Heimat

 „Heimat ist für mich überall dort, wo ein Mensch ist, zu dem ich kommen kann“, sagt der Schriftsteller Reiner Kunze. Nicht immer wurde Heimat so positiv gesehen. Der Heimatbegriff hatte eine Zeit lang einen negativen Beigeschmack von Spießigkeit und Rückwärtsgewandtheit. Man verband mit „Heimat“ engen Provinzialismus, rückwärtsgewandte Traditionspflege mit Blaskapellen und Trachtengruppen. Das mit dem Heimatbegriff verbundene nationale Pathos (in Erinnerung an den 1.Weltkrieg) und die völkisch rassistische Ausgrenzung war für nicht wenige dieser Generation ein Schreckensbegriff. Heimat- das war Enge, kleinkariertes Denken und selbstzufriedene Spießbürgerlichkeit. Der “ Auszug“ war der einzige Weg , um sich weiter zu entwickeln. Diejenigen , welche den  Mut hatten aus dem Überkommenen und Vorgeprägten  auszuziehen, das waren die Abenteurer, Revoluzzer und Kreativen, welche die Welt voranbrachten.

Das Wörterbuch spricht von Heimat als dem „Land oder die Gegend, wo man geboren und aufgewachsen ist oder wo man sich zu Hause fühlt, weil man schon lange dort wohnt.“ Tatsächlich verbinden auch heute viele „Heimat“ mit ihrem Geburtsort, mit der geografischen Landschaft ihres Aufwachsens, aber auch mit ihrer Familie und der frühen Sozialisation. Heimat hat etwas mit den Selbstverständlichkeiten der Kindheit und Jugend zu tun: die Schule, die Treffpunkte,, das Schwimmbad, die Kneipe, die Leute, die man kennt. Heimat in diesem Sinne hat also etwas mit Selbstverständlichkeiten zu tun, mit einem Sich –Auskennen ohne dass lange Erklärungen notwendig sind. Heimat heißt, in bestimmte prägende Vorstellungen und Traditionen, in Denk- und Sprechweisen, im Laufe der eigenen Entwicklung hineingewachsen zu sein. Heimat in einem positiven Sinn ist also etwas , das einem vertraut ist, wo man sich auskennt, dazugehört, und eben kein Fremder ist.

Heimat ist aber darüber hinaus ein ideeller Wohlfühlort, eine Sehnsuchtslandschaft. Letztlich eine Utopie, ein U-topos (griech.)`, ein Nicht-Ort aus Erinnerungen, wo die Seele wohnt und dessen Verlust mit Heimweh einhergeht.

Im Moment erleben wir eine Renaissance der Sehnsucht nach Heimat. Im Trend liegen regionale Gerichte statt internationaler Küche oder Fast Food, Trachten(siehe auch die Beliebtheit des Oktoberfestes bei jungen Leuten), Volksmusik und Folklore. So setzt die neue Volksmusik wie z.B. „voXXclub“ im Alpenraum, – bestehend aus jungen Musikern, die meist in kurzen Lederhosen und dicken Trachtenstrümpfen auftreten, und mit ihrem Dutt auch als Hipster durchgehen könnten- , bewusst auf Dialekt und regionale Instrumente; dabei wird aber in den Texten Weltoffenheit signalisiert oder die Verlorenheit in der anonymen Masse von Menschen thematisiert.

Ohne Zweifel scheint damit eine Sehnsucht vieler , gerade junger Menschen getroffen, die in der globalisierten Welt mit ihrer Beschleunigung keine Wurzeln mehr schlagen können. Diese Sehnsucht nach Heimat scheint wie eine Gegenbewegung zum hohen Tempo des sozialen Lebens, das oft nur noch oberflächliche Beziehungen zulässt. Auch der geforderte Zwang zur Mobilität und Flexibilität, die Auflösung traditioneller Familienstrukturen, die Schädigung unseres Planeten, der Verlust von Religion (religio, religare –Rückverbindung!) führen dazu, dass das Bedürfnis der Seele nach Verwurzelung , Orientierung und Zugehörigkeit nicht mehr ausreichend gestillt wird .. Der „Heimatbedarf“ wächst, angesichts der Infragestellungen der eigenen Identität. (vgl. dazu Hartmut Rosa, Resonanz)

Der Künstler Ben Willikens (geboren 1939), gibt dieser Abwesenheit von Zugehörigkeit, dieser Anonymität und Verlorenheit des Menschen, den Verlust von Sinn, in seinen Werken   mit seiner „unbunten“ Graumalerei und mit den leere Räumen, in denen kein Mensch vorkommt, Ausdruck. Er selbst sagt dazu: „ ´Vielleicht ist die Leere nicht nur eine Negation des Menschen, sondern auch eine Frage seiner Ankunft, eine Frage nach dem Menschenbild, das in der Lage ist, dieses weiße Zentrum auszufüllen.`“(i. Kurt-Peter Gertz, Ostern in der modernen Kunst, Mönchengladbach 2017, S.187)

Die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich wiederfinden kann, an dem Geborgenheit, Nähe, menschliche Vertrautheit sich einstellt, an dem der Mensch bei sich ankommt, scheint vielen Menschen irgendwie abhanden gekommen zu sein. Wer in seiner Seele keine Heimat mehr findet, neigt wohl dazu, durch Ausgrenzung und Fremdenhass, sich der eigenen Identität versichern zu wollen. Identitätsstiftung durch Ausgrenzung. Globalisierung,  Zuwanderung, die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen,  scheint auch in unserem Land  nicht wenige zu überfordern.

Letztlich geht es jedoch darum eine „offene Heimat“ wieder zu finden, in der Provinzialität, Enge und Ausgrenzungstendenzen  überwunden werden durch weite Horizonte, in denen angstfreie Begegnungen möglich werden.

Jedenfalls bleibt Heimat immer auch ein Sehnsuchtsort, der aus einer  tiefen Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit und Angenommensein erwächst.

Aus christlicher Perspektive geschieht eine letztgültige Erfüllung dieser Sehnsucht erst im Himmel, der wahren Heimat, allerdings wird auch dort versprochen, dass es im Hause des Vaters viele Wohnungen gibt, also eine offene und lichtdurchflutete Wohngemeinschaft unterschiedlichster Menschen. (vgl. Joh 14,1-3)

Impulse zum Nachdenken:

  1. Was bedeutet für mich Heimat?
  2. Wohin zieht es mich? (landschaftlich, geografisch…) Wohin gehöre ich?
  3. Welche Menschen sind für mich Heimat? Welche Musik ist Heimat?
  4. Gibt es einen Glauben, Überzeugungen, Werte, die für mich Heimat sind?

Literatur zur Vertiefung:

Hartmut Rosa, Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016

Heribert Prantl, Kindheit. Erste Heimat, Gedanken, die die Angst vertreiben., SZ 2015

Andrea Schwarz, Wenn die Orte ausgehen, bleibt die Sehnsucht nach Heimat; Fragmente einer geerbten Geschichte, 2009

Filme:

Edgar Reitz, Heimat (Gesamtedition) und „Die andere Heimat“

„Endlich“-keit

 

Der November gilt als der Monat, an dem wir unserer Verstorbenen gedenken und uns selbst mit der Vergänglichkeit des eigenen Lebens auseinander setzen. Neulich las ich von einem Grab, das sich im Lainzer Friedhof von Wien befindet. Auf dem Grabstein steht nur das Wort: „Endlich!“. Was wollte der Verstorbene oder seine Angehörigen mit diesem unscheinbaren Wort zum Ausdruck bringen? Wir werden es wohl nie herausfinden können. Jedenfalls lädt dieses kleine Wörtchen „endlich“ – das rein grammatikalisch betrachtet ein Adverb ist – ein, sich Gedanken zu machen:

„Endlich“ kann bedeuten , dass eine lang empfundenen Wartezeit; eine Zeit ungeduldigen Wartens, der Verzögerung, des Zweifelns, des ungewollten Aufenthaltes, des Staus der Gefühle, der Anspannung zu Ende gegangen ist. Mit „endlich“ kann man etwas Befreiendes und Erlösendes von  einem qualvollen oder belastendem Zustand assoziieren: bedrückende und einschnürende Lebenssituationen zum Beispiel, die sich endlich auflösen. „Endlich“- spätestens im Tod- ist auch der Lebenskampf, die Konkurrenz, das Rennen, Hasten, die Anspannung in der Arbeit oder der Druck unglücklicher Beziehungen vorbei…sie sind endlich und werden eines Tages an ihr Ende kommen. Oder auch ein langer, mühevoller Sterbeprozess findet im Tod seine Erlösung.

(Blühendes Kreuz, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

„Endlich“ hat etwas Tröstliches, indem es auf die Endlichkeit von allem Schweren, Belastenden, Traumatischen und Schmerzvollen verweist. So als wollte das Wörtchen tröstend sagen: Deine Schmerzen, Krankheiten und Einschränkungen werden nicht ewig dauern, sie sind endlich,  begrenzt und werden eines Tages aufhören!

„Endlich“ lässt sich aber nicht nur verstehen, dass ich etwas losgelassen habe oder von etwas Schwerem befreit bin, sondern im Sinne, dass ich etwas gefunden habe. Es geht nicht nur ums Loslassen sondern auch ums Finden(wie auch im Sterbeprozess): Endlich am Ziel! Endlich in der Heimat! Endlich frei! Endlich ist alles weit und leicht geworden in meinem Leben. Endlich erfüllen sich Erwartungen und tiefe Sehnsüchte. Der Liederdichter Lothar Zenetti drückt es in einer modernen Version von Psalm 126 in einer religiösen Sprache so aus: „Wenn Gott uns heimbringt/aus den schlaflosen Nächten/aus dem fruchtlosen Reden,/aus den verlorenen Stunden,/aus der Jagd nach dem Geld,/ aus der Angst vor dem Tod,/aus Kampf und Gier/- Wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!“ (Lothar Zenetti: Wie ein Traum wird es sein. Texte der Zuversicht, 2016)

Das Wörtchen „endlich“ hat auch etwas Beruhigendes für unser Mühen im Sinne: Denk daran, dass dein Leben endlich ist, übernimm dich nicht mit deinen Anstrengungen, hänge Deine Ziele nur so hoch, dass du sie in deiner begrenzten Lebenszeit erreichen kannst und dich nicht dabei erschöpfst und ausbrennst.

Zugleich hat das Wörtchen „endlich“ aber auch etwas Aufmunterndes und Herausforderndes: Dein Leben ist endlich- also verschlaf und versäum dein Leben nicht, mach etwas daraus oder in den Worten vom Religionspädagogen  Elmar Gruber: Mach etwas aus deinem staubigen Leben, bevor du dich aus dem Staub machst. Denn „…Noch duftet die Nelke /singt die Drossel /noch darfst du lieben/Worte verschenken/ noch bist du da/Sei was du bist/Gib was du hast// (Rose Ausländer, Mein Atem heißt jetzt, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1981) So beinhaltet auch die Vergegenwärtigung des eigenen Todes (Memento mori) nichts Morbides, sondern eine Lebensverstärkung.

Wem seine endliche Lebenszeit zu knapp erscheint, um seine vielfältigen Pläne und Ideen zu erfüllen, der mag an die Ewigkeit denken. Die griechische Sprache unterscheidet zwischen dem irdisch vergänglichen und sich irgendwann erschöpfenden Leben ( griech. bios und psyche) und einem unvergänglichen, der endlichen Zeitdimension entzogenen, unzerstörbaren Leben(griech.: zoe). Das ewige Leben und das ewige Licht werden in der jüdischen und christlichen Tradition zu Metaphern einer immerwährenden Gegenwart Gottes, auch über den Tod hinaus.

Das ewige Leben ist dabei nicht die endlose Verlängerung unseres zeitlichen Daseins, sondern eine dauernde Gegenwart dessen, was in unserem irdischen Leben momenthaft aufblitzen kann: ich bin „hin und weg“ vor Glück ; ich spüre die Zeit nicht mehr in einer berührenden Begegnung mit einem Menschen, im Betrachten des Sternenhimmels, einer umwerfenden Musik oder einem schöpferischen Tun (um nur einige Beispiele zu nennen). So zeigt sich zuweilen ewiges Leben in unserem endlich-irdischen Leben.

Das kleine Wort „endlich“ scheint Macht zu haben, uns auf eine größere Dimension hinzuweisen, in die wir (samt unsere endlichen  Verfasstheit)eingebunden sind und die uns liebend umgibt . Oder religiös gesprochen: die Endlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens hat keine letzte Macht über uns, denn: Mit ewiger Liebe sind wir geliebt!“ (vgl. Jer 31,3) Diese Erkenntnis könnte uns auch in Zeiten der Trauer, des Verwelkens und des Abschiednehmens ein wenig trösten.

So könnte auch der Grabstein am Lainzer Friedhof sagen wollen: endlich ist der, dessen irdischer verweslicher Körper hier in der Erde ruht, ganz im „Haus der Liebe“ angekommen.

Fragen zum Nachdenken:

Mache ich mir die Endlichkeit und Begrenztheit meines Lebens manchmal bewusst?

Was löst es in mir aus, wenn ich über die Endlichkeit meines Lebens nachdenke?

Kann ich an ein ewiges Leben nach dem Tod glauben? Welche Bilder fallen mir dazu ein?

Literatur zu Vertiefung:

Anselm Grün, Leben aus dem Tod, Münsterschwarzach2001

Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit, Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007

Lauschen lernen

„Lange haben wir das Lauschen verlernt“, stellt die Lyrikerin Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte fest, und sie beklagt, dass das „Ohr der Menschheit“ ein „nesselverwachsenes“ geworden ist, unfähig zu hören. Und dies, obwohl der Schöpfer uns einst gepflanzt hatte „…zu lauschen/Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer.“ (in: Nelly Sachs, Gedichte , hrsg. von Hilde Domin, Frankfurt a. M. 1977, S.17)

(Foto: Indischer Ozean, Foto von G. Schädlich-Buter)

In Politik, Talkshows und Unterhaltungsindustrie reden Menschen aufeinander ein ohne aufeinander zu hören, nicht selten mit dem ausschließlichen Ziel, auf sich aufmerksam zu machen oder sich mit der eigenen Idee durchzusetzen. Permanente Berieselung von überall her, lässt unsere Hörfähigkeit verkümmern; mit der Zeit werden die „Ohren des Herzens“ taub, die leisen Zwischentöne bleiben ungehört. Es ist wie auf einem Bahnhof: alles ist angefüllt mit lauten, aggressiven und blechernen Geräuschen. Ein bedeutungsloses, gleichgültiges  Stimmengewirr umgibt uns, kein Wort, das zum Herzen vordringt und vertraut anspricht. Tausend Geräusche -außen und innen- lenken uns ab und hundert Geschäfte führen uns fort  „…von seinem Licht“ (Nelly Sachs).

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen, wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr verhinderte am Wachen-:…“ läßt R. M. Rilke den Gott suchenden  Mönch sagen. (R. M. Rilke, Das Stundenbuch, S.13.)

Die Stille ist die Voraussetzung für das Hören, das Lauschen, damit der Anruf nicht untergeht. In der Abgeschiedenheit der Natur, kann man sie vielleicht wiederfinden, die Fähigkeit zu hören und wahrzunehmen: das Rauschen des Windes, das Summen der Insekten, das Rascheln der Eidechse, das Vogelgezwitscher, das Gluckern des Baches….

Aber es geht letztlich nicht um die äußere Stille, sondern um das innere Schweigen (der tausend Gedanken, Ideen, Pläne..), um wirklich hörfähig zu werden. Mit dem „Höre“ (Röm 10,17) beginnt alles geistliche Leben. Es geht um die innere Haltung, auch wenn die äußere Stille dazu sehr hilfreich sein kann, um ein Ansprechbar-werden für Gott und den Mitmenschen. „Ehe es wächst, lasse ich euch es erlauschen“, heißt es beim Profeten Jesaja.

Gott ruft den Menschen. „Ich habe Dich beim Namen gerufen“ (Jes 43,1), um Inneres Wachstum, inneren Wert und die Erfahrung: „Ich bin mehr als eine Nummer oder ein Rädchen im Getriebe. “ Stärke und Zugehörigkeit hat mit dem „Hören“ dieses Rufes zu tun.

(„Erhört“, Öl auf Acryl,von  Gustav Schädlich-Buter)

Wer nur an sich selbst glaubt, dem genügen Selbstgespräche und Selbstbehauptungen, sagt der Theologe Fulbert Steffensky.  Dort aber wo Menschen aufeinander hören im „Zwischen-Raum“ von Ich und Du, aneinander Interesse haben, – absichtslos, unbewaffnet, ohne Strategie und Absicherung-, ereignen sich nicht selten ungeahnte Aufbrüche; dort geschieht hörend und lauschend  etwas Neues“, das sich nicht aus schon Vorhandenem und Vorgebahntem ableiten lässt. Individuelle, aber auch  weltpolitische Auf- und Durchbrüche geschehen hörend und die Zeichen der Zeit wahrnehmend.

Die jüdische Dichterin Nelly Sachs zumindest mahnt uns in ihrem Gedicht: „Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr,/ O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen.“

Auf dem Heimweg

Mit Armut, Verlust, Scheitern und Versagen fallen die Masken ab, an denen wir oft viele Jahre unseres Lebens mit großer Lebensenergie gebastelt haben; aufwendige Selbstinszenierungen krachen ein, – wie wir an bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens immer wieder vor Augen geführt bekommen. Mit der herunterfallenden Maske  und Fassaden wird ein Selbst offenbar, das auf Schein beruht, ein mentales Selbstbild, das nicht dem Inneren entspricht.„Der Schein haftet am Sein und nur der Schmerz kann eins vom anderen ablösen“( Simone Weil). Ein solcher Lernprozess  ist  schmerzhaft, eine Art Geburtsschmerz, bei dem ich mich selbst und Gott tiefer kennenlerne;  bei dem sich echtes Sein und aufgesetzter Schein auseinander dividieren wie es die Philosophin Simone Weil andeutet.

(„Maske und Angst“, Mischtechnik von Gustav Schädlich-Buter)

Solange hauptsächlich das falsche Selbst im Leben Regie führt, kreist man/frau um sich selbst , poliert die  Fassade, frägt bei allem „Was bringt mir das ?“ und dient dem Götzen „Ego“.  „Man“ führt große Worte im Mund, „frau“schminkt sich  und  putzt sich heraus. Man scheffelt Geld, raucht dicke Zigarre, spielt Machtspiele aller Art und ist cool.  Man und frau sind süchtig nach sich selbst  und treiben in  Äußerlichkeit und Zerstreuung. Man(n)  wird  zu  abgebrühtem Einzelkämpfern in einer zynischen Welt Gleichgesinnter.

Durch Grenzerfahrungen des Lebens, durch den Einbruch von Krankheit, Behinderung oder einen unerwarteten Schicksalsschlag„ kann sich alles ändern. Oder „Grad in der Mitte unserer Lebensreise“ , sagt der berühmte Dichter Dante in der  Göttliche Komödie,  kann es passieren, dass wir in einen „dunklen Wald“ geraten; dass unsere bisherige Lebensstrukturen und Werte nicht mehr tragen, dass ein Schatten auftaucht, den wir nicht mehr abschütteln können, dass unser „Schein-Ich“ abblättert und abfällt wie ein Mantel, der nicht mehr taugt..

Das kann schmerzhaft und befreiend zugleich sein, weil  wir dadurch in eine Richtung getrieben werden können, die man als wahres Selbst oder als wahre Identität bezeichnen können. Befreit vom Ballast des falschen Selbst und des aufgeblähten Egos werden wir wieder zu „Anfängern“, die einen Freiheitsraum betreten und offen werden für wirklich „Neues“.  Neulinge, die sich wieder berühren lassen und berührt werden.

Wer in diese Richtung sich bewegt, ist auf dem „Heimweg“. Er verlässt die „Türme“, in welche er sich verstiegen oder verschanzt hat, er wirft unnötigen Ballast ab und geht nach Hause. Adam, -der nackte Mensch- , Adam, – auf den Grund gekommen– , kehrt zum „Ursprung“ zurück, sieht sein Leben sich wandeln, wird von der Ichbezogenheit zur Gottbezogenheit „ge-kehrt. Wer auf diesem Wege ist, ahnt langsam,  was wir „verborgen in Gott“ (Kol 3,3) sind und dass  wir Anteil haben an der „göttlichen Natur“ (2 Petr.1,4)

(Titel: Auf dem Heimweg, Mischtechnik von G. Schädlich-Buter)

Und manchmal ist der Verlust von Besitz, Ansehen und Gesundheit die Erinnerung daran, dass es diese Heimat gibt und wir wie verlorene Söhne und Töchter (vgl. Lk.15) uns aufmachen können, heimwärts- zu wahrem Glück, echter Freiheit  und innerem Frieden, den die Welt nicht geben kann. Und so kann unser alltägliches kleines Sterben und unser Sterben beim letzten Übergang zu einer Heimreise werden.

Literatur zur Vertiefung:

Dante Alighieri, Die göttliche Komödie, herausgegeben von Karl Witte, Köln 2009

Hallelujah- in memoriam Leonhard Cohen

Eines der bekanntesten Lieder des Songpoeten Leonhard Cohen (gestorben am 7.11.2016) trägt den Titel Hallelujah. Dieses Wort stammt aus dem hebräischen und ist zusammengesetzt aus den Worten „halel“, was verherrlichen bedeutet und „jah“, was für den Gottesnamen Jahwe steht, den fromme Juden nicht aussprechen dürfen. Hallelujah bedeutet also so viel wie Gott anbeten, ihn verherrlichen oder lobpreisen, manchmal wiedergegeben mit „Preiset den Herrn“ Auch im Christentum wurde Hallelujah unübersetzt übernommen.

Der Kanadier Leonhard Cohen wurde 1934 als Sohn einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Familie geboren. Cohen hat seine Zugehörigkeit und Affinität zum jüdischen Glauben,– sein Ur-Großvater Lazarus war Vorsteher einer Synagogengemeinde, seine Mutter Masha Tochter eines Talmudgelehrten-, nie versteckt, woran auch längerer ein Aufenthalt in einem buddhistischen Zen-Kloster in Kalifornien nichts änderte. Viele seiner Lieder haben einen Bezug zum Judentum wie „Who by fire“ oder das gerade erwähnte Hallelujah, das von (allzu) vielen gecovert wurde (mehr als einhundert Interpretationen, am bekanntesten Jeff Buckleys Version).  Cohen`s Texte sind poetisch und vieldeutig, sie entziehen sich einer  eindeutigen Festlegung. Dies betrifft auch die Gottesvorstellung. Der gläubige Jude Leonhard Cohen weiß nämlich um die Unennbarkeit des Gottesnamens. Aber auch die biblischen Gestalten sind Cohen vertraut. Schon in seinem Gedicht „Before the story“, im zweiten Lyrikband „The Spice- Box of Earth“ von 1961 taucht König David, der Musiker und Frauenfreund, als sein Idol auf.

Der Text der ursprünglichen Version von Hallelujah auf dem Album Various Positions (1984) beginnt auch gleich mit einem Bezug zu König David aus dem Alten Testament, der viele seiner Psalmen mit Halleluja eröffnet hat.  Cohen konnte sich mit jenem sagenhaften König identifizieren, auch mit dessen Scheitern, Fehlern und menschlichem Versagen.(siehe die Geschichten von David und Betsheba in der 2.Strophe von Hallelujah; ), „Fehler“ , die er ebenfalls in seinem eigenen Leben wiederfinden kann.Doch am Ende jeder Strophe steht das Hallelujah, und am Ende jeden Lebens könnte man folgern, tragen wir unser ganzes  Leben mit allem Auf und Ab, Dur und Moll, Gelingen und Versagen, Siegen  und Niederlagen vor den nicht nennbaren und noch weniger begreifbaren Gott. Cohen hat immer wieder die Auseinandersetzung mit Gott gesucht, auch mit dessen  Schweigen, und Nichteingreifen angesichts der Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten dieser Welt. Es ist ein gebrochenes und heiliges Halleluja.

„Du sagst, ich habe den Namen Gottes missbraucht,/dabei kenne ich den Namen noch nicht einmal../Es ist egal, welches Wort du gehört hast: das heilige oder das gebrochene Halleluja“(3.Strophe) Und in der letzten Strophe heißt es: „…Und auch wenn alles schief ging,/Einst stehe ich vor dem Herrn der Lieder/ Mit nichts auf den Lippen als dem Hallelujah//“ (I´ll stand before the Lord of Song with nothing on my tongue but Hallelujah) Die Lebenswunden können zu heiligen Wunden werden, wenn wir es wagen sie vor Gott zu tragen.

Sein Song Anthem (deutsch: Lobgesang) auf dem Album THE FUTURE (1992) thematisiert ebenfalls die grundsätzliche Gebrochenheit dieser Welt, in welcher es nichts Vollkommenes und Perfektes gibt. Überall, ob in der Politik oder im Privaten ist dieser Riss, der alle Bereiche des Lebens durchzieht, zu finden. Niemand kann unschuldig bleiben in dieser gebrochenen Welt und im Laufe des eigenen Lebens.  Wir sind „Vorübergehende“ im Strom der Geschichtemit unseren Bemühungen, die trotz allen Mühens unvollständig bleiben. Doch das soll kein Grund zur Resignation sein.

(Bild, „Der Riss“, Acryl auf Leinwand, von Gustav Schädlich-Buter)

„There is a crack in everywhere, that`s how the light gets in“; (deutsch: Es gibt einen Riss in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein). Denn mitten im Riss sieht Cohen auch etwas Gutes: an der Bruchstelle strömt Licht ein, „wo etwas wieder aufersteht“ (so Cohen im Interview) .

Davon kündet auch der christliche Glaube an Ostern: Ein Licht zur Rettung des Menschen und der ganzen Schöpfung, welche der Gebrochenheit und dem Tod nicht das letzte Wort geben will. Kein triumphalistisches, sondern eher ein leises, aber hoffnungsvolles „Hallelujah.“

Impuls zum Nachdenken :

Welche Brüche und schwierigen Stellen in meinem Leben haben zu einem „Neuaufbruch“ geführt?

Wo habe ich in der Dunkelheit meines Lebens ein Licht erlebt?

Literaturempfehlungen :

Sylvie Simmons, I’m your man- Das Leben des Leonard Cohen; aus dem Amerikanischen von Kirsten Borchardt

Fulbert Steffensky, Mut zur Endlichkeit, 2007

Altes Testament, 2 Samuel 11, 1-17;26-27 (Die Geschichte von David und Betsheba)

Eigensinnig sein

Die Zuschreibung „Du bist ein eigensinniger Mensch“, hören die meisten Menschen wohl nicht besonders gern. Denn eigensinnige Menschen gelten, wie uns schon das Wörterbuch belehrt, als „störrisch, trotzköpfig, uneinsichtig, unnachgiebig, starrsinnig , verbohrt oder halsstarrig.“

Doch wäre umgekehrt zu fragen, ob der Eigensinn nicht auch eine gute Eigenschaft ist, in einer Gesellschaft, deren der Mainstream- Themen, -also das, was alle tun, denken, fühlen-, eine mächtige Anziehungskraft besitzen.  Immer gilt es auf der neuesten Welle zu schwimmen oder dort mitzumachen, wo viele sind und was viele tun. Das mag in den meisten Fällen zunächst harmlos sein , ist es aber nicht, wenn Situationen auftreten, in denen humane Grundwerte bedroht sind und echte Gewissensentscheidungen verlangt werden.  Dort sind Überzeugungen gefragt und es wird notwendig, eigensinnig „Ich“ zu sagen oder „mit mir nicht“,  „ statt „alle sagen (und machen) doch“.

Diese wichtige Aufgabe des „Ich“ -sagen – lernens muss eingeübt werden; und darf nicht verwechselt werden mit einem auf den eigenen Vorteil bedachten Egoismus oder mit einem um sich selbst kreisenden Narzissmus.

„Verwickelt im eigenen Ich“, Mischtechnik

„Der moderne Mensch möchte die Freiheit haben, nach seinem eigenen Willen zu handeln, wenn er wüsste, was er will, denkt und fühlt. Aber eben das weiß er nicht.“, erkannte schon 1941 der Psychoanalytiker Erich Fromm. Und der Philosoph Adorno meinte, dass die meisten Menschen schon zu lügen anfangen, wenn sie „Ich“ sagen.

„Ich“ sagen scheint also tatsächlich schwierig, so das sich viele in die gängigen Meinungen und Überzeugungen flüchten. Die Schwierigkeit „Ich“ zu sagen,  merkt man, wenn man aus der Menge heraustreten, sich positionieren und für die eigene Überzeugung einstehen soll; es kann die Karriere kosten , zumindest Konflikte mit sich bringen; noch schwieriger wird es, wenn dadurch nicht bloß der berufliche Aufstieg bedroht ist, sondern das eigene Leben in Gefahr gerät (wie es die frühen Christen erlebt haben oder Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus wie Franz Jägerstätter.) Der eigenen Glaubens- oder Gewissensüberzeugung zu folgen, sein Leben für andere zu riskieren oder hinzugeben (man lese die Biografien eines Pater Maximilian Kolbe) mögen radikale Beispiele sein, doch sie zeigen den Unterschied, ob das eigene Leben von einer tieferen Überzeugung getragen ist oder eben nicht, ob ich auf eine tiefere Wahrheit (man mag sie Gott nennen oder anders)bezogen bin oder die „Kaiserstatuen“ (und alle ihre modernen Variationen) anbete.

Sicher, nicht jeder ist zum Märtyrer geboren, und muss es auch nicht sein, aber es gibt schon im Alltag genügend Situationen, wo ich mich fragen kann, bin ich jetzt zu meiner Überzeugung gestanden, war ich um der Wahrheit oder um der Menschen willen, eigensinnig genug oder habe ich jene und dabei mich selbst verraten.

Jedenfalls scheint ein solcher, oft sehr  mühsamer und riskanter Weg lohnender als auf dem Mainstream gängiger Moden und Glaubenssätze sich auszuruhen.

Literatur und Filmempfehlungen:

Christus oder Hitler?: Das Leben des seligen Franz Jägerstätter Gebundene Ausgabe – 1. März 2011 , von Cesare Zucconi (Autor)  (auch interessant für Geschichtsinteressierte)

Leben für Leben – Maximilian Kolbe , Christoph Waltz (Darsteller), Jerzy Stuhr (Darsteller), Krzysztof Zanussi (Regisseur) & 0 mehr Alterseinstufung: Freigegeben ab 12 Jahren Format:

Georg Elser – Er hätte die Welt verändert“,  Format: DVD

Zum Nachdenken:

Wo bin ich einmal für meine Überzeugung eingestanden?

Der Knacks- in memoriam Roger Willemsen

 

„Der Knacks “ lautet ein Buchtitel des Publizisten und Fernsehmoderators Roger Willemsen, der vorallem durch seine einfühlsamen Interviews mit Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow, Jassir Arafat, Madonna und vielen anderen bekannt geworden ist. Willemsen war ein Intellektueller, der sich sozial engagierte, einer, der ganz genau beobachten und beschreiben konnte. Persönlicher Hintergrund und prägendes Erlebnis für sein Buch „Der Knacks“ war die Krebserkrankung und das Sterben seines Vaters , das er als 15 Jähriger miterleben musste.

Der Knacks ist laut Willemsen mehr einer Falte vergleichbar, die im Laufe der Zeit entsteht als einer Narbe aufgrund einer klar festzumachenden Verletzung und ähnelt den Rissen auf einem alten Bild. Der Knacks im Leben ist kein abrupter Übergang , kein traumatischer Riss zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Vorher und Nachher, sondern eher ein unmerklicher Übergang, eine Farbveränderung ins Dunkle, ein Wechsel von Dur in Moll, „ ein Wechsel, der die Instabilität sämtlicher Kategorien verrät, ein Schattenfeld“(Roger Willemsen , Der Knacks, Frankfurt a.M.2008, S.63) , an dessen Horizont irgendwann auch der  Tod auftaucht.

Willemsen frägt in seinem Buch: „Wie kommt die Enttäuschung in das Gesicht des Schwärmers. Wie kommt das Geringschätzige in das Gesicht des Träumers….Wann gewann die Feigheit die Oberhand, wann wandelte sich die Schwäche in Unaufrichtigkeit….Anders gefragt: Wann wurde man nicht, was man hätte sein können…Was breitete sich an der Stelle aus, wo sich ehemals Möglichkeiten zeigten? (Roger Willemsen, Der Knacks, Frankfurt a.M.2008, S.24)

Der Knacks kommt eher lautlos und unmerklich daher, ist ein Bewusstwerdungsprozess, dass etwas zu Ende gegangen ist und nicht mehr so wie vorher ist und sein wird.  Die Zeichen einer Welt, die voller Brüche ist, entdeckt Willemsen zunächst in den „beschädigten“ und versehrten Kriegsheimkehrern, welche die vorindustrielle Dorfidylle seiner Kindheit auflösen oder in der Liebe, die vom Prinzip des Ökonomischen (Vergelten, Aufrechnen, Belohnen) bestimmt wird. „Der Knacks“ findet sich auch dort, wo das  erwartungsvolle kindliche  „Entdecker-Ich“ auf eine Welt stößt, die bereits vollständig entdeckt, aufgespürt und ausgeleuchtet ist.  In späteren Jahren wird dann der angepasste Erwachsene die kraftvolle Kinderphantasie als unreif und lebensfern einstufen, nachdem er sich zuvor mit den übriggebliebenen unentdeckten Resten begnügt, seine Utopien storniert und vor der Realität kapituliert hat (vgl. a.a.O., S. 48f)

Willemsen findet den Knacks aber nicht nur in den persönlichen Biografien, im Altern,  in Enttäuschung, Misstrauen oder Ermüdung, sondern er erkennt ihn wieder in den Lagern von Guantanamo, in den Städten, im 11. September, oder in Armut und Obdachlosigkeit.

(Bild: „Herzbiografie“(Titel), Acryl auf Leinwand von Gustav Schädlich-Buter)

Willemsens Beschreibungen haben etwas Desillusionierendes, Ernüchterndes, auch Resignatives. Seine sehr genauen Skizzen und philosophischen Gedanken können vom Leser erlebt werden wie Asche und Staub, zu der vieles im Leben zerfällt.  Das Lesen seines  Buches kann zu einer Art Aschenerfahrung werden.  Es erinnert mich tatsächlich an das christliche Ritual des Ascheauflegens zu Beginn der Fastenzeit; ein Aschekreuz wird dem Glaubenden auf die Stirn gezeichnet und mit dem Satz verbunden: „Bedenke Mensch dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst…“ Ein Grenzen setzender Satz am anderen Pol zur heute gängigen Selbstoptimierung und zur grenzenlosen Steigerungsspirale. Doch das christlichen Ritual endet nicht in der Asche und Vergeblichkeit; es beinhaltet eine Fortsetzung, die in  Willemsen`s Buch  fehlt (und auch nicht angezielt ist): die Hoffnung auf Auferstehung (nicht nur an Ostern),  auf Treue und unverbrüchliche Liebe, auf Heilung der Brüche des Lebens, die Chance auf Erneuerung, der Glaube, dass einst auch die Splitter des Lebens  zusammengefügt werden, und das Vertrauen, dass es mitten im Knacks eine Erleuchtung geben kann. Der Dichter und Sänger  Leonhard Cohen kommt da der christlichen Erfahrung näher, wenn er in seinem Lied  Anthem formuliert: „There´s a crack in everything, that`s how the light gets in. (Ein Riss ist in allen Dingen, aber genau so kommt Licht herein).

Willemsen verzichtet wohl bewusst auf die Möglichkeit einer Transzendierung des Scheiterns und der Lebensbrüche, er will vor sich selbst ehrlich bleiben. Der Trost des Glaubens bleibt dem aus der evangelischen Kirche ausgetretenen Willemsen unzugänglich, auch wenn er sich dieses Mangels sehr bewusst ist :

„Ich habe einmal eine Kinderfrömmigkeit gehabt und innig ge­betet im Bett, aber heute muss ich sagen: Ich wünschte, ich könnte an Gott glauben. Ich denke, dass der glaubende Mensch mit Zuständen der Not besser umgehen kann. Ich fand es grandios, als Margot Käßmann sagte: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ (Willemsen in Chrismon, das evangelischen Online Magazin) Und an anderer Stelle sagte er: „Ich bin dann aber so weit Rationalist geworden, dass ich mit meiner Vernunft den Glauben nicht mehr in Einklang bringen konnte. Ich würde gerne glauben, aber ich kann nicht. Aber ich respektiere jeden Gläubigen.“(Katholische Nachrichtenagentur, August 2015)

Willemsen starb am7. Februar 2016 im Alter von 60 Jahren völlig unerwartet an den Folgen einer Krebserkrankung.

 

Brücken bauen

Mit einer über 6000 Kilometer langen Mauer (andere Messungen sprechen sogar von über 20.000 km)– heute eine Touristenattraktion- schützte sich das chinesische Kaiserreich schon im 7.Jahrhundert vor den nomadischen Reitervölkern aus dem Norden. Mexico soll jetzt eine Mauer bekommen, 3200 Kilometer lang, 12 Meter hoch, 2,4 Millionen Tonnen Zement sind dafür notwendig und die Kosten belaufen sich auf über 20 Milliarden Euro Demgegenüber ist die 155 Kilometer langen „Mauer“, die Deutschland Ost und West trennte, scheinbar eher klein . Doch viel Leid entstand durch diese „Mauer“, die Familien  auseinander riss und Menschen, die zusammen gehörten, voneinander isolierte.

Mauern sollen schützen, die Verbrecher und das „Böse“ abhalten, Sicherheit schenken. Doch womöglich wird es eine der wichtigsten Fragen für Zukunft der Menschheit  eine andere sein, nämlich: Wie lassen sich Mauern und Gräben überwinden?

Mauern existieren nicht nur physisch- materiell-zementiert  wie an der früheren deutsch-deutschen Grenze, sondern auch innerlich und mental . Wie lassen sich Mauern und Gräben überwinden? Die Mauern zwischen verfeindeten Ländern, zwischen arm und reich, zwischen jung und alt, schwarz und weiß, zwischen Eliten und „Unterschichten“ ….? Wie lassen sich geistige „Mauern“ in den Köpfen und Herzen der dominierenden Mehrheitsgesellschaft überwinden, die in Form von Vorurteilen, mentalen Blockaden und festen Meinungen Minderheiten ausschließen? Behinderte Menschen, andere Randgruppen oder Flüchtlinge können ein Lied davon singen. Wie lassen sich Brücken bauen zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen , zwischen verschiedenen politischen Systemen?  Wie lässt sich eine Sprachbrücke finden zwischen Säkularen und Religiösen, zwischen unterschiedlichen Konfessionen, zwischen Tradition und Moderne?

Brücke auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela

Nur ein Beispiel, das für mich einen hohen symbolischen Wert hat  für die Überwindung von Trennendem hat. Im Nordosten Indiens werden durch den Sommermonsun die sonst sanften Flüssen dieser Bergwelt zu reißenden Wildwassern, welche die unterschiedlichen Teile der Bergwelt und die dort lebenden Menschen voneinander trennen. Diese Menschen haben aber eine geniale Methode des Brückenbaus entwickelt. In einem Doku- Film der BBC wird gezeigt wie ein Mann seiner 10 jährigen Nichte zeigt wie die Luftwurzeln einer Würgefeige am Rand eines Flusses, die er selbst vor 30 Jahre gepflanzt hat, über den das tiefe Flussbett geleitet werden müssen, dass daraus eine natürliche Brücke entstehen kann. An einer solchen Brücke, welche selbst die reißenden Fluten  nichts anhaben können , müssen immer mehrere Generationen arbeiten; viele dieser Wurzelbrücken sind schon sehr alt und können viele hundert Jahre weiterwachsen, wenn sie sorgsam gepflegt und behandelt werden. Dies ist ein Brückenbau, der einen langen Atem, viel Geduld und achtsame Behandlung des  Baumes voraussetzt, aber vielen Generationen als Verbindung dienstbar ist.

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Auch in unserer Gesellschaft finden wir solche Brückenbauer. Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, die sich für bessere Bedingungen und mehr Verständnis für behinderte Menschen und gesellschaftliche Randgruppen einsetzen, die sich im Friedensprozess zwischen verfeindeten Ländern mühen, die Hilfsprojekte für Menschen in ärmeren Länder ideell und finanziell unterstützen, oder sich im Dialog der Religionen mühen, sind für mich Brückenbauer. Sie alle brauchen einen langen Atem und dürfen sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen.

Wer über Brücken geht, wird bereichert und gewinnt neue Horizonte. Davon können all jene junge Menschen erzählen, die in einem fremden Land (Afrika, Lateinamerika..)oder auch einer Behinderteneinrichtung einen sozialen Einsatz gewagt haben.

Wenn es im Psalm 18,30 heißt „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“, so steckt darin ein Impuls, die Mauern in meinem Leben und meinen Beziehungen ausfindig zu machen und zu überwinden. Dazu ist nicht körperliche Sprungkraft notwendig, sondern eine geistige Kraft. Jede und jeder von uns kann sich auch in seinen täglichen Begegnungen fragen, ob er gerade eine Brücke zum anderen baut oder eine Mauer hochzieht.

Fragen zum Nachdenken:

Welche Mauern oder welchen Graben finde ich in meinem eigenen Leben wieder?

Suche ich eher das Verbindende und Einschließende oder neige ich eher dazu, das Trennende das Unterscheidende zu betonen?

Wo kann ich mich einbringen, so dass Grenzen, Misstrauen und zwischenmenschliche Mauern abgebaut werden?

Gnade- umsonst geliebt

 

„Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin…“(1 Kor 15, 10), diese Sätze des Apostels Paulus sprechen heute den wenigsten Zeitgenossen aus dem Herzen. Denn  der moderne Mensch ist von einem Selbstverständnis geprägt, das sich der eigenen Leistung, der eigenen Kraft und der eigenen Sinnstiftung verdankt: „Ich bin, was ich leiste“, „Ich bin, was ich mir verdient habe“…

Für nicht wenige aber ist die von der Gesellschaft geforderte Lebensleitung inzwischen zum Fluch geworden: „Es ist zuviel- einfach zuviel!“, sagt mancher. Der vielen zugemutete Dauerstress beschleunigt das Leben in bislang nicht gekannten Ausmaßen,  und führt dazu, dass wir wie Getriebene nie zur Ruhe und Entspannung finden.  Oft genug findet die Gnade keinen Raum in uns.

Wir haben verlernt, was es heißt aus der Gnade zu leben. Wir wollen uns auch nichts schenken lassen, denn da könnte ja schnell die Gegenrechnung gestellt werden.

Auch ein Gott, der aus Nichts und für nichts liebt und bejaht- unbedingt, umsonst, grundlos-, ist uns suspekt. Unsere Welt ist doch so anders. Wir sind gewohnt für Leistung etwas zu bekommen, unser Ansehen zu verdienen und Geschenke „heim“- zu- zahlen. Aber Gott will nichts von mir, weil er nichts von mir braucht. Er fordert keine Gegenleistung dafür, dass er mir das Leben geschenkt hat.

Das Wort Gnade– griechisch charis, lateinisch gratia, althochdeutsch ganada- bedeutet Wohlwollen, Gunst, Huld; es bezeichnet alles, was nicht machbar und erleistbar ist: Anmut, Schönheit, Dankbarkeit, Liebenswürdigkeit….das Wesentliche des Lebens ist „umsonst“ (gratuite), reines Geschenk.

Ein Blick auf die Schöpfung kann uns diese Wahrheit verdeutlichen: grundlos aufblühende Schönheit und  Anmut in jeder Blume, ihr Duft, der mich entzückt, grundlos ausgedrückte  Freude im Gesang der Vögel,… eine Fülle des Lebens ohne Warum, ohne Zweck, rein aus Gnade, einfach da. In der Bergpredigt empfiehlt Jesus das Glück des Daseins von den Vögeln und den Blumen zu lernen.

Vieles wird mir geschenkt, die liebevolle Begegnung, die glückliche Fügung, die Inspiration, die mehr ist als meine Gehirnleistung, der Trost, wenn ich traurig bin, die Hoffnung, um neu zu beginnenIch  selbst bin ein Geschenk an die Welt.  Aus Gnade leben ist das Gegenkonzept zum modernen Selbstverständnis ausschließlich von der eigenen Stärke und eigenmächtigen Leistung zu leben und sich sein  Leben verdienen zu müssen. Ich darf „spielen“ mit Worten und Farben:

(Foto von Gustav Schädlich-Buter)

Gnade beinhaltet die Erfahrung,  aus der Dimension der Liebe zu leben.

Bernardin Schellenberger erinnert daran in einer Meditation: :

Ich bin nicht für irgendetwas da

sondern ich bin ganz einfach da,

um meiner selbst willen.

Weil es meinem Schöpfer gefallen hat,

mich zu schaffen,

ausgerechnet mich,

genau so, wie ich bin.

….Ich bin,

weil Gott will, dass ich bin.

Aus keinem anderen Grund.

(B. Schellenberger, in: B. Schellenberger, Spielen)

Impuls:

Schenken Sie sich einen Tag, an dem Sie nichts leisten müssen und mit offenen Sinnen  und einem wachen Geist einfach geschehen lassen, was geschieht (an Begegnungen, Eindrücken, Einsichten, Inspirationen…)

Literatur zur Vertiefung:

Bernardin Schellenberger, Einübung ins Spielen, Münsterschwarzach 1980

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Ansehen heilt

Oft genug stehen wir Menschen beim Blick in den Spiegel vor dem verurteilenden Gericht unserer eigenen Augen: verloren, verängstigt und eingeschüchtert.  Wir fühlen uns womöglich  als Versager auf der ganzen Linie, als gescheiterte Existenzen, als „Looser“, die es zu nichts gebracht haben.

Blicke, auch die eigenen, die nicht zum Guten und Positiven des eigenen Selbst vordringen, können kleinmachen, entwerten, zerstören, sogar vernichten. Wie wir uns selbst anschauen und wie wir angeschaut werden spielt bis ins Innerste unserer Seele hinein, zum Guten und zum Schlechten. „Ich schaue nicht mehr so viel in den Spiegel; denn die Augen mit denen man sich selber anschaut, sind nicht die Augen, in denen man am besten aufgehoben ist“, sagt die Schauspielerin Hanna Schygulla. Der Blick, der uns anklagt und dem wir erbarmungslos ausgesetzt sind, trifft uns eher und wir glauben ihm schneller als dem Blick der Güte, der uns birgt und rettet.

Gott sei Dank, gibt es ein Angeschaut-werden, das uns aus der Vereinsamung befreit und herausholt aus dem Erleben, wertlos, nichtsnützig und unwürdig zu sein.

Schon in der Bibel hören wir davon, dass ein liebevolles Anschauen Menschen heilen und wandeln kann: Zachäus, ein Gauner, klein von Gestalt und geldgierig, so lesen wir im Lukasevangelium (Lk 19,1-10), wird von Jesus so angeschaut, dass er sein Leben ändert und das begangene Unrecht wieder gutmacht. Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass das moralische Handeln – Zachäus zahlt das ergaunertes Geld zurück- eine Folge davon ist, dass sich dieser kleine Mann, der sich durch Geld wichtig machen will, durch Jesu Blick gänzlich  angenommen weiß.

(Foto: Gustav Schädlich-Buter/ Busfahrt in Tansania)

Wer liebevoll angeschaut wird, verliert seine Scham und wird gestärkt in seinem Selbstwert. Umgekehrt tut sich jemand, der als Kind nicht genügend An-sehen bekommen hat, schwer einen soliden Stand in sich zu finden. Und so muss er dann oft ein Leben lang um dieses Ansehen, das Selbstwert „schenkt“, kämpfen ohne jemals an sein Ziel zu kommen. (vgl dazu die Narzißmusproblematik wie sie z.B. die Psychologen  Kohut oder Donald Winnicott darlegen)

Wir Menschen können unsere Schönheit und Würde im gütigen, liebevollen und erbarmenden Blick des anderen Menschen und im Blick Gottes erkennen. Ein Blick, der uns entgegen eigener vernichtender Selbsteinschätzung, unsere  Einmaligkeit und Würde zurück-spiegelt, kann uns heilen. Nichts kann unser Leben retten außer ein Blick der Liebe, den ich mir niemals erleisten kann, sagt der Theologe F.Steffensky. Im Gebet liefere ich mich diesem Blick der Güte aus, der auf mir ruht.

Impuls:

Nehmen Sie sich etwas Zeit und überlegen Sie , welche Personen Ihnen Wert und Würde geschenkt haben.

Schenken sie sich selbst  Ansehen und schauen Sie mit einem gütigen Blick auf ihr Leben. Schreiben Sie auf, was Sie an sich wertschätzen.

Überlegen Sie, wem Sie heute wertschätzend begegnen wollen.

Literatur zur Vertiefung :

Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002