Advent

  1. Advent- Kommerz und Stress

Advent – und Weihnachten hat inzwischen eine dicke kommerzielle Verpackung bekommen. Die unzähligen Betriebs- und Vereins-Weihnachtsfeiern setzen schon angesichts der aufwendigen Vorbereitungen viele in Stress; sind aber meist völlig säkularisiert oder behalten einen pseudoreligiösen Anstrich aus Brauchtum und Tradition, der mit dem ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes meist eher wenig zu tun hat.

Auch die unzähligen Weihnachtsmärkte kurbeln das Geschäft rund um Weihnachten an.

Das Positive daran (aus religiöser Sicht ) könnte sein, dass sich das kommerzielle und christliche Weihnachtsfest wieder spürbar auseinander dividieren und das spezifisch Christliche neu entdeckt werden kann.

Der Advent ist zumindest für viele eine Zeit, in der sie besonders viel Stress spüren und erleben: in der Arbeit drängt sich noch einmal alles zusammen, die Einkäufe, das Geschenke suchen,  die Festvorbereitungen usw…manche werden aggressiv vor lauter Stress, andere versöhnlich vor lauter Gefühl, weil in Kindheitsstimmungen zurückversetzt.

Der Advent ist eine geschäftige Veranstaltung des Menschen statt ein Warten des Menschen auf die „Veranstaltung“ Gottes.

Lesen:

Andrea  Schwarz, Eigentlich ist Weihnachten ganz anders, Hoffnungstexte ,S. 22

  • Wortbedeutung

Etymologie:

Advent kommt vom lateinischen adventus, was Ankunft bedeutet; ursprünglich: Ankunft der Gottheit im Tempel; vgl.: Sacharija 9, 9: „Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe dein König kommt zu dir, …“

Der griechische Begriff dafür lautet epiphaneia, was Erscheinung bedeutet und auf die Ankunft bzw. den Besuch eines Amtsträgers hinweist.

Das Wort Advent stammt aber auch aus der gleichen Sprachwurzel wie das altdeutsche Wort aventiure ( engl. Adventure) für Abenteuer. Advent und Abenteuer sind also dasselbe Wort, nur etwas unterschiedlich geschrieben.

(das könnte uns darauf hinweisen, dass es im Advent um das Abenteuer des eigenen Lebens geht, das uns womöglich vom Hocker reißt; doch wer lässt sich auf den Advent noch so ein, dass es zum persönlichen Abenteuer wird?)

(vgl. Bernardin Schellenberger, Advent, Ein spirituelles Abenteuer, Würzburg 2002)

Religiöse Bedeutung:

Der Advent ist die Vorbereitungszeit auf das Hochfest der Geburt Jesu

Der Advent war ursprünglich unter dem Einfluss irischer Missionare (ca. 5.Jahrhundert nach Christi) eine Fasten- und Bußzeit und in Italien wurden bis zu 6 Sonntage für Fasten, Besinnung und Buße benützt

Papst Gregor der Große legte fest, dass künftig vier Adventssonntage  (vorher waren es 4- 6 Sonntage in der Kirche des Westens; die vier Sonntage standen symbolisch für die 4000 Jahre, welche die Menschen nach kirchlicher Geschichtsschreibung auf den Erlöser warten mussten) die Ankunft Gottes auf Erden ankündigen sollten und legte dazu auch die Liturgie fest

Mit der Adventszeit beginnen die katholischen und evangelischen Kirchen das neue Kirchenjahr. (Die Orthodoxen haben bis heute eine sechswöchige Adventszeit ab dem 15. November, die als Bußzeit begangen wird; deren Kirchenjahr beginnt schon am 1. September).

Die Adventszeit ist von der Weihnachtszeit zu unterscheiden. Die Adventszeit endet an Heilig Abend mit der ersten Vesper vor Weihnachten.

Die eigentliche Weihnachtszeit sind die am 25. Dezember beginnenden zwölf Tage. Sie endet am 6. Januar (Fest der heiligen drei Könige)

  • Advent- Licht in der Dunkelheit

–  das Volk, das im Dunklen lebt, ohne Aussicht, im Todesschatten, unter physischer und seelischer Krankheit, seelischer, unter Verzweiflung und Trostlosigkeit, unter Mißbrauch, –  sieht ein  Licht; ein Licht,  dass sich im Dunklen zeigt: heilt Verwundungen , bringt Verlorenes heim, macht Zerbrochenes ganz, trägt Lasten mit, fühlt mit, ist da (das Gegenteil ist Schläfrigkeit, Gleichgültigkeit, Apathie, Taubheit, Dumpfheit…) vgl Jesaja

Lesen: „Eine Kerze, jedes Licht, das ich entzünde, kann Anlass sein, dass mir ein Licht aufgeht,das ich nicht entzünden kann:Leben, Glück und Freude. Lichter und Leuchten kann ich mir besorgen, verschenken, ans Grab stellen…Aber das Licht kann ich nicht „machen“;ich kann und muss es scheinen lassen.Das Licht ist Gott.Jesus ist das Licht für alle Menschen und Geschöpfe.

In seinem Licht gehen mir immer mehr Lichter auf. “(Elmar Gruber)

Zum Brauchtum: Der Adventskranz

Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern (1808-1881)wird als der Gründer des Adventskranzes bezeichnet. Wichern war Leiter ein Erziehungsheims,- das Rauhe Haus“- , wo er mit armen, obdachlosen, schwer erziehbaren Jungs (die oft Waisen waren), sich auf Weihnachten vorbereitete. Auf deren Nachfrage, wann denn endlich Heilig Abend  sei, entstand die Idee des Adventskranzes.

1839 wurde zum ersten Mal ein Adventskranz im Betsaal des Rauen Hauses aufgehängt. Er bestand aus einem Holzrad, auf dem 4 große weiße Kerzen befestigt waren und 19 rote Kerzen für jeden einzelnen Wochentag, insgesamt also 23 Kerzen vom ersten Advent bis zum heiligen Abend.

 1860 wurde das Holzrad zum ersten mal mit Tannengrün geschmückt.

Inzwischen ist der ursprünglich evangelische Brauch der Adventskränze auch von der katholischen Kirche übernommen.

Enthaltene Symbolik:

Das Grün der Tannenzweige ist die Farbe der Hoffnung und symbolisiert das Leben. Das Grün symbolisiert so die Hoffnung auf das ewige Leben, das wir in Christus geschenkt bekommen haben.

Der Kranz gilt in vielen Kulturen als Zeichen des Sieges, so will auch der Grabkranz symbolisieren das in Jesus Christus die Macht des Todes überwunden ist.

Lichter weisen auf Christus als das „Licht der Welt“, das in die Dunkelheit gekommen ist und die Dunkelheit konnte es nicht auslöschen (vgl.bei  Johannes, den Prolog)

Das Rot der Kerzen steht für die Liebe, speziell für die Liebe Gottes, die uns in der Geburt Jesu zuteil geworden ist.

weitere Adventssymbole/-bräuche:

Adventskalender, in Deutschland seit dem 20.Jahrhundert (der erste gedruckte Adventskalender erschien 1903 in München),

Lichterbögen in den Fenstern gehen auf die erzgebirgischen Bergarbeiter zurück; ein vollständiger Lichterbogen am Haus bedeutete, dass alle Arbeiter dieses Hauses wohlbehalten aus der Grube zurückgekehrt sind.

Adventswurzel, die mit vier Adventskerzen geschmückt wird, knüpft an die alttestamentliche Stelle an „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamme Isais…“ Jesaja 11,1

  • Advent und Liturgie
  1. Der erste Adventssonntag

ist geprägt von der Wiederkunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit; eine Wiederkunft, die plötzlich und unerwartet sich ereignet; deshalb enthalten alle Texte die Mahnung zur Wachsamkeit.(Röm 13,11/A; 1Kor 1,8/B;

1 Thess 3,12 f.)

Die alttestamentlichen Lesungen sind den Profeten Jesaja und Jeremia entnommen. Im Lesejahr A wird das Friedensreich des Messias geschildert, zu dem alle Völker strömen; die Schwerter werden zu Pflugscharen (Jes 2,4) und die Lanzen zu Winzermessern umgeschmiedet. Im Lesejahr B wird um das Kommen des Herrn gefleht und C bringt die Verheißung vom gerechten Sproß Davids.

(Gespräch über die Bedeutung von „Wachsamkeit“- welche Bedeutung hat sie in meinem Leben? Wann bin ich wachsam?…)

  • Den zweiten Adventssonntag

kennzeichnet Ermahnung und  freudige Erwartung: So hören wir im AT bei Jesaja: „…Volk Gottes, mach dich bereit! Höre auf ihn, und dein Herz wird sich freuen.“

Die Evangeliumsperikopen enthalten die Bußpredigt des Vorläufers und des Wegbereiters Johannes: „Kehrt um, den das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2)

Johannes gilt als die Erfüllung der Prophezeiung des Jesaja:“ Eine Stimme ruft in die Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Ebnet ihm die Straßen!“ (Jes 40, 3). Die alttestamentlichen Lesungen verheißen den Messias als Sproß aus dem „Baumstumpf Isais“ und schildern (in B und C) die Heimkehr des Gottesvolkes aus dem babylonischen Exil (vgl. Jes 40,1 f. und Bar 5,1-9)

In den Lesungen des NT wird Christus als der universale Heilsbringer verkündet.

(Gespräch: Was könnte mit dem Wort „Umkehr“ gemeint sein? Gab es so eine Umkehr in meinem Leben…? Was bedeutet Heimkehren und Heimkommen für mich persönlich?)

c. Der dritte Adventssonntag

ist vielen als Sonntag „Gaudete = Freut euch“ bekannt, wobei auf den Eröffnungsvers (2.Lesung, Lesejahr C oder 1 Thess 5,16..) Bezug genommen wird: „ …Freut euch, denn der Herr ist Nahe!“ (Phil 4,4) Rosafarbene Messgewänder verdrängen das ernste violett und signalisieren vorweihnachtliche Freude.

In allen Evangelien der drei Lesejahre steht wieder die Gestalt von Johannes dem Täufer vor uns. (vgl. Mt 11,2-11 /in: A; Joh 1, 6-8.19-28 in B; Lk3,10-18 in: C)

Die AT- Lesungen dieses Freude-Sonntags preisen die Segnungen des messianischen Reiches.

Die NT- Lesungen enthalten neben dem Aufruf zur Freude, zur frohe Zuversicht,  die Ermahnung zum geduldigen Ausharren  bis zur Ankunft des Herrn.(Paulus: Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert…Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,35.37)

(Gespräch: Welche Rolle spielt Freude in meinem Leben? Worüber freue ich mich? Oder: was verdirbt mir die Freude? Was macht es mir schwer, mich zu freuen…..)

d. Der vierte Adventssonntag

Die erste Phase des Advents , die bis zum 16 Dezember reicht, richtet sich vorrangig auf die endzeitliche Wiederkunft Christi .

  • Advent heißt Aufwachen

Advent heißt Aufwachen aus Ablenkung und Zerstreuung für die eigentlichen Fragen meines Lebens, wachwerden und achten auf die Bewegungen in meiner Seele, auch die Traurigkeit, auf die Enttäuschungen, die Süchte meines Lebens, die mich unempfindlich machen für den Nächsten.

Das althochdeutsche Wort für Advent lautet aventiure und bedeutet wie das englische adventure Abenteuer. Advent als ein Abenteuer könnte uns darauf hinweisen, dass es im Advent um etwas geht, was spannend ist, was uns vom Hocker reißen will und mit unserem eigenen Leben zu tun hat. Das muß gar nicht laut und äußerlich machtvoll geschehen, sondern es kann uns wie dem Profeten Elia widerfahren und wir Gott begegnen im leisen Säuseln des Windes.

Wer das Geheimnis von Weihnachten verstehen will, der braucht den Advent, der braucht die Zeit, in der wir eingeladen sind, neu leben zu lernen, uns neu auf das Abenteuer Leben einzulassen.

Abenteuer Advent – das ist warten und lauschen, ob sich irgendetwas tut. Das ist mitten im Dunkel den Stern sehen und ihm trauen. Advent ist nicht auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt, sondern kann 365 Tage im Jahr sein, ein Trainingslager für das Leben. Doch wir brauchen auch eine bestimmte Zeit, die uns an das Eigentliche erinnert (mit texten, Geschichten Kerzen, Symbolen..), damit wir immer besser lernen adventlich zu leben.

Text Karl Rahner:

„Höre, mein Herz, Gott hat schon begonnen, seinen Advent in der Welt und in dir zu feiern. Leise und sanft, so leise, dass man es überhören kann, hat er die Welt und ihre Zeit schon in sein Herz genommen, ja sein eigenes unbegreifliches Leben eingesenkt in diese Zeit.“

Lied: „Bereite dich Zion“ (aus dem Weihnachtsoratorium)

  • Advent heißt Lauschen und Hören

Im Advent scheint es vor allem darum zu gehen, wieder hörbereit und ansprechbar zu werden, zu lauschen. „„Ehe es wächst, lasse ich euch es erlauschen“ , sagt der Profet Jesaja (Jes 43,1) Der neue Mensch, von dem Paulus spricht, ist jener der seine Sinne ausrichtet auf etwas, das nicht aufgeht mit unseren  vergänglichen Wünschen und Phantasien, das uns hinauslockt aus unseren Alltagsgeschäften. Lauschen, sich leer- machen, die Anrede, den Anruf erwarten, sich treffen und berühren lassen. Der Gott der Bibel ist einer, der anredet, die ganze Bibel ist voll mit Ruf- und Berufungsgeschichten; und dieser Gott kann über vieles zu mir sprechen; ein Gott, der mein Ohr braucht, meine empfangsbereite Seele, ein Ruf, der mich zu etwas bewegen will. (In der Bibel sind Anrufe meist mit Aufträgen und Aufbrüchen verbunden)

Manche behaupten, grundsätzlich werde jede und jeder einmal im Leben von Gott angesprochen, aber meist ist unser Empfänger auf off und  die leisen Töne Gottes ziehen an uns spurlos vorüber. Es ist wie das Liebesangebot, das uns nicht erreicht.

Bernhard von Clairvaux erzählt eine Geschichte, die hier in moderner Fassung wiedergegeben werden soll: Er vergleicht die menschliche Seele mit einem bildhübschen Mädchen und Gott mit einem weitentfernten Riesen, der sich in das Mädchen verliebt hat. Jener winkt ihr, pfeift ihr nach. Doch das Mädchen hat scheinbar Besseres zu tun, es schaut in den Spiegel oder coolen Typen hinter her und reagiert einfach nicht auf das Begehren des Riesen. Als sie ihn endlich bemerkt und sich für ihn zu interessieren beginnt, springt jener unverzüglich über alle Berge, schließt sie in seine Arme und muss aufpassen, dass er sie vor lauter Liebe nicht erdrückt.

Soweit die kleine Geschichte, die uns die Frage stellt: Höre ich noch auf die Stimme des Riesen?
(vgl. dazu, a.a.O., Bernardin Schellenberger, Advent ein spirituelles Abenteuer, S.63f.)

Lesen:

Ehe es wächst, lasse ich euch es lauschen.
Lange haben wir das Lauschen verlernt!
Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen
Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer,
Wollten wir wachsen auf feisten Triften,
Wie Salat im Hausgarten stehn.
Wenn wir auch Geschäfte haben,
Die weit fort führen
Von Seinem Licht,
Wenn wir auch das Wasser aus Röhren trinken,
Und es erst sterbend naht
Unserem ewig dürstenden Mund –
Wenn wir auch auf einer Straße schreiten,
Darunter die Erde zum Schweigen gebracht wurde
Von einem Pflaster,
Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr,
O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen.
Auch auf dem Markte,
Im Errechnen des Staubes,
Tat manch einer schnell einen Sprung
Auf der Sehnsucht Seil,
Weil er etwas hörte,
Aus dem Staube heraus tat er den Sprung
Und sättigte sein Ohr.
Presst, o presst an der Zerstörung Tag
An die Erde das lauschende Ohr,
Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch
Werdet ihr hören
Wie im Tode
Das Leben beginnt.

Nelly Sachs

Oder:  Andrea Schwarz: Lauschen auch auf die Bewegungen der Seele, auf die Traurigkeit in mir; in: A. Schwarz, Eigentlich ist Weihnachten anders, S.18

  • Advent – Gott hören  im Traum

Gott kann zwar überall zu uns durch alle Medien sprechen: In unserem Unbewussten oder Tiefenbewusstsein aber sind wir Gott oft näher als in unserem oberflächlichem Sehen und Hören und Wahrnehmen.

Beispiel:

Josef, der Mann Marias, war kein cooler Typ mit kernigen Sprüchen, kein rauer und anpackender Marlboro-Mann, keiner von denen, die in den Outdoorkatalogen abgebildet würde als Prototyp eines Abenteurers. In der Bibel sagt er kein einziges Wort und erlebt gerade so wirkliche Abenteuer. Er, der Träumer, wird im Traum von Gott angesprochen und zu wahrhaft abenteurlichen Aufbrüchen veranlasst (Er soll seine nicht von ihm schwangere Frau zu sich nehmen. Er soll mit seiner Kleinfamilie vor Herodes in Sicherheit bringen und nach Ägypten flüchten. Er soll nach dem Tod des Herodes wieder nach Israel zurückziehen, obwohl dort der nicht minder schreckliche Sohn des Herodes Archelaus herrscht.)

Es geht im Advent -und wann ist nicht Advent- darum, unsere eingefahrene Wirklichkeitssicht (von Beurteilen, Begehren und Befürchten) durch Träume echter Einsicht aufbrechen zu lassen. Es geht um Träume, die uns aufbrechen, Träume wie sie Josef empfangen hat.

vgl.a.a.O, Bernardin Schellenberger

Profet Joel

Um Träume, die vom Himmel in unser Inneres/Seele  fallen, darum geht es in der Adventszeit. Von solchen Träumen spricht der Profet Joel ( Das Buch Joel ist eins der Prophetenbücher der Bibel. Es gehört zum Zwölfprophetenbuch des Tanach, der hebräischen Bibel, und zu den kleinen Propheten des Alten Testaments. Seit dem Mittelalter wird es im deutschsprachigen Raum in Anlehnung an die Septuaginta in vier Kapitel unterteilt.)Dort heißt es:

Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch. Und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Visionen sehen.

Und selbst über die Knechte und über die Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen. Und ich werde Wunderzeichen geben am Himmel und auf der Erde….

Impulsfrage/Gespräch :

Habe ich noch Visionen in meinem  Leben? Gibt es noch eine Ahnung in mir, die ich noch nicht verfolgt habe, eine Spur, die ich noch nicht gegangen bin, eine Sehnsucht, die mich weiter lockt? Ließe ich mich noch herausbewegen aus dem momentanen Zustand…./oder: Woraus möchte ich ausbrechen/mich befreien lassen? Religiöse gefragt: hat Gott noch etwas mit mir vor?

  • Advent und Sehnsucht

Im lateinischen Wort für Sehnsucht und Begehren  de-siderium steckt das Wort „sidera“ die Sterne, eine Sehnsucht, die zu den Sternen auslangt, weil in uns ein Urwissen steckt, das wir nicht nur von dieser Welt sind. Für kleine Kinder  ist dieses Urbewusstsein noch ganz selbstverständlich vorhanden. Sehnsucht in diesem Sinne ist etwas sehr

Spirituelles. Wir wünschen uns, dass unser Leben erfüllt und bereichert wird von einer Komponente, die wir «Irdischen» selber nicht herstellen können. Diese Sehnsucht öffnet uns gegenüber Gott.

(Sehnsucht (mhd. „sensuht“, als „krankheit des schmerzlichen verlangens“[1]) ist ein inniges Verlangen nach einer Person oder Sache, die man liebt oder begehrt. Sie ist mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können.

Das lateinische Wort für «Begehren» wiederum ist «desiderium». In diesem lateinischen Wort steckt «sidera» drin, das sind die Sterne. Das Begehren, die Sehnsucht greift nach den Sternen. Es ist der Wunsch, dass mein Leben mit einer himmlischen Qualität, mit etwas Ausserordentlichem erfüllt wird.)

Die Advents- und Weihnachtszeit weckt unsere Sehnsucht und unser Begehren. Viele Artikel werden angepriesen als die Erfüllung eines Traumes/einer Sehnsucht: Möbel, Autos, Kleider, Weltreisen, Handys…Die Vorweihnachtszeit scheint wie gemacht dafür,  diese menschliche Fähigkeit zum Träumen und Begehren zu wecken.

Es ist wichtig zwischen selbstgemachten und echten Träumen zu unterscheiden.  Selbstgemachte Träume richten sich auf ein vorgegebenes Ziel: Wohlstand, Reichtum, eine nette Frau, ein charmanter Mann. Viele dieser Träume sind Projektionen einer konfusen Seele. Der echte Traum hingegen, wird uns geschenkt; wir produzieren ihn nicht selbst; er ist kein Phantasieprodukt unserer Seele, sondern etwas, das von außen in unsere Seele kommt. Im Schlaf z.B., wenn unsere Seele geöffnet ist  für eine umfassendere Welt; sie tauchen auf, wo wir gar nichts suchen, nichts begehren, nach nichts auslangen, nichts tun, nur wach horchen, lauschen, unsere fixen Vorstellungen/Vorurteile loslassen und unserer wahren Sehnsucht gewahr werden in der Stille. Da kann sich der Himmel öffnen wie er sich für die Hirten auf dem Feld geöffnet hat, wenn das denkende und überlegende Ich schlummert und das Herz ganz wach ist. Dann können die echten Träume bei uns ankommen, nach denen wir uns in der Tiefe sehnen.

(vgl. a.a. O, Bernardin Schellenberger)

Gäb es die Sehnsucht nicht,

wohl nie bedrängte uns ein Fragen,

ein Suchen,

ein Aufwärtsschauen zu dem empor,

der alles schuf.

Gäb es die Sehnsucht nicht,

fremd bliebe uns ahnendes Wissen

um die Dinge,

die unsere Augen nicht sehen,

unsere Hände nicht fassen,

unser Mund nicht zu benennen weiß,

der Seele aber

dennoch erkennbar sind.

So ist es die Sehnsucht,

die Gott und den Menschen verbindet:

Einst, heut´ und in fernen Zeiten.

 Und es ist die Sehnsucht,

die uns erlösen, ja,

die uns den Himmel öffnen wird.

Edith Golinski, Lyrikerin aus Kiel

  • Advent ist „hoffnungsgrün“

Das Geheimnis Gottes, das in unsere Welt/in unser Leben  kommt, will unsere Lebendigkeit, unser Grünen und Wachsen; die grünen Tannenzweige sind Zeichen dieses Lebens, das wir in uns entfalten sollen; ein Grün in einer Zeit, wo sonst nichts wächst; Hoffnungszeichen auch in einer Zeit, in der es viel Dunkelheit (Kriege, Hungersnot Erschöpfung, Depression..)gibt.

Wer hofft, für den wächst  mitten im Winter, ein grüner Zweig , ein Reis, der hofft mitten in der Hoffnungslosigkeit, der glaubt allen zweifeln zum Trotz.

Lied: CD oh selige Nacht, Nr.19 Oh Tannenbaum  oder Nr. 8 Es ist ein Ros entsprungen

Unterschied zwischen Sehnsucht und Hoffnung: Apokalypse des Sehers Johannes

Eine neue Erde, einen neuen Himmel, eine Stadt ohne Tränen, ohne Schmerz, ohne Schreie. Er sieht eine neue Zeit, die die alte Zeit, unsere Zeit ablösen wird. Johannes, der einsame und bedrängte Gefangene auf der Insel Patmos, sieht seine eigene, schmerzliche Gegenwart als Vergangenheit. Und will damit die von der römischen Weltmacht bedrohte und verfolgte Christengemeinde trösten. Gefangen auf einer Insel ist sein Blick gefüllt mit Sehnsucht nach Freiheit und Leben. Umso beeindruckender seine Worte, die Bilder dieser Apokalypse, die etwas im wahrsten Sinne des Wortes enthüllen – nämlich die Wende zum Heil! Johannes richtet seine Worte nicht an Menschen, die resigniert unter der Last von Christenverfolgung und persönlicher Ausgrenzung zusammenbrechen und von dieser zerdrückt werden.

Im Gegenteil: Hier setzt ein Mensch auf Hoffnung! Hier sehnen sich Menschen nicht nur nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Nein, sie hoffen auch darauf Hoffnung und Sehnsucht erwachsen beide an der Grenze, auf der Schwelle, aus Schmerz, Verlust, dem Leiden an der Wirklichkeit, auch aus der Erfahrung von Glück.Häufig werden beide Begriffe synonym gebraucht. Zur Hoffnung aber gehört, dass sie der Realität nicht zu entfliehen sucht, sondern ihr standhält und das gegenwärtig Erlebte mit einschließt.

Es geht im Christlichen um eine  Hoffnung, die mehr beinhaltet als die Sehnsucht nach einer besseren Welt. (Sehnsucht kann auch Flucht bedeuten vor der Realität wie sie ist)

Hierin liegt die Zuversicht, ja die glaubende Gewissheit, dass es wirklich und wahrhaftig möglich ist, das es nicht immer so weitergehen wird. Hier liegt der Trost, dass nicht das Unrecht, nicht der Tod das letzte Wort haben mögen, sondern das Leben. Gott wird sich erinnern – und er wird die Tränen abwischen. Gott ist nicht mehr abwesend. Trotz allem, was Menschen geschieht, was Menschen einander antun und was wir aushalten müssen.

Diese Hoffnung setzt Johannes in alle Erfahrungen hinein, nicht gegen unsere Erfahrungen. Diese Hoffnung lässt Menschen überleben.

Advent heißt Neuanfang

Nicht umsonst stehen am Advent, der Neuanfang des Kirchenjahres in viele Lesungen die Träume und Visionen an erster Stelle: Das was jetzt ist, die sogenannten Fakten(die sogenannte irdische Realität), das Gefühl vom Leben doch nur enttäuscht geworden zu sein,  wird  nicht das letzte Wort haben: mein Leid, meine Behinderung, meine Krankheit, die Brüche in meinem Leben, die Katastrophen in dieser Welt, die Resignation und Zweifel  werden nicht das letzte Wort haben!

Im  Glaube an den göttliche Realismus werden wir  zur Hoffnung verführt: es wird ganz neu anfangen (ein neuer Himmel und eine neue Erde, neugeschaffen in Jesus Christus), ich werde einst in ein neues und erlöstes Leben gelangen, in ein Land der Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe, in dem wir aufwachen wie nach einem schweren und bedrückenden Traum. Diese Träume entspringen dem heiligen Geist, mit dem uns der tauft, auf den Johannes hinweist. Wir können sie in unserem eigenen  Leben wiederfinden und durch diese Träume  belebt, unser Leben neu anfangen.

Adventlich leben heißt:

„Fang wieder neu an, mach deine schlechten Erfahrungen nicht zur Lebensphilosophie, leg die Altlasten ab, lass die Vergangenheit vergangen sein, jeder Moment ist eine Gelegenheit mit deinem Leben neu anzufangen und sehen zu lernen aus einer ursprünglichen Hoffnung heraus.“ Neuanfangen kann konkret bedeuten:

  • In Familien, Partnerschaft und Beziehung aufeinander zu zu-„gehen“, den anderen nicht auf das Gewesene festzulegen (auch wenn es schmerzhaft war), einander zu vergeben und neu zu starten.
  • Neuanfangen kann bedeuten sich nicht der Mutlosigkeit und Resignation zu überlassen, sondern das Leben mit Liebe und Vertrauen anzupacken. Neuanfangen kann bedeuten sich zu einer Hoffnung wider alle Hoffnung zu entschließen, z.B. die Hoffnung, dass es mit den Kindern doch gut gehen könnte nach den vielen Enttäuschen und Rückschlägen..
  • Neuanfangen könnte ich auch mit meinem Glauben an Gott, wenn er mir abhanden gekommen ist durch die Niederlagen meines Lebens; wieder daran glaube, dass er mich gern hat und etwas mit mir vorhat.
  • Neuanfangen  könnte ich mit dem Glauben, dass die verschütteten Träume und Hoffnungen meines Lebens noch da sind und darauf warten augegraben zu werden ( so wie unter Schnee und Eis schon die Frühlingsblumen darauf warten aufgehen zu dürfen)

Advent beginnt an den Türen meines Herzens

Lied: Macht hoch die Tür

1) Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;

derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

2) Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

3) O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.

4) Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
eu’r Herz zum Tempel zubereit‘.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

5) Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Text: W. Borchert, Draußen vor der Tür: Der Kriegsheimkehrer Beckmann freut sich:  „Unser Haus steht noch! Und es hat eine Tür. Und die Tür ist für mich da…Da kommt mein Vater jeden Morgen um acht Uhr raus. Da geht er jeden Abend wieder rein. Nur sonntags nicht…jeden Tag, ein ganzes Leben. Da geht meine Mutter rein und raus. Dreimal, siebenmal, zehnmal am Tag. Jeden Tag. Ein Leben lang. Das ist unsere Tür…Der Krieg ist an dieser Tür vorbeigegangen. Er hat sie nicht eingeschlagen und nicht aus den Angeln gerissen…Und nun ist diese Tür für mich da. Für mich geht sie auf, und hinter mir geht sie zu, und dann stehe ich nicht mehr draußen. Dann bin ich zu Hause. Doch dann die Enttäuschung….

Frage: Welche Türen in meinem Leben haben sich geöffnet und welche sich geschlossen?

Advent und Erwartung

Im 17. Jahrhundert , im Jahre 1622 hat der Jesuit Friedrich Spee ein Lied geschrieben, das die Sehnsucht nach dem Heiland der Welt zum Ausdruck bringt. Friedrich Spee lebt in einer dunklen Zeit: es herrscht die Pest, der viele Menschen zum Opfer fallen,  es herrscht Hunger und Seuchen greifen um sich,  der 30 jährige Kriege wütet und es ist die Zeit der Hexenverfolgung.

Ich lesen den Text des bekannten Advents- Liedes einmal vor, bevor wir das Lied dann anhören:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiß ab, wo Schloss und Riegel für!

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß;
Im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
Den König über Jakobs Haus.

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
Dass Berg und Tal grün alles werd’
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn’, du schöner Stern,
Dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
In Finsternis wir alle sein.

Hier leiden wir die größte Not,
Vor Augen steht der ewig’ Tod;
Ach komm, führ uns mit starker Hand
Vom Elend zu dem Vaterland.

Lied „O Heiland reiß den Himmel auf“ anhören

Das Lied beschreibt zunächst eine Situation, die wir alle kennen: ein wolkenverhangener Himmel, kein Sonnenstrahl dringt durch, alles scheint düster, dunkel und freudlos.

Das Lied beginnt in der ersten Strophe damit, dass der Heiland (Jesus ist gemeint) diesen verschlossenen Himmel aufreißen soll, dass er die Schloß und Riegel abreißen soll und die Türen, die den Himmel versperren  öffnen soll. Es ist ein Flehen zum Heiland: Reiß den Himmel auf, dass Gott in unser Leben einbrechen kann, dass wir nicht länger gottlos bleiben müssen und uns gegenseitig zerstören. Halt dich nicht länger heraus , hilf uns, öffne unsere Aussichtslosigkeit und Traurigkeit.

Lied Anhören: CD Alle Jahre, Oh Heiland reiß…  Nr. 7

Gespräch: Was suche ich in meinem Leben? Was erwarte ich? Worauf warte ich?

Advent –  das Ungeplante

Gott bricht unmittelbar ins Leben ein– wie bei Maria, welcher der Engel kündet, dass sie göttliches Leben in sich trägt. Ihr geplantes Leben nimmt eine völlig unerwartete Wendung.  Gott bricht unmittelbar in das Leben Marias ein; Unverständnis, ein Dickicht von Hindernissen Gefahren und Ängsten umgeben sie. Josef wendet sich von ihr ab. Die Nachbarn reden…Wie soll es weitergehen? Einer unverheirateten schwangeren Frau droht auch nach jüdischem Gesetz die Steinigung.

Die innere Erfahrung Marias ließe sich mit dem Bild vom Dornenwald durch den sie gehen muss,  gut beschreiben. Es ist die Erfahrung, dass das geplante Leben eine völlig unerwartete Wendung genommen hat;  eine,  auf welche wohl auch die Umwelt mit Unverständnis, womöglich sogar mit  Verachtung reagiert. Sie steht vermutlich (menschlich gesehen) Todesängste aus und freut sich zugleich über ihre Schwangerschaft und sagt Ja zu dem, was mit ihr geschieht.

Unsere eigene existentielle Erfahrung:

In diesem Motiv des Dornenwaldes können wir uns als  Menschen, die immer wieder  Not und Leiden ausgesetzt sind,  selbst wiederfinden:

Situationen und Phasen  im eigenen Leben, bei denen wir das Gefühl haben, dass sich  Dornen uns schmerzhaft ins Fleisch bohren, uns verwunden, bluten lassen.  Wege, die einst  Freiheit bedeuten und ins Leben geführt haben,  sind in Sackgassen geworden;  undurchdringliches Dornengestrüpp scheint jeden Ausweg zu versperren..

Advent als Zeit, in der wir offen sind für Wandlungen; Wandlungen geschehen an mir, ich kann sie nicht machen (im Unterschied zum Verändern; verändern kann ich etwas,  solange wie  ich es im Griff habe, die Kontrolle behalte; aber die „Hämmer des Lebens“ widerfahren mir. Manche Wandlungen setzen auch ganz leise ein (eine innere Unzufriedenheit, Spüren der Leere und Hohlheit des eigenen Lebens.., depressive Verstimmungen, das bisherige Lebenskonzept, das brüchig und nicht mehr stabil trägt; Wandlungen gehen oft mit Krisen einher…; plötzlich arbeitet unsere Seele, es dauert bis neues, gewandeltes Leben herausbrechen kann…., bis Licht in der Finsternis auftaucht.

Aufbrüche und Einbrüche , die uns über uns hinausführen (über das um uns selbst Kreisen..)und aus dem irrigen Bewusstsein, alles selber machen zu können.

Lied einspielen: CD Oh Selige Nacht, Nr. 6 Maria durch ein Dornwald ging

Advent –vom Engel geführt

Der Engel von Autun und die drei Könige; (vgl. Peter Eicher); Josef der Träumer                   innere Aufbrüche, sich von innen her leiten lassen; einer inneren Anleitung zum wahren Leben folgen…auch Gott lässt sich nur ahnen, innerlich spüren…. gesehen hat ihn noch keiner und beschreiben kann ihn auch keiner…(sonst wird er zum Götzen); er taucht eher auf in unserem Bewusstsein wie ein Lichtfunken, wie eine berührende Musik, aber wenn sie vorbei ist, dann ist ER weg; lässt sich nicht festhalten…

Eine neue Zukunft und ein entscheidend neues Leben (auch Erlösung, Unsterblichkeit, alles was uns zutiefst froh macht und innerlich überzeugt)erwarten; wir können wir uns niemals selber geben und machen,  sondern solches wird uns in den Schoß gelegt, von dem ganz Anderen- das Geschenk des lieben Gottes. Wir sind nicht die letzten Planer und Aktivisten unseres Lebens.

Folglich darf unser Planen nie zu einem geschlossenen System werden

Thema: Engel für andere sein:

Das Geschenk Gottes an uns ist es, dass er uns trotz aller Handicaps zutraut, solch ein Engel für andere zu sein.

Lesen: Andrea Schwarz, Eigentlich ist….Hoffnungstexte, S. 77 f.

Exemplarische biblische Texte in der Adventszeit:

  1. Adventssonntag:

„…..Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn/steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel./ Zu ihm strömen alle Völker.

Viele Nationen machen sich auf den Weg./ Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn/ und zum Haus des Gottes Jakobs.

Er zeige uns seine Wege,/ auf seinen Pfaden wollen wir gehen.

Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn,/ aus Jerusalem sein Wort.

Er spricht Recht im Streit der Völker,/ er weist viele Nationen  zurecht.

Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern/ und Winzermesser aus ihren Lanzen.

Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk,/ und übt nicht mehr für den Krieg.

Ihr vom Haus Jakob, kommt,/ wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.

Jesaja 2, 2-5

  1. Adventssonntag

„ In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehr um! Denn das Himmelreich ist nahe. Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat:

Eine Stimme ruft in der Wüste:/ Bereitet dem Herrn den Weg!/ Ebnet ihm die Straßen!

Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.“

Matthäus  3, 1-6

  1. Adventssonntag-„Gaudete-Sonntag“

„ Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Jesus Christus bewahren….…“

Philipper, 4,4 f.

  1. Adventssonntag

„…Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe meines Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut./ Siehe von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, / und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

Er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen,

das er unseren Vätern verheißen hat, /

Abraham und seinen nachkommen auf ewig….“

(Das sogenannte Magnifikat (Lobpreis Mariens) beim Besuch der schwangeren Maria bei der schwangeren Elisabeth, in Lukas 1, 46 f.)

Weitere Texte der Adventszeit:

Vom Kommen des Menschensohnes (2.Wiederkunft Christi)/apokalyptische Texte:

„Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen ….“

(Mt 24, 29f.)

Zur Wachsamkeit:

„Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das heil uns näher als zu der zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Laßt uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an…“

(Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom, ca. 56 n.Chr. / Röm 13, 11-14)

Zur Freude:

„…ermutigt die Ängstlichen, nehmt  euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun.

Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlaß!

Dankt für alles; Denn das will Gott von euch, die ihr Jesus Christus gehört…“

( Brief von Paulus an die Gemeinde von Thessalonich; älteste Paulsbrief, ca. 50 n.Chr.; vgl 1 Thess 5, 14 f.)

Texte aus dem AltenTestament:

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht, über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe……Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.

 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.

Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.

Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende.“

(Prophet Jesaja 9, 1-6,  lebte etwa 740-701 v.Chr.,verheißt einen Messias, vgl auch Kapitel 7, 14)

Erwartung

Der Advent gilt ja bekanntlich als stille Zeit und im religiösen Kontext als Zeit der Erwartung. Was erwarte ich noch? Was erwarten die Menschen um mich herum? Was erwarten wir in und von unserem Leben? Was suchen wir eigentlich ?

Manchmal schaue ich im Advent bewusst auf Menschen, denen ich begegne und versuche zu erraten, worauf diese Menschen warten. In der U-Bahn mir gegenüber sitzt auf meinem Nachhauseweg ein asiatisch aussehender Mann, vor seinen Füßen steht eine Sackkarre, mit der man Lasten transportierten kann. Er schließt seine Augen und scheint müde. Welche Lasten hat er heute schon geschleppt? Was sind die Lasten in seinem Leben? Was erwartet ihn heute Abend? Und welche Erwartungen hat er ans Leben? 

Stehend vor mir eine ältere Frau, bescheiden gekleidet, ihr Gesicht von Falten zerfurcht,- von ihren Sorgen und den vielen Lebens- und Überlebenskämpfen? Ihre unruhig hin und her flatternden Augen schauen ängstlich zu den U-Bahntüren, die Finger Ihrer Hand bewegen sich unruhig an der Eisenstange, an welcher sie sich festhält. Es scheint als würde sie nicht wissen, wohin die Reise genau geht, wann sie ankommt, wann sie aussteigen soll. Auf was wartet sie in ihrem Leben? Was sucht sie? Was fehlt ihr? Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit oder ganz etwas anderes?

Und der Afrikaner neben mir, aus welchem Land mag er kommen, welchen Weg hat er hinter sich und was hat er da alles erlebt? Wie fremd muss ihm die Kälte unseres Landes sein, in der er jetzt leben muss oder will. Denkt er gerade an seine Familie und seine Verwandten in Afrika? Was erwartet ihn hier in dieser ihm fremden Kultur? Worauf setzt er seine Hoffnung? Eine neue Heimat finden, anerkannt und akzeptiert werden, einen Arbeitsplatz bekommen…? 

Die Frau, die links neben mir sitzt, spielt irgendein Spiel auf ihrem Smartphone. Ablenkung, Zerstreuung, sich die Langeweile vertreiben, sich erholen vom Druck in der Firma, wo sie effizient sein muss und auf Leistung getrimmt ist? Zerstreuung erfahren viele U-Bahn-Mitfahrende auch durch die Nachrichten am integrierten Bildschirm der U-Bahn, die im Sekundentakt „News“ hereinfliegen lässt.

Auf was warten und suchen all diese Menschen, die heute mit mir in der U-Bahn fahren?

Auf eine Zeit, in der sie selbst bestimmen können, auf Nichts-tun dürfen nach alle dem Leistungsdruck, darauf endlich genug Geld zum Leben zu haben, oder jemanden zu finden, der es ehrlich mit ihnen meint, eine liebevolle Beziehung….?

Doch womöglich stellen sich viele keine dieser Fragen, erwarten nichts oder viel weniger, begnügen sich mit ein bisschen Zerstreuung und Ablenkung. Die tieferen Fragen, warum wir eigentlich hier auf der Welt sind, was das Ziel unseres Lebens sein könnte, was in der Tiefe der eigenen Seele vor sich geht, tauchen nicht mehr auf, werden übertüncht. Sind wir nicht alle zu oft eingesperrt und narkotisiert durch mediale Dauerberieselung, Geschwätz oder blinden Aktionismus? Hören wir noch etwas anderes als das, was uns von außen zumüllt, zustopft und blöd macht? „Lange haben wir das Lauschen verlernt!“, sagt die Dichterin Nelly Sachs. Und wir könnten hinzufügen, auch das Sehen und Schauen, das in die Tiefe geht, haben wir verlernt. Erwarten heißt ja auch nach etwas Ausschau halten: nach einem Licht, das nicht bloß auf dem Adventskranz leuchtet, sondern die Dunkelheit der Seele erhellt, nach einem Feuer, das uns herausreißt aus der bequemen Selbstgenügsamkeit, „Burn in“ statt Burn out. Ausschau halten auch nach einer Quelle, aus der ich trinken kann, in der Wüste oder Sackgasse, in die mein Leben womöglich geraten ist. Ausschau halten nach einem Bohrturm, der durch die Oberfläche in die Tiefe dringt und dort etwas findet, was mich „befeuert“ oder auch „bewässert“. 

Oder hören auf eine Melodie, die anders klingt als die vorweihnachtliche musikalische Dauerberieselung in den Kaufhäusern, eine Stimme, die mich berührt, weil sie anders klingt als die laute Stummheit meiner Umgebung und mich wirklich still macht.

Oder ist es ein Anruf und Aufruf zum Aufbrechen aus der allzu bekannten Routine meiner Selbstverständlichkeiten, um dem einmaligen Geheimnis meines Lebens näher zu kommen. Oder eine innere Aufforderung (nicht eine moralischer Forderung), dass unsere Herz wieder wacher und offener wird, für die Leidenden dieser Welt. Erwarten wir noch, dass wir erlöst werden von einem fruchtlosen Kreisen um uns selbst in Selbstmitleid oder wichtigtuerischen Selbstdarstellungen. 

Was erwarten Sie vom Leben? Was oder wer soll bei mir ankommen (lat. adventus bedeutet Ankunft)

Impuls: 

Stellen sie sich immer wieder bei allen möglichen Gelegenheiten (im Stau, an der Kasse…) die Frage: Was erwarte ich? „Was suche ich eigentlich?“ 

Weihnachten – Gott wird Mensch

Lied: Ich steh an deiner Krippn/ Texte: Karl Rahner

„Wir feiern heute Weihnachten. Ach Gott, das ist so ein frommer Brauch. Ein Tannenbaum mit Lichtern und ein paar netten Geschenken, Spannung der Kinder und ein wenig Weihnachtsmusik ist immer schön und rührend. Und wenn das Religiöse zur Steigerung der Stimmung beigezogen wird, dann ist es besonders schön und rührend. Wir haben ja alle-wer wird es uns verargen- so insgeheim immer ein wenig Mitleid mit uns selber und gönnen uns darum gern ein wenig Stimmung, die friedlich und tröstlich ist, so wie man einem verweinten Kind über den Flachskopf streicht und sagt: Es ist nicht so schlimm, es wird schon wieder alles gut. Ist das alles an Weihnachten? Ist das die Hauptsache…Ist Weihnachtsfreude- und frieden nur eine Stimmung, in die man illusionistisch flüchtet, oder die Äußerung, die heilige Begehung eines wahrhaftigen Geschehens, zu dem man in der großen Tapferkeit des Herzens aufbricht, damit es auch an uns und durch uns geschehe, weil es auf jeden Fall Wahrheit und Wirklichkeit ist, selbst wenn wir es nicht wahrhaben wollen, selbst wenn wir von ihm nichts mehr begriffen als ein wenig kindliche Romantik und bürgerliche Behaglichkeit? Die Weihnacht ist mehr als ein bisschen tröstliche Stimmung. Auf das Kind, auf das eine Kind kommt es an diesem Tag, in dieser heiligen Nacht an. Auf den Sohn Gottes, der Mensch wurde, auf seine Geburt. Alles andere an diesem fest lebt davon, oder es stirbt und wird zur Illusion. Weihnacht heißt: Er ist gekommen. Er hat die Nacht hell gemacht. Er hat die Nacht unserer Finsternisse…zur heiligen Nacht gemacht.“ (Karl Rahner, Was Weihnacht bedeutet, herausgegeben von Andreas Batlogg und Peter Suchla)

„Wenn wir sagen: Es ist Weihnacht, dann sagen wir: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt, ein Wort, das nicht mehr rückgängig mehr gemacht werden kann, weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heißt: ich liebe dich, du Welt und du Mensch.“ (Karl Rahner, aus das große Kirchenjahr, 1987)

Weihnachten kann man nicht machen-Weihnachten geschieht und wird und ist. Weihnachten- das ist das Geschenk Gottes an uns Menschen. Ohne ihn gäbe es dieses Fest gar nicht und dieses Fest ist völlig unabhängig von all unserem machen und Tun. Weihnachten  geschieht und ist geschehen ohne unsere Vorleistungen, geschenkt ohne Bedingungen. Gott allein ist die Ursache dieses Festes Gott wird Mensch. Das ist Liebe. Gott kommt aus seiner Unbegrenztheit in die Begrenzungen unseres menschlichen Lebens, aber er kommt in unsere Dunkelheiten, um sie zu erhellen. An Weihnachten bekommt diese unendliche Liebe ein Gesicht, und Hände und Füße in einem Kind in der Krippe.

Weihnachten-Heilige Nacht

Heilige Nacht

(von Andrea Schwarz, Eigentlich ist Weihnachten ganz anders, S. 113)

Wenn ich malen könnte

Würde ich ein kleines

schäbiges Haus malen

/ganz klein

in ganz viel Weite

und mit ganz viel Verlorenheit

/und mit ganz viel Dunkel drumherum

und der Sturm der dahinfegt

und die Kälte die zittern lässt

/und die Hoffnungslosigkeit

und die Angst

und die Sorge

/und dann würde ich

mitten in dieses kleine schäbige Haus

mit dem gelbesten Gelb einen Punkt setzen

/und diesem Bild

würde ich dann den Titel

/ du

geben.

Weihnachten als innerer Prozess/Gottesgeburt in der Seele

„Irgendwann sagen sie „ja“, laufen los, werden von etwas Neuem überwältigt, werden im Bisherigen fremd, sind mit der Bescherung in ihrer Krippe im Innersten allein; empfinden schmerzvoll die Schwierigkeit, sich anderen richtig mitzuteilen. Dieser Zustand kann länger so bleiben. Es wird selten alsbald der Himmel aufbrechen, aber sie werden spüren: Da ist etwas geboren, das mir nie jemand mehr nehmen kann, ex utero ante luciferum– wie es in der alten Weihnachtsliturgie gesungen wurde: aus dem Mutter- und Urschoß heraus, vor dem Morgenstern, also in einer pechschwarzen Nacht, die unversehens zu heiligen Nacht wird.

Wenn Sie sich alte Weihnachtsbilder ansehen, zum Beispiel Ikonen, dann werden sie entdecken, dass Maria und das Kind genau genommen weder in einem Stall noch in einer Höhle liegen, sondern in einem schwarzen Loch. Das schwarze Loch ist der Urschoß des Neuen, das da keimt…

Das Kind ist auf den alten Weihnachtsdarstellungen oft wie ein Erwachsener dargestellt, der jedoch wie eine Mumie eingewickelt ist. Damit wird ihre Neugeburt aus dem schwarzen Loch heraus angedeutet. Sie sehen aus wie eine Larve und fühlen sich vielleicht auch so: ganz am Anfang mit dem Herausschlüpfen aus dem engen, überholten Kokon, noch ziemlich hilflos und einsam, Aber Sie wollen heraus, wittern die Weite und werden süchtig danach. “

(Bernhardin Schellenberger, a.a.O., Advent, ein spirituelles Abenteuer, S.110)

Weihnachten-Sternenstaub

Die Hälfte der Materie auf der Erde hat extrem weite Strecken im All hinter sich. Viele Atome stammen nicht aus der Milchstraße, sondern aus fernen Sternhaufen. Das gilt auch für die Partikel, aus denen der menschliche Körper zusammengesetzt ist.

Die wichtigsten Bausteine des Lebens, Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und viele weitere sind so stabil, dass sie nach ihrer Entstehung im Urknall (Wasserstoff) oder im Kernfusionsprozess eines Sterns (schwerere Elemente) auch Sternexplosionen unbeschädigt überdauern und Millionen oder gar Milliarden Jahre als Staub durch das Universum wabern, bis sie sich erneut mit anderen Atomen zusammenballen, verklumpen und einen neuen Stern samt Planeten hervorbringen. Im Schnitt hat jedes Atom auf der Erde, somit auch jedes Atom des menschlichen Körpers, bereits vier solche Zyklen hinter sich. Wir Menschen bestehen aus Sternenstaub.

Nun haben Astrophysiker mit Computersimulationen ermittelt, dass rund die Hälfte all des irdischen Baumaterials extrem weite Strecken im All zurückgelegt hat. Viele Atomkerne stammen nicht aus der uns umgebenden Galaxie, der Milchstraße, sondern von weiter entfernten Sternhaufen. Fernreisen durch das All sind für Atomkerne offenbar Alltag.

Eine große Galaxie wie die Milchstraße bezieht demnach die Hälfte ihrer Masse aus Sternansammlungen, die bis zu eine Million Lichtjahre entfernt sind. Zum Vergleich: Der Durchmesser der Milchstraße beträgt gut 100 000 Lichtjahre(Patrik Illinger, in der SZ)

Im Alltag Sternenstaub sammeln:

„ Sternenstaub-ein Lächeln, ein gutes Wort, ein Sonnenuntergang, die Jagd der Wolken am Himmel, die Pfote, die mir ein großes schwarzer Hund vertrauensvoll entgegenstreckt, der Brief eines Freundes , ..ein Lied, …ein Gedicht………. Sternenstaub

Scheinbar so wenig- und doch so unsagbar viel. Aber: Wenn man Sternenstaub sammelt, dann kann er sich auch zu einem neuen Stern verdichten und bei all dem den großen Stern nicht aus den Augen verlieren, meinen Weg nach ihm ausrichten.“ (Andrea Schwarz , Eigentlich ist Weihnachten ganz anders, Hoffnungstexte)

 

Weihnachten in der realen Welt von Geld und Macht

„Mitten in der wirklichen Welt, mitten in den Bewegungen von Militärs und Steuerspekulanten, entsteht eine andere Bewegung. Engel verlassen den Himmel, Hirten die Herde, Könige ihre Länder. Sie alle werden in Bewegung gesetzt, nicht weil Soldaten sie zwingen, sondern weil sie auf der Suche sind nach einem Kind. Sie alle werden geführt: nicht zu den Futterkrippen gesteigerter Einnahmen, sondern zu einer Krippe, in der ein Säugling liegt, weil er sonst nichts hat…. Weihnachten ist nicht die Titelstory auf Seite 1, und niemand, der Weihnachten wahr macht, wird zum Superstar“ (Andrea Schwarz, a.a.O,  S. 117)

Dort wo Geld und Macht die Grenzen unserer Sehnsucht und Wirklichkeit bilden, wird sich Weihnachten wohl nicht ereignen, dort kann Gottes Bewegung auf uns zu,  nicht ankommen, uns nicht erreichen. Und statt der geschenkten Macht ein Kind Gottes (das durch eine  radikale Freiheit ausgezeichnet ist)zu werden, bestimmt uns die Macht des Geldes und wir werden Sklaven einer Geld – und Finanzmaschinerie. (oder biblisch gesprochen zu Kindermördern wie Herodes)

Auf der spirituellen Reise müssen wir die Teufel und die Engel auseinander sortieren, und überlegen, ob wir dem Motto mancher Ratgeber folgen wie „Die Kunst ein Egoist zu sein“ mit entsprechenden Verhaltensleitlinien (also Darwins Spielregeln , um sich finanziell und sozial zum „ Winner“ hochzukämpfen,  oder ob wir uns lieber an die spirituellen Leitlinien halten(wie z.B. bei Bernhard von Clairvaux), statt des ehrgeizigen Aufstiegs den Abstieg zu wählen, der zu mehr Solidarität mit den Mitmenschen und Teilhabe an ihren Mühen führt, der auf bequeme Abkürzer verzichtet und im Zweifelsfall sich gegen jene Konventionen entscheidet, welche gerade „in“ sind.

(vgl. dazu, Bernardin Schellenberger, Advent, S.99-102)

Weihnacht als Herausforderung

Weihnachten/heißt nicht/dass alles so bleibt/wie es ist//sondern/das heißt/dass alles so wird/wie es werden soll// das ist/Aufbruch/Anfang/Anders// das ist Losgehen/Loslassen/lösen// das ist die/Zumutung/die mich heraus/fordert

(Andrea Schwarz, a.a.O. S. 122)

Weihnachten- ganz anders


„Eigentlich ist Weihnachten ganz anders“, schreibt Andrea Schwarz in ihrem gleichnamigen Buch und führt diesen Gedanken in einem kleinen meditativ- poetischen Text aus:
„ wenn ich malen könnte/würde ich ein kleines/ schäbiges Haus malen// ganz klein/ in ganz viel Weite/ und mit ganz viel Verlorenheit//und mit ganz viel Dunkel drumherum/ und der Sturm der dahinfegt/ und die Kälte die zittern lässt// und die Hoffnungslosigkeit/ und die Angst/ und die Sorge// und dann würde ich/ mitten in dieses kleine schäbige Haus/ mit dem gelbesten Gelb einen Punkt setzen// und diesem Bild/ würde ich dann den Titel/ / du / geben.“
Andrea Schwarz, Eigentlich ist Weihnachten ganz anders, Freiburg im Breisgau 2014, S. 113)
Andrea Schwarz zeichnet hier mit Worten ein Bild von Weihnachten, das so gar nichts mit stimmungsvollen Weihnachtsmärkten, trauten Familienfeiern oder idyllischen Krippendarstellungen zu tun hat. Verlorenheit, Dunkelheit, Kälte, Hoffnungslosigkeit, Angst und Sorge sind die Stichwörter, welche ihre Vorstellung von Weihnachten zunächst beschreiben. In dieser unwirtlichen Lebenslandschaft steht das „Haus“, unser Lebenshaus, unser Weltenhaus, das bedroht ist durch Krisen und Kriege, durch persönliche oder kollektive Schicksalsschläge. Nicht umsonst werden zu Beginn der Adventszeit die apokalyptischen Texte in der Liturgie gelesen.
Doch es bleibt nicht dabei, der zentrale Punkt wird in „gelbesten Gelb“ gemalt, verwandelt die dunkle, kalte und einsame Szenerie des Bildes. Hoffnung taucht auf, unerwartet, eine Hoffnung, die nicht unpersönlich bleibt, sondern ein Du ist, ein Gegenüber, also jemand, der ansprechbar ist. Der Weg unseres Lebens endet nicht im Tod und im Nichts, sondern führt zu einem neuen Leben und ungeahnten Aufbruch.
Existentiell betrachtet wird angedeutet, dass in der Nacht der „Krisen“ (der Verluste, Niederlagen, Scheitern, des Todes …), in der dunklen Nacht der Sinne und des Geistes, in der alle Glaubensvorstellungen und Praktiken fraglich geworden sind, also an einem Tiefpunkt des Lebens, etwas Neues aufbrechen und in mein Leben einbrechen kann; ein gelber Punkt, ein helles Licht kann aufgehen, das ich nicht erwartet habe, eine unerwartete Neugeburt kann geschehen, die mit dem neugeborenen Kind Jesus in Verbindung gebracht wird. Erlösendes Licht taucht in der Dunkelheit unseres Menschseins auf.
Solche „Nächte“ können eine besondere Zeit der Wachsamkeit sein, in welcher die Seele empfangsbereiter wird, um das Neue und Geheimnisvolle des Lebens wahr zu nehmen.
Diese Vorstellung von Weihnachten, mit dem Bild, das Andrea Schwarz gezeichnet hat, kommt den Darstellungen orthodoxer Weihnachtsikonen sehr nahe. Auf diesen Weihnachtsikonen ist keine heimelige Familienszene dargestellt, sondern ein schwarzes Loch, in dem ein Kind, getrennt von seiner Mutter und den übrigen Figuren liegt. Der Einbruch Gottes in diese Welt, wird als etwas Numinoses, Furchterregendes, unsere Gewohnheiten durchbrechendes Ereignis dargestellt (die Hirten erschrecken in der Weihnachtsgeschichte), das uns womöglich auch einsam macht. Die Krippendarstellungen auf den Ikonen der orthodoxen Christen unterscheiden sich erheblich von den uns bekannten, welche die Geburtgeschichte Jesu mit den dazugehörigen Figuren in eine romantische Umgebung aus einer vorindustriellen Zeit verlagern. Das atemberaubend Neue und ganz Andere, das in unsere Welt mit der Menschwerdung Gottes einbricht, wird dadurch verharmlost, unkenntlich gemacht und in unsere bekannte Vorstellungswelt domestiziert. (vgl. dazu ausführlicher, B. Schellenberger, Im Glanz des göttlichen Lichtes, Orthodoxe Mystik: Geheimnis und Herausforderung, München 2014)
Zudem rücken bei den meisten Weihnachtspredigten die sozialen Appelle (helfen, teilen, aufnehmen, spenden, … so wichtig jene im Einzelnen sein mögen), derart in den Vordergrund, dass die religiöse Botschaft, um welche es den ersten Evangelisten ging, zunehmend unter den Tisch fällt; nämlich, dass ein völlig anderer als wir Menschen es fassen können, in unserer Welt erscheint (das ursprüngliche Weihnachtsfest der Christen war ein Epiphanie Fest/das Erscheinungsfest Gottes in der Welt), uns umgestaltet und erneuert.
Oder um die Bilder des Adventsliedes „Es ist ein Ros entsprungen“ aus dem Jahre 1609 zu gebrauchen: es geht um das Blümelein, das mitten im kalten Winter, mit seinem hellen Scheine, die Finsternis vertreibt. Das Leiden und das Schwere im Leben kann zur Tür werden, um Gott zu erfahren und uns zu erleuchten.

Gustav Schädlich-Buter

Glück

Zurzeit habe ich einen Ohrwurm, es ist ein Lied von der jungen Singer- Songwriterin Lea (bürgerlich Lea- Marie Becker, Jg. 1992) und Max Raabe und seinem Palast Orchester. Es trägt den Titel „Guten Tag, liebes Glück“( Bing-Video).

Zum Frühlingsanfang am 20. März wird nun jedes Jahr auf Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahre 2012 der Weltglückstag gefeiert, der vom Staat Bhutan initiiert wurde. Das Himalaya- Königreich Bhutan ist bislang das einzige Land, welches das Glück in seine Verfassung geschrieben hat als „Bruttonationalglück, das wichtiger ist als das Bruttoinlandsprodukt.  Der Wohlstand eines Volkes wird nicht nur anhand von ökonomischen Größen gemessen, sondern orientiert sich an drei Faktoren: (1) eine gute Regierungsführung (2) nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft (3) Bewahrung kultureller Werte und Umweltschutz. Alle zwei bis drei Jahre werden in Bhutan landesweite Umfragen zur Glücks- und Lebenszufriedenheit erhoben.

Doch wie entsteht eigentlich das individuelle Glück? Wir alle kennen ja einige Redewendungen rund um das Glück wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ oder „Geld allein macht nicht glücklich“, die zeigen, wie unterschiedlich die Glücksvorstellungen von Menschen sind?

Es gibt sicher viele Möglichkeiten, dass so etwas wie Glück in unserem Leben auftaucht. Es kann mich glücklich machen, wenn nach langem tristem Wetter, die Sonne wieder rauskommt; eine zärtliche Berührung oder Umarmung von einem lieben Menschen, ein freundliches Wort, von jemanden, der mich aufbauen will oder tröstet, oder das schmackhafte Essen, das für mich zum Geburtstag gekocht wird, können glücklich machen. Oder das geistige Glück, wenn ein Musikstück mich anspricht und womöglich sogar zu Tränen rührt oder ein Wort in einem Gedicht, das mir ganz nahekommt. Als Kind bedingungslos geliebt zu werden und als Neuankömmling auf dieser Erde sich willkommen fühlen, scheint eine wichtige Grundlage für unser Fähigkeit, glücklich zu sein. Für viele Menschen sind daher vertrauensvolle und tragfähige Beziehungen sehr wichtig.  Manche finden das Glück in Natur- oder Körpererlebnissen wie zum Beispiel im Sport oder im Yoga, und für wieder andere hat Glück etwas damit zu tun, sinnstiftend für andere tätig zu sein, und sich mit seinen Stärken und Talenten in der Gesellschaft einbringen zu können. Auch künstlerisch-kreative Betätigungen können Glück erzeugen und für manche ist die Stille, das Gebet und die Gottesbeziehung ein wichtiger Glücksfaktor. Wer dankbar auf sein Leben (zurück-)schauen kann, vergrößert seine Lebenszufriedenheit und wer das Misslungene und Schlechte vergeben kann, entgiftet die Bitterkeit, welche Glücks- und Lebenszufriedenheit verhindert.

Glückserfahrungen bringen mich dazu, ganz im Augenblick zu sein, in Resonanz mit mir selbst und mit anderen, würde wohl der Soziologe Hartmut Rosa sagen. Mit Dingen, Bildern, Menschen und der Natur in eine mitschwingende Resonanz zu kommen,- das erzeugt Glück. Wenn Mensch und Umwelt, Körper und Seele in Einklang gebracht werden, und sich wechselseitig beeinflussen, entsteht ein Resonanzraum, ein vibrierender Draht zwischen mir und der Welt.  Eine verdinglichte, stumme  und uns entfremdete kalte Welt ermöglicht kein Glückserleben.

Auch die Philosophie hat sich mit dem Thema Glück befasst, so zum Beispiel der Philosoph Aristoteles in der Nikomachischen Ethik. Aristoteles ist in seiner Glücks- und Strebensethik der Auffassung, dass alle Menschen glücklich sein wollen und niemand möchte, dass sein Leben misslingt. Er geht der Frage nach wie man das Glück erreicht. Glück lässt sich- so Aristoteles – nicht direkt anstreben, sondern es stell sich indirekt ein, wenn man dem guten Geist folgt (das griechische Wort für Glück ist ja auch eudaimonia; eu =gut und daimon = der Geist). Dem guten Geist folgen, heißt tugendhaft leben und die vier klassischen Tugenden der Antike, nämlich Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß, im eigenen Leben zu realisieren.

Doch das Streben nach Glück kann auch zu einer Überforderung und zu einem Druck werden, so als wäre ich allein meines Glückes Schmied, und selbst schuld daran, wenn das Glück nicht auf Besuch kommt.  Es gibt im Leben auch Phasen des Unglücklichseins, der Trauer und depressiven Verstimmungen aufgrund von Verlusten, Misslungenem, dem Leid in der Welt oder den Brüchen im eigenen Leben. Bei aller Glückssehnsucht habe ich auch das Recht, einmal unglücklich sein zu dürfen. Nicht selten werden gerade die Menschen depressiv, die sich zwingen, immer gut drauf zu sein und vor anderen glücklich zu wirken.

Auch wenn ich einiges dafür tun kann, ein glückliches Leben zu führen, ist das Glück letztlich doch unverfügbar und lässt sich nicht direkt anstreben. Es sind eher die Momente gelingenden Lebens, bei denen ich mich selbst und mein eigenes Glück gar nicht gesucht habe, aber Sinn erlebe (bei einem selbstlosen Einsatz für andere, für mehr Gerechtigkeit…), die ein stilles Glück aufleuchten lassen.

Impuls zum Nachdenken:

Was ist für Sie Glück?

Wann waren Sie zuletzt glücklich?

Wofür können Sie in ihrem Leben dankbar sein?

Gustav Schädlich-Buter

Impuls zum Nachdenken:

Wann waren Sie zuletzt glücklich?

Wofür können Sie in ihrem Leben dankbar sein?

Gustav Schädlich-Buter

Weihnachten- das Fest der Liebe

Weihnachten- das Fest der Liebe

Was ist Weihnachten? Was bedeutet Weihnachten? Warum feiern wir es seit Jahrhunderten so hartnäckig? Was ist das Wichtigste an Weihnachten und der Weihnachtszeit?

Für die einen ist es heute verbunden mit einem Schlendern über idyllische Weihnachtsmärkte mit Glühwein, Lebkuchen oder Bratwurst, andere sehen darin vorallem den Stress, die entsprechenden und womöglich erwarteten Weihnachtsgeschenke zu besorgen; manche, denen das entsprechende Kleingeld zur Verfügung steht, flüchten daher vor der Stressüberflutung an Weihnachten in die Karibik oder die Malediven. Für die meisten ist es wohl ein schönes Familienfest, bei dem alle zusammenkommen, und in gemütlicher Runde gegessen, getrunken, gesungen und geredet wird. Für wieder andere ist Weihnachten unbedingt mit einem Kirchgang verbunden, und ohne Krippe und „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist es kein richtiges Weihnachten.

Womöglich würden bei all den unterschiedlichen Auffassungen über Weihnachten die meisten darin übereinstimmen, dass das Weihnachtsfest vorallem das „Fest der Liebe“ ist, auch wenn es oft genug gerade an Weihnachten zu Streit angesichts der Übererwartungen kommt.

Ein Fest der Liebe, aber was ist damit eigentlich gemeint? Was ist Liebe?

Ist Liebe nicht ein abgegriffenes, missbrauchtes, allzu sentimentales Wort, das in gefühlsduseligen Filmen oder schmalzigen Schlagern vorkommt? Mag sein. Doch ohne Liebe könnte kein Mensch auf Dauer leben, weil Liebe das Grundelexier des Lebens ist. Wer sich geliebt weiß, und wer das Glück hatte, in einem Nest von Liebe und Sicherheit aufzuwachsen, der kann sich in diesem Leben verwurzeln, in seinem Leib ein Zuhause finden und sich mit anderen verbunden fühlen. Der Benediktiner David Steindl-Rast sieht das Verbindende aller Formen der Liebe, – wie die leidenschaftliche Anziehung zwischen Menschen, die Liebe unter Geschwistern ebenso wie die Liebe im Engagement für Andere-, in einem Bewusstsein des Zusammengehörens und der Verbundenheit mit allen und allem.  Liebe ist für Steindl-Rast dieses Ja zum Zusammengehören, ein Ja, das sogar unsere Feinde einschließt. (vgl. Fülle und Nichts, Von innen her zum Leben erwachen, Freiburg im Breisgau 2005)

Die Tragödie besteht nur darin, dass sich die meisten Menschen nicht ausreichend geliebt fühlen und daher auch nicht so richtig lieben können und daher auch nicht so liebenswert sind. Zu viele Menschen fühlen sich nicht geliebt, einsam, unansehnlich und nicht gebraucht; zu viele Menschen fühlen sich nur unter Bedingungen geliebt; geliebt, solange ich funktioniere, meine Leistung bringe, den Erwartungen entspreche…

Vielleicht ist Weihnachten und die Weihnachtsgeschichte mit dem Jesuskind in der Krippe, zunächst einmal die Erinnerung an ein ursprüngliches und bedingungsloses Geliebtsein. Oder so etwas wie es die Schriftstellerin Angelika Krauß in Ihrem Band „Eine Wiege“ (Berlin 2015) ausdrückt: „Es ist wie die Rückkehr zum Glanz der ersten Blicke, zur Freude der Erstbegegnung, eine Art wiedergeschenkte Schönheit des Anfänglichen.“ (13)

Die Philosphin Hannah Arendt spricht von der Natalität oder „Gebürtlichkeit“ (als Gegenbegriff zur Sterblichkeit und dem „Sein zum Tode von Heidegger) und sie meint, dass mit jedem Menschen etwas Neues anfängt und etwas Neues in Bewegung gesetzt werden kann.

Oder christlich ausgedrückt: Gott offenbart und enthüllt seine bedingungslose und überströmende Liebe in diese unsere Welt und Geschichte hinein mit der Geburt von Jesus Christus und setzt damit einen Neuanfang, auch angesichts der ganzen Kakophonie menschlicher Bosheiten und dem Zwang immer wieder einander zu verlezten.

Es ist das göttliche Kind, das unser verletztes, verwundetes und entfremdetes inneres Kind berühren und heilen will, indem es uns ein fragloses Angenommensein ins Ganze der Wirklichkeit hineinnimmt. Und in dieser Begegnung geschieht ein Neuanfang, ein Aufbruch, der sagt, dass wir nicht auf das Vergangene festgelegt sind, dass wir zutiefst geliebt und erkannt sind, dass wir mehr sind als eine Laune der Natur.

Es ist das göttliche Kind, das wir in der Krippe betrachten können, uns dass uns mit offenen Armen in Empfang nehmen will und sagt, dass wir ohne Wenn und aber von Gottes Liebe umfangen sind.

Nicht umsonst sagt der Mystiker Angelus Silesius:

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“

(vgl. der Cherubinische Wandersmann)

Für den Mystiker ist das Weihnachtsgeschehen daher weit mehr als eine beschauliche Geschichte, sondern er sieht, nach weihnachtlichen Vorbild, eine innere Verbindung zwischen der Menschwerdung Jesu und der inneren Geburt Gottes in der menschlichen Seele. Dadurch wird der Mensch aus seiner Verlorenheit, aus seinen Verstrickungen herausgeführt und letztlich von seinem Gefühl des Ungeliebtseins erlöst.

Wir müssen zudem über ein rein sentimentales Verständnis von Weihnachten als „Warten auf das Jesuskind“ hinausgehen. Es geht um eine sich entäußernde Liebe, die nicht erst mit der Geburt Jesu (dort in verdichteter Form), und seiner Inkarnation, sondern schon am Anfang und als Urgrund der Schöpfung wirkte und weiterwirkt.

Für den Jesuiten und Naturforscher Teilhard de Chardin, ist die Liebe als Energieform die zentrale Kraft schlechthin, für das Fortschreiten der Evolution und das Weiterentwickeln der Schöpfung. (vgl. dazu ausführlicher, Raimund Badelt, Energie Liebe Teilhard de Chardin- ein Mystiker der Evolution, Würzburg 2017)

Und um es noch etwas anders mit den Worten der Dichterin Angelika Krauß zu sagen: „In unserem schnellen Leben, das sich in immer neue, erregende Simulationen zu verlieren droht, erscheint sie (die Liebe, d.V.) wie das letzte eherne Maß. Es muss auch von dort stammen, von wo wir unserer molekularen Zusammensetzung nach herkommen: von weit her in Zeit und Raum, von dort oben. Das hieße, der gleichgültige Kosmos impliziert die Liebeskraft vielleicht ebenso wie die Gravitation.“ (Marion Gees: Die Kindheit, die Liebe und die Form. In : Angela Krauß. Text+ Kritik 208. München 2015)

Schon am Anfang als Gott beschloss, sich in der Schöpfung vor 13,7 Milliarden Jahren beim Urknall zu manifestieren, quasi als erste Inkarnation- man spricht auch vom universalen Christus (vgl. Richard Rohr, Alles trägt den einen Namen – Die Wiederentdeckung des universalen Christus“), waren Materie und Geist schon eins, geschah dieser atemberaubende Aufbruch und die Urexplosion aus einem dunklen Urschoß ins Leben, die bis heute geschieht. Gott stiftet diese Urbeziehung vor aller Ewigkeit und diese Beziehung ist Liebe, die auch heute mit mir und in mir geschieht. Oder wie es in den alten Texten der Liturgie heißt: „Ex utero ante luciferum genui te“ (Ich habe Dich vor dem Lichtgestirn aus dem Ur- Schoß gezeugt. (Psalm 110,3) Vgl. dazu, Bernardin Schellenberger, Im Glanz des göttlichen Lichtes. Orthodoxe Mystik, Geheimnis und Herausforderung München 2014)

Wenn wir diese Tiefendimension von Weihnachten vernachlässigen, so der frühere Trappist Bernardin Schellenberger, und die Weihnachtsbotschaft auf die Geschichte vom Kind im Stall verkürzen, verspielen wir die atemberaubende Vergegenwärtigung des unfassbaren Gottes im Weihnachtsfest.

„Jene Wirklichkeit, die den unermesslichen Kosmos und auch unsere Welt und uns selbst hervorgerufen hat, gibt sich selbst in die Dynamik von Werden und Vergehen, von Geborenwerden und Sterben hinein. Ihr Name bleibt nicht absolut geheimnisvoll und rätselhaft, sondern wir in Jesus Christus ein Mensch wie wir, den man benennen und sich vorstellen kann. Er teilt unser Schicksal bis zum Tod in uns, ja in uns. Mehr noch: Er durchbricht diesen unseren Tod, der der seinige geworden ist und führt uns in die Gegenwart seines unfassbaren ewigen Lichtes, das den Hirten aus der dunklen Nacht über den Feldern von Bethlehem aufgestrahlt ist.“ (Bernardin Schellenberger, Im Glanz des göttlichen Lichtes, S.80)

Gustav Schädlich-Buter

Metamorphose

„Wandlungsprozesse- Heilungsräume- Metamorphosen oder es ist ein „Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht hinein“

„Das Christentum ist vorallem eine Religion für Menschen, die einen tiefen Riss in ihrem Leben erlebt haben“ (Thomas Merton)

In der Werbung und in den Medien werden uns vor allem perfekte, gutaussehende, attraktive, leistungsstarke, gesunde und unabhängige/autonome Menschen präsentiert. Models und Bodybuilder, rund um die Uhr arbeitende Manager*innen, Menschen, die sich unabhängig und völlig frei von allen Bindungen zeigen, angstfreie Abenteurer, die niemanden brauchen, Schönheiten, die nur sich selbst feiern,- das sind die modernen und unverwundbaren Held*innen unserer Zeit.

Doch dies ist aber nur die halbe Welt und oft mehr Schein als die Wahrheit. Die Versuchung ist gegeben beim oberflächlichen Blick und Sinneseindruck hängen zu bleiben und nicht dahinter und darunter zu schauen in die Tiefe menschlicher Existenz. 

Das Leben von Philippe Pozzo di Borgo, der bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery war, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, ist vielen bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“. Er berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor Mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:

„Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht. […] All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns. […] Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen, sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken.“ (Pozzo di Borgo u. a. 2012, 8f.,

Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz, so Pozzo di Borgo, werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewige Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit, sondern führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen. Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen statt Gleichgültigkeit für das Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.“ (in Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.89)

Menschen mit einer Behinderung oder überhaupt Menschen in prekären Lebenssituationen stellen dazu ein Gegenbild dar, sind die Antihelden, die weder unabhängig noch leistungsstark sind, die nicht mit Statussymbolen protzen können, sondern zerrissen daherkommen (vgl. den Helden Zyklus von Baselitz). Menschen mit einer Behinderung sind so wichtig für unsere Gesellschaft, weil sie den zerbrechlichen und verwundbaren Teil menschlicher Existenz sichtbar machen, weil sie die Endlichkeit und Bruchstückhaftigkeit menschlicher Existenz bezeugen durch ihre bloße Anwesenheit, weil sie den Gläubigen sagen, was Gnade ist und was es mit der Sehnsucht auf sich hat  jenseits aller Leistung geliebt und angenommen zu werden, und,  weil gerade die schwerstbehinderten Menschen,  uns die Angewiesenheit, Bedürftigkeit und Nacktheit unserer Existenz deutlich machen können, die jene durch nichts kompensieren können. Der Körper des behinderten Menschen ist der Ort für die bedingungslose Zuwendung eines Gottes, der bedingungslos liebt.

Menschen mit einer Behinderung sind Zeugen für das Ganze des Menschseins, weil sie den omnipotenten Helden oder Heldin infrage stellen und wie ein Protest wirken gegen die Hybris des gottgleichen Menschen, dessen einziger Bezugspunkt er selbst ist.

Diese Infragestellung menschlicher Allmächtigkeit und Omnipotenz geschah in den letzten Jahren auch durch die weltweiten Krisen, durch Corona, den Ukrainekrieg und zuletzt das schreckliche Erdbeben in der Türkei und Syrien.

„Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht hinein!“, heißt es im Lied Anthem von Leonhard Cohen und er will damit sagen, dass die Risse überall vorhanden sind, aber auch, dass aus den Rissen in unserem Leben, aus den Brüchen und Erfahrungen des Scheiterns, Neues und Schönes entstehen kann. (Dies ist der Ansatz einer „Spiritualität von unten“) Ja, dass sogar manchmal Altes, womöglich Überlebtes zerbrechen muss, damit eine neue, bislang noch ungeahnte Gestalt sich offenbaren kann. Der Bruch oder die Niederlagen kann eine Metamorphose einleiten, der über den Weg in die Tiefe eine neue Identität hervorbringt. Oder anders gesagt: das falsche, oberflächliche, egozentrische oder in festgezurrten Vorbahnungen sich bewegende Ego/Ich, wird aufgebrochen. Ein Bruch, ein Riss, der zunächst schmerzt, wehtut, die Orientierung nimmt und in einen Schwellenraum versetzt, der Monate, ja sogar Jahre dauern kann.

Der „Schwellenraum“ (Richad Rohr) ist der Übergangsraum, in dem das Alte nicht mehr gilt und das Neue noch nicht aufgetaucht ist. Bilder und Prototypen für diesen Zustand sind Jona, der im Walfischbauch sitzt oder Hiob im Dreck und im Schmerz seiner ganzen Verluste. Doch in der Tiefe kann etwas wachsen ohne unser Zutun. „Er schläft und steht wieder auf, es wir Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht wie.“ (Markus 4,26) Und manchmal ist es ein Hoffnungsschimmer, der die Dunkelheit erleuchtet, eine Kraft, die von irgendwoher kommt und sagt, „Jetzt nicht aufgeben!“ und „Am Leben bleiben!“. Meister Eckhart sagt, wenn ich nicht zum Grunde gegangen wäre, also in den Grund meiner Existenz, dann wäre ich zugrunde gegangen. Am Grund meiner Existenz lässt sich das wahre Selbst entdecken, an dessen Tür, inständig und mit viel Geduld der klopft, den Johannes vom Kreuz als den „Ich weiß nicht was“ bezeichnet.

Der „Schwellenraum“ kann zum „Heilungsraum“ werden, der für unterschiedliche Menschen ganz unterschiedlich aussehen kann: manche bekommen durch die Kraft der Natur neuen Antrieb für ihr Leben. So der bekannte Sozialfotograf Sebastiao Salgado, der nach erschütternden Erfahrungen des Genozids in Ruanda den Glauben an die Menschheit verloren hat, und im Pflanzen eines Waldes neue Kraft schöpft. Oder Ingrid Leitner, die Gründerin des CBF (Clubs Behinderter und ihrer Freunde), die mit 15 Jahren an Polio erkrankte, hat ihre Wohnung in eine grüne Oase verwandelt, wodurch sie viel Kraft bekam. (Autobiografie von Ingrid Leitner, Das Leben der Sternentaucherin). Andere entdecken in der Kunst und kreativen Schaffen einen Weg das Leid und die Gebrochenheit zu durchschreiten, finden in der Malerei wie Frieda Kahlo ein Ausdrucksmittel für ihr innerstes Erleben, in der Trauer, Schmerz und unbändige Lebensfreude zugleich auftaucht.  Wieder andere entdecken wie Philippe de Bozo, Chef einer großen Champagnerfirma und nach einem Gleitschirmabsturz vom Hals ab gelähmt- vielen durch den Film „Ziemlich beste Freunde“ bekannt-, die Wichtigkeit von Beziehung zu anderen Menschen, aber auch wie wesentlich die Stille im Leben ist. Helen Keller, die mit zwei Jahren Augenlicht und Gehör verliert, sagt: „Wenn eine Tür des Glücks sich schließ, öffnet sich eine andere, aber oft starren wir so lange auf die geschlossene Tür, dass wir die, die sich uns geöffnet hat nicht sehen. Helen Keller findet eine Aufgabe, die auch Heilungsraum ist, im Engagement für andere blinde Menschen, aber sie setzt sich auch für die Rechte der Schwarzen und die Frauenrechte ein. Wer sich um andere kümmert, trägt auch zu seiner eigenen Heilung und zum eigenen Wohlbefinden bei statt nur um sich selbst zu kreisen. (vgl. frei nach Jesaja 58,10: Wenn es dir dreckig geht, dann mach dich auf und kümmere dich um die Ärmsten, Notleidenden und teile dein Brot mit ihnen, dann wird in Kürze dein Licht wieder aufleuchten).

Es gibt auch verwundete Heiler, manche wie Claude Anshin, der sich vom Killer im Vietnamkrieg und PTB- Störungen, Drogen und Alkohol nach seiner Rückkehr nach Amerika, schließlich zum buddhistischen Mönch wandelt. Er findet über den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh zur Meditation, und zur Aufgabe seines Lebens als Friedensaktivist.

Thomas Merton, der durch sein Buch „The Seven Storey Mountain“ (deutsch: Der Berg der sieben Stufen) weltbekannt gewordene Trappistenmönch, erkennt im Laufe seines Lebens, dass echtes spirituelles Leben aus dem Dunkel und aus dem Scheitern wächst, und dass der Weg zu Gott durch die Wüste führt. Nur so könnte man das eingebildete, falsche, kranke und egozentrische Ego überwinden. Eine „Spiritualität von unten“ besagt, dass im „Riss“ und in den Brüchen des Lebens, die Chance liegt, dass sich die Türen der Seele öffnen für das Nahekommen Gottes als einem, der bedingungslos liebt und annimmt. Der „Riss“, wo wir am Ende unserer Kräfte sind und unsere Ohnmacht eingestehen müssen (wie die anonymen Alkoholiker) kann wie eine Öffnung sein, durch welche ein Licht in uns einströmt, dass wir nicht selbst erzeugen können.

„Ein Trauma stellt die Betroffenen vor einen Wendepunkt in ihrem Leben und kann trotz aller Verletzungen, die Möglichkeit bieten, gestärkt aus ihm hervorzugehen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass sich der Einzelne der Realität stellt, anstatt sie zu leugnen oder zu verdrängen, und das Unglück als Teil seines Lebens annimmt. In der Resilienzforschung wird diese Fähigkeit Akzeptanz genannt.“ (Vogt, Schädlich-Buter, Spiritualität und Verantwortung, S.52) In der Kunst könnte man an Joseph Beuys Installation „Zeige deine Wunde“ denken oder an das Bild von Caravaggio „Der ungläubige Thomas“, dem Jesus seine offene Wunde hinhält und die Möglichkeit eröffnet, sie zu berühren. Um in der Akzeptanz des Verlustes, der Trauer um Unwiederbringliches, im Scheitern von Lebensplanungen nicht aufzugeben und Hoffnung zu finden, ist es wichtig durch den Schmerz, das Leiden und die Trauer zu gehen, manchmal auch nur auszuhalten, was mir da widerfährt. Emmy Werner sagt zu resilienten Menschen „vulnerable but invincible“, und meint, dass es sich bei diesen Menschen nicht um unverwundbare Helden/Held*innen handelt, sondern nur, dass sie sich durch die Lebenskrisen nicht unterkriegen lassen und dadurch ein psychisches Immunsystem entwickeln. Für die Reifung durch eine Krise gibt es kein Rezept, aber wer es wagt, sich mit seinen Lebenswunden anderen Menschen oder Gott zu öffnen und anzuvertrauen, für den entspringt nicht selten eine Quelle der Hoffnung.

Biblisch könnte man an dieser Stelle an das Paulus Wort denken: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10) Es gilt im Prozess der Verarbeitung auch die dunklen Gefühle (auch Suizidgedanken), die offenen und ungelösten Fragen, die mit der Lebenskrise einhergehende Verunsicherung und Verzweiflung, die Frage nach dem Sinn dessen, was mir das Leben zugemutet und auferlegt hat, die Leere, in der sich kein Gott zeigen will (vgl. das Gedicht von Jean Paul „Siebenkäs“),….zu stellen. Das Leid bleibt unerlöst, wenn es keinen Ausdruck findet. Wer sich verletztlich zeigt, eröffnet Reifungsprozesse.

Wer durch eine Lebenskrise hindurch gegangen ist, hat sich verwandelt (das bestätigen nicht nur die Ergebnisse der Traumaforschung, sondern auch die Berichte von Nahtoderfahrungen wie sie der Philosophieprofessor Godehard Bruntrüp S.J. eindrucksvoll beschreibt). Menschen, die durch Leid und Krisen gegangen sind, werden wie auch Forschungen zeigen, empathischer, liebesfähiger, entwickeln eine neue Wertehierarchie; sinnerfüllte Beziehungen sind wichtiger als Erfolg im Beruf; das eigene Ich öffnet sich stärker für den anderen, erlebt mehr Verbundenheit, kreist weniger um sich selbst, wird sehender für die Not des Anderen und lebt von einem inneren gottnahen Zentrum her, das frei ist von außen auferlegten Bedingungen und Strukturen des Funktionierens und Wertgeschätzseins in Welt und Gesellschaft. Die spirituelle Sprache spricht hier vom wahren Selbst.

Der Franziskaner Richard Rohr schreibt: „Unser falsches Selbst, das wir auch unser „kleines Selbst“ nennen könnten, ist unsere Startrampe: unser Körperbild, unser Job, unsere Ausbildung, unsere Kleidung, unser Geld, unser Auto, unsere sexuelle Identität, unser Erfolg und so weiter. Dies sind die Insignien des Egos, die wir alle benutzen, um uns durch einen gewöhnlichen Tag zu bringen. Sie sind eine schöne Plattform, auf der man stehen kann, aber sie sind weitgehend eine Projektion unseres Selbstbildes und unserer Anhaftung daran. Keiner von ihnen wird von Dauer sein! Wenn wir in der Lage sind, über unser falsches Selbst hinauszugehen – zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise – wird es sich genauso anfühlen, als hätten wir nichts verloren. In der Tat wird es sich wie Freiheit und Befreiung anfühlen. Wenn wir mit dem Ganzen verbunden sind, müssen wir den bloßen Teil nicht mehr schützen oder verteidigen. Wir sind jetzt mit etwas Unerschöpflichem verbunden. Unser falsches Selbst nicht zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise loszulassen, ist genau das, was es bedeutet, festzustecken, gefangen und süchtig nach uns selbst zu sein.

Und James Finley, einst Novize bei Thomas Merton, später Traumatherapeut, reflektiert Merton`s Lehre über das Wahre Selbst und das separate (oder falsche) Selbst:

Unser wahres Selbst ist ein Selbst in Gemeinschaft. Es ist ein Selbst, das in Gottes ewiger Liebe besteht. Ebenso ist das falsche Selbst das Selbst, das außerhalb dieser geschaffenen bestehenden Gemeinschaft mit Gott steht, die unsere Identität bildet…..In unserem Eifer, die Vermieter unseres eigenen Seins zu werden, klammern wir uns an jede Errungenschaft als eine Art Bestätigung unserer selbsternannten Realität. Wir werden zum Zentrum und Gott zieht sich irgendwie an einen unsichtbaren Rand zurück. Andere werden in dem Maße real, in dem sie zu bedeutenden anderen für die Pläne unseres eigenen Egos werden. Und in diesem Prozess stirbt das GANZE Gott in uns und das sterile Nichts unserer Wünsche wird zu unserem Gott. Merton macht deutlich, dass die selbsternannte Autonomie des falschen Selbst nur eine Illusion ist…“ (vgl. Homepage des CAC, Center für action and contemplation)

Der Prophet Ezechiel spricht davon, dass G*tt das Herz von Stein aus unserer Brust nimmt und uns ein neues lebendiges Herz schenkt. (Ez 11, 19.20) Ein Herz, das barmherzig ist und nachsichtig gegenüber Fehlern und Schuld ist, und das sich solidarisch an die Seite der Menschen stellt, die an den Rand gedrängt werden und Ungerechtigkeit erleiden.  Ein Herz, das nicht gleichgültig zusieht, wie Menschen exkludiert oder misshandelt werden. Gerade die Gleichgültigkeit ist Zeichen eines verschlossenen, tauben, fühllosen Herzens wie wir es sehen angesichts der ertrinkenden Migranten im Mittelmeer.  Wer sich um andere kümmert und sorgt, entgrenzt sein Herz, überschreitet/transzendiert sich selbst und öffnet sich der Kraft verwandelnder Liebe.

Aus einer theologischen Perspektive gehören Leid, Schuld, Scheitern und Ungerechtigkeit zentral zum menschlichen Leben, das oft nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Nicht umsonst ist das Kreuz zentrales Erlösungssymbol der Christen. Das Leiden und Scheitern hat nicht das letzte Wort, sondern ist ein Durchgangsweg zur Auferstehung und zu neuem, verwandeltem Leben; insofern dient der Weg Jesu auch als Modell für menschliche Transformationsprozesse.

 „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“, lautet das Geheimnis des Glaubens. Christliche Hoffnung ist kein blinder Optimismus, sondern eine Gewissheit, die durch die Erfahrung des Kreuzes hindurchgegangen ist. Mitten im Fragmentarischen des eigenen Lebens ahnen manche etwas von einem Ganzen, das allein mit der Kraft des Willens nicht hergestellt werden kann. Heilungsprozesse ereignen sich meist so, dass  ein „Anderer“ (G*tt) oder etwas anderes jenseits meines eigenen Wollens und Vermögens, die Bruchstücke meines Lebens zu etwas ganz Neuem, zuweilen mit unendlicher Geduld, zusammenfügt.  Schönheit und Hässliches, Verzweiflung und Hoffnung liegen in der menschlichen Seele oft ineinander verschränkt. Sobald ich das eine weglasse, verbanne ich das Andere mit. Wenn ich Schmerz zulasse, öffne ich mich auch für die Schönheit und das Neue, das werden will.  Die japanische Kunst des Kintsugi, wo Vasen zerbrochen und dann mit Gold-Leim wieder zusammengesetzt werden, können als Metapher gelesen werden für eine neue Ganzheit, für die Heilung des Gebrochenen und wie aus Bruchstücken eine neue Schönheit entsteht.

Liturgisch lässt sich angesichts der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit menschlicher Existenz an das Brotbrechen der Eucharistie denken (wie es der Priester und Lyriker Andreas Knapp in seinem Buch „Vom Segen der Zerbrechlichkeit“ herausgearbeitet hat). Der die rituelle Handlung begleitende Satz „Seht zerbrochen für uns…“ erinnert daran, dass sich die Bruchstelle Jesu und unsere eigenen Bruchstellen zu einem Ganzen zusammenfügen. Allerdings nur dort, wo ich bereit bin, die Bruchstellen meines Lebens hinzuhalten, weil glatten und abgerundeten Stellen keine Anknüpfungsmöglichkeit bieten.

Gustav Schädlich-Buter, März 2023

Aufwärts- „Nach oben“ (Toute la-haut)

Was kann man zum Neuen Jahr Besseres wünschen, als dass es wieder aufwärts gehen soll. Aber dieses Aufwärts kann so und so verstanden werden. Die einen wünschen sich, dass nach Corona und Energiekrise die Wirtschaft neu angekurbelt wird, die anderen hoffen nach einer Krankheit oder einem Burnout, dass es wieder aufwärts geht und ein Neustart gelingt.

Die französische Sängerin ZAZ, mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy, beschreibt in Ihrem Lied „Tout la-haut“ einen anderen Aufstieg; ein Aufstieg der Seele, ein Aufstieg zum wahren Selbst jenseits falscher Gewissheiten und Sicherheiten. Jenseits von Schein und nach außen gezeigten unbeschwerten Masken, so der Liedtext, liegt oft ein verletztes und verbranntes Kind. Hinter dem selbstsicheren Ego lauern die versteckten Risse der Kindheit. Der Weg nach oben bedeutet für die Sängerin, das Wahre vom Falschen zu entwirren; dabei ist es wichtig, die Einsamkeit und Ruhe schätzen zu lernen, von den Künstlichkeiten zu lassen, um endlich herauszufinden, warum wir existieren und warum wir uns gegen manches wehren. Sie fordert den Hörer des Liedes auf, diesen Weg nach oben zu nehmen, der im Grunde eher einem Abstieg gleicht, in die Tiefen und versteckten Verletzungen des inneren Kindes, und der verlangt, die Täuschungen und falschen Selbstsicherheiten zu entlarven. (zum Lied: ZAZ – Tout là-haut (Clip officiel) – Bing video)

Die Sängerin ZAZ beschreibt im Grunde einen Heilungsweg, der immer dort beginnt, wo wir anfangen und riskieren in der Gegenwart eines anderen über das zu reden, was uns am meisten verletzt. Die gebrochenen und verletzten Stellen in uns brauchen die meiste Liebe und Barmherzigkeit; denn gerade dort, wo wir keinen Ort und keinen Menschen haben, dem wir uns öffnen können, gibt es eine Neigung in uns, uns selbst zu betrafen und „runter“ zu ziehen. Wer sich nicht willkommen und übersehen fühlt, neigt nicht selten zu einer trotzigen Fassade, welche die Trauer über die Ablehnung und die innere Unsicherheit überspielt und zu einem Leben im falschen Selbst führt.

Das wahre Selbst zu entdecken, ist eine der zentralen Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. Dazu ist unabdingbar den eigenen Wunden zu begegnen. Verletzungen, die jemand verbirgt, können zur Selbstverachtung und zur Überzeugung führen, nichts wert zu sein. Ohne Kommunikation und Offenheit entwickelt sich kein gesundes Zugehörigkeitsgefühl und ohne die unbedingte Liebe von jemanden, der an uns glaubt und will, dass wir leben, entwickelt sich ein psychisches Schuldgefühl, nicht liebenswert zu sein.

Ausnahmslos alle Menschen fühlen sich zuwenig geliebt, können daher nur unzureichend lieben und erscheinen daher auch so wenig liebenswert, behauptet der Philosoph Adorno. Ungeliebten Menschen moralische Forderungen und Imperative zu solidarischer Liebe aufzuerlegen („Du sollst deine Feinde lieben, Migranten aufnehmen, das Klima schützen, Verzichten, Opfer bringen…), verfestigt nur die Kälte und Erstarrung, die ungeliebte Menschen in sich spüren. Menschen, die sich für wertlos erachten, blockieren auch die in ihnen steckenden Potentiale. Forderungen allein geben keine Liebeskraft, sondern machen defensiv.

„Aufwärts“ geht es erst, wenn wir hören und unser Herz dafür öffnen, was kein Mensch sich selber sagen kann: „Du bist geliebt!“, „Du bist geschätzt!“, „Du bist gewollt!“, „Du bist mir wertvoll und teuer!“ Erst die Erfahrung bedingungslos geliebt zu sein, ermöglicht, dass Menschen ihrerseits lieben und solidarisch handeln können. Wer eine solche Zusage erhält und daran glaubt (das kann uns niemand abnehmen), der kann die Schönheit der Welt wieder wahrnehmen und „die Sterne schmecken da oben“, wie es die Sängerin ZAZ in ihrem Chanson poetisch ausdrückt.

Die religiöse Sprache würde sagen: der heilende und bedingungslose Energie- und Lebensstrom göttlicher Güte und Barmherzigkeit, der allen Menschen gilt, also inklusiv ist, verwandelt unsere Wunden, wenn wir die Tür unseres Herzens dafür aufschließen. Dadurch eröffnet sich der tiefere Sinn unserer Existenz und das, was hineinströmt, drängt geradezu, überzufließen zu unseren Mitmenschen. Denn Verantwortung und solidarisches Handeln lässt sich nicht von außen verordnen, sondern erwächst unmittelbar aus einer Beziehung, die als Geschenk und Gnade erlebt wird.

Gustav Schädlich-Buter

Das menschliche Herz und seine Bedeutung

Das Herz ist das zentrale Organ des Menschen, weil es ununterbrochen pulsiert -bis zu 100.000-mal am Tag- und dabei Blut in die Adern pumpt und den ganzen Leib mit lebenswichtigen Elementen versorgt; sobald das Herz zu schlagen aufhört, können Kreislauf und Stoffwechseln nicht mehr stattfinden (etwas vereinfacht erklärt). Ohne das Herz – unsere Blutpumpe, ein ca. 300 Gramm leichter Hohlmuskel – kann niemand leben.

Auch die Signale des Herzens können uns etwas sagen über unseren Lebensstil, unsere Beziehungen, oder die Belastungen unseres Lebens, je nachdem, ob es sich um eine Herz-Rhythmus-Störung, Bluthochdruck, Vorhofflimmern oder gar ein Herzinfarkt handelt. (zu den psychosomatischen Zusammenhängen von Herzerkrankungen, vgl. z.B.: M. Ermann, Herz und Seele, Psychosomatik am Beispiel des Herzens (Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik, Kohlhammerverlag 2005=

Das Herz, Acryl auf Leinwand

Das menschliche Herz, das als Organ im Inneren des Leibes verborgen liegt, gilt als ein Sinnbild für die Liebe, die nach einem sichtbaren Ausdruck verlangt: die Tasse mit dem Herzsymbol, der herzförmige Schmuckanhänger, das Herzmotiv auf dem Bettbezug, dem Geburtstagskuchen oder dem Verpackungspapier, oder auf dem Grabstein, um nur einige Beispiele zu nennen. Manche ritzen ein Herz in den Baum und schreiben ihre Namen darunter, um ihrer Liebe einen für alle sichtbaren Ausdruck zu geben. Ältere Menschen kennen noch die Herz- Jesu Andachtsbilder, bei welchen Jesus mit einem brennenden herzen dargestellt wird.

Auch in der Symbolsprache spielt das menschliche Herz eine zentrale Rolle: So tut es uns gut, wenn wir jemanden unser Herz öffnen und ausschütten können; unser Herz hüpft vor Freude, wenn wir einen geliebten Menschen wiedersehen und wir haben ein gebrochenes Herz, wenn eine Beziehung in die Brüche geht; sobald eine Beziehung gestört ist, verhärtet sich unser Herz. Bei einem Schrecken rutscht uns das Herz in die Hose. Gott sei Dank gibt es Menschen, die ihr Herz am rechten Fleck haben; und großherzige Menschen schauen über unsere Fehler und Schwächen hinweg. Manchmal muss ich meinem Herzen einen Stoß geben, um zu einer Entscheidung zu kommen oder über meinen Schatten zu springen. Wo Menschen herzensträge werden, verpanzern sie sich und verlieren ihre Fähigkeit zum Mitgefühl und Mitleid. Aber das Herz kann auch eine Mördergrube sein, aus der Verleumdung, Hass und Lästerung emporsteigen. Viele weitere Beispiele für eine Symbolsprache des Herzens ließen sich finden, die immer auszudrücken versucht, wie es um uns steht.

In der Geistesgeschichte hat sich eine Philosophie des Herzens entwickelt. Für Aristoteles gilt das Herz als Träger der Seele, ein Zentralorgan der Lebenswärme und des wahrnehmenden sowie denkenden Vermögens (Aristoteles, »De anima«, II.1,412a2-3). Pascal sagt: „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt … Ich behaupte, dass das Herz das umfassendste Wesen ist.“ Augustinus spricht davon, dass unser Herz so lange unruhig ist, bis es in Gott ruht. Und für Romano Guardini ist das Herz ein vermittelndes Organ zwischen Geist, Leib und Seele. (vgl. dazu Otto Betz, Der Leib als sichtbare Seele, Stuttgart 1991, S.74f)

Auch die Dichter bedienen sich einer Sprache des Herzens, die wärmer ist als die des kühl analysierenden Verstandes und genährt wird durch die Erfahrungen von Verletzlichkeit und Intimität. Für den romantischen Dichter Novalis ist das Herz nicht nur der „Schlüssel der Welt und des Lebens“, sondern ein „religiöses Organ“, das über die Begrenzungen des Ich hinausreicht und Einfallstor für die göttliche Wirklichkeit ist, nicht selten vermittelt durch die menschliche Liebe. (vgl. Otto Betz, a.a.O., S.77 f.) Alle religiösen Erfahrungen und Offenbarungen scheinen im Hoheitsgebiet des Herzens zu geschehen. Solange der menschliche Verstand nicht im Herzen verankert ist, werden wir immer in Gegensätzen denken, wodurch ein ganzheitliches und mitfühlendes Sehen der Welt verhindert wird. Daher lehren und üben die orthodoxen Mönche das sogenannte „Herzensgebet“. (vgl. Andreas Ebert, Peter Musto, Praxis des Herzensgebetes, München 2013)

Auch die Bibel gebraucht viele Herzmetaphern, zumal das Herz im alten Israel identisch ist mit der menschlichen Person. Gott schreibt uns zum Beispiel seine Weisung ins Herz (Jer 31,33) und er gibt uns ein Herz aus Fleisch und Blut statt dem versteinerten Herzen, das empfindungslos ist (Ez 11,19) Und der junge König Salomo bittet Gott für seine Regentschaft, um ein „hörendes Herz“. (1 Kön 3,9)

Jesus selbst preist jene selig, die ein „reines Herz“ (Mt 5,8) haben, denn sie werden Gott schauen. Ein Herz, das Erbarmen übt mit den Trauernden, Niedergedrückten, Zurückgesetzten und zu kurz Gekommenen, wird rein. Ein reines Herz ist eben nicht unberührbar, sondern lässt sich vom Leid und den Nöten der Menschen anrühren. Ein Herz, das eben noch nicht mit allen Wassern gewaschen und abgebrüht ist. Ein reines Herz sieht die Welt mit den mitleidenden Augen Gottes.

Zum Schluss dieser kleinen Abhandlung zum Herzen, soll eine Geschichte von Rainer Maria Rilke stehen aus der Zeit seines Pariser Aufenthaltes. Sie zeigt, dass dort, wo wir einander etwas von Herzen und aus einer aufmerksamen Liebe heraus schenken, da schenken wir einander etwas, das mit dem ewigen Leben zu tun hat:

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: „Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.

Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe. Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

Kontemplatives Bewusstsein

Kontemplatives Bewusstsein

Nicht selten besuchen Menschen auf ihren Urlaubsreisen Kirchen und Gotteshäuser, auch solche, die sich nicht besonders kirchlich oder konfessionell religiös verstehen. Wer das einmal beobachtet, sieht, dass sich etwas an ihnen verändert, es scheint als würden sie in einen Raum oder eine Aura der spontanen Kontemplation eintreten. Wer im Wörterbuch nachschaut, findet als Übersetzung für Kontemplation folgendes: eine Art Konzentration, ein tiefes Nachdenken, eine geistige Anschauung, ein Blick nach etwas, der anders ist als das normale Sehen. Es ist, als ob die Ausstrahlung eines Raumes die Menschen ergreifen würde; vielleicht nur wenige Momente oder Sekunden scheint etwas auf sie einzuwirken, was sie sonst aus ihrem Alltag nicht kennen. Eine stille Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit erfasst sie, wie sie die Skulptur von Rodin „der Denker“ womöglich zum Ausdruck bringt. Für Momente taucht der kontemplative Weg des Lebens in uns auf. Momente der spontanen spirituellen Erfahrung kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen wie beim Anblick zweckfrei spielender Kinder, oder einer spontan in unserem Herzen auftauchenden Liebe.

Damit solche Momente mehr sind als rasch vergängliche Augenblicksaufnahmen, und eine deutliche Spur in unserer Seele hinterlassen, ist es wichtig, diese Wahrnehmungen zu gewichten und als Erinnerungsschatz zu bewahren, denn in ihnen taucht die dem Leben innewohnende Heiligkeit des Lebens auf. 

Gerade die Natur ist eine Arena, in der ein kontemplatives Bewusstsein spontan in uns erwachen kann. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, obwohl es schon viele Jahre her ist, an eine Übernachtung im Freien in der Nähe des Sees Genezareth in Israel. Ich lag am Boden, schaute zum Sternenhimmel und spürte wie ein leichter warmer Wind, das hohe Gras sanft hin und her wiegte und war dabei ganz ergriffen und umgriffen von etwas, das sich weiterer Beschreibung entzieht. Oder im Gras liegen und die dahintreibenden Wolken beobachten, völlig entspannt und zweckfrei da sein; wenigstens für eine kurze Zeit aussteigen aus dem Druck und den Anforderungen des Alltags- und Berufslebens.

Wir können dem Geschenk oder der Gnade solcher Erfahrungen den Zugang bereiten, indem wir unsere Sinne trainieren: das Hören der Regentropfen, die auf das Dach fallen, die langsam herunterfallende Schneeflocke im Winter, das Schmecken des Duftes einer Blume oder das Berühren der Rundungen eines Steines.

Auch die menschliche Intimität, -weit mehr  als bloße Sexualität- , ist ein möglicher Ort für ein spontanes Erwachen der Kontemplation, die mich über mich und mein Ego hinausführt. Richard Rohr schreibt dazu: „Intimität könnte als unsere Fähigkeit zu Nähe und Zärtlichkeit gegenüber den Dingen beschrieben werden. Es wird oft in Momenten der riskanten Selbstoffenbarung enthüllt. Die Intimität lässt sich selbst heraus und lässt den anderen herein. Es macht alle Liebe möglich, und doch offenbart es auch unsere völlige Unfähigkeit, zurückzulieben, wie es der andere verdient. Keiner von uns kann dorthin gehen, ohne unsere Mauern fallen zu lassen, unser tieferes Selbst einem anderen gegenüber zu manifestieren und den Fluss geschehen zu lassen.“

Und sogar in der Einsamkeit, dort, wo ich wirklich allein bin, wohl auch irgendwann in der Situation des eigenen Sterbens, kann ich etwas entdecken von der Heiligkeit, die in unserer Existenz und Wirklichkeit verborgen liegt.

Auch die Kunstbetrachtung kann solch spontanes kontemplatives Bewusstsein erwecken, aber meist jenseits wichtigtuerischer Kunstführer, die meist nur bildungsbürgerliche Reflexe der Betrachter bedienen und den kontemplativen Weg über die Kunst eher versperren als eröffnen. (vgl. dazu ausführlicher: Pfr. Rainer Hepler, „Rituale verlassen und Gott in der Kunst suchen“, seit 1997 in der Kunstpastoral im Erzbistum München und Freising tätig; Medienseite (erzbistum-muenchen.de))

Auch im Gebet, im absichtslosen und zweckfreien Sitzen in Gottes Gegenwart, kann die tiefe Erfahrung auftauchen, von Gott umfassend geliebt zu werden mit all unseren Schwächen und Versagen, mit unserer Zerbrechlichkeit und Unvollkommenheit.

Aber auch die Leidenserfahrungen unseres Lebens, die Härten und Schwierigkeiten, denen wir im Leben begegnen, können zum Weg werden, der unsere Herzen öffnet, gerade wenn alles verloren und umsonst scheint. Leonhard Cohen drückt es in seinem Lied „Anthem“ so aus: „There is a crack, a crack in everything, that`s how the light gets in.“ (es ist ein Riss (Sprung) in allen Dingen, aber auf diese Weise, kann das Licht eindringen.  Vgl.  CD Cohen, The Future, Columbia 1992 Sony Music)

Risse, Acryl auf Leinwand

Und schließlich, darauf weist James Finley (früherer Schüler von Thomas Merton und heute Lehrer im Center for action and contemplation, dem ich wertvolle Anregungen für diesen Text verdanke) hin, dass im Heilungsprozess selbst eine kontemplative Begegnung mit der Tiefe unseres Selbst geschieht. Denn Heilung sei immer mehr als nur die Überwindung von Symptomen oder sonstiger Schwierigkeiten, echte Heilung beruhe auf einer Begegnung in der Tiefe, in der wir in Kontakt mit der Tiefe unseres Selbst gelangen, die uns bislang verborgen gewesen ist.

So wünsche ich Ihnen und mir gerade in der Urlaubszeit viele heilsame und erneuernde Erfahrungen, die uns in die Tiefe unserer Existenz führen oder zu dem, -wie es Goethe ausdrückt-, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Pfingsten- Grenzen überwinden

Pfingsten- ein Geist, der Grenzen überwindet

Wer hat nicht noch die Fernsehbilder im Kopf, wo der russische Präsident Putin und die Staatschefs der westlichen Welt durch einen schier endlos langen weißen Tisch voneinander getrennt sich gegenübersitzen. Kein Funke der Verständigung scheint überzuspringen, es gibt kein wirkliches Aufeinander zu in den Gesprächen, die Kommunikation ist blockiert und die Positionen verhärtet.

Dieses Bild vom langen weißen Tisch des Unverständnisses ist ein eindrückliches Gegenbild zu dem, was das Pfingstfest zum Ausdruck bringen möchte. In der Apostelgeschichte erzählt der Evangelist Lukas von einem Sprachwunder (vgl. Apg. 2,1f.) Mit Hilfe von Gottes Geist geschieht das Wunder, dass wildfremde Menschen unterschiedlicher Völker und Nationen sich verstehen, gerade so, als würden die anderen in ihrer Muttersprache reden; „Muttersprache“– das ist die vertraute Sprache, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht. Muttersprache ist die Sprache, die das Herz erwärmt und die uns an einen Anfang erinnert, in dem noch alles voller Verheißungen war.  Menschen, die von diesem guten Geist entflammt sind (daher das Bild mit den „Feuerzungen“) sprechen eine Sprache, die Trennendes an Religion, Kultur, Charakter oder politischen Positionen überwindet.  Der Funke springt über, Begeisterung flammt auf, so dass unterschiedlichste Menschen zusammenkommen. Der gute Geist lockt Menschen heraus aus ihren Verkapselungen und aus dem Gefängnis ihrer Vorurteile, löst Erstarrungen, lässt geschehen, was nicht machbar ist, sondern der Inspiration bedarf.  Die Sprachverwirrung Babels (Babel=Wirrsal; Genesis 11,9), wo keiner mehr den anderen versteht, wird von Gottes Geist durchdrungen und geklärt.

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Wie oft erleben wir solche Sprachverwirrung im zwischenmenschlichen Bereich: keiner hört mehr richtig zu, man will den anderen gar nicht verstehen, jede und jeder versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen und dies in einer kalten und herrschsüchtigen Sprache.

Umgekehrt wirkt Gottes Geist dort, wo wir freundlich, zugewandt, warmherzig und interessiert miteinander reden, aufeinander hören und aufeinander zugehen. Ob Gottes heiliger und heilender Geist in unserem Leben da ist, lässt sich einfach daran erkennen, wie wir miteinander reden und aufeinander hören, ob wir freundlich oder gehässig miteinander umgehen, ob unsere Sprache verletzt oder achtsam auf unser Gegenüber eingeht.

Neben dem Bild des Feuers gehört zu Pfingsten auch das Bild des Windes in Gestalt eines Sturmes. Pfingsten -das ist modern gesagt-, auch das Fest der „frischen Luft“ (das lateinische Wort „spiritus“ meint sowohl Geist wie Atem, der uns begleitet vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens), die unsere Lungenflügel durchströmt, damit wir weit werden und nicht ersticken in der Enge unserer Vorstellungen, Vorurteile und festgefahrenen Meinungen; wir brauchen diese frische Luft, damit sich der Horizont weitet und neue Lebenskraft in unsere Seele kommt. 

Wie sehr uns dieser belebende Geist oft genug fehlt, merken wir nicht nur in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch in Politik, Gesellschaft und Kirche, wenn Menschen ausgeschlossen und nicht gehört werden, wenn sich Feindbilder in unserem Denken festsetzen und jede und jeder meint, das Recht und die Wahrheit auf seiner Seite zu haben.

Die Bitte um den heiligen Geist, den wir in unserer aktuellen Weltsituation so dringend brauchen, hat kaum einer dringlicher und schöner ausgedrückt als Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury, die er um das Jahr 1200 in seiner Pfingstsequenz

„Veni sancte spiritus“ verfasste :

Komm herab, o Heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,

In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. (Amen. Halleluja. )

(der vollständige Text unter: Komm, Heiliger Geist – Veni, Sancte Spiritus, Pfingstsequenz (rhoener-gebetsschatz.de) 

Menschenwürde und Respekt

Die Menschenwürde und ihr Schutz haben eine universale Bedeutung, die in vielen Verfassungen der Welt festgeschrieben ist. Auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde nach den Grauen des Nationalsozialismus (nach Holocaust und Euthanasieprogrammen…) im Artikel 1 festgelegt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und die Aufgabe und Verpflichtung des Staates besteht darin, sie unter allen Umständen zu schützen. Die Menschenwürde ist also der höchste Wert in unserer Verfassung, den es zu schützen und zu verteidigen gilt.

Von der Menschenwürde leiten sich die Menschenrechte ab, worunter zum Beispiel das Recht auf Leben, auf geistige und körperliche Unversehrtheit, Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und freie  Meinungsäußerung, Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, gleiches Recht aller Menschen vor dem Gesetz, Recht auf Selbstbestimmung, Schutz vor Folter und vieler anderer Rechte fallen. (vgl. Grundgesetz mit Grundvertrag Menschenrechtskonvention….20.Aufl., München 1980) Wir sehen heute wie die Menschenwürde wieder angetastet wird durch Krieg, Mißbrauch, aber auch, dass der Schutz der Menschenwürde vor neuen Fragen und Herausforderungen steht wie bei der Embryonenforschung oder der Suizidbeihilfe.

Doch was ist die Menschenwürde überhaupt und wie lässt sie sich inhaltlich bestimmen?

Viele Philosophen haben sich darüber Gedanken gemacht. Sehr einflussreich wurden die Überlegungen von Immanuel Kant (1724-1804), ein Philosoph der Aufklärung.  Dieser sagte, dass die Menschenwürde, ein absoluter innerer Wert, der „über allen Preis erhaben ist“; das heißt, dass die Menschenwürde nicht verrechenbar ist gegen etwas anderes, sie ist unbezahlbar und nicht abhängig von irgendeinem Merkmal wie z.B. einer adeligen Herkunft oder weil ein Mensch ein bestimmtes Amt wie das eines Präsidenten bekleidet. Die Menschenwürde kommt jedem Menschen aufgrund seines Menschseins zu, sie muss nicht erworben werden, sie gilt ohne Ausnahme, bedingungslos und immer ganz (nicht bloß graduell). Jedoch geht für Kant mit der Menschenwürde eine moralische Verpflichtung einher, moralisch zu handeln. Doch bleibt die Menschenwürde auch erhalten, wenn wir nicht moralisch handeln und sittlich gut leben. Also auch ein schlechter oder krimineller Mensch hat diese Menschenwürde, da diese nicht verdient zu werden braucht und ohne Bedingung für jeden Menschen mit seiner Geburt gilt. (vgl. dazu: I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, hrsg. von Jens Timmerrmann, Sammlung Philosophie 3, Göttingen (Vandenhoeck § Ruprecht), 2004)

Aus der Menschenwürde leiten sich nicht nur die Menschenrechte ab, sondern auch die Menschenpflichten. Dazu gehört die Pflicht, die Menschenwürde anderer zu respektieren.

Nahezu alle Menschen wünschen sich, respektiert zu werden. Die Wortherkunft von Respekt deutet an, worum es bei diesem Wort geht. Das lateinische Wort für Respekt „respicere“ bedeutet, noch einmal hinschauen, sich umdrehen und genauer hinschauen statt sich auf seine Vorurteile zu verlassen. Viele Menschen gehen an obdachlosen oder behinderten Menschen achtlos vorbei, sie haben ihre Schubladen und eingefleischten Denkmuster, die des Mitleids „von oben herab“ zum Beispiel, oder gar der Verachtung. Doch wenn ich genauer hinschaue, sehe ich womöglich eine unglaubliche Lebensleistung dieser Menschen, die mit Tapferkeit, Mut und Geduld ein schweres Lebensschicksal tragen und ein Leben unter erschwerten Bedingungen führen, das mir womöglich allen Respekt abfordern könnte. Gerade Menschen mit einer Behinderung wollen nicht mitleidig angeschaut werden, sondern respektiert werden, auch in den vielfältigen Potentialen, die in ihnen stecken. So fordert der nach einem Gleitschirmunfall querschnittsgelähmte Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou- deren Geschichte durch den Film „Ziemlich beste Freunde“ bekannt wurde – in einem Interview: „Wir, die kaputten Typen, wir wollen nicht euer Mitleid, sondern mit anderen Augen gesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehnen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (in: Pozzo di Borgo, Jean Vanier, Cherisey Laurent, „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, München 2012, S.44).

Jemanden anderen Respekt erweisen, bedeutet seine Menschenwürde zum Leuchten zu bringen. Respektlosigkeit kann zwar niemand die Menschenwürde rauben, aber das Gespür und das Erleben für die eigene Menschenwürde verdunkeln.

Mauritius Wilde nennt drei Formen von Respektlosigkeit: die Achtlosigkeit, wenn ich zum Beispiel aus Nachlässigkeit vom Begrüßenden übergangen werde, ist die mildeste Form. Die Missachtung, in der zum Bespiel meine Kompetenz und mein Mitsprachewunsch bei einem wichtigen Thema für die Firma boshaft übergangen wird, ist schon eine stärkere Form der Respektlosigkeit. Und schließlich ist die Verachtung, die dem Gegenüber alles Gute abspricht und dessen Würde leugnet, die schlimmste Form der Respektlosigkeit. (vgl. Mauritius Wilde, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach 2.Aufl. 2010, S.12-24)

Alle Formen der erlebten Respektlosigkeit können dazu führen, dass Menschen ihren Selbstrespekt verlieren, und dann zu Opfern oder in der aggressiven Variante zu Tätern werden.

Doch alle Menschen wünschen sich als Person mit einer unbedingten Würde respektiert zu werden. Der Philosoph Kant sagt, dass jeder Mensch nie nur als Mittel zum Zweck gesehen werden darf, sondern ein Zweck und Wert in sich selbst hat. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich einen Handwerker nie nur als Mittel für eine Reparatur in meinem Haus sehen sollte, sondern auch als Mensch mit einer Lebensgeschichte und einer von seiner Fachkompetenz unabhängigen Menschenwürde. Diese hat auch die Verkäuferin, die meinen Einkauf an der Kasse einscannt, der Tankwart, der die Scheiben meines Autos säubert… Ein Mensch ist immer mehr als eine mir nützliche Funktion. Der Respekt vor der Würde der anderen Person verlangt nach einem tieferen Sehen. Dies hätte eine tiefgreifende Bedeutung in einer Zeit, in der Menschen oft nur unter der Perspektive gesehen werde: Was bringt mir der oder die Person? Welchen Nutzen habe ich von dieser Person? Der Glaube an die Menschenwürde könnte unser zwischenmenschliches Verhalten, den Blick und das Urteil wie wir einander sehen und anschauen, grundlegend verwandeln.

Religiös betrachtet hat der Mensch seine Würde von Gott, er ist ein „Abbild Gottes“ (Gen1,26), jeder Mensch ist ein Aspekt (lat. aspectus) Gottes und er erhält seine Würde von diesem Angeblicktwerden. Der Mensch hat die prinzipielle Freiheit, diesen Blick zu erwidern (respicere) und damit auch Gott den Respekt zu erweisen. (vgl. dazu Maurtius Wilde, a.a.O.)

Gustav Schädlich-Buter