (Thomas Merton)
„Heute würde ich sagen, es ist wie die Auferstehung von den Toten gewesen“, sagte mir jemand im Gespräch. Nur, dass es körperlich keine Auferstehung mehr sein konnte, weil die betroffene Person dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen war. Viele Monate im Koma auf der Intensivstation und zahlreiche Reha-Aufenthalte nach einem schweren Unfall lagen hinter ihm. Zeiten der Dunkelheit und Verzweiflung und der Gedanke, ganz aufgeben zu wollen, lagen nicht fern. Doch er hat es geschafft und weiß, dass es mehr war als sein eigener Überlebenswille, der allein nie ausgereicht hätte, um wieder nach oben und ans „Licht“ zu kommen. Woher kam die Kraft, nicht aufzugeben? Woher die Fähigkeit, die Situation, wie sie ist, zu akzeptieren? Woher kam das Licht der Hoffnung, das einen Weg gewiesen hat in diesem Dunkel des Verlustes? Diese Fragen reichen in das Geheimnis des Lebens überhaupt.
Glaubende Menschen bringen diese Erfahrung des „Durchkommens“ durch Leid und Ausweglosigkeit mit Gott in Verbindung, mit seiner Liebeskraft, die uns am Leben halten will und die gerade dort auftauchen kann, wo unser Ego und unser eigener Wille am Ende ist. Sicher waren es auch die nahen Menschen, die mit ihrer Liebe beigestanden sind und Mittler dieser heilenden göttlichen Liebeskraft waren. Andere merken nur, dass sich etwas in ihrem Leben grundlegend verwandelt hat, interpretieren das aber nicht mit einer religiösen Sprache. „There is a crack in everything, that`s how the light gets in” (“Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein”) – so drückt der Songpoet Leonard Cohen in seinem Lied “Anthem” dieselbe Erfahrung etwas anders aus.
Christen finden in den Rissen des Lebens, in ihrem Leid eine Verbindung zum Leben Jesu, zu seinem Leben mit Sterben und Tod, aber auch zu seiner Auferstehung, das ihnen als Modell für das eigene Leben dient.
Leid, Schmerz oder Gefühle der Ausweglosigkeit haben dadurch nicht das letzte Wort und die glaubende Gewissheit, dass sich eine Tür öffnen wird, auch wenn sie womöglich im Moment noch nicht sichtbar ist, bestärkt die Kraft der Hoffnung und des Durchhaltenkönnens.
Zur Freiheit berufen– durch die Dunkelheit und die Strudel des Lebens ins Licht

Die französische Sängerin Zaz, mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy, beschreibt in Ihrem Lied „Tout la-haut“ einen Aufstieg; ein Aufstieg der Seele, ein Aufstieg zum wahren Selbst jenseits falscher Gewissheiten und Sicherheiten. Jenseits von Schein und nach außen gezeigten unbeschwerten Masken, so der Liedtext, liegt oft ein verletztes und verbranntes Kind. Hinter dem selbstsicheren Ego lauern die versteckten Risse der Kindheit. Der Weg nach oben bedeutet für die Sängerin, das Wahre vom Falschen zu entwirren; dabei ist es wichtig, die Einsamkeit und Ruhe schätzen zu lernen, von den Künstlichkeiten zu lassen, um endlich herauszufinden, warum wir existieren und warum wir uns gegen manches wehren. Sie fordert den Hörer des Liedes auf, diesen Weg nach oben zu nehmen, der im Grunde eher einem Abstieg gleicht, in die Tiefen und versteckten Verletzungen des inneren Kindes, und der verlangt, die Täuschungen und falschen Selbstsicherheiten zu entlarven. (zum Lied: ZAZ – Tout là-haut (Clip officiel) – Bing video)
Die Sängerin Zaz beschreibt im Grunde einen Heilungsweg, der immer dort beginnt, wo wir anfangen und riskieren in der Gegenwart eines anderen über das zu reden, was uns am meisten verletzt. Die gebrochenen und verletzten Stellen in uns brauchen die meiste Liebe und Barmherzigkeit; denn gerade dort, wo wir keinen Ort und keinen Menschen haben, dem wir uns öffnen können, gibt es eine Neigung in uns, uns selbst zu betrafen und „runter“ zu ziehen. Wer sich nicht willkommen und übersehen fühlt, neigt nicht selten zu einer trotzigen Fassade, welche die Trauer über die Ablehnung und die innere Unsicherheit überspielt und zu einem Leben im falschen Selbst führt.
Das wahre Selbst zu entdecken, ist eine der zentralen Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. Dazu ist unabdingbar den eigenen Wunden zu begegnen. Verletzungen, die jemand verbirgt, können zur Selbstverachtung und zur Überzeugung führen, nichts wert zu sein. Ohne Kommunikation und Offenheit entwickelt sich kein gesundes Zugehörigkeitsgefühl und ohne die unbedingte Liebe von jemanden, der an uns glaubt und will, dass wir leben, entwickelt sich ein psychisches Schuldgefühl, nicht liebenswert zu sein
In die Tiefe hinabsteigen, dem Schatten begegnen und sich vom falschen Selbst befreien

Zur Bildbetrachtung: Hinabsteigen in die Schattengebiete unseres Lebens
Es gehen uns die Augen auf wie im Fegefeuer: wir sehen all das Zerbrochene, unsere Schwächen und Fehler, die gescheiterten Bemühungen, all das, was nicht geklappt hat, im Leben; wir spüren den Riss, der sich durch unseren Körper und noch mehr durch unsere Seele zieht, wir spüren den Schmerz über das erlebte Böse und unsere Wunden, und auch das Böse und Erniedrigende , das wir anderen angetan haben, die schnellen Urteile und Verurteilungen, die ganze Schuldhaftigkeit des eigenen Handelns.
Wir sehen im Licht den dunklen Schatten, der in unserem Leben mitgezogen ist, und sogar im scheinbar Guten noch anwesend war, die Düsternis, die Verwirrung, der Zweifel, die Faulheit und Trägheit für die gute Wahl und die guten Entscheidungen, die Enttäuschungen und Selbsttäuschungen, die Illusionen und Fehleinschätzungen…. es bleibt mit den geöffneten Augen ein unabwendbarer Schmerz, über das ungelebte und verpasste Leben, über die Unaufrichtigkeit, über Falschheit und Verlogenheit, über den Verrat an der Wahrheit. Der Schmerz über das Unklare und Verschwommene in der eigenen Seele und in den eigenen Worten. Der Schmerz über den Sieg des Misstrauens über das Vertrauen; aber wir erkennen auch das schicksalhaft Hineinverwobenwerden in Umstände, die wir persönlich nicht in den Händen hatten, die weitergegebene Schuld durch Familie oder Nation….Wer durch die dunklen Tiefen der eigenen Existenz hindurchgeht, durchlebet und durchleidet, kann als neuer Mensch aufwachen und mit Schwung sein Leben in verwandelter Weise neu beginnen.
Aktualisierung:
Das Leben von Philippe Pozzo di Borgo, der bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery war, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, ist vielen bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“. Er berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor Mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:
„Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht. […] All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns. […] Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen, sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken.“ (Pozzo di Borgo u. a. 2012, 8f.)
Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz, so Pozzo di Borgo, werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewige Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit, sondern führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen. Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen statt Gleichgültigkeit für das Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.“ (in Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.89)
Lasten abwerfen und sich der Seelenführung anvertrauen

In der Psychologie C.G. Jungs ist die Psyche ein sehr dynamisches System, das Einseitigkeiten immer auszugleichen versucht. Die Anima, nach C.G. Jung ein Archetyp der menschlichen Seele, hat eine vermittelnde Funktion zwischen Bewusstsein und Unbewusstem und so die Rolle einer Mittlerin (mediatrix). Von C.G. Jung wird die Anima als das Passiv- Weibliche im Mann beschrieben.
Immer wieder läuft die Seele Gefahr im normierten, geschäftigen Alltag, hinter den tagtäglichen (oft kleinkarrierten) Anpassungen, Kompromissen und Notwendigkeiten verloren zu gehen. Dort wo die Anima ins Leben einbricht, werden die vielen verschütteten und verdrängten Gefühle oft schmerzhaft bewusst. Während die Beziehung zur Anima verwurzelt, ist heute das Gegenteil, nämlich der Animaverlust in Form einer umfassenden Entwurzelung und eines tiefgreifenden Seelenverlustes in der modernen Gesellschaft zu beobachten: „Der einzelne steht einem ungeheuren Apparat schwer durchschaubarer und nicht beeinflussbarer Vernetzungen und Komplexitäten wirtschaftlicher, politischer und kulturhistorisch gewachsener Systeme gegenüber…..´Ein verwalteter, zeitlich verplanter Alltag, die in technische und institutionelle Zwänge gefasste und entfremdete Arbeitswelt, das Dickicht der Städte, die Konsumgesellschaft mit ihrer repressiven Toleranz und den in der Verführung versteckten Zwängen, die Ausbeutung und Unterdrückung der Machtlosen,(..) die Schädigung der Umwelt, die drohende Verarmung und endgültige Zerstörung unseres Planeten…Daneben sehe ich weitere Gründe der Entwurzelung in der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und der daraus folgenden Vereinzelung und Vereinsamung…Unser Gesellschaftssystem erfüllt immer weniger das Bedürfnis der Seele nach Heimat und Zugehörigkeit.“ (Daniela Heisig, Die Anima, Archetyp des Lebendigen, Zürich und Düsseldorf1996, S. 201) Die Rückverbindung (re-ligio; re-ligare)mit der inneren Welt und das Wissen um eine transzendente Existenz gehen zunehmend verloren. Demgegenüber spielt sich der Mensch als Beherrscher der Magna Mater auf, was z.B. in der ökologischen Zerstörung zum Ausdruck kommt.
Die Anima umfasst als Mutterarchetyp alle Aspekte des Pflegens, Behütens und der Unterstützung von Entwicklung. Der Trappistenmönch Thomas Merton (1915-1968) beschreibt in seinen Tagebüchern einen eigenartigen Traum von einer „Schwarzen Mutter“: „Ich erkannte, dass ich zu einem Wiedersehen mit …einer Pflegemutter hierher gekommen war, die ich in meiner Kindheit geliebt hatte. Ich verdankte ihrer Liebe, so schien es, mein Leben, so dass es eigentlich sie war und nicht meine leibliche Mutter, die ich in meiner Kindheit geliebt hatte. Als ob aus ihrer Hand ein neues Leben gekommen war, und dort war sie. Ihr Gesicht war hässlich und ernst, doch eine großartige Wärme ging von ihr zu mir aus und wir umarmten einander in großer Liebe (und mit viel Dankbarkeit)….Wir tanzten einwenig miteinander, ich und meine schwarze Mutter, und dann musste ich die Reise fortsetzen…“ (P. Hart, J. Montaldo, Thomas Merton, der Mönch der sieben Stufen, Ein Leben in Selbstzeugnissen, S.212)
Als Sophia symbolisiert die Anima die Weisheit. Sie ist Schöpfungsmittlerin, die da war, bevor die Erde erschaffen wurde; durch ihre Erkenntnisse hat der Schöpfer die Erde erschaffen (vgl. Sprichwörter 8, 22-31). Sophia ist die Verkörperung der Weisheit und Quelle der Erleuchtung.
Thomas Merton, Schriftsteller und Mönch, verfasst 1960 einen Text über die Sophia: „Sophia, das weibliche Kind, spielt in der Welt, offenkundig und unerkannt, spielt allezeit unter den Augen des Schöpfers . Es ist ihre Wonne bei den Menschenkindern zu sein (Sprichwörter 8,31). Sie ist ihre Schwester. Der Lebenskern, der in allen Dingen west, ist Zärtlichkeit, Erbarmen, Jungfräulichkeit, ist das Licht und das Leben, insofern es passiv ist, also etwas Empfangenes, Geschenktes, etwas Angenommenes, etwas, was als Gabe Gottes unerschöpflich erneuert wird. Sophia ist Gabe, ist Geist, Donum Dei. Sophia ist das Erbarmen Gottes in uns. Sie ist Zärtlichkeit, mit der die unendlich geheimnisvolle Macht des Verzeihens die Finsternis unserer Sünden in das Licht der Gnade umkehrt. Sie ist der unerschöpfliche Brunnen der Güte und scheint in sich selbst gar nichts anderes zu sein als Erbarmen….Sie ist in uns die versöhnliche und zärtliche Ergänzung der Allmacht, Gerechtigkeit und Schöpferwucht des Vaters.“ (T. Merton, Zeiten der Stille, hrsg. von B. Schellenberger, S. 128 f.)
tationshocker aufzuspringen, und dem Menschen, der mich jetzt braucht, beizustehen.
Freiheit, Individuation und Heimweh

Was im Innersten angelegt ist, drängt zur Entfaltung, aber es braucht auch deine Mithilfe, die vorallem darin besteht, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die das Leuchten deines ureigenen Lebens verhindern. Was für Hindernisse sind das für Dich ganz persönlich?
Was uns antreibt, ist eine in uns geheimnisvoll wirkende Kraft, die wir vielleicht als Heimweh erleben, als eine Sehnsucht nach mehr als allem, eine Unzufriedenheit, die uns auf eine Reise schickt und zugleich wie ein Magnet uns lockt, die wahre Heimat zu suchen, ganz bei sich anzukommen und dabei zugleich Gott zu entdecken.
Mensch im Werden– Ich bin noch nicht, aber ich werde

Der Philosoph, Theologe und Mystiker Maurice Zundel (1897-1975) brachte bei der Frage „Was ist der Mensch?“ ins Spiel, dass der Mensch sein Menschsein erst erlangen muss und zwar durch kreative, schöpferische und verantwortungsvolle Bearbeitung seiner Natur. Sein Verständnis des Menschseins drückte er in der Formel aus: „Ich bin nicht, aber ich kann sein.“ Hintergrund für diese Sicht des Menschen war eine Gesellschaft, die im 20. Jahrhundert durch Kriege, nationalsozialistische und faschistische Politik, Rassismus und Kapitalismus und andere ideologische Strömungen den Menschen entmenschlicht haben und nur noch sein vorgefertigtes, biologisches, besitzergreifendes und instinktives Ich zum Vorschein brachten. Dieses gilt es in einem Prozess der Humanisierung zu überwinden, und sein wahres Menschsein, sein neues Ich durch eine neue Geburt zu erlangen. Zundel empfiehlt dafür drei Wege, diesem „heimlichen Geschehen in uns“ Raum und Kraft zu geben: die Betrachtung des Schönen in der Begegnung mit der Kunst (es gilt die „Durchsichtigkeit“ der Dinge als Gleichnis , das auf den Schöpfer hinweist) zu entdecken, und für Zundel eine Form des Gebets ist), die Suche nach dem Wahren in der Wissenschaft, und die Erfahrung des Guten in den mitmenschlichen Beziehungen.
Dieser Prozess der Humanisierung, der Begegnung mit sich selbst, steht für Zundel in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der persönlichen Gotteserfahrung, der göttlichen Wirklichkeit (Présence), die dem Menschen innewohnt. Aufrüttelnde Aussage Zundels fallen in diesem Zusammenhang: „Ich glaube nicht an Gott, ich durchlebe ihn!“ Das Leben selbst ist die spirituelle Quelle, auch die Nacht des Lebens. (vgl. zur Vertiefung, Maurice Zundel, „Ich ist ein anderer“, Ausgewählte Texte, hrsg. und übersetzt von Claude Bachmann und Alois Odermatt, Zürich 2025,2026)
Text 2:
Was ist der Mensch? Glaubst du an den Menschen?
Er ist verletzlicher als er meist zugibt. Er ist bedürftiger nach Liebe und Zuwendung als seine Autonomiebestrebungen vermuten lassen. Er ist schwächer als der Panzer seiner seiner zur Schau gestellten Unverwundbarkeit erahnen lässt. Er ist verwundbar- auch dem, der das Glück und die Sonnenseite gepachtet zu haben glaubt, kann das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machen. Ich glaube an den Menschen, der ein zerbrechliches Wesen ist, angewiesen auf andere, der Unterstützung braucht, aber auch selbst mitfühlend sein kann und fürsorglich, selbstlos sich engagierend, lebendig und unkonventionell, spielerisch und humorvoll, dankbar und segnend.
Doch heute sind wir oftmals gerade bei Menschen, die Staaten lenken sollten, und für viele Verantwortung tragen mit einem Zerrbild des Menschen konfrontiert, von dem wir womöglich mit Recht sagen müssen: Der Mensch in seinem eigentlichen Sinne existiert noch nicht. Einige Adjektive mögen ihn charakterisieren: verpanzert, isoliert, hinterhältig, lügnerisch, egoistisch, brutal, gewalttätig, ausbeuterisch, skrupellos, zynisch, Macht missbrauchend, habgierig, verleumderisch….oder in längeren Sätzen ausgedrückt: skrupellose Menschen, die über Leichen gehen, eiskalte Typen, die mit allen Wassern gewaschen sind, Lügner, für die Wahrhaftigkeit und Wahrheit wertlos ist…
Glaubst du an den Menschen?
„Der Mensch existiert nicht“ (Maurice Zundel) – oder wie wir die verlorene Würde wiederfinden

Wie wäre es wohl in unserer Welt, wenn wir einander so begegnen würden, dass wir im Gegenüber, sogar im Unsympathischen und Feind, einen Menschen mit einer unbedingten Würde sehen könnten? Wenn der Andere zuerst als Mensch mit seiner Einmaligkeit verstanden und erlebt würde, als einer, der Gefühle hat wir wir, der verletzbar ist wie wir selbst, der sich nach Annahme und Frieden sehnt und dem wir zuerst mit Respekt begegnen trotz unterschiedlicher Überzeugungen, statt einander in Schubladen zu stecken oder in annonymer Weise mit Hasstiraden zu überziehen. Das wäre eine Auferstehung des wahren Menschen, ein Rückgewinn der Menschlichkeit, einen Befreiung des verobjektivierten Menschen zum Subjektsein.
„Adam, wo bist du?“ Hast du deine Größe vergessen, die dich im Innersten ausmacht? Hast du vergessen, dass du eine unbedingte Würde hast? Hast du vergessen, dass du als Gefäß des heiligen Geistes erschaffen wurdest, dass du einen kostbaren Schatz in Dir trägst?
Geburtsprozess

Weil Gott mit seiner Menschwerdung auch in die Tiefen und Niederungen unserer Seele hinabgestiegen ist, sein Licht unsere Dunkelheit erhellt, kann dort Verwandlung und Neuwerdung geschehen; er nimmt uns die Angst vor dem Abstieg, der notwendig ist, damit eine tiefgreifende Verwandlung unseres Seins geschehen kann. Ohne die Konfrontation mit dem allzu Menschlichen und dem was C.G. Jung „Schatten“ nennt, bleibt das seelische Geschehen an der Oberfläche. Die Geburtsgeschichte Jesu geschieht ja nicht in einem Palast, sondern im „Stall“, womit die Bildmotive das eben Gesagte bestätigen.
Weil Jesus aus dieser ursprünglichen Quelle, aus diesem Gottesbezug-der „Abba-wirklichkeit“ schöpft und lebt, geschieht durch ihn Heilung und Verwandlung und es realisiert sich das, was das Evangelium Reich Gottes nennt: Gekrümmte und Verkrümmte richten sich auf, Stumme beginnen zu reden, Geizhälse werden großzügig, Kranke werden gesund und die inneren und äußeren Dämonen verschwinden.
Die Philosophin Hannah Arendt spricht von der Geburtlichkeit des Menschen (Natalität) und meint, dass mit jedem neugeborenen Kind die Welt noch einmal von vorne anfängt. Und so können wir mit jedem neugeborenen Kind in den Sog des Neuanfangs geraten und eine Verheißung und Zukunft für uns erahnen. Jesus war der ganz und gar geburtliche Mensch, der aus dem Ursprung, den er Vater nennt, – gelebt hat.
Das göttliche Kind ist auch das Bild des wahren Selbst. Jesus sagt von sich bei der Auferstehung: „Ich bin ich selbst“ (ego eimi autos), er lebt aus diesem wahren und unverfälschten Bild, aus der Einfalt und Lauterkeit des Herzens, die es nicht nötig hat, großspurig daher zu kommen wie die Könige und Herrscher des römischen Reiches oder deren Epigonen und heutigen Aktualisierungen in Politik, Wirtschaft oder Kirche.
Der Islamprofessor und Muslim Karimi schreibt in seinem Buch über die Schönheit des Christentums: „Am Anfang steht ein Kind. Kein Gedanke, kein Prinzip, kein Lehrsatz. Ein Kind, das schläft oder schreit, das die Augen noch nicht auf die Welt eingestellt hat, in die es hineingeboren wurde, Es weiß nicht von Herkunft, Sendung und Bestimmung. Es weiß nur, was jeder Anfang weiß: Kälte oder Wärme, Hunger oder Sättigung, Nähe oder Verlassenheit. Dass der christliche Glaube seinen Blick auf ein solches Kind richtet, gehört für mich zu den tiefsten Schönheiten. Denn mit der Krippe beginnt nicht nur eine Geschichte, Mit ihr beginnt eine bestimmte Sicht auf den Menschen. Nicht als Wesen der Macht, nicht als Träger der Vernunft oder Würde im abstrakten Sinn, nicht als jemand, der sich durchsetzt, behauptet, formt. Vielmehr erscheint der Mensch als einer, der zuerst empfangen muss, um leben zu können. Der Anfang des Menschen ist Bedürftigkeit. Das Christentum übersieht diesen Anfang nicht. Es stellt ihn in die Mitte.“ (S.17f.) (Ahmad Milad Karimi, Die Schönheit des Christentums, Eine muslimische Liebeserklärung, Ostfildern 2026)
Das Zentrum des Lebens suchen

Teresa von Avila, rebellische Nonne, Mystikerin und Gründerin vieler Frauenklöster schreibt 1577 ein Buch, in dem sie die menschliche Seele mit einer Burg mit sieben Wohnungen vergleicht. Gott selbst wohnt in der siebten Wohnung, im innersten Raum der Seele. Mit „Erwachen“ , dass es doch ein „mehr“ als Arbeit, Pflichterfüllung und Sorgen um den Lebensunterhalt…geben muss lässt sich die erste Wohnung kurz beschreiben. Die zweite Wohnung besteht im Kampf und der Anstrengung sich nicht länger von alten Gewohnheiten und Lebensmustern einschnüren zu lassen. Die dritte Wohnung ist mit einem tugendhaften und in Ordnung gebrachten Leben zu umschreiben. Aber erst in der vierten Wohnung beginnt Gott zu handeln und fordert auf, sich immer mehr seiner Führung zu überlassen. In der fünften Wohnung erlebt die Seele eine tiefe Vereinigung mit Gott, das alte Ich hat seine Vorherrschaft aufgegeben, aus der Raupe ist ein Schmetterling geschlüpft. In der sechsten Wohnung wird die Nähe zu Gott noch intensiver erlebt und die brennende Sehnsucht nach ihm hinterlässt einen Liebesschmerz. In der siebten Wohnung findet die geistliche Vermählung statt, welche nicht außergewöhnliche mystische Erlebnisse und Bewusstseinszustände zum Ziel hat, sondern die Verwandlung des Lebens durch Liebe. Teresa legt sogar großen wert darauf, dass diese Erfahrung sich im Alltag zeigt und echte Mystik sich daran erweist, ob wir liebevoller, freier und dienstbereiter geworden sind.
Nada te turbe
nada te espante;
todo se pasa,
Dios no se muda
La pacienca
todo la alcanza,
Quien a Dios tiene
nada le falta.
Solo Dios basta.
Teresa von Avila
Literaturtipp Zur Biografie , Alois Prinz, Teresa von Avila, Die Biografie, Berlin 2014
Wo ist die Mitte? Was ist die Mitte? Wo liegt der Kern meiner Existenz?– Der „point vierge“ in der menschlichen Seele

Der amerikanische Trappistenmönch und spätere Einsiedler Thomas Merton (1915-1968), vielen bekannt durch seine Biografie „Der Berg der sieben Stufen“ (engl. the Seven Storey Mountain) hat in seinem 1965 erschienen Werk Conjectures of a Guilty Bystander (dt. In Zeiten der Umkehr) einen interessanten Gedanken entwickelt: dort spricht er vom „point vierge“, ein Begriff der sich nur schwerlich ins Deutsche übersetzen lässt, am ehesten mit „der jungfräuliche Punkt“.
„Das erste Zirpen der erwachenden Tagvögel bezeichnet den „point vierge“ der Morgendämmerung unter einem Himmel, der noch ohne wirkliches Licht ist, einen Augenblick der Scheu und der unaussprechlichen Unschuld, wenn der Vater in vollkommenem Schweigen ihre Augen öffnet. Sie beginnen mit ihm zu plaudern, nicht in einem flüssigen Lied, sondern mit einer aufdämmernden Frage, die ihrer Verfassung entspricht, ihrer Verfassung des „point vierge“. Sie sind an einem Punkt, an dem die Frage in ihnen aufwacht, ob es für sie Zeit sei, zu sein. Er antwortet mit ´Ja` .Dann erwachen sie , einer nach dem anderen, und werden Vögel. Sie offenbaren sich als Vögel, indem sie zu singen anfangen. In kürzester Zeit werden sie ganz sie selbst sein, und sie werden sogar fliegen. “ (Thomas Merton, Zeiten der Stille, ausgewählt, herausgegeben und erläutert von Bernardin Schellenberger, S.77, Freiburg im Breisgau 1992)
Im Zentrum der menschlichen Seele, im Kern unseres Wesens gibt es auch diesen „point vierge“, einen reinen, unzerstörbaren Kern, der nur Gott gehört und unberührt bleibt von Egoismus, Sünde und den Illusionen dieser Welt. Über diesen Punkt verfügt nur Gott und er fügt von diesem Punkt aus unser Leben. Er lässt sich weder von den Phantasien unseres Geistes noch von einem gewalttätigen Willen erreichen. Es ist ein Punkt des „Nichts“ (point of nothingness) im Sinne der Mystik, leer von Ehrgeiz und dem Drang sich vor anderen beweisen oder darstellen zu müssen.
„Dieser kleine Punkt der Nichtigkeit und der absoluten Armut ist der Punkt der reinen Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist sozusagen der Name Gottes, der in unser innerstes Wesen geschrieben ist, als unsere Armut, als unsere Bedürftigkeit, als unsere Abhängigkeit, als unsere Gottessohn(tochter)schaft. Er ist wie ein reiner Diamant und funkelt vom unsichtbaren Licht des Himmels. Er steckt in jedem Menschen, und wären wir imstande, ihn zu sehen, dann würden wir sehen, dass Milliarden solcher Lichtpunkte sich zu Gesicht und zum Strahlen einer Sonne vereinigen, die alle Dunkelheit und alle Grausamkeit des Lebens restlos verscheuchen würde. Ich kenne kein Programm dafür, wie man dahinkommen kann, das zu sehen. Es kann einem nur geschenkt werden. Aber das Tor zum Himmel ist überall.“ (Thomas Merton, a.a.O., S. 79)
Wenn einer die Bruchstücke des Lebens zu einem Ganzen zusammenfügt oder von der Anziehungskraft eines geheimnisvollen Zentrum

Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass ein „Anderer“ (Gott) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt. Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will. Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.
Heimat finden

Das Bild „Die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zeigt ein An- und Zurückkommen zu dem, wovon einst seine Reise ihren Ausgang genommen hat. Hätte er nicht gleich zu Hause bleiben können, könnte man fragen. Wozu die vielen Kämpfe, Irrwege und Gefahren? Anscheinend geht es nicht ohne eine Reise, auch wenn es gefährlich und gefährdend für Leib und Seele ist, um schließlich am Ende allen Suchens die Heimat als Heimat zu erkennen, wo er hingehört, wo seine Frau Penelope auf ihn wartet und bei sich selbst anzukommen.
„Heimat ist ein anderes Wort für den Geist, der wir sind, unser wahres Selbst in Gott. In dem Moment, in dem wir Gott in uns finden, finden wir uns auch in Gott wieder- und das ist die vollkommene Heimkehr. Bis dahin leiden wir unter Heimweh, obwohl die meisten es heute wohl einfach als Einsamkeit, Isolation, Sehnsucht, Traurigkeit oder gar eine Art Depression bezeichnen würden. Die gängige Bezeichnung für diesen inneren Ort. der zugleich ein Ort der Sehnsucht ist, lautet üblicherweise Seele…“
(P. Richard Rohr OFM, in CAC (Center for Action and Contemplation, Dayly Meditations in October 2026)
Die Reise des Odysseus will auch uns die Frage stellen: Was ist für Dich Heimat?
Ein paar Gedanken dazu:
Heimat- das ist für mich die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich wiederfinden kann, an dem Geborgenheit, Nähe, menschliche Vertrautheit sich einstellt, an dem der Mensch bei sich ankommt. Dies scheint vielen Menschen heute irgendwie abhanden gekommen zu sein. Wer in seiner Seele keine Heimat mehr findet, neigt wohl dazu, durch Ausgrenzung und Fremdenhass, sich der eigenen Identität versichern zu wollen. Identitätsstiftung durch Ausgrenzung. Globalisierung, Zuwanderung, die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, scheint auch in unserem Land nicht wenige zu überfordern.
Letztlich geht es jedoch darum eine „offene Heimat“ wieder zu finden, in der Provinzialität, Enge und Ausgrenzungstendenzen überwunden werden durch weite Horizonte, in denen angstfreie Begegnungen möglich werden.
Jedenfalls bleibt Heimat immer auch ein Sehnsuchtsort, der aus einer tiefen Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit und Angenommensein erwächst.
Aus christlicher Perspektive geschieht eine letztgültige Erfüllung dieser Sehnsucht erst im Himmel, der wahren Heimat, allerdings wird auch dort versprochen, dass es im Hause des Vaters viele Wohnungen gibt, also eine offene und lichtdurchflutete Wohngemeinschaft unterschiedlichster Menschen. (vgl. Joh 14,1-3)
Impulse zum Nachdenken:
Was bedeutet für mich Heimat?
Wohin zieht es mich? (landschaftlich, geografisch…) Wohin gehöre ich?
Welche Menschen sind für mich Heimat? Welche Musik ist Heimat?
Gibt es einen Glauben, Überzeugungen, Werte, die für mich Heimat sind?
Literatur zur Vertiefung:
Hartmut Rosa, Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016
Den Schatz im Acker suchen oder über die Heimreise zu sich selbst

Solange hauptsächlich das falsche Selbst im Leben Regie führt, liegt ziemlich viel „Dreck“ über dem Schatz, kreist man/frau um sich selbst , poliert die Fassade, frägt bei allem „Was bringt mir das ?“ und dient dem Götzen „Ego“. „Man“ führt große Worte im Mund, „frau“ schminkt sich und putzt sich heraus. Man scheffelt Geld, raucht dicke Zigarre, spielt Machtspiele aller Art und ist cool. Man und frau sind süchtig nach sich selbst und sie treiben im Strom der Äußerlichkeit und Zerstreuung. Man(n) wird zu abgebrühtem Einzelkämpfern in einer zynischen Welt Gleichgesinnter.
Durch Grenzerfahrungen des Lebens, durch den Einbruch von Krankheit, Behinderung oder einen unerwarteten Schicksalsschlag kann sich alles ändern. Oder „Grad in der Mitte unserer Lebensreise“ , sagt der berühmte Dichter Dante in der Göttliche Komödie, kann es passieren, dass wir in einen „dunklen Wald“ geraten; dass unsere bisherige Lebensstrukturen und Werte nicht mehr tragen, dass ein Schatten auftaucht, den wir nicht mehr abschütteln können, dass unser „Schein-Ich“ abblättert und abfällt wie ein Mantel, der nicht mehr taugt..
Das kann schmerzhaft und befreiend zugleich sein, weil wir dadurch in eine Richtung getrieben werden können, die man als wahres Selbst oder als wahre Identität bezeichnen können. Befreit vom Ballast des falschen Selbst und des aufgeblähten Egos werden wir wieder zu „Anfängern“, die einen Freiheitsraum betreten und offen werden für wirklich „Neues“. Neulinge, die sich wieder berühren lassen und berührt werden.
Wer in diese Richtung sich bewegt, ist auf dem „Heimweg“. Er verlässt die „Türme“, in welche er sich verstiegen oder verschanzt hat, er wirft unnötigen Ballast ab und geht nach Hause. Wer auf diesem Wege ist, ahnt langsam, was wir „verborgen in Gott“ (Kol 3,3) sind und dass wir Anteil haben an der „göttlichen Natur“ (2 Petr.1,4)
Den inneren Schatz entdecken

Wir werden angerührt, aufgerüttelt, erschüttert, bewegt von etwas, das nicht unserem eigenen Ego entspringt, von jemand, dem wir wichtig sind, von einer Stimme, die uns anspricht, die uns in einer ungekannten Weise und Tiefe meint. Es lässt sich kaum in Worte fassen, was mit uns geschehen ist, aber wir merken, dass es sich um etwas sehr Kostbares handelt, das unser Herz geöffnet hat. Ist es Liebe? Liebe, die eine Antwort verlangt mit unserer ganzen Existenz, mit Herz, Seele und Verstand, und mit allem, was uns in der Tiefe ausmacht. Wir können auch Nein sagen zu diesem Beziehungsangebot, aber glücklich werden wir damit wohl nicht.
Den Schatz ausbrüten

Ein „Ja“ aber bringt uns auf einen Weg, und wir müssen herausfinden, in welche Lebensform sie uns treibt, wie sie unser Leben formt, in welche Lebensaufgabe sie mündet. Die geschenkte und erfahrene Liebe will weiterfließen, sich entfalten durch uns hindurch, mit unseren Gaben und Besonderheiten weitergetragen werden und sich heilend, versöhnend, stärkend, aufrichtend…auswirken.
Den „Schatten“ des eigenen Lebens nicht mehr ausschließen….

Abstieg der Seele“- Schattenannahme
Annahme des eigenen Begrenztseins, der Dunkelheit und Hässlichkeit
Für James Hillman besteht die wichtigste Frage darin, ob wir soviel Liebe aufbringen, dass wir auch unsere niedrigsten Züge lieben können, „diese fixierten, hartnäckigen angeborenen Schwächen der Halsstarrigkeit und Blindheit, der Gemeinheit und Grausamkeit, der Vorspiegelung und Aufgeblasenheit..“ Sich selbst zu lieben ist gar nicht so einfach. „Denn es bedeutet, dass man alles an sich lieben muss, auch die Schatten-Seite, wo man so minderwertig, so unannehmbar ist. Sich dieser peinlichen, demütigenden Seite fürsorglich anzunehmen, das ist die Heilung. Aber zugleich ist die Arbeit mit dem Schatten ein moralisches Problem, da ich nicht alles ausleben kann, was in mir verdrängt worden ist.
Franziskus zu Bruder Masseo:
„Willst du wissen, warum alle Welt mir nachläuft? Das ist mir zuteil geworden durch das Auge des höchsten Gottes, das überall hinsieht, auf die Guten und auf die Schlechten; sein heiliges Auge aber hat unter den Sündern keinen schlechteren, untauglicheren, keinen sündhafteren Menschen gesehen als mich; und um sein wunderbares Werk zu vollbringen, hat er keine geringere Kreatur gefunden auf der Erde; deswegen hat er mich erwählt, um allen Adel und alle Größe und Kraft und Schönheit und Wahrheit der Welt zu beschämen.“
Franziskus wusste, dass er ganz und gar unvollendet war und es immer bleiben würde. Den Anfang seines neuen Lebens führte er auf jene Begegnung zurück, bei der er es fertig gebracht hatte, einen hässlichen, übelriechenden Aussätzigen zu küssen; sein Aufbruch zur höheren Wahrheit begann in dem Augenblick, in dem er den aussätzigen Teil in sich selbst zu erkennen und anzunehmen vermochte. Dieses volle Annehmen seines eigenen Begrenztseins und seines eigenen Schattens war frei von destruktiven, von tiefer Selbstverachtung herrührenden Zügen. Franziskus freute sich einfach über die Verheißung, davon erlöst zu werden.
C.G. Jung stellt die kritische Frage: „Daß ich den Bettler bewirte, dass ich dem Beleidiger vergebe, dass ich den Feind sogar liebe im Namen Christi, ist unzweifelhaft hohe Tugend. Was ich dem geringsten unter meinen Brüdern tue, das habe ich Christo getan. Wenn ich nun aber entdecken sollte, dass der geringste von allen, der ärmste aller Bettler, der frechste aller Beleidiger, ja der Feind selber in mir ist, dass ich selber des Almosens meiner Güte bedarf, dass ich mir selber der zu liebende Feind bin, was dann?“ (Jung, Bd.11, 367)
Die meisten Menschen glauben, bei Religion dürfe es nur um die positiven Dinge gehen: Heilen, Helfen und Hoffen. Richard Rohr geht von der gegenteiligen Annahme aus: der Weg, den Schmerz des Lebens zu verwandeln, besteht darin, die „verwundete“ (verschattete, verdrängte, verdunkelte, negative..) Seite aller Dinge aufzudecken und die Wunde in einen heiligen Bezirk zu bringen. Das Negative bewusst einzubeziehen, darin liegt die eigentliche Bedeutung des Kreuzestodes Jesu. Die Bibel mit ihren vielen Geschichten (von Ehebruch, Zorn, Verrat, Hinterlist…) kann uns beibringen, dass bei Menschen Güte (vgl. Zachäus; )eher aus Fehlern entspringt, die wir überwinden, als daraus, vollkommen zu sein und alle Fehler zu vermeiden.
Wir dürfen das Vollkommene nicht mit dem Guten verwechseln; das falsche Streben nach dem Vollkommenen, das ja ohnehin nur in Gott zu finden ist, dient oft nur als wunderbare Verkleidung für den eigenen Egoismus. Wie Adam streben wir danach gleich zu sein „wie Gott“ (1 Mos. 3,6). Aber: „Vergiss das vollkommene Opfer und läute die Glocken, die noch läuten können!“ wie es ein Lied von L. Cohen sagt, denn in allen Dingen ist ein Sprung, aber genauso kann Licht hineinkommen. Jeder Idealismus hat auch eine Schattenseite; es ist schon gut, wenn Menschen nach Idealen streben. Aber es gehört zur menschlichen Demut auch mit seiner Schattenseite zu rechnen.
Unser Leben spielt sich in der Transformation ab: mühevoll, mitten in einem Gemenge von Gut und Böse, nicht in einem erzwungenen Utopia. Wir Menschen bestehen aus einer Menge Gegensätzen, die sich nach Versöhnung sehnen.
Ein Paar fängt erst dann an, sich wirklich zu lieben, wenn die beiden einmal richtig gestritten und sich wieder versöhnt haben. Ein Mensch, der zu seiner Begrenztheit steht (seine Sterblichkeit anerkennt;), kann viel mehr bewirken als einer, der seine Begrenztheit und Sünden gar nicht erst erkennt.
Der Arzt, der ganz für andere da ist, hat oft auch eine recht egozentrische Seite. Der Musiker, der so sensibel ist, kennt häufig auch eine brutale Seite. Menschen, die sich für den Naturschutz engagieren zeigen manchmal eine passive Aggression. Vertreter von religiösen Erneuerungsbewegungen, die Liebe und Einheit auf ihre Fahnen geschrieben haben, gehen oft unfair mit Andersdenkenden um und schließen um der Einheit willen jegliche Kritik aus. Manchmal lauert hinter der Fassade des freundlichen Lächelns Überheblichkeit, Kälte und Verzweiflung. Manche meinen sie könnten auf dem Weg der Meditation immer erleuchteter werden und merken gar nicht mehr wie sie zwischenmenschlichen Konflikten ausweichen. Oder besonders Rechtgläubige projizieren den „Teufel“, der im eigenen Herzen schlummert, auf die anderen und verteufelt sie als laue Christen, die gar nicht mehr rechtgläubig sind. Jede Gemeinschaft hat ihren Schatten und je mehr er verdrängt wird, umso aggressiver wird sich die dämonische Seite zu Wort melden. Der Schatten der Gemeinschaft steckt oft in der Gemeinschaftsideologie.
Den roten Faden im Leben suchen

Gibt es einen roten Faden in meinem Leben? Gibt es etwas, das sich durch meine verschiedenen Lebensphasen durchzieht, zu mir gehört, mich ausmacht, etwas von meinem ureigenen Weg aussagt, von der Spur, die ich und nur ich auf diese Weise in der Welt ziehen kann? Was könnte das sein? Eine tiefe Sehnsucht, die mich seit Kindertagen begleitet, eine Vision, die immer deutlicher geworden ist im Lauf meines Erwachsenwerdens und meine Schritte leitet, letztlich der Grund meines Handelns ist, oder ein Wert, den ich für mich als zentral erkannt habe, und für den ich mich mit Herzblut engagiere? Welcher Leitsatz könnte mein Leben beschreiben? Vielleicht sind es auch Themen aus den Tiefen des Unbewussten: ein Trauma, ein Riss, eine tiefe Verletzung, die nach Heilung ruft, ein tiefgreifender Konflikt, der nach Versöhnung schreit und Ursache sind für mein Engagement in der Welt. Wer das einmal biografisch für sich durchgeht, wird womöglich sagen, es gibt nicht nur einen roten Faden, sondern mehrere, aber womöglich fügen sich die Fäden zu einem Webmuster zusammen, und ein Faden sticht dabei besonders heraus!
Mögliche Fragen für die Biografiearbeit könnten sein:
Welche Themen kehren in meinem Leben immer wieder?
Welche Dinge oder Situationen haben mich als Kind schon tief berührt?
Welche Menschen ziehen mich besonders an?
Welche Konflikte wiederholen sich?
Welche Werte sind mir besonders wichtig?
Welche Bilder und Symbole begleiten mich?
Flow- der Fluss des Lebens

„Alles fließt“ oder alles blockiert wie im Burnout
1). Alles fließt
Schon vor 2500 Jahren haben altes Weisheitslehrer entdeckt, dass der Mensch dann glücklich ist und Glück erfährt, wenn er im Fluss ist. Für den Philosophen Heraklit ist der Satz „Alles fließt“ die Grundlage seiner Philosophie, der chinesische Weisheitslehrer Laotse spricht vom „Urquell des Lebens“, der mühelos aus sich selbst quillt.
Man spricht heute vom Flow-Prinzip.
Ein ungarischer Psychologe (Mihaly Csikszentmihaly) hat dieses Prinzip des Fließens neu entdeckt; er hat eine ungarische Bäuerin beobachtet, die sich mit vollem Herzen auf ihre Arbeit eingelassen hat, weil ihr die Natur Gesellschaft geleistet hat. Flow beschreibt also keine Technik, sondern eine Art mühelose Bewegung in einem Strom von Energie.
„Ich gehe in dem völlig auf, was ich tue, ich erlebe schöpferische Freiheit. Ich kann ganz bei der Sache sein: alle Störungen durch die Umwelt erreichen mich nicht. Alles geht mir leicht von der Hand“
2) Alles blockiert –
Das Gegenteil des Fließens ist die Erfahrung des Burnout. Da ist nichts mehr im Fluss, immer mehr Blockaden tauchen auf. Innerlich hat man den Eindruck, alles sei erstarrt, während man äußerlich wie ein Getriebener ist, der von Termin zu Termin hetzt, von Auftrag zu Auftrag. Man wird zunehmend unzufriedener, gereizter, empfindlicher; andere Menschen erlebt man als Störenfriede. Es ist wie ein innerer Hilfeschrei: „Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Lasst mich doch alle mal einfach in Ruhe!!
Man wird zunehmend kraftlos, geht Konflikten aus dem Weg, trifft keine notwendigen Entscheidungen mehr oder trifft sie wahllos ohne Klarheit und Überlegung. Irgendwann scheint einem alles egal.
3) Anzeichen und Phänomene des Burnout
Die Kennzeichen eines beginnenden Burnout werd von der Umgebung oft schneller entdeckt als vom Betroffenen selbst; Betroffene, die von Freunden und Kollegen auf Burnout angesprochen, wehren oft ab: die anderen sind Schuld (Firma oder Familie) , oder Verharmlosungen (Ja, im Moment etwas viel, aber bald kommt ja der Urlaub ; aber im Urlaub lädt der Akku nicht mehr auf und er kommt vom Urlaub genauso angespannt zurück wie vorher; gerät in der Arbeit in Panik, Angstattacken quälen ihn, manche denken an Suizid….manche sehen keinen Ausweg, wollen sich aber auch nicht eingestehen, dass sie am Ende sind…Nur wenn gar nichts mehr geht, wagt man den Schritt zum Arzt, der hoffentlich nicht bloß eine Woche krankschreibt, sondern Burnout/Erschöpfungsdepression attestiert….
Burnout ist ein Prozess; man ist nicht von heute auf morgen ausgebrannt; es gibt immer schon Anzeichen und Symptome, die sich lange angekündigt haben.
Einige Kennzeichen:
- Zunehmende Gereiztheit und Negativität (Chef oder Mitarbeiter sind empfindlich, leicht gereizt, machen pessimistische, abschätzige oder zynische Bemerkungen, auch gegenüber Menschen, für die man arbeitet; Lehrer in der Schule machen plötzlich ihre Schüler oder Kollegen herunter, Verkäufer ihre Kunden…..)
- Chronische Müdigkeit und Lustlosigkeit (die sich in Sätzen zeigt wie „ Alles hängt mir zum Hals raus; Ich habe keine Lust mehr. Ich bin so müde…“)
- Zunehmende Kraftlosigkeit, Antriebsschwäche bis hin Depression (Man möchte sich nur noch vergraben und verstecken in den eigenen vier Wänden; man möchte keinen Menschen mehr sehen. ( Burnout ist in Medizin und Psychologie kein allgemein verbindlich festgelegte Beschreibung eines Krankheitsbildes; Psychologen sprechen daher von Erschöpfungsdepression; Krankheit ist nach dieser Definition nicht das Burnout, sondern die Depression, die durch die Erschöpfung hervorgerufen wird)
- Es kommt zum sozialen Rückzug und Interessenverlust (man pflegt auch keine Hobbys mehr, wird eigenbrötlerisch und desinteressiert…)
- Blockaden häufen sich (Schreibblockaden, Denkblockaden, nichts scheint mehr zu gehen und alles braucht unendlich viel seelische und körperliche Kraft…)
- Länger anhaltende verkrampfte und angespannte Verfassung ( der Betroffene sieht schlecht aus , ist angespannt, ohne Gelassenheit, voller innerer Spannungen …Menschen, die sich bei allem, was sie tun, unter Druck setzen, der aber nicht stimulierend wirkt, sondern blockierend und irgendwann zum Crash auch im Leib führt: Schlafstörungen, erhöhter Blutdruck, Rückenschmerzen…..)
- Sich steigernde Gefühllosigkeit und Apathie ( man fühlt nichts mehr bei der Arbeit, bei Gesprächen mit Mitarbeitern oder den Kunden, sogar das Zusammensein mit Freunden fühlt sich leer an;…)
- Das ausgewachsene Burnout Syndrom zeigt sich irgendwann als schwere Lebenskrise , die von negativen Gefühlen dem leben gegenüber beherrscht sind: Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, existentielle Verzweiflung bis hin zu Selbstmordabsichten……
Loslassen …wenn die Blockaden aufgelöst sind…und du dich dem Fluss des Lebens ganz anvertrauen kannst

Für mich hatte die Sinnsuche manchmal etwas Verkrampftes nach dem Motto: ich muss etwas in meinem Leben verändern, um noch wirksamer zu werden, um mehr Menschen zu erreichen, überhaupt tiefer ins Leben einzusteigen… Das Wort Veränderung hat aber oft auch etwas Gewaltsames in die Richtung spiritueller Selbstoptimierung, bei dem das eigene Ego und der manchmal sogar der brutale Wille im Vordergrund steht. Oft ist so eine Haltung geprägt vom Misstrauen in das Leben, von dem Drang, sich selbst beweisen und sich die Eintrittskarte ins Leben verdienen zu müssen. Das Gratis und unverdienbare Geschenk des Lebens gerät dabei aus dem Blickfeld.
Es braucht seine Zeit und wohl tiefgreifende Erfahrungen, sich auf diesen gnadenhaften Grund des Lebens loszulassen und dem Leben zu vertrauen, in den Fluss des Lebens zu springen und jener Macht zu vertrauen, die uns versprochen hat bei allen Strömungen und Untiefen des Lebens mit uns zu sein und uns vor dem Untergang zu bewahren.
Ich vermute, dass das , was unserem Leben Tiefe gibt, nur zu einem kleineren Teil in unserer (auch moralischen) Anstrengung, die auch dazu gehört, liegt, sondern vielmehr in dem, was uns das Leben schenkt, zumutet oder auch wozu es uns herausfordert, womit wir womöglich nicht gerechnet haben.
Von den Tieren lernen und sich wieder verwurzeln

In der Psychologie C.G. Jungs ist die Psyche ein sehr dynamisches System, das Einseitigkeiten immer auszugleichen versucht.Die Anima, nach C.G. Jung ein Archetyp der menschlichen Seele, hat eine vermittelnde Funktion zwischen Bewusstsein und Unbewusstem und so die Rolle einer Mittlerin (mediatrix).
Immer wieder läuft die Seele Gefahr im normierten, geschäftigen Alltag, hinter den tagtäglichen (oft kleinkarierten) Anpassungen, Kompromissen und Notwendigkeiten verloren zu gehen. Dort wo die Anima ins Leben einbricht, werden die vielen verschütteten und verdrängten Gefühle oft schmerzhaft bewusst. Auf individueller Ebene zeigt sich der Animaverlust beim Mann durch länger anhaltende Symptome wie frühzeitige Erstarrung, wenn nicht Verkalkung, Stereotypie, fanatische Einseitigkeit, Eigensinnigkeit, Prinzipienreiterei oder das Gegenteil: Resignation, Müdigkeit, Schlamperei, Unverantwortlichkeit und (..) Neigung zum Alkohol.“ (D. Heisig, Die Anima, Archetyp des Lebendigen, Zürich und Düsseldorf 1996, S.199)
Während die Beziehung zur Anima verwurzelt, ist heute das Gegenteil, nämlich der Animaverlust in Form einer umfassenden Entwurzelung und eines tiefgreifenden Seelenverlustes in der modernen Gesellschaft zu beobachten. Einige dieser kollektiven Entwicklungen werden von Daniela Heisig wie folgt beschrieben: „Der einzelne steht einem ungeheuren Apparat schwer durchschaubarer und nicht beeinflussbarer Vernetzungen und Komplexitäten wirtschaftlicher, politischer und kulturhistorisch gewachsener Systeme gegenüber…..´Ein verwalteter, zeitlich verplanter Alltag, die in technische und institutionelle Zwänge gefasste und entfremdete Arbeitswelt, das Dickicht der Städte, die Konsumgesellschaft mit ihrer repressiven Toleranz und den in der Verführung versteckten Zwängen, die Ausbeutung und Unterdrückung der Machtlosen,(..) die Schädigung der Umwelt, die drohende Verarmung und endgültige Zerstörung unseres Planeten…Daneben sehe ich weitere Gründe der Entwurzelung in der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und der daraus folgenden Vereinzelung und Vereinsamung…Unser Gesellschaftssystem erfüllt immer weniger das Bedürfnis der Seele nach Heimat und Zugehörigkeit.“ (Daniela Heisig, a.a.O., S. 201) Die Rückverbindung (re-ligio; re-ligare)mit der inneren Welt und das Wissen um eine transzendente Existenz gehen zunehmend verloren. Demgegenüber spielt sich der Mensch als Beherrscher der Magna Mater und Mutter Erde auf, was z.B. in der ökologischen Zerstörung zum Ausdruck kommt.
Wenn Tiere wichtiger werden als dogmatischer Dogmatismus

Losfliegen- der tanzende Schwan oder zur Freiheit berufen

„Es war Anfang der 1970er Jahre, als Janis Joplin ihr Lied von „Me and Bobby McGee“ sang. Und in dem Refrain dieses Liedes heißt es: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“ Auf Deutsch heißt das ungefähr: „Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass du nichts mehr zu verlieren hast.“ (…) Ich habe nichts mehr zu verlieren – das heißt auch, ich hänge an nichts so sehr, dass mich sein Verlust niedermachen würde. (…) Wer nichts zu verlieren hat, der ist frei. Wer sich an Besitz, an Macht, an Karriere festklammert, macht sich selbst unfrei. Wer sich an seine Vorstellungen klammert, wie das Leben abzulaufen hat, fesselt sich selbst. Wer Erwartungen hat, wird damit leben müssen, dass er enttäuscht wird. All das hat nichts mit Freiheit zu tun. (…) Ja, die Zukunft liegt vor mir wie ein unbeschriebenes Blatt – und das Leben wird schon für die entsprechenden Eintragungen sorgen. Und doch liegt es an mir, wie ich mit diesen Eintragungen des Lebens umgehe. Es gibt unsagbar viel zu gewinnen, wenn ich mich ganz offen auf das Neue einlasse, wenn ich keine Erwartungen fortschreibe, wenn ich dem Leben nicht sage, wie es zu sein hat. Ich habe nichts zu verlieren, aber unsagbar viel zu gewinnen.“
Entnommen aus: Andrea Schwarz „Kleines Buch der Lust am Leben“, Herder Verlag, 2011, S. 40 f
Theologie: Für eine freie , gerechte und barmherzige Kirche
Freiheit und Liebe sind die entscheidenden Prüfkriterien für religiöse Vorstellungen und Gottesbilder. Der Mensch soll frei sein, eigenständig handeln und Verantwortung für sein Leben übernehmen können, ohne dafür mit Liebesentzug, Verdammung oder religiöser Ausgrenzung bedroht zu werden. Gottesbilder, die Gottes Liebe an bedingungslosen Gehorsam verknüpfen und mit Angst als Form der Glaubensvermittlung arbeiten, sind äußerst problematisch. Unfrei machend ist auch eine intergralistische Kirchenform, welche ihre eigene Glaubenslehre, ihre Autorität und ihre Heilsvermittlung so eng miteinander verknüpft, dass die Zugehörigkeit zur Kirche zur entscheidenden Grenze zwischen Geretteten und Nichtgeretteten wird. Eine solche Kirche folgt der Exklusivitätslogik und bestimmt wer dazugehört und wer nicht. Mission wird zur Strategie Menschen mit vermeintlicher Gottesferne in die eigene Gemeinschaft heimzuholen. Der Theologe Ottmar Fuchs setzt dagegen eine universale Heilszuwendung und Heilsmöglichkeit, wobei die Kirche Zeichen einer universalen Gnade ist. Gottes freimachende Liebe gilt allen Menschen, nicht nur den Kirchenmitgliedern. Gott will das Heil aller Menschen, seine Liebe gilt allen von Geburt an und ist nicht Heilsbesitzstand einer religiös abgegrenzten Gruppe. Auch Nichtreligiöse oder Menschen anderer Religionen sind von diesem Heil nicht ausgeschlossen. Gottes Gnade wird weder von der Kirche produziert, noch verfügt sie über sie. Die Kirche lebt aus einer Gnade, die größer ist als sie selbst. Mission bedeutet für dieses Verständnis Zeugnis, Einladung, Solidarität und Dialog statt Erzeugung von Angst vor einem drohenden Ausschluss vom Heil, also Liebesentzug. Das Selbstverständnis der Kirche unter einem universalistischen Heilshorizont wandelt sich dann von der Kontrolle zur Freiheit und von der Identitätssicherung zur Gastfreundschaft und eine Gemeinde misst ihre Glaubwürdigkeit daran, ob sie sich an die Seite verletzlicher und ausgegrenzter Menschen stellt, auch jener, die außerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft leben. (vgl. dazu Otmar Fuchs, Kritische Hermeneutik der Heiligen Schrift (Praktische Theologie heute, Band 213, 2026)
Jesus zu Besuch bei Maria, Martha und Jesus – und wie Lazarus aus dem Grab geholt wurde

Bei Lukas 10,42 f. steht eine Geschichte in der Jesus bei zwei Schwestern namens Martha und Maria einkehrt. Ein Spannungsfeld ergibt sich. Martha ist eifrig dabei, Jesus zu bewirten und gastlich aufzunehmen. Maria, scheint nichts zu tun und sitzt Jesus nur zu Füßen, wohl um ihm zuzuhören. Martha beschwert sich bei Jesus, der Maria in ihrer Passivität in Schutz nimmt.
In kirchlichen Gemeinden gibt es die Leute, die anpacken, organisieren, schauen, wo Not am Mann/Frau ist und wo sie helfen können. Und dann gibt es jene, die sich mehr dem Gebet widmen und für welche die Innerlichkeit zentral ist.
Auch auf die Institution lässt sich das Martha- Maria Modell etwas vereinfacht übertragen. Es gibt da die kirchlichen Mitarbeiter:innen, die für die Strukturen verantwortlich sind, die Sorge tragen für Räume und Verwaltung, die Managementaufgaben haben und dann gibt es die Seelsorger:innen, die in diesen Räumen „da“ sind, Menschen in Not zuhören, wahrnehmen, was es für die Menschen in einem Sozialraum braucht, die ohne Zeitdruck und Einengung von außen für Menschen mit den unterschiedlichsten Fragen, Nöten, Sorgen bereitstehen, mit ihnen beten und meditieren , sie geistlich begleiten, mit ihnen in die Tiefe steigen.
Ich mach kein Hehl daraus, dass ich eine gewisse Vorliebe für den eher kontemplativen „Maria -Typ“ habe, der mir mehr entspricht. Doch das Bild, bei dem Jesus Maria und Martha umarmt, weist daraufhin, dass wir kirchliche gesehen beides brauchen, und wir die beiden Haltungen nicht gegeneinander ausspielen sollten. Wir brauchen für die Verkündigung und Seelsorge Strukturen, Orte und Räume, um die sich kirchliche Mitarbeiter:innen kümmern, damit Menschen sich treffen können. Allerdings scheint mir gegenwärtig die äußere Seite kirchlichen Handelns und Managements überbetont, und die passiven Qualitäten wie Zuhören, Geduld haben, sich Zeit nehmen, einfach „dasein für“… unterbelichtet. Denn wenn wir nicht in die Tiefe gehen, verkürzt sich gerade im gemeindlichen Handeln alles auf die Organisation von Pfarrfesten, Adventsbasaren etc.
Eine reine Innerlichkeit aber, welche die soziale Dimension des Glauben ausblendet, verfehlt den Anspruch Jesu: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Manchmal ist es wichtiger vom Medi
Der Mensch und die Riesen-Konzerne

Der Mensch steht in der Gefahr sich selbst verloren zu gehen, vorhergesagt, entmündigt und fremdbestimmt zu werden von Algorithmen, welche Daten sammeln über deine Interessen, Interaktionen, Kaufgewohnheiten, Vorlieben…und das menschliche Verhalten systematisch messen und Entscheidungen beeinflussen. Algorithmen können sogar beeinflussen welche Informationen jemand erhält und die Wahrnehmung beeinflussen, was zum Beispiel bei politischen Themen sehr gravierend sein kann. Die Einflussnahme auf menschliches Verhalten und Entscheidungen wird neuerdings durch die KI (Künstliche Intelligenz) verschärft, da sie nicht nur empfiehlt, sondern Gespräche führt, Texte und Bilder erzeugt, Bedürfnisse erkennt und deine Reaktionen beobachtet. Große Unternehmen wie Amazon oder Google nutzen diese Daten, nicht nur um allgemeine Kaufempfehlungen abzugeben, sondern sie beobachten deinen Kauf, deine Reaktionen, auch um Dir personalisierte Vorschläge zu machen, was du beim nächsten mal kaufen könntest. Dadurch, dass einige wenige Unternehmen eine riesige Menge an Daten, Aufmerksamkeit, Infrastruktur und über künstlicher Intelligenz verfügen, entsteht eine enorme Machtkonzentration, die auch darin besteht, dass sie mitbestimmen, was wir wahrnehmen, über was wir nachdenken, wie wir etwas beurteilen, und wie vorhersagbar wir sind. Dabei konkurrieren die großen Unternehmen wie Amazon oder Tik Tok auch um die maßgeblichen Inhalte, die bestimmen sollen, was in den Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten soll.
In welche Richtung wachse ich? Wohin bewegt sich mein Leben?

Grundhaltungen für ein gelingendes Leben
Zusammenhalten

Einander aufrichten (statt hinrichten)

Mach den anderen nicht zu deinem Besitz !

Phantasiewelten, Staunen oder mit den Augen des Kindes sehen lernen

….wenn groß und klein Freundschaft schließen

Die Welt mit Kinderaugen betrachten

Wenn du ins rote Haus einziehst…


Farbfelder zur Auswahl

Aufwachen zum Licht

… wenn Tiere und die Schöpfung wichtiger werden als dogmatische Lehrgebäude…

Vom Licht der Welt berührt

„Erschrocken“ über all das, was Menschen sich antun können





