„Wer hofft/ ist jung //Wer könnte atmen/ohne Hoffnung/ dass auch in Zukunft/ Rosen sich öffnen// ein Liebeswort die Angst überlebt“
(Rose Ausländer, Hoffnung II, in: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S.43)
Nur die Hoffnung lässt Rose Ausländer (1901-1988) leben und überleben, gibt ihr die Kraft am Leben nicht zu verzweifeln. Hoffnung gehört zu den Lebensgrundlagen des Menschseins wie die Atemluft. „Wer könnte atmen/ohne Hoffnung“, sagt die Dichterin. Schon ein lateinisches Sprichwort sagt: „Dum spiro, spero“- solange ich lebe, hoffe ich. Hoffnung ist eine Kraft in uns, die sich stärker erweisen kann als Angst, Verzweiflung, Trauer, Müdigkeit und Resignation.
Hoffnungsspalten in der Bedrängnis, Acryl auf Leinwand
Fast jeder von uns kommt im Laufe des Lebens in Situationen, in denen er müde und resigniert aufgeben will, nicht mehr weiter will oder kann. Manchmal ergibt sich am Tiefpunkt der Krise ein wundersamer Umschlag: eine Kraft taucht auf, die den Mut zum Weitermachen schenkt, die mit neuer Gewissheit und Zuversicht anfüllt. Das ist die Kraft der Hoffnung, die wie ein Stern am bewölkten Himmel plötzlich auftaucht oder wie ein Sonnenstrahl, der sich durch die dunklen Wolken gekämpft hat .
„Wer hofft, ist jung.“ Wer hofft, ist auf eine Zukunft ausgerichtet. Hoffnung ist eine gespannte Erwartung auf die Zukunft. Kinder und junge Menschen stecken meist noch voller Hoffnungen und Erwartungen ans Leben; sie erwarten gespannt auf das, was kommt. Wer keine Hoffnung mehr hat, ist am Ende, fühlt sich alt, verbraucht und leer. Hoffende Menschen dagegen bleiben, auch wenn sie alt werden, jung, weil sie das Lebenselexier Hoffnung in sich tragen. Die Kraft zu hoffen, muss und kann geübt werden sagt der Philosoph Ernst Bloch; sie verlangt Disziplin auf eine Zukunft zu setzen, auch wenn vieles dagegen spricht und arbeitet. Wer sich für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen will, braucht einen langen Atem der Hoffnung. Wer Kinder großziehen will, braucht die Kraft der Hoffnung, dass ihr Leben gelingt, auch wenn sie ganz andere Wege gehen. Wer sich für mehr Rechte für behinderte Menschen einsetzt, braucht ebenfalls die Kraft der Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft trotz aller Widerstände etwas zum Besseren verwandeln lässt. „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King stellvertretend für viele Hoffende, ein Traum, in dem es um die Überwindung von Vorurteilen ging, ein Traum, der heute realisiert ist.
In der Hoffnung geht es aber nicht nur um die großen Menschheitsträume. Manche Menschen hoffen nur darauf, einen Tag ohne Schmerzen zu überstehen oder einmal durchschlafen zu können. Schon alltägliche, unscheinbare Dinge, die leicht übersehen werden können, entfachen Hoffnung: „dass …die Rosen sich öffnen“ oder der Gesang der Vögel am frühen Morgen, ein freundlicher Gruß, den der Nachbar oder die Kollegin sagt oder ein liebes Wort von einem Freund. So können wir alle an der Hoffnung dieser Welt mitarbeiten. Wir brauchen einander im Hoffen, denn die Erfahrung zeigt, dass meine Hoffnung allein nicht ausreicht, das Leben gut zu bestehen oder einen Traum zu realisieren. Allein im Licht der Hoffnung, der immer auch eine Geschenk ist, können wir in dieser Welt, im Leiden und Scheitern, im allzu Zerbrechlichen des Menschseins und der Schöpfung, im trübseligen Strom menschlicher Schwächen und Bosheiten, immer noch Gottes Gegenwart finden und an seinen erneuernden Geist glauben. Doch stehen wir immer wieder vor der Wahl, ob wir die Welt aus rein weltlicher Sicht betrachten und bewerten wollen oder eben mit den Augen der Hoffnung, um auch noch im Unscheinbaren und „trotz-alledem“ Gottes Gegenwart zu erkennen.
Wenn ich Trauerfeiern vorbereite, versuche ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen wichtige Punkte aus der Lebensgeschichte des Verstorbenen zusammen zu tragen und die einzelnen Mosaiksteine zusammen zu setzen. Das ist manchmal schwierig, weil die Lebensgeschichten und die wesentlichen Punkte des Lebens nie oder selten erzählt wurden. Manche sagen dann angesichts eines unwiderruflichen Abschieds: „ Schade, dass ich ihn/sie solange gekannt habe und doch so wenig von ihm/ihr wußte.“
Tatsächlich zerrinnt uns selbst auch die eigene Lebensgeschichte, wenn wir nicht ab und zu innehalten, uns erinnern, oder anderen von unserem Leben erzählen. Das Konzept der Salutogenese hat herausgefunden, dass ein Leben dann als sinnvoll erlebt wird, wenn wir darin einen roten Faden finden können. Der jüdische Psychologe Aaron Antonovski spricht in diesem Zusammenhang vom „Kohärenzsinn“. Umgekehrt bleibt ein Leben, das nur Patchwork ist, in dem kein wirklicher Zusammenhang und eben kein roter Faden gefunden wird, unbefriedigend . Deshalb ist es spätestens ab der Lebensmitte wichtig, dass wir uns, -zumindest ab und zu-, an die eigene Lebensgeschichte heranwagen, zurückschauen, sie in ein Tagebuch aufschreiben oder sie einem anderen erzählen, was noch intensiver sein kann.
Erinnern ist mehr als das Aufzählen von Daten wie bei einem tabellarischen Lebenslauf. Er-innern ist oft mit einer Anstrengung verbunden: Wie war das damals? Wie habe ich dies oder jenes erlebt? Mit welchen Gefühlen war es verbunden? Erinnerung muss auch gegen das Vergessen, den betäubenden Schlaf, die Verdrängung und das Verstricktsein ins Alltagsgetriebe ankämpfen. Erinnern ist eine Weise des Nacherlebens, des tieferen Nachdenkens, des Aneignens meines ureigenen und einmaligen Lebens mit all seinen Licht- und Schattenseiten, den Hindernissen und Lebenskämpfen, sowie den glücklichen und traumatischen Stationen, die es womöglich mit sich brachte. Erinnern fällt besonders dann schwer, wenn es mit Scham und Schuldgeschichten, Irrungen und Fehlern einhergeht, die einem womöglich erst jetzt so ganz bewusst werden. Doch fast jedes Leben hat auch Erhebungen(ähnlich den Noppen der Brailleschrift)und Ereignisse, die zur Dankbarkeit führen und ohne Ausdruck unerkannt und ungewürdigt bleiben.
Jedenfalls klärt die Erinnerung manches, was womöglich in der augenblicklichen Situation des Erlebens unverständlich und womöglich sinnlos erlebt geblieben ist. Es scheint, dass wir erst im zeitlichen Abstand, richtig erkennen und sehen lernen. Und nicht selten sind die entscheidenden Lebenserfahrungen jene, die bereits vorbei sind, aber zugleich stark in die Gegenwart nachwirken. Oft kann ich erst im Rückblick die wahre Bedeutung und Qualität eines Erlebnisses, eines Menschen, einer Beziehung, einer Begegnung, eines Gesprächs ….erkennen, erfassen und im Jetzt zur vollen Wirkung verhelfen. Im Prozess des Erinnerns bringe ich das „woher“ meines Lebens in einen Zusammenhang mit dem Jetzt und gewinne daraus womöglich Zukunft. Im Er-innern kläre ich mein Leben und werfe dabei überflüssigen Ballast aus meinem Lebens- und Entwicklungsfeld. Ich lerne im Erinnern und Erzählen mein Leben neu zu sehen.
Was hilft mir persönlich beim Erinnern? Ich lese gern Biografien. Im Lesen von Biografien anderer Menschen komme ich nicht selten in Kontakt mit der eigenen Lebensgeschichte und den darin verborgenen Fragen. Jean Vanier, der Gründer der weltweiten Arche Gemeinschaften, erzählt sein Leben mit geistig behinderten Menschen immer im Kontext seines Elternhauses, seiner Suchprozesse, seiner Fragen und Antriebe. Auch viele biblische Geschichten sind Lebensgeschichten- man denke zum Beispiel an die Abrahams-, die Mose-, oder die Josefsgeschichte und viele andere-, die mit Aufbruch, Befreiung, Familie, mit Licht und Schatten exemplarisch Anteile unserer eigenen Lebensbewegung spiegeln, und den Leser anregen über die eigene Biografie nachzudenken.
ER-INNER-UNG, Acryl auf Leinwand
Impuls: Schreibe in dein Tagebuch oder erzähle jemanden von Deinem Leben: (zur Hilfe mehrere Fragen) Welche Menschen (Eltern, Lehrer, Vorbilder…)waren mir besonders wichtig? Schreibe alle Namen auf! Welche (individuellen oder geschichtlichen) Ereignisse im Leben waren für mich zentral, erschütternd, lebenswendend, total wichtig? Gab es entscheidende Weichenstellungen in meinem Leben (in meinem Denken, Fühlen, meinen Weltanschauungen? Finde ich einen roten Faden in meinem Leben? Welche Niederlagen/Scheitern/Verluste gab es in meinem Leben und wie bin ich damit umgegangen? Welches waren die besten Entscheidungen meines Lebens Gab es Musikstücke, die bis tief in die Seele hineingewirkt haben? Kenne ich Bilder, die sich tief in mich eingeprägt haben? Gab es Bücher(Romane, Gedichte..), die mich bewegt oder sogar verändert haben? Kenne ich biblische Geschichten, die mich besonders beschäftigten, berührten oder Orientierung gaben?
Literatur zur Vertiefung:
Nouwen, Henri, Von der geistlichen Kraft der Erinnerung, Freiburg 1984
Ortheil, Hans –Josef, Die Erfindung des Lebens, München 2009 (sehr lesenswerter autobiografischer inspirierter Roman wie ein stummes Kind zur Sprache kommt)
Petzold, Theodor D (Hrsg.), Herz mit Ohren, Salutogenese und Sinn, 2.Aufl. Bad Gandersheim 2012
Vanier, Jean Wege zu erfülltem Mensch Sein, Freiburg, Basel, Wien 2001
Filmempfehlung: Jo Baier(Regie), Das Ende ist der Anfang – Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens (nach dem Bestseller von Tiziano Terzani mit Bruno Ganz und Erika Pluhar (Schauspieler), 2011; ein sterbender Journalist erzählt seine Lebensgeschichte seinem Sohn)
Vor einigen Tagen hat das neue Jahr begonnen, womöglich auch für Sie ein Ansporn einiges neu anzufangen und anzupacken.
Viele Neuanfänge in unserem Leben sind mit Erwartungen und Verheißungen, mit einem Hauch von Neugeburt verknüpft: eine neue berufliche Stelle, eine eigene Wohnung , eine neue Wohngruppe, eine neue Schule, frisch verliebt, Hochzeit, die Geburt eines Kindes. Viele junge Paare, die ihr erstes Kind freudig erwarten, spüren besonders deutlich: mit dem neuen Leben wird auch unsere Beziehung, unsere Seele, unser eigenes „Innen-sein“ noch einmal neu beginnen und sich erneuern, gerade so als würde mit jedem(!) Kind die Welt noch einmal von vorne beginnen wollen..
Neu anfangen können wir auch nach überstandener Krankheit oder nach einer Phase, wo wir meinten, dass nichts mehr stimmt und geht. Auch diejenigen unter uns, die ein Unfall oder ein Schlaganfall aus dem bisherigen Leben gerissen hat, müssen gänzlich neu anfangen, neu mit sich selbst und ihrem Leben vertraut werden, es annehmen wie es jetzt entgegenkommt.
Neu anfangen können bedeutet aber auch: Ich bin nicht auf die Vergangenheit und das Bisherige meines Lebens festgelegt. Ich habe die Chance auf eine noch nicht dagewesene Zukunft. Ich spüre frischen Wind im grauen Einerlei meines Alltagstrottes und meiner Gewohnheiten. Zuweilen ist es für einen Neuanfang notwendig, Altlasten abzulegen, Illusionen los zu lassen, Beziehungen zu klären.
Dynamis -Acryl auf Leinwand
Neuanfangen kann ich auch in den Beziehungen, wenn ich merke, das dieser oder jener Mensch, mein Partner, meine Partnerin im Laufe der Jahre ganz anders geworden ist und das Gewohnte gesprengt hat. Dies verlangt den Anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren und anzunehmen. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt die biblische Weisung.
Und auch mit mir selbst, dem sich das Leben immer wieder anders zumutet, muss ich ja immer wieder neu anfangen. Dies gilt auch für meinen Glauben und meine Überzeugungen, weil sich zum Beispiel alte Gottesbilder aufgelöst haben und nicht mehr tragen. Und womöglich ist es der wahre Gott in seinem Anderssein, der mich als Pilger oder Nomade auf einen ungesicherten Weg schickt, mich immer wieder neu anfrägt und aufbricht.
Impuls:
Zu jedem Neuanfang, der mehr ist als eine kleine äußerliche Veränderung des Bisherigen, muss ich hinausschauen über meinen begrenzten Alltagshorizont, der mir vielleicht wenig Spielräume lässt. Ich könnte ja- ähnlich den Sterndeutern in der Bibel- in einer sternenklaren Nacht zum Himmel schauen, meinen Blick weiten in die unvorstellbaren Räume unseres Kosmos, in die unendlichen Dimensionen der Galaxien, und dies auf mich wirken lassen. Womöglich beginne ich nach letzten Zusammenhängen zu fragen, die meinem Leben Halt, Sinn und Hoffnung geben. Es stellt sich dabei vielleicht die Frage, ob ich mein Leben in einem größeren Sinnkontext verstehe (also ob ich von einer größeren Macht gewollt und bejaht bin) oder ob ich nur ein Zufallsprodukt in einem wie auch immer gearteten kosmischen Prozess bin.
Wir Menschen sind in Schwäche geboren, und nach der Geburt-nackt und hilflos, noch ziemlich zerbrechliche Wesen, die nichts von dem selber haben, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Zuwendung, Zärtlichkeit, Ansprache- kurz gesagt Liebe.
Wir sind als Menschen von Anfang an auf Beziehung angelegt und angewiesen, auf das Geschenk des Lebens. Das menschliche Herz braucht in Worten und Gesten die Bestätigung: du bist wertvoll und wundervoll! Ich liebe Dich gerade so wie du bist! Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!….…Wenn das kleine Kind diese „Worte“ nicht empfängt , nicht ausreichend oder gar nicht geliebt wird, entsteht eine tiefe Wunde im menschlichen Herzen und daraus entwickelt sich Angst, Ärger und Kampf.
„Zentralverriegelung Angst“
Manche schließen sich ab, und die „Zentralverriegelung Angst“ (Melanie Wolfers) baut um das verletzbare und berührbare Innere einen wehrhaften und undurchdringlichen Panzer. Nicht wenige Leute tragen viel Angst und Furcht in ihren Herzen, sind ständig dabei innere und äußere Grenzen und Mauern zu bauen, um sich (und ihre Klasse, Gruppe, Nation, Rolle, Volk…) zu schützen. Und wir vergessen dann, dass wir Teil einer großen menschlichen Familie sind.
Wieder andere geraten in die Falle des sich Behaupten und Beweisen- müssens;und sie erleben dabei, was auch immer sie tun und wie sehr sie sich auch anstrengen, es scheint nie genug, um die Anerkennung und die Wertschätzung (der Eltern, später des Chefs..) zu bekommen.
Zentral für die menschliche Entwicklung ist es, dass das Herz entdecken kann: Ich bin wertvoll. Und jemand lieben bedeutet, ihm sagen zu können: Du bist wertvoll !
Den Menschen sehen wie er ist
Wichtiger als das, was wir tun, ist es, eine Antwort zu bekommen auf die Frage: Wer bin ich? Es geht in der menschlichen Entwicklung nicht vorrangig um das , was ein Mensch tut oder was er besitzt, sondern was er ist. Doch oft scheinen wir blind füreinanderund sehen den jeweils Anderen nur recht äußerlich; in seiner Rolle etwa, in dem, was er für mich leistet oder von mir fordert, in der Schablone, in die wir ihn gesteckt haben. Sehen wir nur den Verkäufer/-in, der im Supermarkt an der Kasse sitzt oder begegnen wir ihm/ihr so, dass er sich menschlich angesehen und angesprochen fühlt. Nehmen wir den anderen Menschen noch als Menschen wahr oder nur in seiner Rolle als Automechaniker, der mein Auto repariert, als Verwaltungsangestellte, die meinen Antrag bearbeitet, als Angestellte in meinem Betrieb…Und oft sind wir nicht nur dem anderen gegenüber abgestumpft, sondern auch unserem eigenen Inneren; wir spüren nicht mehr, was uns in der Tiefe beschäftigt, bewegt, berührt und umtreibt; wir weichen dem Zerbrochenen und Ungeheilten in unserer eigenen Seele aus.
Beziehungen verwandeln durch Vertrauen
Jeder kann umgekehrt Beziehungen wandeln, Leben transformieren, Leben geben und empfangen; wie schnell kann sich selbst eine schwierige und unerfreuliche Beziehung verwandeln, wenn sich der Andere als Mensch wahrgenommen und angesprochen fühlt und sich mit seinen Schwächen und Schattenseiten angenommen fühlt. Wenn der andere spürt, dass er als Mensch vorkommen kann, bekommt er den Mut sich zu zeigen wie er ist statt sich hinter seiner Rolle zu verschanzen. Im Vertrauensraum braucht sich keiner mehr hinter einem Panzer aus Macht und Angst einzuigeln.
Zeit für das menschliche Herz
(„Herzengel“, Acryl auf Leinwand, 60 /80 cm, von Gustav Schädlich-Buter)
Nehmen wir uns Zeit für einander, für das menschliche Herz, das darauf wartet, angesprochen, wahrgenommen und berührt zu werden! Spiritualität bedeutet nichts anderes als einen Geschmack dafür zu entwickeln, dass unser Leben und jeder Moment darin wertvoll ist, und darin Gottes Gegenwart geahnt werden kann.
Impuls:
Gab und gibt es Menschen in meinem Umfeld, die mich darin bestärken, dass ich wertvoll bin?
Sagen Sie heute einem fremden Menschen ein freundliches und aufbauendes Wort!
Und was ist Glück angesichts der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit des Lebens. Sollte, wer über Glück redet, nicht zuerst das Unglücklichsein und Scheitern von uns Menschen beachten? Was macht Menschen glücklich und was lässt sie unglücklich werden?
Das Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft von Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier und Laurent Cherisey, enthält dazu wichtige Einsichten.
Alles Unglück der Welt auf dem Bildschirm
Philippe Pozzo di Borgo,- bis zu seinem 42. Lebensjahr Geschäftsführer des Champagnerunternehmens Pommery, dann durch einen Gleitschirmunfall vom Hals ab querschnittgelähmt, dessen Leben vielen bekannt wurde durch den Film „Ziemlich beste Freunde“-, berichtet davon, wie er sich nach Erscheinen seiner Autobiografie vor mails nicht mehr retten konnte, in denen alles Unglück der Welt auf seinem Bildschirm landete und die Unermesslichkeit der geschilderten Verzweiflung ihn überwältigte. In einem Interview mit Elisabeth von Thadden sagt er:
„Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht…All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns…..Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen , sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum rücken..“ (Ziemlich verletzlich, ziemlich stark, S.8f.)
Die Verschleierung der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz
Diese Verwundbarkeit menschlicher Existenz werde verschleiert durch die vielfältigen Trugbotschaften der Medienkultur mit ihren überzogenen Wünschen und Ansprüchen an Leistung, Effizienz, Schönheit, ewiger Jugend, Unverwundbarkeit, sogar Unsterblichkeit. Diese verzerrten nicht nur die Wirklichkeit , sondern führen auch zu einem fraglichen Menschenbild und zu permanenten Angstzuständen.
Kein Glück ohne elementare Beziehungen
Für Pozzo di Borgo sind elementare Beziehungen (statt Gleichgültigkeit)für das Glück und Glückserleben zentral; wechselseitige Abhängigkeit, ein Geben und Nehmen, das auf freundliche Weise geschieht, sei keine Minderung der Würde, sondern führe zum Glück.
Pozzo di Borgo sagt:
„Als ich vor zwanzig Jahren lernen musste, mit der Schwerstbehinderung zu leben, merkte ich irgendwann, dass es nichts Elementareres gibt, als ein menschliches Gegenüber zu haben. Die Einsamkeit in unseren individualistischen Gesellschaften ist das Schlimmste… Das Glück besteht im Austausch mit anderen Menschen.“ (a.a.O., S. 9)
Menschen mit Behinderung seien im Beziehungsgeschehen von Geben und Nehmen keineswegs bloß die bedürftigen Empfänger, sondern hätten ebenfalls etwas zu geben, eröffneten einen anderen Blick auf den Menschen, das Menschsein und führten zu einem vertieften Umgang mit den eigenen Ängsten (vgl. a.a.O, S. 11) Zudem würden Menschen, die von einer Behinderung geschwächt sind, eine heilsame Rolle als Wächter auf dem Weg in eine humanere Gesellschaft leisten und vor dem Abdriften in inhumane Zustände warnen.
„Brüderlichkeit“ als Grundlage einer solidarischen Gesellschaft
Philippe Pozzo di Borgo findet im Wort „Brüderlichkeit“ (eine der Losungen der Französischen Revolution 1789/ Liberté, Égalité, Fraternité )das Gegenprogramm zu einem Gesellschafts- undWirtschaftssystem, das darauf ausgerichtet ist, die egozentrischen Bedürfnisse des Individuums optimal zu befriedigen und die Autonomie und die Unabhängigkeit als höchste Werte zu proklamieren. Zur „Brüderlichkeit“ gehören die Bereitschaft der Menschen einander beizustehen. Pozzo di Borgo will als „unbeweglicher Krieger“ seinen Beitrag zu einer solidarischen Gesellschaft leisten.
Auch wenn Pozzo di Borgo sich selbst als areligiös und ungläubig bezeichnet, ist er dennoch von Jesus, den er durch seinen Großvater kennenlernte, begeistert und von dessen Güte und Großzügigkeit weit mehr inspiriert als von Marx.
Geld allein macht nicht glücklich
Die Sehnsucht behinderter Menschen nach Beziehung, Verbundenheit und Dazugehörigkeit lässt sich durch Geld allein nicht stillen. Auch wenn staatliche finanzielle Investitionen für ein barrierefreies Leben notwendig und unumgänglich sind, darf die finanzielle Entlastung nicht das Einzige sein, was behinderten Menschen von Seiten der Gesellschaft angeboten wird. So ist -wie im Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ beschrieben- , eine junge Frau mit einer Behinderung trotz einer hohen finanziellen Unterstützung ziemlich unglücklich darüber, dass sich für sie keine unbezahlten, nicht professionellen Beziehungen ergeben.
Das Glück im Genießen einfacher Dinge
Lebnstanz, Aquarell
Für Pozzo di Borgo gehört zum Glück die Freude an den einfachen Dingen, die auch damit zu tun nicht durch die Zeit zu rasen, sondern in der Gegenwart mit allen verfügbaren Sinnen zu leben.„Trotz des Leids freue ich mich sehr, dass ich lebe. Wenn Sie wüßten, wie gut mir meine Tasse Kaffee am Morgen schmeckt.“(a.a.O., S.44)
Glück durch wertschätzende Blicke
Im Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ wird auch herausgestellt, dass der Blick, mit dem man angesehen wird, für Glück oder Unglück von (behinderten) Menschen verantwortlich sein kann. Nicht selten treffen gerade behinderte Menschen Blicke, die aussondern, abschätzig sind, diskriminieren und im eigentlichen Sinn „behindern“. So fordern Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou in mehreren Interviews:
Wir, die kaputten Typen.., wir wollen nicht euer Mitleid , sondern mit anderen Augen gesehen werden, mit einem Blick, der uns als ganzen Menschen wahrnimmt. Wir sehen uns nach einem Lächeln, einem Austausch, der uns stärkt, weil er uns sagt, dass es uns gibt und dass wir wertvoll sind.“ (a.a.O., S. 48)
Glück in der Stille
Zum Glückserleben dieses inneren Wertes der eigenen Person, unabhängig und vor aller Leistung-, trägt besonders die Stille bei. Philippe Pozzo di Borgo beschreibt sich selbst als Krachmacher, der nie zur Ruhe kam und darauf abgerichtet war, „die ganze Erde zu verschlingen“..
„Erst als ich mich reglos in einem fast stillen Raum wiederfand, merkte ich, dass ich mein ganzes Leben einen Höllenlärm veranstaltet hatte. In dieser Stille fand ich wieder zu mir. Ich stellte mir die richtigen Fragen…..Wenn man die Stille zulässt, vermag man wahrzunehmen, was man sich im tiefsten Herzen wünscht.“(a.a.O., S. 73)
Philippe Pozzo di Borgo empfiehlt im letzten Satz seines Buches:
„Warten Sie nicht, bis unberührbar geworden sind, um das Glück wieder in Ihrem Leben zuzulassen.“(a.a.O., S.89)
Zum Nachdenken:
Worin, wodurch, wobei oder mit wem bin ich glücklich?
Was bedeutet für mich Glück?
Literatur:
Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier und Laurent Cherisey „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, Wege zu einer solidarischen Gesellschaft , deutsche Ausgabe München 2012
Wie sollen wir von G`tt reden ohne von den Götzen zu sprechen, wie vom heiligen Geist ohne den Ungeist der Welt zu benennen. Zur christlich- jüdischen Basisliteratur gehört die Exilsliteratur- die Erfahrung der Fremde und Verbannung, das Spüren der Kluft zwischen einer immer noch gewaltig stöhnenden Schöpfung und einer unvergänglichen Herrlichkeit, zwischen dem Reich Gottes, das schon begonnen hat und zur gleichen Zeit noch aussteht.
In der Exoduserzählung im Ersten Testament ist von Gefangenschaft die Rede , aber auch von einem Befreiungsprozess – vom sogenannten Auszug aus Ägypten(vgl. Exodus , Kap. 12, 1-18.). Doch was kann uns Heutigen diese alte Geschichte, die über mehrere Jahrhunderte allmählich gewachsen ist und im 5. Jahrhundert zu einer endgültigen Form gelangt ist, noch sagen?
Lassen wir die Geschichte dieses Freiheitsprozesses ein wenig auf uns wirken und sie einmal als inneren, seelisch-geistlichen Prozess verstehen. „Ägypten“ soll dabei Prototyp einer inneren Seelenlandschaft sein und hat mit dem Land und den heute dort lebenden Menschen nichts zu tun. „Ägypten“ soll eine innere Geografie bezeichnen, auf der sichtbar wird wie der Ungeist wirkt und dem Geist der Freiheit entgegen steht.
„Ägypten“ heute ist in unserer westlichen Welt bestimmt von Geld, Schein und falscher Macht. In „Ägypten“ hat der Smog der Gier die Atemluft G`ttes verschmutzt und hinter der Fassade der Erfolgreichen lauert die allgegenwärtige Angst bald entmachtet zu werden.
In „Ägypten“ schwingen die Sklaventreiber unbarmherzig ihre Peitsche und treiben zu immer mehr an, nie ist es genug, nie finden die Angetriebenen zum „Ort der Ruhe“; in heutige Sprache übersetzt, geraten nicht wenige ins Burnout, weil die inneren und äußeren Antreiber allzu mächtig geworden sind.
Dieses „Ägypten“ drückt die Entfremdung vom „Ich selbst“1 aus und die Unterwerfung des Menschen an jene die Wirklichkeit verfälschenden Mächte- kurz: den Tanz ums goldene Kalb.(vgl. Ex 32,1 f.)
Der Tanz ums goldene Kalb
Der Tanz ums goldenen Kalb kann heute materielle Werte betreffen- Auto, Haus, Geld…- und dabei auch der Tanz ums eigene Ego sein: Eitelkeit, Selbstgefälligkeit, Ruhm- und Ehrsucht, Überlegenheitsgefühle…, die alle sagen: „Ich bin besser und wichtiger als Du!“…“Ich brauche Dich nicht!“ Dieser Tanz befreit nicht zu echter Beziehung, sondern macht die Mitmenschen – die Brüder und Schwestern der großen Menschheitsfamilie- zu Konkurrenten und Rivalen.
Der Tanz um die selbstgemachten Götter findet heute auf vielen Ebenen statt; er heißt Karriere, Aufstieg, Siegen, Erfolg, Kontrolle, Status, Wellness, ungezähmte Vitalität, welche die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens nicht mehr wahrnimmt und sich gleichgültig verhält gegenüber all jenen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Riesige Bank- und Finanzzentralen, Autokonzerne mit ihren leuchtenden Ausstellungsräumen, Medientrusts ….sind die modernen Tempel, in welchen heute dieser Tanz stattfindet. Menschlichkeit und Wahrheit werden dabei diesen alles verschlingen, gierigen Götzen geopfert.
Selbst die Religion und Theologie kann zum Tanz ums goldene Kalb werden, wenn wir versuchen, G`tt nach unseren Vorstellungen zu formen statt sich von IHM formen zu lassen. Fragen wir noch, was G´tt von uns will, und wie wir das Bild wiederfinden, das G`tt sich von uns erträumt hat?
Der Tanz ums goldene Kalb bringt uns Freiheit und Gewinn vortäuschend, in Gefangenschaft und Unfreiheit, nimmt uns den Blick in die Weite und engt das Herz. Dieser Tanz der Gier drückt sich aus in den Sätzen: „Was ich brauche, nehme ich mir, erschaffe ich mir, hole ich mir. Ich bin auf keine Geschenke von anderen oder von „oben“ angewiesen. Ich muss nicht warten; alles steht mir sofort zur Verfügung.“
„Ägypten“ heißt das anbeten, was viel weniger ist als G´tt und sich doch als mehr ausgibt; wer Götzenbilder zum Zentrum seines Lebens gemacht hat, hat die Grundachse des Lebens und des Herzens zerbrochen, hat JHWH als Geber der Gabe „Leben“, als tragenden Grund des Lebens verraten, und vergessen, sich seines bergenden Schutzes entledigt. Die vorgegaukelte Scheinfreiheit führt wie ein „Irrlicht“ immer tiefer in die Fremde und macht heimatlos .
Hindernis auf dem Weg- „Der Fleischtopf“
Der „Fleischtopf Ägyptens“, –die mit allem Denkbaren angefüllten Regale der Discounter, der immer volle Kühlschrank zu Hause..-, hat in unserer Weltgegend mehr Anziehung als der Hauch der Freiheit, der ins Innere der Seele hineinwehen will. Dem Fleischtopf zu verfallen geht einher mit der Abtötung der Sehnsucht, die hinaus ins Weite führen könnte. Voller Bauch, hoher Lebensstandart gepaart mit Verschwendungssucht und „Rundum- Sicherheit“- das ist der Bannkreis, der sich um die Seele legt, sie lähmt und ihr die Flügel stutzt. In „Ägypten“ ist die Seele verraten und das Herz verkauft. „Ägypten“ – das ist die Macht, die aus großen Wünschen kleine macht, die das wilde Meer zu einem Aquarium im Wohnzimmer verkleinert. „Ägypten“ ist der Scheinfriede abgesättigter Bedürfnisse- , der die darin Gefangenen ihr Leben verschlafen lässt.
Die, die aus der Gefangenschaft aufbrechen wollen, müssen sich entscheiden zwischen der Sicherheit der Fleischtöpfe „Ägypten`s“ und dem Wagnis ungesicherten Aufbruchs. Wer den Exodusweg beschreiten will, muss vieles los lassen, was den Geschmack dieser Freiheit verdirbt.
Unfähig das Geheimis zu erlauschen
Wer in „Ägypten“ bleibt, hat sein Ohr verraten, hat aufgehört zu lauschen, rechnet nicht mehr mit einem Anruf von diesem „Ich weiß nicht was“2 . In Ägypten ist die Seele taub3 für den Klang des Lebens, blind für die Schönheit des Nicht-Machbaren, für das Gratis des Lebens.
Wer Ägypten verlassen will, muss sein Ohr öffnen, einen Sprung heraus tun aus sich selbst4, in die unsichere Freiheit, Vertrauen lernen in geschenkte Zusage. Wer Ägypten verlassen will und in der Freiheit und in der Liebe wachsen will, muss seine Innerlichkeit zurückgewinnen; muss lernen aus den viele Stimmen, die Einlass haben wollen, die innere echte Stimme zu hören und ihr zu folgen. Wer Ägypten verlassen will muss die Geister und Stimmen unterscheiden lernen; es gilt auf die Stimme zu hören, welche in tiefere Beziehung führt zu sich selbst, zum anderen und zu G`tt. Wer „Ägypten“ verlassen will muss den Panzer der Macht und der Unberührbarkeit ablegen und demütig, das heißt menschlich und erdhaft- werden.
Vertrauen lernen
Befreit, Acryl auf Leinwand
Und dann wird er Aufbruchspläne schmieden mit seinem G´tt, der versprochen hat: Ich werde da sein als der ich da sein werde. Dann aufbrechen, früh am Morgen, wenn die Wachposten noch schlafen, kurz an der Schwelle zum Neuen, noch einmal innehalten, zusammen mit allen, die mitgehen wollen, ein Mahl einnehmen, sich der Vision vergewissern und dann schnellen Schrittes losgehen mit leichtem Marschgebäck. Losgehen mit großem Vertrauen, dass das Notwendige schon vollbracht ist und ER mitgeht , voranzieht auf dem langen Befreiungsweg.
An die Treue Gottes glauben
Wenn die Freiheit bedroht wird durch die Verfolger im Inneren und im Äußeren, wenn die Kräfte erlahmen und ermatten, wenn die Aufbruchsstimmung verdüstert und das Ziel nicht mehr sichtbar ist, wenn der Sog zurück, größer wird als die Stimme, die einst schon zu Abraham sprach: Geh in des Land, das ich Dir zeigen werde! , dann gilt es an Mose Ermutigung zu glauben: “Fürchtet euch nicht. Bleibt stehen und schaut zu wie der Herr euch heute rettet“ (Ex 14, 13)
Zur Hingabe befreit
Der echt befreite Mensch ist der, der fähig geworden ist, sein Leben hinzugeben, sich zu verschenken ohne dauernd an sich zu denken und zu fragen, was „Ich“ davon hat.
(„Befreit“, Acryl auf Leinwand, 60cm Höhe x 50 cm Breite von Gustav Schädlich-Buter)
Wer den Aufbruch wagt, -den aus sich selbst hinaus- , der kann mit Gottes Hilfe rechnen, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus .“ (Ex 20,2 und Dtn 5,6f.)
Anmerkungen:
1 Paulus sagt:“ Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“; allen Mystikern ging es um den Durchbruch zu einem „klaren Ich“.
2 so hat Johannes vom Kreuz Gott genannt- dieser „Ich weiß nicht was“
3 lat. absurdus = taub; leben in einer absurden Welt
4 ek-sistenz- meint laut Heidegger die Bestimmung des Menschen als ein ekstatisches Wesen (eksistere- über sich hinausstehen)
„Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? …Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,21)
Vergebungsbereitschaft zentral für menschliches Miteinander
Ohne Vergebung gibt es kein Miteinander weder in der Familie noch in der Gesellschaft, weder in der Wirtschaft noch in der Politik. Da wir alle immer wieder aneinander schuldig werden und uns gegenseitig verletzen, brauchen wir die Bereitschaft einander immer wieder zu vergeben. Das meint auch die jesuanische Aussage, dass man dem, der an einem schuldig geworden ist, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal vergeben soll. (vgl. Matthäus 18,21) „Vergebt, dann wird euch vergeben“, heißt es an anderer Stelle im Neuen Testament.
Ungeheilte Verletzungen und Kränkungen in der Seele
Nicht wenige Menschen aber hüten ungeheilte Verletzungen in ihrer Seele; sie sind vor Jahren tief beleidigt, gekränkt , ungerecht behandelt, misshandelt oder missbraucht (seelisch, geistig, körperlich) worden und nie über diese Wunden und Kränkungen hinweggekommen. Manche Verletzungen werden chronisch, weil sie nicht in Annahme und Liebe ausgeheilt und vergeben werden konnten. Sie äußern sich in Wut, Lethargie, Bitterkeit, Hass oder Selbstmitleid.
Die tiefsten Verletzungen stammen meist aus der Kindheit und haben mit unseren Eltern zu tun: abwesende, desinteressierte, tyrannisch- beherrschende Väter oder ablehnende, kalte, egozentrische Mütter. Fehlende Wärme, Verlassen- worden- sein durch Tod oder Scheidung der Eltern, das Gefühl in seinem Eigenwert nicht gesehen, in seiner Entwicklung nicht unterstützt worden zu sein, beschämt, „klein“-gehalten…. -das alles kann in der Seele des Kindes tiefe Spuren hinterlassen. Wunden, die wir nicht leicht verarbeiten, geschweige denn verzeihen können. Oft genug werden diese Verletzungen unter einer Betonschicht vergraben und so weggedrängt, dass sie keine Schmerzen mehr verursachen. Sie äußern sich dann womöglich als Gleichgültigkeit, als Gefühllosigkeitim Umgang mit anderen oder einem merkwürdigen Widerstand im Umgang mit den Eltern und der eigenen Kindheit.
Aber es gibt auch dies, dass es durchaus Lust bereiten kann, unversöhnlich zu bleiben und sich an negativen Erlebnissen festzukrallen. Dadurch bleibt man überlegen, steht auf dem moralischen Podest und genießt eine gewisse Mächtigkeit.
Der Gewinn nicht unversöhnlich zu bleiben
Wie auch immer, führt kein Weg daran vorbei, zu vergeben und Vergebung zu lernen, soll die innere Unversöhntheit unseren Lebensfluss nicht einfrieren und wie einen Staudamm die Lebens- und Liebesenergie bremsen. Wer unversöhnlich bleibt, zahlt meist einen hohen Preis dafür und vergiftet sich mit negativen Gefühlen wie Hass, Groll und Rachegedanken. Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu, ein Kämpfer gegen die Apartheid, der viele Jahre zu unrecht inhaftiert war, sagt dazu:
„ Wenn ich von Vergebung spreche, dann meine ich den Glauben, dass man auf der anderen Seite als besserer Mensch herauskommt, ein besserer als der, der von Hass und Groll verzehrt wurde…Wenn man in seinem Inneren Vergebung findet, dann ist man nicht mehr an den Täter gefesselt. Man kann sich weiterentwickeln- und man kann dazu beitragen, dass auch der Täter ein besserer Mensch wird.“
(„Wundheilung“, Acryl auf Leinwand, 80×60 cm, von Gustav Schädlich-Buter)
Schritte zur Vergebung:
Wer vergeben kann, sich selbst und anderen, macht einen Strich unter das Vergangene und fängt neu an mit sich selbst oder in der Beziehung. Melanie Wolfers sieht in ihrem Buch „Die Kraft des Vergebens“ die Vergebung als einen Akt der Freiheit, ein kreatives Geschehen, durch welches wirklich Neues geschaffen wird. Wer vergibt, lässt Schritt für Schritt Erlittenes los. Wer wirklich aus tiefstem Herzen verzeihen kann, erlebt das meist als Geschenk, als Gnade, das sich der eigenen Verfügungsmacht entzieht.
Melanie Wolfers benennt “ folgende Schritte, um Kränkungen und Wunden zu vergeben:
Vergebung braucht Zeit wie jeder tiefgreifende menschliche Prozess und ist einem Weg zu vergleichen, auf dem ich nur Schritt für Schritt vorankomme.
Am Anfang steht die bewusste Entscheidung, dass ich jemanden der Absicht nach verzeihen will, auch wenn ich noch unversöhnte Gefühle in mir spüre.
Als weiteren Schritt geht es darum die unversöhnten Gefühle gegenüber dem Menschen, der mich verletzt hat, zu spüren und sie zu benennen: Schmerz, Wut, Scham, Ohnmacht….
Zugleich ist es wichtig einen reflexiven Abstand zu den eigenen Gefühlen zu gewinnen, und eine realistische Sichtweise zu entwickeln.
Statt mich vom unmittelbaren Impuls meiner Gefühle leiten zu lassen, kann das Gebet eine Hilfe sein , Distanz zu schaffen; weil ich bei Gott, einen Schutzraum und einen Wert habe, der niemals von außen zerstört werden kann.
Die Voraussetzung für`s Vergeben beruht letztlich auf der inneren Bereitschaft , vergeben zu wollen (oder eben nicht) , und auf einer bewussten Entscheidung nicht im Vergangenen und Negativen hängen bleiben zu wollen.
Aber, dass Vergebung im Innersten geschieht, entzieht sich der eigenen Verfügungsmacht, denn sie ist ein Geschenk wie die Liebe.
Literatur zur Vertiefung:
Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens, Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden, Freiburg im Breisgau 2013(das für mich aus spiritueller Sicht beste und ausführlichste Buch zum Thema)
Konrad Stauss, die heilende Kraft der Vergebung, Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit, 2010
Jesus scheint aus seinem „himmlischen “ Vaterverhältnis die Kraft geschöpft zu haben, die für sein heilendes und profetisches Wirken unter den Menschen gebraucht hat. Ähnliches können die wenigsten Kinder heute von ihrer irdischen Vaterbeziehung sagen. Eher schon gilt der Satz von Francis Thompson :„Ich und mein Vater sind nicht eins.“
Abwesende Väter
Das, was nicht wenigen Söhnen und Töchtern zu ihrem Vater einfällt, lässt sich mit folgenden Begriffen ausdrücken: Abwesenheit, Trauer, Leere.
„Ich kenne ihn nicht, zumindest nicht richtig!“ Für viele ist der Vater ein nicht näher benennbares Geheimnis, das mit Furcht oder einer nicht enden wollenden Rebellion gegenüber jeglicher Autorität einhergeht. Viele erleben ihre Väter, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, vor allem als gestresst, genervt oder ärgerlich; aber sie wissen nichts oder wenig, was in der Tiefe der Seele des Vaters vor sich geht.
Vaterwunde und Vaterhunger
Das Ausfallen der Väter in unserer Gesellschaft erzeugt bei den Kindern so etwas wie einen „Vaterhunger “(R. Rohr), ein schier unstillbares Bedürfnis nach männlicher Bestätigung und Anerkennung. Den „Vaterhunger“ tragen viele ohne sich dessen bewusst zu sein als ein tiefe Wunde mit sich herum, die sich kaum heilen lässt.
Richard Rohr, der das tiefschürfende und unbewusste Verlangen nach Bestätigung und Grenzsetzung durch männliche Autoritätsfiguren „Vaterhunger“ nennt, hat die Erfahrung gemacht, dass solange Männer nicht erkennen, dass sie Liebe und Bestätigung vom abwesenden Vater brauchen, in einem schlechten Sinn hektisch, geschäftig und wild werden nach Macht, Sex und Geld. Diese Vaterwunde sei auf der ganzen Welt zu finden.(vgl. R. Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann, München 2006)
Der Vater stärkt den Rücken
Der Vater hat die Aufgabe den Rücken des Kindes zu stärken, zu ermutigen, einen Schubs nach vorne zu geben, so mit väterlicher Energie auszustatten, dass die Tochter, der Sohn sein Leben wagt; das kann bedeuten, das sichere Nest zu verlassen, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden, auch mal ein Wagnis einzugehen und dabei sogar eine Bruchlandung zu riskieren. Gute Väter können auch helfen das innere Chaos in der Pubertät zu bändigen, durch ihr einfaches Da-sein Ordnung zu stiften, Ruhe und Sicherheit auszustrahlen. Und sie können und müssen zuweilen auch konfrontieren und Lebensstile ihrer Kinder infrage stellen. Der Vater hat vor allem die Aufgabe, dem Kind Vertrauen ins Leben und in sich selbst zu stärken.
Folgende Sätze können dabei womöglich helfen: „Keine Angst, es passiert schon nichts!“ , „Ich glaube an Dich, Du schaffst es, du musst nur aufstehen und auch an dich glauben !“ „Keiner macht den nächsten Schritt, wenn du ihn nicht selbst machst.“
Auch biblisch ist Gott Vater immer wieder der, der im Rücken steht. So ergeht an Abraham die Aufforderung: „Geh vor mir (also Jahwe)her und sei ganz.“ (vgl. Genesis 17,1) Gott ist die Rückenstärkung, die es ermöglicht ganz Mensch und ganz selbst zu werden. Und so ließe sich auch der biblische „Umkehr“-Aufruf nicht moralisierend , sondern im Sinne der biblischen Gleichniserzählung vom barmherzigen Vater deuten: Dreh dich um, und du wirst entdecken, dass ich- dein dich liebender Vater- da bin, der auf deine Heimkehr gewartet hat.
(Titel: königliche Würde, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)
Ideologien als „Vater- und Rückgratersatz“
Wem solche Vatererfahrung fehlt, der sucht „Rückgratersatz“ (A. Grün). Dieser besteht in unbeweglichen (politischen, religiösen….). Ideologien, in übertriebenen konservativen Einstellungen, in starren Normen und Prinzipien, an die sich der „Vaterbedürftige“ klammert und festhält. Die dadurch gewonnene äußerliche Sicherheit und Stärke verbirgt dann aber nur die eigene Brüchigkeit, die Angst vor dem Unkontrollierbaren und den Mangel an Selbstwertgefühl.
„Wenn dir der Vater fehlt“, so ein Sohn bei einer Befragung, „dann fehlt dir eine Vision von deinem Leben und deinem Mann-sein; dann traust du dir nichts zu ; und du bist dir über deinen Wert unsicher und weißt nicht, woran du dich halten kannst. „
Tiefgreifende Kommunikation zwischen Vätern und ihren Kindern
Die meisten Väter sind keine emotionslosen, machtbesessene Karrieristen oder „Schwächlinge“, die nichts zu sagen haben, aber viele haben es einfach nicht geschafft, ihren Kindern zu vermitteln und mit ihnen darüber zu reden, was sie in der Tiefe bewegt, wofür sie gekämpft haben und was ihre Visionen, Hoffnungen und Lebensträume waren und sind.
Und das noch schwierigere Thema gerade gegenüber erwachsen gewordenen Kindern besteht darin zu benennen, worin sie gescheitert sind und welche Niederlagen sie erlebt haben; wie wichtig wäre es zu reden, über ihre Trauer, ihre Verluste, ihre Ohnmacht und all das nicht Gelungene eines Lebens.
Wie wichtig, wie erneuernd, wie mutmachend für die jüngere Generation wären solche Vater-Sohn und Vater-Tochter- Gespräche, in denen die Älteren den Jüngeren ihre Erfahrungen vermitteln, was Menschsein heißt! Wie wichtig auch dafür, dass eine Gesellschaft nicht infantil bleibt mit einem von den Medien genährten Ideal von den „jungen Alten“, die als alte Narren vielleicht Geld, aber keine Weisheit den Jüngeren anzubieten haben
Impuls:
Wie habe ich meinen Vater erlebt? Hat er mir meinen Rücken gestärkt? Welche Sätze von ihm haben Sie in Erinnerung?
Was würde ich ergänzen auf „Wenn dir der Vater fehlt, ….:“
Welche Werte, Visionen und Einstellungen möchte ich als Vater (falls ich ein solcher bin) an meine Kinder (Söhne und Töchter) weitergeben?
Welche biblischen Erzählungen stärken mir den Rücken?
Literatur:
Richard Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann, München 2006
„Sie kamen nach Kafarnaum. Als er (Jesus)dann im Haus war, fragte er sie(die Jünger): Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.
Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen:
Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt,der nimmt mich auf;wer aber mich aufnimmt,der nimmt nicht nur mich auf,sondern den, der mich gesandt hat.“
(Markus 9,30-37)
Faszination Macht und Größe
Menschen zu allen Zeiten sind fasziniert von Macht, Größe, Einfluss und Wichtigkeit. So auch die Jünger Jesu, die mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem sind, wo auf diesen Leiden und Tod am Kreuz warten. Doch seine Jünger scheinen recht wenig davon begriffen zu haben; sie streiten und diskutieren nämlich darüber, wer wohl den wichtigsten Posten im Reich Gottes einnehmen wird.
Wer will nicht bedeutsam sein? Wer nicht zu den Besten, Klügsten, Schönsten, Erfolgreichste (und was auch immer)gehören, wer will nicht groß rauskommen und zu den wichtigen Personen gehören …Rankinglisten sind heute beliebt, wer ist oben- wer ist unten, wer ist wichtig, wer unbedeutend ?Vergleich, Konkurrenz und Wettbewerb sind die Motoren unserer Leistungsgesellschaft.
Die Umkehr der Werte und des Blickwinkels
Doch Jesus lehrt etwas anderes . Er stellt das Denken seiner Jünger und unser eigenes auf den Kopf. Er krempelt und verändert es gründlich um, er führt ein anderes Wertesystem ein. Und er tut dies, nicht durch große Worte, sondern vor allem durch eine Symbolhandlung. Er nimmt ein Kind in seine Arme und sagt damit :
Groß im Reich Gottes ist, was uns klein erscheint, wichtig im Reich Gottes ist, wer bereit ist, nach unten zu den „Kleinen zu schauen, erster ist, wer bereit ist, auch den auf dem letzten Platz zu beachten oder sich selbst dort nieder zu lassen. Oberer ist, wer bereit ist, sich nach unten zu bewegen. Oder Chef ist, wer seine Mitarbeitern/innen dient und ihnen ermöglicht, ihr Potential und ihre Talente einzubringen.
Der von Jesu initiierte Perspektivenwechsel fällt uns in der Regel schwer. Er widerspricht dem natürlichen Instinkt nach Dominanz. Doch wer einem Kind oder einem behinderten Menschen im Rollstuhl in die Augen schauen will, muss in die Knie gehen, statt hinauf, Begegnung und Beziehung auf Augenhöhe nur möglich, indem ich bereit bin, mich nach unten zu bewegen. Dies ist die jesuanische Grundbewegung und gehört zentral zur christlichen Geisteshaltung.
Jesus verändert die üblichen Sichtweisen und Perspektiven, wer etwas von seiner Geisteshaltung und von dem, was er das Reich Gottes nennt, begreifen will, der muss den üblichen Blickwinkel und Standort verlassen. „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. “
Stadt der Liebe- Reich Gotes,, Acryl auf Leinwand
In der Tiefe unseres Seins – alle gleich als Kinder Gottes
Dort, wo ich mich hinunterbeuge und einen anderen Menschen in der Tiefe seines Seins, in den Tiefen seiner Seele antreffe, wo ich ihm nichts mehr beweisen muss und mir nicht mehr besser vorkomme als der andere, geschieht eine Befreiung von meinem Ego.
Dort ist der Ort, wo ich erleben kann: Wir alle sind Kinder Gottes geliebt auch mit unseren Lebenswunden und seelischen Verletzungen und trotz unserer Dunkelheiten, unseres Egoismus, unserer Schwächen und schlechten Neigungen.
Es gehört wohl zu den wichtigsten Aufgaben in unserer Glaubensbiografie an dieses bedingungslose Geliebtsein, Bejahtsein und auf dieser Willkommen -geheißen -werden in der Tiefe unserer Existenz glauben zu lernen; und daran, dass wir diese Daseinsberechtigung von unserem Schöpfer nicht erst verdienen müssen, sondern umsonst geschenkt bekommen.
Und noch ein zweites sagt mir das heute gehörte Evangelium:
Wer sich um die „Kleinen dieser Welt“ kümmert, bekommt etwas vom Reich Gottes zu spüren
Im Altertum und auch zur Zeit Jesu gehörten die Kinder zu den schwächsten und am wenigsten geschützten Mitgliedern der Gesellschaft. Wenn Jesus Kinder in die Arme nimmt, sie in die Mitte/Zentrum stellt, schützt und segnet, will er uns darauf aufmerksam machen, dass wer sich um die „Kleinen und Unscheinbaren dieser Welt“ kümmert, bekommt etwas von Gott zu spüren.
Und umgekehrt: dort wo gegenüber dem „Kind in uns„ , den entrechteten, missbrauchten oder durch Krieg in die Flucht getrieben Kinder dieser Weltund allen Hilflosen und Schwachendieser Erde Gleichgültigkeit herrscht, läuft etwas gewaltig schief in Gesellschaft, Politik und Kirche.
Wer hat dabei nicht die Bilder vor Augen, wo Kinder auf giftig schwelenden Müllhalden, nach Verwertbarem suchen, junge Menschen unter unmenschlichen Bedingung in Textilfabriken schuften oder bis auf die Knochen abgemagerte Säuglinge uns mit großen Augen anstarren, weil Dürre, Bürgerkrieg jegliche Versorgung unterbindet.
So betont Papst Franziskus zu Recht, die Glaubwürdigkeit des Evangeliums werde dadurch auf die Probe gestellt, wie Christen auf den Ruf derer antworteten, die weltweit Opfer von Ausschluss, Armut und Konflikten seien.
Kleine Kinder spielen meist noch unbeschwert, sie lachen, singen, albern herum, lassen ihren Gefühlen freien Lauf, haben unendlich viel Energie. Noch engt sie kein Leistungsdruck ein, noch blockieren keine verkrampft abzuarbeitenden Pflichten. Wenn sie sich wehtun, kommt Mama oder Papa, hilft auf, tröstet und spricht ein aufmunterndes Wort.
Leben bedeutet für Kinder spielen, spielen unter den wohlmeinenden und gütigen Augen der sie behütenden Eltern. Das dazugehörige Grundgefühl lautet: ich bin gemocht, da gibt es Menschen, die mich gern haben und auf mich aufpassen, ich gehöre dazu und bin nicht allein. Im Grunde ist damit der zentrale Inhalt des Gottesglaubens ausgedrückt, nämlich gratis zu leben, geliebt und bejaht unter den wohlmeinenden Augen des Schöpfers.
Als Erwachsene legt sich dann nicht selten ein Schleier über dieses ursprüngliche Bewusstsein gemocht zu sein und dazu zu gehören. Wir Erwachsene nehmen uns irgendwann furchtbar wichtig, der Anspruch selbst unseres Glückes Schmied zu sein, macht uns verkrampft, bitter und ernst. Die Lebenslust verkalkt in unseren Adern und unsere Seele verliert ihre Flügel. Wer sich nicht (mehr) geliebt weiß, der muss sich seine Liebe, seine Anerkennung, und seine Daseinsberechtigung erkämpfen. Er beginnt sich zu schützen: sein Ego, seine Klasse, seine Position, seine Macht, seinen Besitz, seine Rasse, seine Nation….. Viele in großen Firmen müssen sich ständig beweisen und präsentieren. Jede und jeder muss zeigen, dass er besser ist als der andere .Wir leben heute in einer Kultur der Macht, der Stärke, der Egos und des individuellen Erfolgs.
In einer solchen Welt der Stärke, Macht und der Konkurrenz finden behinderte Menschen oft keine Heimat mehr, weil sie in einem solchen System für niemanden wertvoll scheinen. Henri Nouwen, der eine Karriere als Hochschulprofessor aufgab, und sich der von Jean Vanier gegründeten „Arche“- Bewegung gemeinsamen Lebens mit geistig behinderten Menschen angeschlossen hat, schreibt:
„In meiner eigenen Gemeinschaft, in der wir mit vielen stark behinderten Männern und Frauen zusammenleben, stammt das größte Leiden, nicht aus dem Behindertsein selbst, sondern aus den Gefühlen, nutzlos, wertlos, geringgeachtet und ungeliebt zu sein. Man kann es viel leichter ertragen, nicht reden, gehen oder selbstständig essen zu können, als nicht für jemanden ganz besonders wertvoll zu sein.“ (Henry Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006, S. 76)
Dort, wo die spontane Grunderfahrung, gratis geliebt und bejaht zu sein, abhanden gekommen ist, treibt die damit einhergehende existentielle und spirituelle Verunsicherungdazu an, sich diese Liebe verdienen zu müssen. Dadurch machen sich viele abhängig von der Anerkennung durch andere, und werden auf diese Weise immer unfreier.
Jean Vanier, der Gründer der weltweit verbreiteten Archegemeinschaften, hat in seiner eigenen Biografie, die von Pflichten als Marineoffizier und als Hochschullehrer der Philosophie geprägt war, erlebt wie geistig behinderte Menschen, mit denen er eine Wohngemeinschaft bildete , ihm halfen zurück zu finden zu einem spielerischen Umgang mit dem Leben; zu einem ursprünglichen Erleben des Geliebtseins und des bedingungslosen Vertrauens. Die Kraft der Liebe und Zärtlichkeit, die von behinderten Menschen ausgehen kann, meint Vanier, könnte allen helfen (die in einem System der Macht und Konkurrenz sich bewegen) in eine heilsame „Bewegung nach unten“ zu kommen. Dort, wo ich einen anderen Menschen in der Tiefe seines Seins antreffe, wo ich nichts mehr beweisen muss und mir nicht mehr besser vorkomme als der andere, geschieht eine Befreiung vom Ego. In der Tiefe unseres Seins werden wir alle gleich. „Keiner über dem anderen, keiner unter dem anderen“, geliebt wie wir sindals Kinder Gottes und zwar bedingungslos.
(Titel: „Kinderspiel“, Acryl auf Leinwand, 60×60, von Gustav Schädlich-Buter)
Es gilt für uns alle, – die von alltäglicher Berechnung und Verzweckung des Lebens von uns selbst entfremdet wurden, die sich um der Gewinnsteigerung zu Tode arbeiten, die in der Enge des Hamsterrades strampeln….- , das absichtslos spielenden Kind wieder zu entdecken und lebendig werden zu lassen.
Die göttliche Weisheit, -Begleiterin in Gottes dauerndem Schöpfungsspiel-, erzählt von sich selbst in einem frühjüdischen Glaubensgedicht :
„…als er (der Schöpfer) die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm./ Ich war seine Freude Tag für Tag/ und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund/ und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“(vgl. Buch der Sprichwörter 8, 30-31).
Übung:
Setzen Sie sich ruhig und bequem hin an einem Ort, wo sie sich wohlfühlen; jetzt müssen Sie nichts leisten, nichts wegarbeiten, nichts beweisen.
Stellen Sie sich vor, dass „jemand“ Sie mit wohlwollenden, liebevollen und gütigen Augen anschaut, auf ihren Körper, auf ihre Geschichte, auf die Wunden und Brüche ihres Lebens, auf ihr ganzes Sein.
Die Übung kann in zweifacher Weise wiederholt werden: von vorne angeschaut werden; von hinten angeschaut werden (der Rücken: was er alles getragen und geschleppt hat, der womöglich gedrängt und gestoßen wurde…, der gekrümmt wurde durch die Macht anderer über mich…)
oder:
Nehmen Sie Farbe und Pinsel zur Hand und drücken Sie aus, was Sie im Moment bewegt! (kein Leistungsdruck; es muss kein Kunstwerk werden)
Literatur zur Vertiefung:
Nouwen, Du bist der geliebte Mensch, Religiös leben in einer säkularen Welt, Freiburg im Br. 1993, Neuausgabe 2006
Henry Nouwen, Adam und ich, eine ungewöhnliche Freundschaft, Freiburg im Breisgau 1998
Jean Vanier, Einfach Mensch sein. Wege zu erfülltem Leben Taschenbuch , 2001, übersetzt von Bernardin Schellenberger, 2001
Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980