„Menschwerdung“- in memoriam Jean Vanier

Am 7. Mai 2019 starb der 1928 geborene Jean Vanier im Alter von 90 Jahren. An ihn möchte ich heute erinnern, weil er, lange bevor über Inklusion geredet und diskutiert wurde, diese praktiziert und gelebt hat.. Jean Vanier war der Sohn des Generalgouverneurs von Kanada Georges Vanier, bereits mit 13 Jahren trat er ins Brittania Royal Naval College ein, diente dann bis 1950 als Marineoffizier, zuletzt auf einem Flugzeugträger. Nach seinem Abschied von der Marine, lebte er zunächst in einer Kommunität in Paris. Er studierte Theologie und Philosophie und nach Abschluss eines Doktorats in Philosophie lehrte er zunächst an der Universität in Toronto.

Doch dann nahm sein Leben eine andere Wendung. Die persönliche religiöse Suche, von seiner Mutter inspiriert, und der christliche Nachfolgedanke, brachte ihn dazu, 1964 eine Wohngemeinschaft mit zwei geistig behinderten Menschen, Raphael und Phillippe, ins Leben zu rufen. In dem Dorf Trosly-Breuil in der Compiegne in Frankreich nahe Paris, entstand das erste Haus der Arche. Dort erlebte er sowohl die Tiefe des Leidens jener Männer und ihre Sehnsucht nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch die Freude im Gemeinschaftsleben mit Menschen, die vorallem mit dem Herzen dachten. Er wollte ihnen helfen und merkte zunehmend wie sie ihm halfen, das Leben anders und neu verstehen zu lernen. „Sie interessierten sich nicht im Geringsten für das, was in meinem Kopf vorging, dafür aber umso intensiver für meine Person: ‚Wie heißt du? Was machst du? Wann kommst du wieder?‘ Alles in ihnen schrie nach Begegnung, nach Freundschaft und Gefühlen. Ihr Schrei rührte mich an.“(Jean Vanier). Dies war die Initialzündung für ein Zusammenleben von geistig behinderten und nicht behinderten Menschen auf Augenhöhe und die Gründung der Archegemeinschaften. Heute existieren rund 150 solcher Gemeinschaften in rund 40 Ländern auf allen Kontinenten.

Auch wenn sich die Arche zunächst als ökumenische Glaubens- und Lebensgemeinschaft verstand, ist sie offen für andere Glaubensrichtungen und Einstellungen. Zunehmend ausschlaggebend wurde, dass das Zusammenleben im Geiste der Freundschaft und Gegenseitigkeit geschieht, welche die Grundlage aller Spiritualität in der Arche darstellt. Bis zuletzt setzte sich Jean Vanier dafür ein, dass Menschen mit Behinderung ein Leben in Würde ermöglicht wird. Jean Vanier war auch mit 90 Jahren geistig hellwach und am Puls der Zeit. Er gab seine Erfahrungen in Büchern, Interviews und Videos (viele auf you tube) weiter. In einem Video, das Anne Gerken und Pauline Dejoie mit ihm 2018 geführt haben, spricht er über das, was im Leben wichtig ist (Art Lebensregeln) und dazu beiträgt mehr und tiefer Mensch zu werden.

Ich gebe das auf englisch geführte Interview in verkürzter Form und mit eigenen Worten wieder.

1. Akzeptiere die Realität deines Körper`s Jean Vanier ermuntert dazu, unseren Körper zu akzeptieren, ihn auch auch in seiner Schwäche und Fragilität anzunehmen. „Wir werden in Schwäche geboren und werden in Schwäche sterben.“ Gerade das Älterwerden macht uns deutlich, dass wir vieles an Stärke und Fähigkeiten loslassen müssen. Wir werden vergesslicher, körperlich schwächer, aber das Wichtigste sei,- bei allen Verlusten- man selbst zu sein und zu bleiben..

2. Sprich über deine Gefühle und Schwierigkeiten und flüchte nicht vor der Realität Gerade Männer, so Jean Vanier, hätten Probleme über ihre Gefühle und Schwierigkeiten zu sprechen, über ihre Einsamkeit und ihre Versagensgefühle. Ihr Ärger schlägt dann leicht in Gewalt um oder in Kompensationen durch Alkohol und Drogen, um der Realität zu entkommen. Doch Menschwerdung hätte zutiefst etwas damit zu tun, die Realität zu lieben

3. Hab keine Angst, nicht erfolgreich zu sein Männer, so Vanier, scheinen ein weit tieferes Bedürfnis als Frauen zu haben, erfolgreich zu sein; in ihnen stecke eine tiefgreifende Angst, sie würden nur dann geliebt, wenn sie erfolgreich wären. Tiefere Menschwerdung würde aber heißen, zu lernen und zu entdecken: „Ich bin wundervoll, so wie ich bin“ (unabhängig von meinen vorweisbaren Leistungen)

4. Nimm Dir in deinen Beziehungen Zeit zu fragen: Wie geht`s Dir?/Was brauchst Du? Liebe ist immer verknüpft mit Schwäche, mit Zeit haben und sich Zeit nehmen für den Partner/-in. Ein Mann, der nur darauf aus ist, die Karriereleiter hoch zu klettern, wird die Liebe vernachlässigen und seine Frau nicht fragen: Wie geht es Dir? Was brauchst Du?..… Menschwerdung in einem tieferen Sinn hat aber gerade damit zu tun, sich Zeit für den anderen zu nehmen.

5. Sei präsent und starr nicht ständig auf dein Smartphone Vanier macht auf die Gefahren des Internet aufmerksam, welche Menschen zunehmend kontrollieren, auch wenn er durchaus sieht, welche Kommunikationsmöglichkeitendurch die neuen Technologien geboten werden. Die jungen AssistentInnen der Arche-alle mit Smartphones ausgestattet- ermuntert er, ihre Fähigkeit zum Zuhören, zur Gemeinschaft und zur (körperlichen)Präsenz nicht zu vernachlässigen. Im Internet und den neuen Technologien sieht er die Gefahr, dass jene die Menschen wegziehen von einer tatsächlichen Präsenz(Anwesenheit), Innerlichkeit verhindern und eine tiefgreifender Reflexion ihres Lebens verunmöglichen..

6. Fordere Menschen auf, ihre Geschichte zu erzählen Vanier erzählt die Geschichte von einem Drogenabhängigen, der in seinen letzten Worte – gerichtet an den Sozialarbeiter, der bemüht war, diesen aus Drogenabhängigkeit und Prostitution heraus zu holen- folgendes sagte : „ Du wolltest mich immer ändern, mir aber niemals begegnen.“ Menschwerdung, so Vanier, hat mit echter Begegnung zu tun; Menschen zu fragen und zu hören: Was ist deine Geschichte? Wo ist dein Schmerz? Wofür schlägt dein Herz?… Es sei enorm wichtig auf andere Menschen zu hören, auf deren Erfahrungen, und auch wahrzunehmen, dass jene Begabungen und Talente haben, die mir nicht zur Verfügung stehen.

7. Sei Dir deiner eigenen Lebensgeschichte bewusst Es sei, so Vanier auch sehr wichtig, sich seiner je eigenen Geschichte im Laufe des Lebens immer mehr bewusst zu werden, sie immer tiefer zu entdecken. Jeder Mensch hat seine eigenen Ideen und Visionen für die Welt und sich selbst, seine ganz persönlichen Vorstellungen und ein je eigenes Temperament, das es wahrzunehmen gilt. In uns laufen aber auch viele unbewusste Prozesse ab, die mit unserer Kindheit zu tun haben und die es mehr und mehr zu entdecken gilt, vorallem, was unsere tiefgreifenden Ängste sind- Angst sei ein fundamentales Problem für die eigene Menschwerdung.(dazu mehr: https://www.youtube.com/watch?v=VF0d3fKZIho)

8. Stop deine Vorurteile und suche echte Begegnungen Vanier spricht von einer Tyrannei der Kultur(und deren Abgrenzungen), in der wir uns verschanzen hinter der je eigenen Gruppe, Religion oder politischen Partei; echte Begegnungen werden so vermieden. Die Welt der Reichen will nicht der Welt der Armen begegnen. Menschwerdung bestünde aber gerade, frei zu werden, ich selbst zu sein, mich als Mitglied der ganzen Menschheit zu fühlen und in der Begegnung zu entdecken, das auch andere Menschen wundervoll sind. Grenzüberschreitungen nicht bloß als schöne Idee, sondern als realer Vollzug.

Sehnsucht(Transzendenz- über mich hinaus), Acryl auf Leinwand, 50 x70 cm

9. Höre auf deine tiefste Sehnsucht Im Unterschied zu Tieren, hat der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Geist, und nach Spiritualität; in uns Menschen stecke der Schrei nach etwas Unendlichem, das sich nicht im bloß Naturhaften erschöpfe. Wir betrachten und meditieren die wunderbare Natur, die Berge, Seen, Blumen.. und fragen uns, woher das alles kommt.. in uns steckt ein tiefgreifende , wahre und echte Sehnsucht, die es zu unterscheiden gilt von frei flottierenden Wünschen und Illusionen. Diese reale, tiefste Sehnsucht in uns, gilt es ausfindig zu machen. 10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)

10. Erinnere Dich daran, dass du auch eines Tages sterben wirst Wir sollen uns immer wieder einmal bewusst machen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir sind Passagiere auf einer Reise , die einige Jahre dauert; wir steigen in einen Zug ein, und wir steigen wieder aus und der Zug wird weiter fahren. Und wir werden in ein paar Jahren vergessen sein in einer Welt, die weiter geht- ohne uns. Das könnte uns helfen, bescheiden zu bleiben und uns nicht als die Könige der Welt aufzuspielen. (die Orginalfassung des Beitrags auf Englisch findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=wtyX_nXbTx4)