Bildauswahl 2026 mit spirituellen Impulsen

Kreuz– Symbol für das Leid dieser Welt und Zeichen der Hoffnung

Aus einer theologischen Perspektive gehören Leid, Schuld, Scheitern und Ungerechtigkeit zentral zum menschlichen Leben, das oft nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Nicht umsonst ist das Kreuz zentrales Erlösungssymbol der Christen. Das Leiden und Scheitern hat nicht das letzte Wort, sondern ist ein Durchgangsweg zur Auferstehung und zu neuem, verwandeltem Leben; insofern dient der Weg Jesu auch als Modell für menschliche Transformationsprozesse. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“, lautet das Geheimnis des Glaubens. Christliche Hoffnung ist kein blinder Optimismus, sondern eine Gewissheit, die durch die Erfahrung des Kreuzes hindurchgegangen ist. Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass ein „Anderer“ (Gott) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt.  Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will.  Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.

Gemeinschaft der Verwundeten

Ich kenne nahezu keinen Menschen über Fünfzig, der nicht einen „Riss“, einen Bruch, einen Verlust, eine schwere Niederlage in seinem Leben erlitten hat: tragische Verluste geliebter Menschen, Scheitern in einer Beziehung, Verlust der Arbeit, ein unerfüllter Kinderwunsch, ein geplatzter Lebenstraum, eine unbewältigte Schuld, die auf der Seele lastet, eine Sucht, die man nicht loswird und so manch andere Laste und „Kreuze“ des Lebens. Oftmals passiert es, dass Menschen nicht zu ihrer Verletzlichkeit stehen und einen dicken Panzer über das legen, was wehtut und schmerzhaft ist, einerseits aus Scham oder Angst, Schwäche könnte ausgenutzt werden, andererseits, um die Wunde selbst nicht mehr fühlen und betrauern zu müssen. Dabei sind die Risse des Lebens auch eine Chance, sich zu wandeln, in einen Prozess der Humanisierung einzutreten, sich von einer rein egozentrischen und instinkthaften Lebensweise zu lösen, und dabei das Wesentliche des Lebens zu erkennen und vom Vorläufigen zu unterscheiden. Vieles vergeht, worauf wir womöglich in einer bestimmten Lebensphase stolz waren: die Attraktivität und Vitalität des Körpers, die Erfolge und Auszeichnungen im Beruf, Rollen, die wir im Leben gespielt haben, …all das wird plötzlich weniger wichtig oder gar völlig bedeutungslos, und die Frage kann auftauchen: Was bleibt? Was trägt? Was hat Bestand?

Gerade die „Risse“ unseres Lebens, die im Alter nahekommende Angewiesenheit, Ohnmacht und Unbeholfenheit kann uns zu einem tieferen Sinn des Lebens führen. Und wo wir Menschen finden, denen wir nichts vormachen müssen, die auf alle Formen des Wichtigmachens und Imponiergehabes verzichten an Orten, wo unser Leben in seiner Ganzheit mit Stärken und Schwächen da sein darf, entsteht oft eine tiefere Gemeinschaft der Verbundenheit. Die Risse des Lebens können uns öffnen, damit das göttliche Licht in unsere Seele strömen kann, und wir beginnen, tiefer zu sehen und zu leben.

Auferstehung – Passage durch Dunkelheit und Leid zu neuem Leben

Um in der Akzeptanz des Verlustes, der Trauer um Unwiederbringliches, im Scheitern von Lebensplanungen nicht aufzugeben und Hoffnung zu finden, ist es wichtig durch den Schmerz, das Leiden und die Trauer zu gehen, manchmal auch nur auszuhalten, was mir da widerfährt. Emmy Werner sagt zu resilienten Menschen „vulnerable but invincible“, und meint, dass es sich bei diesen Menschen nicht um unverwundbare Helden/Held*innen handelt, sondern nur, dass sie sich durch die Lebenskrisen nicht unterkriegen lassen und dadurch ein psychisches Immunsystem entwickeln. Für die Reifung durch eine Krise gibt es kein Rezept, aber wer es wagt, sich mit seinen Lebenswunden anderen Menschen oder Gott zu öffnen und anzuvertrauen, für den entspringt nicht selten eine Quelle der Hoffnung.

Biblisch könnte man an dieser Stelle an das Paulus Wort denken: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10) Es gilt im Prozess der Verarbeitung auch die dunklen Gefühle (auch Suizidgedanken), die offenen und ungelösten Fragen, die mit der Lebenskrise einhergehende Verunsicherung und Verzweiflung, die Frage nach dem Sinn dessen, was mir das Leben zugemutet und auferlegt hat, die Leere, in der sich kein Gott zeigen will (vgl. das Gedicht von Jean Paul „Siebenkäs“),….zu stellen. Das Leid bleibt unerlöst, wenn es keinen Ausdruck findet. Wer sich verletzlich zeigt, eröffnet Reifungsprozesse.

Never give up!“

„Das Christentum ist vor allem eine Religion für Menschen, die einen tiefen Riss erlebt haben“ (Thomas Merton)

„Heute würde ich sagen, es ist wie die Auferstehung von den Toten gewesen“, sagte mir jemand im Gespräch. Nur, dass es körperlich keine Auferstehung mehr sein konnte, weil die betroffene Person dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen war. Viele Monate im Koma auf der Intensivstation und zahlreiche Reha-Aufenthalte nach einem schweren Unfall lagen hinter ihm. Zeiten der Dunkelheit und Verzweiflung und der Gedanke, ganz aufgeben zu wollen, lagen nicht fern. Doch er hat es geschafft und weiß, dass es mehr war als sein eigener Überlebenswille, der allein nie ausgereicht hätte, um wieder nach oben und ans „Licht“ zu kommen. Woher kam die Kraft, nicht aufzugeben? Woher die Fähigkeit, die Situation, wie sie ist, zu akzeptieren? Woher kam das Licht der Hoffnung, das einen Weg gewiesen hat in diesem Dunkel des Verlustes? Diese Fragen reichen in das Geheimnis des Lebens überhaupt.

Glaubende Menschen bringen diese Erfahrung des „Durchkommens“ durch Leid und Ausweglosigkeit mit Gott in Verbindung, mit seiner Liebeskraft, die uns am Leben halten will und die gerade dort auftauchen kann, wo unser Ego und unser eigener Wille am Ende ist. Sicher waren es auch die nahen Menschen, die mit ihrer Liebe beigestanden sind und Mittler dieser heilenden göttlichen Liebeskraft waren. Andere merken nur, dass sich etwas in ihrem Leben grundlegend verwandelt hat, interpretieren das aber nicht mit einer religiösen Sprache. „There is a crack in everything, that`s how the light gets in” (“Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein”) – so drückt der Songpoet Leonard Cohen in seinem Lied “Anthem” dieselbe Erfahrung etwas anders aus.

Christen finden in den Rissen des Lebens, in ihrem Leid eine Verbindung zum Leben Jesu, zu seinem Leben mit Sterben und Tod, aber auch zu seiner Auferstehung, das ihnen als Modell für das eigene Leben dient.

Leid, Schmerz oder Gefühle der Ausweglosigkeit haben dadurch nicht das letzte Wort und die glaubende Gewissheit, dass sich eine Tür öffnen wird, auch wenn sie womöglich im Moment noch nicht sichtbar ist, bestärkt die Kraft der Hoffnung und des Durchhaltenkönnens.

Zur Freiheit berufen– durch die Dunkelheit und die Strudel des Lebens ins Licht

Die französische Sängerin Zaz, mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy, beschreibt in Ihrem Lied „Tout la-haut“ einen Aufstieg; ein Aufstieg der Seele, ein Aufstieg zum wahren Selbst jenseits falscher Gewissheiten und Sicherheiten. Jenseits von Schein und nach außen gezeigten unbeschwerten Masken, so der Liedtext, liegt oft ein verletztes und verbranntes Kind. Hinter dem selbstsicheren Ego lauern die versteckten Risse der Kindheit. Der Weg nach oben bedeutet für die Sängerin, das Wahre vom Falschen zu entwirren; dabei ist es wichtig, die Einsamkeit und Ruhe schätzen zu lernen, von den Künstlichkeiten zu lassen, um endlich herauszufinden, warum wir existieren und warum wir uns gegen manches wehren. Sie fordert den Hörer des Liedes auf, diesen Weg nach oben zu nehmen, der im Grunde eher einem Abstieg gleicht, in die Tiefen und versteckten Verletzungen des inneren Kindes, und der verlangt, die Täuschungen und falschen Selbstsicherheiten zu entlarven. (zum Lied: ZAZ – Tout là-haut (Clip officiel) – Bing video)

Die Sängerin Zaz beschreibt im Grunde einen Heilungsweg, der immer dort beginnt, wo wir anfangen und riskieren in der Gegenwart eines anderen über das zu reden, was uns am meisten verletzt. Die gebrochenen und verletzten Stellen in uns brauchen die meiste Liebe und Barmherzigkeit; denn gerade dort, wo wir keinen Ort und keinen Menschen haben, dem wir uns öffnen können, gibt es eine Neigung in uns, uns selbst zu betrafen und „runter“ zu ziehen. Wer sich nicht willkommen und übersehen fühlt, neigt nicht selten zu einer trotzigen Fassade, welche die Trauer über die Ablehnung und die innere Unsicherheit überspielt und zu einem Leben im falschen Selbst führt.

Das wahre Selbst zu entdecken, ist eine der zentralen Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. Dazu ist unabdingbar den eigenen Wunden zu begegnen. Verletzungen, die jemand verbirgt, können zur Selbstverachtung und zur Überzeugung führen, nichts wert zu sein. Ohne Kommunikation und Offenheit entwickelt sich kein gesundes Zugehörigkeitsgefühl und ohne die unbedingte Liebe von jemanden, der an uns glaubt und will, dass wir leben, entwickelt sich ein psychisches Schuldgefühl, nicht liebenswert zu sein

In die Tiefe hinabsteigen, dem Schatten begegnen und sich vom falschen Selbst befreien

Zur Bildbetrachtung: Hinabsteigen in die Schattengebiete unseres Lebens

Es gehen uns die Augen auf wie im Fegefeuer: wir sehen all das Zerbrochene, unsere Schwächen und Fehler,  die gescheiterten Bemühungen, all das, was nicht geklappt hat, im Leben;  wir spüren den Riss, der sich durch unseren Körper und noch mehr durch unsere Seele zieht, wir spüren den Schmerz über das erlebte Böse und unsere Wunden, und auch das Böse und Erniedrigende , das wir anderen angetan haben, die schnellen Urteile und Verurteilungen, die ganze Schuldhaftigkeit des eigenen Handelns.

Wir sehen im Licht den dunklen Schatten, der in unserem Leben mitgezogen ist, und sogar im scheinbar Guten noch anwesend war, die Düsternis, die Verwirrung, der Zweifel, die Faulheit und Trägheit für die gute Wahl und die guten Entscheidungen, die Enttäuschungen und Selbsttäuschungen, die Illusionen und Fehleinschätzungen…. es bleibt mit den geöffneten Augen ein unabwendbarer Schmerz, über das ungelebte und verpasste Leben, über die Unaufrichtigkeit, über Falschheit und Verlogenheit, über den Verrat an der Wahrheit. Der Schmerz über das Unklare und Verschwommene in der eigenen Seele und in den eigenen Worten. Der Schmerz über den Sieg des Misstrauens über das Vertrauen; aber wir erkennen auch das schicksalhaft Hineinverwobenwerden in Umstände, die wir persönlich nicht in den Händen hatten, die weitergegebene Schuld durch Familie oder Nation….Wer durch die dunklen Tiefen der eigenen Existenz hindurchgeht, durchlebet und durchleidet, kann als neuer Mensch aufwachen und mit Schwung sein Leben in verwandelter Weise neu beginnen.

Aktualisierung:

Das Leben von Philippe Pozzo di Borgo, der bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery war, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, ist vielen bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“. Er berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor Mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:

„Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht. […] All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns. […] Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen, sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken.“ (Pozzo di Borgo u. a. 2012, 8f.)

Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz, so Pozzo di Borgo, werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewige Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit, sondern führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen. Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen statt Gleichgültigkeit für das Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.“ (in Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.89)

Lasten abwerfen und sich der Seelenführung anvertrauen

In der Psychologie C.G. Jungs ist die Psyche ein sehr dynamisches System, das Einseitigkeiten immer auszugleichen versucht. Die Anima, nach C.G. Jung ein Archetyp der menschlichen Seele, hat eine vermittelnde Funktion zwischen Bewusstsein und Unbewusstem und so die Rolle einer Mittlerin (mediatrix). Von C.G. Jung wird die Anima als das Passiv- Weibliche im Mann beschrieben.

Immer wieder läuft die Seele Gefahr im normierten, geschäftigen Alltag, hinter den tagtäglichen (oft kleinkarrierten) Anpassungen, Kompromissen und Notwendigkeiten verloren zu gehen. Dort wo die Anima ins Leben einbricht, werden die vielen verschütteten und verdrängten Gefühle oft schmerzhaft bewusst. Während die Beziehung zur Anima verwurzelt, ist heute das Gegenteil, nämlich der Animaverlust in Form einer umfassenden Entwurzelung und eines tiefgreifenden Seelenverlustes in der modernen Gesellschaft zu beobachten: „Der einzelne steht einem ungeheuren Apparat schwer durchschaubarer und nicht beeinflussbarer Vernetzungen und Komplexitäten wirtschaftlicher, politischer und kulturhistorisch gewachsener Systeme gegenüber…..´Ein verwalteter, zeitlich verplanter Alltag, die in technische und institutionelle Zwänge gefasste und entfremdete Arbeitswelt, das Dickicht der Städte, die Konsumgesellschaft mit ihrer repressiven Toleranz und den in der Verführung versteckten Zwängen, die Ausbeutung und Unterdrückung der Machtlosen,(..) die Schädigung der Umwelt, die drohende Verarmung und endgültige Zerstörung unseres Planeten…Daneben sehe ich weitere Gründe der Entwurzelung in der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und der daraus folgenden Vereinzelung und Vereinsamung…Unser Gesellschaftssystem erfüllt immer weniger das Bedürfnis der Seele nach Heimat und Zugehörigkeit.“ (Daniela Heisig, Die Anima, Archetyp des Lebendigen, Zürich und Düsseldorf1996, S. 201) Die Rückverbindung (re-ligio; re-ligare)mit der inneren Welt und das Wissen um eine transzendente Existenz gehen zunehmend verloren. Demgegenüber spielt sich der Mensch als Beherrscher der Magna Mater auf, was z.B. in der ökologischen Zerstörung zum Ausdruck kommt.

Die Anima umfasst als Mutterarchetyp alle Aspekte des Pflegens, Behütens und der Unterstützung von Entwicklung. Der Trappistenmönch Thomas Merton (1915-1968) beschreibt in seinen Tagebüchern einen eigenartigen Traum von einer „Schwarzen Mutter“: „Ich erkannte, dass ich zu einem Wiedersehen mit …einer Pflegemutter hierher gekommen war, die ich in meiner Kindheit geliebt hatte. Ich verdankte ihrer Liebe, so schien es, mein Leben, so dass es eigentlich sie war und nicht meine leibliche Mutter, die ich in meiner Kindheit geliebt hatte. Als ob aus ihrer Hand ein neues Leben gekommen war, und dort war sie. Ihr Gesicht war hässlich und ernst, doch eine großartige Wärme ging von ihr zu mir aus und wir umarmten einander in großer Liebe (und mit viel Dankbarkeit)….Wir tanzten einwenig miteinander, ich und meine schwarze Mutter, und dann musste ich die Reise fortsetzen…“ (P. Hart, J. Montaldo, Thomas Merton, der Mönch der sieben Stufen, Ein Leben in Selbstzeugnissen, S.212)

Als Sophia symbolisiert die Anima die Weisheit. Sie ist Schöpfungsmittlerin, die da war, bevor die Erde erschaffen wurde; durch ihre Erkenntnisse hat der Schöpfer die Erde erschaffen (vgl. Sprichwörter 8, 22-31). Sophia ist die Verkörperung der Weisheit und Quelle der Erleuchtung.

Thomas Merton, Schriftsteller und Mönch, verfasst 1960 einen Text über die Sophia: „Sophia, das weibliche Kind, spielt in der Welt, offenkundig und unerkannt, spielt allezeit unter den Augen des Schöpfers . Es ist ihre Wonne bei den Menschenkindern zu sein (Sprichwörter 8,31). Sie ist ihre Schwester. Der Lebenskern, der in allen Dingen west, ist Zärtlichkeit, Erbarmen, Jungfräulichkeit, ist das Licht und das Leben, insofern es passiv ist, also etwas Empfangenes, Geschenktes, etwas Angenommenes, etwas, was als Gabe Gottes unerschöpflich erneuert wird. Sophia ist Gabe, ist Geist, Donum Dei. Sophia ist das Erbarmen Gottes in uns. Sie ist Zärtlichkeit, mit der die unendlich geheimnisvolle Macht des Verzeihens die Finsternis unserer Sünden in das Licht der Gnade umkehrt. Sie ist der unerschöpfliche Brunnen der Güte und scheint in sich selbst gar nichts anderes zu sein als Erbarmen….Sie ist in uns die versöhnliche und zärtliche Ergänzung der Allmacht, Gerechtigkeit und Schöpferwucht des Vaters.“ (T. Merton, Zeiten der Stille, hrsg. von B. Schellenberger, S. 128 f.)

tationshocker aufzuspringen, und dem Menschen, der mich jetzt braucht, beizustehen.

Freiheit, Individuation und Heimweh

Was im Innersten angelegt ist, drängt zur Entfaltung, aber es braucht auch deine Mithilfe, die vorallem darin besteht, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die das Leuchten deines ureigenen Lebens verhindern. Was für Hindernisse sind das für Dich ganz persönlich?

Was uns antreibt, ist eine in uns geheimnisvoll wirkende Kraft, die wir vielleicht als Heimweh erleben, als eine Sehnsucht nach mehr als allem, eine Unzufriedenheit, die uns auf eine Reise schickt und zugleich wie ein Magnet uns lockt, die wahre Heimat zu suchen, ganz bei sich anzukommen und dabei zugleich Gott zu entdecken.

Mensch im Werden– Ich bin noch nicht, aber ich werde

Der Philosoph, Theologe und Mystiker Maurice Zundel (1897-1975) brachte bei der Frage „Was ist der Mensch?“ ins Spiel, dass der Mensch sein Menschsein erst erlangen muss und zwar durch kreative, schöpferische und verantwortungsvolle Bearbeitung seiner Natur. Sein Verständnis des Menschseins drückte er in der Formel aus: „Ich bin nicht, aber ich kann sein.“ Hintergrund für diese Sicht des Menschen war eine Gesellschaft, die im 20. Jahrhundert durch Kriege, nationalsozialistische und faschistische Politik, Rassismus und Kapitalismus und andere ideologische Strömungen den Menschen entmenschlicht haben und nur noch sein vorgefertigtes, biologisches, besitzergreifendes und instinktives Ich zum Vorschein brachten. Dieses gilt es in einem Prozess der Humanisierung zu überwinden, und sein wahres Menschsein, sein neues Ich durch eine neue Geburt zu erlangen. Zundel empfiehlt dafür drei Wege, diesem „heimlichen Geschehen in uns“ Raum und Kraft zu geben: die Betrachtung des Schönen in der Begegnung mit der Kunst (es gilt die „Durchsichtigkeit“ der Dinge als Gleichnis , das auf den Schöpfer hinweist) zu entdecken, und für Zundel eine Form des Gebets ist), die Suche nach dem Wahren in der Wissenschaft, und die Erfahrung des Guten in den mitmenschlichen Beziehungen.

Dieser Prozess der Humanisierung, der Begegnung mit sich selbst, steht für Zundel in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der persönlichen Gotteserfahrung, der göttlichen Wirklichkeit (Présence), die dem Menschen innewohnt. Aufrüttelnde Aussage Zundels fallen in diesem Zusammenhang: „Ich glaube nicht an Gott, ich durchlebe ihn!“ Das Leben selbst ist die spirituelle Quelle, auch die Nacht des Lebens. (vgl. zur Vertiefung, Maurice Zundel, „Ich ist ein anderer“, Ausgewählte Texte, hrsg. und übersetzt von Claude Bachmann und Alois Odermatt, Zürich 2025,2026)

Text 2:

Was ist der Mensch? Glaubst du an den Menschen?

Er ist verletzlicher als er meist zugibt. Er ist bedürftiger nach Liebe und Zuwendung als seine Autonomiebestrebungen vermuten lassen. Er ist schwächer als der Panzer seiner seiner zur Schau gestellten Unverwundbarkeit erahnen lässt. Er ist verwundbar- auch dem, der das Glück und die Sonnenseite gepachtet zu haben glaubt, kann das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machen. Ich glaube an den Menschen, der ein zerbrechliches Wesen ist, angewiesen auf andere, der Unterstützung braucht, aber auch selbst mitfühlend sein kann und fürsorglich, selbstlos sich engagierend, lebendig und unkonventionell, spielerisch und humorvoll, dankbar und segnend.

Doch heute sind wir oftmals gerade bei Menschen, die Staaten lenken sollten, und für viele Verantwortung tragen mit einem Zerrbild des Menschen konfrontiert, von dem wir womöglich mit Recht sagen müssen: Der Mensch in seinem eigentlichen Sinne existiert noch nicht. Einige Adjektive mögen ihn charakterisieren: verpanzert, isoliert, hinterhältig, lügnerisch, egoistisch, brutal, gewalttätig, ausbeuterisch, skrupellos, zynisch, Macht missbrauchend, habgierig, verleumderisch….oder in längeren Sätzen ausgedrückt: skrupellose Menschen, die über Leichen gehen, eiskalte Typen, die mit allen Wassern gewaschen sind, Lügner, für die Wahrhaftigkeit und Wahrheit wertlos ist…

Glaubst du an den Menschen?

„Der Mensch existiert nicht“ (Maurice Zundel) – oder wie wir die verlorene Würde wiederfinden

Wie wäre es wohl in unserer Welt, wenn wir einander so begegnen würden, dass wir im Gegenüber, sogar im Unsympathischen und Feind, einen Menschen mit einer unbedingten Würde sehen könnten? Wenn der Andere zuerst als Mensch mit seiner Einmaligkeit verstanden und erlebt würde, als einer, der Gefühle hat wir wir, der verletzbar ist wie wir selbst, der sich nach Annahme und Frieden sehnt und dem wir zuerst mit Respekt begegnen trotz unterschiedlicher Überzeugungen, statt einander in Schubladen zu stecken oder in annonymer Weise mit Hasstiraden zu überziehen. Das wäre eine Auferstehung des wahren Menschen, ein Rückgewinn der Menschlichkeit, einen Befreiung des verobjektivierten Menschen zum Subjektsein.

„Adam, wo bist du?“ Hast du deine Größe vergessen, die dich im Innersten ausmacht? Hast du vergessen, dass du eine unbedingte Würde hast? Hast du vergessen, dass du als Gefäß des heiligen Geistes erschaffen wurdest, dass du einen kostbaren Schatz in Dir trägst?

Geburtsprozess

Weil Gott mit seiner Menschwerdung auch in die Tiefen und Niederungen unserer Seele hinabgestiegen ist, sein Licht unsere Dunkelheit erhellt, kann dort Verwandlung und Neuwerdung geschehen; er nimmt uns die Angst vor dem Abstieg, der notwendig ist, damit eine tiefgreifende Verwandlung unseres Seins geschehen kann. Ohne die Konfrontation mit dem allzu Menschlichen und dem was C.G. Jung „Schatten“ nennt, bleibt das seelische Geschehen an der Oberfläche. Die Geburtsgeschichte Jesu geschieht ja nicht in einem Palast, sondern im „Stall“, womit die Bildmotive das eben Gesagte bestätigen.

Weil Jesus aus dieser ursprünglichen Quelle, aus diesem Gottesbezug-der „Abba-wirklichkeit“ schöpft und lebt, geschieht durch ihn Heilung und Verwandlung und es realisiert sich das, was das Evangelium Reich Gottes nennt: Gekrümmte und Verkrümmte richten sich auf, Stumme beginnen zu reden, Geizhälse werden großzügig, Kranke werden gesund und die inneren und äußeren Dämonen verschwinden.

Die Philosophin Hannah Arendt spricht von der Geburtlichkeit des Menschen (Natalität) und meint,  dass mit jedem neugeborenen Kind die Welt noch einmal von vorne anfängt. Und so können wir mit jedem neugeborenen Kind in den Sog des Neuanfangs geraten und eine Verheißung und Zukunft für uns erahnen. Jesus war der ganz und gar geburtliche Mensch, der aus dem Ursprung, den er Vater nennt, – gelebt hat.

Das göttliche Kind ist auch das Bild des wahren Selbst. Jesus sagt von sich bei der Auferstehung: „Ich bin ich selbst“ (ego eimi autos), er lebt aus diesem wahren und unverfälschten Bild, aus der Einfalt und Lauterkeit des Herzens, die es nicht nötig hat, großspurig daher zu kommen wie die Könige und Herrscher des römischen Reiches oder deren Epigonen und heutigen Aktualisierungen in Politik, Wirtschaft oder Kirche.

Der Islamprofessor und Muslim Karimi schreibt in seinem Buch über die Schönheit des Christentums: „Am Anfang steht ein Kind. Kein Gedanke, kein Prinzip, kein Lehrsatz. Ein Kind, das schläft oder schreit, das die Augen noch nicht auf die Welt eingestellt hat, in die es hineingeboren wurde, Es weiß nicht von Herkunft, Sendung und Bestimmung. Es weiß nur, was jeder Anfang weiß: Kälte oder Wärme, Hunger oder Sättigung, Nähe oder Verlassenheit. Dass der christliche Glaube seinen Blick auf ein solches Kind richtet, gehört für mich zu den tiefsten Schönheiten. Denn mit der Krippe beginnt nicht nur eine Geschichte, Mit ihr beginnt eine bestimmte Sicht auf den Menschen. Nicht als Wesen der Macht, nicht als Träger der Vernunft oder Würde im abstrakten Sinn, nicht als jemand, der sich durchsetzt, behauptet, formt. Vielmehr erscheint der Mensch als einer, der zuerst empfangen muss, um leben zu können. Der Anfang des Menschen ist Bedürftigkeit. Das Christentum übersieht diesen Anfang nicht. Es stellt ihn in die Mitte.“ (S.17f.) (Ahmad Milad Karimi, Die Schönheit des Christentums, Eine muslimische Liebeserklärung, Ostfildern 2026)

Das Zentrum des Lebens suchen

Teresa von Avila, rebellische Nonne, Mystikerin und Gründerin vieler Frauenklöster schreibt 1577 ein Buch, in dem sie die menschliche Seele mit einer Burg mit sieben Wohnungen vergleicht. Gott selbst wohnt in der siebten Wohnung, im innersten Raum der Seele. Mit „Erwachen“ , dass es doch ein „mehr“ als Arbeit, Pflichterfüllung und Sorgen um den Lebensunterhalt…geben muss lässt sich die erste Wohnung kurz beschreiben. Die zweite Wohnung besteht im Kampf und der Anstrengung sich nicht länger von alten Gewohnheiten und Lebensmustern einschnüren zu lassen. Die dritte Wohnung ist mit einem tugendhaften und in Ordnung gebrachten Leben zu umschreiben. Aber erst in der vierten Wohnung beginnt Gott zu handeln und fordert auf, sich immer mehr seiner Führung zu überlassen. In der fünften Wohnung erlebt die Seele eine tiefe Vereinigung mit Gott, das alte Ich hat seine Vorherrschaft aufgegeben, aus der Raupe ist ein Schmetterling geschlüpft. In der sechsten Wohnung wird die Nähe zu Gott noch intensiver erlebt und die brennende Sehnsucht nach ihm hinterlässt einen Liebesschmerz. In der siebten Wohnung findet die geistliche Vermählung statt, welche nicht außergewöhnliche mystische Erlebnisse und Bewusstseinszustände zum Ziel hat, sondern die Verwandlung des Lebens durch Liebe. Teresa legt sogar großen wert darauf, dass diese Erfahrung sich im Alltag zeigt und echte Mystik sich daran erweist, ob wir liebevoller, freier und dienstbereiter geworden sind.

Nada te turbe

nada te espante;

todo se pasa,

Dios no se muda

La pacienca

todo la alcanza,

Quien a Dios tiene

nada le falta.

Solo Dios basta.

Teresa von Avila

Literaturtipp Zur Biografie , Alois Prinz, Teresa von Avila, Die Biografie, Berlin 2014

Wo ist die Mitte? Was ist die Mitte? Wo liegt der Kern meiner Existenz?– Der „point vierge“ in der menschlichen Seele

Der amerikanische Trappistenmönch und spätere Einsiedler Thomas Merton (1915-1968), vielen bekannt durch seine Biografie „Der Berg der sieben Stufen“ (engl. the Seven Storey Mountain) hat in seinem 1965 erschienen Werk Conjectures of a Guilty Bystander (dt. In Zeiten der Umkehr) einen interessanten Gedanken entwickelt: dort spricht er vom „point vierge“, ein Begriff der sich nur schwerlich ins Deutsche übersetzen lässt, am ehesten mit „der jungfräuliche Punkt“.

„Das erste Zirpen der erwachenden Tagvögel bezeichnet den „point vierge“ der Morgendämmerung unter einem Himmel, der noch ohne wirkliches Licht ist, einen Augenblick der Scheu und der unaussprechlichen Unschuld, wenn der Vater in vollkommenem Schweigen ihre Augen öffnet. Sie beginnen mit ihm zu plaudern, nicht in einem flüssigen Lied, sondern mit einer aufdämmernden Frage, die ihrer Verfassung entspricht, ihrer Verfassung des „point vierge“. Sie sind an einem Punkt, an dem die Frage in ihnen aufwacht, ob es für sie Zeit sei, zu sein. Er antwortet mit ´Ja` .Dann erwachen sie , einer nach dem anderen, und werden Vögel. Sie offenbaren sich als Vögel, indem sie zu singen anfangen. In kürzester Zeit werden sie ganz sie selbst sein, und sie werden sogar fliegen. “ (Thomas Merton, Zeiten der Stille, ausgewählt, herausgegeben und erläutert von Bernardin Schellenberger, S.77, Freiburg im Breisgau 1992)

Im Zentrum der menschlichen Seele, im Kern unseres Wesens gibt es auch diesen „point vierge“, einen reinen, unzerstörbaren Kern, der nur Gott gehört und unberührt bleibt von Egoismus, Sünde und den Illusionen dieser Welt. Über diesen Punkt verfügt nur Gott und er fügt von diesem Punkt aus unser Leben. Er lässt sich weder von den Phantasien unseres Geistes noch von einem gewalttätigen Willen erreichen. Es ist ein Punkt des „Nichts“ (point of nothingness) im Sinne der Mystik, leer von Ehrgeiz und dem Drang sich vor anderen beweisen oder darstellen zu müssen.

„Dieser kleine Punkt der Nichtigkeit und der absoluten Armut ist der Punkt der reinen Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist sozusagen der Name Gottes, der in unser innerstes Wesen geschrieben ist, als unsere Armut, als unsere Bedürftigkeit, als unsere Abhängigkeit, als unsere Gottessohn(tochter)schaft. Er ist wie ein reiner Diamant und funkelt vom unsichtbaren Licht des Himmels. Er steckt in jedem Menschen, und wären wir imstande, ihn zu sehen, dann würden wir sehen, dass Milliarden solcher Lichtpunkte sich zu Gesicht und zum Strahlen einer Sonne vereinigen, die alle Dunkelheit und alle Grausamkeit des Lebens restlos verscheuchen würde. Ich kenne kein Programm dafür, wie man dahinkommen kann, das zu sehen. Es kann einem nur geschenkt werden. Aber das Tor zum Himmel ist überall.“ (Thomas Merton, a.a.O., S. 79)

Wenn einer die Bruchstücke des Lebens zu einem Ganzen zusammenfügt oder von der Anziehungskraft eines geheimnisvollen Zentrum

Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass ein „Anderer“ (Gott) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt.  Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will.  Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.

Heimat finden

Das Bild „Die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zeigt ein An- und Zurückkommen zu dem, wovon einst seine Reise ihren Ausgang genommen hat. Hätte er nicht gleich zu Hause bleiben können, könnte man fragen. Wozu die vielen Kämpfe, Irrwege und Gefahren? Anscheinend geht es nicht ohne eine Reise, auch wenn es gefährlich und gefährdend für Leib und Seele ist, um schließlich am Ende allen Suchens die Heimat als Heimat zu erkennen, wo er hingehört, wo seine Frau Penelope auf ihn wartet und bei sich selbst anzukommen.

„Heimat ist ein anderes Wort für den Geist, der wir sind, unser wahres Selbst in Gott. In dem Moment, in dem wir Gott in uns finden, finden wir uns auch in Gott wieder- und das ist die vollkommene Heimkehr. Bis dahin leiden wir unter Heimweh, obwohl die meisten es heute wohl einfach als Einsamkeit, Isolation, Sehnsucht, Traurigkeit oder gar eine Art Depression bezeichnen würden. Die gängige Bezeichnung für diesen inneren Ort. der zugleich ein Ort der Sehnsucht ist, lautet üblicherweise Seele…“

(P. Richard Rohr OFM, in CAC (Center for Action and Contemplation, Dayly Meditations in October 2026)

Die Reise des Odysseus will auch uns die Frage stellen: Was ist für Dich Heimat?

Ein paar Gedanken dazu:

Heimat- das ist für mich die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich wiederfinden kann, an dem Geborgenheit, Nähe, menschliche Vertrautheit sich einstellt, an dem der Mensch bei sich ankommt. Dies scheint vielen Menschen heute irgendwie abhanden gekommen zu sein. Wer in seiner Seele keine Heimat mehr findet, neigt wohl dazu, durch Ausgrenzung und Fremdenhass, sich der eigenen Identität versichern zu wollen. Identitätsstiftung durch Ausgrenzung. Globalisierung, Zuwanderung, die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, scheint auch in unserem Land nicht wenige zu überfordern.

Letztlich geht es jedoch darum eine „offene Heimat“ wieder zu finden, in der Provinzialität, Enge und Ausgrenzungstendenzen überwunden werden durch weite Horizonte, in denen angstfreie Begegnungen möglich werden.

Jedenfalls bleibt Heimat immer auch ein Sehnsuchtsort, der aus einer tiefen Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit und Angenommensein erwächst.

Aus christlicher Perspektive geschieht eine letztgültige Erfüllung dieser Sehnsucht erst im Himmel, der wahren Heimat, allerdings wird auch dort versprochen, dass es im Hause des Vaters viele Wohnungen gibt, also eine offene und lichtdurchflutete Wohngemeinschaft unterschiedlichster Menschen. (vgl. Joh 14,1-3)

Impulse zum Nachdenken:

Was bedeutet für mich Heimat?
Wohin zieht es mich? (landschaftlich, geografisch…) Wohin gehöre ich?
Welche Menschen sind für mich Heimat? Welche Musik ist Heimat?
Gibt es einen Glauben, Überzeugungen, Werte, die für mich Heimat sind?
Literatur zur Vertiefung:

Hartmut Rosa, Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016

Den Schatz im Acker suchen oder über die Heimreise zu sich selbst

Solange hauptsächlich das falsche Selbst im Leben Regie führt, liegt ziemlich viel „Dreck“ über dem Schatz, kreist man/frau um sich selbst , poliert die Fassade, frägt bei allem „Was bringt mir das ?“ und dient dem Götzen „Ego“. „Man“ führt große Worte im Mund, „frau“ schminkt sich und putzt sich heraus. Man scheffelt Geld, raucht dicke Zigarre, spielt Machtspiele aller Art und ist cool. Man und frau sind süchtig nach sich selbst und sie treiben im Strom der Äußerlichkeit und Zerstreuung. Man(n) wird zu abgebrühtem Einzelkämpfern in einer zynischen Welt Gleichgesinnter.

Durch Grenzerfahrungen des Lebens, durch den Einbruch von Krankheit, Behinderung oder einen unerwarteten Schicksalsschlag kann sich alles ändern. Oder „Grad in der Mitte unserer Lebensreise“ , sagt der berühmte Dichter Dante in der Göttliche Komödie, kann es passieren, dass wir in einen „dunklen Wald“ geraten; dass unsere bisherige Lebensstrukturen und Werte nicht mehr tragen, dass ein Schatten auftaucht, den wir nicht mehr abschütteln können, dass unser „Schein-Ich“ abblättert und abfällt wie ein Mantel, der nicht mehr taugt..

Das kann schmerzhaft und befreiend zugleich sein, weil wir dadurch in eine Richtung getrieben werden können, die man als wahres Selbst oder als wahre Identität bezeichnen können. Befreit vom Ballast des falschen Selbst und des aufgeblähten Egos werden wir wieder zu „Anfängern“, die einen Freiheitsraum betreten und offen werden für wirklich „Neues“. Neulinge, die sich wieder berühren lassen und berührt werden.

Wer in diese Richtung sich bewegt, ist auf dem „Heimweg“. Er verlässt die „Türme“, in welche er sich verstiegen oder verschanzt hat, er wirft unnötigen Ballast ab und geht nach Hause. Wer auf diesem Wege ist, ahnt langsam, was wir „verborgen in Gott“ (Kol 3,3) sind und dass wir Anteil haben an der „göttlichen Natur“ (2 Petr.1,4)

Den inneren Schatz entdecken

Wir werden angerührt, aufgerüttelt, erschüttert, bewegt von etwas, das nicht unserem eigenen Ego entspringt, von jemand, dem wir wichtig sind, von einer Stimme, die uns anspricht, die uns in einer ungekannten Weise und Tiefe meint. Es lässt sich kaum in Worte fassen, was mit uns geschehen ist, aber wir merken, dass es sich um etwas sehr Kostbares handelt, das unser Herz geöffnet hat. Ist es Liebe? Liebe, die eine Antwort verlangt mit unserer ganzen Existenz, mit Herz, Seele und Verstand, und mit allem, was uns in der Tiefe ausmacht. Wir können auch Nein sagen zu diesem Beziehungsangebot, aber glücklich werden wir damit wohl nicht.

Den Schatz ausbrüten

Ein „Ja“ aber bringt uns auf einen Weg, und wir müssen herausfinden, in welche Lebensform sie uns treibt, wie sie unser Leben formt, in welche Lebensaufgabe sie mündet. Die geschenkte und erfahrene Liebe will weiterfließen, sich entfalten durch uns hindurch, mit unseren Gaben und Besonderheiten weitergetragen werden und sich heilend, versöhnend, stärkend, aufrichtend…auswirken.

Den „Schatten“ des eigenen Lebens nicht mehr ausschließen….

… wenn der Schatten nicht mehr verdrängt werden muss und das Dunkle durchlitten wird...
Abstieg der Seele“- Schattenannahme
Annahme des eigenen Begrenztseins, der Dunkelheit und Hässlichkeit
Für James Hillman besteht die wichtigste Frage darin, ob wir soviel Liebe aufbringen, dass wir auch unsere niedrigsten Züge lieben können, „diese fixierten, hartnäckigen angeborenen Schwächen der Halsstarrigkeit und Blindheit, der Gemeinheit und Grausamkeit, der Vorspiegelung  und Aufgeblasenheit..“ Sich selbst zu lieben ist gar nicht so einfach. „Denn es bedeutet, dass man alles an sich lieben muss, auch die Schatten-Seite, wo man so minderwertig, so unannehmbar ist. Sich dieser peinlichen, demütigenden Seite fürsorglich anzunehmen, das ist die Heilung. Aber zugleich ist die Arbeit mit dem Schatten ein moralisches Problem, da ich nicht alles ausleben kann, was in mir verdrängt worden ist.
Franziskus zu Bruder Masseo:
„Willst du wissen, warum alle Welt mir nachläuft? Das ist mir zuteil geworden durch das Auge des höchsten Gottes, das überall hinsieht, auf die Guten und auf die Schlechten; sein heiliges Auge aber hat unter den Sündern keinen schlechteren, untauglicheren, keinen sündhafteren Menschen gesehen als mich; und um sein wunderbares Werk zu vollbringen, hat er keine geringere Kreatur gefunden auf der Erde; deswegen hat er mich erwählt, um allen Adel und alle Größe und Kraft und Schönheit und Wahrheit der Welt zu beschämen.“
Franziskus wusste, dass er ganz und gar unvollendet war und es immer bleiben würde. Den Anfang seines neuen Lebens führte er auf jene Begegnung zurück, bei der er es fertig gebracht hatte, einen hässlichen, übelriechenden Aussätzigen zu küssen; sein Aufbruch zur höheren Wahrheit begann in dem Augenblick, in dem er den aussätzigen Teil in sich selbst zu erkennen und anzunehmen vermochte. Dieses volle Annehmen seines eigenen Begrenztseins und seines eigenen Schattens war frei von destruktiven, von tiefer Selbstverachtung herrührenden Zügen. Franziskus freute sich einfach über die Verheißung, davon erlöst zu werden.
C.G. Jung stellt die kritische Frage: „Daß ich den Bettler bewirte, dass ich dem Beleidiger vergebe, dass ich den Feind sogar liebe im Namen Christi, ist unzweifelhaft hohe Tugend. Was ich dem geringsten unter meinen Brüdern tue, das habe ich Christo getan. Wenn ich nun aber entdecken sollte, dass der geringste von allen, der ärmste aller Bettler, der frechste aller Beleidiger, ja der Feind selber in mir ist, dass ich selber des Almosens meiner Güte bedarf, dass ich mir selber der zu liebende Feind bin, was dann?“ (Jung, Bd.11, 367)
Die meisten Menschen glauben, bei Religion dürfe es nur um die positiven Dinge gehen: Heilen, Helfen und Hoffen. Richard Rohr geht von der gegenteiligen Annahme aus: der Weg, den Schmerz des Lebens zu verwandeln, besteht darin, die „verwundete“ (verschattete, verdrängte, verdunkelte, negative..) Seite aller Dinge aufzudecken und die Wunde in einen heiligen Bezirk zu bringen. Das Negative bewusst einzubeziehen, darin liegt die eigentliche Bedeutung des Kreuzestodes Jesu. Die Bibel mit ihren vielen Geschichten (von Ehebruch, Zorn, Verrat, Hinterlist…) kann uns beibringen, dass bei Menschen Güte (vgl. Zachäus; )eher aus Fehlern entspringt, die wir überwinden, als daraus, vollkommen zu sein und alle Fehler zu vermeiden.
Wir dürfen das Vollkommene nicht mit dem Guten verwechseln; das falsche Streben nach dem Vollkommenen, das ja ohnehin nur in Gott zu finden ist, dient oft nur als wunderbare Verkleidung für den eigenen Egoismus. Wie Adam streben wir danach gleich zu sein „wie Gott“ (1 Mos. 3,6). Aber: „Vergiss das vollkommene Opfer und läute die Glocken, die noch läuten können!“ wie es ein Lied von L. Cohen sagt, denn in allen Dingen ist ein Sprung, aber genauso kann Licht hineinkommen. Jeder Idealismus hat auch eine Schattenseite; es ist schon gut, wenn Menschen nach Idealen streben. Aber es gehört zur menschlichen Demut auch mit seiner Schattenseite zu rechnen.
Unser Leben spielt sich in der Transformation ab: mühevoll, mitten in einem Gemenge von Gut und Böse, nicht in einem erzwungenen Utopia. Wir Menschen bestehen aus einer Menge Gegensätzen, die sich nach Versöhnung sehnen.
Ein Paar fängt erst dann an, sich wirklich zu lieben, wenn die beiden einmal richtig gestritten und sich wieder versöhnt haben. Ein Mensch, der zu seiner Begrenztheit steht (seine Sterblichkeit anerkennt;), kann viel mehr bewirken als einer, der seine Begrenztheit und Sünden gar nicht erst erkennt.
Der Arzt, der ganz für andere da ist, hat oft auch eine recht egozentrische Seite. Der Musiker, der so sensibel ist, kennt häufig auch eine brutale Seite. Menschen, die sich für den Naturschutz engagieren zeigen manchmal eine passive Aggression. Vertreter von religiösen Erneuerungsbewegungen, die Liebe und Einheit auf ihre Fahnen geschrieben haben, gehen oft unfair mit Andersdenkenden um und schließen um der Einheit willen jegliche Kritik aus. Manchmal lauert hinter der Fassade des freundlichen Lächelns Überheblichkeit, Kälte und Verzweiflung. Manche meinen sie könnten auf dem Weg der Meditation immer erleuchteter werden und merken gar nicht mehr wie sie zwischenmenschlichen Konflikten ausweichen. Oder besonders Rechtgläubige projizieren den „Teufel“, der im eigenen Herzen schlummert, auf die anderen und verteufelt sie als laue Christen, die gar nicht mehr rechtgläubig sind. Jede Gemeinschaft hat ihren Schatten und je mehr er verdrängt wird, umso aggressiver wird sich die dämonische Seite zu Wort melden. Der Schatten der Gemeinschaft steckt oft in der Gemeinschaftsideologie.

Den roten Faden im Leben suchen

Gibt es einen roten Faden in meinem Leben? Gibt es etwas, das sich durch meine verschiedenen Lebensphasen durchzieht, zu mir gehört, mich ausmacht, etwas von meinem ureigenen Weg aussagt, von der Spur, die ich und nur ich auf diese Weise in der Welt ziehen kann? Was könnte das sein? Eine tiefe Sehnsucht, die mich seit Kindertagen begleitet, eine Vision, die immer deutlicher geworden ist im Lauf meines Erwachsenwerdens und meine Schritte leitet, letztlich der Grund meines Handelns ist, oder ein Wert, den ich für mich als zentral erkannt habe, und für den ich mich mit Herzblut engagiere? Welcher Leitsatz könnte mein Leben beschreiben? Vielleicht sind es auch Themen aus den Tiefen des Unbewussten: ein Trauma, ein Riss, eine tiefe Verletzung, die nach Heilung ruft, ein tiefgreifender Konflikt, der nach Versöhnung schreit und Ursache sind für mein Engagement in der Welt. Wer das einmal biografisch für sich durchgeht, wird womöglich sagen, es gibt nicht nur einen roten Faden, sondern mehrere, aber womöglich fügen sich die Fäden zu einem Webmuster zusammen, und ein Faden sticht dabei besonders heraus!

Mögliche Fragen für die Biografiearbeit könnten sein:

Welche Themen kehren in meinem Leben immer wieder?

Welche Dinge oder Situationen haben mich als Kind schon tief berührt?

Welche Menschen ziehen mich besonders an?

Welche Konflikte wiederholen sich?

Welche Werte sind mir besonders wichtig?

Welche Bilder und Symbole begleiten mich?

Flow- der Fluss des Lebens

„Alles fließt“ oder alles blockiert wie im  Burnout

1). Alles fließt

Schon vor 2500 Jahren haben altes Weisheitslehrer entdeckt, dass der Mensch dann glücklich ist und Glück erfährt, wenn er im Fluss ist. Für den Philosophen Heraklit ist der Satz „Alles fließt“ die Grundlage seiner Philosophie, der chinesische Weisheitslehrer  Laotse spricht vom „Urquell des Lebens“, der mühelos aus sich selbst quillt.

Man spricht heute vom Flow-Prinzip.

Ein ungarischer Psychologe (Mihaly Csikszentmihaly)  hat dieses Prinzip des Fließens neu entdeckt; er hat eine ungarische Bäuerin beobachtet, die sich mit vollem Herzen auf ihre Arbeit eingelassen hat, weil ihr die Natur Gesellschaft geleistet hat. Flow beschreibt also keine  Technik, sondern  eine  Art mühelose  Bewegung in einem Strom von Energie.

„Ich gehe in dem völlig auf, was ich tue, ich erlebe schöpferische Freiheit. Ich kann ganz bei der Sache sein: alle Störungen durch die Umwelt erreichen mich nicht. Alles geht mir leicht von der Hand“

2) Alles blockiert –

Das Gegenteil des Fließens  ist die Erfahrung des Burnout. Da ist nichts mehr im Fluss, immer mehr Blockaden tauchen auf. Innerlich hat man den Eindruck, alles sei erstarrt, während man äußerlich wie ein Getriebener ist, der von Termin zu Termin hetzt, von Auftrag zu Auftrag. Man wird zunehmend unzufriedener, gereizter, empfindlicher; andere Menschen erlebt man als Störenfriede. Es ist wie ein innerer Hilfeschrei: „Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Lasst mich doch alle mal einfach in Ruhe!!

Man wird zunehmend kraftlos, geht Konflikten aus dem Weg, trifft keine notwendigen Entscheidungen mehr oder trifft sie wahllos ohne Klarheit und Überlegung.  Irgendwann scheint einem alles egal.

3) Anzeichen  und Phänomene  des Burnout

Die Kennzeichen eines beginnenden  Burnout werd von der Umgebung  oft schneller entdeckt als vom Betroffenen  selbst; Betroffene, die  von Freunden und Kollegen auf Burnout angesprochen, wehren oft ab: die anderen sind Schuld (Firma oder Familie) , oder Verharmlosungen (Ja, im Moment etwas viel, aber bald kommt ja der Urlaub ; aber im Urlaub lädt der Akku nicht mehr auf und er kommt vom Urlaub genauso angespannt zurück wie vorher; gerät in der Arbeit in Panik, Angstattacken quälen ihn, manche denken an Suizid….manche sehen keinen Ausweg, wollen sich aber auch nicht eingestehen, dass sie am Ende sind…Nur wenn gar nichts mehr geht, wagt man den Schritt zum Arzt, der hoffentlich nicht bloß eine Woche krankschreibt, sondern Burnout/Erschöpfungsdepression  attestiert….

Burnout ist ein Prozess; man ist nicht von heute auf morgen ausgebrannt; es gibt immer schon Anzeichen und Symptome, die sich lange angekündigt haben.

Einige Kennzeichen:

  • Zunehmende Gereiztheit und Negativität (Chef oder Mitarbeiter sind empfindlich, leicht gereizt, machen pessimistische, abschätzige oder zynische  Bemerkungen, auch gegenüber Menschen, für die man arbeitet; Lehrer in der Schule machen plötzlich ihre Schüler oder Kollegen herunter, Verkäufer ihre Kunden…..)
  • Chronische Müdigkeit und Lustlosigkeit (die sich in Sätzen zeigt wie „ Alles hängt mir zum Hals raus; Ich habe keine Lust mehr. Ich bin so müde…“)
  • Zunehmende Kraftlosigkeit, Antriebsschwäche  bis hin Depression (Man möchte sich nur noch vergraben und verstecken in den eigenen vier Wänden; man möchte keinen Menschen mehr sehen. ( Burnout ist in Medizin und Psychologie kein allgemein verbindlich festgelegte Beschreibung eines Krankheitsbildes; Psychologen sprechen daher von Erschöpfungsdepression; Krankheit ist nach dieser Definition nicht das Burnout, sondern die Depression, die durch die Erschöpfung hervorgerufen wird)
  •  Es kommt zum sozialen Rückzug und Interessenverlust (man pflegt auch keine Hobbys mehr, wird eigenbrötlerisch und desinteressiert…)
  • Blockaden häufen sich (Schreibblockaden, Denkblockaden, nichts scheint mehr zu gehen und alles braucht unendlich viel seelische  und körperliche  Kraft…)
  • Länger anhaltende verkrampfte und angespannte Verfassung  ( der Betroffene sieht schlecht aus , ist angespannt, ohne Gelassenheit, voller innerer Spannungen …Menschen, die sich bei allem, was sie tun, unter Druck setzen, der aber nicht stimulierend wirkt, sondern blockierend und irgendwann zum Crash auch im Leib führt: Schlafstörungen, erhöhter Blutdruck, Rückenschmerzen…..)
  • Sich steigernde Gefühllosigkeit und Apathie ( man fühlt nichts mehr bei der Arbeit, bei Gesprächen mit Mitarbeitern oder den Kunden, sogar das Zusammensein mit Freunden fühlt sich leer an;…)
  • Das ausgewachsene Burnout Syndrom zeigt sich irgendwann als schwere Lebenskrise , die von negativen Gefühlen dem leben gegenüber beherrscht sind: Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, existentielle Verzweiflung bis hin zu Selbstmordabsichten……

Loslassen …wenn die Blockaden aufgelöst sind…und du dich dem Fluss des Lebens ganz anvertrauen kannst

Für mich hatte die Sinnsuche manchmal etwas Verkrampftes nach dem Motto: ich muss etwas in meinem Leben verändern, um noch wirksamer zu werden, um mehr Menschen zu erreichen, überhaupt tiefer ins Leben einzusteigen… Das Wort Veränderung hat aber oft auch etwas Gewaltsames in die Richtung spiritueller Selbstoptimierung, bei dem das eigene Ego und der manchmal sogar der brutale Wille im Vordergrund steht. Oft ist so eine Haltung geprägt vom Misstrauen in das Leben, von dem Drang, sich selbst beweisen und sich die Eintrittskarte ins Leben verdienen zu müssen. Das Gratis und unverdienbare Geschenk des Lebens gerät dabei aus dem Blickfeld.

Es braucht seine Zeit und wohl tiefgreifende Erfahrungen, sich auf diesen gnadenhaften Grund des Lebens loszulassen und dem Leben zu vertrauen, in den Fluss des Lebens zu springen und jener Macht zu vertrauen, die uns versprochen hat bei allen Strömungen und Untiefen des Lebens mit uns zu sein und uns vor dem Untergang zu bewahren.

Ich vermute, dass das , was unserem Leben Tiefe gibt, nur zu einem kleineren Teil in unserer (auch moralischen) Anstrengung, die auch dazu gehört, liegt, sondern vielmehr in dem, was uns das Leben schenkt, zumutet oder auch wozu es uns herausfordert, womit wir womöglich nicht gerechnet haben.

Von den Tieren lernen und sich wieder verwurzeln

In der Psychologie C.G. Jungs ist die Psyche ein sehr dynamisches System, das Einseitigkeiten immer auszugleichen versucht.Die Anima, nach C.G. Jung ein Archetyp der menschlichen Seele, hat eine vermittelnde Funktion zwischen Bewusstsein und Unbewusstem und so die Rolle einer Mittlerin (mediatrix).

Immer wieder läuft die Seele Gefahr im normierten, geschäftigen Alltag, hinter den tagtäglichen (oft kleinkarierten) Anpassungen, Kompromissen und Notwendigkeiten verloren zu gehen. Dort wo die Anima ins Leben einbricht, werden die vielen verschütteten und verdrängten Gefühle oft schmerzhaft bewusst. Auf individueller Ebene zeigt sich der Animaverlust beim Mann durch länger anhaltende Symptome wie frühzeitige Erstarrung, wenn nicht Verkalkung, Stereotypie, fanatische Einseitigkeit, Eigensinnigkeit, Prinzipienreiterei oder das Gegenteil: Resignation, Müdigkeit, Schlamperei, Unverantwortlichkeit und (..) Neigung zum Alkohol.“ (D. Heisig, Die Anima, Archetyp des Lebendigen, Zürich und Düsseldorf 1996, S.199)

Während die Beziehung zur Anima verwurzelt, ist heute das Gegenteil, nämlich der Animaverlust in Form einer umfassenden Entwurzelung und eines tiefgreifenden Seelenverlustes in der modernen Gesellschaft zu beobachten. Einige dieser kollektiven Entwicklungen werden von Daniela Heisig wie folgt beschrieben: „Der einzelne steht einem ungeheuren Apparat schwer durchschaubarer und nicht beeinflussbarer Vernetzungen und Komplexitäten wirtschaftlicher, politischer und kulturhistorisch gewachsener Systeme gegenüber…..´Ein verwalteter, zeitlich verplanter Alltag, die in technische und institutionelle Zwänge gefasste und entfremdete Arbeitswelt, das Dickicht der Städte, die Konsumgesellschaft mit ihrer repressiven Toleranz und den in der Verführung versteckten Zwängen, die Ausbeutung und Unterdrückung der Machtlosen,(..) die Schädigung der Umwelt, die drohende Verarmung und endgültige Zerstörung unseres Planeten…Daneben sehe ich weitere Gründe der Entwurzelung in der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und der daraus folgenden Vereinzelung und Vereinsamung…Unser Gesellschaftssystem erfüllt immer weniger das Bedürfnis der Seele nach Heimat und Zugehörigkeit.“ (Daniela Heisig, a.a.O., S. 201) Die Rückverbindung (re-ligio; re-ligare)mit der inneren Welt und das Wissen um eine transzendente Existenz gehen zunehmend verloren. Demgegenüber spielt sich der Mensch als Beherrscher der Magna Mater und Mutter Erde auf, was z.B. in der ökologischen Zerstörung zum Ausdruck kommt.

Wenn Tiere wichtiger werden als dogmatischer Dogmatismus

Losfliegen- der tanzende Schwan oder zur Freiheit berufen

„Es war Anfang der 1970er Jahre, als Janis Joplin ihr Lied von „Me and Bobby McGee“ sang. Und in dem Refrain dieses Liedes heißt es: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“ Auf Deutsch heißt das ungefähr: „Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass du nichts mehr zu verlieren hast.“ (…) Ich habe nichts mehr zu verlieren – das heißt auch, ich hänge an nichts so sehr, dass mich sein Verlust niedermachen würde. (…) Wer nichts zu verlieren hat, der ist frei. Wer sich an Besitz, an Macht, an Karriere festklammert, macht sich selbst unfrei. Wer sich an seine Vorstellungen klammert, wie das Leben abzulaufen hat, fesselt sich selbst. Wer Erwartungen hat, wird damit leben müssen, dass er enttäuscht wird. All das hat nichts mit Freiheit zu tun. (…) Ja, die Zukunft liegt vor mir wie ein unbeschriebenes Blatt – und das Leben wird schon für die entsprechenden Eintragungen sorgen. Und doch liegt es an mir, wie ich mit diesen Eintragungen des Lebens umgehe. Es gibt unsagbar viel zu gewinnen, wenn ich mich ganz offen auf das Neue einlasse, wenn ich keine Erwartungen fortschreibe, wenn ich dem Leben nicht sage, wie es zu sein hat. Ich habe nichts zu verlieren, aber unsagbar viel zu gewinnen.“

Entnommen aus: Andrea Schwarz „Kleines Buch der Lust am Leben“, Herder Verlag, 2011, S. 40 f

Theologie: Für eine freie , gerechte und barmherzige Kirche

Freiheit und Liebe sind die entscheidenden Prüfkriterien für religiöse Vorstellungen und Gottesbilder. Der Mensch soll frei sein, eigenständig handeln und Verantwortung für sein Leben übernehmen können, ohne dafür mit Liebesentzug, Verdammung oder religiöser Ausgrenzung bedroht zu werden. Gottesbilder, die Gottes Liebe an bedingungslosen Gehorsam verknüpfen und mit Angst als Form der Glaubensvermittlung arbeiten, sind äußerst problematisch. Unfrei machend ist auch eine intergralistische Kirchenform, welche ihre eigene Glaubenslehre, ihre Autorität und ihre Heilsvermittlung so eng miteinander verknüpft, dass die Zugehörigkeit zur Kirche zur entscheidenden Grenze zwischen Geretteten und Nichtgeretteten wird. Eine solche Kirche folgt der Exklusivitätslogik und bestimmt wer dazugehört und wer nicht. Mission wird zur Strategie, Menschen mit vermeintlicher Gottesferne in die eigene Gemeinschaft heimzuholen. Der Theologe Ottmar Fuchs setzt dagegen eine universale Heilszuwendung und Heilsmöglichkeit, wobei die Kirche Zeichen einer universalen Gnade ist. Gottes freimachende Liebe gilt allen Menschen, nicht nur den Kirchenmitgliedern. Gott will das Heil aller Menschen, seine Liebe gilt allen von Geburt an und ist nicht Heilsbesitzstand einer religiös abgegrenzten Gruppe. Auch Nichtreligiöse oder Menschen anderer Religionen sind von diesem Heil nicht ausgeschlossen. Gottes Gnade wird weder von der Kirche produziert, noch verfügt sie über sie. Die Kirche lebt aus einer Gnade, die größer ist als sie selbst. Mission bedeutet für dieses Verständnis Zeugnis, Einladung, Solidarität und Dialog statt Erzeugung von Angst vor einem drohenden Ausschluss vom Heil, also Liebesentzug. Das Selbstverständnis der Kirche unter einem universalistischen Heilshorizont wandelt sich dann von der Kontrolle zur Freiheit und von der Identitätssicherung zur Gastfreundschaft und eine Gemeinde misst ihre Glaubwürdigkeit daran, ob sie sich an die Seite verletzlicher und ausgegrenzter Menschen stellt, auch jener, die außerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft leben. (vgl. dazu Otmar Fuchs, Kritische Hermeneutik der Heiligen Schrift (Praktische Theologie heute, Band 213, 2026)

Jesus zu Besuch bei Maria, Martha und Jesus – und wie Lazarus aus dem Grab geholt wurde

Bei Lukas 10,42 f. steht eine Geschichte in der Jesus bei zwei Schwestern namens Martha und Maria einkehrt. Ein Spannungsfeld ergibt sich. Martha ist eifrig dabei, Jesus zu bewirten und gastlich aufzunehmen. Maria, scheint nichts zu tun und sitzt Jesus nur zu Füßen, wohl um ihm zuzuhören. Martha beschwert sich bei Jesus, der Maria in ihrer Passivität in Schutz nimmt.

In kirchlichen Gemeinden gibt es die Leute, die anpacken, organisieren, schauen, wo Not am Mann/Frau ist und wo sie helfen können. Und dann gibt es jene, die sich mehr dem Gebet widmen und für welche die Innerlichkeit zentral ist.

Auch auf die Institution lässt sich das Martha- Maria Modell etwas vereinfacht übertragen. Es gibt da die kirchlichen Mitarbeiter:innen, die für die Strukturen verantwortlich sind, die Sorge tragen für Räume und Verwaltung, die Managementaufgaben haben und dann gibt es die Seelsorger:innen, die in diesen Räumen „da“ sind, Menschen in Not zuhören, wahrnehmen, was es für die Menschen in einem Sozialraum braucht, die ohne Zeitdruck und Einengung von außen für Menschen mit den unterschiedlichsten Fragen, Nöten, Sorgen bereitstehen, mit ihnen beten und meditieren , sie geistlich begleiten, mit ihnen in die Tiefe steigen.

Ich mach kein Hehl daraus, dass ich eine gewisse Vorliebe für den eher kontemplativen „Maria -Typ“ habe, der mir mehr entspricht. Doch das Bild, bei dem Jesus Maria und Martha umarmt, weist daraufhin, dass wir kirchliche gesehen beides brauchen, und wir die beiden Haltungen nicht gegeneinander ausspielen sollten. Wir brauchen für die Verkündigung und Seelsorge Strukturen, Orte und Räume, um die sich kirchliche Mitarbeiter:innen kümmern, damit Menschen sich treffen können. Allerdings scheint mir gegenwärtig die äußere Seite kirchlichen Handelns und Managements überbetont, und die passiven Qualitäten wie Zuhören, Geduld haben, sich Zeit nehmen, einfach „dasein für“… unterbelichtet. Denn wenn wir nicht in die Tiefe gehen, verkürzt sich gerade im gemeindlichen Handeln alles auf die Organisation von Pfarrfesten, Adventsbasaren etc.

Eine reine Innerlichkeit aber, welche die soziale Dimension des Glauben ausblendet, verfehlt den Anspruch Jesu: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Manchmal ist es wichtiger vom Meditationssitz aufzuspringen und an dort anzupacken, wo gerade Not am mann oder an Frau ist.

Der Mensch und die Riesen-Konzerne

Der Mensch steht in der Gefahr sich selbst verloren zu gehen, vorhergesagt, entmündigt und fremdbestimmt zu werden von Algorithmen, welche Daten sammeln über deine Interessen, Interaktionen, Kaufgewohnheiten, Vorlieben…und das menschliche Verhalten systematisch messen und Entscheidungen beeinflussen. Algorithmen können sogar beeinflussen welche Informationen jemand erhält und die Wahrnehmung beeinflussen, was zum Beispiel bei politischen Themen sehr gravierend sein kann. Die Einflussnahme auf menschliches Verhalten und Entscheidungen wird neuerdings durch die KI (Künstliche Intelligenz) verschärft, da sie nicht nur empfiehlt, sondern Gespräche führt, Texte und Bilder erzeugt, Bedürfnisse erkennt und deine Reaktionen beobachtet. Große Unternehmen wie Amazon oder Google nutzen diese Daten, nicht nur um allgemeine Kaufempfehlungen abzugeben, sondern sie beobachten deinen Kauf, deine Reaktionen, auch um Dir personalisierte Vorschläge zu machen, was du beim nächsten mal kaufen könntest. Dadurch, dass einige wenige Unternehmen eine riesige Menge an Daten, Aufmerksamkeit, Infrastruktur und über künstlicher Intelligenz verfügen, entsteht eine enorme Machtkonzentration, die auch darin besteht, dass sie mitbestimmen, was wir wahrnehmen, über was wir nachdenken, wie wir etwas beurteilen, und wie vorhersagbar wir sind. Dabei konkurrieren die großen Unternehmen wie Amazon oder Tik Tok auch um die maßgeblichen Inhalte, die bestimmen sollen, was in den Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten soll.

In welche Richtung wachse ich? Wohin bewegt sich mein Leben?

Grundhaltungen für ein gelingendes Leben

Zusammenhalten

Einander aufrichten (statt hinrichten)

Mach den anderen nicht zu deinem Besitz !

Phantasiewelten, Staunen oder mit den Augen des Kindes sehen lernen

….wenn groß und klein Freundschaft schließen

Die Welt mit Kinderaugen betrachten

Wenn du ins rote Haus einziehst…

Farbfelder zur Auswahl

Aufwachen zum Licht

… wenn Tiere und die Schöpfung wichtiger werden als dogmatische Lehrgebäude…

Vom Licht der Welt berührt

„Erschrocken“ über all das, was Menschen sich antun können

Narben der Seele

Viele von uns tragen Narben an ihrem Körper…Narben sind sichtbare Zeichen von einer Wunde, meist von einem schmerzhaften Ereignis im Leben; sie erzählen von einem Sturz, einem Unfall, einer Operation oder einer Kriegsverletzung… Narben erinnern uns an etwas in der Vergangenheit Geschehenes, und erzählen uns meist eine Geschichte, wenn wir ihnen Beachtung schenken.  Die Narben haben die einstmals offene Wunde verschlossen, ein schützendes Gewebe gebildet, den Riss auf der Haut, in den Muskeln… verschlossen, so dass die offene Wunde nicht mehr blutet.

Aber es gibt auch die unsichtbaren Wunden der Seele, – Enttäuschungen, Untreue, Verrat, entbehrte Liebe, Nicht-Beachtung, Schuldgefühle, Ablehnung Scheitern im Beruf, Verlassenheitsgefühle, missbrauchtes Vertrauen, Scham, zu existieren, Verluste von Beziehungspersonen, …-, die manchmal unerkannt, und vom Bewusstsein verdrängt in uns schlummern und gerade dadurch unser Leben und Lebensgefühl tiefgreifend beeinflussen und steuern.

Nicht bearbeitete oder allzu leicht vergebene Kränkungen in Beziehungen zum Beispiel können eitern und unser Inneres vergiften, womit verhindert wird, dass die Wunden wirklich zuheilen und vernarben können. Dann ist es wichtig, die Wunde noch einmal anzuschauen, so als ob man einen schlechten Verband öffnet, um Luft ranzulassen, damit die mit einer Kränkung verbundenen Gefühle wahrgenommen werden können, und Vergebung möglich wird, damit der erlebte Riss vernarben kann.

Unter unseren Narben, liegt manchmal noch Unbewältigtes und noch nicht wirklich Verarbeitetes, was ans Licht drängt. In unserer Zeit aber, in der wir viel Wert auf Schein und auf eine makellose Fassade legen, verbergen wir unsere Wunden lieber und setzen auf vorweisbare Stärken. Der Künstler Joseph Beuys hat einmal in seiner Kunstinstallation „Zeige deine Wunde“ mitten in München, unseren Blick dahingelenkt, wo es wehtut, kränkend oder beschämend ist, sicher auch um auf die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit der menschlichen Existenz hinzuweisen.

„Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht hinein… “ (There is a crack in everywhere, that`s how the light gets in), singt der Rockpoet Leonhard Cohen in seinem Lied Anthem.  Soll aber angesichts des „Risses“ Licht einfallen und wirkliche Heilung geschehen, muss die Wunde wahrgenommen und die damit verbundene Situation der Kränkung oder des Mangels an erfahrener Liebe und Zuwendung betrauert werden. Dann kann die Bruchstelle zum Einfallstor für neues Leben werden und einen heilenden Neuanfang ermöglichen.

Ein Kollege erzählte mir von seinem Vater, der ihn als jungen Mann nie wirklich anerkannt und wertgeschätzt hatte. Immer wenn er ähnliche Demütigungen und Kränkungen später erlebte, fühlte es sich für ihn so an, als ob sein Herz blutet. Erst als er aufhörte, seinem Vater Vorwürfe zu machen, er dessen Lebensschicksal besser verstand, und ihm für den Mangel an geschenkter Liebe mit viel Tränen vergeben konnte, heilte seine Herzwunde; die Narbe, die zurückblieb, war für ihn Erinnerung, in seinem Leben und seiner Arbeit, besonders jungen Menschen Wertschätzung und Anerkennung zu schenken.  Auf diese Weise vernarben Wunden nicht nur, sondern verwandeln sich in Perlen, die anderen Leben schenken.

Er ist zum „Verwundete Heiler“ geworden, die ihre Lebenswunde transformiert haben und dadurch zum Segen für andere geworden sind. Nelson Mandela, um noch ein Beispiel zu nennen, hat nach fast drei Jahrzehnten demütigender Haft aufgrund seines Widerstandes gegen die Apartheit in seiner Heimat, vergeben können und wesentlich zur Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen und zu einem gleichheitsorientierten demokratischen Staatswesen in Südafrika beigetragen.

Die Narben an unserem Körper, aber auch in unserer Seele gehören zu unserer Lebensgeschichte, zu unserem Schicksal, und brauchen manchmal neu unsere Aufmerksamkeit, machen uns fähig zur Empathie für Andere, die ähnliche Wunden an Leib und Seele tragen. 

Impuls zum Nachdenken:

Welche Narben gehören zu mir und welche Geschichte erzählen sie?

Wie heißen die Wunden meines Lebens?

Gustav Schädlich-Buter

Vergeben und verzeihen

„Sorry sems to  be the hardest word“ (Verzeihung scheint das schwierigste Wort zu sein), sang einst Elton John( Elton John – Sorry Seems To Be The Hardest Word – Bing video).

Der Liedtext spricht Wahres: sowohl eigenes Versagen und Schuld einzugestehen und um Verzeihung zu bitten als auch jemanden, der einen verletzt hat, Verzeihung zu schenken und Vergebung zu gewähren, kann schwer sein. Von Herzen zu verzeihen, kann uns ungeheuer viel kosten.

Wir kommen wohl nicht durchs Leben ohne Kränkungen zu erleiden oder andere zu verletzen. Es scheint nahezu keinen Lebensbereich zu geben, in dem wir nicht durch andere verletzt werden oder andere verletzen: zum Beispiel in Freundschafts- und Liebesbeziehungen, wenn mein Partner oder meine Partnerin mein Vertrauen missbraucht, mich hintergeht, fremdgeht oder Anvertrautes weitergibt. Gerade in engen Beziehungen trifft der Missbrauch von Vertrauen besonders schmerzlich. Aber auch im beruflichen Kontext können wir verletzt und gekränkt werden, durch Mobbing, unfaire Kritik, Sexismus…oder durch ungerechte Strukturen wie zum Beispiel bei Entscheidungsprozesse in einer Firma, die eine Beteiligung und Mitsprache ausschließen. Die tiefsten und dem Bewusstsein oft am wenigsten zugänglichen Verletzungen und Kränkungen stammen meist aus der Kindheit, wenn ich in meiner Einmaligkeit und Besonderheit- manche sprechen auch vom „spirituellen Selbst“- nicht anerkannt und gesehen worden bin. Solche Wunden durch abwesende, desinteressierte oder kaltherzige Eltern reichen oft sehr tief und werden nicht selten, weil besonders schmerzhaft, wie unter einer Betonschicht verborgen gehalten. Schwerwiegende Verletzungen, die nicht angeschaut werden, führen oft zu einem Schattenregiment, das sich in Depressionen, Müdigkeit oder psychosomatischen Beschwerden bemerkbar macht.

Kränkung kommt vom Wort „krenken“, was soviel wie „schwächen, erniedrigen, mindern, zunichtemachen“ bedeutet. Durch erlittene Kränkungen schwächt oder verliert der Mensch seinen Selbstwert, wird unsicher und zweifelt an sich selbst. Unser seelischer Innenraum wird durch Kränkungen verletzt, wobei die Anfälligkeit für solche Kränkungen individuell sehr verschieden sein kann, und mit dem Selbstbild sowie der eigenen Biografie zusammenhängen. Durch Verletzungen und Kränkungen, die nicht vergeben worden sind, entstehen Verbitterung, Scham, Hass und Rachegefühle, die uns oft im Griff haben und uns unversöhnlich machen. Zudem wird die eigene Vergebensbereitschaft oft dadurch behindert, dass Vergebung als Schwäche interpretiert werden kann, während rächende Vergeltung mit Stärke identifiziert wird. Doch durch Unversöhnlichkeit werde ich an den Täter gefesselt, werde dadurch unfrei und bin Gefühlen wie Hass und Bitterkeit ausgeliefert. Wer seine Wunden nicht anschaut und zur Vergebung bereit ist, baut einen Staudamm gegenüber dem Fluss des Lebens und der Lebendigkeit.

Ein Kämpfer gegen die Apartheid in Südafrika, Bischof Desmond Tutu, der viele Jahre zu Unrecht inhaftiert war, sagte einmal: „Wenn ich von Vergebung spreche, dann meine ich den Glauben, dass man auf der anderen Seite als besserer Mensch herauskommt, ein besserer als der, der von Hass und Groll verzehrt wurde…Wenn man in seinem Inneren Vergebung findet, dann ist man nicht mehr an den Täter gefesselt. Man kann sich weiterentwickeln- und man kann dazu beiztragen, dass auch der Täter ein besserer Mensch wird.“

Vergebung zwischen Völkern nach kriegerischen Auseinandersetzungen sind besonders  schmerzhaft und dauern lange, falls sie überhaupt gelingen. 

Durch Vergebung kann Heilung der erlittenen Wunde entstehen, auch wenn sie nicht in allen Situationen angezeigt ist wie z.B.  bei Trauma, Gewalterfahrungen oder Mißbrauch.

Echte Vergebung geht immer mit einem längeren Prozess einher. Verschiedene spirituell geprägte Autoren wie Melanie Wolfers oder Anselm Grün beschreiben den Verlauf solcher Prozesse, wobei sich alle einig sind, dass auftauchende  Gefühle nicht übersprungen oder kleingeredet werden dürfen. (vergleiche dazu ausführlicher: im Laufwerk: L/ Übergreifend /Seelsorge/ Vergebung). Schnell zugepflasterte Kränkungen können eitern und zu Vergiftungen führen. Oberflächliche Vergebung heilt keine Wunden.

Durchgearbeitete Verletzungen und Kränkungen, die nicht selten mit Wut und Trauer verbunden sind, können zu einer Vergebung führen, die verletzte Gemeinschaft wieder heilt und einen Neuanfang ermöglicht. Vergebung setzt jedoch voraus, das begangene Schuld und das entstandene Unrecht auch benannt wird. Wir können uns um Vergebung bemühen, doch dass sie von Herzen geschieht,  ist immer auch Geschenk und Gnade.

Auch der christliche Glaube weiß um die therapeutische Wirkung der Vergebung und um die Wichtigkeit des Aussprechens begangener Schuld. Viele Gleichnisse Jesu drehen sich direkt oder indirekt um das Thema Vergebung (vgl Lk 15, 11-32,  Mt 18, 23-35 …) und Jesus selbst bittet am Kreuz für seine Folterknechte:  „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34), womit er den Kreislauf von Hass und Gegengewalt durchbricht. In der christlichen Liturgie kommt die Bitte um Vergebung vielfach vor wie im Vaterunser Gebet oder beim Friedensgruß, und erinnert daran, dass wir Menschen immer auf Vergebung angewiesen sind und vor der Herausforderung stehen, sich selbst und anderen, zu vergeben (Vgl. auch Mt 18,21-22, Mt 6, 14-15) auch angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spaltungen und Feindseligkeiten.

Literatur zum Nachlesen:

Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens, Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau

Anselm Grün, Vergib dir selbst, Münsterschwarzach 2010

Anselm Grün, Zeit für Versöhnung, Spaltung überwinden, Begegnung wagen, erschienen im Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2023

Gustav Schädlich- Buter

Hoffnung beleben

„…Wer könnte atmen/ ohne Hoffnung/dass auch in Zukunft/Rosen sich öffnen…//heißt es in einem Gedicht von  jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer (1901-1988), welche den Todestransporte der deutschen Wehrmacht nur knapp entkam. Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin auch. Schon ein lateinisches Sprichwort sagt: „Dum spiro, spero“- solange ich lebe, hoffe ich. Hoffnung ist eine Kraft in uns, die sich stärker erweisen kann als Angst, Verzweiflung, Trauer, Müdigkeit und Resignation.

„Wer hofft, ist jung.“, heißt es in dem Gedicht auch.  Wer hofft, ist auf eine Zukunft ausgerichtet. Hoffnung ist eine gespannte Erwartung auf die Zukunft. Kinder und junge Menschen stecken noch voller Hoffnungen und Erwartungen ans Leben; sie erwarten gespannt auf das, was kommt.

Die Kraft der Hoffnung und damit die Lust am Leben wächst, wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen: die Rosen im Garten, die sich öffnen, die zwitschernden Amseln am frühen Morgen, der freundlicher Gruß der Kollegin und vieles andere, was das Herz weckt die Hoffnung, dass das Leben doch gut ist. So können alle durch unser Verhalten, durch unsere Freundlichkeit an der Hoffnung dieser Welt mitwirken.

Wer keine Hoffnung mehr hat, der ist am Ende, der fühlt sich alt, verbraucht und leer. Hoffende Menschen dagegen bleiben, auch wenn sie alt werden, jung, weil sie das Lebenselexier Hoffnung in sich tragen. Die Kraft zu hoffen, muss aber geübt werden, so der Philosoph Ernst Bloch; sie verlangt Disziplin, auf eine Zukunft zu setzen, auch wenn vieles dagegenspricht und arbeitet. Wer sich für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen will, braucht einen langen Atem der Hoffnung. Wer Kinder großziehen will, braucht die Kraft der Hoffnung, dass deren Leben gelingt, auch wenn sie ganz andere Wege gehen. Wer sich für mehr Rechte für behinderte Menschen einsetzt, braucht ebenfalls die Kraft der Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft trotz aller Widerstände etwas zum Besseren verwandeln lässt.

Nicht selten deckt aber eine negative Einstellung zum Leben, und die Sucht, alles pessimistisch zu sehen, die Kraft der Hoffnung zu, die gerade dann auftaucht, wenn wir handeln und anpacken, um eine missliche und ungute Situation, zu verändern. „Hoffen lernt man dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich“, sagt Fulbert Steffensky, und dieses Handeln hängt nicht vom Erfolg der Handlung ab, sondern kann in sich gerechtfertigt sein.

Fast jede und jeder von uns kommt im Laufe eines langen Lebens in Situationen, in denen er müde und resigniert ist von den Lebenskämpfen, und die Erfahrung macht, mit Willenskraft nicht mehr weiterzukommen. Doch wenn wir uns am Ende der eigenen Kräfte einer tieferen Macht anvertrauen lernen, dann kann genau am Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag passieren: eine Kraft taucht auf, die den Mut zum Weitergehen schenkt, die mit neuer Gewissheit und Zuversicht anfüllt. Das ist die Kraft der Hoffnung, die wie ein Stern am bewölkten Himmel plötzlich auftaucht oder wie ein Sonnenstrahl, der sich durch die dunklen Wolken gekämpft hat. Wir brauchen einander im Hoffen, denn die Erfahrung zeigt, dass die eigene Hoffnung allein nicht ausreicht, das Leben zu bestehen, um über die Abgründe zu gelangen oder einen Traum zu realisieren. „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King stellvertretend für viele Hoffende, ein Traum, in dem es um die Überwindung von Vorurteilen ging, ein Traum, der durch sein von der Hoffnung getragenes Handeln, weitgehend realisiert wurde.

Allein im Licht der Hoffnung, die immer auch ein Geschenk ist, können wir in dieser Welt, im Leiden und Scheitern, im allzu Zerbrechlichen, im trübseligen Strom menschlicher Schwächen und Bosheiten, immer noch an Zukunft und Erneuerung glauben. Doch stehen wir immer wieder vor der Wahl, ob wir die Welt aus rein weltlicher Sicht betrachten und bewerten wollen oder eben im Licht der Hoffnung, um auch noch im Unscheinbaren und „trotz alledem“ Gottes Gegenwart zu erkennen, der für Christen der Grund ihrer Hoffnung ist. Die christliche Hoffnung  ist eine maßlose Hoffnung, auf eine neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt, auf ein ewiges Leben, das dem Tod nicht das letzte Wort geben will, und auf  eine Auferstehung schon in diesem Leben, die sich der Mutlosigkeit, dem jammernden Selbstmitleid und der Verzweiflung tapfer entgegenstellt.

Zum Nachdenken:

Worauf hoffe ich und was tue ich dafür?

Wer oder was gibt mir Hoffnung?

Mit wem teile ich meine Hoffnung?

Literatur zu Vertiefung:

Melanie Wolfers, Zuversicht, die Kraft, die an das Morgen glaubt.

Gustav Schädlich-Buter

Weihnachten- das Fest der Liebe

Weihnachten- das Fest der Liebe

Was ist Weihnachten? Was bedeutet Weihnachten? Warum feiern wir es seit Jahrhunderten so hartnäckig? Was ist das Wichtigste an Weihnachten und der Weihnachtszeit?

Für die einen ist es heute verbunden mit einem Schlendern über idyllische Weihnachtsmärkte mit Glühwein, Lebkuchen oder Bratwurst, andere sehen darin vorallem den Stress, die entsprechenden und womöglich erwarteten Weihnachtsgeschenke zu besorgen; manche, denen das entsprechende Kleingeld zur Verfügung steht, flüchten daher vor der Stressüberflutung an Weihnachten in die Karibik oder die Malediven. Für die meisten ist es wohl ein schönes Familienfest, bei dem alle zusammenkommen, und in gemütlicher Runde gegessen, getrunken, gesungen und geredet wird. Für wieder andere ist Weihnachten unbedingt mit einem Kirchgang verbunden, und ohne Krippe und „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist es kein richtiges Weihnachten.

Womöglich würden bei all den unterschiedlichen Auffassungen über Weihnachten die meisten darin übereinstimmen, dass das Weihnachtsfest vorallem das „Fest der Liebe“ ist, auch wenn es oft genug gerade an Weihnachten zu Streit angesichts der Übererwartungen kommt.

Ein Fest der Liebe, aber was ist damit eigentlich gemeint? Was ist Liebe?

Ist Liebe nicht ein abgegriffenes, missbrauchtes, allzu sentimentales Wort, das in gefühlsduseligen Filmen oder schmalzigen Schlagern vorkommt? Mag sein. Doch ohne Liebe könnte kein Mensch auf Dauer leben, weil Liebe das Grundelexier des Lebens ist. Wer sich geliebt weiß, und wer das Glück hatte, in einem Nest von Liebe und Sicherheit aufzuwachsen, der kann sich in diesem Leben verwurzeln, in seinem Leib ein Zuhause finden und sich mit anderen verbunden fühlen. Der Benediktiner David Steindl-Rast sieht das Verbindende aller Formen der Liebe, – wie die leidenschaftliche Anziehung zwischen Menschen, die Liebe unter Geschwistern ebenso wie die Liebe im Engagement für Andere-, in einem Bewusstsein des Zusammengehörens und der Verbundenheit mit allen und allem.  Liebe ist für Steindl-Rast dieses Ja zum Zusammengehören, ein Ja, das sogar unsere Feinde einschließt. (vgl. Fülle und Nichts, Von innen her zum Leben erwachen, Freiburg im Breisgau 2005)

Die Tragödie besteht nur darin, dass sich die meisten Menschen nicht ausreichend geliebt fühlen und daher auch nicht so richtig lieben können und daher auch nicht so liebenswert sind. Zu viele Menschen fühlen sich nicht geliebt, einsam, unansehnlich und nicht gebraucht; zu viele Menschen fühlen sich nur unter Bedingungen geliebt; geliebt, solange ich funktioniere, meine Leistung bringe, den Erwartungen entspreche…

Vielleicht ist Weihnachten und die Weihnachtsgeschichte mit dem Jesuskind in der Krippe, zunächst einmal die Erinnerung an ein ursprüngliches und bedingungsloses Geliebtsein. Oder so etwas wie es die Schriftstellerin Angelika Krauß in Ihrem Band „Eine Wiege“ (Berlin 2015) ausdrückt: „Es ist wie die Rückkehr zum Glanz der ersten Blicke, zur Freude der Erstbegegnung, eine Art wiedergeschenkte Schönheit des Anfänglichen.“ (13)

Die Philosphin Hannah Arendt spricht von der Natalität oder „Gebürtlichkeit“ (als Gegenbegriff zur Sterblichkeit und dem „Sein zum Tode von Heidegger) und sie meint, dass mit jedem Menschen etwas Neues anfängt und etwas Neues in Bewegung gesetzt werden kann.

Oder christlich ausgedrückt: Gott offenbart und enthüllt seine bedingungslose und überströmende Liebe in diese unsere Welt und Geschichte hinein mit der Geburt von Jesus Christus und setzt damit einen Neuanfang, auch angesichts der ganzen Kakophonie menschlicher Bosheiten und dem Zwang immer wieder einander zu verlezten.

Es ist das göttliche Kind, das unser verletztes, verwundetes und entfremdetes inneres Kind berühren und heilen will, indem es uns ein fragloses Angenommensein ins Ganze der Wirklichkeit hineinnimmt. Und in dieser Begegnung geschieht ein Neuanfang, ein Aufbruch, der sagt, dass wir nicht auf das Vergangene festgelegt sind, dass wir zutiefst geliebt und erkannt sind, dass wir mehr sind als eine Laune der Natur.

Es ist das göttliche Kind, das wir in der Krippe betrachten können, uns dass uns mit offenen Armen in Empfang nehmen will und sagt, dass wir ohne Wenn und aber von Gottes Liebe umfangen sind.

Nicht umsonst sagt der Mystiker Angelus Silesius:

„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“

(vgl. der Cherubinische Wandersmann)

Für den Mystiker ist das Weihnachtsgeschehen daher weit mehr als eine beschauliche Geschichte, sondern er sieht, nach weihnachtlichen Vorbild, eine innere Verbindung zwischen der Menschwerdung Jesu und der inneren Geburt Gottes in der menschlichen Seele. Dadurch wird der Mensch aus seiner Verlorenheit, aus seinen Verstrickungen herausgeführt und letztlich von seinem Gefühl des Ungeliebtseins erlöst.

Wir müssen zudem über ein rein sentimentales Verständnis von Weihnachten als „Warten auf das Jesuskind“ hinausgehen. Es geht um eine sich entäußernde Liebe, die nicht erst mit der Geburt Jesu (dort in verdichteter Form), und seiner Inkarnation, sondern schon am Anfang und als Urgrund der Schöpfung wirkte und weiterwirkt.

Für den Jesuiten und Naturforscher Teilhard de Chardin, ist die Liebe als Energieform die zentrale Kraft schlechthin, für das Fortschreiten der Evolution und das Weiterentwickeln der Schöpfung. (vgl. dazu ausführlicher, Raimund Badelt, Energie Liebe Teilhard de Chardin- ein Mystiker der Evolution, Würzburg 2017)

Und um es noch etwas anders mit den Worten der Dichterin Angelika Krauß zu sagen: „In unserem schnellen Leben, das sich in immer neue, erregende Simulationen zu verlieren droht, erscheint sie (die Liebe, d.V.) wie das letzte eherne Maß. Es muss auch von dort stammen, von wo wir unserer molekularen Zusammensetzung nach herkommen: von weit her in Zeit und Raum, von dort oben. Das hieße, der gleichgültige Kosmos impliziert die Liebeskraft vielleicht ebenso wie die Gravitation.“ (Marion Gees: Die Kindheit, die Liebe und die Form. In : Angela Krauß. Text+ Kritik 208. München 2015)

Schon am Anfang als Gott beschloss, sich in der Schöpfung vor 13,7 Milliarden Jahren beim Urknall zu manifestieren, quasi als erste Inkarnation- man spricht auch vom universalen Christus (vgl. Richard Rohr, Alles trägt den einen Namen – Die Wiederentdeckung des universalen Christus“), waren Materie und Geist schon eins, geschah dieser atemberaubende Aufbruch und die Urexplosion aus einem dunklen Urschoß ins Leben, die bis heute geschieht. Gott stiftet diese Urbeziehung vor aller Ewigkeit und diese Beziehung ist Liebe, die auch heute mit mir und in mir geschieht. Oder wie es in den alten Texten der Liturgie heißt: „Ex utero ante luciferum genui te“ (Ich habe Dich vor dem Lichtgestirn aus dem Ur- Schoß gezeugt. (Psalm 110,3) Vgl. dazu, Bernardin Schellenberger, Im Glanz des göttlichen Lichtes. Orthodoxe Mystik, Geheimnis und Herausforderung München 2014)

Wenn wir diese Tiefendimension von Weihnachten vernachlässigen, so der frühere Trappist Bernardin Schellenberger, und die Weihnachtsbotschaft auf die Geschichte vom Kind im Stall verkürzen, verspielen wir die atemberaubende Vergegenwärtigung des unfassbaren Gottes im Weihnachtsfest.

„Jene Wirklichkeit, die den unermesslichen Kosmos und auch unsere Welt und uns selbst hervorgerufen hat, gibt sich selbst in die Dynamik von Werden und Vergehen, von Geborenwerden und Sterben hinein. Ihr Name bleibt nicht absolut geheimnisvoll und rätselhaft, sondern wir in Jesus Christus ein Mensch wie wir, den man benennen und sich vorstellen kann. Er teilt unser Schicksal bis zum Tod in uns, ja in uns. Mehr noch: Er durchbricht diesen unseren Tod, der der seinige geworden ist und führt uns in die Gegenwart seines unfassbaren ewigen Lichtes, das den Hirten aus der dunklen Nacht über den Feldern von Bethlehem aufgestrahlt ist.“ (Bernardin Schellenberger, Im Glanz des göttlichen Lichtes, S.80)

Gustav Schädlich-Buter

Vulnerabilität

Heilungsräume für den verletzbaren Menschen

Das Thema, das mich als christlich geprägter Seelsorger schon seit meiner Zeit als Klinikseelsorger vor über 20 Jahren bewegt, ist der zerbrechliche, verletzbare, auch traumatisierte Mensch, im Kontrast zum starken und unverwundbaren (auch medial vermittelten) „Helden“, der niemanden braucht und auf der Siegerstraße unterwegs ist. Nicht der, der ganz „oben“ ist, sondern der, der ganz „unten“ ist; der, der am Boden liegt, -verachtet, übersehen, ungeliebt-, weckt vor allem mein Interesse, weil ich glaube, dass das Christentum vorallem eine Religion ist für Menschen, die einen tiefen Riss erlebt haben und  diese Menschen sich für G´tt (eine tiefere Ebene des Lebens) leichter öffnen können als jene, die sich selbst genügen.

Wir haben gerade in den letzten Jahren erfahren müssen, wie angreifbar der Mensch ist: Corona, Erdbeben, Migrant*innen, die im Meer ertrinken, Hunger und Obdachlosigkeit oder ein Krieg, der uns ganz nahegekommen ist. Aber auch Mutter Erde und das zwischenmenschliche Zusammenleben können uns Sorgen machen.

Wir können auch auf den individuellen und persönlichen Bereich schauen, auf die Belastungen und Krisen unseres eigenen Lebens: Krankheiten, Behinderung, frühe seelische Verletzungen, Traumata, Ausgeschlossensein, an den Rand gedrängt werden, Scheitern und Niederlagen im Beruf, zerbrochene Partnerschaften, nicht erfahrene Vergebung für Schuld, die uns drückt, Schwächen, Verrat….; alles Erfahrungen von Grenzen, die unsere Pläne durcheinandergebracht haben und unsere bisherigen Vorstellungen vom Leben zerbrochen haben.  

Wir Menschen brauchen Heilungsräume, an denen Wunden heilen können, und sichere Orte, an denen wir Geborgenheit erleben und zu einer neuen Ganzheit zusammengefügt werden.

In der Not und Krise brauchen wir vorallem Menschen, die uns schützen annehmen, unterstützen und Halt geben. In der Krise und erlebten Dunkelheit sind solche Menschen ein Licht, um Orientierung finden in der Verwirrung der Krise oder um aus einer möglichen Sackgasse des Lebens wieder herauszufinden.

Eine „Spiritualität von unten“ sagt, dass wir gerade dann, wenn unser Ego mit seinen Kontrollwünschen am Ende ist, sich ungeahnte Horizonte eröffnen und Lichtaugenblicke, das eigene Leben aus einer neuen Perspektive erkennen lassen, vorausgesetzt, dass wir an Wandlung glauben und uns nicht resigniert verschließen. Zuvor befinden wir uns meist in einem „Schwellenraum“, in dem das „Alte“ nicht mehr gilt (und die alten Muster und Lösungsstrategien uns nicht mehr weiterhelfen), aber das „Neue“ noch nicht aufgetaucht ist. Grenzen des Lebens können so durchwachsen werden, Risse können zu Öffnungen werden. Leonhard Cohen singt im Lied Anthem: „Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht hinein.“

In der Not und Krise brauchen wir auch Orte, die uns guttun und an denen wir Geborgenheit erfahren oder neue Kraft schöpfen können. „Kraftorte“, die Kinder oft intuitiv finden, wenn sie sich unsicher oder verängstigt fühlen.

Und nicht zu unterschätzen ist in der Krise der Glaube an G´tt, (ein Gottesname lautet: Ich bin der „Ich -bin -da“), der uns nicht im Stich lässt in unserer Not und von dem wir uns umfänglich angenommen fühlen, angesichts aller erfahrenen Ablehnung von anderen und einem damit einhergehenden Verlust des Selbstwertes und der Scham, in den Augen der anderen nicht zu genügen.

Der Traumatherapeut und Weisheitslehrer James Finley sagt, dass die unendliche Barmherzigkeit G`ttes unaufhörlich zu den gebrochenen Stellen unseres Lebens fließt. Nichts anderes als diese unbedingte Liebe, hat die Autorität zu sagen, wer wir sind.

Impuls:

Gibt es in meinem Leben Erfahrungen, wo mitten im „Riss“ (Scheitern, Verlust, Niederlagen…) neue Hoffnung und Aussicht aufgetaucht ist?

Welche Menschen haben mich in der Krise unterstützt?

Gibt es Lieblingsplätze/Kraftorte, an denen ich in der Krise,  Zuflucht finde oder Lebensenergie auftanken kann?

Lebendigwerden-ein Impuls zu Pfingsten

In dem Dokumentarfilm „Nicht ohne uns“ (Erscheinungsdatum 2017) von Sigrid Klausmann nach einer Idee von Walter Sittler, in dem Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Kontinente befragt werden, sagt der 11-jährige Enjo aus der Schweiz: „Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wieso ich in die Welt hineingeboren wurde.“

Wer darauf auch später keine Antwort findet, wird sich aller Voraussicht nach in einigen Jahre mit Lärm, Alkohol oder Internet betäuben, phantasielos und ohne Schwung seinen Job herunterreißen, mit Partner oder Partnerin angeödet vor dem Fernseher sitzen und nichts mehr Wesentliches in seinem Leben erwarten.  Resignierte und abgestumpfte Menschen, die sich abgefunden haben mit den kleinen, harmlosen Wünschen und Annehmlichkeiten, und ein sogenanntes „normales“ Leben führen.

Welch trauriges Gegenbild zu der im Frühling aufbrechenden Natur, zur Wurzel- und Grünkraft der Bäume, zum Sprießen und Aufblühen der Gräser und Blumen. Haben wir uns von den Wurzeln des Lebens abgeschnitten und entfernt? Fehlen uns,- besonders uns in der westlichen Wohlstandsgesellschaft-, die Visionen und begeisternde Träume, die über die basalen Absicherungsbedürfnisse hinausgehen? (vgl. Joel 3,1) Leiden nicht viele an Übersättigung, auch durch die vielen jederzeit erhältlichen Information und medialen Inputs?

Jemand verglich Menschen, die im dauerhaften Wohlstand leben mit Zierfischen, welche im gefahrlosen, langweiligen Aquarium, -gefüttert und satt-, ihre langweiligen Runden schwimmen; nur ab und zu erinnern sie sich an die Tiefen und Abenteuer des großen Meeres, in dem sie einst schwammen, und machen dann kurze heftige Bewegungen. 

Tatsächlich, so scheint es mir, sind die Türen der Sehnsucht für viele zugeschlagen und die Antennen für das Göttliche und alles Transzendente von den Häusern abmontiert, auch die Sprache für das Absolute ist verloren gegangen, die Kathedrale des „Heiligen“- besonders jene in der eigenen Seele- bleibt unbewohnt. Nicht wenigen scheint Berieselung und leichte Kost, Kreuzworträtsel und Televisionen von Privatsendern für das eigene Lebensglück zu reichen. Das große, tiefe und gefährliche Meer ist ebenso vergessen wie der unendlich weite Kosmos.

Die eigene Lebendigkeit und Sehnsucht wieder zu entdecken, hängt nach biblischer Auskunft an einer Inspiration (wörtlich „Einhauchung oder Beatmung“), also daran, dass wir neues Leben und Atem eigehaucht bekommen (vgl. die Schöpfungsgeschichte Gen 2,7, Joel 3,1). Daran erinnert auch das Pfingstfest, das wohl unverstandenste christliche Fest vom heiligen und heilenden Geist.  Das lateinische Wort „spiritus“ bedeutet sowohl Geist wie auch Wind und Atem. Es geht um eine neue Beatmung unseres Inneren, unserer Seele, unseres womöglich matt und flach gewordenen Atemstromes. Dort, wo uns der heilige Wind anrührt, atmen wir tief ein und tief aus. Der Heilige Geist, das ist wie der Wind, der uns berührt und uns sanft über die Wangen streichelt, der uns heftig anbläst, dass wir aufwachen und in Bewegung kommen. „Komm Heiliger Geist“, heißt es in der Pfingstsequenzund löse uns aus unserer Starrheit, locke uns heraus aus den Gefängnissen unserer satten Trägheit und sende uns vom Himmel her deinen Weckruf. Weite unsere enge, kleinliche und egoistische Sichtweise, befreie unsere Seele zu Dir hin, zum Schöpfer allen wahren Lebens und zu den Menschen, für die wir verantwortlich sind.

Der Heilige Geist, das ist auch Feuerkraft und Licht, das die Dunkelheit unserer Welt und unserer Seele von innen her erleuchtet; Licht, das hell macht, was finster ist, und uns den Weg zeigt, wenn wir im Dunklen tappen, stolpern, gefallen sind oder an Abgründen uns bewegen. Die Strahlen dieses Lichtes sollen unseren Lebensweg erleuchten, damit wir weiter gehen können, besonders inmitten von Krisen und Umbrüchen, die uns herumbeuteln. Die Strahlen seines Lichtes, das vom Himmel herkommt (und nicht aus unserem Erkenntnisvermögen), soll uns neue Perspektiven eröffnen, uns die verdunkelnde Furcht und Angst nehmen, die uns blind macht für die uns innewohnende geschenkte Liebe, die unbedingt an uns glaubt und will, dass wir sind.

Howard Thurmann, amerikanischer Bürgerrechtsaktivist und Mentor von Dr. Martin Luther King jr. gibt für das Lebendigwerden noch folgende Empfehlung:

„Frage nicht, was die Welt braucht, frage dich selbst, was dich lebendig macht …und tue das; (denn) was die Welt braucht, das sind Leute, die lebendig geworden sind.“

Alles, was mich lebendig macht, belebt, inspiriert, ins Fließen bringt, könnte mich also zu meiner ur-eigenen Berufung führen.

Der Benediktiner David-Steindl-Rast hat dazu folgende grundlegende Fragen formuliert, die ich an Sie als Impuls weitergeben möchte:

Impuls:

Was würde ich wirklich gerne tun? Was bereitet mir eine tiefe und nachhaltige Freude?

Was kann ich gut? Wo bin ich gut? (worin drücke ich die Einzigartigkeit und Einmaligkeit meiner Person am besten aus? Was sind meine Talente und Begabungen?)

Welche Gelegenheit gibt mir das Leben gerade jetzt, um das zu tun, was mich mit Freude lebendig macht? Wozu lädt mich das Leben gerade jetzt ein? (um das herauszufinden, müssen wir aber anhalten und mit den Ohren des Herzens horchen und bereit sein, uns überraschen zu lassen)

Gustav Schädlich-Buter

Über Sucht, Sehnsucht und Gnade

Über Sucht, Sehnsucht und Gier

Früher haben begrenzte Ressourcen, Anforderungen von Familie und Eltern, Zwänge von Religion und Gesellschaft das Privat-Ich in seine Grenzen verwiesen. Die Grenzen sind heute, in der westlichen Welt zumindest, weitgehend aufgehoben; dies hat einerseits zu großen individuellen Spielräumen geführt, andererseits aber eine suchtabhängige Gesellschaft produziert, Individuen geformt, die Gefangene des Konsums sind, Sklaven einer Ideologie des immer „Mehr“ auf allen Gebieten und zu einem Menschenbild, das sich weitgehend über Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten definiert.

Sucht ist alltäglich geworden und sie durchdringt, wenn wir ehrlich sind, nahezu jedes menschliche Wesen.

Dabei gibt es viele Erscheinungsbilder der Sucht: Drogensucht, Alkoholismus, Nikotinsucht, Koffeinsucht, Esssucht, Arbeitssucht, Sucht nach Stress, Sexsucht, Spielsucht, das Sammeln von Geld…. Manche Süchte wirken sich schlimmer und zerstörerischer aus als andere und bedürfen dringend psychologischer und therapeutischer Behandlung. Der Psychiater Gerald May weist aber darauf hin, dass bei allen Süchten letztlich die gleichen neurologischen, psychologischen und geistigen Mechanismen am Werk sind, egal, ob es sich um stoffliche Süchte wie Alkohol oder Drogen handelt oder ob wir bestimmten Idealen anhängen, an bestimmte Selbstbilder gebunden sind, ob wir Macht anstreben, oder süchtig nach Bestätigung und Anerkennung sind. (Gerald May, Sehnsucht, Sucht und Gnade, München 1993)

Sucht missbraucht unsere Freiheit und veranlasst uns etwas zu tun, was wir eigentlich nicht wollen. Sucht verbindet sich oft mit einem gierigen Verhalten(auch wenn Sucht und Gier nicht einfach dasselbe sind, so steckt doch in jeder Sucht die Gier nach mehr) Raffgier, Profitgier, Kommunikationsgier… zerstören menschliche Gemeinschaft. Der Philosoph Spinoza sieht in der Habgier, aber auch im Ehrgeiz und in der Wollust, sogar Formen des Wahnsinns. Die ungezügelte Gier nach immer mehr kann irgendwann zerstörerisch wirken und dies nicht nur für das Individuum (der süchtige und gierige Mensch verliert die Beziehung zu sich selbst, zu seinen Gefühlen, kann nicht mehr wirklich genießen…), sondern für eine Gruppe oder eine ganze Gesellschaft. Gieriges und süchtiges Verhalten macht uns nicht glücklich, sondern unruhig und getrieben, versklavt uns an materielle Dinge, an Geld, Macht oder führt zu unfreien und toxischen Beziehungen. (vgl. Anselm Grün, Gier. Auswege aus dem Streben nach immer mehr, Münsterschwarzach 2015)

 Alle Süchte beeinträchtigen die menschliche Freiheit und nehmen uns etwas von unserer Menschenwürde.

Die Sehnsucht nach Gott, die Energie im Innersten unseres Herzens, der Hunger nach bedingungsloser Liebe wird gebunden und gefangen gehalten durch die Sucht.

Aus spiritueller Sicht geht es darum, worauf der Benediktiner Anselm Grün hinweist, die Sucht wieder in Sehnsucht zu verwandeln, die uns über die irdische Welt hinausführt und als göttliche Spur in unser Herz eingepflanzt ist. Es gilt die verdrängte Sehnsucht nach Liebe, Geborgeheit und Angenommensein im süchtigen Verhalten wieder freizulegen. Die zerstörerischen Elemente der Gier- sie steckt ja in jedem Menschen – gilt es wieder in eine lebensspendende Kraft zu verwandeln, um im Herzen zur Ruhe zu kommen und eine innere Freiheit zurück zu erlangen. 

Die geistliche Tradition bezeichnet das süchtige Gebundensein in der englischen Sprache mit „attachment“, was so viel wie „Angenagelt“ oder „Verhaftet-sein“ bedeutet. Unser innerstes Verlangen und Wollen wird an bestimmte Objekte „genagelt“. Sucht kettet unser Wollen und Verhalten an bestimmte Gegenstände, Stoffe, Ideen und Menschen. Sie verführt uns zum Götzendienst und zur Anbetung des goldenen Kalbes, um das all unser Denken, Wollen und Fühlen kreist.

Gefangen, Acryl auf Holz

Viele spirituelle Traditionen weisen auf die Gefahren von Sucht und Gier hin. Für den Buddhismus ist die Gier gar die Wurzel allen Übels.

Im Lukasevangelium warnt Jesus seine Schüler vor Gier und Habsucht (Lk 12, 15-21 und warnt sie und uns davor, sich an vergängliche Dinge zu klammern und dabei zu vergessen, ein sterbliche und endliche Mensch zu sein. Stattdessen erinnert er in einem anderen Gleichnis uns daran, in all unserem Planen und Sorgen, die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes sich zum Vorbild zu nehmen, die nicht säen und nicht ernten und dennoch gut leben unter den liebenden Augen Gottes. Es geht ihm um Sein statt Haben wie es der Erich Fromm formuliert hat.

Die christlichen Wüstenasketen, haben bevor sie in die Wüste zogen, allen ihren Besitz verschenkt, um Raum und innere Freiheit zu schaffen für ihre Gottessuche. Geist und Herz sollten aufgeräumt sein für ein ungehindertes Streben nach Gott. Diese Wüstenväter und Wüstenmütter waren um Loslösung bemüht; sie machten eine Gegenbewegung zum Verhaftetsein unseres Verlangens an materielle Dinge, an wechselnde Gefühle, an ungeordnete Leidenschaften, Begierden und Süchte. Loslösung, Widerstand, das heilige Nein, Verzicht auf Ablenkungen, aber am zentralsten das Vertrauen auf eine zu Hilfe kommende Gnade (weil wir mit eigenem Willen nicht fähig sind uns von Süchten, Zwängen und tiefgreifenden Abhängigkeiten zu lösen) sind integrale Bestandteile jeder geistlichen Lebensreise, die uns aus der Knechtschaft befreien und unser ursprüngliches Verlangen nach Gott wieder freilegen.

Impulsfrage: (nur hinschauen, nicht werten)

Wo in meinem Leben bin ich verhaftet und süchtig gebunden?

Gustav Schädlich-Buter

„Spiritualität von unten“

„Wandlungsprozesse- Heilungsräume- Metamorphosen oder es ist ein „Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht hinein“ (Leonhard Cohen)

„Das Christentum ist vorallem eine Religion für Menschen, die einen tiefen Riss in ihrem Leben erlebt haben“ (Thomas Merton)

In der Werbung und in den Medien werden uns vor allem perfekte, gutaussehende, attraktive, leistungsstarke, gesunde und unabhängige/autonome Menschen präsentiert. Models und Bodybuilder, rund um die Uhr arbeitende Manager*innen, Menschen, die sich unabhängig und völlig frei von allen Bindungen zeigen, angstfreie Abenteurer, die niemanden brauchen, Schönheiten, die nur sich selbst feiern,- das sind die modernen und unverwundbaren Held*innen unserer Zeit.

Doch dies ist aber nur die halbe Welt und oft mehr Schein als die Wahrheit. Die Versuchung ist gegeben beim oberflächlichen Blick und Sinneseindruck hängen zu bleiben und nicht dahinter und darunter zu schauen in die Tiefe menschlicher Existenz. 

Das Leben von Philippe Pozzo di Borgo, der bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery war, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, ist vielen bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“. Er berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor Mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:

„Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht. […] All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns. […] Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen, sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken.“ (Philippe Pozzo di Borgo u. a., Ziemlich verletzlich, ziemlich stark, 2012, 8f.,)

Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz, so Pozzo di Borgo, werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewige Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit, sondern führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen. Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen statt Gleichgültigkeit für das Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.“ (vgl. Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.89)

Menschen mit einer Behinderung oder überhaupt Menschen in prekären Lebenssituationen stellen dazu ein Gegenbild dar, sind die Antihelden, die weder unabhängig noch leistungsstark sind, die nicht mit Statussymbolen protzen können, sondern zerrissen daherkommen (vgl. den Helden Zyklus von Baselitz). Menschen mit einer Behinderung sind so wichtig für unsere Gesellschaft, weil sie den zerbrechlichen und verwundbaren Teil menschlicher Existenz sichtbar machen, weil sie die Endlichkeit und Bruchstückhaftigkeit menschlicher Existenz bezeugen durch ihre bloße Anwesenheit, weil sie den Gläubigen sagen, was Gnade ist und was es mit der Sehnsucht auf sich hat  jenseits aller Leistung geliebt und angenommen zu werden, und,  weil gerade die schwerstbehinderten Menschen,  uns die Angewiesenheit, Bedürftigkeit und Nacktheit unserer Existenz deutlich machen können, die jene durch nichts kompensieren können. Der Körper des behinderten Menschen ist der Ort für die bedingungslose Zuwendung eines Gottes, der bedingungslos liebt.

Menschen mit einer Behinderung sind Zeugen für das Ganze des Menschseins, weil sie den omnipotenten Helden oder Heldin infrage stellen und wie ein Protest wirken gegen die Hybris des gottgleichen Menschen, dessen einziger Bezugspunkt er selbst ist.

„Zerbrochen“, Acryl auf Leinwand

Diese Infragestellung menschlicher Allmächtigkeit und Omnipotenz geschah in den letzten Jahren auch durch die weltweiten Krisen, durch Corona, den Ukrainekrieg und zuletzt das schreckliche Erdbeben in der Türkei und Syrien.

„Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht hinein!“, heißt es im Lied Anthem von Leonhard Cohen und er will damit sagen, dass die Risse überall vorhanden sind, aber auch, dass aus den Rissen in unserem Leben, aus den Brüchen und Erfahrungen des Scheiterns, Neues und Schönes entstehen kann. (Dies ist der Ansatz einer „Spiritualität von unten“) Ja, dass sogar manchmal Altes, womöglich Überlebtes zerbrechen muss, damit eine neue, bislang noch ungeahnte Gestalt sich offenbaren kann. Der Bruch oder die Niederlagen kann eine Metamorphose einleiten, der über den Weg in die Tiefe eine neue Identität hervorbringt. Oder anders gesagt: das falsche, oberflächliche, egozentrische oder in festgezurrten Vorbahnungen sich bewegende Ego/Ich, wird aufgebrochen. Ein Bruch, ein Riss, der zunächst schmerzt, wehtut, die Orientierung nimmt und in einen Schwellenraum versetzt, der Monate, ja sogar Jahre dauern kann.

Der „Schwellenraum“ (Richad Rohr) ist der Übergangsraum, in dem das Alte nicht mehr gilt und das Neue noch nicht aufgetaucht ist. Bilder und Prototypen für diesen Zustand sind Jona, der im Walfischbauch sitzt oder Hiob im Dreck und im Schmerz seiner ganzen Verluste. Doch in der Tiefe kann etwas wachsen ohne unser Zutun. „Er schläft und steht wieder auf, es wir Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht wie.“ (Markus 4,26) Und manchmal ist es ein Hoffnungsschimmer, der die Dunkelheit erleuchtet, eine Kraft, die von irgendwoher kommt und sagt, „Jetzt nicht aufgeben!“ und „Am Leben bleiben!“. Meister Eckhart sagt, wenn ich nicht zugrunde gegangen wäre, also in den Grund meiner Existenz, dann wäre ich zugrunde gegangen. Am Grund meiner Existenz lässt sich das wahre Selbst entdecken, an dessen Tür, inständig und mit viel Geduld der klopft, den Johannes vom Kreuz als den „Ich weiß nicht was“ bezeichnet.

Der „Schwellenraum“ kann zum „Heilungsraum“ werden, der für unterschiedliche Menschen ganz unterschiedlich aussehen kann: manche bekommen durch die Kraft der Natur neuen Antrieb für ihr Leben. So der bekannte Sozialfotograf Sebastiao Salgado, der nach erschütternden Erfahrungen des Genozids in Ruanda den Glauben an die Menschheit verloren hat, und im Pflanzen eines Waldes neue Kraft schöpft. Oder Ingrid Leitner, die Gründerin des CBF (Clubs Behinderter und ihrer Freunde), die mit 15 Jahren an Polio erkrankte, hat ihre Wohnung in eine grüne Oase verwandelt, wodurch sie viel Kraft bekam. (Autobiografie von Ingrid Leitner, Das Leben der Sternentaucherin). Andere entdecken in der Kunst und kreativen Schaffen einen Weg das Leid und die Gebrochenheit zu durchschreiten, finden in der Malerei wie Frieda Kahlo ein Ausdrucksmittel für ihr innerstes Erleben, in der Trauer, Schmerz und unbändige Lebensfreude zugleich auftaucht.  Wieder andere entdecken wie Philippe de Bozo, Chef einer großen Champagnerfirma und nach einem Gleitschirmabsturz vom Hals ab gelähmt- vielen durch den Film „Ziemlich beste Freunde“ bekannt-, die Wichtigkeit von Beziehung zu anderen Menschen, aber auch wie wesentlich die Stille im Leben ist. Helen Keller, die mit zwei Jahren Augenlicht und Gehör verliert, sagt: „Wenn eine Tür des Glücks sich schließ, öffnet sich eine andere, aber oft starren wir so lange auf die geschlossene Tür, dass wir die, die sich uns geöffnet hat nicht sehen. Helen Keller findet eine Aufgabe, die auch Heilungsraum ist, im Engagement für andere blinde Menschen, aber sie setzt sich auch für die Rechte der Schwarzen und die Frauenrechte ein. Wer sich um andere kümmert, trägt auch zu seiner eigenen Heilung und zum eigenen Wohlbefinden bei statt nur um sich selbst zu kreisen. (vgl. frei nach Jesaja 58,10: Wenn es dir dreckig geht, dann mach dich auf und kümmere dich um die Ärmsten, Notleidenden und teile dein Brot mit ihnen, dann wird in Kürze dein Licht wieder aufleuchten).

Es gibt auch verwundete Heiler, manche wie Claude Anshin, der sich vom Killer im Vietnamkrieg und PTB- Störungen, Drogen und Alkohol nach seiner Rückkehr nach Amerika, schließlich zum buddhistischen Mönch wandelt. Er findet über den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh zur Meditation, und zu einer neuen Lebensaufgabe und Berufung als Friedensaktivist.

Thomas Merton, der durch sein Buch „The Seven Storey Mountain“ (deutsch: Der Berg der sieben Stufen) weltbekannt gewordene Trappistenmönch, erkennt im Laufe seines Lebens, dass echtes spirituelles Leben aus dem Dunkel und aus dem Scheitern wächst, und dass der Weg zu Gott durch die Wüste führt. Nur so könnte man das eingebildete, falsche, kranke und egozentrische Ego überwinden. Eine „Spiritualität von unten“ besagt, dass im „Riss“ und in den Brüchen des Lebens, die Chance liegt, dass sich die Türen der Seele öffnen für das Nahekommen Gottes als einem, der bedingungslos liebt und annimmt. Der „Riss“, wo wir am Ende unserer Kräfte sind und unsere Ohnmacht eingestehen müssen (wie die anonymen Alkoholiker) kann wie eine Öffnung sein, durch welche ein Licht in uns einströmt, dass wir nicht selbst erzeugen können.

„Ein Trauma stellt die Betroffenen vor einen Wendepunkt in ihrem Leben und kann trotz aller Verletzungen, die Möglichkeit bieten, gestärkt aus ihm hervorzugehen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass sich der Einzelne der Realität stellt, anstatt sie zu leugnen oder zu verdrängen, und das Unglück als Teil seines Lebens annimmt. In der Resilienzforschung wird diese Fähigkeit Akzeptanz genannt.“ (Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.52) In der Kunst könnte man an Joseph Beuys Installation „Zeige deine Wunde“ denken oder an das Bild von Caravaggio „Der ungläubige Thomas“, dem Jesus seine offene Wunde hinhält und die Möglichkeit eröffnet, sie zu berühren. Um in der Akzeptanz des Verlustes, der Trauer um Unwiederbringliches, im Scheitern von Lebensplanungen nicht aufzugeben und Hoffnung zu finden, ist es wichtig durch den Schmerz, das Leiden und die Trauer zu gehen, manchmal auch nur auszuhalten, was mir da widerfährt. Emmy Werner sagt zu resilienten Menschen „vulnerable but invincible“, und meint, dass es sich bei diesen Menschen nicht um unverwundbare Helden/Held*innen handelt, sondern nur, dass sie sich durch die Lebenskrisen nicht unterkriegen lassen und dadurch ein psychisches Immunsystem entwickeln. Für die Reifung durch eine Krise gibt es kein Rezept, aber wer es wagt, sich mit seinen Lebenswunden anderen Menschen oder Gott zu öffnen und anzuvertrauen, für den entspringt nicht selten eine Quelle der Hoffnung.

Biblisch könnte man an dieser Stelle an das Paulus Wort denken: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10) Es gilt im Prozess der Verarbeitung auch die dunklen Gefühle (auch Suizidgedanken), die offenen und ungelösten Fragen, die mit der Lebenskrise einhergehende Verunsicherung und Verzweiflung, die Frage nach dem Sinn dessen, was mir das Leben zugemutet und auferlegt hat, die Leere, in der sich kein Gott zeigen will (vgl. das Gedicht von Jean Paul „Siebenkäs“),….zu stellen. Das Leid bleibt unerlöst, wenn es keinen Ausdruck findet. Wer sich verletztlich zeigt, eröffnet Reifungsprozesse.

Wer durch eine Lebenskrise hindurch gegangen ist, hat sich verwandelt (das bestätigen nicht nur die Ergebnisse der Traumaforschung, sondern auch die Berichte von Nahtoderfahrungen wie sie der Philosophieprofessor Godehard Bruntrüp S.J. eindrucksvoll beschreibt). Menschen, die durch Leid und Krisen gegangen sind, werden wie auch Forschungen zeigen, empathischer, liebesfähiger, entwickeln eine neue Wertehierarchie; sinnerfüllte Beziehungen sind wichtiger als Erfolg im Beruf; das eigene Ich öffnet sich stärker für den anderen, erlebt mehr Verbundenheit, kreist weniger um sich selbst, wird sehender für die Not des Anderen und lebt von einem inneren gottnahen Zentrum her, das frei ist von außen auferlegten Bedingungen und Strukturen des Funktionierens und Wertgeschätzseins in Welt und Gesellschaft. Die spirituelle Sprache spricht hier vom wahren Selbst.

Der Franziskaner Richard Rohr schreibt: „Unser falsches Selbst, das wir auch unser „kleines Selbst“ nennen könnten, ist unsere Startrampe: unser Körperbild, unser Job, unsere Ausbildung, unsere Kleidung, unser Geld, unser Auto, unsere sexuelle Identität, unser Erfolg und so weiter. Dies sind die Insignien des Egos, die wir alle benutzen, um uns durch einen gewöhnlichen Tag zu bringen. Sie sind eine schöne Plattform, auf der man stehen kann, aber sie sind weitgehend eine Projektion unseres Selbstbildes und unserer Anhaftung daran. Keiner von ihnen wird von Dauer sein! Wenn wir in der Lage sind, über unser falsches Selbst hinauszugehen – zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise – wird es sich genauso anfühlen, als hätten wir nichts verloren. In der Tat wird es sich wie Freiheit und Befreiung anfühlen. Wenn wir mit dem Ganzen verbunden sind, müssen wir den bloßen Teil nicht mehr schützen oder verteidigen. Wir sind jetzt mit etwas Unerschöpflichem verbunden. Unser falsches Selbst nicht zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise loszulassen, ist genau das, was es bedeutet, festzustecken, gefangen und süchtig nach uns selbst zu sein.

Und James Finley, einst Novize bei Thomas Merton, später Traumatherapeut, reflektiert Merton`s Lehre über das Wahre Selbst und das separate (oder falsche) Selbst:

Unser wahres Selbst ist ein Selbst in Gemeinschaft. Es ist ein Selbst, das in Gottes ewiger Liebe besteht. Ebenso ist das falsche Selbst das Selbst, das außerhalb dieser geschaffenen bestehenden Gemeinschaft mit Gott steht, die unsere Identität bildet…..In unserem Eifer, die Vermieter unseres eigenen Seins zu werden, klammern wir uns an jede Errungenschaft als eine Art Bestätigung unserer selbsternannten Realität. Wir werden zum Zentrum und Gott zieht sich irgendwie an einen unsichtbaren Rand zurück. Andere werden in dem Maße real, in dem sie zu bedeutenden anderen für die Pläne unseres eigenen Egos werden. Und in diesem Prozess stirbt das GANZE Gott in uns und das sterile Nichts unserer Wünsche wird zu unserem Gott. Merton macht deutlich, dass die selbsternannte Autonomie des falschen Selbst nur eine Illusion ist…“ (vgl. Homepage des CAC, Center für action and contemplation)

Der Prophet Ezechiel spricht davon, dass G*tt das Herz von Stein aus unserer Brust nimmt und uns ein neues lebendiges Herz schenkt. (Ez 11, 19.20) Ein Herz, das barmherzig ist und nachsichtig gegenüber Fehlern und Schuld ist, und das sich solidarisch an die Seite der Menschen stellt, die an den Rand gedrängt werden und Ungerechtigkeit erleiden.  Ein Herz, das nicht gleichgültig zusieht, wie Menschen exkludiert oder misshandelt werden. Gerade die Gleichgültigkeit ist Zeichen eines verschlossenen, tauben, fühllosen Herzens wie wir es sehen angesichts der ertrinkenden Migranten im Mittelmeer.  Wer sich um andere kümmert und sorgt, entgrenzt sein Herz, überschreitet/transzendiert sich selbst und öffnet sich der Kraft verwandelnder Liebe.

Aus einer theologischen Perspektive gehören Leid, Schuld, Scheitern und Ungerechtigkeit zentral zum menschlichen Leben, das oft nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Nicht umsonst ist das Kreuz zentrales Erlösungssymbol der Christen. Das Leiden und Scheitern hat nicht das letzte Wort, sondern ist ein Durchgangsweg zur Auferstehung und zu neuem, verwandeltem Leben; insofern dient der Weg Jesu auch als Modell für menschliche Transformationsprozesse. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“, lautet das Geheimnis des Glaubens. Christliche Hoffnung ist kein blinder Optimismus, sondern eine Gewissheit, die durch die Erfahrung des Kreuzes hindurchgegangen ist. Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass  ein „Anderer“ (G*tt) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt.  Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will.  Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.

Liturgisch lässt sich angesichts der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit menschlicher Existenz an das Brotbrechen der Eucharistie denken (wie es der Priester und Lyriker Andreas Knapp in seinem Buch „Vom Segen der Zerbrechlichkeit“ herausgearbeitet hat). Der die rituelle Handlung begleitende Satz „Seht zerbrochen für uns…“ erinnert daran, dass sich die Bruchstelle Jesu und unsere eigenen Bruchstellen zu einem Ganzen zusammenfügen. Allerdings nur dort, wo ich bereit bin, die Bruchstellen meines Lebens hinzuhalten, weil glatten und abgerundeten Stellen keine Anknüpfungsmöglichkeit bieten.

Gustav Schädlich-Buter, März 2023

Aufwärts- „Nach oben“ (Toute la-haut)

Was kann man zum Neuen Jahr Besseres wünschen, als dass es wieder aufwärts gehen soll. Aber dieses Aufwärts kann so und so verstanden werden. Die einen wünschen sich, dass nach Corona und Energiekrise die Wirtschaft neu angekurbelt wird, die anderen hoffen nach einer Krankheit oder einem Burnout, dass es wieder aufwärts geht und ein Neustart gelingt.

Die französische Sängerin ZAZ, mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy, beschreibt in Ihrem Lied „Tout la-haut“ einen anderen Aufstieg; ein Aufstieg der Seele, ein Aufstieg zum wahren Selbst jenseits falscher Gewissheiten und Sicherheiten. Jenseits von Schein und nach außen gezeigten unbeschwerten Masken, so der Liedtext, liegt oft ein verletztes und verbranntes Kind. Hinter dem selbstsicheren Ego lauern die versteckten Risse der Kindheit. Der Weg nach oben bedeutet für die Sängerin, das Wahre vom Falschen zu entwirren; dabei ist es wichtig, die Einsamkeit und Ruhe schätzen zu lernen, von den Künstlichkeiten zu lassen, um endlich herauszufinden, warum wir existieren und warum wir uns gegen manches wehren. Sie fordert den Hörer des Liedes auf, diesen Weg nach oben zu nehmen, der im Grunde eher einem Abstieg gleicht, in die Tiefen und versteckten Verletzungen des inneren Kindes, und der verlangt, die Täuschungen und falschen Selbstsicherheiten zu entlarven. (zum Lied: ZAZ – Tout là-haut (Clip officiel) – Bing video)

Die Sängerin ZAZ beschreibt im Grunde einen Heilungsweg, der immer dort beginnt, wo wir anfangen und riskieren in der Gegenwart eines anderen über das zu reden, was uns am meisten verletzt. Die gebrochenen und verletzten Stellen in uns brauchen die meiste Liebe und Barmherzigkeit; denn gerade dort, wo wir keinen Ort und keinen Menschen haben, dem wir uns öffnen können, gibt es eine Neigung in uns, uns selbst zu betrafen und „runter“ zu ziehen. Wer sich nicht willkommen und übersehen fühlt, neigt nicht selten zu einer trotzigen Fassade, welche die Trauer über die Ablehnung und die innere Unsicherheit überspielt und zu einem Leben im falschen Selbst führt.

Das wahre Selbst zu entdecken, ist eine der zentralen Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. Dazu ist unabdingbar den eigenen Wunden zu begegnen. Verletzungen, die jemand verbirgt, können zur Selbstverachtung und zur Überzeugung führen, nichts wert zu sein. Ohne Kommunikation und Offenheit entwickelt sich kein gesundes Zugehörigkeitsgefühl und ohne die unbedingte Liebe von jemanden, der an uns glaubt und will, dass wir leben, entwickelt sich ein psychisches Schuldgefühl, nicht liebenswert zu sein.

Ausnahmslos alle Menschen fühlen sich zuwenig geliebt, können daher nur unzureichend lieben und erscheinen daher auch so wenig liebenswert, behauptet der Philosoph Adorno. Ungeliebten Menschen moralische Forderungen und Imperative zu solidarischer Liebe aufzuerlegen („Du sollst deine Feinde lieben, Migranten aufnehmen, das Klima schützen, Verzichten, Opfer bringen…), verfestigt nur die Kälte und Erstarrung, die ungeliebte Menschen in sich spüren. Menschen, die sich für wertlos erachten, blockieren auch die in ihnen steckenden Potentiale. Forderungen allein geben keine Liebeskraft, sondern machen defensiv.

„Aufwärts“ geht es erst, wenn wir hören und unser Herz dafür öffnen, was kein Mensch sich selber sagen kann: „Du bist geliebt!“, „Du bist geschätzt!“, „Du bist gewollt!“, „Du bist mir wertvoll und teuer!“ Erst die Erfahrung bedingungslos geliebt zu sein, ermöglicht, dass Menschen ihrerseits lieben und solidarisch handeln können. Wer eine solche Zusage erhält und daran glaubt (das kann uns niemand abnehmen), der kann die Schönheit der Welt wieder wahrnehmen und „die Sterne schmecken da oben“, wie es die Sängerin ZAZ in ihrem Chanson poetisch ausdrückt.

Die religiöse Sprache würde sagen: der heilende und bedingungslose Energie- und Lebensstrom göttlicher Güte und Barmherzigkeit, der allen Menschen gilt, also inklusiv ist, verwandelt unsere Wunden, wenn wir die Tür unseres Herzens dafür aufschließen. Dadurch eröffnet sich der tiefere Sinn unserer Existenz und das, was hineinströmt, drängt geradezu, überzufließen zu unseren Mitmenschen. Denn Verantwortung und solidarisches Handeln lässt sich nicht von außen verordnen, sondern erwächst unmittelbar aus einer Beziehung, die als Geschenk und Gnade erlebt wird.

Gustav Schädlich-Buter